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Wer erinnert sich noch an den uralten Pakt, den Menschen und Tiere einst geschlossen haben? "Menschen- und Tierseelen. Ewige Gefährten, Seite an Seite auf ihrem Weg durch das Leben. Verwoben ist ihr Schicksal und der Untergang des einen ist auch das Ende des anderen. Wer nimmt, muss auch geben, und keiner ist des anderen Meister." Nachdem dieses Versprechen gebrochen wurde, taumelt das Leben selbst aus seiner Balance. Unaufhaltsam breiten sich die Schatten der Dunkelwelt aus. Schließlich spuckt der Vulkan Peleo Sonnenfeuer und läutet damit der Legende nach das nahende Ende der Welt ein. Melia, ein unzähmbares Mädchen aus dem Dschungel, und Ari, der verwöhnte Sohn des mächtigsten Mannes in Paradise City, werden entsendet, um das letzte große Geheimnis der Erde zu entdecken und alle zu retten. Es wird eine abenteuerliche Suche, doch die Kinder gehen nicht allein ... denn eine Seite hat den alten Pakt nie vergessen! "Der Pakt des Lebens" versetzt Leser jeden Alters mit allen Sinnen in eine mystisch-fantastische Welt, die der unseren ähnelt, und doch voller Magie und Geheimnisse steckt. Naturverbundenheit, Freundschaft und Lebensfreude – die spannende Geschichte weckt nicht nur unsere besten Instinkte, sondern auch unbändige Abenteuerlust, Hoffnung und den Wunsch, zu Hütern einer einzigartigen Welt zu werden. Wer sich auf dieses Regenwaldabenteuer begibt, wird sich neu verlieben ... in unsere wunderbaren Weggefährten, die Tiere, und in das Leben selbst.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will!“
Albert Schweitzer
Für unsere wunderbaren Gefährten – die Tiere.
Ein Teil des Bucherlöses wird für den Natur- und Tierschutz gespendet.
Ich erzähle euch die Geschichte genauso, wie ich sie geträumt habe. Und wenn ihr euch heute nicht daran erinnert, dass sie so passiert ist, dann wird sie vielleicht ganz bald, eine Weltsekunde später, passieren.
Kerstin Struck
Der Pakt des Lebens
Buch 1: Melia und Ari
© 2021 Kerstin Struck
Cover-Artwork: Bima Inuma
Lektorat, Korrektorat: Cordula Gerndt
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44,
22359 Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-347-26116-7
Hardcover
978-3-347-26117-4
e-Book
978-3-347-26118-1
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Vorwort
„Wer hat Lust auf ein Spiel?“, lautet die Frage. Die Begeisterung schlägt Purzelbäume und alle – wir alle – wollen dabei sein. „Wir treffen uns am Ende hier wieder“, versprechen wir uns auf unserem fernen Stern sitzend. Auf unserem Weg lernen, lieben, lachen und leiden wir, bis wir das Geheimnis, dass wir alle vergessen müssen, neu entdecken. Es ist die allergrößte Herausforderung, die absolute Krönung der Schöpfung und zugleich der einfachste Grundstein des Universums: Alles Leben zu lieben.
Verzeichnis von Tieren & Menschen
Ari und Melia
Zwei Kinder, geboren zur selben Stunde und Sekunde in der Nacht des Blauen Mondes. Verbunden und getrennt. Ob der eine den anderen (v)erkennt? Was tun Feinde, die Freunde sein müssen?
Melia, Buddy, Micah
Beste Freunde.
Melia
Trägt den gesamten Dschungel in sich – und mehr. Unzähmbar, doch nicht unverwundbar. Liebt alle Tiere, ihre Freunde und ihre Großmutter.
Jacko, Affe
Melias Tiergefährte. Das treue Waisenäffchen liebt Melia bis zum Ende der Welt und zurück. Lichtbringer und Meister des lustigleichten Lebens.
Ari
Einziger Sohn des Dons von Paradise City. Verwöhnt und verirrt. Doch dann macht er sich auf die Suche.
Nisli, Maus
Aris Tiergefährtin. Eine Maus, die größer ist als die meisten, weil wahre Größe nicht in Zentimetern gemessen wird!
Buddy
Ein Junge – 1.000 Worte. Probiert es meist mit Gemütlichkeit und muss dann umschwenken.
Sansi, Otter
Buddys Tiergefährtin. Ein Herz auf vier Pfoten. Mutig ist, wer sich trotzdem ins Abenteuer wagt!
Micah
Ein Freund mit Superkräften. Verlässlich und stark wie ein Felsen – nur schweigsamer.
Kassandra, Eule
Micahs Tiergefährtin. Geheimnisvoll und weise. Wer ihre Rätsel löst, kennt die ganze Geschichte.
Nana
Melias geliebte Großmutter. Trägerin des alten Wissens und Dorfköchin. In ihren Geschichten und Gerichten steckt mehr als man ahnt.
Eve
Aris Mutter. Verwandelt sich von einem Niemand in der einen Welt zur echten Freundin in der anderen.
Paco, Taco, Naco
Drei Nasenbären, das ehemalige Terror Trio. Magische Bärenbrüder, so herrlich verkannt, dass sie mühelos aus dem Untergrund agieren können. Werden Eves Tiergefährten.
Zuma
Wer hat Angst vorm Dschungelmann? Der renne weg, so schnell er kann! Wahrheit oder Erfindung?
Xanio, Panther
Zumas Tiergefährte. Mächtiger, mystischer Magier. Wandler zwischen den Welten und Führer in der Dunkelheit.
Giselle
Die neu gewählte Dorfrätin von Santalbán. Wichtig, wichtig – richtig? Lässt sich gern auf die Palme bringen und kommt schlecht wieder herunter.
Der Don
Oberster Boss von Paradise City. Aris Vater. Ist sein Herz so eisig wie sein Ton? Oder kälter?
Kalimero, Glühwürmchen
Muss das Leuchten wieder lernen.
Anjou
Ein Dorflehrer, der auf der Seite der Kinder ist.
Fidelio
Giselles Stellvertreter im Dorfrat. Kommt selten zu Wort.
13 Minister
Ihnen bleibt nichts erspart. Und auch sie bleiben in gewisser Weise niemandem erspart.
Die magische Nacht: Das Dschungelmädchen
Die Nacht war samtig-schwarz, und am Himmel stand ein Blauer Mond, der sich Mühe gab, ausgesprochen rund und voll zu strahlen. Wie jeder weiß, darf man bei einem Blauen Mond etwas Besonderes erwarten. Denn schließlich ist es sehr selten, dass der Mond in einem Monat zweimal voll wird. Kein Zweifel – es war die ideale Nacht für Wunder.
Es war Regenzeit, und die Tropfen prasselten eine beruhigende Melodie auf das dichte Blätterdach des Dschungels. In einer gemütlichen Holzhütte auf einer Lichtung hatte sich eine kleine Gruppe Menschen versammelt und wartete still.
Auch ein paar Tiere hatten sich ein trockenes Plätzchen unter dem Vordach der Hütte gesichert. Dort saßen ein etwas zerrupftes Affenkind, das kürzlich seine Familie verloren hatte, und drei vorwitzig blinzelnde Nasenbären. Auch die Tiere schienen auf irgendetwas zu warten.
Und im dichten Gebüsch gab es noch jemanden, der wartete. Perfekt verborgen beobachtete der mächtige schwarze Panther Xanio die friedliche Szene aus allernächster Nähe. Hin und wieder blitzten seine roten Raubtieraugen auf, und wenn er gewollt hätte, dann hätte er mit einem Sprung mitten in die kleine Versammlung platzen können.
Plötzlich schien die tropische Nacht mit ihren geheimnisvollen Urwaldgeräuschen für einen Augenblick den Atem anzuhalten. Nur ein paar Sekunden später ertönte ein Schrei. Es war eindeutig ein empörter Schrei, wie ihn winzige Menschenkinder eben ausstoßen, wenn sie auf der Erde ankommen.
Doch die soeben geborene Melia hörte rasch auf zu schreien und blickte sich mit ihren ungewöhnlich großen und ungewöhnlich grünen Augen um. Sie blickte auf den alten Schamanen, dessen weise Augen sie sanft und doch durchdringend musterten. Sie sah ihre Großmutter Nana, die eine einzige dicke Freudenträne weinte, und aus nächster Nähe sah sie die Liebe in den Augen ihrer Eltern. Die Haut ihres Vaters war von einem tiefen Kaffeebraun, während die ihrer Mutter perlmuttweiß schimmerte. Melias eigene Haut war zum Zeitpunkt ihrer Geburt karamellfarben.
Melia konnte sich in diesem Augenblick noch genau erinnern, wo sie hergekommen und warum sie auf diese Welt gekommen war. Doch mit jeder Sekunde wurde die Erinnerung blasser.
Nun fiel ihr Blick nach und nach auf jedes einzelne der versammelten Tiere. Sie kannte alle ihre Namen, und wie selbstverständlich konnte sie verstehen, was die Tiere ihr in der Seelensprache mitteilten.
Wir alle beherrschen als Neugeborene die Seelensprache, in der alle Wesen sich austauschen, doch oft verlernen wir sie allzu rasch. Wenn du zu den wenigen Glücklichen gehörst, die diese Sprache noch verstehen, dann wirst du wissend lächeln und dich freuen über die wunderbaren Welten, die dir offenstehen.
Jacko, das verwaiste Äffchen, und die drei Nasenbären Paco, Naco und Taco senkten andächtig die Köpfe unter Melias Blick. Weiter wanderte die Aufmerksamkeit des Kindes zu Panther Xanio in seinem Versteck. Und in diesem Moment, in dem Melias Seele sich zum letzten Mal bewusst daran erinnerte, warum sie gekommen war, gab sie den Tieren ein Versprechen. Es war ein großes, ja ein gigantisches Versprechen für ein winziges neugeborenes Mädchen. Und alle Tiere weltweit vernahmen es.
Natürlich hörte es auch Xanio in seinem Versteck. Er fauchte und senkte ebenfalls seinen edlen Kopf. Vielleicht, so dachte der Panther, werden die alten Legenden, auf die wir all unsere Hoffnung setzen, sich nun endlich erfüllen. Wenn die Sterne günstig stehen. Er blickte hinauf zum Blauen Mond und verschwand dann lautlos im Dschungel.
In der kleinen Hütte machte sich der Schamane daran, die üblichen Willkommensrituale des Stammes durchzuführen. Er flüsterte Melia ein altes Geheimnis ins Ohr, das Jahre später eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielen sollt. Dann machte Affenjunge Jacko einen beherzten Satz und landete unsanft neben Melias Köpfchen auf ihrem Lager aus Blättern und Moos. Jacko hatte sich entschieden, ihr Tiergefährte zu werden, und er würde sich diesen Platz um keinen Preis von stärkeren oder älteren Konkurrenten streitig machen lassen. Sanft berührte er mit seiner kleinen Hand Melias Nase, und das Mädchen ließ ein Lachen ertönen, das wie ein blumenzartes Glöckchen klang und sofort die ganze Gruppe ansteckte.
Melia war auf der Welt!
Die magische Nacht: Der Prinz von Paradise City
Die Nacht mit dem blauen Mond hatte ihre Magie noch lange nicht aufgebraucht. An einem ganz anderen Ort auf der Welt wurde im selben Augenblick ein zweites Kind geboren. Dieses Kind war ein Junge, und sein erster Blick fiel auf ein grelles Licht, das ihn blendete. Verständlicherweise schrie der kleine Junge, der Ari genannt werden sollte, empört auf und blinzelte. Er befand sich in einem steril eingerichteten Geburtszimmer im Power Tower seines Vaters.
Der Power Tower lag in der modernsten und gigantischsten Stadt der Welt, die wie eine hungrige Heuschrecke nahezu alles andere verschluckt hatte. Das war Paradise City, auch die künstliche Stadt genannt, die niemals schlief und immer hungrig war.
Ari hatte natürlich noch keinen blassen Schimmer davon, dass sein Vater, der Don, die wichtigste Persönlichkeit in Paradise City war, und dass er in seiner Position keine Zeit hatte, der Geburt seines Sohnes persönlich beizuwohnen. Wozu gab es schließlich Live-Übertragungen? Und so reckte der Don eben auf dem riesigen Bildschirm den Daumen hoch und verabschiedete sich mit einem strengen Blick auf das Ärzteteam. Sofort griff einer der Ärzte nach Ari und eilte mit ihm in den Nebenraum, wo er vermessen, gescannt und gründlich untersucht werden sollte. Seine fast unwirklich schöne, junge Mutter streckte vergebens die Arme nach ihrem Kind aus und sank schließlich seufzend zurück in die schimmernden Seidenkissen. Währenddessen schrie Ari seine Empörung in die Welt hinaus.
Plötzlich piepste etwas in dem sterilen Raum, das so ganz anders klang als die zahllosen Monitore und Geräte. Zwei Mäuse hatten es geschafft, in das Zimmer einzudringen, und eine wagte sich vorwitzig aus dem Versteck, um einen Blick auf das Kind zu werfen. Ari folgte der Maus aufmerksam mit den Augen und vergaß für einen Moment sein Protestgeschrei. Dafür schrie die Krankenschwester umso schriller und warf einen panischen Blick auf den Bildschirm, auf dem der Don jedoch nicht mehr zu sehen war. Alle acht Ärzte rannten alarmiert hinter der Maus her und schlugen mit allem, was sie irgendwie greifen konnten, nach ihr. Die zweite Maus blieb angsterstarrt in ihrem Versteck hocken.
„Wie konnte das passieren? Ein Skandal!“ kreischte der Überoberarzt, was die bis dahin versteinerte Krankenschwester anspornte, sich der wilden Jagd anzuschließen. Allerdings stolperte sie kurz darauf über ihren Kittel und riss den Überoberarzt im Fall mit sich zu Boden. Bang! Der zweite Arzt fing die Maus unter einem Topf und setzte der Flucht damit ein rasches Ende. Ari kniff seine Augen zusammen und schon wieder schrie er aus vollem Halse seinen Ärger in die Welt hinaus.
In diesem Moment schaltete sich der Monitor neben dem Untersuchungstisch wieder ein und eine eisige Stimme ertönte. „Das teuerste Ärzteteam in ganz Paradise City hat alles bestens im Griff, wie ich sehe. Da kann wohl niemand erwarten, dass ich die volle Rechnung bezahle.“ Plötzlich sprachen alle durcheinander, und niemand außer Ari bemerkte die zweite Maus, die mit zitternden Beinchen in einem eigenartigen Zickzackkurs durch den Luftschacht in der Ecke entwischte. Einen winzigen Moment verharrte die Maus noch im sicheren Schacht auf der Stelle, während das neugeborene Kind ihr mit seinem Blick gebannt folgte. Und das war jener Augenblick, in dem der Junge sich zum letzten Mal daran erinnern sollte, warum er überhaupt hergekommen war.
Ari war auf der Welt!
Im Regenwald von Santalbán: 10 Sommer später
Als Melia 10 Jahre alt war, wirbelte ein Sturm an Ereignissen ihr Leben in wenigen Tagen komplett durcheinander. Danach war nichts mehr wie zuvor. Doch bis zu jenen schicksalhaften Sommertagen genossen Melia und ihre Freunde jeden Moment jedes Tages, denn sie hatten das Glück, in Santalbán zu leben. Santalbán war ein magischer Ort mitten im letzten Fleckchen Dschungel dieser Welt. Und als der Wirbelsturm der großen Veränderungen aufzog, tat er das leise, ganz leise, so, als würde er die Luft anhalten – allerdings nur noch für einen flüchtigen Moment.
Der Tag war noch jung und steckte voller Versprechen. Das heisere Gebell der Brüllaffen schwoll zum stolzen Finale an, und Melia schloss die Augen, um das Konzert besser genießen zu können. Selbst mit geschlossenen Augen bewegte sich das schlanke Mädchen geschmeidig wie ein kleines Wildtier durch den Dschungel. Auf ihrer Schulter wippte ihr Tiergefährte, der quirlige Affenjunge Jacko, im Brüllaffen-Takt auf und ab. Hinter ihr liefen ihre besten Freunde Buddy und Micah. Die drei Kinder hatten die Aufgabe frisches Räucherholz zu besorgen, denn heute war der Festtag des Großen Paktes – Melias liebster Tag im ganzen Jahr.
Der Waldboden kribbelte lebendig unter ihren nackten Fußsohlen, und das Mädchen dachte: Wenn ich mir jetzt etwas wünschen dürfte, wüsste ich nicht, was! Für einen Moment war sie wunschlos glücklich.
Doch dann durchzuckte sie ein Gedanke, der sonst tief in ihrem Herzen schlummerte: Ich hätte gerne meine Eltern kennengelernt. Eigentlich vermisste Melia dank ihrer vielen menschlichen und tierischen Gefährten nichts, nur von Zeit zu Zeit überfiel sie diese Sehnsucht. Unter dem Schutzdach ihrer geliebten Baumriesen verflog der Gedanke glücklicherweise schnell, und sie tauchte wieder ein in die ganz eigene Welt und Zeit des Dschungels.
Der Dschungelmann stand so plötzlich vor Melia als hätte ihn jemand dort hingezaubert. Sam und Micah wären fast in ihre Freundin hineingelaufen, so unvermittelt stoppte sie. Doch dann sahen sie ihn auch. Er stand mitten auf dem schmalen Pfad in ihrem vertrauten Regenwaldrevier. Micah legte Melia schützend die Hand auf die Schulter, und Buddy flüsterte unwillkürlich den ausgeleierten Kinderreim aus Santalbán: „Wer hat Angst vorm Dschungelmann?“ Und wie von selbst kam Melia der Rest des Reimes über die Lippen: „Der renne weg, so schnell er kann!“
Doch das war leichter gesagt als getan. Der durchdringende Blick des Mannes mit dem zerfurchten Gesicht, in dem jede Rune eine Geschichte zu erzählen hatte, bannte Melia, Buddy und Micah auf der Stelle. Der Mann trug ein auffällig gemustertes Tierfell um die Schultern, und Melia durchzuckte der Gedanke, dass ihr ein solches Tier noch niemals begegnet war. Seine Hand umfasste einen langen Stab, von dem Knochen und Federn baumelten.
Das Mädchen hielt die Nase in den Wind. Ihre ungezähmten, dunklen Locken umtanzten ihr Gesicht, und ihre grünen Augen hielten dem Blick des Dschungelmanns stand. Melias Instinkte waren in unzähligen Waldabenteuern geschult und sie wusste, dass sich Gefahren oft mit dem Wind ankündigten. Tatsächlich lag schon seit einiger Zeit etwas in der Luft. Etwas Großes, das sich in immer mehr Zeichen offenbarte. Sie wandte den Kopf zu Jacko. Der kleine Affenjunge hockte regungslos auf ihrer Schulter. War er vor Angst erstarrt? Sie konnte es im Moment nicht sicher sagen. Als das Mädchen wieder nach vorne blickte, war der Dschungelmann verschwunden. Vor ihr wachten die altvertrauten Bäume, die in ihrem langen Leben unzählige schreckliche und schöne Dinge gesehen haben mussten. Mit scharfsichtigen Augen versuchte Melia, das Unsichtbare im tiefgrünen Pflanzenlabyrinth zu erspähen.
„Wahnsinn!“ Buddy fand als erster von ihren beiden Freunden seine Sprache wieder. „Das war er, der Dschungelmann, oder? Ich konnte meine Füße keinen Millimeter bewegen! Und ihr?“ Melia und Micah schüttelten die Köpfe. „So ein bekloppter Reim, wenn man gar nicht rennen kann!“ Buddys mondrundes Gesicht war vor Schreck ganz schief. Er hob prüfend erst seinen linken und dann seinen rechten Fuß. „Leute, laufen wir zurück ins Dorf, solange wir können. Soll Giselle doch selbst ihr Räucherholz holen.“ Buddy trug ebenfalls seine Tiergefährtin auf der Schulter. Die sanften Augen seines niedlichen Ottermädchens Sansi waren durch den Schreck noch runder als sonst.
„Knapp mit dem Leben davongekommen sind wir, ich sag es euch! Wir hätten den Fellmantel berühren können, so nah war er und –“ Buddy stolperte über eine Wurzel und plumpste auf den Boden. Er bewegte sich weit weniger geschickt durch den Wald als seine beiden Freunde. Noch während er sich hastig aufrappelte, redete er schon weiter. „Ich meine, wenn wir DAS im Dorf erzählen!“
Bei diesen Worten lachten Melia und Micah befreit auf. Sie wussten, dass Buddy sich bereits ausmalte, wie er das Erlebnis fantasievoll ausgeschmückt zum Besten geben würde. Er war ein begnadeter Geschichtenerzähler.
„Na, beim Fest heute Abend wirst du die perfekte Bühne haben“, meinte Melia. Für einen Moment verlor Buddys Gesicht den verschreckten Ausdruck und er lächelte glücklich.
„Warum ist der Dschungelmann wohl aufgetaucht? Und ausgerechnet heute?“, fragte Micah.
Melia sah zu ihrem anderen besten Freund herüber, der in vieler Hinsicht das Gegenteil von Buddy war. Während Buddy wasserfallartig plapperte, sprach Micah nur, wenn er fand, dass es sich lohnte. Und das kam nicht besonders häufig vor. Micahs Gesicht mit der olivbraun schimmernden Haut wirkte nachdenklich. Ihr Freund besaß ein feines Gespür und konnte manche Dinge im Voraus ahnen. Sie wollte ihm gerade antworten, als Micahs Tiergefährtin, die würdevolle Eule Kassandra, mit ruhigen Flügelschlägen zurückkehrte. Sie flog im Wald oft ihrer eigenen, rätselhaften Wege und war bei der unheimlichen Begegnung nicht dabei gewesen. Die Eule trug das Räucherholz, das die Kinder beschaffen sollten, im Schnabel.
„Oh, Kassandra, du bist die Größte!“, rief Melia aus. „Wir laufen zurück ins Dorf. Stell dir vor, wir sind dem Dschungelmann begegnet!“
Kassandra nahm diese Nachricht erstaunlich gelassen auf und landete auf Micahs ausgestrecktem Arm.
Buddy sah die Eule prüfend an: „Wie konntest du überhaupt wissen, dass wir das Holz noch nicht selber gesucht haben?“ Micah winkte ab. Kassandra würde darauf keine Antwort geben. Seine Eule war noch hellsichtiger und verschwiegener als er selbst. Liebevoll strich er ihr das Federkleid glatt und nahm ihr das Holz aus dem Schnabel.
„Ein typisches Kassandra-Rätsel. Los, ich will weiter!“, drängelte Buddy.
Die Kinder liefen schnell und ohne anzuhalten, bis sie die ersten blumenbewachsenen Hütten ihres Dorfes durch das Grün schimmern sahen. Als sie die Füße auf den samtweichen Moosboden setzten, der die gesamte Lichtung bedeckte, atmeten sie erleichtert auf und fühlten sich endgültig in Sicherheit.
Ohne Umwege rannten sie weiter zum Dorfplatz, der bereits für den Festtag geschmückt wurde. Etliche Dorfbewohner – Menschen und Tiere – flitzten und flogen eifrig umher. Melias Herz machte einen Freudensprung beim Anblick des bunten Treibens. In der Mitte des Platzes war das Herz von Santalbán: ein mächtiger Baum, der nur der „Alte Baum“ genannt wurde. Er war bereits über und über mit Blumenschmuck bedeckt. Im Vergleich zum „Alten Baum“ war Santalbán so jung wie ein frischgeschlüpftes Küken. Unter seinem ewig grünen Blätterdach fanden alle Feiern und Rituale statt. An seinem silbrig-grauen Stamm hing eine verwitterte Tafel, auf welcher der Große Pakt – das einzige Gesetz von Santalbán – geschrieben stand. Er machte Tiere und Menschen zu wahren Gefährten und war überall sonst auf der Welt lange vergessen.
Menschen- und Tierseelen. Ewige Gefährten, Seite an Seite auf ihrem Weg durch das Leben. Verwoben ist ihr Schicksal, und der Untergang des einen ist auch das Ende des anderen. Wer nimmt, muss auch geben, und keiner ist des anderen Meister.
Diesem Pakt war es zu verdanken, dass in Santalbán zu jedem Menschen ein Tiergefährte gehörte. Tiere und Menschen fanden zueinander, wenn die Menschen geboren wurden. Von da an waren sie unzertrennlich, wobei die Lebenszeit der Tiere sich der ihrer menschlichen Gefährten anpasste. In wenigen Stunden würden Menschen und Tiere erneut bekräftigen, was auf der Tafel stand. Wenn man ganz genau hinsah, merkte man, dass der untere Teil der Tafel abgebrochen war. Als Melia nun den prachtvoll geschmückten Baum bewunderte, fragte sie sich kurz, was wohl auf dem abgebrochenen Teil gestanden hatte. Wahrscheinlich ist das egal, dachte sie, das Wichtigste kann man ja noch lesen!
