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Unter den Fittichen von drei Frauen wächst ein hanseatischer Patriarch heran, und sein Schicksal wird zum Spiegelbild deutscher Geschichte vom Kaiserreich bis zum Fall der Mauer. Dieser Roman über Männer und Frauen, Väter und Töchter, Freundschaft und Tod ist beides zugleich: ein vielfarbig schillernder Familienroman und kunstvoll erzählte Literatur.
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Seitenzahl: 692
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Micaela von Marcard
Der Patriarch
Ihr Verlagsname
Unter den Fittichen von drei Frauen wächst ein hanseatischer Patriarch heran, und sein Schicksal wird zum Spiegelbild deutscher Geschichte vom Kaiserreich bis zum Fall der Mauer. Dieser Roman über Männer und Frauen, Väter und Töchter, Freundschaft und Tod ist beides zugleich: ein vielfarbig schillernder Familienroman und kunstvoll erzählte Literatur.
Micaela von Marcard, geboren 1958 in Hamburg, arbeitete lange Jahre als Chefdramaturgin an der Berliner Staatsoper und veröffentlichte Essays zur Opern- und Kulturgeschichte, darunter «Rokoko oder Das Experiment am lebenden Herzen». 2005 wurde ihr Libretto «Der Irre oder Nächtlicher Fischfang» an der Oper in Bonn in der Komposition von Jan Müller-Wieland uraufgeführt. «Der Patriarch» ist ihr erster Roman. Micaela von Marcard lebt im Wendland und in Berlin.
Für meine Geschwister Ramona, Enno und Mathias
Im Dezember des Jahres 2000 setzte ein Geschwader der Tineola bisselliella mit hochzerstörerischer Ladung an der Unterseite ihrer silbrig glänzenden Leiber zum Anflug auf die Perücke aus dem Haar meiner vor langer, langer Zeit gestorbenen Urgroßmutter an. Angezogen vom konservierten Talggeruch derer, die sie getragen und ein paar Schuppen in der Perückenmontur hinterlassen hatten, nahm es aus allen vier Himmelsrichtungen Kurs auf den gesichtslosen Holzkopf, über den die immer noch wild ondulierte Haartracht der Conquista gestülpt war, und schreckte weder vor deren Alter noch Schönheit zurück. Selbst die historische Bedeutung des Knüpfwerks konnte die weiblichen Kampfflieger der Spezies Gemeiner Kleidermotten nicht davon abhalten, sich für einen kurzen Augenblick auf den mit großer Kunst in ein dichtes Baumwollnetz gewundenen Haarknoten niederzulassen, um dort durch Abwurf ihres bombengleichen Ballasts das Werk der Zersetzung zu beginnen.
Erleichtert erhoben sich die eigentlich flugfaulen Falterweibchen wieder in die Lüfte, trafen zum zweiten Mal ihre viel muntereren Freier und kopulierten nochmals mit ihnen. Mit weiteren befruchteten Eiern bewaffnet, landeten sie erneut auf dem Meisterwerk eines Maskenbildners vom Beginn des vergangenen Jahrhunderts und legten ihre Brut in den üppigen schwarzen Flechten ab. Und so ging es weiter, ganze sechzehn Tage lang. Einige besonders kräftige und lüsterne Exemplare hielten den Fortpflanzungsfuror gar dreißig Tage durch, bis auch diese Insektendamen den Erschöpfungstod fanden. Zu dem Zeitpunkt hatte jede von ihnen an die 250 schmutzig weiße Eier in die Tiefen des Medusenschopfs versenkt.
Kaum aus den Eiern geschlüpft, sonderten die ein Millimeter langen Raupen aus ihren Spinndrüsen ein klebriges Sekret ab, vermengten es mit ihrem Kot und formten daraus bis zu fünfzehn Millimeter lange, silbrig weiße Wattefäden, die sie wie einen Kokon um sich herum woben. So verschanzt gegen Feinde und Austrocknung, begannen sie das große Fressen.
Nur wenige Tage nach der Großattacke hatte der Mottennachwuchs ein Haar der Conquista kurz über seinem Knoten durchtrennt. Es fiel zu Boden. Kurze Zeit später segelte das zweite hinab. Ein drittes löste sich aus dem Perückennetz und auch ein viertes. So ging es weiter in einem fort.
Schon nach zwei Monaten hatten sich die Raupen ihre zehnfache Schlüpfgröße angefressen. Immer mehr des nahrhaften toten Horns stopften sie in sich hinein. Schwarz schimmerte es durch ihre transparenten und mit den Überbleibseln meiner Urgroßmutter gefüllten Darmkanäle. Als es Zeit war, krochen sie aus ihren beengenden Gespinströhren und verpuppten sich.
Da türmte sich am Boden längst ein Berg ebenholzfarbener Haare. Als eine Woche darauf die erste Motte aus ihrem Kokon kroch, ihre verkleisterten, fettig glänzenden, strohgelben Vorder- und die graugelben Hinterflügel entfaltete und sie zum Trocknen huderte, um wenig später in die Luft zu entschwinden und sich dort einen Sexualpartner zu suchen, war das letzte Haar meiner Urgroßmutter bereits zur Erde geschwebt. Auf dem Holzkopf stak das Skelett ihrer Perücke mit seinen Montierbändern und dem engmaschigen, schwarz eingefärbten Tüll.
Nur den einen oder anderen Doppelknoten hatten die Raupen verschmäht. Ihre ungleich abgefressenen Enden ragten wie Ruinen aus einem Trümmerfeld. Denn der Schöpfungsplan will, dass alles vergänglich sei, sogar mein Vater Franz, der kurz vor seinem hundertsten Geburtstag in einem Auto, dessen Bremsen versagten, starb.
«Du hast mir ein schwachsinniges Kind geboren», sagte der Offizier, nachdem er das schreiende Bündel in den Armen seiner Frau eingehend gemustert hatte. Er befand, dass der verhältnismäßig große Schädel auf einen Wasserkopf und damit auf Idiotie hindeutete und folglich diese Kreatur, die am 17. Dezember 1900 Punkt 22.22 Uhr geboren worden war, nicht dem Samen seiner preußischen Lenden entstammen konnte. Er machte auf dem Absatz kehrt und sah seine Frau über die Schulter vernichtend an. Sie lächelte, doch ihr Lächeln gefror. Ihre schweren Lider senkten sich. Die junge Mutter, erst achtzehn Jahre alt, war noch sehr erschöpft, da die Geburt zwei ganze Nächte und Tage gedauert hatte. Der Kopf des Kindes hatte den engen Geburtskanal nicht passieren wollen und für Stunden in ihm festgesessen, sodass die Hebamme, Schwester Hedwig von der kleinen katholischen Gemeinde der Hansestadt, Mutter und Kind beinahe schon aufgegeben hatte. Endlich hatte das Neugeborene seine Lippen auseinander gerissen, allerdings ohne Ton. Es war viel zu entkräftet, um seine Stimmbänder zum Vibrieren zu bringen. Mit offenem Mund schlief es ein.
Es war viel Blut geflossen, erschreckend viel, doch davon wusste der Vater nichts, der im angrenzenden Zimmer gewartet und einige Stunden gut geschlafen hatte. Herr von Roué wollte es auch nicht wissen. Schließlich habe jeder auf seinem Schlachtfeld Blut zu lassen, und so sei es die verdammte Pflicht und Schuldigkeit der Frauen, ihren Männern Kinder zu gebären, hatte er seiner Gattin Mercedes während des einen Jahres, in dem sie trotz wiederholter Bemühungen nicht schwanger geworden war, mehrfach erklärt. Nun hatte sie ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit getan und lag aufgetürmt auf einem Berg aus weißem Leinen. Das Dienstmädchen Else hatte, noch bevor der junge Vater ins Zimmer getreten war, um seinen Sohn im Leben zu begrüßen, ins blassrosa Seidenplumeau ein frisches Leinenlaken eingeknüpft. Auch alle anderen Zeichen der Geburt beseitigten die Damen des Hauses: Sie wussten, der Offizier konnte sie nicht ertragen, sie erinnerten ihn, den Todesdiener, an den Tod. Also trug Else, adrett in weißer Uniform mit Häubchen, die Schüsseln voll Blut umgehend in die Küche und achtete sorgsam darauf, dass kein Tropfen herausschwappte, weder auf ihre Schürze noch auf einen der kostbaren Orientteppiche, die die zahlreichen Kaufleute der Familie aus aller Herren Länder mitgebracht hatten. Endlich war auch die Nachgeburt abgegangen. Kaum hatte die Hebamme die glitschige, blutverschmierte Masse, an der noch die Nabelschnur hing, in die weiße Emailschüssel klatschen lassen, riss die Conquista, die Großmutter des Kindes, der verdutzten Hebamme das Behältnis schon aus der Hand. Dann stob sie mit ihrer Beute aus dem Zimmer und hätte beinahe den im Flur wartenden Kindsvater umgerannt, der, als er in die Schüssel sah, annähernd die Farbe der grünen Seidentapete annahm.
Während der Offizier nach Luft rang, eilte die Conquista in den Hof und warf ihren beiden Irish Settern, die sie wegen ihres Faibles für Außenseiter und Verlierer auf die Namen Malvolio und Shylock getauft hatte, die Plazenta zum Fraß vor die Pfoten und rief: «Hier, meine Besten, das wird euch munden.» Es war eine Sitte, die sie aus ihrer Heimat Mexiko in den kalten, feuchten deutschen Norden mitgebracht hatte.
«Sie haben doch nicht etwa …», stammelte die Hebamme, als die Conquista mit leerer Schale ins Geburtszimmer zurückkehrte.
«Sie hören doch, dass ich habe», erwiderte die Conquista. Tatsächlich drang das Gebell der fressenden Hunde bis ins erste Geschoss, in dem sich die Schlafräume befanden.
«Wir pflegen die Plazenta sorgsam im Garten zu vergraben», sagte die ältliche Hebamme indigniert.
«Vermaledeit», schleuderte ihr die Conquista entgegen und ließ ihr Lieblingswort genüsslich über die Zunge rollen. «Was Besseres können Hunde gar nicht kriegen. Wenn der Mutterkuchen für das Niño gut ist, ist er es für die Viecher allemal.»
«Mamá, Schwester Hedwig hält dich für degoutant», sagte Maria, ihre gerade mal 13-jährige zweite Tochter, die am rechten Kopfende des Bettes stand.
«Mein ewiges Schicksal hier in diesen Breitengraden. Ihr müsst doch zugeben: Besser im Schlund eines Hundes als im Maul eines Wurms.»
«Du hast Recht, die Hunde sind eindeutig die sauberste Lösung», flüsterte Mercedes auf ihrem Bett.
Die Conquista tätschelte ihr aufmunternd den Arm. «Du bist eben doch meine Tochter», sagte sie, wobei sie ihren Enkel mit einem strengen Blick streifte, sodass der seine unverschämt blauen Augen vorsichtshalber schloss.
«Das ist doch Blasphemie», murmelte die Hebamme.
«Ich würde zu gern wissen, was das mit Religion zu tun hat. Wollen Sie mir das vielleicht erklär–»
«Sollten wir nicht den Vater holen?», unterbrach sie Maria und öffnete weit die Tür zum Flur. «Herr von Roué, Ihre Gemahlin und Ihr Sohn lassen bitten.»
«Seelenwanderung à la mexikanisch», brachte die Conquista gerade noch hervor, ehe mit dem Offizier tiefes Schweigen in das dunkelrot gestrichene Schlafgemach einzog, das die Conquista ihrer Tochter für die Geburt überlassen hatte, da es das geräumigste Zimmer des Hauses war. Selbst der zweihundertfünfzigjährige Van Dyck an der Wand, ein Mann mit üppiger Perücke und einem sanften Lächeln auf den Lippen, konnte über die Kälte, die das Zimmer plötzlich erfüllte, nicht hinwegtäuschen. Die Conquista und Maria nahmen rechts und links von der Wöchnerin Aufstellung. Herr von Roué, der von stattlicher Statur war, trat einen Schritt vor. Er betrachtete das Kind, das in den Armen seiner Frau schlief. Unter dem prüfenden Blick öffnete es die Augen und verzog sein faltiges, rotes Gesicht noch mehr.
Da also sagte der Offizier: «Du hast mir ein schwachsinniges Kind geboren.»
Vom Hof klang wütendes Kläffen herauf. Das Baby begann zu schreien. Sein Gesicht wurde noch röter. Es schnitt eine Grimasse. Die blauen Augen, neben dem großen Schädel das Auffälligste an ihm, verengten sich zu Schlitzen.
«Du hast mir ein schwachsinniges Kind geboren», wiederholte der Vater. Für den Bruchteil einer Sekunde blieb die Zeit stehen. Keiner rührte sich, nicht die Wöchnerin in dem neuen Thonet-Bett, nicht die Conquista und auch Maria nicht. Selbst die gesunde Stimme des Neugeborenen erstarb. Dann stürmte der Offizier aus dem Zimmer und aus dem Haus.
Die ersten zwölf Monate des zwanzigsten Jahrhunderts neigten sich dem Ende zu. Gerade war das Hafenkrankenhaus, spezialisiert auf Tropenkrankheiten, mit seiner gekühlten Leichenschauhalle fertig gestellt worden. Gegenüber dem im September eröffneten Schauspielhaus klaffte ein Bauloch, aus dem eine gewaltige Eisenkonstruktion wuchs, einem überdimensionalen Dinosaurierskelett vergleichbar, das in nicht allzu ferner Zukunft zum Hauptbahnhof werden sollte. Die Elektrifizierung der Pferdebahnen war weit fortgeschritten. Auf einem vierspurigen Gleisnetz von 140 Kilometern Länge wurden im ersten Jahr des neuen Jahrhunderts in 360 Wagen bereits achtzig Millionen Fahrgäste transportiert, und für zehn Pfennig konnte man mit der Ringbahn in vierzig Minuten um das Zentrum fahren.
Auf diese umtriebige Stadt war seit Tagen ein feiner Regen aus dem grau verhangenen Himmel genieselt. Selbst zur Mittagszeit war es nicht richtig hell geworden. Nun, vier Tage vor der Wintersonnenwende, zog der frisch gebackene Vater auf der Schwelle seines Schwiegermutterhauses fröstelnd den Stehkragen enger um den Hals, atmete die ungewohnt schneidende Luft und fühlte den Druck von der Brust weichen. Er machte einen Schritt, machte noch einen. Da gehorchten ihm die Beine schon nicht mehr, glitten in entgegengesetzte Richtungen, eines gar wurde furios in die Luft geschleudert, die Arme schlackerten um den Kopf. Eine arktische Kälte hatte den Sieg über das nasskalte Wetter der Hansestadt davongetragen, der Himmel war aufgerissen, und Tausende Sterne perforierten ihn mit Licht. Die letzten Regentropfen gefroren noch in der Luft zu Eis. Binnen Sekunden hatte sich der Bürgersteig in eine spiegelglatte Fläche verwandelt. Aus dem Haus schallte diabolisches Gelächter. Da beschloss Herr von Roué, dessen penibel gepflegte Uniform am Knie nun zerrissen war, am nächsten Tag eine Eingabe zu machen und sich in den entferntesten Teil des Deutschen Reiches versetzen zu lassen.
Die Conquista, die am Fenster stand, lachte aus vollem Hals ihr gutturales Lachen. «Jetzt bist du ihn los. Was für ein Abgang! Den siehst du vorerst nicht wieder», stieß sie zwischen den Lachsalven hervor.
«Ja, jetzt bin ich ihn los», bestätigte Mercedes, die junge Mutter, und lächelte.
«Mamá, bitte!», flehte Maria, die so durchsichtig war, als wäre sie nicht von dieser Welt.
«Ihr dürft euch nicht gemein machen», hatte der Vater den beiden Schwestern immer wieder eingeschärft. Sonst erinnerten sich Mercedes und Maria kaum an ihn, da er, als sie noch klein gewesen waren, in die Bäuche der Barrakudas geraten und von ihnen wieder ausgeschieden worden war – das jedenfalls glaubte die Conquista.
«Auch seine blauen Augen, die immer lachten, wurden wieder ausgeschieden?», hatten die Mädchen oft gefragt.
«Auch die blauen Augen. Seine Seele wurde über die Exkremente der Fische dem Kreislauf des Meeres zurückgegeben», lautete die Theorie der Conquista, die ihren Eltern, Perlenfischern im fernen Mexiko, alle Ehre machte. «Bestimmt ist seine Seele in diesen Perlen eingeschlossen», sagte sie und betrachtete voller Entzücken, aber auch mit Wehmut den zarten Glanz ihrer grauen Perlenkette. Dabei stellte sie sich vor, wie ihr verdauter Ehegatte in Gestalt kleinster Partikel auf den Meeresboden hinabschwebte, den Austern direkt in die geöffnete Schale, woraufhin diese in jahrelanger, mühsamer Arbeit eine Perlmuttschicht nach der anderen um ihn legten, bis die zauberhaften Preziosen vollendet waren. «Nur die grauen Perlen umschließen einen Toten, die weißen geben sich mit Dreck zufrieden», sagte die Conquista gern.
Es war nun schon fast zwanzig Jahre her, dass der blonde, blauäugige Handelsmann von Ringsberg aus dem fernen Deutschland in ihr Leben gesegelt war. Sie gab sich ihm schon hin, als noch keiner von Heirat sprach. Von diesem vorschnellen Akt durfte die Familie natürlich nichts wissen, genauso wenig wie der Handelsmann wissen durfte, dass seine Geliebte keine Jungfrau mehr war. Also beanspruchte sie ihn in der ersten Nacht so sehr, dass seinem Gehirn alles Blut entzogen wurde und er nicht mehr klar denken konnte. Vor Erschöpfung vergaß er, sich seiner Liebestrophäe zu vergewissern. Beim ersten Morgengrauen erwachte er nach kurzem Schlummer von einem gierig auf seinem Körper umherwandernden Mund.
«Man darf dich hier nicht finden», flüsterte die junge Frau immer wieder. «Du musst gehen!»
Er angelte mit den Füßen nach seiner Hose, während ihr Kopf zwischen seinen Schenkeln lag. Endlich gelang es ihm, sich zu befreien. Im Fortstürmen versuchte er die Hose hochzuziehen, aber der desolate Zustand, in dem er sich zum wer weiß wievielten Mal in dieser Nacht befand, erschwerte das. Die junge Frau lachte, lachte schallend und schmiss ihm sein Hemd hinterher. Er warf einen Blick zurück. Ihr Körper wurde nur notdürftig von ihren langen schwarzen Haaren verhüllt, zwischen denen die zarten Spitzen ihrer Brüste hervorsahen. Auch die vollkommene Rundung ihres Hinterns zeichnete sich ab. Herr von Ringsberg schöpfte keinen Verdacht, und wenige Wochen später fand in der Kirche von Tepotzlán die Hochzeit statt.
Sie zogen nach Deutschland, in die Hansestadt; die Töchter Mercedes und Maria wurden geboren. Eines Tages ging Herr von Ringsberg an Deck der Columbus. Auf hoher See erkrankte er an einem mysteriösen Fieber, das binnen weniger Tage alles Leben aus ihm sog. Vor Abenteuerlust pulsierend, hatte er das Schiff bestiegen; er verließ es als lebloser Körper, umwickelt mit derben Leinensäcken, in denen Kartoffeln gelagert worden waren, und mit Hanfseilen fest verschnürt. So warfen ihn die Matrosen über Bord in die türkisen Fluten des Atlantischen Ozeans, unweit der mexikanischen Gestade, wo er in die bereits erwähnten Bäuche der Barrakudas geriet.
Erst wenige Wochen vor der Geburt ihres Enkels hatte der ältere Bruder der Conquista ihr die grauen Perlen als Geschenk zum Geburtstag, dem vierzigsten, gesandt. Er hatte das kleine Paket einem alten, seiner Treue wegen geschätzten Diener der Familie, Gonzales mit Namen, in Mexiko anvertraut, ihm eingebläut, es Tag und Nacht an seinem Körper zu tragen, bis er es der Schwester, die auf einem fremden Kontinent lebe, höchstpersönlich übergeben habe. Das war eine Entfernung, die der kleine, untersetzte Mann mit dem imposanten Schnurrbart gar nicht denken konnte, kannte er doch nur Tenochtitlán und sein Dorf in der Wüste vor den Toren der Stadt.
Dennoch machte er sich auf den Weg. Er stülpte sich seinen Sombrero, der im Durchmesser einen halben Meter maß und von einer wulstigen Krempe gesäumt war, auf den Kopf und setzte sich in eine Kutsche. Nach langen Tagesreisen durch ärmliche Dörfer mit zerlumpten Kindern an den Straßenrändern, auf staubigen Wegen mit Schlaglöchern, die ihn immer wieder aus dem Dämmerschlaf rissen und an die Decke der Kutsche warfen, gelangte er von der aztekischen Hauptstadt in die Berge. Dort stieg er auf einen Esel um. Auf schmalen, steinigen Pfaden über schwindelnde Grate mit Abgründen tiefer als die Hölle ging es vorbei am Gas und Feuer spuckenden Popocatepetl, den der treue Diener mit Erleichterung hinter sich ließ, bis sich schließlich, eine Woche mochte seit seiner Abreise vergangen sein, das Meer vor ihm auftat, das er, das Wüstenkind, noch nie gesehen hatte, sondern nur aus Geschichten seiner Eltern, Großeltern und Urgroßeltern kannte. Er betrachtete es mit vor Schrecken und Bewunderung geweiteten Augen. Unsicheren Schritts ging er über die schwankende Gangway an Bord eines Segelschiffs, das ihn vom einen Ende der Welt zum anderen tragen sollte. Dem Diener war gar nicht wohl bei dem Gedanken, festen Boden zu verlassen, aber seine Mission ließ ihn alle Bedenken beiseite schieben. Seine dunklen Vorahnungen erfüllten sich jedoch, als inmitten des weiten, unendlichen Wassers ein wüster Sturm losbrach. Nirgends war Land in Sicht, im Osten nicht, im Westen nicht und auch nicht im Süden oder Norden. Gonzales schickte Stoßgebete zu seinen Göttern, von denen er, obwohl getauft, viele hatte. In diesem speziellen Fall vertraute er vor allem auf den schlangenköpfigen Quetzalcoatl.
Trotz der misslichen Umstände, die ihm der Sturm bereitete, trotz der schwankenden Planken, auf denen seine Füße kaum mehr Halt fanden, entfernte Gonzales das Päckchen keinen Augenblick von seinem Körper. Er entfernte es nicht, als er sich wusch, was er gewissenhaft jeden Tag tat, und auch nicht, als der unbändige Wind ihn aus seiner Koje an die Reling trieb, wo er sich, wie es ihm schien, die Seele aus dem Leib spie, der er in den sich auftürmenden Wellen hinterherblickte. Danach lag er tagelang wie im Koma, das Stampfen des Schiffes schien Teil seines seelenlosen Körpers geworden zu sein, und während die Matrosen um ihn herum feixten, presste er die Hand getreulich auf das kleine Paket seines Herrn, das er nahe seinem Herzen trug.
Schließlich kam Land in Sicht. Als Gonzales wieder festen Boden unter den Füßen spürte, der noch mehr zu schwanken schien als die gerade verlassenen Schiffsplanken, führten ihn seine ersten noch unsicheren Schritte direkt zum Haus der Conquista. Eine kleine Skizze, die ihm ein mitreisender Seemann gezeichnet hatte, leitete ihn durch die unbekannte Stadt, bis er vor der weißen Villa an der Schönen Aussicht stand, direkt an dem Binnensee gelegen, an dem er eine Weile entlangmarschiert war und der nicht im Mindesten die Ausmaße des gerade überquerten Wassers hatte, sondern so lachhaft klein war, dass Gonzales sogar das gegenüberliegende Ufer mit bloßem Auge erkennen konnte.
Das Hausmädchen Else sah keine Veranlassung, die seltsame Erscheinung mit dem großen Hut und der gelblich roten Hautfarbe ins Haus zu lassen. «Frau von Ringsberg ist nicht zu Hause», sagte sie streng und musterte den Besucher von oben bis unten. Einen Indio hatte sie noch nie gesehen.
Da Gonzales kein Wort von dem wenigen verstand, was Else sagte, wollte er sie einfach beiseite drängen und die Conquista auf eigene Faust suchen. Doch mit dem Mut eines Feldherrn, der einem feindlichen Angriff trotzt, verteidigte Else die Tür. Also setzte Gonzales sich auf die Stufen der großen Freitreppe, und nichts, aber auch gar nichts konnte ihn dazu bewegen, diesen Platz zu räumen, selbst der hanseatische Nieselregen nicht, der den Mexikaner eigentlich hätte erstaunen müssen. Doch Gonzales bemerkte die feinen Tropfen, die wie aus einer Puderzuckerdose rieselten, kaum. Er sann dem Verbleib seiner Seele nach. Tagelang hätte er jetzt ruhen müssen, damit sie in ihn zurückkehrte. Gonzales beschloss deshalb, sobald er seinen Auftrag erledigt hätte, wieder das Schiff zu besteigen, um seiner Seele entgegenzufahren und sie auf halber Strecke einzufangen. Was er hier auf dem fremden Kontinent zu sehen bekam, Else eingeschlossen, behagte ihm nicht.
Als die Conquista, mehr als einen Kilometer entfernt, mit ihrer Kutsche um die Ecke bog, schnellte Gonzales hoch und rannte auf sie zu. Der Wagen war in voller Fahrt, dennoch öffnete er den Schlag und sprang aufs Trittbrett. Die Conquista wollte gerade unwirsch mit dem Regenschirm auf den Eindringling einschlagen und lauthals «Hinweg!» rufen, als ihr dieser Ausruf im Hals stecken blieb. «Gonzales!», stammelte sie, da sank er schon vor ihr auf die Knie.
Die Kutsche rumpelte auf dem Kopfsteinpflaster weiter, bis sie kurz vor der Freitreppe zum Stehen kam. Else öffnete von außen den Schlag, um die Einkäufe der Conquista in Empfang zu nehmen. Aufgebracht rauschte die Conquista heraus. «Else, warum hast du Gonzales nicht eingelassen?», schalt sie das Dienstmädchen. Aber wer die Conquista kannte, bemerkte, dass in ihrer vor Ärger bebenden Stimme Beunruhigung mitschwang, sogar Bestürzung. Kein Indio aus der Wüste würde sich je dem ihm fremdesten, unheimlichsten Element, dem Wasser, anvertrauen, es sei denn, es ginge um Leben oder Tod. Wie ein Blitz durchzuckte sie die Erkenntnis, dass das Kommen des Dieners mit ihrem Bruder zu tun haben musste. Sie raffte ihre langen schwarzen Röcke – seit ihr Mann von den Barrakudas gefressen und wieder ausgeschieden worden war, trug sie nur noch Schwarz –, schob die verdutzte Else zur Seite und stürmte die Freitreppe hinauf. Gonzales stürzte hinterdrein. Unter einem Schwall spanischer Worte, die das neugierige Hausmädchen nicht verstand, zog er sein Päckchen aus dem Poncho und überreichte es seiner Herrin. Die Conquista umfasste es mit zitternden Händen, das konnte Else vom Fuß der Treppe aus sehen, hielt dann den alten Diener, der offenbar zum Aufbruch drängte, am Arm zurück, sagte etwas, das ihn veranlasste, auf der Empore zu warten, und eilte mit der Schachtel in ihr mexikanisches Kabinett, das voll gestellt war mit Mitbringseln aus ihrer Heimat. Dort nestelte sie an den festgezurrten Schnüren. «Vermaledeit», murmelte sie. Schließlich riss sie das glühend rote Geschenkpapier in Fetzen und öffnete die Schachtel.
Da lag sie in zauberischem Glanz, die zwei Meter lange Kette. Die Conquista nahm sie in die Hand, schlang sie um die Finger, liebkoste jede Perle, von denen keine der anderen glich. «Mein Liebster», flüsterte sie und meinte, in den Perlen ihren verstorbenen, von den Barrakudas gefressenen und wieder ausgeschiedenen Mann zu finden. Sie legte sich die Kette um den Hals. Das Perlmutt schmiegte sich an ihre Haut, als hätte es schon immer dorthin gehört. Haut an Haut mit ihrem verstorbenen Mann fühlte sie sich. Ihren Bruder fühlte sie nicht. Nach einer Weile erinnerte sie sich seiner. Mit feuchten Händen suchte sie unter dem Seidenpapier nach einer Nachricht, fand sie und öffnete das Kuvert.
«Einzig geliebte Schwester», stand dort in der steilen Schrift Gabriels, «ich sende Dir diese Tränen der Austern, die für immer meine Trauer über Deinen Verlust in sich verschlossen haben. Solange Du sie an Deinem Busen trägst, entflieht das verborgene Leben der Perlen nicht. Liegen sie an Deiner Brust, ist mir, als wäre ich an ihrer statt, wie in längst vergangenen Tagen. Hüte sie gut, denn wisse, geraten sie in fremde Hände, erlischt ihr Feuer so wie meins, als Du mich verließest. Gestern gelangte die letzte dieser Perlen in meine Hände, nun, da diese Kette vollendet ist, ist auch mein Leben erfüllt. Leb wohl.»
Die Conquista trat ans Fenster und starrte in das hanseatische Einheitsgrau. Lange stand sie dort. Schließlich entsann sie sich Gonzales’. Er wartete ungeduldig, wo sie ihn zurückgelassen hatte. Gonzales, der älteste Diener der Familie, brauchte nur in ihr Gesicht zu schauen, um zu verstehen.
«Soll ich also Ihrem Herrn Bruder keinen Brief mitbringen?»
Die Conquista schüttelte den Kopf.
Gonzales deutete eine Verbeugung an und verließ das Haus.
«Warte», rief die Conquista ihm nach, «ich will dich noch ein Stück begleiten.»
Sie gab Anweisung, ihre Kutsche vorfahren zu lassen. Gonzales stieg ein. Und seine Señora ebenfalls. Schweigend saßen sie nebeneinander, und schweigend nahmen sie Abschied am Kai, eingehüllt in den Dunst, den die Schiffsschlote ausspuckten. Der Indio erklomm die Gangway zu dem kohlebetriebenen Frachter der Deutschen Dampfschifffahrtsgesellschaft Kosmos, wandte sich noch einmal nach der Conquista um und verschwand im Bauch des schwimmenden Ungeheuers.
Am nächsten Tag war es Stadtgespräch, dass die Conquista mit ihrem indianischen Diener in ein und derselben Kutsche gefahren war. Else hatte es der Köchin erzählt, die hatte es dem Kutscher des Nachbarn erzählt, mit dem sie eine geheime Liebelei verband, der wiederum hielt es für angebracht, es seiner Herrin zu erzählen, die erzählte es ihrer besten Freundin, die es ihrem Mann weitererzählte, und so fort. Die Geschichte wanderte durch die ganze Stadt.
Wochen später, mit der nächsten Post, die den deutschen Hafen aus Mexiko erreichte, erhielt die Conquista die Nachricht, ihr Bruder sei in die wilden Wogen des Atlantischen Ozeans gegangen, just als der Sturm tobte, dem Gonzales an der Reling des Segelschiffs den Verlust seiner Seele zuschrieb. Kein noch so guter Schwimmer hatte eine Chance gegen die Gewalt dieses Meeres. Es trug den Kräftigsten hinaus. Und Gabriel war in die Brandung geschritten, als wäre er auf dem Weg zum Traualtar: still und gefasst und mit einem übersinnlichen Lächeln auf den Lippen. Als die erste Welle ihn packte, leistete er keinen Widerstand. Jedermann glaubte an ein Unglück, nur die Conquista ahnte die Wahrheit. Sie strich mit den Fingern über die Perlen.
«In dreizehn Jahren wird auch deine Seele …», sagte sie.
Maria und Mercedes blickten sich viel sagend an.
Von einem Tag auf den anderen hörte meine Mutter mit dem Zähneklappern auf. Es war an einem Morgen im Sommer 1993, als mein Bruder Camill, der gerade Mutterdienst hatte, ins Esszimmer rannte und rief: «Ihr müsst sofort kommen. Sie klappert nicht mehr!»
«Gott sei Dank, endlich gibt sie Ruhe», sagte mein Vater, doch dann wurde er bleich. «O Gott, wenn sie zu klappern aufgehört hat, ist es ernst. Jetzt büße ich für alles, was ich ihr angetan habe.» Vor Überraschung rührte sich keiner von der Stelle. Schließlich gab sich mein Vater einen Ruck und ging ins Schlafzimmer. Wir folgten ihm.
Eine merkwürdige Stille umfing uns. Nichts war zu hören. Von meiner Mutter kam kein Laut. Noch kleiner als sonst lag ihr Kopf auf dem weißen Kissen. Ihre Haut war vom Stoff des Kissenbezugs kaum zu unterscheiden. Die halb geschlossenen Augen beobachteten uns nicht. Sie hatte nicht einmal ihre Beine aufgestellt wie der Tlaloc in Chichén Itzá. Ihr Atem ging flach. Das einzig Vertraute war der säuerliche Geruch, der uns entgegenschlug, als wir die Bettdecke hochhoben. Fassungslos stand mein Vater vor dem hinfälligen Körper seiner fast dreißig Jahre jüngeren Frau und fragte leise: «Warum, warum nur?»
Innerhalb weniger Tage magerte sie ab und wurde immer schwächer. Sie konnte oder wollte nicht mehr essen. Täglich, wenn nicht stündlich rechneten wir mit ihrem Tod. Doch als ich keine Woche später meinen Mutterdienst antrat, traute ich meinen Ohren nicht. Schnell lief ich nach unten und rief noch von der Treppe aus: «Sie klappert wieder!», und rannte gleich zu ihr zurück. Sie saß in ihrem Bett, hatte die Arme um ihre Beine geschlungen wie der Tlaloc in Chichén Itzá. Da kamen auch schon mein Vater und Camill ins Zimmer und beugten sich über sie.
Einen nach dem anderen guckte sie uns an. «Franz. Camill. Elena», sagte sie. Dann ließ sie ihre Beine los, sackte nach hinten, tat noch einen letzten Klapperer und lag mit offenem Mund und offenen Augen da.
«Milena!», schrie mein Vater.
Doch sie rührte sich nicht mehr und klapperte auch nicht mehr mit den Zähnen.
In diesem Moment trat Ramón ins Zimmer. Er begriff sofort, was geschehen war, kniete sich neben das Bett, küsste sie auf die Stirn, obwohl er gar nicht ihr Sohn war, sondern aus einer früheren Ehe meines Vaters stammte, schloss ihr die Augen und forderte mich auf, ihm ein Tuch zu bringen. Ich ging zum Schrank, nahm einen Seidenschal von Hermès und reichte ihn ihm. Mein Vater protestierte, das Halstuch sei zu wertvoll, doch Ramón band ihr das Kinn trotzdem damit hoch.
Da fiel ein Strahl der gerade aufgehenden Sonne meiner Mutter auf den Hals. Der Hals leuchtete auf. Jetzt verstand ich, warum mein Vater immer dorthin sah. Sie trug noch die graue Perlenkette meiner Urgroßmutter, die er ihr für die Dauer ihrer Ehe überlassen hatte.
«Könntest du vielleicht auch noch … Die sollte doch unter keinen Umständen …»
Also zog Ramón an der Perlenkette, bis er den mit Brillanten und Smaragden besetzten Verschluss in den Fingern hielt, und öffnete ihn. Sacht hob er den Kopf meiner Mutter an und führte die Schnüre fünfmal um ihren Kopf, bis die Kette in voller Länge in seiner Hand lag. Dann überreichte er sie meinem Vater, der sie in seine Jacketttasche gleiten ließ.
Die nächsten zehn Tage verbrachten wir überwiegend im Kaminzimmer am Sarg. Wir führten Kondolierende ins Zimmer und hörten uns gleichmütig ihre Bemerkungen an. Das wahre Beisammensein mit unserer toten Mutter begann jedoch erst, wenn alle gegangen waren, auch unser Vater. Einmal am Tag kamen zwei Angestellte des Bestattungsunternehmens, um das Trockeneis zu wechseln. Kurz vor Feierabend schellten sie und betraten das Haus in schönstem Gleichschritt, zwischen sich eine kleine metallene Kiste, eine Art Reliquienschrein. Vor dem Sarg ließen sie sich auf je ein Knie nieder. Dann zogen sie eine Schublade unter dem Sarg heraus, entnahmen die alte Trockeneispatrone und schoben eine neue hinein. Starren Blicks verabschiedeten sie sich dann.
«Sie ist sicher schon blau angelaufen von all dem Trockeneis, was wetten wir?», sagte ich eines Nachts zu Ramóns Schwester und meiner Halbschwester Pilar, die aus Italien angereist war.
«Sollen wir nicht mal nachsehen?»
«Warum nicht.»
Die Messingverschlüsse des Sarges funktionierten wie die Schnappverschlüsse eines Einweckglases. Es waren sechs an der Zahl, zwei an jeder Längsseite und je einer an den schmalen.
«Schwer geht das ja nicht gerade», sagte ich.
«Wer weiß, vielleicht buddeln die den Sarg, kaum dass er zugeschippt ist, wieder aus und kippen den Leichnam in die Erde. Kurz ein bisschen staubsaugen, etwas Duftspray, und schon können sie ihn ein zweites, drittes oder gar viertes Mal benutzen. Das wäre richtig rentabel fürs Bestattungsunternehmen, und für die Toten würden auch nicht so viele Bäume draufgehen. Allerdings gäb’s dann keinen Schutz vor Würmern.»
«Eine Sargwand ist doch kein Schutz. Wir alle tragen die Eier der Maden, die uns später zerfressen, in uns. Erst wenn wir sterben, schlüpfen sie.»
«Du meinst, auch ich habe die bereits in mir?»
«Klar, das sind Parasiten, die ihren Wirt erst schröpfen, wenn er tot ist. Da ist doch nichts dabei. Ist im Gegenteil sogar genial von der Natur eingerichtet. So kriegt jeder seine Chance.»
Pilar hatte offensichtlich nicht mehr die geringste Lust, in den Sarg zu schauen, und murmelte: «Gott sei Dank habe ich eine Schmarotzologin zur Schwester.»
Ich musste lachen. «Schmarotzologin, nicht schlecht! Ich versichere dir, durch das Trockeneis hat der Verwesungsprozess noch nicht eingesetzt, denn die Eier brauchen eine bestimmte Temperatur, um sich zu entwickeln. Jetzt liegt sie deutlich darunter, es kann also nichts passiert sein.»
Aber auch mir war mulmig zumute. Trotzdem begann ich, an der Seite den Deckel anzuheben. Er war schwer. Pilar musste mir helfen. Durch den Spalt wehte uns ein kühler Hauch an, der im warmen Zimmer, in das den ganzen Nachmittag über die Sonne geschienen hatte, fast angenehm war. Wir stemmten den Deckel hoch. Da die Trockeneispatrone noch keine drei Stunden alt war, waberte über meiner Mutter ein feiner Nebel.
«Wie schön sie ist», flüsterte Pilar. Alles am Gesicht meiner Mutter war zwar spitz, noch viel spitzer als zum Zeitpunkt ihres Todes, aber sie wirkte wie losgelöst vom Irdischen, beinahe schwerelos.
«Siehst du?», sagte ich. «Nichts ist passiert.» Da hatte ich eine Idee und bat Pilar, einen Moment zu warten. Schon huschte ich aus der Tür nach nebenan.
«Beeil dich aber», rief meine Halbschwester mir hinterher.
Ich lief zu der Vitrine mit den Fächern und holte den schwarzen, spitzenbesetzten von meiner Großtante Maria heraus. Dann eilte ich ins Fernsehzimmer, öffnete den Glasschrank, zögerte einen Augenblick und nahm nicht etwa den Tlaloc, sondern die Maske, aus deren Stirn ein erigierter Penis wuchs. Zurück im Totenzimmer, legte ich meiner Mutter den geöffneten schwarzen Spitzenfächer auf die Brust. Die Maske legte ich darauf. In diesem Moment, ich könnte es beschwören, verirrte sich ein Lächeln auf das bleiche Antlitz meiner Mutter.
Ganz leise schlossen wir den Sarg, klappten behutsam die Messingverschlüsse zu und schwiegen. Dann gingen wir auf Zehenspitzen und ohne ein Wort zu wechseln aus dem Zimmer. Nun war meine Mutter wirklich tot.
«Warum hast du ihr eigentlich nicht den Chanukkaleuchter beigegeben?», fragte Pilar im Flur.
Ich blickte sie an und zuckte mit den Schultern. Ich wusste es nicht.
Am nächsten Morgen bekam Ramón, nachdem meine Mutter vom Bestattungsunternehmen abgeholt worden war, von unserem Vater die Perlenkette. Er war sein Erstgeborener.
Der kleine Junge wurde im Jahr 1901 auf den Namen Franz getauft und quittierte seine nunmehrige Zugehörigkeit zur lutherischen Glaubensgemeinschaft mit beträchtlichem Geschrei. Dass ihn der Herr von Ehning, sein so seltsam riechender Patenonkel, ungeschickt in den Armen hielt und ihm ein Pfarrer kaltes Wasser auf den Kopf tröpfelte, empörte ihn. Seine weiblichen und durch und durch katholischen Verwandten waren nicht minder empört. Sie ärgerten sich über die autoritäre Verfügung des bereits in den Süden des Deutschen Reiches verzogenen Vaters, seinen Sohn den Ketzern anheim zu stellen, zumal er hatte verlauten lassen, dass er ihn nie mehr in seinem Leben zu sehen wünsche. Die Damen beschlossen, den Jungen mit aller ihnen zu Gebote stehenden Erziehungsmacht auf den rechten Weg zu führen.
Wie um seinem Vater eins auszuwischen, war sein Kopf nach der Geburt binnen Tagen auf Normalgröße geschrumpft. Ebenso zügig lösten sich die Wurzeln seiner schwarzen Haare eine nach der anderen von der geschrumpften Kopfhaut und fielen aus. Drei Jahre lang wuchs gar nichts auf seinem immer noch runden, aber wohlproportionierten Schädel. Das beunruhigte die Damen nicht wenig. Als er schon laufen konnte, musste Franz jeden Tag zur Inspektion antreten. Dann beugten sich drei üppige schwarze Damenschöpfe über ihn. Doch nicht einmal unter Hinzunahme eines Vergrößerungsglases konnten sie einen Flaum entdecken. Als sämtliche Bewohner des Hauses schon jede Hoffnung auf neuerlichen Bewuchs aufgegeben hatten, spross dem Kind über Nacht semmelfarbenes Haar, das selbst in der Hansestadt seinesgleichen suchte. Die Conquista fiel beinahe in Ohnmacht, als sie Franz am Morgen die Treppe herunterhüpfen sah, und musste sich durch ausgiebiges Ziehen an den zwei Zentimeter langen Strähnen erst einmal vergewissern, dass das Kind nicht etwa eine Perücke aufgesetzt hatte, um sie mutwillig zu täuschen. Dieses Gezupfe veranlasste Franz wieder zu beträchtlichem Geschrei. Die Conquista sagte, wie um sich selbst zu beruhigen: «Da, wo die Sonne nie scheint, müssen wenigstens die Köpfe strahlen.»
Dies war für lange Jahre der einzige Streich, den der Junge seinem abwesenden Vater spielte. Er war kreuzbrav und wuchs, gehegt und gepflegt von den drei Damen, inmitten wogender Weiblichkeit heran. Vom Zinnsoldaten bis zum Stofftier, vom Brummkreisel bis zum Steckenpferd reichte sein Spielzeug-Reservoir. Hunderte Andenken, die sein Großvater von Handelsreisen mitgebracht hatte, kamen hinzu. Da gab es zum Beispiel einen Kamelsattel aus der algerischen Wüste. Franz sattelte eine Sofalehne und schwang ein Bein von vorn darüber, denn der Sattel hatte eine Rückenlehne, die, lindgrün und rot bemalt, mit Silberbeschlag verziert war und in den stahlblauen Himmel Afrikas ragte. Schon schaukelte er in Gedanken auf dem Rücken eines Dromedars durch die Sahara und wehrte Überfälle von verfeindeten Stammesfürsten ab. Oder er öffnete eine mit Intarsien geschmückte Ebenholzdose aus Indien, in der ein riesiger Tigerzahn lag, und sah sich schon in einem Khakianzug, mit Gewehr unter dem Arm, durch den indischen Dschungel pirschen. Alte Atlanten mit kolorierten Kupferstichen von Eingeborenen aller Kontinente entführten ihn in die entlegensten Gegenden und halfen seiner Vorstellungskraft auf die Sprünge. Er legte die Folianten auf den Parkettboden im kleinen Salon und hockte stundenlang davor. Nur das Bild, das einen langen, dünnen nackten Neger zeigte, der in der einen Hand eine Lanze und an der anderen einen nackten Jungen hielt, überblätterte er schnell.
Eines Tages jedoch ging etwas schief. Einer seiner Schuhe, die er gern durch die Luft schleuderte, da er über die seidenen Teppiche am liebsten barfuß ging, trudelte um die eigene Achse und nahm Kurs auf den Bauch einer chinesischen Vase aus der Ming-Zeit. Mit einem dumpfen Plopp prallte er dagegen, die Vase schwankte zwei-, dreimal auf ihrer Konsole, verlor dann endgültig das Gleichgewicht, kippte um und ging unter lautem Geklirr auf dem Parkettboden zu Bruch. Reflexartig schlüpfte Franz hinter einen Fauteuil und zog einen der schweren aserbaidschanischen Kelims über sich, die alle Sitzmöbel des Salons bedeckten. Aber da war sie auch schon, die Großmama. Mit einem Blick erfasste sie die Situation. Ein kleiner schwarzer Schuh thronte auf dem Scherbenberg. Paradiesvögel hatten ihre Köpfe verloren, Schnäbel waren in der Mitte durchtrennt, riesige Zacken schoben sich durch die blau-rot gefiederten Körper, sie hatten ihre Füße eingebüßt, Blumenranken war der Stiel, anderen die Blüte abgeschnitten. Die Conquista stieß einen schrillen Schrei aus, zog den Kelim vom Stuhl und packte ihren Enkel am Kragen. Ohne jede Mühe hob sie ihn in die Luft.
«Geh sofort auf dein Zimmer», sagte sie und stellte ihn wieder auf die Füße.
Stunden später schlich der Delinquent, gesenkten Hauptes und von Hunger getrieben, auf Strümpfen, die mit einem Gummiband an seinen Oberschenkeln befestigt waren, die Treppe hinunter. Nicht einmal das Geländer berührte er aus Angst, gehört zu werden. Vor der Tür zum Unglückssalon blieb er auf Zehenspitzen stehen. Sie stand einen Spaltbreit offen. Er hob ein wenig den Kopf und lugte unter seinen vom Weinen geschwollenen Augenlidern hinein.
Da kniete die Conquista. Vor ihr dehnte sich eine Scherbenlandschaft aus. Ihre schwarzen Haare standen ungewöhnlich wirr in alle Richtungen. Einige hatten sich sogar ganz aus dem mit Perlen verzierten, breitzackigen Schildpattkamm an ihrem Hinterkopf gelöst und fielen bis auf den Boden. Sie nahm eine Scherbe, starrte sie eine Weile an und legte sie neben einer anderen wieder ab. Selbst Franz erkannte, dass ihr Vorhaben vergeblich war.
Er murmelte: «Verzeihung, Omama.»
Obwohl die Conquista ihn weder gehört noch gesehen haben konnte, begann sie mit leiser, aber klarer Stimme zu ihm zu sprechen: «Die Menschen in der Alten Welt glauben, dass die Dinge seelenlos seien. Doch das ist ein Irrtum. Nimm nur die Vase hier! Diese Vögel, diese Pflanzen, dieser Himmel, diese Erde, sie spiegeln den Kosmos, und zwar so, wie ihn sich ein Mensch, ein Mensch aus Fleisch und Blut, ein Mensch mit Gefühlen, Ängsten und Hoffnungen, ein Mensch, der Glück und Leid erfahren hat, ausmalt. Alles das hat er der Vase wie seinen Atem eingehaucht. Nun ist sie zerstört.»
Der Junge verstand kein Wort, und doch spürte er zum ersten Mal, was der Priester Demut nannte. Am liebsten wäre er zur Conquista gelaufen und hätte sie umarmt, stattdessen aber drehte er sich um, ging in die Eingangshalle und tat, als wäre nichts passiert.
Abgesehen von dieser Episode, blieb er der Sonnenschein des Hauses. Jeder, der vorbeischaute, um die Damen nicht nur zu besuchen, sondern sie auch zu umwerben, strich ihm über das blonde Haar. Er lächelte und machte einen Diener, wenn er eine Süßigkeit oder eine Münze zugesteckt bekam. Doch er war nicht bestechlich. Zwar tat er das Geld in einen Sparstrumpf und hatte schon bald ein kleines Vermögen zusammen, aber er legte niemals ein gutes Wort für den Schenker ein; er wollte weder seine Mutter noch seine Einnahmequelle verlieren.
Und dann wäre es doch beinahe so weit gekommen. Wenige Tage vor seinem sechsten Geburtstag bat ein junger Offizier in weißer Uniform mit einem Empfehlungsschreiben in der Hand, bei der älteren Tochter der Conquista vorgelassen zu werden. Else meldete einen Herrn von Schachting. Der Offizier trat ein, küsste Mercedes den Handrücken und blickte ihr in die Augen. So blieben sie stehen. Viel zu lang. Es geschah etwas Ungewöhnliches, das spürte Franz sofort, etwas, von dem er ausgeschlossen war. Ein Kokon hatte sich um die beiden gelegt. Dann ging der Offizier. Und kam wieder. Täglich. Wenn er kam, wurde Franz aus dem Zimmer geschickt. Das war noch nie geschehen. Einmal erwischte er die beiden, wie sie Hand in Hand vor der Haustür standen und miteinander tuschelten. Sie nahmen ihn gar nicht zur Kenntnis. Das Gesicht seiner Mutter strahlte. Da beschloss Franz, vierzig Grad Fieber zu bekommen. Er war dem Tod nahe. Die Ärzte standen vor einem Rätsel. Kurz wachte er aus dem Fieberschlaf auf, blickte seine Mutter an und fragte:
«Wo ist Herr von Schachting?»
«Er ist weg und kommt nicht wieder», antwortete Mercedes.
Das Strahlen war aus ihrem Gesicht verschwunden, und Franz genas. Noch zweimal legte er sich auf den Tod ins Bett, dann nahm seine Mutter endgültig davon Abstand, sich zu verlieben, obwohl im Haus an der Schönen Aussicht viele interessante Persönlichkeiten ein und aus gingen. Die drei Damen übten auf die Herrenwelt große Anziehungskraft aus, und als in der Halle ein Gerät aufgehängt wurde, das Fernsprecher hieß und vorn mit einer Kurbel versehen war, klingelte es oft.
Eines Tages, nachdem Franz versuchsweise, gegen alle Verbote verstoßend, an der Kurbel gedreht hatte, hörte er eine süße Frauenstimme an seinem Ohr. Vor Schreck legte er den Hörer sofort wieder auf die Gabel. Keine zwei Minuten vergingen, da hatte er ihn schon wieder abgehoben und die Kurbel von neuem schwungvoll um ihre Achse gedreht. Mutig fragte er das Fräulein, wie ihr Befinden sei. Als sie ihm «Ausgezeichnet» antwortete und ihn fragte, welchen Teilnehmer er denn zu sprechen wünsche, antwortete er, dass ihm niemand einfalle, den er anrufen könne, ob er also ein wenig mit ihr Konversation treiben dürfe. Da gluckste sie und sagte ja.
Fortan rief Franz das Telefonfräulein wieder und wieder an. Manchmal hatte es sogar Zeit, dann plauderte es mit ihm über den Hafen, den es so liebte, da es hoffte, irgendwann mit einem der großen Dampfschiffe nach Amerika zu fahren. Der größte Traum des Telefonfräuleins war allerdings, mit einem der Segelschiffe langsam in eine neue Existenz zu gleiten, aber die Passage auf den Fünfmastern der Reederei Laeisz werde immer teurer.
«Laeisz?», schrie Franz und wurde ganz aufgeregt. «Aber den kenne ich doch. Meine Omama verkehrt mit ihm. Gerade neulich war er hier in ihrem Salon. Imposant ist der! Ich weiß genau! Hat der einen Vollbart! Ich frag meine Omama, ich frag sie sofort», rief er und wollte schon zu ihr eilen.
Da lachte das Telefonfräulein. «Na, so einer bist du! Nur überleg mal, wenn du jetzt zu deiner Omama gehst, dann weiß sie, dass du heimlich mit mir telefonierst, und vielleicht verbietet sie es dir dann.»
Das wollte Franz auf keinen Fall riskieren. Wenigstens setzte er zu Hause durch, dass der Kutscher einmal mit ihm an den Hafen fahren durfte, wo er all die prächtigen Dampfer, die rauchenden Barkassen, die flinken Schoner und abgetakelten Fregatten bewundern konnte, denen die Sehnsucht des Fräuleins galt. Die Seemannsanzüge der Matrosen glichen denen, die er beim sonntäglichen Kirchgang trug. Sie waren natürlich viel dreckiger, doch sauber im Vergleich mit den Kapuzenhemden der Kohlenträger. Auf Schuten beluden die ihre Weidenkörbe mit dem schwarzen Gold aus dem englischen Newcastle, hievten sie sich auf die Schultern und schleppten sie an Land.
Am meisten jedoch beeindruckte ihn, dass zwischen den Schuten, Barkassen, Schonern, Fregatten, Klippern und Kuttern ein Elbbuttfischer seine Netze ausgeworfen hatte. Er flehte den Kutscher an, mit ihm so lange zu bleiben, bis der Fischer seine Reuse mit der Seilwinde hochgezogen hätte. Die Reuse war voll mit Fischen. Sie zappelten und schlugen mit ihren Schwänzen. Franz taten die Tiere leid, die vergeblich versuchten, in dem ihnen fremden Element, der Luft, durch Schwimmbewegungen zu entkommen. An Land traten ihre Augen aus den Augenhöhlen und erblindeten. Die Körper verloren ihre schillernden Farben. Nun glänzten sie nur noch silbern. Vor dem glitschigen, wohl achtzig Zentimeter langen Aal, der sich wie eine Schlange wand, ekelte er sich sogar. Da erklärte ihm der Fischer auf Plattdütsch, dass Aale kilometerweit über Land laufen könnten, denn ihr einziges Ziel sei es, am Ende ihres Lebens in die Sargassosee zu gelangen. Franz machte große Augen, da er aus seinen Atlanten wusste, wie weit die Sargassosee entfernt war, und so berichtete der Fischer weiter. Da viele von ihnen aus den entlegensten und kleinsten Flüssen der Welt kämen, könnten sie den Ozean nicht ausschließlich auf dem Wasserweg erreichen, die Wege seien viel zu lang, und ihnen zu folgen würde ihre Lebenszeit bei weitem überschreiten. Daher nähmen sie jede mögliche Abkürzung über Land. In der Sargassosee nämlich, unweit des Bermuda-Dreiecks, kein Mensch wisse, warum, seien alle Aale geboren worden, von dort machten sich alljährlich die Jungtiere auf ihre große Reise, um die Meere und Flüsse der ganzen Welt zu bevölkern, wo sie flossenschlagend gebraucht würden, denn Aale seien so etwas wie die Müllabfuhr des Meeres, sie würden wie die Geier Aas fressen und so die Gewässer rein halten. Jedenfalls müssten sie vor ihrem Tod in die Sargassosee zurückkehren, um ihren Laich abzulegen und für Nachkommenschaft zu sorgen. Als Franz ihn mit offenem Mund anstarrte, zuckte der Fischer mit den Achseln und sagte, dass das nun mal ihr Schicksal sei, und nicht jedes Schicksal sei immer bequem. Davon könne er übrigens ein Lied singen. Und dieser Aal, er nahm ihn etwas derb in die Hand, um ihn sich von oben bis unten zu begucken, sei ein erwachsenes, vielleicht sogar schon altes Exemplar, das sich sicher demnächst auf den Weg retour zu seinem Geburtsort gemacht hätte.
Franz war entsetzt. «Wollen Sie den Aal bitte, bitte wieder ins Wasser zurückwerfen? Sonst hat er doch ganz umsonst gelebt», bat er den Fischer.
Der grummelte nur. «Wen interessiert das schon. Frag mich mal einer! Wenn ich alle –»
«Nur diesen einen, bitte, bitte, wo er doch schon so alt ist», bettelte Franz und hängte sich an den Arm des Fischers. Zum Kutscher sagte er: «Haben Sie Geld bei sich?»
Der nickte zögerlich.
«Wie viel wollen Sie für den Aal?», fragte Franz geschäftsmäßig den Fischer.
Der Fischer überschlug im Kopf das Gewicht des Aals. «Eine Reichsmark, zwanzig Pfennig, denke ich, ist für ein solches Prachtexemplar angemessen.»
«Das ist Wucher», rief der Kutscher entrüstet.
«Sie können ja auf den Fischmarkt gehen und sich dort einen billigeren aussuchen. Das ist keinen Kilometer von hier. Nur ob der noch so quietschlebendig ist wie dieser?»
«Ich will diesen Fisch und keinen anderen!» Franz stampfte mit dem Fuß auf.
«Du bist übergeschnappt», sagte der Kutscher. «Von mir bekommst du keinen Pfennig.»
Da fing Franz derartig an zu schreien, dass der Kutscher schon fürchtete, es würde einen Menschenauflauf geben. Also gab er Franz das Geld, und sofort beruhigte sich der. Mit ernstem Gesicht wickelte er den ersten Handel seines Lebens ab. Er reichte das Geld dem Fischer, und der händigte ihm die Ware aus. Aber da der Fisch kalt und glitschig war und heftig ausschlug, ließ er ihn gleich wieder los. Der Aal wand sich auf dem Kopfsteinpflaster Richtung Hafenbecken, machte noch einen Schlenker und fiel ins Wasser zurück. Franz war glücklich wie nie zuvor. Dem Telefonfräulein berichtete er anderntags, er habe viele Leben gerettet.
Keine Woche später drehte er die Kurbel am Telefonapparat, und am anderen Ende antwortete ein Mann. Franz fühlte sich hintergangen und verlassen, tagelang sprach er kaum ein Wort. Seine Mutter und seine Großmutter, seine Tante und seine Gouvernante und auch Else und die Köchin dachten schon, er sei krank. Das Telefonfräulein hatte ihm nichts von ihrer Abreise gesagt. So begann sein Verhältnis mit dem Fernsprecher, das im Gegensatz zu all seinen anderen Verhältnissen ein Leben lang währen sollte, mit einer Enttäuschung. Das Telefonfräulein aber vergaß er nie, den Aal übrigens auch nicht. Das konnten die wenigsten nachfolgenden Liebschaften von sich behaupten. Als er in späteren Jahren in New York durch die Straßen ging, spitzte er immer noch die Ohren, weil er das Fräulein wiederzufinden hoffte, so lebendig hatte er es in Erinnerung.
An einem strahlenden und über die Maßen heißen Maitag machte die Conquista am Gänsemarkt am späten Nachmittag ihre Besorgungen. Just auf diesem Platz hatte der Mäusefritze sein Theater auseinander gefaltet, direkt unter einer der unlängst aufgestellten, geschwungenen gusseisernen Laternen, die den Platz, wenn es dunkel wurde, elektrisch beleuchteten. Die Conquista ging gerade am Lessingdenkmal vorbei, als der Mäusefritze, der riesengroß und wohlbeleibt und mondgesichtig war, den roten Samtvorhang für seine Mäusetheater-Vorstellung hochzog. Er pfiff eine flotte Melodie, sein kleiner Gehilfe traktierte dazu eine Kindertrommel, und schon sausten zwei Mäuse auf die Bühne und schlugen Saltos. Das Weibchen, bekleidet mit einem gestreiften Rock und hellblauem Hemdchen, kam von der linken Seite, das Männchen, ganz in Karo, von der rechten. Sie trafen sich in der Mitte, starrten sich an. Da ertönte die Stimme einer Frau.
«Ohhhhh», piepste sie verliebt in höchsten Tönen.
Ein tiefer Bariton sagte: «Ja, wer ist denn das? Darf ich es wagen, gnädiges Fräulein, Ihnen den Arm anzutragen?»
«Bin nicht Fräulein, bin nicht schön, kann ungeleit’ nach Hause gehen», flötete es zurück, und das einfachere Publikum grölte, das gebildetere schmunzelte.
«Unverschämtheit, was heute mit unseren Nationaldichtern angestellt wird, man sollte die Polizei rufen», schimpfte hingegen ein Herr mit Stock und Zylinder.
«Unsinn», entgegnete die Conquista resolut und mit deutlichem Akzent.
Der Zylindermann wandte entrüstet den Kopf und musterte sie. Dann trat er, Verwünschungen ausstoßend, den Rückzug an, während die Menge ihm eine Gasse frei machte. «Verfluchte Ausländer! Mischen sich in unsere inneren Angelegenheiten! Wie weit ist es mit Deutschland schon gekommen! Müssen wir uns das bieten lassen?»
«Nu regen Sie Ihna mal ab», rief eine dicke Frau, die ihrem Habit nach zu schließen eine Marktfrau war.
Der Zylindermann war nahe daran, ihr seinen Spazierstock überzubraten, hielt aber inne, weil er von weitem einen Bekannten sah. «Herr von …», grüßte er devot, führte seine Hand an den Zylinder, neigte den Kopf und zog von dannen.
Inzwischen waren dem Mäusefritzen die Zügel entglitten. Die Mäuse, die eben noch nach seiner Nase getanzt hatten, ließen sich auf alle viere nieder, und das Männchen besprang das Weibchen. Die Damen von Gesellschaft trauten ihren Augen nicht und führten ihre Spitzentaschentücher zum Mund, um ein verschämtes Lächeln zu verbergen. Einige wohlsituierte Mütter öffneten ihre Schirme, die sie zum Schutz ihres blütenweißen Teints gegen die Sonne stets bei sich trugen, und nahmen so ihren Sprösslingen die Sicht.
«Was machen die denn da?», fragte ein etwa fünfjähriger Junge.
«Nichts! Nicht hingucken! Das ist nichts für dich!», kreischte seine Kinderfrau und hielt ihm die Augen zu.
«So ein Schweinkram, und das in aller Öffentlichkeit», murmelte eine etwas vertrocknet aussehende Dame.
Der so genannte Pöbel war weniger zimperlich. «Immer feste, immer feste, jaaa, weiter so», feuerte er die Mäuse an. Die Conquista, keineswegs prüde veranlagt, verfolgte neugierig das Spektakel. Zwei Pickelhauben bogen um die Ecke.
«Unerlaubte Zusammenrottung», fasste der eine den Sachverhalt zusammen. Der andere nickte bestätigend. Ihre Körper strafften sich, und sie griffen zu den Schlagstöcken. «Platz da», riefen sie mit der Autorität ihres öffentlichen Amtes und schritten durch die auseinander stiebende Menge auf den Mäusefritzen zu. «Was geht hier vor?»
Genau genommen ging schon gar nichts mehr vor, denn der Mäusefritze hatte, etwas roh, das verliebte Getändel der Mäuse unterbrochen. Die eine hatte er sich tief in die rechte, die andere in die linke Manteltasche gesteckt. Mit zwei geübten Griffen hatte er das Theater zusammengeklappt und auf dem Karren verstaut. Ihm lief der Schweiß die Wangen hinunter. Als sich die Gendarmen näherten, befand er sich bereits im Abmarsch. Verdutzt blickten die sich um. Sie standen auf einem nahezu leeren Platz. Auch die Conquista hatte ihre Schachteln zusammengerafft und war ihres Weges gegangen, nicht ohne zuvor dem Mäusefritzen ein anerkennendes «Hochachtung» nachzurufen. Der Mäusefritze wiederum sah sich nach der imposanten Erscheinung um. Für den Bruchteil einer Sekunde fiel sein Blick auf die glänzende graue Perlenkette, die fünfmal um ihren Schwanenhals geschlungen war. Schnell flüsterte er seinem kleinen Gehilfen Paulchen noch eine Anweisung ins Ohr, und weg war er. Der kleine Gehilfe heftete sich an die Fersen der Conquista.
Paulchen war ein erstaunlich plietscher Junge in schäbigen Kleidern. Sein Pullover war viel zu groß und durchlöchert, die Hose in Höhe der Knöchel ausgefranst, die Sohlen seiner Latschen schleiften lose über den Boden und machten bei jedem Schritt ein schmatzendes Geräusch. Aber Paulchen, nunmehr in seinem wahrscheinlich neunten Jahr, war schön. Seine meergrünen Augen blickten aufgeweckt und schon etwas weise, sein Gesicht war schmal, die Nase auch. Die langen schwarzen, etwas verfilzten Locken waren der Heimleiterin des katholischen Waisenhauses, in dem er lebte, ein Dorn im Auge. Eines Tages schlug ihre letzte Stunde. Ungefragt hatten sich Untermieter darin eingenistet. Mit ihnen wollte die Mutter Oberin kurzen Prozess machen.
«Ihr Rotzlöffel braucht eine starke Hand und Hygiene, Hygiene und nochmals Hygiene», sagte die nach Kernseife riechende Frau, packte den Jungen am Schlafittchen und legte ihn sich übers Knie. Es half kein Schreien und auch kein noch so heftiges Strampeln seiner schon recht muskulösen Waden. «Du entkommst mir doch nicht, Freundchen! Die Matte muss runter», sagte die Mutter Oberin, die von Haaren nicht viel verstand, da sie die ihren, sofern sie überhaupt welche hatte, unter einer Haube versteckte. Mit zusammengekniffenem Mund griff sie erst zur Schere und dann zum Rasiermesser. Paulchen sah seine Locken fallen, die sein ganzer Stolz gewesen waren, und mit ihnen nahm er Abschied von seiner Kindheit, wenn das, was er hinter den unüberwindlichen Mauern des Waisenhauses erlebte, überhaupt irgendetwas mit Kindheit zu tun hatte.
An die Zeit vor dem Orphanat konnte er sich nicht erinnern. Damals war er zu klein gewesen, wie klein, wusste allerdings niemand, denn sein Geburtsdatum war genauso unbekannt wie sein Geburtsort oder sein Geburtsname. Eigentlich wusste man gar nichts von ihm. Nur dass er eines Morgens im Dezember des Jahres 1900 auf der Treppe des einzigen katholischen Waisenhauses der protestantischen Hansestadt gelegen hatte, nicht weit von der Lokalität «Auf dem Berg», wo wenige Monate zuvor die erste Lichtspielvorführung stattgefunden hatte. Hinweise über seine Herkunft gab es nicht.
Auf der Karteikarte, die das Amt für ihn anlegte, stand «namenlos». Damit konnte sich die Mutter Oberin nicht abfinden. Umgehend verpasste sie ihm einen Namen, Paul. «Ein Kind ohne Name ist ein Nichts, ja man könnte sagen, es existiert gar nicht. Auf jeden Fall wäre es weniger wert als ein Hund, ein Nichts eben», erläuterte sie, als Paulchen schon verstehen und ein bisschen sprechen konnte.
In dem Moment, als die Mutter Oberin seine Haare auf den kalten Steinboden des Heimes fallen ließ, beschloss er, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Auf der Stelle versiegten seine Tränen. Sie flossen auch nicht mehr, als sie eine ätzende Flüssigkeit über seinen Schädel goss, um den quicklebendigen Tieren zu Leibe zu rücken. Gegen das mindestens ebenso rege Treiben in seinem Schädel vermochte sie sowieso nichts auszurichten. Sie und die übrigen Bräute Christi konnten noch so viele Ermahnungen auf die Heiminsassen niederprasseln lassen, sie fruchteten nie. «Legt ja nicht eure unreinen Hände an euch, sonst werdet ihr blind», war eine ihrer Lieblingsermahnungen, woraufhin ihre Schützlinge eine ganz und gar ahnungslose Miene aufsetzten. Dabei wussten sie es aus eigener Erfahrung, dass die Mutter Oberin log. Jede Nacht fläzten sie sich auf ihren Strohsäcken und legten um die Wette ihre unreinen Hände an sich. Wer am schnellsten war, hatte gesiegt. Am nächsten Morgen war aller Sehkraft ungetrübt.
Oft lag Paulchen des Nachts wach. Dann kletterte er auf die Fensterbank. Wenn er seine Nase an die Scheibe drückte, begrenzten die Gitter seinen Blick nicht mehr, und er sah den schwarzen Himmel, der durchlöchert war von Lichtern wie ein ungleichmäßiges Sieb. Er stellte sich vor, wie durch dieses Sieb die Sterne als Edelsteine auf die Welt rieselten, und verstand nur zu gut, dass sie nicht innerhalb der engen Mauern des Waisenhauses auftreffen wollten. Eines Tages würde er sie suchen gehen.
Als sein kahler Kopf nach der unsanften Behandlung Pusteln bekam, hatte die Stunde des Abschieds geschlagen. Er versuchte gar nicht erst, die Mauern zu überwinden, denn die steil in den Himmel ragenden Zacken, die das Bollwerk krönten, hatten bereits so manchen Fluchtwilligen aufgehalten und ihnen nicht nur die zerlumpte Hose, sondern auch das, was in ihr steckte, bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt. Die Verunglückten wurden notdürftig wieder zusammengeflickt und erst einmal in den Bau gesteckt. «Lasst euch das eine Lehre sein», sagte die Mutter Oberin immer.
Einmal gar hatte ein Flüchtling die Balance verloren und war bäuchlings auf eine Pfeilspitze gerutscht. Anfangs zappelte er mit den Beinen, bis die Spitze auf seinem Rücken zum Vorschein kam. Er gab noch ein Quieken von sich, dann war er still. Die Arme hingen auf der einen Seite der Mauer herunter, die Beine auf der anderen. Aus dem sorgsam verschlossenen Gartenschuppen wurden zwei hohe hölzerne Leitern herbeigeholt, und die beiden kräftigsten Schwestern versuchten, den Jungen von der Zaunspitze zu hieven. «Muss der Kerl denn so schwer sein», schimpfte die Mutter Oberin, obwohl sie am Fuß der Leiter stand und gar nicht mithalf. Dabei war der Unglücksrabe dort oben auf der Zaunspitze ein Spiddel wie alle anderen Jungen auch. Die beiden Nonnen bugsierten ihn die Leiter hinunter, wobei der Spiddel ihnen um ein Haar aus den Händen geglitten wäre. Dabei verlor er ein Gedärm. «Ordnung muss sein», sagte die Mutter Oberin, als der Junge endlich am Boden lag und sie das Gedärm in den leblosen Körper zurückstopfte.
Paulchen und fünf Komplizen ließen sich dieses Unglück eine Lehre sein. Drei Jahre danach knackten sie das Vorhängeschloss des Schuppens, in dem die Leitern standen, entliehen mehrere Spaten und gruben Nacht für Nacht einen Tunnel unter der Mauer hindurch.
