Der Peinlich-Run - Tanja Gitta Sattler - E-Book

Der Peinlich-Run E-Book

Tanja Gitta Sattler

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Beschreibung

Im Teil 1 des Buches, einem witzig-spritzigen Essay, nimmt Tanja Gitta Sattler das Phänomen ''Peinlich'' im Allgemeinen sowie den Peinlich-Run (siehe Klappentext) im Speziellen unter die Lupe. Bei der amüsanten Analyse kommen verschiedene, höchst erstaunliche Perspektiven zum Tragen. Teil 2 besticht durch himmelschreiende autobiografische Anekdoten der Autorin. Der Klappentext lautet: Gibs zu! Es gibt Momente in deinem Leben, in denen du am liebsten im Boden versinken würdest! Du schämst Dich fast zu Tode, hoffst, es bleibt ein Geheimnis, aber dann erzählst Du es weiter. Oft und gerne in feuchtfröhlicher Runde. Wieso bloß? Ich gebe zu, ich praktiziere das auch. Sind wir denn alle völlig plemplem? Dieses peinliche Büchlein ist der Versuch einer Antwort, gespickt mit deftigen Kurzgeschichten. Schamesröte garantiert!

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Seitenzahl: 136

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Widmung

Dieses Büchlein möchte ich sämtlichen Fettnäpfchen widmen, in die ich in meinem Leben je getapst bin. Für euch, ihr Lieben, die ihr mich nie vergesst, mir in allen Lebenslagen treu zur Seite steht und mir dabei eine solche Aufmerksamkeit schenkt, dass ich vor lauter Schamesröte kein Rouge benutzen muss. Euer Feuerwerk an Ideen schafft es immer wieder, dass ich sekundenlang sprachlos bin – wer mich kennt, weiß, welche Glanzleistung dahinterstecken muss!

Ohne euch, liebe Fettnäpfchen, wäre mein irdisches Dasein bloß halb so spannend. Welch schreckliche Vorstellung! Aber pssst, kleiner Tipp, es gibt weitere Bedürftige. Ich wäre wirklich gar nicht böse, wenn’s in Zukunft öfter mal die anderen träfe ...! Teilen macht Freude, oder etwa nicht?

Ein Hoch auf euch Fettnäpfchen, nun seid ihr in Stein gemeißelt!

Vorwort

I. Teil Essay

Du sollst nicht lügen – oder etwa doch?

Blamage ist geil, sogar öffentlich-rechtlich

Fremdschämen kann Folgen haben

Kulturell geprägte Scham

Gut gemeint, zum Affen gemacht

Das Erfolgsgeheimnis der Loser

Fazit: Der Peinlich-Run

II. Teil Peinliche Kurzgeschichten

Kindheit und Jugend

Der Wäscheklammer-Igel

Die unschuldige Diebin

Verbotene Früchte in Paris

Ein verhängnisvoller Cocktail

Frau Sattler, sofort ins Personalbüro!

Lust ist gefährlich

Flotter Otto im Kino

Studentenzeit

Der stotternde Doktor

Der Opernsänger

Der „Kater“ oder das Malheur im Kofferraum

Knalliger Einstand

Ehefrau und Mutter

Eine spiralförmige Peinlichkeit

Tollwütige Jungmutter

Größenwahn lässt grüßen

Preisgekrönt peinlich

Silvester-Knaller

Zwischenwort (zum Verlust der Jugend)

Autsch oder sie wissen nicht, was sie tun

Was man schwarz auf weiß besitzt …

Pädagogik oder Kinderglück?

Ehrlichkeit ist (k)eine Zier

Die sprechende Handtasche

Nachwort

Danksagung

Über den Autor

Weitere Informationen

Vorwort

Besonders intensive Erfahrungen mit dem Phänomen „Peinlich“ bescheren mir seit jeher etliche Sternstunden, heißt, ich mache nächtelang kein Auge zu. Schlaflosigkeit bewirkt einen Zeitüberschuss, der sich ganz wunderbar mit Grübeln ausfüllen lässt. Eines Morgens stelle ich fest, dass ich ein Büchlein geschrieben habe und erkenne: Blamage wirkt stärker als Koffein! Der Inhalt dieses Büchleins strotzt vor peinlichen Situationen, peinlichen Talenten und ist gekrönt von der peinlichen Persönlichkeit per se.

Du fühlst dich direkt angesprochen oder gar ertappt? Klasse, dann sind wir schon zu zweit! Aber wer weiß, vielleicht behauptest du auch, dich noch nie im Leben blamiert zu haben? Dann behaupte ich, dass du ein Alien bist!

Meiner Erfahrung nach lauert die Chance zur Blamage überall. Sie begleitet uns wie ein Schatten, nicht brav, aber absolut zuverlässig, durch alle Lebensphasen hindurch. Was ich ihr lassen muss: In Form und Ausprägung zeigt sie sich äußerst kreativ! Bisher begegneten mir sowohl moralisch und kulturell bedingte Peinlichkeiten, groteske, inkompetente, spontane und forcierte als auch harmlose und fatale, saukomische und saublöde.

Irgendwann drängte sich mir die Frage auf: Empfinden wir alle gleich, ab wann und ob überhaupt etwas peinlich ist? Die Antwort lautet: Nein! Die persönlichen Sichtweisen, Lebensumstände und Bewertungen sind entscheidend.

Zu abstrakt? Kein Problem. Ich werde die Hintergründe meiner Erkenntnisse kraft handfester Beispiele aufdröseln und dabei kein Blatt vor den Mund nehmen – auch wenn es peinlich wird.

Das ist dir recht? Wusste ich’s doch!

I. Teil Essay

Du sollst nicht lügen – oder etwa doch?

Das geliebte Kind darf mit zur Karla fahren, Muttis bester Freundin. Die Ärmste ist vor wenigen Tagen von ihrem Gatten verlassen worden. Als nach dem harmlosen Einführungssmalltalk und drei Stückchen Käsesahnetorte der Vorfall unweigerlich zur Sprache kommt, schmettert die Mutter voller Mitleid und Wut heraus: „Ich verstehe überhaupt nicht, wieso der Kerl sich davongemacht hat, Karla! Du bist doch so eine liebenswerte, umgängliche und tolle Frau!“ Da knallt das eigene Fleisch und Blut die Kuchengabel auf den Tisch und kreischt aufgebracht: „Aber Mutti, du lügst ja! Gestern hast du noch zu Papa gesagt, dass es kein Wunder ist, wenn Karla die Kerle wegrennen. So zickig wie die ist, bist du auch froh, wenn du nach ein paar Stunden die Flatter machen kannst!“

Karlas Freundin hat ihrem Töchterlein immer wieder eingetrichtert: „Du sollst nicht lügen!“ – jetzt hat sie den Salat! Das Positive daran ist, sie erhält in diesem unschönen Moment den definitiven Beweis dafür, dass ihre Erziehung Früchte trägt. Beeindruckend, denn das kann beileibe nicht jede Mutter von sich behaupten!

Obendrein hat sie gelernt, dass moralisch hochgeschätzte Werte, praktisch angewandt, peinliche Auswirkungen haben können. Jetzt ist sie klüger!

Das Negative an Klugheit ist, die Auswahl an Denk-und Handlungsoptionen wird breiter. Du gehörst natürlich zu den Klugen und weißt: Wer die Wahl hat, hat die Qual! Die arme Mutter ist ratlos. Auf welche Grundsätze soll sie sich zukünftig stützen, wenn es (in Sachen lügen) um die Erziehung ihrer Tochter geht? Was ist richtig, was ist falsch? Moses Einstellung dazu kennen wir, aber frag mal die Karla …

Blamage ist geil, sogar öffentlich-rechtlich

Nehmen wir nun die forcierte Peinlichkeit unter die Lupe. Im Unterhaltungsgenre ist der schier unendliche Fundus menschlicher Missgeschicke aufs herzlichste willkommen. Wieso ist das so?

Bestünde das, was auf unserer schönen Welt so vielfältig kreucht und fleucht, aus reiner Perfektion, gäbe es dieses Büchlein nicht. Ob das wirklich schade wäre, kannst du vermutlich noch nicht abschließend beurteilen. Richtig? Richtig! Doch es liegt nahe, dass die Arbeitslosenquote der schreibenden, der schauspielernden sowie regieführenden Zünfte im komödiantischen Bereich, ohne diesen Fundus an menschlichen Missgeschicken, jede Statistik sprengen würde. Das Repertoire der großen und kleinen Bühnen würde um einiges schlanker und trauriger aussehen. Manche denken ja schlank sein bedeute glücklich sein per se. Ha – von wegen! Nicht in diesem Fall!

Humoristische Theaterstücke wären für die Katz’, die gesamte Comedy-Sparte, selbst das politische Kabarett, müsste ohne den nie versiegenden Schatz an Steilvorlagen in die Röhre gucken. Im Film- und Fernsehuniversum verhielte es sich kaum anders. In einer aalglatten Lebenswirklichkeit würden etliche Sendereihen, Reality-TV, Talkshows, Filmkomödien, Seifenopern und so weiter und so fort sinn-, zweck-und somit erfolglos sein. Ein künstlerisch aktiver Mensch ohne Sinn, Zweck und Erfolg ist wie ein Goldgräber ohne Gold. Ergo: Ein armes Schwein!

(Bitte verzeih mir die grobe Ausdrucksweise, aber so ist es doch?)

Für die groß aufgezogenen Projekte in der Unterhaltungsbranche gilt das Gleiche, nur müssen wir es an dieser Stelle anders betiteln. „Flop“ klingt zwar harmlos, dennoch trifft es sämtliche Beteiligte exakt zwischen die Augen.

Wenn individuelle Talente oder Projekte, die sich das Phänomen „Peinlich“ zunutze machen, den Durchbruch schaffen, zählt Kollege Ruhm fleißig große Scheinchen. Vielleicht nur eine Zeit lang, Fortuna ist launig. Doch was versuchen uns spirituelle Ratgeber sowie etliche Erfolgscoaches immer wieder zu lehren? Genieße den Augenblick! Und es ist wahr! Ins rechte Licht gerückt, besteht eine gute Chance, aus blamablen Erlebnissen und Situationen amüsante und beglückende Momente zu zaubern, die das schnöde Einerlei des Lebens vergessen lassen. Sie sind das Salz in unserer Alltagssuppe. Blamage ist nicht nur unterhaltsam, Blamage ist geil!

Denken wir zum Beispiel an das britischamerikanische Komikerduo Stan Laurel und Oliver Hardy, alias „Dick & Doof“. Der Kern ihrer Plots ist stets derselbe: Olli fühlt sich von Stan blamiert und wir leiden fröhlich mit ihm. Unsere Sympathie für Stan ist oft größer als jene für seinen Freund, obwohl wir dessen Wutausbrüche bestens nachvollziehen können. Trotzdem – wenn der kleine Stan zu weinen beginnt, verzeihen wir ihm alles, genau wie Olli. Beim nächsten Sketch beginnt das Ganze wieder von vorne, ohne dass uns eine einzige Sekunde langweilig wird. Verrückt, oder? Würde das Duo noch leben, hätte es im Jahre 2021 das hundertjährige Jubiläum (!) seiner unglaublichen Erfolgsgeschichte feiern können. Denn das Slapstick-Genie der beiden kann uns heute noch begeistern.

Selbst ein tierischer Tollpatsch ist gern gesehen. Picken wir uns aus den amerikanischen Disney-Studios der 30er-Jahre die Figur von Donald Duck heraus, dessen gut gemeinten oder fiesen Ideen jedes Mal im blanken Chaos enden. Motto: Blamage garantiert! Im Comic-Genre ist Erpel Donald der Star aller Pechvögel, von Herzen bedauert und geliebt – damals wie heute.

Donald Duck erinnert mich häufig an zwei prägnante Schauspieler. Zuerst an einen Franzosen, spanischer Abstammung: Louis Germain David de Funès de Galarza, bekannt als „Louis de Funès“. Durch seine Schauspielkunst mutiert Louis 1964 mit gleich drei Kinokassenknüllern zu Frankreichs Komikerstar Nr. 1.

Sein Markenzeichen: Stets mit ganzem Herzen bei der Sache (welcher auch immer), rast er – genau wie Donald – begleitet von schier unfassbarem Chaos, welches er mit seiner hektischen, cholerischen, oft himmelschreiend selbstherrlichen Art selbst auslöst, torpedogleich am Ziel vorbei. Klingt unerträglich stressig und doch sind beide Charaktere schier zum Knutschen! Zum anderen erinnert mich der lustige Erpel an die Rolle des Pariser Polizei-Inspectors Jacques Clouseau aus den Spielfilmen der US-amerikanischen Pink-Panther-Reihe. Der englische Schauspieler Peter Sellers ist für mich nicht nur die Erstbesetzung, der ab dem Jahre 1963 produzierten Kriminalkomödien, sondern die Bestbesetzung! Er gibt sich, im Gegensatz zu Louis de Funès, betont cool, wissend und bedacht. Doch seine gleichzeitige Tölpelhaftigkeit bildet für das Publikum einen herzerfrischenden Kontrast zu der unseligen Besserwisserei. Diese stürzt seinen Vorgesetzten regelmäßig in blanke Verzweiflung, bald in den Wahnsinn, zuletzt sogar in den Tod. Unvergessen die Szene, in der Inspector Clouseau, gemeinsam mit einer bildhübschen Zeugin, in einer Nudisten-Freizeitanlage Nachforschungen anstellt. Bei der Flucht mit dem Auto geraten sie mitten auf einer belebten Kreuzung in den Stau – splitterfasernackt.

An der Spitze der Beliebtheitsskala in Sachen „Peinlich“ steht, meiner Meinung nach, der britische Humor. Ungeheuerliche Umstände werden wie Alltäglichkeiten behandelt. Das scheinbar emotionslose Verhalten der Akteure kann im Alltag dabei helfen, über Missgeschicke hinwegzusehen oder ihnen die Schärfe zu nehmen. Gerne wird der trockene Witz, der dahintersteckt, als professionelles Stilmittel verwendet, welches nicht selten im berühmt berüchtigten „Black Humour“ gipfelt. Der legendären Komikergruppe „Monty Python“, gegründet 1969, gelingt es mit bitterböser Leichtigkeit, bis weit nach ihrer endgültigen Auflösung im Jahre 2014, Milliarden von Lachmuskeln zu strapazieren. Ihre Darstellungen kippen mit Vorliebe ins Skurrile und gleiten in tiefste menschliche Abgründe hinab. Es ist entsetzlich und zugleich wunderbar stimulierend. Einer der Truppe, Michael Palin, wird 2018 bei der traditionellen Neujahrsehrung der Queen zum Ritter geschlagen. Die Kinofilme „Das Leben des Brian“, „Der Sinn des Lebens“ und „Die Ritter der Kokosnuss“ gelten nach wie vor als absolute Kult-Filme!

Rowan Atkinson startet im Jahre 1989 unter dem Künstlernamen „Mr. Bean“ eine sternschnuppenartige Solo-Karriere. Ich bezweifle, dass es einen Menschen gibt, der diesen herausragenden Vertreter des britischen Humors nicht kennt. Trotzdem wird Atkinson für seine Schauspielkünste 2013 von der Queen „nur“ zum „Commander of the Order of the British Empire“ ernannt. Möglicherweise liegt das an der letzten Szene aus dem Kinofilm „Johnny English 2“. Die Queen will Johnny gerade zum Ritter schlagen, als er sie dummerweise mit der fiesen Killerputze verwechselt (der Kopfgeldjägerin des Bösen). Johnny nimmt sie in den Schwitzkasten und drischt ihr mit einem Silbertablett brutal auf dem gekrönten Haupt herum. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Wir wissen das! Aber wer sagt es der Queen? Beziehungsweise hätte sich gewagt, es ihr zu sagen? Vielleicht ist ihr Sohn ja kulanter, es betraf schließlich nicht seinen erlauchten Schädel …

Auch in unserem Land wird das Thema „Peinlich“ oft und gerne ausgeschlachtet. Ich spreche nicht von deftigen Bierzelt- und Stammtisch-Zoten (obwohl selbst diese, bei entsprechendem Alkoholpegel, eine beeindruckende Wirkung entfalten können). Nein, bleiben wir niveauvoll und gedenken an dieser Stelle dem fantastischen Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow, kurz, Vicco von Bülow, bekannt als „Loriot“.

In den 50er-Jahren beginnt er, mit seinem großartigen Schauspiel im Theater, Film und Fernsehen sowie humoristischer Literatur (inklusive genialer Zeichnungen) sämtliche menschliche Unzulänglichkeiten auf den Tisch zu packen. Punktgenau, auf ausgesprochen geistreiche, charmante und liebenswerte Weise.

Es gäbe an dieser Stelle viele große Künstler aufzuzählen, die jeweils mit eigenem Stil und Schwerpunkten überzeugen konnten und können: wie etwa Heinz Erhardt, Dieter Hildebrandt oder das Allroundtalent Otto Walkes. Als Hessin empfinde ich es als Pflicht, das Comedy-Duo „Badesalz“ zu erwähnen. Doch schluss jetzt, die Liste ist mächtig lang! Außer, ihr wollt noch fix von der peinlichen Geschichte mit mir und einem hessischen Promi erfahren? In Ordnung. Seinen Namen werde ich allerdings faken, ich will ja keinen Ärger bekommen. (Sicher errätst du nie, um wen es sich dabei handeln könnte – ätsch!)

Der vierzigste Geburtstag meines Liebsten steht an. Irgendwie findet er das gar nicht erquicklich und tut so, als wäre es kein Fest, sondern ein Sperrmülltermin. Gut zureden hilft nichts, eine rettende Idee muss her! Gedacht, getan. Ich buche für den Tag X zwei Plätze bei der Comedy-Veranstaltung vom „Schnudeheinz“.

Der Göttergatte mag seinen Witz und von daher verspricht es die perfekte Ablenkung vom Stichtag zu sein. Ich suche für unsere persönliche „After-Show-Party“ in der Stadt, in der das Event angekündigt ist, eine hübsche Gaststätte. Das Einzige, was spät abends noch geöffnet hat, ist ein feudales, schweineteures Hotelrestaurant. Da ich kein Problem damit habe, die Kohle meines Mannes aus dem Fenster zu werfen, reserviere ich uns zwei Plätze und ordere einen Strauß Rosen für ihn. Er gönnt sich ja sonst nichts. Drei Tage vor dem Event schicke ich dem Restaurant eine CD mit seinem Lieblingslied und bitte das Personal, es abzuspielen, sobald wir einkehren. Außerdem versuche ich, telefonisch beim Manager vom Schnudeheinz zu erreichen, dass er meinem Liebsten von der Bühne aus zum Geburtstag gratuliert. Gerne bin ich bereit, auch dafür ein hübsches Sümmchen hinzublättern. Daraus wird aber nichts. Er klingt genervt:

„Wenn wir das bei allen machen würden, hätten wir sonst nichts zu tun!“

„Mit ‚sonst nichts tun‘ Kohle schieben, das ist doch großartig!“, sage ich lachend.

Der Manager kichert nicht mal, sondern bügelt mich knallhart ab. Da werde ich sauer. Dachte, die sind alle superlustig bei so einer Comedy-Crew ...

Der Tag X ist gekommen und das Programm vom Schnudeheinz ist toll, da gibt es nichts zu meckern.

Trotzdem wäre es schön gewesen, wenn … es lässt mir einfach keine Ruhe! Wir fahren wie geplant zum Hotelrestaurant. Ein extrem höflicher Kellner führt uns an den Tisch – Scheiße! Die bestellten Rosen sind nicht rot, sondern rosa. Ich lächele gequält. Mein Mann hasst rosa. Aber er liebt mich und lächelt auch. Die CD springt an, fetter Gangster-Rap beschallt das noble Sternerestaurant. Ich habe wohl eine CD vom Sohnemann erwischt. Ein Typ mit mächtiger Stimme droht damit, irgendeine Mutter zu ficken. Die wenigen Gäste, die außer uns noch im Raum sind, verlassen fluchtartig das Lokal. Der Chefkellner flucht so laut, dass der Koch aus der Küche eilt, in seiner Rechten baumelt ein totes Huhn. Er drückt auf „Aus“ und dem Rapper verschlägt es die Sprache. Mir ebenfalls! Geflügel kommt mir heute jedenfalls nicht in die Suppe. Wir setzen uns und müssen lachen. Der Kellner lacht nicht, serviert uns aber zwei Gläser Schampus aufs Haus, weil mein Mann Geburtstag hat. Auch gut! Wir geben unsere Bestellung auf. Da öffnet sich die Tür, der liebe Schnudeheinz schlappt herein und flötet höflich „Gud’n Owend!“ Seine Mimik, seine Gestik, alles genau wie auf der Bühne – das ist ja ein Ding!

Saustark! Der hat natürlich in diesem teuren Schuppen eingecheckt, hätte ich mir denken können. Nach der Vorspeise überlege ich, ob der nette Promi nicht doch meinem Süßen zum Geburtstag gratulieren könnte. Das Geburtstagskind versucht mich verzweifelt zurückzuhalten – keine Chance! Habe inzwischen eine halbe Flasche Weißwein intus und bin voll in Fahrt! Ich setze mich zum Schnudeheinz an die Bar und tu erst mal so, als wüsste ich nicht, wer er ist. Aus Lust und Laune erzähle ich ihm einen furchtbar dreckigen Witz. Mein Mann beginnt langsam, aber sicher unter den Tisch zu rutschen. Nicht wegen dem Chardonnay, sondern weil der Comedian partout nicht lachen will (ob der mit dem Manager verwandt ist???) und ich tiefer in die Schublade greife. Der zweite Versuch fährt genauso gegen die Wand, also packe ich den dritten Kalauer aus. Ein echtes Brett! Das Geburtstagskind hat sich mittlerweile in Luft aufgelöst. Die Bedienung serviert das Hauptgericht und schaut den Schnudeheinz fragend an. Der schüttelt gutmütig seinen Kopf und macht eine deeskalierende Handbewegung. Toll, was denkt denn dieser spießige Kellner von mir? Etwa, dass ich den Ehrengast belästige? Würde mir nie einfallen. Wenn der angemessen gelacht hätte, wäre ich längst weg! Und wo ist bitte schön der Gatte abgeblieben?

„Ein Spitzenwitz von einer echten Hessin, super!“ Der attraktive Dunkelhaarige, welcher auf der Bühne vorhin das Piano spielte, gesellt sich zu uns. Ich bin begeistert, endlich jemand, der mein Können zu schätzen weiß! Er ruft nach dem Kellner, um eine Runde Schnaps zu bestellen.

„Vier bitte“, sage ich.

„Wieso vier?“, fragt der Pianist verwirrt.