Der Papst war gestern da - Marianne Birkmann - E-Book

Der Papst war gestern da E-Book

Marianne Birkmann

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Beschreibung

Wie bereits in den anderen beiden Büchern über ihre Pilgerreise nach Rom, berichtet die Autorin auch in diesem Werk über die Abenteuer und Begegnungen auf der Via Romea. Wir erfahren unter anderem, wie sie ihre Panik an einer gefährlichen Stelle in den Apenninen überwindet, ohne Sprachkenntnisse in Italien zurechtkommt und Konflikte mit ihren Begleiterinnen löst. Sie schwärmt von faszinierenden Landschaften und mystischen Bergstädten in den italienischen Regionen Emilia - Romagna, Toskana, Umbrien und Lazio. Den Leser erwartet auch hier wieder eine feinsinnige, humorvolle, informative und zum Nachdenken anregende Reisebeschreibung mit mehr als 50 Farbfotos. Es ist, als wäre man selber mit dabei, so die Aussage einer Leserin. Der Papst war gestern da verspricht Lesevergnügen pur, nicht nur für Wanderer.

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Seitenzahl: 645

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Die Autorin

Marianne Birkmann, geboren 1960 in Nordwestmecklenburg, ist mit vier weiteren Geschwistern auf einem Bauernhof im kleinen Dorf Veelböken in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen. Von 2002 bis Ende 2018 lebte sie mit ihrem jüngsten Sohn in der Nähe von Stuttgart und war dort im Sekretariat einer Berufsschule tätig. In ihrer Freizeit entdeckte sie im sogenannten „Ländle“ das Wandern und auch das Bücherschreiben für sich. Die Mutter von drei Kindern und dreifache Oma lebt inzwischen wieder in Ostsee- und Familiennähe. Neben dem Pilgern und Bücherschreiben hat sie bis zum Eintritt in den Ruhestand, im Mai 2025, in einer Verwaltung in Ostholstein gearbeitet.

Von 2013 bis 2017 ist die Autorin bereits den Jakobsweg von ihrer Heimat in Mecklenburg-Vorpommern bis zu ihrem damaligen Wohnort in Baden-Württemberg gegangen.

Einige Monate später machte sie sich auf den Weg nach Rom, musste aber zwischenzeitlich wegen Corona aussetzten, bis sie ihre Wanderung 2022 fortsetzen konnte und 2025 ihr Ziel erreicht hat.

In ihren Büchern schreibt sie u. a. über ihre Wanderungen auf verschiedenen Pilgerwegen.

Teil 1 „Auf dem Weg nach Rom und dann kam alles anders“

Teil 2 „Noch 700 Kilometer bis Rom“

Teil 3 „Der Papst war gestern da“

Inhaltsverzeichnis:

1. Etappe

Vorwort

Anreise

Santa Sofia - Bagno di Romagna(23 km)

Bagno die Romagna – C. Santicchio(19 km)

Casa Santicchio – Chitignano(20 km)

Chitignano – Subbiano(19 km)

Subbiano – Arezzo / Toscana(20 km)

Rigentino – Castiglion Fiorentino(10Km)

Castiglion Fiorentino – Cortona(13 Km)

Brixen

Heimreise

2. Etappe

Anreise

Cortona

Cortona – Pozzuolo(25 Km)

Pozzuolo – Paciano(23 Km)

Paciano – Citta‘ della Pieve(17 Km)

Citta‘ della Pieve – Ficulle(18 Km)

Orvieto

Ficulle – Orvieto(25 Km)

Orvieto - Civita di Bagnoregio(17 Km)

Lubriano – Montefiascone(20 Km)

Heimreise

3. Etappe

Anreise

Montefiascone – Viterbo(19 Km)

Viterbo – Vetralla(18 km)

Vetralla – Caprancia(18 km)

Caprancia – Sutri(8 Km)

Sutri – Monterosi(13 km)

Campagnano di Roma –Isola Farnese(23 km)

Formello - La Storta(13 Km)

Rom

Epilog

Vorwort

Heute ist Samstag, der 12. August 2023. Meine nächste Pilgerreise ist gebucht, dieses Mal aus Kostengründen auch die Rückfahrt.

Das Ende meiner letzten Wanderung liegt zwar erst drei Monate zurück, aber ich habe schon wieder so viel Abstand zu der Tour, dass meine Vorfreude sich nun in Grenzen hält und ich diesem Vorhaben mit gemischten Gefühlen entgegensehe. Aber mein Verstand weiß, dass es sich nach dem zweiten Wandertag ändern wird. Spätestens dann bin ich wieder im „Pilgermodus“.

Ich habe bereits viele Abende mit der Planung verbracht und ein wenig freue ich mich auch darauf.

Ich habe kürzlich noch einmal mein Buch vom ersten Teil auf der Via Romea gelesen. Das hat mich daran erinnert, dass ich nach der Alpenüberquerung das Wandern aufgeben wollte. Die Tour war wirklich heftig, aber die Quälerei war dann auch schnell wieder vergessen. Nach der Etappe in diesem Frühjahr war es das Gegenteil, da wäre ich gerne noch weitergewandert. Ich bin gespannt, in welchem Zustand ich im September nach Hause kommen werde. Ich muss wieder über das Gebirge, dieses Mal sind es die Apenninen. Und wie üblich, wenn man am meisten jemanden braucht, ist niemand da. Ich muss alleine gehen. Daher ist meine dezente Vorfreude gepaart mit etwas Furcht vor dem, was kommt.

Vor der Alpenüberquerung hatte ich damals richtig Angst, die berechtigt war, wie sich dann herausgestellt hat.

Hoffentlich trügt mich mein relativ gutes Gefühl nun nicht. Ich habe mir die Wege schon auf das Handy geladen und hoffe, dass ich alles richtig gemacht habe. Bei der vergangenen Wanderung hatte es nicht immer so gut geklappt, aber ich bin zuversichtlich.

Seit 50 Tagen lerne ich mit der App „Duolingo“ italienisch und bin jeden Tag fleißig dabei. Natürlich lernt man in solch kurzer Zeit keine Sprache, aber es gibt mir ein Stück Sicherheit und ich fühle mich dadurch dem Weg in Italien wieder etwas näher. Die ersten beiden Wandertage werden am heftigsten mit täglich über 20 Kilometern, vielen Höhenmetern und schwerem Gepäck. An den darauffolgenden zwei Tagen muss ich auch noch einmal mit dem gesamten Gepäck wandern, habe dann aber nicht mehr ganz so viele Höhenmeter zu bewältigen. Danach fahre ich mit der Bahn nach Arezzo. Dort setze ich die restlichen vier Wandertage mit leichtem Gepäck fort. Von Arezzo kann ich mit der Bahn fahren, so wie letztes Jahr von Bassano del Grappa und einen großen Teil meiner Habe im Zimmer lassen. Sehr gerne würde ich wieder mit Regina gehen, im vergangenen Jahr hat es gut geklappt mit uns beiden. Aber wenn ich an unsere letzte gemeinsame Wanderung im Frühjahr zurückdenke hat das wohl keinen Sinn, sie schafft es nicht mehr. Das ist echt schade, wir wollten zusammen bis Rom gehen.

Gestern habe ich die ersten Nächte in Italien gebucht. Ich werde in Trento in der Jugendherberge übernachten und habe in Santa Sofia ein kleines Appartement mit Kochgelegenheit, da kann ich mir nach meiner Ankunft selber etwas kochen und spare an dem Tag das Geld für ein teures Essen. Jede der beiden Unterkünfte kostet mich etwa 60,- €. Zu zweit hätte man sich die Kosten teilen können.

Auch die dritte Nacht ist bereits gebucht, darüber freue ich mich besonders. Ich habe einen einsamen Bauernhof mitten in den Bergen ausgesucht und hoffe, ich finde das Anwesen auch. Auf dieser Tour muss ich mich vollständig nach dem Programm auf dem Handy richten.

Heute Nacht war ich im Traum dort schon unterwegs. Es ist sehr seltsam dieses Mal, das hatte ich noch nie so extrem. Wer weiß, was das für Vorahnungen sind und was mich auf dieser Tour alles erwartet. Ich bin gespannt.

Anreise

Donnerstag, 14.09.2023

Wie vorausgeahnt, habe ich nicht viel geschlafen, so ist es immer. Aber immerhin sind es drei Stunden geworden. Um 4:00 Uhr mache ich mich auf den Weg zum Bahnhof, der Rucksack wartet bereits seit gestern abmarschbereit im Flur.

Ich bin nervös, wie immer. Hoffentlich klappt es mit den Regionalzügen nach Hamburg, ich muss in Lübeck noch einmal umsteigen. Normalerweise nehme ich eine Bahn früher, damit ich im Notfall noch Puffer habe. Heute fahre ich aber schon mit der ersten Regionalbahn, noch früher geht es nicht. Sollte der Zug in Eutin oder der Lübecker ausfallen, verpasse ich meinen ICE. Ich verlasse um 4:00 Uhr meine Wohnung und wähle den Weg am See entlang. Draußen ist es noch dunkel, aber der Weg ist beleuchtet. Der sternenklare Himmel ist richtig schön und die Luft angenehm. Nun beginnt also meine nächste Pilgerreise und sie beginnt wieder mit dem Abenteuer Bahn.

Einige Fledermäuse flattern noch fröhlich durch die Gegend. Sie werden sich bald schlafen legen oder heißt es in ihrem Fall „schlafen hängen“?

Mein Handy hing über Nacht an der Steckdose, allerdings liegend. Ich wollte mit vollem Akku starten. Entsetzt musste ich heute Morgen feststellen, dass es nicht geladen hat. Warum nicht!? Oh je! Ist mein Ladekabel kaputt? Das wäre eine Katastrophe, auf dieser Tour bin ich überwiegend darauf angewiesen. Mein Akku hat nur noch 10% und ich habe mein Deutschlandticket, mit dem ich bis Hamburg fahre, nur auf dem Handy. Es muss wenigstens bis Lübeck durchhalten, im Anschlusszug gibt es Steckdosen.

Notfalls habe ich auch noch die Powerbank dabei. Es gibt keinen Grund zur Besorgnis, versuche ich meine innere Unruhe zu dämpfen.

Der Zug in Eutin ist fast leer, wir sind nur zu viert. Ein freundlicher Herr kontrolliert die Fahrkarten. Mein Handy ist gnädig und zeigt sie ihm.

Der ICE fährt pünktlich in Hamburg ab, läuft doch gut. Ach, wenns doch nur so bliebe.

In Erfurt setzt sich eine nette ätere Dame zu mir und wir führen ein tolles Gespräch. So vergeht die Zeit schnell. Die Frau ist schon 82 und ich bin beeindruckt wie gut sie sich, trotz ihres Alters, mit dem Handy auskennt. Sie spielt damit Karten und ich nehme mir vor, es meiner 83-jährigen Mutter auch zu zeigen. Ich bin mir sicher, dass es ihr gefallen wird, wenn sie erst einmal weiß, wie es geht.

Wir kommen in München mit 70 Minuten Verspätung an und mein gebuchter EC nach Trient ist weg. Es fährt nur alle zwei Stunden einer, also werde ich statt um 18:00 Uhr erst um 20:00 Uhr am Ziel des heutigen Tages sein. Das ist auch nicht so schlimm, ich bin ja nur auf der Durchreise. Ich habe im Ostello Trento Giovane Europa ein günstiges Zimmer gebucht und die Rezeption ist bis 21:00 Uhr besetzt.

In München auf dem Bahnhof begegnen mir viele Wanderer. Gleichgesinnte, die dann in Innsbruck, Frantzensfeste und Bozen aussteigen. Auch ich war einmel eine von ihnen, nun bin ich schon weiter und setze meine Fahrt bis Trient fort.

Je mehr sich die Bahn meinem heutigen Ziel nähert, umso mehr ensteht in mir ein ungutes Gefühl und die Zweifel an meinem Vorhaben. Vielleicht hätte ich doch zu Hause bleiben sollen?

Ganz alleine im Gebirge zu wandern ist doch etwas leichtsinnig, hoffentlich werde ich es nicht bereuen. Außerdem spreche ich kein Italienisch und auch meine Englischkenntnisse sind recht dürftig.

Für den Notfall habe ich mich abgesichert. Ich werde mich jeden Tag bei meiner Tochter melden. Sollte sie einmal nichts von mir hören, liegt ein Plan zu Hause auf dem Schreibtisch, darauf findet sie die Adressen der Unterkünfte, die ich ausnahmsweise alle vorher schon gebucht habe. Ich habe auch die Telefonnummern von Pilgerfreunden hinterlassen, die dann weiterhelfen.

Sollte ich im Gebirge abstürzen, was natürlich nicht passieren wird, weiß man zumindest, wo man mich suchen muss. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten werde ich auch Google Maps eingeschaltet lassen, damit man mein Handy notfalls orten kann.

Im Zug nach Trient habe ich mich eine Weile mit einem etwa 50-jährigen Herrn unterhalten, der vermutlich italienische Wurzeln hat. Er spricht akzentfrei deutsch und ich vermute, dass er hier geboren ist. Ich habe aber auch gehört, wie er in italienisch telefoniert hat. Wie schön, wenn man mehrere Sprachen spricht.

Mein Gesprächspartner ist in Berlin zugestiegen und wollte heute eigentlich bis nach Calabrien. Das ist aber auch Wahnsinn und die Fahrt hätte vermutlich ohne Verspätung schon über 20 Stunden gedauert.

Er muss sich nun irgendwo unterwegs, wahrscheinlich in Verona oder Bologna, ein Zimmer suchen. Auf die Frage, warum er nicht geflogen ist meinte er, dass er so viel Gepäck dabeihat. Ich habe ihn vorhin nur immer mit einem Besenstiel in der Hand gesehen. Jetzt entdecke ich zwei riesige Koffer und einen Rucksack in der Gepäckecke. Vielleicht zieht er um? Er sieht müde aus, seine Augenränder sind im Laufe der Fahrt dunkler geworden und ich hoffe innigst, dass er ein Zimmer für die Nacht findet.

Kurz bin ich versucht, im Internet nach einer Unterkunft zu suchen und ihm dann die Lösung seines heutigen Problems zu präsentieren, aber ich lasse es dann doch bleiben. Schließlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass übertriebene Fürsorge nicht immer gut ist und er sich vermutlich mit der Zimmersuche besser auskennt als ich.

Nach fast 16 Stunden Bahnfahren bin ich am Ziel. Nun reicht es dann auch. Wir haben unser Gespräch schon lange beendet und verabschieden uns nur mit knappen Worten. Ich bin froh, dass ich endlich den Zug verlassen kann. Hier in Trient bin ich die Einzige mit einem großen Rucksack, die anderen Wanderer sind schon vorher ausgestiegen.

Nun bin ich glücklich. Die Aufregung von heute Morgen ist verflogen und ich fühle mich wie eine Urlauberin. Die Stadt wirkt sehr romantisch im abendlichen Licht und von irgendwo klingt Musik herüber. Ach, ist das schön. Mir begegnen überwiegend junge Leute, nur wenige Ältere sind unterwegs.

Das gebuchte Hostel ist nur 240 Meter vom Bahnhof entfernt und die Formalitäten sind schnell erledigt.

Mein bescheidenes Zimmer ist im zweiten Stock und es gibt sogar einen Aufzug. Die Außentür öffnet man mit einer Codenummer, den Zimmerschlüssel kann ich morgen früh in den Postkasten werfen. Frühstück gibt es erst ab halb acht. Mal sehen, ob ich so lange warte oder schon früher weiterfahre. Je eher ich in Santa Sofia bin, umso mehr habe ich noch vom Tag. Mein Zimmer hat zwei Einzelbetten und einen Schrank. Sogar ein Schreibtisch und ein Stuhl gehören zum Inventar. Auch ein separates Badezimmer ist im Zimmer vorhanden. Das grenzt schon an Luxus, immerhin bin ich in einem Hostel, das ist eine Art Jugendherberge. Die haben meist Gemeinschaftsbadezimmer auf dem Flur.

Discomusik hallt durch die Stadt. Auf dem Berg habe ich vorhin einen Pavillion gesehen, dessen Beleuchtung ständig die Farben wechselt. Sicher stammt die Musik, die für mich sehr verlockend klingt, von dort oben.

Ich packe nur schnell meinen Rucksack aus und gehe dann noch in die Altstadt, es ist nicht weit. Im vergangenen Jahr habe ich hier während unserer gemeinsamen Wanderung mit Regina einige Tage verweilt, ich kenne mich aus.

Etwas wehmütig denke ich an meine ehemalige Begleiterin und unsere gemeinsame Zeit zurück. Ich könnte ihre Gesellschaft jetzt gut gebrauchen.

Es ist schon dunkel und mein Ausflug in die belebte Stadt dauert nicht lange. Ich lasse mich noch an einem der Tische vor einer Bar in Nähe des Hostels auf einen Aperol Spritz nieder. Das ist hier für mich inzwischen schon Tradition. Der schmeckt wirklich lecker, kostet nur 4,50 € und die Chips sind im Preis inbegriffen. In Deutschland zahle ich 8-9 Euro und das Getränk schmeckt dort meist eher wässrig.

Am Nachbartisch sitzt eine einzelne Dame in meinem Alter mit ihrem Getränk. Gern hätte ich mich zu ihr gesetzt und ein wenig geplaudert, aber wir sprechen leider nicht die selbe Sprache. Wieder überkommen mich Zweifel, ob ich es bereuen werde, die folgenden vier Tage ganz allein zu verbringen. In der Vergangenheit habe ich mich in solchen Situationen manchmal sehr einsam gefühlt. Dann war ich allerdings noch im deutschsprachigen Raum und hatte doch hin und wieder jemanden zum Reden. Aber auch diese Zeit hier wird vorübergehen. Die letzten drei Wandertage wird mich eine Bekannte begleiten, die momentan noch einige Tage in Venedig verbringt.

Im Moment bin ich glücklich und zufrieden, genieße die Zeit, die ich gerade habe und beobachte von meinem Stuhl aus das Treiben der Gäste um mich herum.

Um 21:30 Uhr bin ich wieder in meinem Zimmer. Ich habe bewusst noch keine Fahrkarte für die morgige Fahrt nach Santa Sofia erworben. Es gibt keinen Grund zur Eile und ich stelle mir auch keinen Wecker. Ich werde sehen wann ich wach bin und dann losfahren, habe schließlich noch den ganzen Tag Zeit.

Draußen ist es so laut, dass ich bei geschlossenem Fenster und mit Ohrenstöpsel schlafen muss. Ich wollte mir vor dem Einschlafen noch einige italienische Wörter anschauen, aber mein Zettel mit den Vokabeln ist nicht zu finden. Sollte ich ihn vergessen haben? Dann werde ich mir wohl einen neuen machen müssen.

Mein Ladekabel funktioniert zum Glück wieder.

Heute übernachte ich im „Ostello Giovane Europa di Trento“, 11 Via Torre Vanga, 38121 Trient, Italien (7 Minuten zu Fuß von Bhf) bei Booking.com DZ mit Einzelnutzung 58 € mit Frühstück + Kurtaxe)

Trient (auf Italienisch Trento) am Abend

Auch heute habe ich wieder schlecht geschlafen und bin in der Nacht mit Kopfschmerzen aufgewacht. Das Kissen war zu dick, ohne war auch nix. Also habe ich meine Jacke als Kissen benutzt, das war dann besser. Bin dann auch erst gegen 06:30 Uhr erwacht. Das ist für meine Verhältnisse recht spät, aber immer noch eine gute Zeit.

Während der Wanderung stelle ich mir nur einen Wecker, wenn ich ein ziemlich zeitiges Verkehrsmittel erreichen will. Heute habe ich Zeit und es fahren ständig Züge nach Bologna, dort muss ich umsteigen.

Ich bin bereits um sieben Uhr fertig. Frühstück gibt es erst in einer halben Stunde und ich habe keinen Hunger, also verzichte ich darauf. In meinem Rucksack schlummern noch zwei gekochte Eier, zwei Äpfel, Käse und Brot. Davon werde ich später etwas essen.

Die Temperaturanzeige am Bahnhof zeigt schon jetzt 18 Grad an. Nicht schlecht, es scheint wieder warm zu werden.

Ich erreiche noch den Zug um 07:43 Uhr nach Bologna, dort muss ich in die Bahn nach Forli umsteigen. Seltsamerweise musste ich vorhin beim Fahrkartenkauf den Ausweis vorzeigen, auch der Automat wollte meinen Namen wissen. Das war im Frühjahr dieses Jahres noch nicht notwendig. Immer wieder etwas Neues, so wird das Leben nie langweilig.

Ich bin immer noch etwas nervös, so ganz alleine. Die „kleine Marianne“ in der großen weiten Welt, ohne umfassende Sprachkenntnisse.

Die gelernten italienischen Worte haben sich aus meinem Kopf verflüchtigt. Wenigstens den Satz für den Erwerb einer Fahrkarte konnte ich dem Herrn am Schalter aufsagen. Ansonsten stelle ich fest, dass mir Englisch leichter über die Lippen kommt.

Die Bahnfahrt wirkt etwas beruhigend auf mich und das hilflose, ungute Gefühl weicht wieder einer sanften Vorfreude. Was sollte auch schief gehen? Ich habe, gemeinsam mit Regina, genügend Erfahrungen in diesem wunderschönen Land gesammelt und freue mich auf meine Ferienwohnung in Santa Sofia.

Nun kann ich eine Weile im Regionalzug entspannen, bis ich in Bologna in den EC umsteige.

Ich liebe es, wenn die Landschaft hinter dem Zugfenster an mir vorbeizieht. Damit verbunden sind Erinnerungen an die vergangenen Pilgerreisen. Hier bin ich überall schon entlanggewandert.

In Bologna habe ich Zeit, bis es weiter geht. Nach wie vor finde ich diesen riesigen, für mich unübersichtlichen Bahnhof furchtbar. So viele Leute, so groß, über mehrere Etagen.

Ich schlendere ein wenig draußen um den Bahnhof herum, dann geht es weiter. Wenigstens die Bahnsteige sind hier einfach zu finden und alles andere, wie die Geschäfte und die Tiefgarage für parkende Autos, interessiert mich nicht. Auch Fahrkartenschalter und Automaten muss ich nicht finden, ich bin nur auf der Durchreise und habe meinen Fahrschein bis Forli gebucht. Dort werde ich in den Bus nach Santa Sofia steigen.

Ich erinnere mich noch an meine letzte Anreise im Frühjahr. Damals wollte ich von hier weiter nach Ferrara fahren und hatte noch keinen Fahrschein. Ich hatte die Automaten und Schalter in diesem Bahnhof auf die Schnelle nicht gefunden und durfte glücklicherweise im Zug bei der Schaffnerin bezahlen.

Selbstsicher stelle ich mich in Forli am Imbissstand an, um meine Busfahrkarte zu erwerben, ich kenne mich aus. Dachte ich jedenfalls. In Italien bezahlt man nicht mehr im Bus, wie in Deutschland und beim letzten Mal gab es die Fahrkarten hier, am Imbiss. Heute nicht, wie mir die junge Dame bedauernd mitteilt. Sie hat keine Fahrscheine mehr. Ob es nur heute hier keine zu kaufen gibt oder dauerhaft, weiß ich nicht, das ist mir aber auch egal. Dann bezahle ich eben mit meiner EC-Karte im Bus, das haben Regina und ich während unseres letzten Aufenthalts im Frühjahr hier gelernt.

Einfach die EC - Karte vor den dafür vorgesehenen, etwa 40 Zentimeter großen, Automaten im Bus halten, Zone eingeben, fertig. Das geht schnell.

Die Bushaltestelle ist überfüllt mit pubertierenden Schülern. Ohje, ich fahre mit dem Schülerbus, das wird kein Spaß. Aber der nächste fährt erst in zwei Stunden, so lange will ich nicht warten. Da muss ich dann wohl durch. Es ist ja nur eine gute Stunde bis Santa Sofia und zwischendurch steigen sicher auch einige der lärmenden Zweibeiner aus.

Ich erwische noch einen Sitzplatz neben einem jungen Mann, ganz vorne hinter der Busfahrerin. Der arme Kerl schaut ganz betreten aus dem Fenster. So ganz wohl ist ihm anscheinend nicht, neben einer nicht mehr ganz taufrischen, grauhaarigen Dame, die einen riesigen Rucksack auf dem Schoss hält.

Mein geliebtes Cusercoli sehe ich zu spät, als wir fast schon wieder aus dem Ort heraus sind. Das ist wirklich schade, ich wollte doch noch einen Blick auf den Fluss und „unsere“ Burg werfen. Aber ich sitze auf der falschen Seite und auch nicht am Fenster. Ich versuche meine Enttäuschung zu verdrängen.

Ich komme in den nächsten Tagen in der Toscana an. Daher ist es sinnvoll, für die nächste Anreise eine andere Strecke zu wählen. Hier werde ich wohl nie wieder herkommen.

Ich hätte heute auch noch eine allerletzte Nacht auf der Burg verbringen und morgen früh mit dem Bus nach Santa Sofia fahren können. Aber so viele Umstände ist mir diese Übernachtung dann doch nicht wert. Erfahrungsgemäß ist es beim zweiten Mal meist nicht mehr so schön ist, wie man es vorher erlebt hat und so ganz alleine wäre es dort oben auch ziemlich einsam. Außerdem fährt der Bus nur alle zwei Stunden, dann würde ich morgen wieder unter Druck stehen und müsste pünktlich sein.

Also behalte ich diesen Ort so in Erinnerung wie ich ihn, gemeinsam mit Regina, im April 2023 erlebt habe. Und wer weiß, was noch kommt. Vielleicht verschlägt es mich ja doch noch einmal hier her, nichts ist unmöglich.

In Santa Sofia ist Endstation und wir steigen alle an der Brücke in der Altstadt aus. Nun heißt es, die Unterkunft zu finden. Mein Handy führt mich vorbei an dem „leckeren Lokal“, in dem Regina und ich beim letzten Mal so gut gegessen haben. Vielleicht gehe ich hier nachher Perlhuhn essen, das hatten wir am zweiten Abend unseres Besuchs in der vergangenen Etappe vor. Allerdings war dann Ruhetag.

Gut ausgeschildert

Ich läute an einem riesigen Gebäude, das muss die „Vecchio Commune“ sein. So nennt sich das Haus mit meiner gebuchten Ferienwohnung, die auch im Verzeichnis für Pilgerunterkünfte der Via Romea zu finden ist. An der Hausecke steht ein großes Schild der Via Romea, das war einfach zu finden.

Ein mürrischer alter Mann schaut oben aus dem Fenster. Das ist kein herzlicher Empfang, aber egal, ich will ihn ja nicht heiraten und nur in meine gebuchte Wohnung. Bezahlt habe ich bereits.

Ich stelle mich vor und gebe ihm zu verstehen, dass ich hier ein Appartement gebucht habe. Er schüttelt wütend den Kopf und schließt wortlos das Fenster wieder.

Nanu? Was ist denn mit dem los? Vielleicht ist er wütend, weil er nun die Treppen herunterlaufen muss, um mich hereinzulassen. Aber dann sollte er nicht vermieten.

Ich warte einen Augenblick mit mulmigem Gefühl. Es regt sich nichts und in meinem Hirn rattern die Zahnräder. Es ist doch gebucht und bezahlt. War es ein Betrug? Notfalls muss ich wieder ins Hostel gehen und das überwiesene Geld ist pfutsch.

Ich schau mich noch einmal genauer um, sollte ich hier etwa falsch sein? An der Ecke steht doch unübersehbar das Schild der Via Romea.

Ratlos gehe einige Meter weiter und schau um die Ecke. Dann entdecke ich ein Gebäude, an dem „Vecchio Comune“ angeschrieben steht. Nun bin ich aber wirklich richtig und läute erleichtert. Es dauert eine Weile, bis sich eine Dame meldet und mir mitteilt, dass sie gleich da ist. Ich habe Zeit.

Nun weiß ich auch, warum sie in der E-Mail noch einmal deutlich darauf hingewiesen hatte, dass sich die gebuchte Wohnung am Platz Curiel 1 befindet. Dieser Satz war allerdings meinem Gedächtnis entschwunden. Ich war vermutlich nicht die Erste, die irrtümlicherweise bei dem alten Mann geklingelt hat. Das Navi ist auch nicht immer hundert prozentig zuverlässig und das Schild der Via Romea ist nur ein Wegweiser, es weist wohl nicht auf eine Pilgerunterkunft hin.

Der Mann war aber auch ein Miesepeter! Er hätte mir wenigstens sagen können, dass sich das gesuchte Gebäude in der Seitenstraße befindet. Stattdessen hat er mich einfach hilflos zurückgelassen. Solch ein Italiener ist mir noch nie begegnet. Bisher waren sie immer alle freundlich und sehr hilfsbereit.

Meine Vermieterin kommt aus einem der Nebengebäude fröhlich auf mich zugelaufen. Welch herzlicher Empfang, so kennt man die Italiener. Der alte Mann war hoffentlich eine Ausnahme. Ob er wohl allein in dem riesigen Haus mit den vielen Fenstern lebt? Das kann ich mir gar nicht vorstellen, da verläuft man sich ja.

Meine gebuchte Wohnung ist traumhaft und ich kann es gar nicht glauben, dass sie auch nur für eine Nacht vermietet wird. Hätten Regina und ich das beim letzten Besuch gewusst, dann hätten wir uns ganz sicher für die drei Nächte hier einquartiert.

Es ist noch nicht einmal halb drei und ich habe Hunger. Nachdem ich alles ausgepackt habe, schnappe ich mir meinen kleinen Rucksack, den man wunderbar zu einem winzigen Knäuel zusammenfalten und im Großen verstauen kann.

Nun darf der „Kleine“ sich auf meinem Rücken breit machen und mit mir in den Ort. Ich werde im Conard einkaufen gehen, um mir etwas zu kochen. Ich kenne mich hier aus und weiß, wo der Laden ist. Beim letzten Mal durfte ich nicht mehr hinein, weil sie gerade schließen wollten. Das wird mir heute sicherlich nicht passieren.

Ich finde im Conad nichts, was mir zusagt. Dabei wäre ich heute auch mit einem Fertiggericht zufrieden gewesen. Eigentlich wollte ich mir einige Kartoffeln, Gemüse und ein Stück Fleisch kaufen. Darauf verzichte ich dann aber doch und erwerbe nur eine Liter Flasche Schweppes. Gerne hätte ich Wasser ohne Kohlensäure gekauft, aber die gab es nur in 1,5-Liter Flaschen. Die sind zu groß für den Rucksack. Nun muss ich mich mit der Alternative begnügen, dabei mag ich keine Kohlensäure. Auch Kekse, eine kleine Gurke, zwei Brötchen für morgen und zwei Bananen habe ich dann noch gekauft. Ich habe auch noch einige Lebensmittel von der Fahrt im Zimmer.

Mein Hunger ist immer noch präsent, ich hatte gestern außer einem Brötchen mit Leberkäse nichts Warmes zum Essen. Heute war es bisher noch weniger. Leider hat die Pizzeria neben dem Hostel heute Ruhetag. Schade, darin hatte es uns während des letzten Besuchs gefallen und die Pizza war auch gut.

Ich lasse mich in der Bar mit dem „schmuddeligen Mitarbeiter“ nieder, das war auch im Frühjahr einmal unsere „Notlösung“. Hier gibt es noch einen Rest belegter Brötchen, also erwerbe ich eins, um bis zum Abend durchzuhalten. Dann werde ich etwas Richtiges essen gehen. Die „leckere Gaststätte“ hatte, als ich vorhin vorbeiging, Mittagpause. Ich werde sie heute Abend auf ein Stück Perlhuhn besuchen, es sind nur wenige Schritte von meiner Unterkunft dorthin.

Jetzt gönne ich mir noch den üblichen Aperol, irgendwie muss ich die Zeit bis zum Abendessen ja herumbekommen. Ich weiß gar nicht, warum ein anderer Pilger so sehr von diesem Ort geschwärmt hat, mir gefällt Santa Sofia nicht (außer meine Ferienwohnung!).

Hier gibt es nicht viel zu sehen und die alten Gebäude wirken ziemlich heruntergekommen. So hat jeder eine andere Sichtweise. Wahrscheinlich können andere Pilger nicht verstehen, warum mir Cusercoli so sehr gefällt, dort gibt es außer der Burg mit den schmuddeligen Zimmern noch weniger zu sehen.

Eine Gruppe Motorräder hält in der Nähe und auch die Biker lassen sich an den Tischen vor der Bar nieder. Schade, dass wir nicht die gleiche Sprache sprechen, ich würde mich über etwas Unterhaltung freuen.

So richtig satt bin ich von dem halben Brötchen nicht, aber es hilft ein wenig. Mein Magen schmerzt mal wieder, der möchte etwas Ordentliches. Auch der Aperol enthält Säure und ist nicht gerade förderlich gegen Magenschmerzen. Aber was solls, irgendeine Freude braucht der Mensch.

Ich schlendere noch ein wenig durch den tristen Ort und begebe mich dann wieder den Hügel hinauf zu meiner Wohnung. Im Vorbeigehen sehe ich meine Vermieterin plaudernd in der „leckeren Gaststätte“ sitzen. Nun scheint sie wieder geöffnet zu haben, dabei ist es erst 16:30 Uhr. Auch ein anderer Imbiss, an dem ich vorhin etwas zum Essen kaufen wollte hat nun geöffnet. Meine Füße führen wieder ein Eigenleben und gehen einfach vorbei, dabei hätte ich doch jetzt essen können.

Ich werde in zwei Stunden noch einmal wieder kommen, das nehme ich mir ganz fest vor, dann ist der Abend nicht so lang.

Ich habe einen Fernseher im Schlafzimmer und einen in der Wohnküche, welch Luxus. Leider kann ich keinen deutschen Sender finden, also wähle ich einen Musiksender, das ist immer gut.

Irgendwie bin ich müde, die letzten beiden Nächte waren nicht sehr erholsam und die Anreise doch anstrengend.

Ich habe keine Lust mehr, fortzugehen und hole mir aus dem Gemeinschaftsraum ein Glas Rotwein, der hier kostenlos zur Verfügung steht.

Dann esse ich Abendbrot und verzehre meine Reste. Das reicht dann auch. Um 21:00 Uhr lösche ich das Licht und falle in einen tiefen Schlaf.

Oben links die „Veccio Commune“, aus einem Fenster an der Vorderfront des rechten Steinhauses hat der alte Mann kurz herausgeschaut.

Rechts die Treppe zu meiner Wohnung und auf dem unteren Foto die Aussicht vom Balkon

Meine Ferienwohnung in Santa Sofia

Heute übernachte ich in der Vecchio Comune, Piazza Curiel 1, 47018 Santa Sofia (Apartment mit Küche ca.69,47 €)

1. EtappeSanta Sofia - Bagno di Romagna / Emilia-Romagna (23 km, 720 HM)

1. Wandertag, Samstag, 16. 09.2023

Ich erwache gegen 6:00 Uhr und habe endlich einmal gut geschlafen, auf dieser wundervollen Matratze. Auch das Kopfkissen hier war in Ordnung.

Ich muss zu keinem Bus und kann mir Zeit lassen. Heute geht es nach Bagno di Romagna und ich freue mich schon seit Wochen auf die Therme, von denen es dort mehrere gibt. Ich habe mir fest vorgenommen, heute Abend noch baden zu gehen. Das tut unheimlich gut nach einer langen Wanderung und die Thermen haben bis 22:00 Uhr geöffnet. Ich schätze, dass ich spätestens zwischen 16:00 und 17:00 Uhr dort ankommen werde, dann habe ich noch genügend Zeit für ein Entspannungsbad.

Mein Handy macht mir Sorgen, es lädt nicht so, wie gewohnt. Heute Morgen hatte ich immerhin noch 90 %. Nun hängt es schon eine Weile an der Steckdose und es wird immer weniger, anstatt mehr.

Dieses Mal habe ich mir alle Strecken auf dem Wanderprogramm Komoot eingespeichert und wollte nur nach den Anweisungen des Handys wandern. Falls es seine Dienste verweigert, habe ich für den Notfall auch noch die Wanderstrecke in Papierform dabei, dann wandere ich eben so, wie sonst auch. Das ist ziemlich mühselig und mit vielem Suchen nach den richtigen Wegen verbunden, aber bisher habe ich es auch immer ohne Handy irgendwie geschafft. Außerdem habe ich auch noch die Powerbank dabei, die voll ist und deren Ladekabel funktioniert scheinbar besser, als das andere.

Ich deinstalliere vorsorglich das Sprachprogramm, mit dem ich seit fast drei Monaten versuche, italienisch zu lernen. Glücklicherweise gibt es seitdem auch an den folgenden Tagen keinerlei Schwierigkeiten mehr mit dem Aufladen.

Zum Frühstück gibt es Bananenbrötchen. Danach packe ich in aller Ruhe zusammen und starte meine Wanderung gegen 07:35 Uhr. Das ist eine gute Zeit. Sonst war für mich 09:00 Uhr immer die Richtlinie. Je eher ich am Ziel bin, umso mehr Zeit kann ich im Ort verbringen. Morgen geht es dann schon wieder weiter.

Noch ein letzter Rundumblick in dieser wundervollen Wohnung. Wie gerne würde ich hier noch einige Tage verweilen, aber es nützt nichts, ich muss los. Ich betrete noch einmal die schöne Terrasse, die sehr geschmackvoll bepflanzt ist. Von hier hat man eine traumhafte Aussicht und die Morgenluft ist wundervoll, so klar und sauber.

Warum habe ich mich gestern Abend eigentlich nicht hier hinausgesetzt, um den Wein zu trinken, meine Notizen zu machen und in meinem Buch zu lesen? Keine Ahnung. Ich bin nicht der einzige Gast hier, das habe ich zwischendurch einmal kurz vernommen, aber gesehen habe ich niemanden.

Ich habe mir gestern Nachmittag schon die Fortsetzung meines Weges bis zum Ortsausgang angesehen. Bis dahin war es sehr gut beschildert. Wenn das so weiter geht, werde ich heute auch ohne Handy den weiteren Weg finden.

Nicht immer stimmen Komoot und die Beschilderung überein und ich bevorzuge dann doch, der Beschilderung zu folgen.

Es geht los. Noch geht es sich leicht, aber ich habe demnächst einige Höhenmeter zu bewältigen. Das wird ganz schön anstrengend und ich schwitze bereits nach einer Stunde wie ein Bergarbeiter in der Kohlegrube. Dabei sind es nur 21 Grad.

An einer endlos erscheinenden Wiese habe ich wieder einmal das übliche Problem und weiß nicht, wo es nun weitergeht. Es wäre sonst ja auch zu einfach. Komoot will mich auf einem Weg weiterschicken, der inzwischen mit Sträuchern zugewachsen ist. Das nützt mir jetzt gerade nichts. Aber ich lasse keine Verzweiflung aufkommen und meine Augen suchen weitläufig das Gelände nach einem Hinweis ab.

Dann entdecke ich etwa 300 Meter von mir entfernt, mitten auf der Wiese, etwas Helles an einem Baum. Ich kann nicht erkennen, was das für ein Schild ist, aber es könnte das Zeichen der Via Romea sein. Die Hoffnung stirbt zuletzt heißt es. Also hoffe ich, dass ich dort entlang muss, auch wenn kein Weg zu sehen ist.

Zuversichtlich stapfe ich über die Wiese, dem Baum entgegen, der einsam und allein etwas höher, mitten auf der Grünfläche steht. Nur ein kleiner Busch befindet sich noch in seiner Nähe. Weitere hölzerne Pflanzen seiner Gattung befinden sich etwa hundert Meter hinter ihm.

Nach einigen Schritten kann ich es schon erkennen, es ist das Zeichen der Via Romea, allerdings führt kein Weg hier her.

Ich bin ganz stolz auf mich, wollte anfangs weiterhin an der Hecke entlang gehen. Nun bin ich froh, dass ich so aufmerksam war.

Ein Schwarm Fliegen begleitet mich, seitdem ich die Wiese betreten habe. Das ist ja sehr nett, aber auf diese Art von Gesellschaft verzichte ich liebend gerne. Ich kann hier keinerlei Rindviecher auf der Weide sehen, sie müssen mich mit ihnen verwechseln. Das ist echt lästig und ich bin ständig dabei, um mich zu schlagen, aber die Biester geben nicht auf.

Die Situation erinnert mich an die lästige Mückenplage, die Regina und ich in der vergangenen Etappe hatten. Diese hier stechen wenigstens nicht.

Irgendwann wird es Zeit für eine Pause und ich ziehe die Kapuze über den Kopf. Das ewige Gesumme nervt und ich bin auch kein Landeplatz. Das scheinen die Viecher nicht zu begreifen. Da hilft auch kein um sich schlagen, sie kommen immer wieder.

So macht die Pause auch keinen Spaß und es geht nach wenigen Minuten wieder weiter. Ich hatte mir zwar eine Begleitung gewünscht, aber doch nicht solche!

Mein umfangreicher „Hofstab“ summt mir ständig irgendwelche Melodien ins Ohr. Meine Gehörgänge scheinen ihnen als geeignete Niststätte zu erscheinen, hin und wieder versucht eine von ihnen hinein zu fliegen. Kein Wunder, dass niemand die lästigen Dinger mag. Ich sage es ihnen mehrfach, hier hört mich ja niemand. Aber auf dem Ohr sind sie scheinbar taub.

Meine Wanderstöcke sind mir sehr hilfreich, besonders bei den Anstiegen. Allerdings habe ich auch gerne die Hände frei und nun wedle ich eben mit den Stöcken um den Kopf herum. Ich fühle mich wie eine stinkende Kuh, total verschwitzt und heiß begehrt vom Ungeziefer.

Im Gegensatz zu den sonstigen Wanderungen finde ich heute den Wegverlauf, dank der guten Beschilderung und meinem Handy, problemlos. Das freut mich sehr. Wenn ich noch daran denke, wie oft ich sonst nach dem „rechten Pfad“ suchen musste...

Inzwischen wandere ich an einer Straße entlang, die anscheinend auch bei Motorradfahrern sehr beliebt ist. Ich mag diese kraftvollen Klänge, die jedes Mal ein freudiges Herzklopfen in mir hervorrufen. Wie gerne würde ich mich wieder einmal von solch einem Gefährt durch die Gegend transportieren lassen, allerdings nur auf dem Rücksitz.

Früher war ich oft mit meiner Schwester und ihrem Mann zum Motocross. Der schönste Augenblick war immer der Start, wenn alle Motoren gleichzeitig losdonnerten.

Es wird Zeit für eine Mittagspause und ich raste am Straßenrad an einer Kapelle. Hier stehen drei Bänke im Abstand von etwa zwei Metern. Ich befinde mich eindeutig in einer Urlaubsgegend. Auch hier begegnen mir nun wieder viele Fahrräder. Meine fliegenden „Höflinge“ haben glücklicherweise inzwischen aufgegeben. Sie waren wohl nur in meiner Nähe, so weit die Flügel sie trugen. Dafür, dass sie so klein sind, war es allerdings sehr weit. Ich vermisse sie nicht.

Ich habe meine Schuhe ausgezogen und gönne meinen verschwitzten Füßen etwas Luft, das tut gut. Vielleicht sollte ich wirklich neue kaufen, diese hier riechen sehr unangenehm, seitdem sie während der letzten Etappe tagelang pitschnass waren. Das haben sie vorher nie.

Ein Radfahrer fährt langsam an mir vorbei, wendet und bleibt dann an der Bank, die am weitesten von mir entfernt ist, stehen. Er würdigt mich keines Blickes. Sind Radfahrer eingebildet? Er hätte wenigstens grüßen können. Oder habe ich seinen Gruß überhört?

Verstohlen werfe ich hin und wieder einen heimlichen Blick zu ihm hinüber. Er trinkt aus seiner Edelstahlflasche, verzehrt einen Müsliriegel und meidet den Blick in meine Richtung. Dann eben nicht. Wir könnten uns sowieso nicht unterhalten, weil wir nicht die gleiche Sprache sprechen.

Vorbeifahrende Radfahrer grüßen ihn freundlich. Aha. Ich kenne das von Motorradfahrern, die sich alle immer gegenseitig grüßen. Nun weiß ich, dass Radfahrer das auch machen. Grüßen wir Wanderer uns auch immer bei jeder Begegnung? Ich werde die Sache beobachten, falls mir solch ein seltenes Wesen begegnet.

Mein Beobachtungsobjekt schwingt sich in den Sattel und fährt an mir vorbei. Nun widmet er mir doch tatsächlich ein „Arreviderci“ (Auf Wiedersehen). Erfreut erwidere ich seinen Gruß und schon ist er hinter der nächsten Kurve verschwunden.

War das jetzt das erste Wort, das ich heute mit einem Menschen gesprochen habe? Ich lasse die vergangenen Stunden Revue passieren. In der Unterkunft ist mir niemand begegnet, den Schlüssel durfte ich in der Wohnungstür stecken lassen. Die Wege waren überwiegend einsam und ich bin bis zum Radweg in den vergangenen Stunden niemandem begegnet.

Einige Radfahrer, die mir hier entgegenkamen, konnten meinem Munde ein Grußwort entlocken. Ansonsten waren es nur die geflügelten sechsbeinigen Biester, die von mir immer wieder Worte des Unmuts zu hören bekamen. Das hat sie allerdings wenig interessiert. Wir haben auch nicht die gleiche Sprache gesprochen.

Heute ist also wieder einmal ein überwiegend schweigsamer Tag, aber man weiß ja nicht, was noch kommt. Ich übernachte heute in einem Urlaubsort. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ich auf dieser Etappe auch Menschen begegnen werde, die meine Sprache sprechen.

Auch für mich wird es nun Zeit, meinen Weg fortzusetzen, ich habe noch einige Kilometer vor mir.

Auf dieser Etappe habe ich alle Zimmer schon vorab gebucht, da ist es egal, wann ich ankomme, Hauptsache, es ist noch hell. Aber ich möchte auch noch den Ort besichtigen und in die Therme und daher lieber früher als später vor Ort sein.

Ich folge weiter einem Weg, parallel zur Straße. Dann geht es in eine andere Richtung und ich schau auf die Karte meines Handys. Auf der schriftlichen Wegbeschreibung vom Pilgerverein steht geschrieben, dass es auf einem wunderschönen Weg über die Berge weitergeht. Noch mehr Anstiege!? Ich bin kaputt und mag nicht mehr. Die Straße führt abwärts und auch nach Bagno di Romagnia, meinem heutigen Ziel.

Also beschließe ich, weder der Beschilderung, noch Komoot zu folgen und einfach an der Straße entlangzugehen. So stark befahren ist sie nicht und wenn die Möglichkeit besteht, gehe ich am Straßenrand, auf der Wiese entlang. Das geht richtig gut und ich bin schon um 14:00 Uhr in Spinello, einem Vorort von Bagno. Von hier ist es nur noch eine Stunde bis zum Ziel.

Die Frauenstimme auf meinem Handy rügt mich schon seit drei Stunden, dass ich die Tour verlassen habe. Böses Mädchen! Sie bekommt dann manchmal von mir die passende Antwort, ist ja sonst niemand da zum Reden.

Meine Wanderstöcke lassen sich schon seit einiger Zeit am Rucksack befestigt durch die Gegend tragen. Hier an der Straße benötige ich sie nicht mehr und habe die Hände wieder frei. Mein rechter Hüftknochen hat einen blauen Fleck, die Stelle plagt mich schon seit Stunden etwas schmerzhaft. Ich brauche nun eine Hand, um den Hüftgurt von der schmerzhaften Stelle fernzuhalten. Dann erkenne ich die Ursache meines Problems. Meine flache Bauchtasche, in der .verborgen unter der Kleidung. mein Bargeld schlummert, hat eine Falte. Das scheuert natürlich im Laufe der Zeit.

Ursache erkannt und Schaden behoben. Nun muss sich nur noch der blaue Flecke verflüchtigen.

Ich habe noch etwa eine Stunde zu gehen und hinter mir verdunkelt sich der Himmel. Ich bin ziemlich kaputt, 720 Höhenmeter mit 9 Kilo auf dem Rücken gehen nicht spurlos vorüber.

Ein Ort unterwegs

Dann sind es nur noch drei Kilometer bis zur Herberge und ich lasse mir Zeit. Ich bin schon am Stadtrand und hier gibt es genügend schattige Bänke. Die nutze ich dann auch alle 15 Minuten. Meine Pausen dauern allerdings nur immer etwa zwei Minuten. Ein Stück gehen, kurz sitzen, weitergehen. Nun schimpft mein Handy nicht mehr mit mir, ich bin wieder auf der Tour.

Es geht durch einen Park direkt ins Zentrum der Altstadt und ich entdecke meine gebuchte Unterkunft direkt auf einem Marktplatz. Ich habe es für heute geschafft und bin unendlich erleichtert.

Rechts das Hotel Ca' Serafina, links das Lokal

Nun stellt sich das nächste Problem ein, die Tür ist verschlossen. Und jetzt? Hier gibt es keine Klingel, nur ein Zahlenschloss. Oh nein! Ich mag nicht mehr! Ich will nur noch mein Gepäck loswerden und brauche unbedingt eine Dusche.

Ich spreche zwar nicht die Sprache und auch mein englischer Wortschatz ist nicht besonders umfangreich, aber ich versuche beim Vermieter anzurufen, wir hatten bisher nur per E-Mail Kontakt. Nichts. Und nun? Ich könnte heulen. So ist das, wenn man vorab bucht. Hier hätte ich allemale etwas gefunden. Wie ich sehe, gibt es in diesem Ort genügend Hotels und Pensionen. Diese hier war besonders günstig, daher habe ich hier gebucht. Sollte ich auf einen Betrug reingefallen sein? Ich musste das Geld vorab überweisen. Das ist doch zu dumm.

Verzweifelt lasse ich mich im Cafe nebenan nieder und frage bei dem Wirt nach. Der wundert sich, dass niemand ans Telefon geht und bittet mich, fünf Minuten zu warten, er wird sich um mein Problem kümmern.

Also doch kein Betrug. Die Tische vor dem Cafee sind fast alle besetzt, aber ich finde noch einen freien Tisch und warte erschöpft.

Die Kellnerin meidet den Blickkontakt zu mir und erkundigt sich nicht, wie bei den anderen Gästen, nach meinen Wünschen. Marianne, die Unsichtbare. Sie hat doch gar nicht mitbekommen, was ich mit dem Wirt ausgemacht habe oder doch? Möchte ich denn überhaupt etwas? Ich habe noch Wasser in meiner Flasche und essen werde ich später, wenn ich mir den Schweiß abgespült habe.

Nach etwa 15 Minuten schau ich noch einmal hinein, zu dem Herrn hinter der Theke. Der hatte mich scheinbar wieder vergessen. Marianne, die Vergessene.

Er wählt eine Nummer und erreicht doch tatsächlich jemanden. Ich solle fünf Minuten warten, dann würde der Herr am anderen Ende der Leitung zurückrufen.

Aha, fünf Minuten. Mal sehen, wie lange die fünf Minuten dieses Mal andauern. Nun geht es mir wieder etwas besser, die Lösung ist im Anmarsch.

Ein etwa 50-jähriges Ehepaar steht rätselnd vor dem Haus in dem sich mein ersehntes Zimmer befindet. Sie suchen auch das „Ca Serafina“. Ich bin also kein Einzelfall, das ist schon mal beruhigend. Das kleine Schild ist aber auch schlecht zu sehen. Der Name der Unterkunft steht nur ganz klein neben der Tür angeschrieben.

Nein, sie haben hier nichts gebucht und können auch niemanden telefonisch erreichen. Ich freue mich, dass ich Gleichgesinnte gefunden habe. Allerdings sprechen wir nicht die gleiche Sprache und ich weiß nicht, was sie hier wollen. Vielleicht haben sie das Auto auf dem Parkplatz stehen und sind auf der Suche nach einem Zimmer?

Sie räkeln sich noch eine Weile entspannt vor dem Haus auf der Bank in der Sonne und schlendern dann wieder von dannen. Keine Gleichgesinnten und ich bin wieder mit meinem Problem allein. Die fünf Minuten sind schon lange wieder um und ich warte weiter.

Zwei Motorräder kommen über den Platz gefahren und halten direkt vor der Unterkunft. Darf man hier überhaupt fahren?

An ihren fragenden Blicken sehe ich, dass sie auf der Suche nach der Herberge sind.

Ich werfe einen Blick auf die Nummernschilder, es sind italienische. Schade, also wieder kein Gespräch. Ich erkundige mich, ob sie das „Ca Serafina“ suchen und sie nicken unsicher. Ich zeige auf das kleine Schild und Daumen hoch. Sie sind hier richtig. Einer der Biker kann englisch und gibt mir die Codenummer für die Tür, die er vom Vermieter erhalten hat. So geht das also. Das nützt mir nur nicht viel, ich brauche auch die Zimmernummer.

Die Herren bringen ihre Fahrzeuge zum Parkplatz und ich bekomme doch nun tatsächlich wieder Gesellschaft vom Wirt, der mir zu verstehen gibt, ich solle eine Ausweiskopie an den Vermieter schicken, dann bekomme ich meine Pin Nummer. Das mache ich dann auch unverzüglich und warte auf Antwort. Warum nicht gleich so.

Dann fällt mir ein, dass ich unterwegs eine englisch sprachige Mail erhalten hatte, in der ich gebeten wurde, online einzuchecken. Ich hatte keinen Nerv, alles zu übersetzen und wollte es vor Ort regeln. Ich konnte ja nicht ahnen, dass man in diesem Hotel niemanden antrifft, zumindest niemanden, der zuständig ist.

Es dauert eine Weile, bis mich seine E-Mail erreicht. Inzwischen habe ich schon etwa eine Stunde mit Warten verbracht. Dann ist es so weit und ich habe die Pinnummer für die Tür und die Zimmernummer 2 im ersten Stock. Endlich, ich bin erleichtert.

Nun stehe ich mit meiner großen Erschöpfung und dem schweren Rucksack neben der Zimmertür, daneben hängt ein kleiner schwarzer Schlüsselkasten, in den man einen Code eingeben muss. Ich kann die Zahlen nicht lesen, also Brille suchen. Das Licht auf dem Flur geht aus. Ich muss zum Schalter eilen, der sich einige Meter von meiner Zimmertür entfernt befindet und das Licht wieder einschalten, dann schnell wieder zurück zum Schlüsselkasten laufen.

Brille auf, Nummer einstellen. Licht geht aus. Zum Schalter eilen, Licht an. Zurück zum Kasten, Code einstellen.

Es funktioniert nicht, der Schlüsselkasten lässt sich nicht öffnen und das Licht geht wieder aus. Nach mehreren Versuchen stecke ich meine Lesebrille wieder ein und gebe verzweifelt auf. Das gibt es doch nicht! Was mach ich jetzt? Ich bin inzwischen so durch den Wind, dass ich gar nicht mehr richtig denken kann. Immerhin habe ich heute 23 Kilometer mit 750 Höhenmetern, schwerem Gepäck und einem Schwarm Fliegen hinter mir. Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr!

Vielleicht sollte ich mir einfach eine andere Unterkunft suchen, hier gibt es genügend Auswahl. Dann sind die bezahlten 65 ,-€ eben futsch, denke ich verzweifelt. Ich habe keine Lust auf solch ein Theater und will einfach nur endlich ankommen!!!

Ich lasse meinen Rucksack neben der Tür stehen und eile zurück zur Bar. Der arme Mann ist ziemlich genervt von mir, die Bar ist voll und er hat viel zu tun. Das tut mir sehr leid, aber was soll ich denn machen!?

Er läuft bruddelnd vor mir die Treppe zum Zimmer hinauf, schaut sich die Nummer auf meinem Handy an und und gibt sie dann ein. Auch bei ihm öffnet sich der Schlüsselkasten nicht. Ich bin also doch nicht zu blöd dafür.

Nach drei Versuchen schaut er sich die Nachricht auf meinem Handy etwas genauer an und findet doch tatsächlich weiter unten noch eine andere Nummer und siehe da: Wir haben den Schlüssel. Das war wirklich ein schwere Geburt. Ich bedanke mich überschwenglich in seiner Sprache bei meinem Helfer und er verschwindet eilig wieder an seinen Arbeitsplatz.

Endlich. Mein Zimmer ist bescheiden, aber es genügt. Ein Bett, ein Schrank, Tisch und Stuhl und natürlich auch die lang ersehnte Dusche, die ich dann auch gleich, nachdem der Rucksack geleert ist, nutze.

Draußen ist ziemlich viel los und ich bin nun wieder die Urlauberin. Die Lust auf einen entspannenden Besuch in der Therme ist mir vergangen. Ich mag nicht mehr nach den Umkleidekabinen suchen und auskundschaften, wo mir welche und wieviele Schwimmbecken zur Verfügung stehen. Also trotten meine schmerzenden Füße gemächlich durch die Stadt. Nach all dem Theater brauche ich jemanden zum Reden.

In solchen Fällen rufe ich eigentlich immer bei Elke an, sie war meine Begleiterin auf einer meiner ersten Pilgerreisen. Allerdings ist sie momentan auch verreist, also wähle ich die Nummer meines ehemaligen Klassenkameraden. Berni und ich kennen uns von frühester Kindheit an, unsere Eltern waren bis an ihr Lebensende befreundet.

Wir hatten uns Jahrzehnte lang aus den Augen verloren und vor zwei Jahren durch Zufall wiedergetroffen. Er war einer von mehreren Leuten, die ich gefragt habe, ob sie mich begleiten wollen. Ich habe Verständnis, für die Absagen auf mein Angebot. Es ist MEIN Weg, den ich mir ausgesucht habe und warum sollte sich jemand anderes diese Tortur antun?

Ich habe Glück und er hat gerade Zeit für ein Gespräch. Das tut mir jetzt richtig gut. Also schlendere ich mit dem Handy am Ohr weiter durch den Ort. Nebenbei sehe ich in der Therme Menschen in Bademänteln und in einem Hotel kann ich durch die Scheibe schwimmende Urlauber sehen.

Ich erinnere mich an dieses Hotel. Bei meiner Unterkunftssuche hatte ich es in Erwägung gezogen. Der Gedanke, gleich nach der Wanderung unten, in mehreren hoteleigenen Becken zu entspannen war sehr verführerisch, der Preis allerdings nicht.

So ist es eben, alles hat seinen Preis. In diesem Hotel ist die Rezeption ganz sicher besetzt und ich hätte mir die nervenaufreibende Warterei gespart. Hätte, hätte.

Dafür habe ich eine günstige Unterkunft, das genügt für eine Pilgerreise.

Die Tür zur Kirche steht offen und mir fällt der Pilgerstempel ein, den ich gerne hätte, also trete ich ein. Zwei alte, über 80-jährige Damen, verteilen Blätter auf den Sitzen für einen Gottesdienst. Ich lese darauf „Domenica“ das heißt Sonntag. Heute ist Samstag und sie bereiten vermutlich den Gottesdienst für morgen vor.

Ich zeige einer der Damen meinen Pilgerausweis und demonstriere ihr, dass ich gerne einen Stempel dort hinein hätte. Sie bittet mich, fünf Minuten zu warten und verschwindet in einem Raum seitlich des Altars. Fünf Minuten, das kenne ich schon.

Ich warte. Wenigstens kann ich hier sitzen und meine Füße ruhen sich aus. Sie stecken inzwischen gewaschen in sauberen Socken und leichten Straßenschuhen.

Weitere Leute betreten die Kirche. Touristen? Die alte Dame erscheint wieder und zuckt mit den Schultern. Ich verstehe nicht, was sie sagt. Ein Herr in meinem Alter, der mit seiner Frau inzwischen eingetreten ist, kann etwas englisch. Er erklärt mir, dass der Pfarrer noch den Gottesdienst vorbereiten muss, aber in fünf Minuten bekomme ich meinen Stempel. Aha, fünf Minunten. Mir schwant nichts Gutes.

Ich warte weiter und bereue inzwischen, dass ich nicht gleich wieder gegangen bin. Inzwischen haben mehrere Besucher auf den Bänken Platz genommen. Eine der alten Damen beginnt im Dialog mit den anderen Besuchern ein Singsang-Gebet.

Ich schau mich um. Die Kirche hat sich nun fast bis zur Hälfte gefüllt. Vermutlich ist das jetzt die Einstimmung zum Gottesdienst.

Ich verstehe kein Wort und will hier auch nicht mehr bleiben. Die alten Damen und der englisch sprechende Herr schauen immer wieder besorgt zu mir herüber. Ja! Ich bin noch da! Aber ich will nicht mehr! Hätte ich mich nur weiter nach hinten gesetzt, dann wäre es einfacher gewesen, unauffällig zu verschwinden. Schon wieder dieses Wort „hätte“.

Nach einem weiteren prüfenden Blick auf mich begibt sich der englisch sprechende Herr in den hinteren Raum zum Pfarrer. Sicher klärt er mit ihm noch einmal die Sache mit meinem Stempel. Jetzt bin ich erst recht gezwungen zu bleiben und ich warte weitere lange fünf Minuten, bis er wieder erscheint und mir flüsternd mitteilt, dass der Pfarrer nun einen Gottesdiest abhält. Ich gebe ihm zu verstehen, dass ich nicht länger warten möchte und verlasse nach etwa einer halben Stunde die Kirche wieder, ohne meinen ersehnten Stempel zu erhalten.

Das ist auch nicht so schlimm, dann lasse ich mir eben in der Bar oder einem Hotel einen Stempelabdruck in meinen Pass drücken. Die Touristeniformation hat inzwischen natürlich schon geschlossen, dort wäre sonst auch eine Möglichkeit gewesen und morgen früh will ich rechtzeitig wieder los, dann ist dort noch geschlossen.

Welch ein Akt! Dabei dauert es nicht einmal eine Minute, einfach einen Stempel in meinen Pass zu drücken, fertig.

In Deutschland liegen diese Stempel oft in den Kirchen aus und man kann sich den Pass selber stempeln.

Nun setze ich mich an einen der Tische im Außenbereich der Bar neben meiner Herberge. Jetzt bin ich hier wirklich Gast und bestelle mir Risotto und ein Glas Rotwein. Ich hatte heute Nachmittag schon gesehen, dass man hier sehr günstig essen kann und Risotto hatte ich lange nicht mehr.

Nun bin ich ganz entspannt, schreibe nebenbei meine Tageserlebnisse auf und beobachte das Treiben um mich herum. Hier spielt laute Musik, die genau meinen Geschmack trifft. So fühlt sich Urlaub an. Schade nur, dass nicht getanzt wird, die Musik wäre dafür ideal. Aber meine Füße mögen auch nicht mehr.

Von meinem Platz aus habe ich den Seitenausgang der Kirche im Blick. Dann verlassen die Besucher nach und nach das Gotteshaus. Sollte das jetzt meine Chance sein? Ich könnte schnell hinüber laufen, es sind nur wenige Schritte.

Und wenn man mich dann wieder vertröstet? Nein, ich bleibe hier entspannt sitzen und bitte nachher, beim Bezahlen, den Wirt um einen Stempel, den er mir dann auch anstandslos und ohne große Fragen in meinen Ausweis drückt. Geht doch. Warum die Gottesdiener wohl so kompliziert sind?

Ich schlendere noch ein wenig durch die Gassen. Der Ort ist in der Abenddämmerung sehr reizvoll und einige Läden sind auch um 20:00 Uhr noch geöffnet.

Bevor ich ins Zimmer gehe, will ich mir noch eine Flasche Wasser aus dem Automaten holen, der hier in der Herberge aufgestellt ist. Ich habe das Gefühl, das Leitungswasser riecht nach Chlor. Bei meinem Gang durch die Stadt konnte ich leider keinen Lebensmittelladen entdecken, der noch geöffnet hatte.

Leider behält der Automat mein Geld und auch die Wasserflasche. Was habe ich denn nun wieder falsch gemacht? Ich habe doch die gewünschte Nummer eingegeben. Das ist heute wirklich nicht mein Tag.

Ich gebe auf und begnüge mich dann doch mit dem Leitungswasser. Aber eine Tasse nehme ich mir unten aus dem Schrank mit aufs Zimmer. Darin werde ich mir morgen früh den Tee kochen, anstatt in meinem Plastikbecher.

Bagno di Romagna– Jahrhundertelang war es der Sitz der Kapitäne, mit denen Florenz das Gebiet der Romagna beherrschte. Bis ins 19. Jahrhundert gehörte das Gebiet um den Monte Fumaiolo, einschließlich Bagno, zur Toskana. 1927 ließ Mussolini die Grenzen zwischen den Provinzen Forlì und Arezzo ändern, um die Quelle des Tiber in der Emilia-Romagna einzubeziehen.

Bagno di Romagna ist dank seiner Thermalbäder, die bereits in der Römerzeit bekannt waren, ein blühendes Touristenzentrum. Bagno ist besonders berühmt für seine Legenden von Sichtungen von Gnomen und Feen, die angeblich seit Jahrhunderten durch die Wälder rund um Bagno di Romagna wandern.

Dank der Berühmtheit des Dorfes der Gnome wurde ein Themenweg geschaffen, der den Kindern gewidmet ist, ein Weg, der es Ihnen ermöglicht, das Leben und die wohlwollende Rolle dieser kleinen Kreaturen kennenzulernen, die die Fantasie anregen. Die Stadt hat ihre mittelalterliche und Renaissance-Struktur mit Gebäuden aus allen Epochen bewahrt, in denen Hotels, Tavernen, Weinstuben und Restaurants gebaut wurden. Die sehr alte Basilika Santa Maria Assunta (aus dem Jahr 860) ist das Juwel in der Krone der Stadt.

Heute übernachte ich im „Ca' Serafina“, Piazza Ricasoli 8, 47021 Bagno di Romagna (Ü/F 65,- €)

Bagno die Romagna - Refugio Casa Santicchio / Region Toskana, (19 km, 1140 HM)

2. Wandertag, So. 17.09.2023

Die Nacht war ganz schön unruhig. Die „Garage“, eine Bar gegenüber meines Zimmers, war gut gefüllt und es wurde laut gefeiert. In Begleitung hätte ich mich vielleicht auch eine Weile dazu gesetzt, aber nur vielleicht. In der Bar neben meiner Unterkunft war es auch schön und die Musik aus meiner Discozeit. Da wurde nicht so herumgegrölt – jedenfalls nicht, solange ich dort war.

Also habe ich auch in der vergangenen Nacht wieder bei geschlossenem Fenster und mit Ohrenstöpseln in den Gehörgängen geschlafen. Ich war so aufgedreht, dass ich trotz Baldrian erst spät eingeschlafen bin.

Gegen 06:00 Uhr werde ich von den Geräuschen aus dem Nachbarzimmer geweckt. Das ist eine gute Zeit.

Blick aus meinem Fenster auf die Bar mit dem Namen „Garage“

Frühstück gibt es auch schon ab 06:00 Uhr in der Bar nebenan. In Santa Sofia waren wir während der vergangenen Etappe auch in der Bar nebenan frühstücken. Eigentlich wäre es sinnvoll, wegen der Hitze gleich so früh loszugehen, aber ich will es auch nicht übertreiben. Ich habe auch für die kommende Nacht ein Zimmer gebucht und kann mir Zeit lassen.

Um sieben bin ich fertig mit Packen und begebe mich mit meinem Rucksack in die Bar. Ich müsse nur meinen Namen sagen, hieß es gestern, dann würde ich ein Frühstück erhalten. Hunger habe ich noch nicht, aber der Tag ist lang. Ein Croissant und eine Tasse Tee gehen rein. Mehr ist im Preis sowieso nicht drin.

Heute steht ein anderer, etwa 55-jähriger, stabiler Mann hinter der Theke, der mich freundlich anlächelt. Wie befürchtet, steht mein Name nicht auf der Liste. Wie kann es anders sein. Marianne, die Vergessene. Ich hole mein Handy heraus, um ihm die Bestätigungsmail zu zeigen. Dieses Mal bringt mich die Situation nicht aus der Fassung.

Auch er hat nun auf seinem Handy nachgesehen und wohl nur vergessen, meinen Namen auf den Zettel zu übertragen.

Um 07:35 Uhr bin ich fertig und marschiere los. So kann es weitergehen, das ist mindestens eine Stunde früher als normalerweise auf meinen Pilgerreisen. Die Etappe letztes Mal mit Regina war eine Ausnahme, die mir überhaupt nicht gefallen hat.

Es geht anfangs auf der Ebene an einem Fluss entlang. Ach, wenn es doch so bliebe. Heute habe ich noch mehr Höhenmeter vor mir, als gestern. Nur nicht vorher schon daran denken.

Auch heute ist der Weg wieder gut beschildert und bis jetzt ist auch Komoot mit meiner Wegwahl einverstanden.

Dann beginnt der Anstieg, unendlich lang, auf felsigen Wegen mit sehr viel Geröll.

Immer wenn ich denke, jetzt bin ich oben, geht es noch höher hinaus. Auch meine kleinen „ssssummenden“ Begleiter sind wieder da, sobald ich beim Anstieg beginne zu schwitzen.

Die Sonne scheint wieder warm auf mich herab und mir fällt ein, dass ich mich eincremen sollte. Gestern hatte ich doch etwas Sonnenbrand im Gesicht, also Sonnencreme und Hut heraus.

Heute ist Sonntag und mir begegnen einige Wanderer in beide Richtungen. Allerdings alle nur mit Tagesgepäck und meist in Turnschuhen, es sind keine Pilger dabei. Schade. Das sind vermutlich Einheimische auf ihren Sonntagsausflügen.

Gleich zu Anfang kamen mir zwei junge Männer mit großen Rucksäcken und Zelten entgegen. Die hatten leider nicht meine Richtung.

Jetzt ist es 09:45 Uhr und ich mache die erste längere Pause. Mein Schrittzähler zeigt 3,6 Kilometer an. Nicht einmal vier Kilometer in zwei Stunden, das ist nicht viel, aber schneller kann ich bei diesen steilen Anstiegen nicht. Ich müsste doch auch allmählich oben sein.

Ich schnaufe wie ein Dromedar und bin froh, dass mich niemand sieht, besser gesagt, hört. Manchmal rede ich mit meinem Handy, mit mir selber, den Fliegen und irgendetwas, was nicht sichtbar ist. Das hilft ein wenig.

Wieder habe ich das Gefühl, nach der nächsten Kurve oben anzukommen. Aber nein, es geht noch höher hinaus.

30 Schritte gehen, 10 Atemzüge stehen bleiben. So komme ich langsam, Stück für Stück voran.

Sehnsüchtig denke ich an meine gestrige Wanderung an der Straße zurück. Wie gut es sich dort doch läuft, im Gegensatz zu dieser Geröllwüste hier. Nie hätte ich gedacht, dass ich mich einmal danach sehnen würde, eigentlich mochte ich nie an der Straße entlanggehen.

Auch diese Erkenntnis vergleiche ich wieder mit dem Leben: Es gibt immer Dinge, die man nicht mag. Und dann ergeben sich manchmal noch unangenehmere Dinge, sodass man das Vorherige als nicht ganz so unangenehm empfindet.

Ich muss bei jedem Schritt aufpassen, wohin ich trete, überall ist Geröll, größere und kleinere Steine. Ich bin dem Erfinder der Wanderstöcke sehr dankbar und würde ihm gerne einen Orden verleihen. Sie sind wirklich eine große Hilfe, ich weiß nicht, wie ich es ohne sie geschafft hätte. Sie geben Halt und trotzdem habe ich mich heute schon zweimal auf den Hosenboden gesetzt. Irgendwann muss es doch wenigstens eben weiter gehen.

Wie es scheint, ist es dann so weit und ich bin oben. Hier stehen einige verfallene Gemäuer und ich sehe auf dem anderen Ende des Geländes zwei Zelte stehen, daneben sitzt ein Pärchen und köchelt sich etwas auf einem Gaskocher. Das ist wirklich ein wunderschöner Platz zum Zelten. Vielleicht kamen die beiden jungen Männer heute morgen auch von diesem Gelände.

Ich raste unbemerkt von den Campern auf dem anderen Ende, die Mauern bieten Sichtschutz. Ich will die Leute nicht in ihrer Idylle stören.

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Dann geht es weiter. Zuversichtlich folge ich der Beschilderung der Via Romea und meinem Programm im Handy, sie sind sich immer noch einig.

Dann beginnt der Alptraum. Felsen, Geröll und nur ein viel zu schmaler Weg an der Felswand entlang. Auf der einen Seite des Weges sind hohe Felsen, auf der anderen Seite geht es 1000 Meter steil bergab.