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Gut Felsstein an der Mosel ist die Heimat des Edelfreien Falko. Die Felssteiner sind Anhänger der Karolinger und der familia der Reichsabtei Prumia verbunden. Nach dem Besuch der Klosterschule wird Falko von Giselher, Maier auf Felsstein und Führer der Panzerreiter der Abtei im Waffenhandwerk ausgebildet. Als Kundschafter und Kämpfer gewinnt er das Vertrauen des Heerführers Graf Heinrich. Als die Wikinger über Rhein und Mosel in das Binnenland der Ostfranken vorstoßen entführt der Däne Draken Falkos Braut Oda von Waldtal auf seinem Kampfschiff, dem Goldenen Drachen, nach Haithabu. Nachdem der Felssteiner Oda befreien konnte, gerät er schwer verwundet in Gefangenschaft und wird nach seiner Genesung von Draken als Rudersklave verkauft. Giselher macht sich auf die Suche nach seinem verschollenen Freund. Es beginnt eine abenteuerliche Verfolgungsjagd.
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Seitenzahl: 572
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Karolingische Reiterei als Illustration zu Psalm 60 (Feldzug des Joab). Textauszug: … als David Mesopotamien und Sobal in Syrien verheerte, und Jaob umkehrte und im Salzthale zwölftausend Edomiter erschlug License: CC-BY-NC – St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 22, p. → – Golden Psalter
Udo Strohmeier, von Beruf Bankkaufmann und Betriebswirt, war mehr als dreißig Jahre in leitenden Funktionen bei Banken und Versicherungen tätig. Nach seiner Pensionierung arbeitete er als Berater und Aufsichtsrat im IT-Bereich. Er ist begeisterter Hobbyläufer und dem Pferdesport verbunden. Sein besonderes Interesse gilt der Geschichte des Mittelalters. Der vorliegende Roman hat seinen Schwerpunkt im 9. Jahrhundert.
Für Christel
Ortsnamen
Dramatis Personae
Prolog
Felsstein
Pfalz Franconofurd
Reichsabtei Prumia
Tod an der Sambre
Im Eichenwald
Niumaga
Der Goldene Drachen
Haithabu
Das Silberne Kreuz
Das Sklavenschiff
Die Verschwörung
Swingard
An der Dyle
Burg Felsstein
Jagd auf Draken
Die grüne Flagge
Heimkehr
Epilog
Bei der Suche nach den im 9. Jahrhundert gebräuchlichen Ortsnamen orientierte ich mich an Veröffentlichungen der Monumenta Germaniae Historica, Grässe: Orbis latinus, Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte, The Anglo-Saxon Chronicle sowie Angaben zu den erwähnten Orten in elektronischen Medien. Die Entstehung von Ortsnamen ist auch heute noch Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Viele Orte hatten über die Jahrhunderte hinweg wechselnde Namen. Die hier gewählten Bezeichnungen erheben daher keinen Anspruch auf absolute Richtigkeit.
im 9. Jahrhundert
heute
Abbatis villa
Abbeville
Alabu
Aalborg
Ambianis
Amiens
Andegavis
Angers
Antunnacum
Andernach
Antverp
Antwerpen
Apuldre
Appledore
Aquis
Aachen
Arelate
Arles
Arenacum
Arnheim
Arus
Aarhus
Ascloha
Asselt
Attiniacus
Attigny
Augustiburc
Augsburg
Aurelianum
Orleans
Autricum
Chartres
Bajocae
Bayeux
Basilia
Basel
Batavia
Passau
Bebbanburgh
Bamburgh
Biturigae
Bourges
Bonna
Bonn
Bononia
Boulogne
Brema
Bremen
Burdigala
Bordeaux
Cantwarabyrig
Canterbury
Carnotus
Charleroi
Catalaunum
Chalons-sur-Marne
Cippanhamm
Chippenham
Cirrenceastre
Cirencester
Cluserado
Klüsserath
Colonia
Köln
Confluentes
Koblenz
Cortoriacum
Kortrijk
Curia Raetorum
Chur
Diusburh
Duisburg
Dunelm
Durham
Dusiaca
Douzy
Ebilizdorf
Ebsdorf
Elia
Ely
Eresfurt
Erfurt
Escanceaster
Exeter
Ethandun
Edington
Ethelinga
Athelney
Franconofurd
Frankfurt
Gallorum
Vienne
Ganda
Gent
Geneva
Genf
Gundolfi
Gondreville
Hammaburg
Hamburg
Haithabu
Haithabu
Helsinga
Helsingborg
Herispich
Rindern
Hildesia
Hildesheim
Hugstaeth
Hollingstedt
Icorigium
Jünkerath
Jorvik
York
Juliacum
Jülich
Lauresham
Lorsch
Leek
Leck
Legroceaster
Leicester
Leodium
Lüttich
Lione
Lyon
Lingonum
Langres
Loven
Löwen
Lundenburgh
London
Magadoburg
Magdeburg
Magontia
Metz
Marningum
Mehring
Martiacum
Mötsch
Mersiburc
Merseburg
Matisco
Macon
Mettis
Metz
Nannetum
Nantes
Nemausa
Nimes
Niumaga
Nijmegen
Niusa
Neuss
Othania
Odense
Parisius
Paris
Paderbrunna
Paderborn
Pictavium
Poitiers
Praha
Prag
Prumia
Prüm
Quintiniacum
St. Quentin
Randusium
Randers
Reganesburg
Regensburg
Remis
Reims
Ribodi
Ribemont
Ripae
Ribe
Roma
Rom
Roschald
Roskilde
Ruremonda
Roermond
Salzburch
Salzburg
Santogallum
St. Gallen
Sedroch
Namur
Soiacum
Schweich
Sexonas
Soissons
Stethu
Stade
Strateburgis
Straßburg
Tarvenna
Therouanne
Thimiun
Thimeon
Tolosa
Toulouse
Tolpiacum
Zülpich
Trajectum ad Mosam
Maastricht
Trajectrum ad Rhenum
Utrecht
Treveris
Trier
Tudinio
Thuin
Turonum
Tours
Ulma
Ulm
Vadomaer
Wedmore
Vilburgus
Viborg
Virdunum
Verdun
Vulda
Fulda
Wintanceastre
Winchester
Werham
Wareham
Wormatia
Worms
Wirzaburg
Würzburg
Zutfania
Zutphen
Das folgende Verzeichnis nennt die wichtigsten Akteure. Die Namen der historischen Personen wurden durch eine kursive Schreibweise gekennzeichnet.
OSTFRANKEN
Ludwig III., König, 876–882 in Franken, Sachsen, Thüringen;
ab 880 in Bayern und Lotharingien
Liutgard von Sachsen, seine Gemahlin
Hugo, illegitimer Sohn Ludwigs, gefallen 880 bei Thimiun Karl III., König in Ostfranken 876–887, in Italien 879–887, in Bayern, Franken und Sachsen 882–887, in Westfranken 885–888; römischer Kaiser 881–887, abgesetzt 887 Arnulf von Kärnten, König in Ostfranken 887–899; römischer Kaiser 896–899
Heinrich, Markgraf von Franken, Heerführer, gefallen vor Parisius
Otto, Herzog von Sachsen
Gerulf, Graf von Kennemerland
Everhard Saxo, Graf von Hamaland
Gerfrid, Führer der Kundschafter
Ingo, Kundschafter
Rolf und Bodo, Kämpfer der Sachsen
Giselher, Maier auf Felsstein, Führer der Panzerreiter der Abtei Prumia
WESTFRANKEN
Ludwig III., König 879; ab 880 (nach der Reichsteilung)
König in Francia und Neustrien
Karlmann II., König 879; ab 880 (nach der Reichsteilung)
König von Aquitanien und Burgund; 882–884 Alleinherrscher in Westfranken
Hugo Abbas, Regent 880–882
Karl II., König ab 840
LOTHARINGIEN
Hugo, Herzog im Elsass, Sohn König Lothars II. geblendet 885 nach misslungener Verschwörung gegen das Reich
Gisela, Tochter König Lothars II., spätere Herzogin von Friesland
FELSSTEIN
Gernot, Edelfreier von Felsstein
Hilda, seine Frau
Falko, ihr Sohn
WALDTAL
Gunter, Edelfreier von Waldtal
Lioba, seine Frau
Oda, ihre Tochter
DÄNEN
Guthrum, König von East-Anglia
Gottfried, Führer der Wikinger, ab 882 Herzog von Friesland,
Vorm, Hals, Hastings, Ortwigh, Fürsten (Jarle) der Wikinger
Draken, Seekönig, Führer des Goldenen Drachen
Kelly der Sklaventreiber, Besitzer eines Handelsschiffs
ENGLÄNDER
Alfred, König von Wessex 871–899
Richard von Durhem, Lord
ÄBTE DER REICHSABTEI PRUMIA
Ansbald 860–886
Farabert I. 886–892
Regino 892–899
ÄBTE DER REICHSABTEI LAURESHAM
Babo 876–881
Walther 881–882
Gerhard, 883–893
KIRCHENFÜRSTEN
Willibert, Erzbischof von Colonia 870–889
Liutbert, Erzbischof von Magontia 863–889;
Erzkanzler der Ostfranken 870–882 sowie 887
Gauzlin, Abt von St. Denis;
Erzkanzler der Westfranken 867–882
Bertulf, Erzbischof von Treveris 869–883
Radbod, Erzbischof von Treveris 883–915
SONSTIGE
Swingard, heilkundige Friesin
Rütger, Mönch und Kellermeister in Prumia
Hartwig, heilkundiger Mönch
Sindbald und Gerfrid, Schiffsführer aus Sachsen
Helmfried, Schweinehirt
Folker und Frauke, Bedienstete auf Felsstein
Onnen, freier Bauer in Friesland
Frodewin, Fischer am Main
In der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts verstärkten dänische Wikinger ihre Angriffe auf England. Nach der Eroberung von Northumbria, Mercia und East-Anglia nahmen sie 871/872 ihren Wintersitz in Lundenburgh. Es folgten mehrjährige Anstrengungen, um auch Wessex, das letzte verbliebene Königreich, zu unterwerfen.
Im Frühjahr 878 gelang es Alfred, König von Wessex, das Heer der Wikinger, unter Führung von Guthrum, in der Schlacht bei Ethandun entscheidend zu besiegen, ihren Stützpunkt Chippenham einzuschließen und ihre Einheiten nach erfolgreicher Belagerung zur Aufgabe zu zwingen. Im Vertrag von Wedmore verpflichtete sich Guthrum, zum Christentum überzutreten. Wenige Wochen nach Beendigung der Feindseligkeiten wurden er und seine wichtigsten Fürsten getauft.
Das dänische Heer zog zunächst nach Cirencester in Mercia und 879 weiter nach East-Anglia. Dort ließ sich Guthrum nieder und teilte das Land unter seinen Gefolgsleuten auf.
Durch diese Entwicklung entmutigt, trennten sich mehrere Jarle und eine große Anzahl von Kämpfern von Guthrum und schlossen sich dänischen Einheiten an, die in Fulham – vor den Toren von Lundenburgh – lagerten.
Im Sommer 879 setzten die Wikinger mit mehreren Tausend Kämpfern und einer Flotte von 250 Langschiffen auf das westfränkische Festland über.
Nach der Landung an der Küste nahe Calais wurden die Stadt Tarvenna und die Abtei von St. Bertin verwüstet. Danach plünderten die Dänen Ganda sowie das Kloster St. Bavo, in dessen Nähe sie ihr Winterquartier errichteten. Im November 880 fuhren sie den Fluss Lys hinauf, errichteten bei Cortoriacum einen weiteren Stützpunkt und überzogen das Land mit Feuer und Schwert. Städte, Dörfer, Gutshöfe, Klöster und Burgen wurden ausgeraubt und verbrannt, die Bevölkerung getötet oder in die Sklaverei verschleppt.
Die Führer der Wikinger unterhielten ein umfangreiches Netz von Kundschaftern und verfügten über umfassende Informationen, die es ihnen ermöglichten, die politische, wirtschaftliche und militärische Situation im West- und Ostfrankenreich stets richtig einzuschätzen.
Bei ihren Plünderungszügen trafen sie auf geringen Widerstand der karolingischen Herrscher, da diese permanent mit der Sicherung ihrer Machtbereiche beschäftigt waren und keine Kraft fanden, dem Aggressor entschlossen entgegenzutreten.
Durch den Einsatz schneller Langschiffe, die aufgrund ihrer speziellen Bauweise sowohl für Fahrten über das offene Meer als auch in Binnengewässern hervorragend geeignet waren, besaßen die Wikinger die Fähigkeit zu schnellen Angriffen und raschen Rückzügen. Der Mut und die Kampfkraft ihrer Krieger waren gefürchtet.
Viele Fürsten und einflussreiche kirchliche Würdenträger in den karolingischen Reichen sahen in den Nordmännern eine ernste Bedrohung für das gesamte christliche Abendland.
Ostfranken nach der Reichsteilung von Verdun/Ribemont 879/880. Grenzverlauf: vereinfachte Darstellung.
Der wolkenlose Himmel über dem Tal der Mosel war azurblau. Die Sonne brannte auf den sandigen Boden des Platzes neben der alten, wohl zehn Fuß hohen Steinmauer, die Felsstein, das ehemals römische Landgut, umgab.
Es war ungewöhnlich warm in diesem Sommer. Trotz der Hitze trugen die beiden Männer, die hier den Schwertkampf übten, einen mit Nasen- und Nackenschutz versehenen Spangenhelm, bis zu den Knien reichende Schuppenpanzer sowie mit eisernen Platten verstärkte Beinschützer. Beide hatten einen hölzernen, mit einem eisernen Ring eingefassten und einer metallenen Platte verstärkten Buckelschild über den linken Arm gezogen und führten die Spatha, ein zweischneidiges, einhändiges Langschwert.
Man musste schon genau hinsehen, um zu erkennen, dass es sich um Männer verschiedenen Alters handelte, denn beide waren fast gleich groß und von athletischer Gestalt.
Der Juli war in diesem Jahr außerordentlich regenarm geblieben und die ausgetrocknete obere Sandschicht des Platzes hatte sich unter den ledernen Stiefeln der Kämpfer in feinen Staub verwandelt, der in ihre Atemwege kroch.
Die Männer husteten und keuchten vor Anstrengung, während ihnen der Schweiß in schmalen Rinnsalen über Gesicht und Hals lief, um schließlich im Leinenhemd, das sie unter dem Schuppenpanzer trugen, zu versickern.
Das Gefecht dauerte schon eine ganze Weile, ohne dass es einem der Kontrahenten gelungen war, einen entscheidenden Vorteil zu erringen. Der ältere Kämpfer variierte die Position ständig und seine meist überraschend vorgetragenen Angriffe zwangen den Gegner immer wieder in die Defensive.
Der Gutshof, gelegen auf einem Plateau oberhalb der Weinberge, war an seiner nördlichen Seite von hohen Eichen umgeben, deren mächtiges Blattwerk Teile der Mauer bedeckte, welche die Anlage weiträumig umschloss. Oben, auf der breiten Brüstung sitzend und durch das Laub der Bäume den Blicken der Kämpfer entzogen, verfolgte Gernot, der Besitzer des Anwesens, den Verlauf des Gefechts mit fachmännischem Blick. Immer dann, wenn es dem Jüngeren gelang, seinen Gegner in Bedrängnis zu bringen, huschte ein anerkennendes Lächeln über sein braun gebranntes Gesicht.
Es hatte lange gedauert, bis Gernot, der Edelfreie von Felsstein, von den Verletzungen genesen war, die er sich im Oktober 876 in der siegreichen Schlacht bei Antunnacum zugezogen hatte. Als Parteigänger der ostfränkischen Karolinger stritt er seinerzeit für das Banner König Ludwigs II. gegen den westfränkischen König Karl. Es sollte sein letztes Gefecht werden, denn nachdem ihm ein gegnerischer Panzerreiter die Sehnen des Schwertarms mit einer Flügellanze durchtrennt hatte, war es ihm nicht mehr möglich, eine Waffe zu führen.
Während er noch seinen Gedanken nachhing, ging der Kampf in die entscheidende Phase. Kopfschüttelnd musste er mit ansehen, wie sein Sohn Falko immer häufiger auf die Finten seines Ausbilders Giselher hereinfiel.
Der junge Felssteiner neigte in solchen Situationen zu ungestüm vorgetragenen Attacken. Auch jetzt vergaß er wieder jede Vorsicht und drängte seinen Gegner mit gewaltigen Hieben bis kurz vor die Mauer. Es war nicht zu übersehen, dass er sich für das heutige Gefecht einiges vorgenommen hatte.
Als Giselhers Gegenwehr mehr und mehr nachließ, sah er sich bereits als Sieger. Schon überzog ein triumphierendes Lächeln sein Gesicht und er spürte ein bisher noch nicht gekanntes Gefühl von Überlegenheit.
Doch genau in diesem Augenblick konterte sein Ausbilder den kräftezehrenden Sturmlauf seines Schützlings. Er drückte den jungen Mann mit Schild und Körpergewicht so heftig zurück, dass dieser für einen kurzen Moment die Balance verlor. Bevor er wieder festen Stand fand, schlug ihm Giselher mit der breiten Seite seines Schwertes auf die Hand, sodass die Waffe zu Boden fiel.
Verblüfft blickte Falko zunächst auf sein Schwert und dann auf die Klinge seines Gegners, die sich nur eine Handbreit vor seinem Hals befand. Kopfschüttelnd senkte Giselher die Waffe, rammte sie vor sich in den Boden, stemmte beide Fäuste in die Seiten und rief mit gereizter Stimme: »Wo bist du nur mit deinen Gedanken!? Was predige ich dir nun seit Wochen?«
»Wer sein Schwert verliert, ist so gut wie tot«, erwiderte Falko mürrisch und rieb sich die schmerzende Hand.
»Du sagst es. Und warum fliegt dir das verdammte Ding heute schon zum zweiten Mal um die Ohren?«
»Wenn ich das nur wüsste! Hat wahrscheinlich mit Magie zu tun.«
»So, so. Mit Magie also!« Giselher grinste. »In der Erfindung von Ausreden bist du nicht zu übertreffen. Für mich ist dieses Stolpern, das dich immer wieder aus dem Gleichgewicht bringt, wohl eher auf eine falsche Fußstellung zurückzuführen. Doch genug für heute!«
Während Gernot, der nur mit Mühe ein lautes Lachen unterdrücken konnte, die Mauerbrüstung verließ, steckten die beiden Männer ihre Schwerter in die Scheiden und begaben sich schnellen Schrittes zum im Innenhof gelegenen Brunnen. Dort legten sie ihre Waffen ab und entledigten sich der Rüstung.
Giselher trat an den Brunnenring, löste den Sicherungsbolzen der Winde, ließ den hölzernen Zuber in den Schacht hinunter und kurbelte das mit frischem Wasser gefüllte Gefäß an die Oberfläche. Nachdem er seinen Durst gestillt hatte, schüttete er sich das verbliebene Nass über die vom Schweiß verklebten Haare.
Während Falko seinen Körper mit einem kräftigen Schwall kalten Wassers übergoss und den Zuber mit langen Zügen leerte, betrachtete Giselher seinen Schützling verstohlen von der Seite. Was sein Blick sah, erfüllte ihn mit Zuversicht. Vor ihm stand ein muskelbepackter, hochgewachsener Athlet, dessen blonde Haarpracht bis auf seine Schultern fiel.
Von dem ehemals schmächtigen Jungen, dem die Mitschüler in der Klosterschule und die übermütigen Bauernburschen in früheren Jahren ungestraft so manchen Hieb versetzt hatten, war nichts mehr zu sehen. Heute würde es kaum jemand wagen, mit diesem Hünen einen Streit zu beginnen.
»Deine Kampftechnik wird von Woche zu Woche besser. In den nächsten Tagen zeige ich dir, wie man dem Gegner das Schwert aus der Hand schlägt und trotz einer überraschenden Attacke einen festen Stand behält. Wenn du auch diese Lektionen beherrschst und endlich lernst, deine Ungeduld zu zügeln und die Kräfte besser einzuteilen, wirst du für jeden Schwertkämpfer nur schwer zu bezwingen sein.«
Falko blickte seinen Ausbilder überrascht an, denn ein Lob aus Giselhers Mund besaß in der Tat Seltenheitswert. Er fühlte einen gewissen Stolz und darüber hinaus einen gewaltigen Hunger, der ihn schnurstracks in die Küche des Gutshauses führte, in der seine Mutter Hilda zusammen mit Frauke, einer jungen Frau, die ihr bei der Arbeit in Haus und Hof zur Hand ging, das Mittagsmahl bereitete.
Auch Giselher folgte dem verführerischen Duft des gebratenen Fleisches, der aus dem schmalen Fenster der Küche in den Innenhof zog. Bevor er jedoch seinen Fuß über die Schwelle des Hauses setzen konnte, rief ihn Gernot, der vor den Stallungen der Pferde stand, zu sich.
»Du siehst ein wenig angestrengt aus«, begrüßte er seinen Freund lachend.
»Das liegt an deinem Sohn, der mich inzwischen ordentlich fordert. In den nächsten Tagen werde ich ihm noch einige spezielle Kampftechniken beibringen. Und dann musst du dir um Falko keine Sorgen mehr machen. Er wird einer unserer Besten. Wie du weißt, bin ich mit Lob sehr sparsam. Doch heute musste ich ihm für seine Kampfführung Anerkennung zollen.«
»Aber er neigt nach wie vor dazu, seinen Gegner zu unterschätzen«, erwiderte Gernot. »Auch heute fühlte er sich bereits als Sieger und war von deiner plötzlichen Attacke mehr als überrascht.«
»Woher kennst du eigentlich den Verlauf des Gefechts?« Giselher, dem der Platz auf der Mauer durchaus bekannt war, schaute seinen alten Freund mit gespielter Überraschung an. »Du hast recht. Falko muss noch lernen, jeden Gegner ernst zu nehmen.«
Während sie sich langsamen Schrittes dem Haupthaus näherten, gingen Gernots Gedanken zurück bis zu jenem Tag vor nunmehr fünf Jahren, an dem er seinen Sohn aus Prumia zurückholte. Dort, in der berühmten scholae monasticae claustrales, der Klosterschule der Reichsabtei, hatte Falko als exteriores eine umfassende Ausbildung erhalten.
Schmunzelnd erinnerte er sich an die Versuche des Abts, seinen Sohn mit dem Status eines interiores aufzunehmen, damit er sein Leben Gott und der Kirche weihen konnte. Doch davon wollten weder er noch seine Frau Hilda etwas wissen.
»Woran denkst du gerade?« Giselher blickte seinen Freund fragend an.
»Erinnerst du dich noch an den Tag, als Falko nach Felsstein zurückkehrte? Er war schlaksig und hochgewachsen. Von Muskeln war nichts zu sehen. Du hast aus ihm inzwischen einen Athleten gemacht und dafür bin ich dir dankbar.«
»Ich möchte nicht wissen, wie oft mich der Junge in den letzten Jahren als Schinder verflucht hat«, erwiderte Giselher lachend. »Doch wenn man ein außergewöhnlicher Kämpfer werden will, muss man bereit sein, sich über eine lange Zeit zu quälen.«
Giselher machte eine kurze Pause und wiegte seinen Kopf hin und her. »Auch als Bogenschütze würde sich Falko bestens eignen. Ich kenne viele Männer, die gut mit Pfeil und Bogen umgehen können. Doch dein Sohn entwickelt ein ungewöhnliches Gespür für diese Waffe. Und er handhabt sie in einer Weise, wie ich es bisher noch nie sah.
Als wir gestern auf die runden Scheiben schossen, traf ich drei Mal den Rand des schwarzen Kreises. Doch jedes Mal übertraf mich Falko, indem er seine Pfeile genau in das Zentrum schoss. Aber was rede ich. Wir wollen ihn ja nicht bei den Fußtruppen, sondern als Panzerreiter einsetzen. Damit er sein Talent nutzen kann, werde ich ihm raten, neben den üblichen Waffen auch Pfeil und Bogen mit sich zu führen. In wenigen Tagen beginnen wir mit der reiterlichen Ausbildung.«
»Vielleicht könnte ich dir dabei ein wenig …«, begann Gernot mit leuchtenden Augen.
»Nichts da, du bist jetzt nur noch Gutsbesitzer«, unterbrach ihn Giselher und hob abwehrend beide Hände. »Du hast genug getan für das Banner unserer Ostfranken.«
»Schon gut, mein Freund«, murmelte Gernot. »Soll wohl nicht sein, dass der Vater mit dem Sohne …« Er seufzte und zuckte ergeben mit den Schultern.
Unmittelbar nach Falkos Rückkehr hatte Gernot damit begonnen, seinen Sohn mit den vielfältigen Aufgaben eines Grundherrn vertraut zu machen. Er erlernte die Bewirtschaftung der Felder, Weinberge und Wälder sowie den Umgang mit den Tieren, die auf dem Gut gehalten wurden. Auch die Führung der Verzeichnisse über Ernteerträge, den Verkauf der auf Felsstein produzierten Waren, Einkäufe von Material und Saatgut sowie die Erfassung der Einnahmen und Ausgaben galt es zu beherrschen.
Besonderen Wert legte Gernot auf eine anständige Behandlung aller zur Grundherrschaft Felsstein gehörenden Hufenbauern, die ihm als seine Lehnsleute Abgaben und Dienstleistungen schuldeten und denen er Schutz für Leib und Leben zu garantieren hatte.
Als Falko fünfzehn Jahre alt geworden war, hielt Gernot den Zeitpunkt für gekommen, ihn zum Kämpfer ausbilden zu lassen. Dieser Schritt war ihm nicht leichtgefallen und er hatte sich lange mit seiner Frau Hilda beraten. Doch nachdem er selbst für den Dienst an der Waffe nicht mehr tauglich war, ging die Verpflichtung zur Heeresfolge auf seinen Sohn über.
Sein Freund, der Freie Giselher – seit vielen Jahren als Meier auf Felsstein tätig –, erklärte sich zu Gernots Freude bereit, Falkos Ausbildung zu übernehmen. Giselher, der in Kriegszeiten die Panzerreiter der Reichsabtei Prumia befehligte, galt als gefürchteter Kämpfer, der sich bei Graf Heinrich, dem Heerführer der Ostfranken, großer Wertschätzung erfreute.
Falko hatte die Entscheidung seiner Eltern mit Freude aufgenommen. Zusammen mit Giselher besuchte er den Schmied in Treveris und wenige Wochen später war er stolzer Besitzer einer Rüstung nebst Waffen.
Damals ahnte er noch nicht, welch harte Zeiten ihm bevorstanden, denn Giselher erwies sich als unerbittlicher Lehrer, der seinen Schützling oftmals bis an die Grenzen seiner körperlichen Leistungsfähigkeit forderte. Und obwohl Falko durchaus bewusst war, dass er die Früchte dieser Quälerei eines Tages ernten würde, gab es Zeiten, in denen er seinen Ausbilder zum Teufel wünschte. Sooft es die Arbeit in den Weinbergen, Wäldern und Fluren erlaubte, übten sie den Kampf mit Schwert, Flügellanze, Pfeil und Bogen sowie das Reiten, Laufen und Schwimmen.
Am Tage vor Falkos zwanzigsten Geburtstag ritten Gernot und Giselher hinüber nach Treveris. In der ehemaligen römischen Metropole mit ihren Kirchen, Toren, Plätzen und Palästen weilte Falko für sein Leben gern. Er war daher enttäuscht, als ihm sein Vater ohne Angabe von Gründen bedeutete, dass er dieses Mal nicht mit ihnen reiten konnte.
Um die Mittagszeit des nächsten Tages – seine Mutter Hilda und alle Bediensteten hatten ihm bereits zum Geburtstag gratuliert – kehrten die beiden Männer zurück.
Zu Falkos Überraschung hatte sein Vater Gernot ein neues Pferd mitgebracht. Folker, der für die Tiere des Guts zuständig war, eilte hinzu und befreite die verschwitzten Pferde von Sattel und Zaumzeug.
Als Falko die Stallgasse betrat, war sein Vater gerade damit beschäftigt, dem neuen Pferd, ein unruhig hin und her tänzelnder Hengst, Halfter und Fürstrick umzulegen. Ohne weitere Erklärungen bedeutete er seinem Sohn, ihm auf die große Weide zu folgen, die direkt hinter der Umfassungsmauer des Gutes lag. Hier wartete Giselher bereits an der Einzäunung und öffnete das breite Gatter.
Falko hatte nur noch Augen für den herrlichen Rappen mit dem glänzenden Fell, unter dem das Spiel der Muskeln zu sehen war. Eine lange dichte Mähne bedeckte den Hals und der Schweif fiel fast bis auf die Erde. Schnaubend nahm er sein neues Revier in Besitz und jagte in atemberaubendem Tempo über den grasbewachsenen Boden. Die Männer waren fasziniert von so viel Schönheit und Kraft.
»Ich hoffe sehr, dass dir der Hengst gefällt.« Gernot legte den Arm um die Schultern seines Sohnes. »Wir haben ihn auf einem Gut in der Nähe von Treveris gekauft. Das Gestüt gehört meinem alten Freund Gunter von Waldtal, der sich einen guten Namen als Züchter gemacht hat und viele Fürsten zu seinen Kunden zählt. Deine Mutter und ich schenken dir dieses Pferd zu deinem zwanzigsten Geburtstag.«
»Das ist ein wunderschönes Tier.« Falko fiel seinem Vater freudestrahlend um den Hals.
»Wie willst du ihn nennen?«
»Er soll Sturm heißen.«
»Ein guter Name.« Gernot nickte zustimmend. »Wird seinem Temperament gerecht.«
Der Hengst erwies sich als außerordentlich gelehrig und unter der Anleitung von Giselher verbesserte Falko seine reiterlichen Fähigkeiten von Tag zu Tag.
Zufrieden registrierte sein Ausbilder, der als großer Pferdekenner galt, dass es Falko gelungen war, ein besonderes Vertrauensverhältnis zu seinem Hengst aufzubauen.
Zusätzlich zu den Standardlektionen brachte er ihm bei, so lange auf einer Stelle stehen zu bleiben, bis er ihn zu sich rief. Für den Fall, dass er sich von seinem Pferd weit entfernen musste, hatte er einen speziellen Pfiff einstudiert. Sobald dieser ertönte, setzte sich Sturm in Bewegung und stand kurz darauf schnaubend vor seinem Herrn. Zu diesem Zeitpunkt konnte der Felssteiner noch nicht ahnen, dass sich diese Fähigkeit eines Tages als lebensrettend erweisen sollte.
Es war Sonntag. Die Familie saß nach dem Kirchgang in der großen Wohnstube beisammen und sprach über die bevorstehende Getreideernte, als Giselher eintrat und zu Falko gewandt sagte: »Ich reite morgen in die Abtei. Dort versammeln sich meine Panzerreiter. Ich schlage vor, dass du mich begleitest und an den Übungen der Männer teilnimmst.«
Falko hatte keinerlei Einwände, war es doch schon immer sein Wunsch gewesen, sich den Reitern anzuschließen.
Am nächsten Morgen machten sie sich auf den Weg und verbrachten die erste Nacht im ehemaligen fränkischen Königshof Martiacum, der zu den Besitzungen des Klosters gehörte.
Um die Mittagszeit des darauffolgenden Tages erreichten sie die Abtei im Tal der Prüm.
Sie überließen ihre Pferde den Stallknechten und bezogen Quartier im Gästehaus. Im Laufe des Nachmittags trafen sämtliche Reiter ein.
Nachdem Giselher seine Männer begrüßt und ihnen die für die nächsten Tage geplanten Übungen erläutert hatte, begab er sich zusammen mit Falko in das Abtshaus. Bei Eintritt der beiden Besucher unterbrach Ansbald von Luxemburg das Studium eines Dokuments und erhob sich. »Schön euch zu sehen. Hattet ihr eine gute Reise?«
Giselher nickte. »Wir haben wie immer in Martiacum Quartier genommen. Eure Reiter sind inzwischen eingetroffen. Ich konnte sie bereits begrüßen und auf die morgen beginnenden Übungen einstimmen. Im Mittelpunkt steht diesmal die Ausbildung der Pferde. Hier sehe ich großen Nachholbedarf.«
Der Abt schaute Giselher erstaunt an. »Ich war bisher der Ansicht, dass unsere Männer gute Reiter sind.«
»Da mögt Ihr recht haben. Das reicht aber keinesfalls aus. Mensch und Tier sollten im Kampf eine Einheit bilden. Pferde sind von Natur aus Fluchttiere, die oft scheuen und ausbrechen. Wir müssen ihnen die Angst vor Feuer, Lärm, flatternden Wimpeln sowie verletzten Menschen oder Artgenossen nehmen. Sie müssen lernen, unseren Gegnern nicht auszuweichen, sondern sie über den Haufen zu reiten.
Es ist mein Wunsch, dass sich Falko an den Übungen beteiligt. Er hat inzwischen sämtliche Lektionen gelernt, die ein Panzerreiter beherrschen sollte und möchte sich Euren Männern anschließen.«
»Das hängt nicht allein von mir ab«, erwiderte Ansbald. »Wie du weißt, sind die Felssteiner keine Lehnsleute der Abtei, sondern Edelfreie, die nur dem König unterstehen.
Folglich kann nur dieser oder sein Heerführer darüber entscheiden, welcher Einheit Falko zugeordnet werden soll. Da sie jedoch seit Generationen eine besondere Beziehung zu unserem Kloster haben und praktisch zur familia zählen, werde ich diese Angelegenheit bei meinem nächsten Besuch in Franconofurd mit Graf Heinrich bereden. Bis eine endgültige Entscheidung vorliegt, darf sich Falko unseren Reitern anschließen. Wenn ich es recht überlege, ist dein Vorschlag für die Abtei sogar von Vorteil.«
»Was meint Ihr damit?« Falko, der dem Gespräch aufmerksam zugehört hatte, blickte fragend in das verschmitzt lächelnde Gesicht des Abts.
»Die Ausrüstung eines Panzerreiters ist ziemlich teuer. Abgesehen von Rüstung und Waffen sollte er auch zwei Pferde besitzen. Die Reiter müssen auf einem Heerzug von zuverlässigen Männern begleitet werden, die Ausrüstung und Verpflegung auf Wagen transportieren. Der König hat den Fürsten sowie den Abteien des Reiches die Anzahl der Panzerreiter, die bei einem Heerbann aufgeboten werden müssen, vorgegeben. Wir haben vierzig Reiter zu stellen, die Giselher aus unseren Scharmannen rekrutiert hat.
Allen Kämpfern wurde ein angemessenes feudum gewährt, das aus Haus, Ackerland und Privilegien besteht. Mit dem Ertrag aus diesem Besitz sind die Männer in der Lage, einen Teil der Ausrüstung zu erwerben. Die Abtei übernimmt die Aufwendungen für Helm, Schuppenpanzer und Waffen. Auch die Pferde stellen wir zur Verfügung. Ich denke, dass wir damit alles Notwendige für unsere Kämpfer getan haben.«
Während der Ausführungen des Abtes hatte Giselher mehrfach zweifelnd den Kopf geschüttelt. Es schien, als sei er mit dessen Erklärungen nicht zufrieden.
Dem Abt war der Unmut des Führers seiner Reiter nicht entgangen. »Mir scheint, dass du meine Ausführungen nicht billigst. Sage mir offen, wie du die Dinge siehst«, sagte er und sah Giselher erwartungsvoll an.
»Verehrter Abt! Bei allem Respekt, aber ich muss Euch daran erinnern, dass wir in der Schlacht bei Antunnacum acht Männer verloren haben. Die meisten von ihnen starben aufgrund ihrer schlechten Ausrüstung. Damit meine ich nicht nur die fehlenden oder miserabel gearbeiteten Schuppenpanzer, sondern auch die mangelnde Qualität der Waffen.
An dieser misslichen Lage hat sich, trotz meiner mehrfach vorgetragenen Beanstandungen, bis heute nicht das Geringste geändert. Zwar werden sich Verluste bei einem Heerbann nie ganz vermeiden lassen, aber wir müssen bessere Voraussetzungen für das Überleben unserer Reiter schaffen.
Ich möchte mit Euch auch über die Familien eines im Kampf gefallenen Mannes sprechen. Mein Vorschlag wäre, ihnen das von der Abtei gewährte feudum auf Lebenszeit zu überlassen. Ein solcher Schritt würde sich positiv auf die Moral der Kämpfer auswirken und wir würden – für alle sichtbar – unserer besonderen Verantwortung als Christen nachkommen.«
»Ich weiß, dass dir das Wohlergehen der Männer und ihrer Familien sehr wichtig ist«, erwiderte Ansbald. »Lass mir ein wenig Zeit, um deine Vorschläge zu bedenken. Es wäre für unsere Überlegungen jedoch hilfreich, wenn du uns sagen könntest, mit welchen Aufwendungen die Abtei künftig zu rechnen hat. Wie ich dich kenne, hast du diese bereits ermittelt.«
»Ihr solltet künftig mit etwa sechs bis acht Pfund Silber für die Ausrüstung eines Kämpfers rechnen. Das wurde mir auch in der Abtei Vulda bestätigt.«
»Und schlechter als die Reiter aus Vulda sollten wir unsere Männer keinesfalls stellen. Das ist doch wohl der Kern deiner Botschaft, nicht wahr?«
»Ich hätte es selbst nicht besser sagen können«, erwiderte Giselher lächelnd.
»Gut, wir lassen dich unsere Entscheidung in Kürze wissen. Ansonsten bleibt es dabei, dass die Panzerreiter in Friedenszeiten, genau wie die übrigen Scharmannen, Botendienste zu Fuß, Pferd und Schiff übernehmen sowie bewaffnete Eskorten bilden, die Uns und andere Mitglieder des Konvents auf Reisen begleiten.«
Giselher nickte zustimmend und der Abt wandte sich Falko zu. »Du hast es gehört. Wenn du dich den Panzerreitern anschließen möchtest, muss dein Vater Gernot tief in seine Tasche greifen.«
In den folgenden Tagen lernte Falko die Kämpfer der Abtei kennen und nahm an ihren Übungen teil. Durch seine Fähigkeiten als Reiter, Schwertkämpfer und Bogenschütze erwarb er sich schnell den Respekt der Männer.
Kurz bevor sie sich auf den Rückweg nach Felsstein machten, bat der Abt Giselher noch einmal zu sich. »Wir haben über deine Vorschläge nachgedacht und sind damit einverstanden, die Ausrüstung unserer Kämpfer zu verbessern. Die dafür entstehenden Aufwendungen übernimmt die Abtei. Wir lassen unverzüglich prüfen, in welcher Form den Hinterbliebenen eines im Kampf Gefallenen geholfen werden könnte.«
»Verehrter Abt, ich bin Euch dankbar, dass Ihr meinen Empfehlungen folgen wollt.«
Giselher, war die Erleichterung deutlich anzusehen. »Unsere Männer und ihre Familien werden Eure Großzügigkeit zu schätzen wissen.«
Giselher legte großen Wert darauf, dass sich sein Schützling in jedem Gelände orientieren konnte. Nach ihrer Rückkehr auf Felsstein unternahmen sie mehrtägige Ritte, die sie westwärts bis an das Ufer der Maas oder ostwärts bis zum Rhein führten. An manchen Tagen drangen sie tief in die bunten Laubwälder ein oder ritten auf die ausgedehnte, mit Pfeifengras bewachsene Torfheide, die im Herbst in rötlichen Tönen leuchtete. Ebereschen, Fichten, Weiden und knorrige Moorbirken verteilten sich auf der riesigen Fläche und verwandelten sich im Nebel zu unheimlich anmutenden, bizarren Gebilden.
Während Falko seine ganze Aufmerksamkeit auf den Boden richtete, um nicht in einem der moorastigen Wasserlöcher zu versinken, kam es vor, dass Giselher unbemerkt verschwand. Er wusste zwar, dass sein Freund ihn aus sicherer Entfernung beobachtete, bekam ihn jedoch nie zu Gesicht.
Neben den allgemeinen Kenntnissen der Himmelskunde, die Falko bereits in der Klosterschule erworben hatte, erlernte er nun die praktische Seite der Orientierung. Giselher zeigte ihm, dass dort, wo sich an den Stämmen der Bäume Moose und Flechten bildeten, Norden lag. Alleinstehende Bäume waren meist nach Südosten gebogen und einige Pflanzen drehten ihre Blüten nach Süden, um die volle Wärme der Sonne zu empfangen.
In den Wäldern und auf den ausgedehnten Wiesen und Heideflächen trafen sie häufig auf Rehe, Hirsche, Füchse und Wildschweine. Nur selten bekamen sie Braunbären oder Wölfe zu Gesicht. In den Wintermonaten, wenn die Landschaft unter einer dichten Schneedecke lag, hörten sie das Heulen hungriger Wolfsrudel, die auf der Suche nach Beute durch die Wälder streiften.
Unter Giselhers Anleitung lernte Falko Fährten zu lesen. Schon bald konnte er die Spuren den einzelnen Tiergattungen zuordnen und an den Hufabdrücken von Pferden erkennen, wie viele Reiter zu welcher Zeit unterwegs waren.
Seine Kenntnisse über den Verlauf der zum größten Teil aus der Römerzeit stammenden Heer- und Krönungsstraßen erweiterten sich beträchtlich. Allein auf sich gestellt, entwickelte er einen ausgeprägten Orientierungssinn und erreichte sein Ziel meist über alte Handelspfade oder auf verschlungenen Wegen durch die Täler der kleinen Flüsse, die der Mosel zustrebten.
Es war Mitte November. Über dem Moseltal lag zäher, dichter Nebel, der sich erst in den Mittagsstunden auflöste. Gernot war soeben aus Treveris zurückgekehrt. Wie jedes Jahr, brachte er einen Auftrag über zwei Dutzend Fässer Wein mit, die er Anfang Dezember in das Palais von Erzbischof Bertolf zu liefern hatte.
»Gibt es Neuigkeiten?« Giselher war in die Stube getreten und sah Gernot fragend an.
»Am Hof des Erzbischofs herrscht eine gewisse Unruhe. Ich habe das Gefühl, dass sich im Reich etwas zusammenbraut.«
»Klingt sehr geheimnisvoll. Um was geht es?«
»Über den Grund kann ich nur spekulieren, da mir niemand etwas Konkretes sagen konnte. Ich würde mich nicht wundern, wenn wir in Kürze zu einem Heerbann befohlen werden.«
»Zu einem Heerbann? Aber gegen wen?«
»Gegen Westfranken.«
Giselher schüttelte ungläubig den Kopf. »Wie kommst du nur auf eine solche Idee? Wenn es gegen die dänischen Wikinger gehen würde, die das Reich immer wieder mit ihren Geschwadern heimsuchen, könnte ich dir folgen. Aber gegen Westfranken? Ich glaube, du irrst dich!«
»Mag sein«, erwiderte Gernot. »Aber ich habe Augen im Kopf. Ich sah den Grafen von Parisius und Abt Gauzlin. Beide waren auf der Durchreise und kamen aus Franconofurd.
Diese Männer sind hohe Würdenträger im Reich der Westfranken. Es sind dieselben Fürsten, die vor gut einem Jahr in einen Aufstand gegen ihren eigenen König verwickelt waren.«
»Ich erinnere mich noch sehr genau an die Abfuhr, die unserem Herrn Ludwig durch die westfränkischen Fürsten in Virdunum bereitet wurde, als er versuchte, auch die Oberhoheit über das Westfrankenreich zu gewinnen«, erwiderte Giselher nachdenklich.
»Durchaus möglich, dass Ludwig seinen Traum von einem großen fränkischen Reich noch nicht aufgegeben hat, zumal seine Frau Luitgard, der man einen großen Einfluss auf den König nachsagt, ein solches Vorhaben unterstützen dürfte. Solltest du recht haben, erwarten uns unruhige Zeiten.«
Die Herbstsonne schickte ihre letzten Strahlen hinunter auf den Main und verwandelte das Wasser des Flusses in ein Meer glitzernder Perlen. Frodewin saß auf einem hölzernen Schemel vor seiner Kate, die er vor vielen Jahren auf einer vor Hochwasser sicheren Anhöhe erbaut hatte, und schnitt morsches Geflecht aus dem Boden einer Weidenreuse.
Nach einer Weile richtete er seinen Oberkörper auf und streckte sich seufzend. Jetzt, im fortgeschrittenen Alter von mehr als fünfzig Jahren quälten ihn immer häufiger Rückenschmerzen und es tat ihm gut, sich hin und wieder gegen die von der Sonne erwärmte Lehmwand zu lehnen.
Frodewin war Fischer und Nachfahre jener sächsischen Krieger, die Kaiser Karl vor mehr als achtzig Jahren zwangsweise am linken Mainufer angesiedelt hatte. Wie schon sein Vater war auch er am Main geboren. Keiner von ihnen hatte Sachsen, das Land ihrer Ahnen, jemals kennengelernt.
Nur sein Urgroßvater, der im Kampf gegen die fränkischen Eroberer an der Seite von Herzog Widukind ritt, hatte Zeit seines Lebens die Erinnerung an die alte Heimat wachgehalten.
An den langen Winterabenden, wenn Eisschollen auf dem Main trieben und dicke Schneeflocken durch die Luft wirbelten, saß die ganze Familie dicht gedrängt um das wärmende Feuer.
Gebannt hörten sie dem Alten zu, wenn er von dem sächsischen Heiligtum Irminsul, das Kaiser Karl zerstören ließ, oder der Eresburg erzählte, die auf einem Bergrücken über der Diemel thronte. Er berichtete von den Wäldern des Wiehengebirges, den kleinen Gehöften im Bergland an der Weser und der Nordsee, deren Wellen an Sachsens Küsten brandeten.
Als junger Mann hatte Frodewin mit seinem Vater in den großen Wäldern gejagt, die sich entlang des Main erstreckten. Nachdem die Hatz auf Wild ein Privileg des Grafen geworden war, mussten sie sich ganz dem Fischfang zuwenden. Der Fluss war reich an wohlschmeckenden Fischarten und die Nachfrage nach Forelle, Barbe, Aal, Barsch und Karpfen stieg mit der zunehmenden Besiedlung des Maintals.
Frodewin war unfrei und dem Pfalzgrafen zu Abgaben und Frondiensten verpflichtet. Dazu zählten die Belieferung seiner Küche mit Fisch sowie gelegentliche Transporte von Waren oder Personen auf dem Main. Der Erlös seiner Arbeit reichte für ein bescheidenes Leben.
Von seinem Platz aus verfolgte der alte Mann das geschäftige Treiben auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses.
An den Landungsstegen von Franconofurd lag eine große Anzahl von Kauffahrern, Fischerbooten und Lastkähnen. Dutzende von Männern verluden Basalt-, Kalk- und Sandbruchsteine auf Ochsenkarren, die auf dem schmalen Uferweg zum Transport bereitstanden.
Angefeuert von den Fuhrknechten, die ihre langen ledernen Peitschen knallen ließen, zogen die Tiere die schwere Fracht durch eine enge Gasse hinauf auf den Karmeliterhügel und dann über eine schmale Landbrücke hinüber zum Domberg. Dort waren Dutzende von Handwerkern mit der Errichtung neuer Gebäude beschäftigt. Die Pfalz von Franconofurd wuchs und war inzwischen neben Reganesburg zum wichtigsten Aufenthaltsort der ostfränkischen Herrscher geworden.
Gerade als der Fischer die Arbeit an der Reuse fortsetzen wollte, fiel sein Blick auf den schmalen Treidelpfad am Ufer des Main, auf dem sich ein Reiter in schnellem Galopp näherte. Er jagte am Holzsteg vorbei, an dem der Nachen des Fischers lag, parierte sein Pferd und näherte sich schnellen Schrittes.
Der Fremde, ein hochgewachsener, breitschultriger Jüngling von vielleicht neunzehn Jahren, trug langes blondes Haupthaar, das zu einem Zopf gebunden war, der ihm bis zwischen die Schulterblätter fiel. Seine Stiefel, die derbe Hose und das Lederwams starrten vor Schmutz. Selbst die beiden Gepäcktaschen, die er hinter den Sattel geschnallt hatte und in denen er wohl Waffen, Proviant und Kleidung mit sich führte, waren von einer grauen Schlammkruste überzogen.
»Du scheinst es ja mächtig eilig zu haben.« Frodewin wies auf den Fuchswallach, dessen breite Brust mit Schweißflecken und schaumigen weißen Flocken bedeckt war. »Du hast dein Pferd ganz schön rangenommen.«
»Kannst du mir sagen, wo ich die nächste Furt über den Main finde und wie ich auf dem schnellsten Weg in die Pfalz gelangen kann?«, fragte der Fremde, ohne auf die Bemerkung des Fischers einzugehen.
»Die Furt ist leicht zu finden. Reite noch ein Stück auf dem Weg, bis du einen schmalen Pfad erreichst, der hinunter an den Main führt. Der Pegel des Flusses ist derzeit sehr niedrig, denn es hat schon seit Wochen nicht mehr geregnet. Wenn dein Pferd keine Furcht vor Wasser hat, kommst du trockenen Fußes hinüber. Darf ich dich fragen, wer du bist und welche Geschäfte dich zu uns bringen?« Der Fischer sah den Fremden erwartungsvoll an.
»Das geht dich nun wirklich nichts an«, erwiderte der junge Mann mit abweisender Miene.
»Ganz wie du meinst.« Frodewin wandte sich achselzuckend ab und nahm seine Arbeit an der Reuse wieder auf, ohne dem Reiter weiter Beachtung zu schenken.
Der Fremde biss sich auf die Lippen und schalt sich ob seines abweisenden Verhaltens einen Esel, zumal ihm der Fischer die Frage nach dem schnellsten Weg in die Pfalz noch nicht beantwortet hatte. Es fiel dem jungen Mann sichtlich schwer, das Gespräch erneut aufzunehmen und so schwieg er zunächst und sah dem Alten bei seiner Arbeit zu.
Schließlich räusperte er sich verlegen und sagte mit leicht belegter Stimme: »Also gut. Ich bin Ingo, Kundschafter des Grafen Heinrich.«
Frodewins Gesicht blieb zwar äußerlich unbewegt, doch seine Augen lächelten, als er sagte: »Du hast Glück. Die Barke des Grafen liegt seit drei Tagen drüben am zweiten Steg. Sobald du den Fluss überquert hast, reitest du auf dem Uferweg bis vor die Schifflände.
Am besten du folgst dann den Ochsenkarren, die auch heute wieder Baumaterial auf den Domhügel bringen. Sie führen dich direkt vor das Eingangstor zur Pfalz unseres Herrn Ludwig.«
»Ich danke dir.« Ingo nahm die Zügel auf, gab seinem Pferd einen aufmunternden Klaps auf den Hals und machte sich auf den Weg.
Die Furt befand sich etwa vier Bogenschussweiten von der Behausung des Fischers entfernt. Vorsichtig ritt der Kundschafter seinen Fuchs in den Main. Das Wasser erreichte kaum die Sohlen seiner Stiefel, sodass er, wie es ihm der alte Mann vorausgesagt hatte, das gegenüberliegende Ufer trockenen Fußes erreichte.
Er trabte langsam an den Landungsstegen vorbei und folgte einem der schwer beladenen Ochsenkarren hinauf auf den Domhügel. Aufgrund seiner strategisch günstigen Lage hatte man auf Befestigungsanlagen wie Palisaden, Gräben oder Mauern verzichtet. Der Main und die Braubach, ein verlandeter Arm des Flusses, sowie ein sumpfiges Gelände, das als Fischerfeld bezeichnet wurde, bildeten einen natürlichen Schutz vor Angriffen.
Der Domhügel glich einer großen Baustelle. Neben der Salvatorkirche, einer dreischiffigen Basilika sowie der aula regia, dem zweistöckigen Saalbau, entstand ein Ensemble mit neuen Gebäuden. Vor dem Torhaus standen zwei Wächter, die den fremden Reiter aufmerksam beobachteten. Als sich Ingo anschickte, dem Ochsenkarren durch das Tor zu folgen, stellte sich ihm einer der Männer in den Weg.
»Halt! Steige vom Pferd und sage uns, wer du bist und was du in der Pfalz zu suchen hast«, rief er und richtete die Spitze seiner Lanze gegen die Brust des fremden Reiters.
»Wichtigtuer«, knurrte der Späher und sprang mit einer eleganten Flanke zu Boden. »Mein Name ist Ingo. Ich bin Kundschafter und habe Nachrichten für Graf Heinrich. Und nun gib den Weg frei!«
»Langsam, mein Freund«, sagte der Wächter. »Wie mir scheint, bist du zum ersten Mal in Franconofurd, denn sonst wüsstest du, dass jeder Besucher Pferd und Waffen abzugeben hat, bevor er diese Pfalz betritt.« Mit diesen Worten lehnte er seine Lanze an die Mauer, ging hinüber zum Wirtschaftshof und rief einen Stallknecht herbei, der gerade damit beschäftigt war, frisches Stroh in den Ständern der Rösser zu verteilen.
Während der Knecht Ingos Pferd, seine ledernen Gepäcktaschen und die Waffen übernahm, eilte der Wächter in den Saalbau. Schon nach wenigen Augenblicken kam er zurück und bedeutete dem Kundschafter, ihm zu folgen.
Im Erdgeschoss der aula regia befanden sich die Räumlichkeiten des Erzkapellans als Leiter der Hofkapelle sowie die Kanzlei, deren Mitarbeiter die Urkunden des Königs ausfertigten. Die Verantwortung für diesen Bereich trug der Kanzler. Auch der Rat des Königs, zu dem sowohl der Erzkapellan als auch der Pfalzgraf gehörten, waren hier untergebracht.
Ingo fiel auf, dass Bedienstete von Raum zu Raum hasteten oder in kleineren Gruppen zusammenstanden und angeregt diskutierten. Eine gewisse Spannung lag in der Luft. Bevor er seinen Begleiter nach dem Grund für die allgemeine Unruhe fragen konnte, öffnete sich eine Tür und Graf Heinrich trat auf den Gang.
»Ingo! Schön dich zu sehen. Aber was in drei Teufels Namen ist denn so wichtig, dass du mich unbedingt heute aufsuchen musst und dazu noch in diesem Aufzug?« Missbilligend deutete er auf die verschmutzte Kleidung seines Spähers.
»Entschuldigt meine nicht angemessene Kleidung, aber ich muss Euch unverzüglich von den Beobachtungen berichten, die ich auf meinem Erkundungsritt durch unsere nordwestlichen Reichsgebiete gemacht habe.«
»Unverzüglich sagst du? Nun gut.« Heinrich schaute sich kurz um und sagte leise: »Aber nicht auf dem Gang. Hier haben die Wände Ohren.«
Er ergriff Ingos Arm und schob ihn in seinen Arbeitsraum. Die beiden Männer setzten sich an einen massiven Tisch, auf dem der Graf mehrere Dokumente ausgebreitet hatte. Neben einer Kerze, deren Flamme im Windzug zwischen Tür und Fenster unruhig hin und her tanzte, stand ein hölzernes Kästchen, in dem sich mehrere Federkiele, ein gläserner Behälter mit Dornrindentinte sowie eine Siegellackstange nebst Siegel befanden.
»Hier sind wir ungestört. Du kannst offen sprechen.«
Heinrich erhob sich, ging hinüber zu einer kleinen Anrichte, füllte ein Glas mit Wein und stellte es vor dem jungen Mann auf den Tisch. »Du wirst durstig sein.«
Ingo nickte und nahm einen großen Schluck des kühlen Getränks. »Auf meinem Ritt an die Küste der Nordsee traf ich in Niumaga auf einen friesischen Fernhändler, der mit seinem Schiff gerade aus England zurückgekommen war. Er segelte auf der Themse bis vor die Stadt Lundenburgh.
Dort sprach jedermann über ein gewaltiges Heer, das seit einigen Monaten bei Fulham, einem kleinen Dorf vor den Toren der Stadt, lagert. Der Friese hat zweihundertfünfzig Langschiffe gezählt. Wie er erfuhr, planten die Nordmänner einen Angriff auf Westfranken und wollten in Kürze mit einigen Tausend Kämpfern über den Kanal setzen und in Flandern landen.«
»Aber das ist doch völlig unmöglich!« Heinrich schaute seinen Kundschafter zweifelnd an.
»Die Dänen unter Guthrum wurden erst vor Jahresfrist durch Alfred von Wessex besiegt. Viele von ihnen haben sich inzwischen in East Anglia als Bauern niedergelassen. Woher soll eine solch große Anzahl von Kämpfern und Langschiffen plötzlich kommen?«
»Der Friese berichtete, dass sich mehrere Führer und eine große Anzahl Kämpfer von König Guthrum abgewendet haben, nachdem dieser zum christlichen Glauben übergetreten war. Sie weigern sich nicht nur, ihren alten Göttern abzuschwören, sondern lehnen es auch ab, in England zu siedeln. Zu diesen Einheiten sollen in den letzten Monaten Tausende neuer Krieger aus Dänemark und dem Westfrankenreich gestoßen sein. Man spricht bereits wieder von einem ›Großen Heer‹.«
»Das ehemalige ›Große Heer‹«, sagte Heinrich nachdenklich, »wurde über viele Jahre von Halfdan, Ivar und Ubba, den Söhnen des berüchtigten Ragnar Lodbruk, geführt.
Diese Männer fanden aber inzwischen den Tod. Nach mir vorliegenden Berichten fiel Ubba Ragnarsson und mit ihm mehr als achthundert seiner Männer in der Schlacht bei Cynuit in Devonshire, als er vor zwei Jahren versuchte, mit dreiundzwanzig Schiffen und eintausendzweihundert Kämpfern erneut in Wessex einzufallen. Hat dir der Friese erzählt, wer die neuen Führer der Dänen sind?«
»Er erwähnte die Namen Gottfried und Siegfried, die als Könige bezeichnet wurden, sowie die Jarle Vorm, Hals, Hastings und Ordwigh.«
Heinrich nickte. »Einige dieser Männer sind mir seit Jahren bekannt. Sie führten die Geschwader, die mehrfach über Seine, Loire, Maas und andere Flüsse tief in das Kernland der Westfranken eindrangen. Trotzdem, alles, was du mir bis jetzt berichtet hast, basiert nur auf den Beobachtungen eines einzigen Mannes. Doch wie glaubwürdig sind dessen Angaben?«
»Auch ich«, erwiderte Ingo, »hatte erhebliche Zweifel an der Schilderung des Friesen. Daher fasste ich den Entschluss, an die Küste Flanderns zu reiten, um den Wahrheitsgehalt seines Berichts zu überprüfen. Als ich vor zwei Wochen die Schelde erreichte, lag in der Mündung des Stroms eine gewaltige Flotte, die zwei Tage später flussaufwärts segelte.
Ich folgte den Schiffen und wurde Zeuge, wie die Dänen zunächst die Stadt Tarvenna sowie die Abtei von St. Bertin plünderten und ein Lager bei Ganda errichteten. Die Nordmänner gingen mit unglaublicher Härte gegen die Bevölkerung vor. Auch unsere küstennahen Gebiete sind von ihren Raubzügen betroffen. Ich halte es für möglich, dass die Wikinger mit ihren Drachenbooten über Maas und Rhein in das Ostfrankenreich eindringen könnten. Es ist an der Zeit, ihrem Treiben Einhalt zu gebieten.«
Der Graf schüttelte den Kopf. »Das würde ich zwar gerne tun. Aber wir können derzeit keinen Heerbann gegen die Nordmänner führen.« Er erhob sich, ging eine Weile im Zimmer auf und ab und blieb dann vor seinem Kundschafter stehen. »Was ich dir jetzt anvertraue, ist nur wenigen Eingeweihten bekannt, und ich erwarte, dass du absolutes Stillschweigen bewahrst.
Vor einigen Wochen haben einflussreiche westfränkische Fürsten unseren König aufgefordert, das Ost- und Westfrankenreich unter seiner Führung zu vereinen.
Ludwig hat sich entschlossen, dieses Angebot anzunehmen. In Westfranken herrschen die noch sehr jungen und unerfahrenen Könige Ludwig und Karlmann, die das Reich unter sich aufgeteilt haben. Als Regent steht ihnen Hugo Abbas, ein äußerst fähiger Stratege und Heerführer zur Seite. Er wird sich unserem Herrn Ludwig nicht kampflos beugen.
Um seinen Anspruch zu bekräftigen, hat unser König die Fürsten des Reiches zu einem Heerbann gerufen. Unsere Kämpfer sollen sich im Januar bei Aquis sammeln.
Du und vier weitere Späher werden unter dem Befehl von Gerfried in das Gebiet der Westfranken reiten, um Informationen über den Aufmarsch ihres Heeres zu beschaffen.
Dir bleiben zwei Tage, um dich von den Anstrengungen der letzten Wochen zu erholen.«
Der Graf erhob sich und rief nach einem Bediensteten, der dem Kundschafter eine Schlafstelle zuwies und ihm den Weg in das Badehaus zeigte.
Die folgenden Tage nutzte Ingo, um sich und sein Pferd zu pflegen, die Kleidung zu waschen und seine Waffen zu überprüfen. Am Morgen des dritten Tages erschien einer der Kundschafter und führte ihn in einen einfach eingerichteten Raum, in dem sich die Späher versammelt hatten.
»Ich freue mich, dich gesund wiederzusehen«, begrüßte ihn Gerfried und machte ihn mit den übrigen Männern bekannt.
»Der Graf hat mir bereits von deinen Beobachtungen berichtet. Du hast deine Sache gut gemacht!
Doch nun zu unserem Auftrag. Wie ihr wisst, stehe ich seit vielen Jahren als Führer der Kundschafter im Dienst unseres Heerführers. Ich habe Ost- und Westfranken in allen Himmelsrichtungen durchquert. Meine Erkundungsritte führten mich hoch hinauf in den Norden bis zu den Gebieten der Dänen und in östliche Richtung bis in das Reich der Abodriten. Ich kenne die Nord- und Ostsee sowie die vor den friesischen und sächsischen Reichsgebieten liegenden Inseln ebenso wie das Westfrankenreich und die Küsten des mittelländischen Meeres.
Unser Heerführer hat mir befohlen, eine Karte anfertigen zu lassen, auf der Heer- und Krönungsstraßen, Städte, Königspfalzen und Abteien sowie die großen Flüsse und Gebirgszüge des Ost- und Westfrankenreichs verzeichnet sind.
Ich konnte auf alte römische Karten zurückgreifen, die im Kloster Lauresham aufbewahrt werden. Die Mönche haben diese Karten mit meinen Angaben verglichen und um neue Erkenntnisse erweitert. Die Karte wird uns künftig als Orientierungshilfe dienen. Für euch wurden Abschriften angefertigt.« Mit diesen Worten übergab Gerfried jedem seiner Männer eine Pergamentrolle.
»Unser Erkundungsritt führt uns nach Westfranken. Wir überqueren zunächst den Main und reiten auf dem Treidelpfad bis zu seiner Mündung in den Rhein. Den Zusammenfluss finden wir in der Nähe von Magontia. Dort befindet sich eine Fähre, mit deren Hilfe wir auf das westliche Ufer übersetzen können.
Unser Weg führt bis zum Zusammenfluss von Rhein und Mosel in Confluentes. Wir reiten dann durch das Tal der Mosel nach Treveris und weiter in Richtung Mettis. Dort werden wir in Erfahrung bringen, wo sich das Heer der Westfranken sammelt.«
Um die Mittagszeit verließen die Kundschafter die Pfalz. Graf Heinrich stand an einem der schmalen Fenster des Audienzsaals, der sich zusammen mit den Unterkünften des Königs im oberen Stockwerk der aula regia befand und blickte seinen Männern, die soeben durch das Torhaus hinüber zum Karmeliterhügel ritten, mit sorgenvoller Miene nach.
Er hatte in den letzten Tagen vergeblich versucht, seinen Herrn Ludwig von dem geplanten Heerbann abzuhalten, zumal er den Zusagen der westfränkischen Fürsten nicht traute.
Aber auch seine Hinweise auf die militärische Überlegenheit der Westfranken konnten den König nicht umstimmen. Ludwig sah sich bereits als Herrscher über ein neues fränkisches Großreich. Der Graf vermutete, dass des Königs ehrgeizige Gemahlin, Liutgard von Sachsen, die treibende Kraft in diesem Ränkespiel war. Das Reich stand vor einer gefährlichen Zerreißprobe.
Auch wenn sie keine Lehnsleute der Reichsabtei waren, fühlten sich die Felssteiner der familia des Klosters seit vielen Jahren verbunden. Es war Falko jedes Mal, wenn er in Prumia weilte, eine besondere Freude, seine alte Schule zu besuchen und einige Worte mit den Brüdern zu wechseln, die ihn über mehrere Jahre unterrichtet hatten. Gerne erinnerte er sich an die Zeit, als er seine ersten Buchstaben mit einem Griffel aus Holz in eine Wachstafel geritzt hatte.
Es war Mitte November, als er sich wieder einmal auf den Weg machte, um mit dem Abt und seinem Kellermeister die Menge an Wein festzulegen, die noch vor dem Fest, anlässlich der Geburt des Herrn Jesus, in das Kloster transportiert werden sollte.
Obwohl die Abtei mit der abbate plantare – auch Abtpflanzung genannt – über Weinberge in bester Lage bei Marningum an der Mosel verfügte, schätzte der Abt den goldgelben Rieslingwein aus Felsstein wegen seines ausgeprägten Pfirsich- oder Aprikosenaromas und ließ es sich nicht nehmen, Gernot jährlich ein Dutzend Fässer abzukaufen.
Leichter Schneefall setzte ein, als Falko, der im Königshof Martiacum übernachtet hatte, durch das große Tor in den Innenhof des Klosters ritt. Nachdem er Hartwig, den Torwächter, begrüßt hatte, führte er Sturm zu den Stallungen.
Er war gerade damit beschäftigt, Sattel und Zaumzeug in die Kammer zu tragen, als sein Blick auf eine Gruppe bewaffneter Männer fiel, die hinüber zum Wirtshaus schlenderten, das sich außerhalb der Klostermauern befand. Während er noch darüber nachdachte, ob es sich um Scharmannen der Abtei oder die Eskorte eines Besuchers handelte, näherte sich Hartwig mit eiligen Schritten. »Der Abt bittet dich, ihn rasch in seinem Arbeitszimmer aufzusuchen.«
»Ich gehe gleich zu ihm. Kannst du mir sagen, wer die Bewaffneten sind, die gerade hinüber zur Schänke gehen?«
»Das sind Männer unseres Heerführers Graf Heinrich, der Gast des Abts ist. Du wirst ihn in Kürze kennenlernen.«
Wenig später begab sich Falko in das Abtshaus. Ansbald von Luxemburg saß auf einem lederbezogenen Stuhl vor dem großen Kaminfeuer und unterhielt sich angeregt mit einem Besucher, der ihm gegenüber Platz genommen hatte. Der Abt trug die gewöhnliche Kleidung eines Benediktinermönchs bestehend aus Tunika, Zingulum und dem Skapulier, das über der Tunika getragen wurde. Seine Füße steckten in dicken Socken und ledernen Sandalen. Ein massives Kreuz, das an einer langen silbernen Kette hing, war das einzige Zeichen seiner herausgehobenen Stellung.
Bei Falkos Eintritt sah er kurz auf. Als er seinen ehemaligen Schüler erblickte, überzog ein Lächeln sein schmales Gesicht mit den buschigen schwarzen Augenbrauen. »Schön, dass du wieder einmal in unseren Mauern weilst. Wir haben heute hohen Besuch. Darf ich dich mit Graf Heinrich, dem Heerführer unseres Herrn Ludwig, bekannt machen?«
»Graf, ich möchte Euch den Edelfreien Falko von Felsstein vorstellen.«
Der Besucher erhob sich und musterte den jungen Mann aufmerksam. »Erstaunlich, wirklich erstaunlich.«
Als er Falkos fragenden Blick bemerkte, ergänzte er lächelnd: »Du bist fast das Ebenbild deines Vaters Gernot, allerdings wohl mehr als einen halben Kopf größer als dieser. In früheren Zeiten fochten wir so manches Mal Seite an Seite gegen die Feinde des Reiches. Er war ein glänzender Kämpfer und trug entscheidend zu unserem großen Sieg bei Antunnacum bei. König Ludwig und ich bedauern es sehr, dass er sich damals schwere Verwundungen zuzog, die ihn heute daran hindern, ein Schwert zu führen. Wie mir unser verehrter Abt berichtete, hast du die hiesige Klosterschule als exteriores besucht und wurdest über mehrere Jahre von dem Freien Giselher im Waffenhandwerk geschult. Ich kenne Giselher seit Jahren und schätze seine Fähigkeiten, die er auf so manchem Heerbann unter Beweis stellen konnte. Zu einem solchen Ausbilder kann ich dich nur beglückwünschen. Ich selbst hätte dir keinen besseren Mann an die Seite stellen können.«
Graf Heinrich, den Falko bisher nur aus den Berichten seines Vaters kannte, war ein hünenhafter, breitschultriger Mann mit markanten Gesichtszügen. Der Blick seiner stahlblauen Augen verriet große Willensstärke. Er trug die typisch karolingische Haartracht, bei der das Haupthaar kurz geschnitten war und ein Stück oberhalb der Schultern endete. Ein dichter langer Schnurrbart hing zu beiden Seiten seines Mundes herab.
Das Beinkleid aus Leinen reichte bis zu den Knien. Die Waden waren mit Bändern umschnürt und die Füße steckten in kurzen Stiefeln aus Ziegenleder. Über dem Hemd trug er eine Tunika, die von einem Gürtel umspannt wurde, an dem ein lederner Beutel und eine Scheide, aus welcher der reich verzierte Griff eines Dolchs ragte, befestigt waren. Sein warmes Wams aus Marderfell sowie einen Umhang hatte er auf einen hölzernen Schemel gelegt.
Der Abt bat seine Besucher in den Speiseraum, der direkt neben seinem Arbeitszimmer lag. Ein Bruder hatte bereits das abendliche Mahl aufgetragen und eine Karaffe mit Wein nebst drei geschliffenen Kristallgläsern auf den Tisch gestellt. Nachdem sie sich gestärkt hatten, ergriff der Graf das Wort.
»Wir leben in unruhigen Zeiten. Unsere nördlichen Reichsgebiete in Friesland und Lotharingien werden erneut von dänischen Wikingern bedroht. Die Nordmänner stellen eine große Gefahr dar, da sie über die Fähigkeit verfügen, mit ihren schnellen Langschiffen über die großen Flüsse weit in das Binnenland vorzustoßen. Ich habe unsere Kämpfer schon einige Male gegen ihre Geschwader geführt, konnte sie jedoch nie entscheidend besiegen. Aber sage mir doch Falko, was weißt du über die Dänen?«
»Mein Vater weilte im Frühjahr in der Pfalz Franconofurd. Dort traf er auf Mönche aus Wessex, die Gäste unseres Herrn Ludwig waren und Kunde von dem großen Sieg, den König Alfred über die Dänen erringen konnte, überbrachten. Das zwischen Alfred und dem dänischen Führer Guthrum geschlossene Abkommen garantiert den Nordmännern freien Abzug aus Wessex. Guthrum und seine Jarle mussten zum christlichen Glauben übertreten und zogen sich in ihr Königreich East Anglia zurück.«
»Du bist gut informiert«, antwortete der Graf erstaunt. »Wir waren alle sehr erleichtert über den Erfolg des englischen Königs und hofften auf ein baldiges Ende der Plünderungszüge. Leider hat sich diese Erwartung nicht erfüllt.«
Heinrich berichtete dem Abt und Falko von den Beobachtungen, die sein Kundschafter Ingo in den küstennahen Reichsgebieten gemacht hatte.
»Das sind beunruhigende Nachrichten. Was gedenkt Ihr zu tun?« Der Abt blickte Heinrich mit sorgenvoller Miene an.
»Es ist von größter Wichtigkeit, über die Aktivitäten der Nordmänner informiert zu bleiben.« Der Graf hielt einen Augenblick inne, schenkte sich ein neues Glas Wein ein und wandte sich dann an Falko. »Traust du dir zu, einen Erkundungsritt in den Küstengebieten von Friesland und Lotharingien durchzuführen?«
»Benötigt Ihr dafür nicht einen erfahreneren Mann?«, erwiderte der Felssteiner, der seine Überraschung nur schlecht verbergen konnte.
»Nun, dass meine Wahl auf dich fällt, liegt zum einen daran, dass ich dich aufgrund deiner Ausbildung für geeignet halte. Es hat aber auch damit zu tun, dass alle verfügbaren Kundschafter mit einem speziellen Auftrag in Westfranken unterwegs sind.«
»Könnt Ihr mir sagen, um was für eine Mission es sich dabei handelt?«
Heinrich nickte und berichtete in kurzen Zügen über die Absicht einiger westfränkischer Fürsten, Ost- und Westfranken unter der Führung von König Ludwig zu vereinen.
»Ludwig hat inzwischen zu einem Heerbann aufgerufen, um seinen Anspruch notfalls mit Waffengewalt durchzusetzen.«
»Bei uns auf Felsstein hat noch niemand von dieser Entwicklung gehört«, warf Falko erstaunt ein.
»Das wundert mich nicht, denn wir mussten dieses Vorhaben so lange wie möglich geheim halten. Aber nachdem nun die Würfel gefallen sind, wird sich der Aufmarsch unserer Kämpfer wohl kaum verbergen lassen.«
Der Abt, der den Ausführungen des Heerführers mit zunehmender Unruhe zugehört hatte, ergriff die Gelegenheit, um seine Sicht der Dinge darzulegen.
»Bei allem Respekt, Graf, aber ich sehe diesen Heerbann kritisch. Die westfränkischen Prinzen Ludwig und Karlmann gelten als legitime und von der Kirche anerkannte Herrscher, die ihr väterliches Erbe angetreten haben. Das macht die Entscheidung unseres Königs, ihren Thron notfalls mit Waffengewalt an sich zu reißen, für mich als Diener Gottes problematisch. Es bleibt auch abzuwarten, wie der Papst in Roma darüber denkt.«
»Die Kirchenfürsten scheinen mir in dieser Frage uneinig zu sein«, erwiderte Heinrich ein wenig unwirsch. »Und was Johann VIII., unseren Papst, angeht, so sehe ich in ihm einen äußerst zwielichtigen und konspirativen Mann, der den Stuhl Petri dazu benutzt, um seine kirchliche und weltliche Macht auszubauen. Wie zu hören ist, befehligte er selbst militärische Unternehmungen, obwohl kein Kirchenfürst ein Schwert führen sollte. Er ist daher wohl schwerlich als moralische Instanz anzuerkennen. Aber wie auch immer, wir haben die Entscheidung unseres Herrn Ludwig zu respektieren.«
Falko hatte dem Disput aufmerksam zugehört. Es war unschwer zu erkennen, dass es zwischen den beiden Männern einen Dissens in der Frage der Legitimität des Anspruchs ihres Königs auf den Thron der Westfranken gab.
Zu seiner Verwunderung machte Ansbald jedoch keinerlei Versuch, den von Heinrich mit deutlichen Worten geschmähten Papst zu verteidigen. Ja, es kam ihm so vor, als wäre der Abt zu einer ähnlichen Einschätzung gekommen, auch wenn ihm seine Loyalitätspflicht verbot, dies öffentlich zu bekunden.
»Unsere Kämpfer«, fuhr der Graf fort, »werden sich Anfang Januar bei Aquis sammeln. Wie meine Späher berichten, ziehen die Westfranken ein großes Heer zusammen.«
Ansbald erhob sich und entnahm der Lade seines Schreibtisches ein versiegeltes Pergament, das er dem Felssteiner übergab.
»Die Abtei wird sich mit ihren Panzerreitern an diesem Heerbann beteiligen. Händige Giselher dieses Schreiben aus. In den nächsten Tagen werde ich Boten zu unseren Männern schicken. Sie sollen sich bis zum dritten Tag nach der Jahreswende im Heerlager bei Aquis einfinden.«
»Wie Ihr wisst«, Falko wandte sich an den Abt, »möchte ich mich Euren Panzerreitern anschließen. Ihr wolltet doch in dieser Angelegenheit …«
»Nicht so hastig, mein junger Freund«, unterbrach ihn der Graf. »Der Abt hat mir deinen Wunsch schon vorgetragen. Ich habe nichts dagegen einzuwenden, muss mir aber vorbehalten, dich als Kundschafter einzusetzen, wenn es die Lage erfordert. Die Überfälle der dänischen Geschwader bereiten mir arge Kopfschmerzen, denn wir verfügen nicht über die militärischen Mittel, um zwei Gegner zur gleichen Zeit zu bekämpfen. Daher erfüllen wir zunächst unsere Aufgabe im Westfrankenreich und wenden uns dann gegen die Nordmänner.
Bis es so weit ist, müssen wir die Bewegungen der Dänen im Auge behalten. Reite in die nordwestlichen Reichsgebiete und folge der Spur ihres Heeres. Ermittle die Anzahl ihrer Langschiffe und erkunde die Stärke ihrer Verbände. Mich interessiert auch die Bewaffnung der Fußtruppen und Reiter. Sollten unsere Feinde ein festes Lager errichtet haben, muss ich alles über den Standort, die Stärke der Befestigung und das umliegende Gelände wissen.«
Der Auftrag des Grafen kam für Falko völlig überraschend. Tausend Gedanken gingen durch seinen Kopf. Ihm wurde bewusst, dass sein bisheriges, weitestgehend sorgenfreies Leben zu Ende ging. Er, der Edelfreie von Felsstein, wurde von einem Würdenträger des Reiches, der im Namen des Königs handelte, in die Pflicht genommen.
Graf Heinrich, dem die Gemütslage des jungen Mannes nicht verborgen geblieben war, schaute ihn prüfend an. »Der Auftrag, den ich dir übertragen möchte, ist für meine künftigen Entscheidungen von großer Bedeutung. Ich halte es für möglich, dass sich die Wikinger dem ostfränkischen Binnenland zuwenden. Vermeide auf deinem Erkundungsritt unnötige Risiken. Ein toter Kundschafter ist für mich ohne jeden Nutzen.«
Für einen kurzen Augenblick herrschte Stille und der Felssteiner spürte, wie ihn die beiden Männer erwartungsvoll ansahen.
»Ihr könnt auf mich zählen«, sagte er mit fester Stimme.
Heinrich nickte zufrieden und auch der Abt atmete erleichtert auf.
»Ich erwarte dich am Ende der zweiten Januarwoche in unserem Heerlager vor der Pfalz Attiniacus. Um die Orientierung zu erleichtern, überlasse ich dir diese Karte, die Gerfrid, der Führer meiner Späher, anfertigen ließ.« Heinrich legte eine Pergamentrolle auf den Tisch. »Grüße deinen Vater Gernot und Giselher von mir.«
