Der Philosoph vom Stockwerk drüber - Ralph R. Rogner - E-Book

Der Philosoph vom Stockwerk drüber E-Book

Ralph R. Rogner

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Beschreibung

»Man sieht sie mit Scheu als das bedeutende Bemühen ungewöhnlicher Menschen oder verachtet sie als überflüssiges Grübeln von Träumern.« Soweit Karl Jaspers' (leider) noch immer gültige Erkenntnis aus den 1950er Jahren über die Philosophie. Der Erzähler des Buches Der Philosoph vom Stockwerk drüber hatte das Glück oder Unglück (je nach Perspektive), in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem universitär gebildeten Philosophen zu leben. Es ist die Geschichte der Annäherung zweier Männer, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Einerseits ein jugendlich wirkender, lebenslustiger und geselliger Freiberufler, andererseits der misanthropisch veranlagte Geisteswissenschaftler, der seine Kontakte zur Außenwelt auf ein Minimum beschränkt. Das hindert ihn aber nicht daran, aus unterschiedlichen Gründen, immer wieder an der Tür seines neu hinzugezogenen Nachbarn zu klopfen. Dieser will es sich zunächst nicht eingestehen, aber mit jeder Begegnung interessiert er sich mehr für den Sonderling. Es scheint irgendetwas zu geben, das beide verbindet ... Um welches Genre handelt es sich bei Der Philosoph vom Stockwerk drüber? Um eine humorvolle Erzählung, einen gesellschaftskritischen Roman oder gar ein geschickt getarntes philosophisches Sachbuch? So eindeutig lässt sich das nicht fassen. Müsste man sich entscheiden, hielte man es wohl am ehesten für eine inspirierende, Genre sprengende Mixtur.

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Seitenzahl: 201

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Foto: Tuba Eren Photography

Über den Autor:

Der Autor Ralph R. Rogner aka Rotten Ralph wurde 1958 in Gelsenkirchen auf Kohle geboren und im Stadtteil Schalke mit Emscherwasser getauft. Er lebt seit Jahren mit seiner Familie im Künstlerstadtteil der bayerischen Landeshauptstadt. Die Idee zu seinem ersten Roman kam dem Flexibilisten, Freestyler und Globetrotter auf einem seiner Flüge in die USA.

»Du kommst aus dem Nichts und du gehst wieder ins Nichts

zurück. Was hast du also verloren? Nichts!«

Monty Python

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Chapter 1

Chapter 2

Chapter 3

Chapter 4

Chapter 5

Chapter 6

Chapter 7

Chapter 8

Chapter 9

Chapter 10

Chapter 11

Chapter 12

Chapter 13

Chapter 14

Chapter 15

Chapter 16

Chapter 17

Chapter 18

Chapter 19

Chapter 20

Chapter 21

Chapter 22

Chapter 23

Chapter 24

Chapter 25

Chapter 26

Chapter 27

Chapter 28

Chapter 29

Chapter 30

Chapter 31

Chapter 32

Chapter 33

Chapter 34

Chapter 35

Chapter 36

Chapter 37

Chapter 38

Chapter 39

Chapter 40

Chapter 41

Chapter 42

Chapter 43

Chapter 44

Chapter 45

Chapter 46

Chapter 47

Chapter 48

Chapter 49

Chapter 50

Chapter 51

Chapter 52

Chapter 53

Chapter 54

Chapter 55

Chapter 56

Chapter 57

Chapter 58

Chapter 59

Chapter 60

Chapter 61

Chapter 62

Chapter 63

Chapter 64

Chapter 65

Chapter 66

Chapter 67

Chapter 68

Chapter 69

Chapter 70

Chapter 71

Chapter 72

Chapter 73

Chapter 74

Chapter 75

VORWORT

Peter Müller, M. A. in Philosophie

»Man sieht sie mit Scheu als das bedeutende Bemühen ungewöhnlicher Menschen oder verachtet sie als überflüssiges Grübeln von Träumern.« Soweit Karl Jaspers’ (leider) noch immer gültige Erkenntnis aus den 50er Jahren über die Philosophie. Dabei kennen die wenigsten Menschen einen leibhaftigen Philosophen. Während es telegene Exemplare in TV-Talkshows geschafft haben, lebt der größte Teil unauffällig unter uns. Wir wissen wenig über sie – bis jetzt.

Der Erzähler im vorliegenden Buch hatte das Glück oder Unglück (je nach Perspektive), in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem universitär gebildeten Philosophen zu leben. Es ist die Geschichte der Annäherung zweier Männer, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Einerseits ein jugendlich wirkender, lebenslustiger und geselliger Freiberufler, andererseits der misanthropisch veranlagte Geisteswissenschaftler, der seine Kontakte zur Außenwelt auf ein Minimum beschränkt. Das hindert ihn aber nicht daran, aus unterschiedlichen Gründen immer wieder an der Tür seines neu hinzugezogenen Nachbarn zu klopfen. Dieser will es sich zunächst nicht eingestehen, aber mit jeder Begegnung interessiert er sich mehr für den Sonderling. Es scheint irgendetwas zu geben, das beide verbindet ...

Um welches Genre handelt es sich bei Der Philosoph vom Stockwerk drüber? Um eine humorvolle Erzählung, einen gesellschaftskritischen Roman oder gar ein geschickt getarntes philosophisches Sachbuch? So eindeutig lässt sich das nicht fassen. Müsste ich mich als Verfasser des Vorwortes festlegen, hielte ich es für eine inspirierende, genresprengende Mixtur.

Die Handlung beginnt, einem Kammerspiel gleich, auf wenigen Quadratmetern, verteilt auf zwei Stockwerke. Entgegen der räumlichen Enge öffnet sich ein emotionaler, psychologischer, sozialer und philosophischer Kosmos, der sich mit jeder Seite des Buches weitet. Die Mehrzahl der Leserinnen und Leser wird im Verlauf der Lektüre Sympathien für den neurotisch veranlagten Philosophen entwickeln. Sie werden profunde Einblicke in die spannende Welt der Philosophie gewinnen und dabei bedeutenden Vertretern und deren Theorien begegnen. Das Buch zeigt eindrucksvoll, dass verschiedene Zugänge zur Philosophie existieren. Deren packende Pfade sind keineswegs so holprig und steinig, wie es die oft sperrige Sprache vieler ihrer Werke befürchten lässt. Begonnen mit Karl Jaspers, schließe ich mit Ludwig Wittgenstein: »Alles, was überhaupt gedacht werden kann, kann klar gedacht werden. Alles, was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen.«

Für Rine, CäpDoc, LeaHanna und SimonX

CHAPTER 1

Der Philosoph vom Stockwerk drüber steht frühmorgens grundsätzlich zur immer gleichen Zeit auf, da ihn veränderte Tagesrhythmen stark irritieren und vom Wesentlichen ablenken könnten. Zu seinen Markenzeichen zählen – neben seinem offen ausgelebten Pessimismus – sein auffällig federnder Gang und die Art und Weise, sich zu kleiden: Seidenschal, Popelinehose, Lloyd-Stiefeletten, manchmal Brille ohne Dioptrien.

Er ist Anfang 50, ernährt sich weitestgehend gesund und nimmt seine vier Mahlzeiten – Frühstück, Mittagessen, Kaffee und Kuchen, Abendbrot – exakt um sieben, zwölf, fünfzehn und achtzehn Uhr ein. Gewöhnlichen Alkohol lehnt er seit vielen Jahren kategorisch ab, mit Ausnahme des prestigeträchtigen Absinths. Der alleinstehende Geisteswissenschaftler zeigt sich meist sehr knorrig und grübelnd. Als bekennender Hypochonder ist er äußerst sensibel, sehr lärmempfindlich und wenig stressresistent. Er ist kein Menschenfreund, dazu hat er einfach zu viel erlebt. Nachbarn – und besonders neue wie meine Frau und ich – sind ihm suspekt, da sie ihn in lapidaren, inhaltslosen Smalltalk verwickeln könnten. Als großer Skeptiker mit dem latenten Hang zu Verschwörungstheorien sind ihm neue Kommunikationsmittel – wie Smartphones, WhatsApp oder Instagram – ein spitzer Dorn im Auge. In seinem uralten Fernsehgerät sind lediglich die Bildungsprogramme Arte, 3sat und eines der Dritten Programme eingestellt. Mainstream aller Art ist ihm fremd – das gilt auch für die Bereiche Musik, Literatur, Sport (speziell Fußball), Film und Moderne Kunst.

Der Philosoph denkt in streng festgelegten Schemata und neuronalen Synapsen. Er beschäftigt sich fast ausschließlich mit den Lehren der Philosophen der frühen Neuzeit (René Descartes, Immanuel Kant, Georg Wilhelm Friedrich Hegel) und denen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts (Søren Kierkegaard, Gottlob Frege, Albert Camus und Jean-Paul Sartre). Deren Weisheiten versucht er häufig und sehr kritisch in die ungeliebte Jetztzeit zu transferieren. Bei der oft stundenlangen Lektüre ihrer Thesen huscht ihm meist ein zustimmendes Nicken und leichtes Grinsen über sein markantes, vom Leben gezeichnetes Gesicht.

Die sogenannten Gegenwartsphilosophen und deren Pseudowissenschaft mag er konsequenterweise nicht, da er das Jetzt und Heute ja auch nicht mag. Diese modernen Möchtegern-Denker-Fuzzis verderben nach seiner Meinung die Dialektik der Aufklärung. Sie haben einfach nicht die Disziplin wie ein Theodor Adorno und Max Horkheimer, ihres Zeichens Hauptvertreter der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Sie alle, und besonders dieser eine Selbstdarsteller, dieser ‚David Bowie der Sachbücher‘, der seine blöde Fratze – wie er hörte – in jede Kamera hält, benutzen Worte wie genial, ge-hypet oder ge-il und verstehen sich als Popularisatoren. Ihnen geht es nicht um die Liebe zur Weisheit. Sie stellen in über 30 Sprachen dämliche Fragen wie ‚Wer bin ich, und warum denn gleich so viele?‘ und brüsten sich, die Einschreibungen deutscher Studenten bei den philosophischen Kursen dank ihrem intellektuellen Gesülze innerhalb weniger Jahre verdreifacht zu haben. Über diese verdammten, respektlosen Blender kann er sich aufregen und das bis hin zu einem seiner häufigen Tobsuchtsanfälle.

Heute früh habe ich den Philosophen zufällig im Treppenhaus getroffen und ihn dabei ertappt, wie er gerade die Zeitschrift Bunte aus dem Briefkasten unserer jungen Nachbarin aus dem Parterre pfriemelte …

CHAPTER 2

Der Philosoph vom Stockwerk drüber ist sehr vermögend und das, ohne jemals längerfristig einer geregelten Beschäftigung nachgegangen zu sein. Geerbt hat er in jungen Jahren von seinem früh verstorbenen Großvater, einem der Überlebenden der 1956 auf dem Weg nach New York gesunkenen Andrea Doria. Sein Opa war es auch, der seinerzeit die Wohnbau-Genossenschaft Ganz weit West gründete. Ihr gehört das halbe Münchner Westend, unter anderem auch das Anwesen, in dem er seit über 35 Jahren zu Hause ist. Von ihm hat er gelernt, sich zwar vieles zu leisten, dies aber stets im Verborgenen zu halten. Das ist auch der Grund, warum er es vorzieht, inkognito hier zu leben und nicht in einer seiner luxuriösen, vollkommen überteuert vermieteten Eigentumswohnungen.

Im Kreis seiner kleinen, fein ausgewählten Akademiker-Clique, mit der er sich gelegentlich in einer schäbigen Studentenkneipe trifft, gibt er sich betont sparsam. Eine Runde an seine Freunde (das Wort mag er eigentlich nicht), ein Trinkgeld an die Bedienung. All das passt nicht in seine Lebensphilosophie.

»Das Geheimnis eines glücklichen Lebens liegt in der Entsagung«, referiert er zwar gerne, meint damit aber die Entsagung der anderen an seinen – so von ihm benannten – Ersparnissen. Motto: Finger weg von meinem hart erarbeiteten Geld! ‚Geiz ist geil‘ hat er außerdem mal irgendwo gelesen. Abgesehen von diesem grauenvollen Adjektiv deckt sich diese Aussage allerdings vollständig mit seiner Auffassung. Geil, cool, strange. Die Verrohung der deutschen Sprache beobachtet der Philosoph dagegen mit einem steten Schaudern. Sie geschieht mit einer tückischen Allmählichkeit. Die Gossenrhetorik wird uns noch ins Verderben führen, da ist er sich absolut sicher.

Erzählt er am Stammtisch von seinen Reisen, berichtet er stets – und das nahezu kongruent – von der Einfachheit seiner preisgünstigen Herbergen und dem wie immer ungemein billigen, aber dennoch sehr schmackhaften Streetfood. Sein zur Vorsicht im Umgang mit Geld mahnender Opa ist in Situationen wie diesen allgegenwärtig.

»Luxus ist die Krone des Kapitalismus und ein perverser Ausdruck für ungerecht verteilten Reichtum – macht aber trotzdem sehr glücklich«, pflegte er stets zu sagen. Über seinen eigenen großen Besitz an Vermögen und wertvollen Dingen wie kostbaren Schmuck oder den privaten Oldtimer-Fuhrpark redete der Großvater nie.

An den Abenden mit seiner Clique lenkt der Gelehrte die Unterhaltung rasch und sehr geschickt auf ein vorher von ihm im Detail herausgearbeitetes Gesprächsthema. Das macht er zum einen, um nicht über Belanglosigkeiten reden zu müssen, zum anderen, um seine Kernkompetenz und wache Intelligenz zu untermalen. Dummerweise hat er sich schon ein paar Mal sachkundig zu unerwartet am Tisch aufgeworfenen, von ihm verachteten Mainstream-Themen geäußert. Aufgefallen ist das bisher aber noch niemandem. Er muss da künftig besser aufpassen. Erst letztens ist ihm dieser Lapsus im Zusammenhang mit den bayerischen Bierzelt-Musikanten Hot Dogs passiert, als er während einer Huldigung seiner Hochschulabschlüssler (‚Das war noch richtig cooler Dixieland‘) das Lied Ja, mir san mit’m Radl do anstimmte. Hot Dogs – verbreitete Anglizismen und Britizismen wie diese hasst er wie die Pest. Hätte sich diese windige Volksmusikkapelle der 50er Jahre damals Heiße Würschtl genannt, wäre es erst gar nicht so weit gekommen. Betroffen ist ja mittlerweile das gesamte deutsche Sprachsystem, angefangen von der Semantik über die Syntax bis hin zu Lautung.

Schnell gab er vor, nicht ‚Hot Dogs‘, sondern den Begriff ‚Dogma‘ aufgeschnappt zu haben.

»Das Dogma ist mehr als eine normative Lehraussage«, holte er aus. »Dogmatismus entzieht sich einfach konsequent jeder Kritik und hält sich stur an ihre kompendiarischen Grundfesten. Ich würde es Mundfaulheit nennen«, redete er sich in Rage. »Bekommen die Dogmatiker tatsächlich mal ihre Goschen auf, mündet das unweigerlich im Fanatismus. Dabei war Dogmatismus – philosophisch betrachtet – lange Zeit einfach nur der Gegensatz zum Skeptizismus.«

Das ständige bei ihm oben deutlich wahrzunehmende Auf- und Abgehen auf dem Holzparkett in der Wohnung unter ihm behagt dem Philosophen nicht. Immerhin hatte er vor, in seinem Designerbett in aller Ruhe die Bunte zu studieren. Er kann das bei den neuen Nachbarn nicht durchgehen lassen.

»Wehret den Anfängen«, nuschelt er vor sich hin. Behäbig schlüpft er in den Frotteebademantel, den er erst neulich im Mandarin Oriental Bangkok hat mitgehen lassen und klingelt an der unteren Wohnungstür …

CHAPTER 3

Aus soziologischen Gründen bin ich seit einigen Jahren an nahezu allen Formaten des sogenannten Trash-TVs interessiert. Als relativ erfolgreicher Drehbuch- und Romanautor habe ich aus diesem Metier schon so manche Inspiration für meine Werke ziehen können. Nach anfänglichem Zögern konnte ich irgendwann auch meine Frau für Highlights wie Big Brother, Das Sommerhaus der Stars oder Ich bin ein Star, holt mich hier raus begeistern. Hier kann sie nach stressigen Terminen in ihrem Job als Society-Fotografin richtig gut abschalten. Irgendwie ärgerlich, dass es mitten im Dschungel plötzlich bei uns schellt.

In Erwartung einer Zeugin Jehovas öffne ich schwungvoll die Tür, um den für diese Situation passenden Standardspruch abzurufen.

»Ich bin an euch chiliastisch ausgerichteten, nichttrinitarischen Bibelforschern nicht interessiert.« Ich breche abrupt ab. Auf der Matte steht keine der debil grinsenden Theokratinnen, die mir die Zeitschrift Erwachet vor die Nase hält, sondern der Philosoph vom Stockwerk drüber.

Der Nachbar, der mit seinen weißen Mandarin-Oriental-Bangkok-Hotelpantoletten und dem dazu passenden Bademantel irgendwie sehr schick, aber dennoch seltsam unaufgeräumt wirkt, fährt sich kurz räuspernd durch sein zerzaustes Haar.

»Verstehen Sie«, flüstert er, »nicht, dass Sie mich falsch verstehen, aber ich arbeite gerade an einer bedeutenden Studie über das Thema ‚Ist es tatsächlich nur alles eine Frage der Erkenntnis oder hebt der Dogmatismus ohne Legitimation für den realen Empirismus die Hoheitsrechte der Philosophie auf?‘« Überrascht davon, dass er mich offenbar in seine Arbeit mit einbinden will, bitte ich ihn, doch hereinzutreten.

»Nein, nein. Ich stehe stark unter zeitlichem und mentalem Druck. Es sind – kurz gesagt – diese Schritte unter mir, die mich in meiner Konzentration stören. Dieses ständige Knarzen des über 80 Jahre alten Parketts. Sie müssen wissen, Ihre Vormieter haben diesen antiquierten Fußboden aus Holz mit einer Mischung aus Schaumglas und Zellulose gedämmt und dann mit hochflorigem Teppichboden überdeckt. Aus der Stille beziehe ich meine Kraft und Muße. In diesen Zeiten der fortwährenden Beschleunigung und des Aktionismus bedeutet Ruhe ein Ausstieg aus dem Rhythmus des Alltags – Stille jedoch die empfundene Lautlosigkeit. Viele haben Angst vor der Stille, weil sie bei ihnen zu Leere und Langeweile führt, für mich ist sie die schönste Blüte im Garten meines Geistes, die den Druck von mir nimmt«, legt er nach.

Ohne eine Antwort auf seinen Denkanstoß abzuwarten, federt der Denker eiligen Schrittes eine Etage höher und lässt unterwegs hörbar einen fahren. Vom Neandertaler bis zur modernen Spezies Mensch – alle verbindet eines: Das Furzen. In der Antike ging nichts über eine donnernde Flatulenz. Speziell der römische Dichter Titus Maccius Plautus furzte – alten Quellen nach zu urteilen – leidenschaftlich gerne und das aus Leibeskräften. Zu dieser Zeit genoss Crepitus Ventris, der Gott der Darmgeräusche, allerhöchste Anerkennung und tiefste Verehrung. Charles Baudelaire erinnerte noch Jahrhunderte später gerne verzückt an seine unvergesslichen Blähungen, ebenso wie François-Marie Arouet, genannt Voltaire, in seinem Philosophischen Wörterbuch. Im 18. Jahrhundert kämpfte die Société des Francs-Péeteurs für eine Zerstörung des Vorurteils gegen das Freifurzen, und auch heute noch genießen wir es, uns durchschnittlich acht bis fünfzehn Mal am Tag der Darmwinde zu entledigen. Männer spielen das oft stolz in Gesellschaft in einem Wettbewerb aus: ‚Die Lautesten und Stinkigsten gewinnen‘; Frauen genießen es meist leise, aber mindestens genauso hingebungsvoll zu pupsen.

Sichtlich erfreut, bei seinen neuen Nachbarn einen ersten Wirkungstreffer gelandet zu haben, schließt der Philosoph die drei Abbus Sicherheitsschlösser seiner Eingangstür auf. Er begibt sich erneut zu Bett, um sich nun endlich ungestört den Promis, Stars und Sternchen der Bunten widmen zu können …

CHAPTER 4

Im Morgengrauen des nächsten Tages legt der Philosoph vom Stockwerk drüber die Bunte – wie jede Woche – wieder zurück in den Briefkasten der jungen Nachbarin. Dabei überlegt er noch, ob er seinem Namen am Briefschlitz nicht doch aus Respektgründen endlich das M. Phil. hinzufügen sollte. Unwillkürlich muss er dabei jedoch an Abhandlungen über die scholastische Philosophie denken. Wie heißt es da so schön? ‚Fidem si poteris rationemque coniunge‘ beziehungsweise ‚Verknüpfe den Glauben mit der Vernunft, wenn du es vermagst‘. Die Scholastik stellt den Vernunftstandpunkt über den Offenbarungsinhalt. Andererseits ist die Absenz in den Präsenz nicht auch ein Paradoxon? Er grübelt. Ist die Offenbarung nicht ein Geschehen in der Zeit? Sollte sie uns nicht von der Immanenz des Verborgenen erlösen? Ein Zusatz M. Phil. auf dem Namensschild wäre kein Apriori, es würde seine Nachbarn zum Nachdenken animieren, zum Überdenken, mit wem sie es hier im Haus überhaupt so zu tun haben.

Während ich versuche, mir zu erklären, ob der Philosoph unsere Schritte im Stock unter ihm wirklich wahrnehmen kann, widmet sich dieser mittlerweile der Zubereitung seines Kaffees. Hierfür hat er sich erst vor Kurzem eine alte italienische San Giorgio (Baujahr 1940) angeschafft, mit denen ansonsten nur die angesagtesten aller Baristas ihre verwöhnten Gäste in ganz Südeuropa verzücken. Anschaffungen wie diese oder eine seiner wohl behüteten Rolex-Uhren verbucht er meist mit gutem Gewissen unter dem Konto ‚Existenzielle Wertanlage‘. Speziell im Ankauf von Gold sieht er sehr großes Potenzial, um sein Vermögen nicht weniger werden zu lassen.

Seine Ausgaben bereiten ihm ohnehin oft große Sorgen. Diese treiben ihm notorisch die Schweißperlen auf die Stirn. Kurt Martis bringt ihn da mit Sprüchen wie ‚Wenn Geld weniger gilt, gibt es mehr Geld. Wobei mehr Geld weniger gilt als gestern weniger Geld. Wenn Geld mehr gilt, gibt es weniger Geld, wobei weniger Geld mehr gilt als gestern mehr Geld‘ in seiner Angst auch nicht gerade weiter. Egal. Beim Betrachten seiner Goldbarren brechen beim Gelehrten jedes Mal alle Dämme. Auch wenn Platin, Heroin und Plutonium wertvoller als Diamanten und Gold sind, die große Liebe gehört seinen 1.000 Gramm schweren Barren, die er in depressiven Momenten aus seinem Tresor kramt. Es ist die Schönheit dieses chemischen Elements mit dem Symbol Au, die ihn so fasziniert. ‚Es ist nicht alles Gold was glänzt, aber es glänzt auch nicht alles, was Gold ist‘, da muss er Friedrich Hebbel leider widersprechen, was immer er uns damit genau sagen wollte. Gold ist für ihn das Synonym für Schönheit und Glanz.

Beim Gedanken an die alte San Giorgio ärgert er sich jedoch gerade darüber, dass diese jeden Tag eine Aufwärmphase von 30 bis 40 Minuten durchläuft. Für eine Person, die lediglich pünktlich um sieben und um fünfzehn Uhr heißes Wasser mit hohem Druck durch das fein gemahlene Kaffeemehl aus gerösteten Bohnen gepresst haben will, macht es andererseits wenig Sinn, die Maschine rund um die Uhr in Betrieb zu halten. Sein Lieblingskaffee ist der Black Ivory Coffee. Verantwortlich für das schwarze Gold mit dem unverwechselbaren Schokoladenaroma sind thailändische Elefanten, die auf 1.500 Metern Meereshöhe täglich rund 30 Kilo rohe Bohnen verspeisen, diese in ihrem Verdauungstrakt aufspalten und dann ausscheiden. Die entstandene Defäkation wird in der Sonne getrocknet und bildet ein einzigartiges Aroma. Ein unnachahmliches Aroma, das der Nachbar abgöttisch liebt.

Ein zusätzlicher, durchaus rentabler Black Ivory am Abend kommt für den Philosophen nicht in Frage. Denn dann schläft er unruhig. Für ihn ist Schlaf ein unverweigerliches menschliches Grundrecht, eines der letzten Relikte aus der abendländischen Philosophie. Plötzlich richtet sich sein Blick zum kleinen Balkon. Ein Taubenpärchen ist gerade damit beschäftigt, es sich dort gemütlich zu machen …

CHAPTER 5

Der Philosoph vom Stockwerk drüber mag keine Tauben und schon gar nicht vor seinen Fenstern. Gegen die ‚Ratten der Lüfte‘ hat er bereits alle nur denkbaren Geschütze aufgefahren. Scharfkantige, verletzungsintensive Taubenabwehrgitter, Blausäure und eine selbst geschnitzte Zwille. All das führte bisher nicht zum erwarteten Erfolg. Die Tauben vergnügen sich weiterhin vor seinen Augen und scheißen dabei ungehemmt vor sich hin. Er beruhigt sich in der Regel damit, dass der Mensch das vernünftigere Tier ist und ignoriert die Tauben so gut es geht. Aufregen tut ihn das trotzdem ganz fürchterlich.

Die schmucklose, knapp drei Quadratmeter große Freifläche vor seiner Küche nutzt er aber nie. Denn mit Blumen, Kräutern und sonstigem Gewächs kann er rein gar nichts anfangen. Emanuele Coccia referiert zwar gerne darüber, dass Pflanzen die Wurzeln der Welt sind, doch das hat für den Akademiker mit der Liebe zur Weisheit nichts zu tun. Mit dem Grünzeug sollen sich doch gefälligst die Botaniker und Anthropologen beschäftigen – und nicht er. Die Pflanzenwissenschaft wird durch die multidisziplinäre Untersuchung der Funktion und Integration der Plastiden in die pflanzliche Zelle stark geprägt, so viel weiß er gerade noch, aber das ist auch bereits mehr als ihm lieb ist.

Ein Sonnenbad auf dem Balkon kommt für ihn ebenso nicht in Frage, es würde binnen kürzester Zeit vom lauten Geschrei spielender Monster jäh unterbrochen werden. Da ist er ganz Realist. Den Kindern heutzutage sollte man erstmal beibringen, über ihr eigenes Denken nachzudenken. In ihnen sieht er kleinwüchsige Egoisten, die sich einfach nicht um feinfühlige Mitmenschen scheren. Die Waagschale der Werte ist da schon lange nicht mehr im Gleichgewicht. Respekt, Fürsorge und Hilfsbereitschaft sind für die Gören von heute exotische Begriffe, von denen sie noch nie gehört haben. Wie sollen die jemals zu empathischen Erwachsenen wie er einer ist reifen? Darüber rätselt er noch eine ganze Weile und bohrt nachdenklich in der Nase.

Verlässt der Nachbar außerplanmäßig das Haus, dann meist nur, um die entarteten Produkte der Öko-Emanzen aus der Umgebung zu maßregeln. Erst neulich hat er nachts wieder ein selbstgefertigtes Schild auf dem Spielplatz moniert: Spielen verboten!!! Bei seinen nahezu täglichen Erziehungsmaßnahmen im Innenhof ist es ihm wichtig, einen Dialog mit den ungezogenen, lauthals blökenden Bälgern anzustreben. Er persönlich nennt es ‚klinische Interviews führen‘. Einen brauchbaren Aufschluss über deren kognitiven und moralischen Entwicklungsstand konnte der Weise bisher allerdings noch nicht gewinnen. Aber der Weg ist ja das Ziel, sagte schon Konfuzius und meinte damit angeblich, dass redliches Bemühen faktisches Tun bedeutet. Gleichzeitig schweifte er in seiner ‚So-ist-es-Philosophie‘ davon ab und lehrte den Vorteil einer pragmatischen Haltung. Irgendwie kann der Philosoph mit dem widersprüchlichen Konfuzius und seinen Klugheiten wie ‚An einem edlen Pferd schätzt man nicht seine Kraft, sondern seinen Charakter‘ nichts anfangen. Sein frei abgewandeltes ‚Wer im Leben viel Absinth trinkt, stirbt zwar früher, hat dafür aber oft doppelt gesehen‘, gefällt ihm da schon um einiges besser.

Nach der gestrigen zaghaften Kontaktaufnahme haben wir uns dazu entschlossen, den Philosophen auf eine selbstgemachte Pizza zu uns einzuladen. Meine Gattin ist eine perfekte Hausfrau und durch ihre neapolitanischen Wurzeln die wohl mit Abstand beste Pizzabäckerin südlich des Polarkreises. Die geheimen Zutaten ihres leider viel zu früh verstorbenen Nonno zählen zu den vermutlich bestgehüteten Geheimnissen der Familie. Seine weltweit oft kopierte, aber unerreichbare Rezeptur ist legendär. Filmschauspielerinnen wie Sophia Loren (Die Göttliche), Gina Lollobrigida (Gina Nazionale), Claudia Cardinale (La Diva) oder Regiegrößen wie der italienische Theater-, Film- und Opernregisseur Luchino Visconti (Die Verdammten), der Italo-Western-Artdirector Sergio Leone (Spiel mir das Lied vom Tod), der Filmemacher Bernardo Bertolucci (Der letzte Tango in Paris) – keiner von ihnen konnte angeblich diesem köstlichen Fladenbrot jemals widerstehen. Heute wird die großväterliche Pizzeria von ihrem Vater Gabriele und ihren drei Brüdern Giuseppe, Gianluca und Giuliano geleitet. Ihr Fratello Giuseppe wurde bereits mehrfach zum besten Pizzaiolo der Welt gekürt …

CHAPTER 6

Nachdem der Klingelknopf des Philosophen vom Stockwerk drüber außer Kraft gesetzt ist, klopfe ich leise an seiner Tür. Binnen kurzer Zeit bemerke ich, dass an deren Einwurfschlitz von innen manipuliert wird. Wenig später blicken aus Hüfthöhe zwei verkniffene Augen zu mir auf.

Dem Denker sind Klingeln zuwider. Zu oft wurde er schon von Briefträgern, Paketdiensten und Wochenzeitungsboten gestört. Zu Gast hatte er schon seit Jahren niemand mehr bei sich. Sein letzter Besucher war ein alter Schulkollege, dessen müffelnder Fußgeruch noch heute in seinen vier Wänden steckt. Der hätte die Schuhe besser anlassen sollen. Aus diesen Gründen hat er die Schelle irgendwann mit einer Zange vom Stromkreislauf getrennt. Für den altmodischen Briefschlitz an seiner Tür bastelte er als Sichtschutz einen Holzkeil, den er im Notfall kurzerhand wieder abschrauben kann. Ich beuge mich in die Knie, um dem Sonderling auf Augenhöhe begegnen zu können.

»Ähm, meine Frau und ich würden Sie als ihre neuen Nachbarn für morgen Abend gerne zum Pizzaessen bei uns einladen. Bei dieser Gelegenheit könnten wir auch unser Gespräch über den Bodenbelag fortführen.«

Der Philosoph verhält sich unbekannten Personen gegenüber grundsätzlich äußerst reserviert. Zu oft fühlt er sich fremd im Menschsein, im eigenen Ich oder in der Inanspruchnahme von übergeordneten Abkommen. Da er jedoch unvermittelt großen Heißhunger auf Gratispizza verspürt, willigt er – von seinen gierigen Trieben gesteuert – kurzerhand ein. Er erinnert sich in diesem Moment an Friedrich Nietzsche und dessen Auffassung zur Realität der Triebe. Dieser erkannte schlichtweg schon damals, dass nichts anderes als real gegeben ist als unsere Welt der Begierden und Leidenschaften.