DER PAGE VOM DALMASSE HOTEL - Maria Peteani - E-Book

DER PAGE VOM DALMASSE HOTEL E-Book

Maria Peteani

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Beschreibung

Was macht die junge Friedel Bornemann, wenn sie keine Arbeit findet, weil es kaum Berufe für Frauen gibt? Es sind die 1920er Jahre, und die aufgeweckte Friedel entschließt sich, sich als junger Mann auszugeben, denn es werden Pagen gesucht im mondänen Dalmasse-Hotel. Glanz und Elend der Zwischenkriegszeit verdichtet Maria Peteani zu einer tragikomischen Screwball-Komödie, die zumindest für Friedel nicht in der Katastrophe endet. Die junge Friedel Bornemann sucht – wie so viele andere – dringend eine Stellung in Berlin. Sie hat kaum mehr Geld, kann sich kein eigenes Zimmer leisten und wird von Existenzangst geplagt. Als ihr eine Freundin erzählt, dass im renommierten Hotel Dalmasse ein Liftjunge gesucht wird … kommt ihr eine Idee. Sie könnte sich als Mann ausgeben! Also fl ugs die Haare abgeschnitten, hinein in die Uniform des Vorgängers und schon kann es in der neuen Stellung als Page losgehen; merken darf das natürlich niemand, Friedel – nunmehr Friedrich Kannebach – hat große Angst, dass ihr Schwindel auffliegt. Aber sie schlägt sich gut im Nobelhotelkosmos, wächst immer mehr in die neue Rolle hinein, bis es mit der Ankunft von Miss Mabel Wellington aus Philadelphia turbulent wird im Hotel. Friedel alias Friedrich erweist sich als fi ndiger Detektiv und klärt einen von langer Hand geplanten Betrug auf, läuft dabei aber Gefahr, selbst als Schwindlerin aufzufliegen.

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Seitenzahl: 290

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Maria Peteani

Der Page vom Dalmasse Hotel

Roman

Mit einem Nachwort von Peter Zimmermann

Milena

INHALT

Kapitel 1

Nachwort

FÜNF UHR MORGENS. Über dem Anhalter Bahnhof grauer Nebel. Verdrossene Menschentrupps tappen frierend und eilig aus der großen Halle. Alles ist traurig, beziehungslos und verdämmert.

So – da wären wir wieder!, denkt Friedel Bornemann, während sie die Stufen zum Askanischen Platz hinabschreitet. Tut so, als ob es nicht bis drei zählen könnte, dieses Ungeheuer von Berlin! Schläft noch zum größten Teil. Wo ist denn der Autobus, den ich brauche …? Richtig – dort drüben!

Der kleine Koffer, den sie in der rot gefrorenen Hand hält, wiegt nicht schwer. Friedel Bornemann schießt mit langen Schritten über den glitschigen Asphalt und erklettert das motordurchschüttelte Vehikel. Ein paar verschlafene Arbeitsmenschen hocken darin mit hochgeklappten Kragen, es riecht nicht eben nach Veilchen … Friedel drückt sich in eine Ecke, kriecht in sich selbst hinein. Ihr ist fürchterlich kalt. Von außen und von innen heraus.

Der Wagen bollert und schwankt durch Straßenzüge mit herabgelassenen Rollbalken. Da und dort patrouilliert ein einsamer Schupo unter einer Bogenlampe, deren Licht in Nebel und Tagesgrau versickert. Lastenautos donnern hoch bepackt zu den Markthallen, vor einem lang gestreckten Gebäude steht ein Trupp Arbeitsloser.

Beim Märkertor muss Friedel umsteigen. Es ist nun schon heller geworden, Bogenlampen verlöschen wie Leuchtraketen in einem missfarbenen Novemberhimmel. An einer Straßenecke steht ein Würstelmann mit weißer Schürze. Aus dem Nickelkessel quillt Dampf. Ah – welch ein Duft! Ein Märchenduft!

Friedel pirscht sich heran. Ob ich die fünfundzwanzig Pfennig außertourlich anlege? Was? Ein Brot dazu macht dreißig … Knusprige Knüppelchen liegen in dem Korb. Sie haben braune Wangen, manche sind salzbestreut … Friedels Hand tastet temperamentvoll nach der Geldbörse. »Ein Paar, bitte!«

Der Würstelmann hebt den Deckel, weißer Dampf wolkt auf, ein Haken fischt … Rot glänzend, fetttriefend tanzen zwei Würstelbeine vor Friedels Augen. Das Leben ist doch schön. Jawohl.

»Fräulein, auch Nachtdienst gehabt?«, fragt eine Männerstimme. Zwei Eisenbahner, große, stämmige Kerle, stehen neben ihr. Der Würstelmann schwenkt dienstbeflissen den Senflöffel.

»Nein«, sagt Friedel kauend, »bin die Nacht durchgefahren.«

»Ooch keen Vergnüjen!«, meint der eine und beißt los.

Krachend platzt die Würstelhaut unter seinen Zähnen. Man steht in einer kleinen Wolke von Duft und Wärme. Doch da kommt schon drüben aus der schnurgeraden Straße der Autobus angekollert, den Friedel zur Weiterfahrt benützen muss. Sie packt ihr Köfferchen und läuft ohne Gruß davon. Noch sind ihre Gedanken vollständig vom Genuss dieses Morgenfrühstücks gefangen. Die Wärme des Magens rinnt langsam durch den ganzen Körper bis in die eisigen Zehenspitzen.

Der Wagen ist voll besetzt. Friedels schmaler Körper gerät zwischen die Rundungen zweier Marktfrauen. Es riecht hier drinnen wiederum nicht nach Veilchen.

Aber nun kann’s ja nicht mehr lange dauern. Schon zweigen von den Hauptstraßen enge Gassen ab. Schmutzige alte Häuserkasernen versperren den Blick. Da und dort ist ein Neubau eingefügt, der in seiner architektonischen Glätte aussieht, als wäre er aus Pappendeckel und nur zum Scherz hier aufgestellt worden. Friedel steigt aus und pumpt Luft. Dann steuert sie rasch in die Dämmerung schmalen Winkelwerks. Sie kennt den Weg, den sie vor zwei Jahren oft genug gegangen ist. Bei Tag pflegen hier Menschen und Kinder herumzuwimmeln, jetzt tut sich noch nichts. Nur hinter trüben Fensterscheiben brennt fast überall Licht. Hier wohnen Leute, die vor sechs an die Arbeit müssen. Auch auf Numero 132 sperrt die Hausmeisterin schon das Tor auf. Friedel steigt die ausgetretenen Stiegen hinauf. Trostlos, dieses Haus. Massenquartier der Großstadt.

Im dritten Stock steht ein Dienstmädchen bei der Wasserleitung. Es ist Minna, wahrhaftig noch die dicke, schlampige Minna von früher. Sie erkennt Friedel auch sogleich. »Ach nee – die kleene Bornemann! Kommen Sie auch mal wieder zu uns? Frau Petersen schläft noch, aber vielleicht ist Fräulein Käthe schon wach. Die wird Augen machen!«

Es tut immerhin wohl, wieder eine teilnehmende Menschenstimme zu hören und sei’s auch nur die der dicken Minna. Friedel betritt das dämmerige Wohnzimmer. Beide Fenster stehen offen, Stühle hängen verkehrt auf dem langen Speisetisch, an der fleckigen Wand lehnt ein Besen. Gemütlich ist anders.

Währenddessen ist Minna den Korridor hinabgeschlurft und klopft an eine Tür. Man hört Wispern. Irgendwo schnurrt ein Wecker ab, Stiefel poltern auf dem Fußboden. Ja – Friedel erinnert sich … das sind die typischen Morgengeräusche dieses Hotels garni.

»Fräulein Bornemann, Sie sollen zu Fräulein Käthe reinkommen!«

Friedel geht durch den Korridor – vor jeder Tür stehen mehrere Paar Schuhe von zweifelhafter Eleganz – und betritt das Zimmer der Haustochter. Es ist ein schiefer Raum, in dem ein Schrank und zwei Betten stehen. Das eine ist leer, auf dem anderen sitzt ein defekter, blauer Pyjama, aus dem, zerzaust und hellblond, ein Wuschelkopf schaut. »Ja, Bornemännchen, wo kommen Sie denn her mitten in der Nacht? Lassen Sie sich ansehen! Immer noch Augen und sonst nischt? Na – ’n bisschen fester sind Sie ja doch geworden! Setzen Sie sich daher und erzählen Sie! Ist’s gut gegangen?«

»Das kann ich eigentlich nicht behaupten«, meint Friedel und klebt sich an den Rand des leeren Bettes, wobei sie die Mütze vom Kopf zieht.

»Nun, und die gute Anstellung, wegen der Sie damals von Berlin fort sind? War das ’n Reinfall?«

»Das nicht. Es stimmte schon alles so weit. Aber nach vier Monaten wurden zehn Angestellte abgebaut, da war ich natürlich mit dabei. Ich kam dann in ein Parfümeriegeschäft. Elend bezahlt und überhaupt … Was schaut heraus bei all dem? In der Provinz kann man nichts erreichen, darum bin ich wieder hergekommen.«

Der blonde Wuschelkopf seufzt. »Ob das gerade sehr gescheit war, wollen wir erst abwarten. Haben Sie ’ne Ahnung, wie pleite hier alles ist! Na, aber ich will Ihnen nichts vermiesen … Haben Sie schon was in petto?«

Friedel verneint. Wie ein schwarzer Strich hockt sie auf dem Bettrand. Ihre großen, glänzenden Augen wandern durch das Zimmer.

»Kann ich ein paar Tage bei Ihnen wohnen?«

»Natürlich! Wir sind momentan nicht komplett. Drüben auf Numero zwo ist ein Sofa frei.«

»So? Auf zwo? Wer schläft denn noch dort?«

»Immer noch die Ziehlers und dann eine andere, die auch Stellung sucht. Nebenan auf drei sind einige, die schon damals da waren. Leider gibt’s aber auch viel Wechsel. Sie wissen, Mutter mag das nicht.«

»Wie geht es Frau Petersen?«

»Danke. Sie schuftet von früh bis in die Nacht, und sonntags geht sie ins Kino.«

Während Käthe Petersen spricht, vertauscht sie den blauen Pyjama mit einer Hemdhose und patscht auf schlaffen Pantoffeln zu einem Stuhl, auf dem das Waschgeschirr steht. Friedel sieht ihr aufmerksam zu. Käthe Petersen ist von jener weißen, blonden Üppigkeit, welche bei gut genährten Blondinen zwischen dreißig und vierzig einzutreten pflegt. Sie arbeitet in einem Frisiersalon des Westens und lässt sich nichts abgehen. Ihr gutmütiges, breites Gesicht flößt Vertrauen ein. Überhaupt hat Friedel Vorliebe für dicke Phlegmatiker, die einen Hang zum Romantischen haben. Beides ist bei ihr selbst nicht der Fall. Sie ist dünn, aufgeregt – innerlich nur, nie äußerlich – und sie denkt praktisch.

»Die ganze Nacht sind Sie durchgefahren?«, fragt Käthe, während sie die rosig marmorierten Oberarme abtrocknet.

»Ja. Ich bin müde und möchte mich für ein paar Stunden niederlegen. Sagen Sie – wer schläft denn hier in diesem Bett?«

»Hier? Niemand augenblicklich. Da hat der arme kleine Friedrich geschlafen, mein Neffe. Erinnern Sie sich noch an ihn? So ’n braver, stiller Junge! Vor zwei Wochen ist das Unglück passiert. Überfahren ist er worden am Potsdamer Platz!«

»Oh …«, murmelt Friedel bedauernd. Sie erinnert sich des jungen Burschen nur dunkel, er hat damals nicht hier gewohnt.

»Nein, damals war er Lehrling bei Schönburg & Co. und hat auch dort Logis gehabt. Dann kam er ins Trianon-Restaurant als Kellner. War ein ordentlicher Junge, nur ein wenig langsam. Ich sagte immer zu ihm: ›Friedrich‹, sagte ich, ›du schläfst im Gehen.‹ Und sehen Sie, wie recht ich hatte! Wer in Berlin nich fix is, der kommt eben unter die Räder, ob so oder so! Ganz pomali is er übern Potsdamer Platz gegondelt, da hat ihn natürlich der große Autobus vom Zoo niedergestoßen. War sofort mausetot.«

Friedel mustert das Bett, auf dem sie sitzt. »Kann ich nicht jetzt hier schlafen?«, fragt sie nach einer Weile.

»Sie, Bornemännchen? Meinetwegen. Über kurz oder lang steckt mir die Mutter ja doch wen rein.«

Käthe hat ihre Toilette beendet. Sie trägt jetzt ein pralles Strickkleid und hat ein wenig Puder auf der Nase liegen. Die Fülle des Lockenkopfes ist durch Steckkämme gebändigt.

Draußen auf dem Korridor kreischen Türen, Stimmen schwellen an, ein Gemisch von Gasgeruch und Kaffeedunst durchzieht die Luft. »Kommen Sie, Bornemännchen, ich glaube, wir kriegen schon Frühstück.«

Friedel erhebt sich – ihre Glieder sind ganz steif von der durchschüttelten Nacht – und folgt der Haustochter in die Küche. Dort verabreicht Frau Petersen jeden Morgen von halb sieben bis halb acht das Frühstück. Die Schlafgeherinnen müssen es sich selber holen. Man bekommt eine Schale dünnen Kaffees und ein Stück Brot. Wer Butter will, kann für zehn Pfennig ein Stückchen kaufen. Eigenvorräte an Lebensmitteln sind verboten, weil sie erfahrungsgemäß zu häufigen Verdächtigungen und Raufereien bezüglich der Verwechslung von mein und dein führten.

Frau Petersen steht beim Gasherd in der kleinen, fensterlosen Küche und füllt mit einem Schöpfer Milch in bereitgestellte Schalen. Sie ist eine behäbige alte Frau, trägt Brillengläser, Pulswärmer und Filzpantoffeln.

»Mutter«, schreit Käthe Petersen, denn die Alte hört nicht gut, »kennst du die da noch?«, und sie schiebt Friedel vor sich her.

»Die da? Warte mal … natürlich! Wie heißt sie doch?«

»Friedel Bornemann.«

»Richtig ja, Bornemann! Will sie bei uns wohnen?«

»Ja! Ich hab ihr das Bett vom Friedrich gegeben.«

»Soso, vom Friedrich! Was sagen Sie zu dem Unglück? Der arme Junge! Wollen Sie Kaffee? Da – nich ausschütten! Schlafgeld is im Voraus zu entrichten. Nich vergessen! Essen wollen Sie auch hier?«

»Ja. Solange bis ich eine Stellung gefunden habe.«

»Also sehr lange. Stellungen, meine Liebe – damit steht’s faul momentan!«

Käthe dreht ihren Schützling zur Türe hinaus. Heimlich hat sie zwei Portionen Butter abgeschnitten und legt eine davon auf Friedels Untertasse. »Da – braucht nicht bezahlt zu werden!«

Friedel lächelt ihr zu.

Im Wohnzimmer sieht’s jetzt schon besser aus als vor einer Stunde. Etwa acht junge Mädchen sitzen beim Tisch und frühstücken. Man sieht ihnen an, dass sie Eile haben, und Käthe nimmt sich auch gar nicht die Mühe, den neuen Gast vorzustellen. Hier denkt ein jeder nur an seine eigenen Sorgen und Geschäfte, für Höflichkeitsformeln ist keine Zeit. Auch die, welche Friedel Bornemann von früher her kennen, nicken ihr bloß zu, ohne weiter von ihr Notiz zu nehmen. Eine nach der anderen erhebt sich, schlüpft in ihren Mantel, stülpt eine Kopfbedeckung auf und läuft mit kurzem Gruß zur Tür hinaus. Als Letzte geht Käthe Petersen. Sie klopft der kleinen Friedel noch wohlwollend auf die Schulter, empfiehlt ihr, sich auszuschlafen, und zieht einen pelzverbrämten Mantel an, der zu der schadhaften Umgebung in einigem Widerspruch steht.

Friedel kehrt in den Schlafraum zurück. Sie besieht sich die zwei Meter im Geviert, die sie ab heute gemietet hat. Gerüchten zufolge soll dieses Zimmer das einzige der Wohnung sein, in dem es keine kleinen Tierchen gibt. Alle anderen tragen deutliche Spuren nächtlicher Jagden an den Wänden, die Minna ab und zu mit einem Küchenmesser abzukratzen pflegt.

Das Bett des überfahrenen Kellners ist überraschenderweise frisch bezogen. Das war nett von Frau Petersen. Friedel sperrt ihren Koffer auf, packt ihre Habseligkeiten aus und macht Ordnung. Ordnung machen ist ihr Steckenpferd. Oh, sie hat alles, was man braucht! Sie hat Hausschuhe mit Troddeln, solide Wäschestücke aus Chiffon, säuberlich gestopfte Strümpfe – nicht solche aus Seide, bewahre, Firlefanz verachtet sie. Sie hat ein gutes Stück Seife, einen Schwamm, Mundwasser und Zahnbürste. Ferner befindet sich wohlversteckt zwischen einer Schreibmappe und einem Paket Taschentüchern der Gegenstand, dem Friedels heimliche Kümmernisse gelten: ein Sparkassenbuch. Einstens, vor drei Jahren, wiesen die Seiten die stolze Summe von tausend Mark auf … aber jetzt … leider … Friedel mag gar nicht hinsehen.

Sie steckt das Buch rasch in den Koffer zurück. Es gibt Tiefpunkte im menschlichen Leben, denkt sie wütend …

Wohin nun mit dem Kram? Ihr einziges halbwegs gutes Kleid sollte auch aufgehängt werden. Am Schrank steckt der Schlüssel. Friedel sperrt auf, betrachtet mit gekrauster Stirn und missbilligenden Blicken das Chaos von weiblichen Toilettengegenständen, das sich ihr bietet. Ein Schlampsack, diese Käthe! In der hintersten Ecke hängen ein dunkelblauer Männeranzug aus Kammgarn und ein grauer Mantel. Anscheinend die Sonntagskleider des kleinen Friedrich, der am Potsdamer Platz … Hm … scheint ein ordentlicher Bursche gewesen zu sein. Ein Paket mit Wäsche liegt auch da. Armer Kerl!

Friedel verstaut mühsam ihre Sachen, schließt den Schrank und wendet sich dem Bett zu. Schlafen, schlafen! Das Maschinchen will nicht mehr. Ist abgelaufen. Kaputt.

Draußen ist es still geworden. Pension Petersen hat sich entvölkert. Friedel sinkt in diese Stille wie in ein seliges Bad. Ein Weilchen lang hört sie noch fernes Trambahnrollen und das Hupen der Autos. Großstadtmusik. Bitte, lieber Gott … vielleicht könntest du mir doch … ein wenig Glück … wie? … Dann schläft sie schon.

Und während die Zeiger von Käthe Petersens Weckuhr langsam über die Vormittagsstunden gegen Mittag hin spazieren, träumt Friedel Bornemann komische Dinge. Sie träumt, dass sie in den Kleidern des überfahrenen Kellners in Berlin herumläuft und kein Mädchen, sondern ein Junge ist. Ein flotter, geriebener Junge, dem alles gelingt, was er unternimmt. So lebhaft und hübsch ist dieser Traum, dass sie mit einem Lachen erwacht.

Was ist denn los? Wo ist sie überhaupt? Verwirrt blickt sie um sich. Ach ja, richtig … Sie sitzt aufrecht im Bett, ihr Lächeln verlöscht. Schade, dass Träume so schnell vergehen! Mit großen, glänzenden Augen starrt Friedel nachdenklich vor sich ins Leere.

Stellenvermittlungsbüros sind alle gleich. Graue Luft, graue Mienen, graue Aussichten. Manchmal tut ein Mann oder eine Frau so, als ob man bei ihnen das »Große Los« ziehen würde, und das ist tröstend, obwohl man weiß, dass der Optimismus gespielt ist.

»Ich heiße Friedel Bornemann … hier meine Zeugnisse. Haben Sie nicht etwas für mich? Ich nehme alles. Verkäuferin, Kinderfräulein … oder … Stubenmäd… nein, Schreibmaschine kann ich nicht … kochen auch nicht … leider! Ja, gewiss, ich werde übermorgen wieder nachfragen!«

Friedel zieht jeden Morgen los, kehrt Mittag hungrig heim, zieht nachmittags wieder los und schleicht bei Geschäftsschluss überaus kleinlaut die Treppen zur Pension Petersen empor. Sie borgt sich alle Zeitungen, deren sie habhaft werden kann, und studiert die Rubrik Stellenangebote.

Ha! Da ist etwas! – Mantel an, Kappe auf, Stiegen hinab … es ist nicht allzu weit! Aber wenn sie hinkommt, ist es immer schon zu spät. Immer! Bei gutem Wetter wartet sie vor einem Zeitungsgebäude, bis die Morgenblätter erscheinen. Das ist ein Trick, den natürlich auch die anderen kennen. Junge Männer, blasse Frauen, übernächtige Mädel, sie alle stehen hier herum und tun so, als ob sie auf etwas Besonderes warten würden, etwa auf eine Liebste oder einen Liebsten. Aber wenn der blau bekittelte Mann aus dem Torbogen tritt und die noch feuchte Seite mit den Stellenangeboten in den Wandkasten hängt, drängt man sich mit gereckten Hälsen herzu. Meist ist gar nichts, was für Friedel in Betracht kommt. Manchmal scheut sie die weite Fahrt. Berlin ist endlos. Bis sie die Straße erreicht, wo man eine Verkäuferin mit prima Zeugnissen braucht, muss sie eine Stunde oder noch länger fahren; das kostet Geld. Besser, etwas in der Nähe und laufen. Ihre Schuhe, ihre braven, geliebten Schuhe … sie tun tapfer mit, aber von Tag zu Tag schauen sie kummervoller drein.

»Ich hab’s Ihnen ja gleich gesagt«, meint Käthe Petersen, wenn sie am Abend im gemeinsamen Schlafraum zusammentreffen, »jetzt kriegt man keine Anstellung.«

»Ja, aber was soll ich denn tun? Ich kann doch nicht von meinen Renten leben!«

»Wissen Sie, Bornemännchen, es ist ein Jammer, dass Sie keinen ordentlichen Beruf gelernt haben. Tippen oder nähen, Buchhaltung, frisieren … aber nur so?«

»Sie sind komisch: nur so! Ich spreche Englisch und Französisch. Ist das nichts?«

»Nee – das is nichts. Zumindest nich das Richtige. Wie alt sind Sie eigentlich?«

»Zweiundzwanzig!«

»So? Hätte Sie für älter gehalten. Sie haben so was Ruhiges … Oder vielleicht macht es Ihr tiefes Organ. Jedenfalls sind Sie anders als die andern. Tut mir wirklich leid um Sie … Und hören Sie, Bornemännchen: Wegen der Rechnung hier bei uns – machen Sie sich keine Sorgen, ich richte das schon bei Muttern.«

Friedel bekommt Wasser in die Augen. Natürlich, die dummen Nerven sind schon leck. Nerven dürfte man überhaupt nicht haben. »Danke, Käthe«, sagt sie knapp, »ich habe noch etwas Erspartes.«

Solche Gespräche wiederholen sich jeden Abend. Meist enden sie damit, dass Käthe gähnt und ein Buch unter dem Kopfkissen hervorzieht. Romane sind ihre Leidenschaft. Ganz besonders schöne Kapitel pflegt sie sogar laut vorzulesen. Ihre Stimme wird dabei pathetisch, sie schwingt immer auf die gleiche Kadenz und wirkt ausgesprochen als Schlafmittel. Mitten in den schönsten Liebesszenen, in denen es von Grafen und Komtessen nur so wimmelt, kann es geschehen, dass Friedel sanft und geräuschlos einschlummert. Man sieht nichts von ihr als ein Schüppelchen braun glänzenden Haares.

Doch selbst bei größter Müdigkeit pflegt es jetzt vorzukommen, dass sie später mitten in der Nacht aufwacht, als habe eine harte Faust an ihr Herz gegriffen. Draußen pfeift der Novemberwind. Friedel lauscht ihm und kann nicht mehr einschlafen. Stundenlang nicht. Daraus darf man sich aber nicht allzu viel machen. Gibt es nicht Hunderttausende in dieser großen Stadt, die nachts wach liegen und ins Dunkel starren? An sie alle denkt Friedel Bornemann. Sie fühlt ihren sehnigen jungen Körper kraftvoll gespannt unter der dünnen Decke, und sie meint, dass man nicht verzweifeln darf, solange man gesund und unverbraucht ist. Doch während sie sich diesen Satz mit dozierendem Nachdruck ins Hirn hämmert, kann sie nicht verhindern, dass ein furchtbar lähmendes Gefühl in ihr hochkriecht, ein Gefühl des Grauens, der kindlichen Verlassenheit, der – Angst! Jaja, sie hat Angst vor dem Leben, in das sie vor fünf Jahren unvorbereitet hineingestoßen wurde, damals, als das schützende Gebäude ihrer Kindheit rund um sie her in Trümmer fiel, sie hat Angst vor dem nahen Winter, vor Kälte, vor Obdachlosigkeit … vor den Männern … vor sich selbst … vor allem, ach, vor allem!

Aber wenn es Tag wird und das gutmütige Gesicht ihrer Schlafgenossin rotgedrückt aus den Kissen taucht, dann ist alles gleich besser. Man darf ganz einfach nicht schlappmachen! Wenn man nur will … Punktum!

Während Käthe sich wäscht und ankleidet, redet sie unaufhörlich. Sie erzählt den Inhalt des Romans, den sie eben liest, oder – was noch schlimmer ist – den eines Kinostückes. »Großartig, wie er das macht, der Erbprinz! Wie er hinkommt und sieht, dass sie ja eine andere ist, nicht die Sonja … nee, nich Sonja … sie heißt anders … Konstanze, richtig, so heißt sie. Die aber glaubt ihm nicht, weil sie doch das Kind ist von dem alten Freiherrn, der das Testament – verstehn Sie, Bornemännchen?«

Bornemännchen versteht kein Wort. »Natürlich!«, sagt sie schnell. Man wird charakterlos für eine Semmel oder ein Stück Butter, das man nicht zu bezahlen braucht.

Ach Gott, im Kino kriegen sich die Leute meistens, und sie haben viel zu essen und wohnen in zwanzig Zimmern, die laufen können. Die Wirklichkeit ist ganz anders. Sollte man es für möglich halten, dass in dieser gigantischen Stadt, in der alles rattert, nicht ein winziges Arbeitsrädchen für ein Mädel ihrer Art zu drehen ist? Sollte man das für möglich halten?

Friedel schreibt prachtvolle Offerten. Übersichtlich und verlockend. Jedem Geschäftsmann müsste eigentlich bei diesem Anblick das Herz lachen. Rückporto muss sie auch beilegen, wobei ein Stück Gemüt mitgeht. Bevor sie solche Briefe in den Kasten wirft, schaut sie zum Himmel auf und bittet ihn … Meist ist der Himmel trüb und wolkenbedeckt, dann sinkt ihr Mut um etliche Grade, manchmal lächelt er zartblau, dann lächelt sie zurück. Diesmal, nicht wahr, diesmal …

Aber auch das hilft nicht. Ob Sonne, ob Regen, ob Schornsteinfeger oder eine schwarze Katze, alles unverlässlich.

»Die Arbeitslosigkeit als Folge des Zusammenbruchs von 1918«, betiteln sich die Leitartikel der Zeitungen. »Not der Jugend« – »Minister X äußert sich zum Erwerbskampf« – »Angebot und Nachfrage« … Friedel liest und denkt: Das bin ich! Ich! Ich! Alle haben sie Mitleid mit mir, aber keiner braucht mich. Wo nehmen andere Leute das viele Geld her, das hier rollt? Diese Auslagen! Abendkleider, Pelze, Brillanten … ach was, daran liegt mir nichts! Aber die großen Schinken, die Gänseleberpasteten, Trauben, Ananas, Kompottgläser, da bleibt man stehen und schaut! Das wird ja doch gekauft, sonst wär’s nicht im Schaufenster. Wie machen die Leute das?

Eines Nachmittags geht Friedel durch die Dorotheenstraße und begegnet bei der Kreuzung Friedrichstraße Käthe Petersen. Es dunkelt schon, kleine Schneesterne tanzen durch die Luft. Friedel war eben in einem Vermittlungsbüro und kann ihre Niedergeschlagenheit nur schwer verbergen. Käthe hingegen kommt aus dem Dalmasse-Hotel, wo sie zwei Engländerinnen frisiert hat. Sie ist gut gelaunt, hängt sich in Friedel ein und schwätzt drauflos. Die Damen haben ihr ein feines Trinkgeld gegeben. Nur prima Publikum im Hotel Dalmasse. Sie kommt oft hin, kennt schon die meisten Angestellten. Ein Liftjunge ist heute erkrankt.

»Sehen Sie, Bornemännchen, da wäre ein Posten frei! Schade, dass Sie kein Junge sind! – Wohin gehen Sie jetzt? Nach Hause? Sie sind ja ganz grün – frieren Sie?«

Ja, Friedel friert, sie kann es nicht leugnen. Die Kost in Pension Petersen ist nicht dazu angetan, um Kalorien für den ganzen langen Nachmittag aufzuspeichern.

Käthe schaut auf ihre Uhr und konstatiert mit Bedauern, dass sie sich sputen müsse, um noch zur Kinovorstellung zurechtzukommen, die sie mit ihrer Mutter besuchen will. Sonst hätte sie Bornemännchen gerne zu einem Teller Schlagsahne in eine Konditorei eingeladen. Na, vielleicht ein andermal! Jetzt muss sie laufen. Sie schütteln sich die Hände, Käthe wendet sich zum Bahnhof Friedrichstraße. Friedel geht langsam die Kirchengasse hinab den Linden zu. Wo ist eigentlich Hotel Dalmasse? Ein Schupo gibt ihr Auskunft. Friedel setzt sich in Trab.

Sekretär Spöhne, der im kleinen, glasverschalten Büro hinter der Portiersloge sitzt und Lohnzettel schreibt, hebt den Kopf. Ein junges Mädchen steht vor ihm.

»Sie wünschen?«

»Bitte, ist es richtig, dass hier die Stelle eines Liftjungen per sofort zu vergeben ist?«

»Jawohl!«

»Darf ich um die Bedingungen fragen?«

»Freie Verpflegung, zwölf Mark monatlich, drei Mark Quartiergeld, Kleidung und Trinkgeld.«

»Nämlich … mein Bruder … er spricht Englisch und Französisch … kann er sich vorstellen?«

»Ja, schicken Sie ihn her. Aber erst morgen! Heute ist der Direktor nicht da.«

»Um welche Zeit kann er kommen?«

»Ab halb neun.«

»Danke.«

Friedel läuft zur Tür hinaus und durch einen Nebenausgang ins Freie. Sie nimmt den Eindruck von viel satter Wärme mit sich. Vor dem Portal des Dalmasse-Hotels stehen mehrere Autos, ein sehr kleiner Page von etwa zwölf Jahren bedient die Drehtür, elegante Menschen gehen ein und aus, der ganze würfelförmige Palast erstrahlt im Licht riesiger Scheinwerfer.

Friedel steht auf der gegenüberliegenden Straßenseite und starrt auf das weiße Gebäude. »Ja!«, sagt sie laut und leidenschaftlich. »Ja! Ja!«

Ein vorübergehender Herr schaut ihr ins Gesicht. Ganz nahe. Flüstert irgendetwas, was sie nicht versteht. Er ist wohlgenährt und bepelzt. Riecht nach Zigaretten. Friedel reißt sich zusammen und läuft mit langen Schritten davon, wie ein Hase, der unverhofft den Jäger gesehen hat.

Der blaue Kammgarnanzug des überfahrenen Kellners passt nicht eben tadellos, immerhin: Er passt. Friedel probiert bei versperrter Tür. Zum ersten Mal in ihrem Leben tut sie etwas, was man nicht tut. Etwas Abseitiges, Närrisches, vielleicht sogar Gefährliches. Noch vor wenigen Wochen hätte sie das für unmöglich gehalten, jetzt, heute, denkt sie darüber gar nicht mehr nach. Die letzten Tage des Misserfolges haben sie kopfscheu gemacht. Es ist zehn Uhr abends, Käthe Petersen muss jeden Augenblick vom Kino nach Hause kommen. Diese Käthe Petersen wird einfach überrannt. Sie bedeutet das erste Entweder-Oder ihres Unternehmens. Friedel fühlt sich mit einer Energie geladen, die gewillt ist, Sturmangriffe zu inszenieren. Dennoch gilt es, Käthes bescheidene Intelligenz vorsichtig zu lenken, ihr nicht gleich die Pistole vor die Brust zu setzen. Sie wäre sonst imstande, Protest zu erheben, vielleicht gar die Alte herbeizuzetern. Man muss also systematisch vorgehen, muss sie beeinflussen wie ein Staatsanwalt die Geschworenen.

Friedel sperrt die Tür wieder auf und schlüpft, so wie sie ist, im blauen Männeranzug ins Bett. Die Decke zieht sie ganz hoch herauf. So – nun kann sie kommen!

Der Plafond des Zimmers ist mit bräunlichem Schmutz gleichmäßig überzogen. Über die Wände schlängeln sich grüne, stilisierte Tulpen. Zwei, vier, sechs, acht Tulpen nebeneinander. Macht bei zehn Reihen achtzig Tulpen.

Dass Käthe noch immer nicht da ist! Vielleicht mache ich jetzt die ärgste Stunde durch … hat sich einmal der Stein ins Rollen begeben, dann rollt man mit … Schließlich – schlechter, als es mir jetzt geht, kann’s kaum werden … Weiß Gott, ob der kleine Kellner wirklich so dämlich über den Potsdamer Platz gegondelt ist? Vielleicht lag es in seiner Absicht, unter den großen Omnibus vom Zoo zu kommen … Wer kann wissen, was ihn bedrückte? Wer schaut in des andern Herz? … Sechshundert Tulpen … scheußlich, nicht zum Ansehen. Warum malen die Menschen solches Zeug auf ihre Wände?

Aha … ich höre die Entreetür gehen … vielleicht … Käthe tritt ins Zimmer. Sie ist angeregt, ihr Hut sitzt tschihit-tschiho, das runde Gesicht glänzt von den Spuren der im Kino vergossenen Tränen. Man gab ein Drama. Es war wunderbar.

»Hören Sie, Käthe«, sagt Friedel, und ihre Stimme klingt noch dunkler als sonst, »ich habe mit Ihnen zu sprechen.«

Der blonde Kopf fährt herum. »Ei potz! Warum so feierlich, Bornemännchen?«

»Es kann so nicht weitergehen mit mir, Käthe! Ich darf meine letzten Notgroschen nicht aufzehren, verstehen Sie! Der Winter steht vor der Tür … vermutlich wird es immer schwieriger werden, unterzukommen. Ich hätte nun heute eine Gelegenheit herausgefunden, die mich vielleicht auf die Beine bringen könnte – aber ich bedarf Ihrer Hilfe.«

»Na selbstverständlich, die können Sie haben! Schießen Sie los: Was ist es denn?«

»Das werden Sie gleich erfahren. Aber bevor ich es Ihnen sage, bitte ich Sie nochmals zu bedenken, dass ich nichts verlieren kann und dass ich auf einem Punkte angelangt bin, wo etwas geschehen muss!«

»Nanu, was für lange Vorreden! Regen Sie sich doch nicht auf, Bornemännchen! Wird schon alles recht werden. Sagen Sie mir bloß, was ich dabei soll!«

»Sie? Sie sollen mir die Kleider und die Dokumente Ihres Neffen Friedrich borgen, die ich hier im Schrank gefunden habe!«

»Die … die … herrje, was wollen Sie denn damit?«

»Schauen Sie, Käthe: Als Mädchen komme ich augenblicklich nicht unter. Ich kann nur fremde Sprachen sprechen, reiten, Tennis spielen und tanzen. Sonst kann ich nichts. Wäre ich ein Junge, dann gäbe es allerhand für mich anzufangen. Sie selbst haben mir heute von der frei gewordenen Stelle eines Pagen im Dalmasse-Hotel erzählt. Ich war dort. Es stimmt. Ich möchte mich morgen vorstellen gehen. Aber dazu, wie gesagt, brauche ich sowohl auch die Kleider wie die Papiere Ihres Neffen!«

Käthe schweigt. Sie sitzt auf dem Sessel vor ihrem Bett, ihr Mund steht ein wenig offen, in ihren Augen malt sich absolute Verständnislosigkeit.

»Dass ich als Junge nicht schlecht aussehe, habe ich schon probiert«, fährt Friedel langsam fort. »Wenn Sie sich überzeugen wollen – bitte!« Sie schlägt die Decke zurück und springt aus dem Bett.

Käthe quietscht auf – hält sich aber sofort den Mund zu. »Um Gott, was hab ich mir erschrocken! Unglaublich! Einfach unglaublich! Hören Sie, wie fällt Ihnen das nur ein?«

»Meine liebe Käthe, gerade Sie sollte das nicht wundern. Sie lesen doch Romane! Glauben Sie, dass im Leben wirklich alles nur ganz nüchtern seinen vorgeschriebenen Weg geht? Dass nicht da und dort, ohne dass wir’s ahnen, Dinge geschehen, die außerhalb des Herkömmlichen liegen?«

Hurra, jetzt hat sie sie vielleicht dort, wo sie sie haben will. Das Romantische! Darauf muss sie doch anbeißen, diese liebe, brave Kuh!

Friedel zieht den zweiten Stuhl heran, der sich im Zimmer befindet, sie setzt sich, schlägt die Beine übereinander und fühlt sich als Mann: ein merkwürdiges Gefühl, das in der Erregung dieser Stunde einer Suggestion gleichkommt.

»Ganz richtig sehen Sie aus …«, stottert Käthe. »Und Sie wollen also? …. Das ist doch verboten! Wenn die Polizei …«

»Erstens weiß ich gar nicht bestimmt, ob das verboten ist, und zweitens, selbst wenn ich gefasst werde, kann es mir nur nützen. Die B. Z. am Mittag wird den verkleideten Liftjungen als Sensation ausrufen, eventuell bin ich gemacht. Selbstverständlich bleiben Sie, liebe Käthe, in einem solchen Fall vollkommen aus dem Spiel. Ich habe die Sachen ohne Ihr Wissen aus dem Schrank genommen. Schließlich hätte ich das ja auch wirklich tun können, nicht wahr?«

Nein, in normalem Zustande befinde ich mich nicht, denkt Friedel. Ich habe Fieber. Aber das muss sein, sonst ginge die Sache nicht vorwärts. Das braucht Triebkraft! Höchstspannung!

»Unmöglich!«, sagt Käthe störrisch. »Nee, nee, da mache ich nich mit. Das ist Irreführung der Behörden! Jawoll, das is es!«

Friedel steigt das Blut zu Kopf. »Bitte schön, sollen sie mir Arbeit geben, die Behörden, dann brauche ich sie nicht irrezuführen. Schädige ich jemanden? Nein! – Stehle ich? Nein. Wenn einer ehrlich arbeiten will, so ist das keine Missetat. Glauben Sie, es macht mir Spaß, so etwas anzustellen? Wie?«

»Ach Gott … Bornemännchen …« Ratlosigkeit. Zwei blaue Augen, die in Wasser schwimmen.

Friedel fährt zu reden fort. Sie, die immer Schweigsame, ist plötzlich angekurbelt. Und je länger sie spricht, desto mehr schrumpft Käthe ein. Alles an ihr wird schlaff: die Arme, die Beine, die Wangen. Wie ein hypnotisiertes Kaninchen sitzt sie da. »Und wie wollen Sie hier aus der Wohnung raus. Wenn jemand Sie erkennt –?«

»Gefährlich ist nur Minna, weil die schon um sechs aufsteht. Aber man braucht bloß abzuwarten, bis sie das Wohnzimmer zu räumen beginnt, dann kann man mit zwei Schritten bei der Tür draußen sein. Auf den Treppen fürchte ich nichts mehr. Hier wohnen so viele Menschen im Haus, dass sich keiner um den anderen kümmert.«

Käthe atmet schwer. Es ist das Aufregendste, was sie je erlebt hat. Dieser feine Junge, der vor ihr auf dem Sessel sitzt, ist nicht mehr Bornemännchen, die man bemuttern konnte – es ist etwas Fremdes, Verblüffendes, vielleicht sogar Reizvolles!

»Ich will natürlich nicht behaupten, dass Liftboy eine glänzende Stellung ist, doch schützt sie wenigstens vor Kälte, vor Hunger und vor Obdachlosigkeit. Das heißt schon sehr viel. Über den Winter muss ich hinwegkommen, verstehen Sie! – Von den Papieren nehme ich nicht alle mit, sondern nur diejenigen, die ich brauche. Alles stimmt vorzüglich. Das Schicksal wirft mir diese Gelegenheit geradezu in den Schoß. Friedrich Kannebach war achtzehn Jahre alt und hatte normale Zeugnisse. Das genügt.«

»Und wenn Sie die Stelle nich kriegen?«

»Dann gehe ich auf Suche in andere Hotels. Sollte ich gar nirgends unterkommen, so bleibt mir freilich nichts übrig, als hierher zurückzukehren. Meine Kleider lasse ich natürlich da.«

Käthe schweigt. Ihr Gesichtsausdruck ist halb lächelnd, halb bockig.

Aber Friedel spricht weiter. »Das Wichtigste, was es heute noch zu tun gibt: Sie müssen mir die Haare abschneiden, Käthe! Es gibt keinen Liftjungen mit Lockenkopf!«

»Hm, ja freilich, das müsste man … Aber ich kann doch nicht schneiden! Schnitt macht immer der Chef, das ist nicht meine Sache.«

»Egal, Käthe! Seien Sie doch nicht schwerfällig! Ein wenig werden Sie’s ihm schon abgeguckt haben, wie? Es genügt, wenn Sie das Haar durchweg kürzen. Morgen früh gehe ich zu einem Friseur und lasse es erst ordentlich zurechtmachen. Da, hier ist eine Schere! Na, rühren Sie sich doch!«

Käthe fasst gehorsam die Schere, aber sie rührt sich nicht. Sie ist gelähmt. Doch plötzlich fängt sie zu reden an. Es ist nichts Zusammenhängendes, Logisches, was sie vorbringt, nur halbe Sätze, die alle mit »Ich weiß nicht« oder mit »Wenn aber …« beginnen. Sie will sich salvieren. Sie rät ab, rät wieder zu, verhaspelt sich, richtet ihre runden Augen ratlos und beinahe furchtsam auf die Knabengestalt, die vor ihr steht.

Friedel hört kaum zu. Was die da spricht, scheint ihr nicht mehr sehr wichtig, denn im Grunde ist sie ja schon gewonnen. In ihr tobt eine rasende Ungeduld. Sie möchte am liebsten sofort ins Dalmasse-Hotel rennen. Aber es ist elf Uhr nachts, und zwischen jetzt und dem Beginn ihres Unternehmens liegen noch zehn Stunden. Zehn Stunden, in denen man pflichtgemäß und vernünftigerweise auch schlafen muss. Während Käthe herumstottert, bindet sie sich ein Handtuch um den Hals, holt Kamm und Bürste, setzt sich verkehrt auf den Stuhl und kommandiert: »Also los! Quatschen Sie nicht, Käthelchen, sondern schneiden Sie!« Sie lacht dabei.

Friedel Bornemann pflegt selten zu lachen. Ihr Gesicht ist herb, schmal, beherrscht, ein ausgesprochenes Intelligenzgesicht. Lachen verändert es auf eine geheimnisvolle Art und verpflichtet denjenigen, dem es gilt.

Käthe nimmt den Kamm, die Gewohnheit des Berufes ergreift von ihr Besitz. Sie wird sachlich und zieht einen Scheitel. »Ich übernehme keine Verantwortung!«, sagt sie nach einer Weile heiser, während die Schere den ersten Schnitt tut. Friedel schweigt.

»Haben Sie sich’s auch gut überlegt? Das dauert lange, ehe es wieder nachwächst!«

»Ohne Risiko kein Gewinn. Übrigens bin ich nicht eitel, wie Sie wissen.«

Die Schere knirscht. Dunkle Strähnen fallen zu Boden. Und während Käthe zum fünfzigsten Mal versichert, dass Schnitt nicht ihre Sache ist und dass nur der Chef hierzu von Gott berufen sei, und während Friedel kühle Luft um die sonst bedeckten Ohren wehen fühlt, entsteht langsam die Form eines glatten Knabenkopfes. »Nein, schön ist es nicht«, meint Käthe entschuldigend. »Sie müssen unbedingt von ’nem richtigen Herrenfriseur die letzte Hand anlegen lassen –«

Ja, natürlich, selbstverständlich wird Friedel das tun. Morgen. Morgen in aller Früh!

Und plötzlich, während sie aufsteht und das Handtuch abbindet, befällt sie eine entsetzliche Leere, ein absolutes Nachlassen der Kräfte. Es würgt im Hals. Alles, was ich hier tue, ist Wahnsinn, denkt sie entsetzt. Hysterische Narretei! Das tut kein vernünftiger Mensch, höchstens ein Kind oder eine Abenteurerin. Beides bin ich nicht. Was also –?

»Hätte nie gedacht, dass ein Mädchen in Männerkleidung so gut aussehen kann«, sagt Käthe, vom Erlebnis gepackt. »Ganz echt sozusagen. Mehr als höchstens siebzehn Jahre gibt man Ihnen freilich nicht. Aber das ist ja kein Fehler.«

Vielleicht bin ich nur übermüdet, denkt Friedel. Vielleicht sollte ich schlafen! Der Tag war anstrengend, die Erregung der letzten Stunden zu grell … »Ich hab mal einen alten Onkel gehabt«, fügt sie laut hinzu, »der sagte immer: ›Denken ist der Quell alles Übels. Nur der kommt mit dem Leben ins Reine, der sich nicht damit auseinandersetzt.‹«

Käthe hält erschrocken beim Zusammenkehren der Haarabfälle inne. »Ja … jawohl …«, erwidert sie schnell. Sie hat kein Wort verstanden.

»Morgen heißt es früh aufstehen. Ich bin müde, furchtbar müde. Wir wollen schlafen gehen!« Friedel reißt Kragen und Krawatte ab und beginnt, sich mit zitternden Fingern ihres Anzuges zu entledigen.

»Jetzt schlafen?« Bittere Enttäuschung. »Na, hören Sie, wir haben doch noch gar nichts besprochen!«