Der perfekte Mann für mich - Michael M. Zagorowski - E-Book

Der perfekte Mann für mich E-Book

Michael M. Zagorowski

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Beschreibung

Die Erzählung handelt von einem kleinen Jungen, der in der polnischen Stadt Lodz aufwächst und die sozialistische Gesellschaft aus seinem kindlichen Blickwinkel wahrnimmt. Beim späteren Studium in München scheint diese Welt der Kindheit in Vergessenheit zu geraten. Der neue Lebensabschnitt mit seinen Abwechslungen wie dem abendlichem Ausgehen, dem spielerischen, und zugleich leidenschaftlichen Umgang mit dem anderen Geschlecht und – natürlich nicht zu vergessen – den Pflichten des Studiums nimmt ihn voll in Anspruch. Unvermittelt rüttelt ein Anruf aus Polen an seiner Sichtweise der Dinge: Ihm wird klar, dass das Leben seine eigene Regie führt und er lediglich eine Statistenrolle einer geschichtlichen Entwicklung spielt.

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Seitenzahl: 149

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Personen und Handlung dieses Buches sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind demnach zufällig.

Impressum

© 2012 Michael M. Zagorowski, Zürich

eBook-Erstellung: text + taler GmbH, Hamburg 

Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de 

ISBN 978-3-8442-2041-4

Erster Teil 

I. 

Lodz. Das ist die Stadt, deren Bild bis heute von roten Backsteinkaminen geprägt ist. Und von den dazugehörigen Fabriken, aus deren gusseisernen Fenstern der Lärm von Webstühlen schallt. Es ist der Ort, der seit Mitte des vorletzten Jahrhunderts das halbe Polen mit Stoffen und Garn versorgt hatte und wegen seiner Textilindustrie das Manchester des Ostens genannt wurde. In dieser Stadt fängt meine Geschichte an und es ist somit eine polnische Geschichte.

In den späten siebziger Jahren bin ich in Lodz zur Welt gekommen. Dort wuchs ich zwischen all den grauen Plattenbauten und roten Backsteinfabriken des neuen, aufstrebenden Stadtteils Widzew auf. Meine Eltern waren hierhergezogen, nachdem sie als Dank für ihre Arbeit und ihr Engagement für den Sozialismus eine Einraumwohnung zugeteilt bekommen hatten. Zuvor wohnten sie mit dem 75-jährigen Großonkel meines Vaters zusammen und schrieben einmal wöchentlich seitenlange Anträge an die Stadtverwaltung, in denen sie ihren Nutzen für und ihre Abhängigkeit von der Stadt darlegten. Nach knapp drei Jahren hartnäckiger Überzeugungsarbeit schenkte ihnen der Stadtteilpräsident endlich Glauben und ihr Name wurde auf eine Warteliste für Eineinhalb-Zimmer-Appartements gesetzt. Das zusätzliche halbe Zimmer war übrigens das Bad. 

Die Freude über die zugeteilte Wohnung in der Plattenbausiedlung war selbstverständlich riesig, da meine Mutter zu dieser Zeit bereits schwanger war. Dessen ungeachtet wurde das Glücksgefühl einen halben Monat nach dem Umzug getrübt. Der gebrechliche Großonkel verstarb unglücklicherweise, wodurch seine Zweiraumwohnung frei wurde, doch nach dem vollzogenen Auszug konnte man sich nicht mehr bei der Genossenschaft darauf berufen, das Wohnrecht als Untermieter geltend machen zu wollen. Schließlich zog in die Wohnung des Großonkels ein älteres Pärchen mit einem durchgeknallten Rottweiler ein, der sämtliche Nachbarn von morgens bis nachts mit seinem Bellen terrorisierte. Manchmal gar mit seinen scharfen Zähnen, wenn die Nachbarn es wagten, ihre Wohnung zu verlassen, während er Gassi ging. Wobei die Nachbarn den Dreh recht schnell rausbekamen und das Haus einfach nicht mehr so oft verließen. Dieser Lauf der Dinge wird meine Mutter wenigstens über die entgangene Gelegenheit hinweggetröstet haben – gleichwohl konnte sie sich nie damit anfreunden. 

Lodz war eine sehr angenehme Stadt und ich wohnte dort liebend gerne. Meine ersten Erinnerungen an diesen Ort sind noch aus den frühen achtziger Jahren, ich werde damals wohl zwischen fünf und sechs Jahre alt gewesen sein. Vor dem Plattenbau hatten wir zusammen mit den Nachbarskindern einen wunderbaren Spielplatz, dessen Besuch jeden Spätnachmittag aufs Neue den Höhepunkt des Tages markierte. Der Spielplatz bestand aus einer rotgelb gestrichenen Schaukel, einem schwarzen Schotterwegund einem Klettergerüst, dessen hellgrüne Ölfarbe die vorangegangenen Generationen recht stark beansprucht hatten, denn unter den übrig gebliebenen Farbresten konnte man das rötlich glänzende Metall erkennen. Aber in diesen Jugendtagen war uns der Zustand des Spielplatzes völlig egal. Worauf meine Freunde und ich hingegen achteten, das weiß ich noch ganz genau, war der mit schwarzem Schotter bedeckte Boden: Zu oft haben meine Knie Bekanntschaft mit dessen Steinen gemacht und der pochende Schmerz trieb mich heulend über die Treppen in den fünften Stock des Hauses. Und zu oft hat meine Mutter Jod aus dem Medizinschrank geholt und mir damit die Steine aus der blutenden Wunde getupft, als dass ich die gnadenlos brennende Qual aus meinem Gedächtnis löschen oder zumindest verdrängen könnte. 

Trotzdem sind die Jahre in der Plattenbausiedlung eine sehr schöne Zeit gewesen und die sozialistische Spielanlage hat uns Kinder glücklich gemacht. Sie war der Treffpunkt und der Ausgangspunkt aller abgefahrenen Ideen, an denen es uns niemals fehlte. An gewöhnlichen Werktagen trafen wir die Nachbarskinder auf dem Spielplatz und schmiedeten strategische Pläne für den Restnachmittag. Diese konnten durchaus intelligenter Natur sein und gingen weit über Schurke und Milizbeamter hinaus. Zumindest manchmal. 

Allerdings kommt einem in diesem Alter Unsinn in den Sinn, ohne dass man großartig darum bitten oder sich anstrengen muss. Abgesägte Kastanienbaumäste stellten nur ein kleines Problem dar, verglichen mit den Eltern der Freunde, die sich bei meinem Vater darüber beklagten, dass ihr Sohn zur Zeit des Sägens auf der falschen Seite des Astes saß und er daher die Newton’sche Gravitationstheorie am eigenen Leibe habe erfahren dürfen. 

Meine Eltern waren beide berufstätig. In den achtziger Jahren war es in Polen überhaupt kein Problem, eine Anstellung zu bekommen. Meine Mutter brachte mich täglich um kurz nach sieben Uhr morgens in den Kindergarten und mein Vater holte mich nach vier Uhr nachmittags ab. Ab dem Alter von sechs Jahren besuchte ich die Vorschule, während meine Eltern auf der Arbeit waren. 

Ich war besonders stolz darauf, ein Schlüsselkind zu sein, denn es gehörte eine gewisse Portion Selbstständigkeit und Vertrauen dazu, den Wohnungsschlüssel um den Hals tragen zu dürfen. Nur wenige meiner Klassenkameraden kamen in den Genuss dieses Privilegs und wir verstanden uns als eine zusammenhaltende und überlegene Clique. Wenn wir nach dem Unterricht wieder zu Hause waren, ließ unser Stolz jedoch massiv nach, da wir unsere Schulaufgaben erledigen mussten und alleine bis vier Uhr auf einen Elternteil zu warten hatten. Erst dann durften wir wieder raus auf den Spielplatz vor dem Haus und in die Straßen mit den braunroten Fabriken. 

Der Anblick von roten Backsteinhäusern ist mir bis heute angenehm und wenn ich von anderen höre, dass sie von Plattenbausiedlungen nicht besonders angetan sind, ist mir das unverständlich. Optisch betrachtet finde ich sie unheimlich stylisch und ansprechend. Als wir zu jener Zeit in einer solchen Anlage wohnten, wäre niemand auf die Idee gekommen, etwas an den Lebensumständen dort auszusetzen. Schließlich gab es genügend Bekannte in anderen Stadtteilen, die keine funktionierende Kanalisation besaßen und das Wasser auf dem Ofen erwärmen mussten. In Widzew zu wohnen bedeutete Fortschritt und stand stellvertretend für das junge, aufstrebende Polen. Vielleicht haben gerade aus diesem Grund in unserem Haus größtenteils die jüngeren Jahrgänge gewohnt. 

Größtenteils, wohlgemerkt. Denn im ersten Stock der Gemeinschaft fristete eine ältere Witwe ihr Dasein. Ihr Mann starb im Ersten oder Zweiten Weltkrieg und abgesehen von ihrem Sohn, der sie einmal monatlich besuchte und um Geld für Alkohol anpumpte, waren die Tauben auf dem Hof ihre einzigen Lebensbegleiter. Ihre ungeheuer faltigen Gesichtszüge, die von dunkelbraunen Flecken gefärbte Haut und das lange, ungekämmte weiße Haar führten dazu, dass ich sie in meiner kindlichen Leichtsinnigkeit auf etwa 150 Jahre schätzte. Von meinen Spielkameraden wird sie in einem ähnlichen Alter eingeordnet worden sein, da wir zum einen in ihrer ehrfurchtsgebietenden Gegenwart alle leise wurden und uns kaum trauten, uns zu bewegen. Zum anderen fürchteten wir ihren Blick wie der Teufel das Weihwasser und zollten ihr einen Heidenrespekt. Ich weiß nicht mehr, ob es an ihrer über Jahrhunderte erworbenen Weisheit lag, die man ihr deutlich ansah, oder doch an der Tatsache, dass sie einen für unsere damaligen Größenverhältnisse riesigen Krückstock besaß und wir schlicht nur Schiss hatten, mit diesem bei Ungehorsam einen übergebraten zu bekommen. 

Wenn die Dame spätnachmittags mit ihren Einkäufen nach Hause ging und an unserem Spielplatz vorbeilief, verbeugten wir uns alle tief und wünschten ihr einen erholsamen Abend. Kaum war sie hinter der Haustüre verschwunden, rannten wir, die wir noch vor wenigen Augenblicken die Höflichkeit in Person waren, weg und riefen uns, so laut wie es uns die Kehlen ermöglichten, zu: »Rennt schnell weg, bevor die Hexe wieder rauskommt und uns mit nach Hause nimmt!« 

Manchmal hallten die Warnungen recht lange durch die Plattenbausiedlung und die halbe Nachbarschaft durfte zur Kenntnis nehmen, dass Frau Kowalski mit ihren Einkäufen in ihrer Wohnung angekommen war. Wenn unser Gekreische laut genug war und selbst Mutter es wahrnahm, durfte ich mir am Abend stundenlange Vorträge über Anstand und Respekt anhören. Gleichwohl wird sie die furchtlosen Schreie durch die Nachbarschaft mit einem Schmunzeln aufgenommen haben, denn ich musste niemals versprechen, zukünftig darauf zu verzichten. 

Diese wunderbaren und nie langweiligen Tage machten die Lodzer Wohnanlage zu einem idyllischen Ort. 

II. 

Wenn ich heute an meine Kindheit zurückdenke, verknüpfe ich den größten Teil dieses Zeitraums mit der Wohnsiedlung in Widzew. Sie war mein Mikrokosmos, in dem sich das Leben abspielte und man die täglichen Abläufe nicht in Frage stellte. Die sich wiederholenden Vorgänge ergaben eine Konstanz, die ein Kind für sein Wohlbefinden braucht. Im Herbst verbrachte ich die Freizeit auf dem Spielplatz mit dem schwarzen Schotter, im Winter verabredete ich mich morgens mit meinen Klassenkameraden in der Schule und traf sie nachmittags bei ihnen oder bei mir zu Hause. 

Ab dem siebten Lebensjahr besuchte ich die Volksschule Nummer 5, die in den späten sechziger Jahren erbaut und nach einem linientreuen Polen benannt worden war. Seinen Namen weiß ich nicht mehr, er wird in die damalige Ideologie der Volksrepublik gepasst haben. Es ist eigenartig, welche Probleme ein Kind bewegen und woran man sich auch über die zeitliche Distanz hinweg zu erinnern vermag. Gut möglich, dass mir ein banales Detail wie die mit knallgelber Ölfarbe gestrichenen Wände der Schule gerade deshalb noch heute vor Augen sind, weil sie mit meinem Ästhetikbewusstsein nicht im Einklang stehen oder weil sich die helle Lichtspiegelung markant von der restlichen Umgebung unterschied. Kleine Nichtigkeiten, die aber nachhaltig wirken. 

Die Schule lag nicht weit von der Wohnsiedlung entfernt, an einer vielbefahrenen Hauptverkehrsader der Stadt. Zu Fuß benötigte ich keine fünf Minuten, um von zu Hause die Klassenräume zu erreichen. 

Gemessen an der Schülerzahl war die Schule nicht besonders groß. Wenn man allerdings das Ego der Direktorin als Maßstab nimmt, dürfte sie die größte in Lodz gewesen sein. Ihr lag so sehr am Herzen, uns gut auszubilden und eine Wissensbasis für den weiteren Lebensweg mitzugeben, dass die Erinnerung an ihren mahnend ausgestreckten Zeigefinger vermutlich bis heute bei jedem ehemaligen Schüler der Volksschule zu Schüttelfrost führt. 

Jeden Morgen vor Unterrichtsbeginn stellte sich in abwechselnder Reihenfolge einer der Lehrer vor die Eingangshalle der Schule und überprüfte, ob wir unsere Schulpantoffeln mitgebracht hatten. Um den Schulboden nicht unnötig zu verschmutzen, war es Pflicht, extra Schuhe für die Schule mitzubringen. Hatten wir sie mit, durften wir zu den Umkleideräumlichkeiten in den Keller gehen und unsere Alltagskleidung gegen die dunkelblaue Schuluniform und die Schulschuhe tauschen. Stellte der Pädagoge mit seinem kritischen Blick hingegen fest, dass sich das mitgebrachte Schuhwerk nicht für den Boden der Anstalt eignete, wurde man wieder nach Hause geschickt, um mit einem anderen Paar einen Folgeversuch zu starten. 

Ich persönlich war ein Kandidat, der seine Schulpantoffeln in regelmäßigen Abständen daheim liegen ließ und nach dem missglückten Versuch, sich an einer Aufsichtsperson vorbeizuschmuggeln, grundsätzlich eine Extrarunde drehen musste. Dadurch verpasste ich regelmäßig den Morgenappell in der Schulaula, was mich nicht weiter tragisch stimmte und sich auch auf mein späteres Leben nicht negativ auswirken sollte. Selbst damals hielt sich die Trauer in Grenzen, denn trotz eines verpassten Montagsappells verblieben immer noch vier Wochentage, an denen ich die Nationalhymne mitsingen konnte. 

Der Schulalltag selbst wird sich nicht großartig vom Unterricht in anderen europäischen Staaten unterschieden haben. Ohne besondere Anstrengung durchlief man die einzelnen Klassen und vertraute dem Lehrer, der die Gespräche mit den Banknachbarn ignorierte. Und ebenso wie in jedem anderen Land fieberten die Schulkinder dem Licht am Ende des Tunnels entgegen und zählten die Tage an allen Fingern doppelt und dreifach ab, bis der ersehnte Zeitpunkt kam: die Schulferien. 

Die Sommerferien verbrachte ich bei meinen Großeltern. Sie wohnten weit von Lodz entfernt in einer kleineren Ortschaft auf dem Lande. Immerhin in einer Kleinstadt, aber für uns Lodzer war alles, was außerhalb der Stadtgrenze lag, schlicht Dorf und Land. Wir setzten die Menschen außerhalb der Stadt mit Landwirten gleich, deren Kühe jeden Tag aufs Neue gemolken werden mussten. Das allgemeine Verständnis beschränkte sich somit auf die logische Vermutung, dass diese »Bauern« weder Elektrizität oder fließendes Wasser hatten. Kleinere Städte oder gar Ortschaften konnten wir uns in unserer kindlichen Naivität nicht vorstellen: Wenn man nicht aus Lodz kam, kam man vom Dorf. Das gilt im Übrigen für die Bewohner von Warschau bis heute. 

Jedenfalls war die weite Entfernung bis zum Wohnort meiner Großeltern ein Problem, denn ein Besuch kam nur in Frage, wenn die Fahrzeit von einem knappen Tag sich auch für einen entsprechend langen Aufenthalt dort lohnte. Dementsprechend sah ich meine Oma und meinen Opa verhältnismäßig selten, durchschnittlich zweimal im Jahr. Und wenn wir uns endlich sahen, dann glücklicherweise über einen längeren Zeitraum hinweg. 

Meine Großeltern waren fabelhaft und in meinen Erinnerungen sind sie es bis heute geblieben. Es waren Großeltern, die sich alle Eltern für ihr Kind wünschen und auch die Kinder für sich selbst, da sie einem keinen Wunsch verweigern können. Natürlich haben sie den Bogen nicht überspannt und mich oft zurechtgewiesen, wenn mein Verhalten nicht ihren Vorstellungen entsprach. Sie taten es aber auf eine passive Weise und vertrauten auf den gesunden Menschenverstand ihres Enkels. Bis auf wenige, kaum erwähnenswerte Ausnahmen brauchten sie aber auch nicht zu befürchten, von mir an die Grenzen ihrer Belastbarkeit herangeführt zu werden. 

Immer Anfang August erlaubten mir meine Eltern, einen Teil der Sommerferien bei den Großeltern zu verbringen, und fuhren mich zu ihnen hinaus aufs Land. Es ist kaum anzunehmen, dass meine Eltern dies schweren Herzens taten und nicht loslassen wollten. Sie freuten sich und profitierten davon, indem sie ein paar Wochen lang Ruhe in der städtischen Einraumwohnung genießen konnten, ohne sich dabei um mich sorgen zu müssen. 

Mir persönlich gefiel der Abstand zu den Eltern ebenso. Wo sonst hätte ich mein Wissen über die Anatomie der Frösche und Blindschleichen tiefgründiger anwenden und ausbauen können als im Garten meiner Großeltern? In einem Garten, der über alle sonderbaren Tierarten der Region verfügte, man musste nur genügend tiefe Löcher in den Rasen buddeln. Es gab Tage, an denen man Regenwürmer ausgrub, die länger, fetter und glitschiger waren als alle in Lodz. Und zog man sie in die Länge, deckten sie durchaus einen viertel Meter auf dem Zollstock ab. Vermutlich ist mir deshalb die Angst vor Spinnen oder sonstigen behaarten Insekten, die meine städtischen Spielgenossen an den Tag legten, bis heute fremd geblieben.

Wenn ich einen durchschnittlichen Tagesablauf der Sommerferien vor meinem geistigen Auge Revue passieren lasse, stelle ich fest, dass er in krassem Gegensatz zum Schulalltag stand. In Lodz wurde ich in aller Herrgottsfrühe von meiner Mutter geweckt, um meinen Pflichten nachzugehen. Oma Marie hingegen ließ mich in der Ferienzeit lange ausschlafen. So lange, bis ich nicht mehr konnte. Großvater Lucian war zum Zeitpunkt meines Aufwachens schon längst mit dem Fahrrad ins Büro geradelt. 

Nach dem Aufstehen nahm sich Oma dann die Zeit, mich zu fragen, was ich in der letzten Nacht geträumt hätte. Wir frühstückten gemeinsam, anschließend legte sie mir einen Riegel Vollmilchschokolade auf den Tisch und erkundigte sich, was ich gerne zu Mittag essen würde. Dann verabschiedete sie sich von mir, um für wenige Stunden zur Arbeit zu gehen, und verließ das Haus in Richtung Hort. Sie war Krippenleiterin und froh, ein eingespieltes Team zu haben und sich auf ihre Mädels verlassen zu können. 

Bis zur Mittagszeit war ich auf mich gestellt und durfte mit meiner Freizeit anstellen, wozu ich Lust hatte. Kurz nach zwölf Uhr hörte ich ihren Schlüsselbund an der Außentür klirren. Oft war sie dann mit zwei Plastiktüten beladen, in denen sie ihre Einkäufe trug. Sobald sie ihren Mantel an der Garderobe aufgehängt hatte, schlug sie mir vor, ihr beim Zubereiten des Mittagessens zu helfen. In dieser Zeit unterhielten wir uns ausführlich und sie erzählte mir die spannendsten Geschichten. 

Wie sie den Haushalt so nebenher geführt hat, ist mir bis heute ein Rätsel geblieben, immerhin war sie berufstätig. Bei meinem Opa war die Sache klar: Er war Projektleiter in einer verstaatlichten Firma, Organisation oder irgendeiner Genossenschaft und arbeitete von morgens bis zum späten Abend, manchmal bis in die Nacht hinein. Falls er im Büro nicht viel zu tun hatte, schaute er über Mittag zum Essen vorbei, aber das hatte Seltenheitswert. 

Die Großeltern besaßen die Fähigkeit, mich mit ihren Erzählungen in Bann zu ziehen. Unsere Unterhaltungen fesselten mich jeden Tag aufs Neue, wobei sie mich zugleich bildeten und erzogen. Der Respekt gegenüber meinen Großeltern, der zweifelsohne ein anderer war als der gegenüber meinen Eltern, ermöglichte es ihnen, meinen jungen Charakter zu formen. Ich hörte ihnen aufmerksam zu, um kein Detail zu verpassen, und fragte nach dem richtigen Vorgehen in bestimmten Situationen. Sie ihrerseits erörterten das Für und Wider und erlaubten mir, kontroverse Ansichten zu äußern. Sie waren stets offen und ehrlich und erklärten mir die Welt. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar: für das vermittelte Wissen, die Fähigkeiten und die Werte. 

Eines Tages fragte mich Oma, was ich später, wenn ich erwachsen wäre, beruflich einmal machen möchte. Über die Antwort staunte sie nicht schlecht und ich meinerseits verstand überhaupt nicht, weshalb sie plötzlich Tränen in den Augen hatte. Anstatt mich auszulachen, bewahrte sie trotzdem die Contenance und setzte sich mit den von mir geäußerten Vorteilen des gewünschten Berufs auseinander. Für einen Jungen dieses Alters ist es nun mal das Größte, sich bei hoher Geschwindigkeit aus dem Wagen hinauszulehnen und auf diese Weise seinen Mut unter Beweis zu stellen. 

Sie sah mich mit einem ungläubigen Blick an und meinte mit heiterer Stimme: »Erzähl das Opa und besprich mit ihm die Vorteile. Und frag ihn zugleich, welche anderen Berufe zu dir passen würden.« Dann fuhr sie mit ihrer Hand durch meine Haare und gab mir damit ihre Freude letzten Endes eindeutig zu verstehen. 

Ach ja, meine Antwort auf ihre Frage lautete: »Müllmann«. 

III. 

Den gesamten Nachmittag eines Sommerferientages saß ich am Fenster der Diele und wartete gespannt darauf, dass Opa Lucian endlich aus dem Büro heimkehren würde. In der Regel nahm er sich dann Zeit für mich und wir gingen an die frische Luft, entweder in den Garten oder in den angrenzenden Wald. Hin und wieder gruben wir dort die abenteuerlichsten Tiere aus dem Erdreich und begutachteten ihre Fortbewegungsfähigkeiten. Wenn Opa besonders viel Zeit für unseren Vorabend einplante, fuhr er seinen Fiat 126p aus der Garage und stellte ihn vor die Einfahrt. Dann rief er seine Gattin und seinen Enkel zu sich und erzählte beiden feierlich von der einmaligen Gelegenheit, mit ihm an den unweit gelegenen See fahren zu dürfen.