Der Plan des  unruhigen Geistes - Nat Eric Hanefi - E-Book

Der Plan des unruhigen Geistes E-Book

Nat Eric Hanefi

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Beschreibung

Der Plan des unruhigen Geistes ist das, was Nathan Youssef gründlich bewegt. Er spürt, wie seine Eingeweide ein Vulkanausbruch erleiden, der die Lava aus seinem Leib ausspuckt. Ein noch tätiger, Vulkan. Nach dem er sich mit den Seelen der unschuldigen Kinder in der Koranschule befasst hat, merkt er, dass dieser unsägliche Makel der Koranschulen nicht auszurotten ist. Sein ausgemergelter Leib zittert. Was sollen Kinder im Alter von vier bis sieben Jahren mit den Aussagen des Korans anfangen? Als Schmach, als machtloses Kind drangsaliert dieser Gedanke an die Koranschule. Der Koranlehrer schlägt ihn auf Kopf und Rücken, bis alles blutete. Dann begibt er sich in die Arme von seiner neuen Freundin Lena, die ihm den Schroff von der Seele herunter schrubbt - Dies hilft aber nicht. Eine Scheidung von seiner Frau Maria und eine Entlassung durch die Bank für easy Kredit steht vor der Tür. Am Ende muss er die ultimative Erlösung erwirken. Und so fährt er mit einem Kastenwagen Wohnmobil der Marke Camper Fiat Ducato 230 L nach Tidji im Maurenland und ermordet stellvertretend den Sohn seines Koranlehrers. So ist die Chronik eines angekündigten Todes. Nathan ist befreit, erlöst. Befreit von seinen Ängsten, befreit von dem Koran und von dem Koranlehrer. Der Plan des unruhigen Geistes ist vollbracht und Nathan hat sich damit seinen viszeralen Ängsten endgültig entledigt. Endlich ist etwas Richtiges geschehen.

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Seitenzahl: 302

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Der Plan des unruhigen Geistes

1. Auflage, erschienen 1-2022

Umschlaggestaltung: Romeon Verlag

Text: Nat Eric Hanefi

Layout: Romeon Verlag

ISBN (E-Book): 978-3-96229-769-5

www.romeon-verlag.de

Copyright © Romeon Verlag, Jüchen

Das Werk ist einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung und Vervielfältigung des Werkes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks und der Übersetzung, sind vorbehalten. Ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung des Verlages darf das Werk, auch nicht Teile daraus, weder reproduziert, übertragen noch kopiert werden. Zuwiderhandlung verpflichtet zu Schadenersatz.

Alle im Buch enthaltenen Angaben, Ergebnisse usw. wurden vom Autor nach bestem Gewissen erstellt. Sie erfolgen ohne jegliche Verpflichtung oder Garantie des Verlages. Er übernimmt deshalb keinerlei Verantwortung und Haftung für etwa vorhandene Unrichtigkeiten.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

NAT ERIC HANEFI

DER PLAN DES UNRUHIGEN GEISTES

Inhalt

Der Plan des unruhigen Geistes -erstes Kapitel

Einleitung

Erste Begegnung mit dem Sohn

Geburt von Nathan erzählt durch den Vater

Zweiter Besuch des Sohnes

Aicha Rückkehr nach der Zeit der Unreinheit

Geburt der Schwester

Der Plan des unruhigen Geistes -zweites Kapitel

Einleitung

Episode Ankunft und die erste Nacht

Schlendern durch Konstanz

Klosterinsel, Reichenau

Sonntag fahren wir in die Schweiz

Sonntag: Stein am Rhein

Auf dem Rückweg Hermann Hessen in Gaienhofen

Am Montag kommen die Möbelpacker

Tuttlingen / Volksbank Schwarzwald-Donau-Neckar eG

Urlaub Im Allgäu

Schwangerschaft

Geburt

Das Stillen

Tod

Auferstehung

Sufismus

Die heiligen Orte im Islam

Die Hölle

Das Finale Gespräch

Plan des unruhigen Geistes -drittes Kapitel

Einführung und Eingewöhnung

Erstes Gespräch mit dem Gruppenleiter

Erstes Rohstoff-Finanzierung

Gespräch mit seiner noch-Frau

Therapie

Mediation

Rückkehr in die Bank

Scheidung

Plan des unruhigen Geistes –viertes und letztes Kapitel

Einführung

Reise in den sonnigen Süden

Ein mysteriöser Mann läuft durch die Gegend

Der Plan des unruhigen Geistes - erstes Kapitel

Einleitung

Nathan Youssef, ein verwestlichter Sahara-Nomade zog am 15. Juni 2018 von Konstanz am Bodensee nach Weckesheim mitten im Herzen der goldenen Wetterau um. Sein Vermieter sagte zu ihm als er Nathan nach seinem neuen zu Hause fuhr und am Friedhof vorbei raste: „Da liegen die besten Nachbaren, von denen hört man nichts.“ Das mit den Geräuschen wird sich anders erweisen. Am Ortseingang konnte er lesen: „Weckesheim grüßt den Rest der Welt.“ Auf einem anderen Schild bei dem benachbarten Hühnerstall las Nathan: „Sie Säen nicht, Sie pflegen nicht, Sie ernten nicht und wissen doch alles besser.“ Hundert Meter weiter gab es eine Imkerei mit mehreren Schildern: „Vorsicht vor Bienenstichen.“ Da war Nathan gewarnt und hielt gehörigen Abstand. „Oh, oh an Selbstbewusstsein mangelt es hier nicht“, dachte sich Nathan.

Hier in der Nähe seines 18-jährigen Sohnes tüftelte Youssef insgeheim an seinem mehrfach verschobenen Plan, an dem Plan des unruhigen Geistes. Sein Entschluss war noch nicht endgültig. Er wankte noch. „Manchmal holt einen die längst vergangene Vergangenheit ein – gewollt oder zwangsläufig“, dachte er sich. Um den Einstieg in das Vorhaben kurzfristig zu ermöglichen, schloss er zwei Verträge: Einen Weckesheimer Mietvertrag und einen Einstellungskontrakt mit einer in London ansässigen Bank. Beide Verträge wiesen eine Kündigungsfrist von einem Monat auf. Er achtete bei beiden Abschlüssen auf zwei Dinge. Bei dem Mietvertrag suchte er sich eine altmodisch-möblierte Wohnung, so dass die Bequemlichkeit, die ihn von seinem Plan bis jetzt abgehalten hatte, gar nicht aufkommen konnte. Der Einstellungskontrakt erlaubte ihm, von seinem Home-Office zu arbeiten.

Die Eingewöhnung an das Ungewöhnliche setze langsam ein. Wenn er über die Straße, die von der Wohnung zu dem Weckesheimer Bahnhof führte, lief, kam er sich wie ein Außerirdischer, der aus einem Raumschiff aus Versehen herausgerutscht und zufälligerweise in Weckesheim geplumpst war. Hunde bellten ihn von jedem Haus aus an. Er hörte die knurrenden Hunde. Er vernahm unterschiedliche Klangvariationen: Die Aufregung ausdrückende – hoch und hysterisch.

Warnung – ein einzelnes „Wuff“ genügt. Das Bellen ist entweder laut oder langgezogen.

Angst – hoch, ähnlich wie bei der Aufregung, kann in Heulen übergehen. Klingt aggressiv, war oft mit einem Knurren verbunden. Frust und Langeweile – monotones Hundegebell, das kein Ende fand. Kann auch mit einem Heulen einhergehen. Gelerntes Bellen – unaufgeregt, aber konstant. Nathan kaufte sich ein Bell Stop Gerät »Deluxe«, um das Hundegebell eindämmen zu können. Half leider nicht.

Die Einwohner winkten ihm freundlich zu, die Männer grüßten ihn mit „Bruder“. Nathan dachte an den Film mit dem Titel „Hachiko, eine wundere Freundschaft, Hündchen.

Er ging häufig in die Alte Blechwerkstatt, einen Feinkostladen und Vinothek, und genoss ein paar Gläser Riesling aus dem Weingut Stefan Meyer. Direkt neben dem Feinkostladen stand die Landmetzgerei Kurt Strebert. Da kaufte Nathan regelmäßig ein. Seine Einkäufe waren eintönig-konstant: Ein Vollkornbrötchen belegt mit Leberwurt dazu ein paar Gurkenscheiben, ein Roggenbrötchen mit gekochtem Schinken und ein Weißbrötchen mit Gouda-Käse. Dazu bestellte er eine Scheibe Schweinebauch und manchmal Lammkoteletts.

Jeden Abend saß er stundenlang auf seinem kahlen Balkon und sinnierte über seinen Plan. Über den Plan, der in seinem Gedächtnis täglich gegenwärtig war. Den Plan, den er Jahrzehnte lang immer wieder verschoben hatte, den Plan des unruhigen Geistes. Sein Metronom tickte.

Erste Begegnung mit dem Sohn

Ihm plagte der Gedanke an die nächsten Begegnungen mit seinem Sohn, Ainur Youssef. „Soll er ihn in seinen Plan einweihen?“ Der erste Treff nach der Rückkehr aus Konstanz ließ nicht lang auf sich warten. Ainur besuchte ihn am Wochenende nach dem Einzug in die Weckesheimer Wohnung.

„Hallo Papa! Lass dich umarmen.”

“ I grüße di Liebr Sohn.”

„Ist das Schwäbisch?“

„Ich glaube schon.“

„Hast du in sechs Monaten in Baden-Württemberg Schwäbisch gelernt?“

„Bleibt einem nicht erspart, die reden alle so, halt wie die Leute in Hessen Hessisch babbeln.“

„So, so, da erkenne ich meinen Papa wieder. Du kennst es nicht lassen, jede Sprache, die dir über den Weg läuft, aufzusaugen. Das scheint auch für Dialekte zu gelten.“

Ainur schaut sich neugierig die kleine Wohnung an.

„Ai, ai Papa, wie bis du auf die Wohnung gekommen?“

„In der Eile musste ich das nehmen, was ich bekommen konnte.“

„Sag mal hat dein Vermieter die Möbelstücke von seiner Urgroßmutti geerbt?“

„Möglich. Sie sehen so aus, aber so alt sind sie wiederrum nicht!“

„Und die Deckenlampen, krass! Wie heißen sie?“, fragte Ainur mit einem schallenden Lachen und klopfte dabei mehrmals auf seine muskulösen Oberschenkel.

„Der Vermieter meinte, dass die Deckenlampen aus den 60er sind. Den Namen habe ich mir sogar aufgeschrieben: Bubbleglas Space Age Design. Sie seien aus dem Antiquariat erworben worden.“

Ainur guckte sich den gedeckten Tisch an und brüllte: „Und die Teller? Ach du grüne Neune, Alter!“

„Hör bitte auf, zu bekritteln.“

„Sorry Papa, es ist für mich eine Überraschung, dass du hier gelandet bist!“

„Lass uns bidde essa!“

„Papa hör bitte mit dem Schwäbischen auf. Bitte. Okay, okay wir machen einen Deal: Du hörst mit dem Schwäbischen auf und ich höre auf, deine Wohnung weiter unter die Lupe zu nehmen.“

„Abgemacht!“

Nathan hatte sein Lieblingsgericht zubereitet: Ein Cous-Cous mit Rosinen, dazu vier Lammkoteletts und eine saftige Soße mit Mohrrüben, in Ringe geschnittenen Zwiebeln, Kichererbsen, frischen, französischen Tomaten. Es duftet nach Zimt, Ingwer und frische Pfefferminze.

„Da hast du doll gekocht! Danke Papa.“

Beim Essen schnackten sie weiter über die neue Wohnung von Ainurs Mama, die Ex-Frau von Nathan, über ihren neuen Freund und über seine Schulfächer und -noten.

„Ich finde es gut, Papa, dass du jetzt einen Job hast!“

„Nachtigall, ick hör dir trapsen. Du wills ja wieder Geld von mir haben, Gelt?“

„Nein, nein, ich meine es wirklich so. Ich weiß, dass du nicht der Typ für die Arbeitslosigkeit bist. Ich bin angemessen beeindruckt.“

„Du hast Recht, die sechs Monate Arbeitslosigkeit in Konstanz waren zermürbend. Das Angebot für den neuen Job kam gerade als ich mich entschieden hatte, wieder in deine Nähe zurückzukehren. Du bist ein Glücksbringer!“

„Musst du irgendwann mal nach London. Da wo deine Bank sitzt?“

„Nein, nein. Der Vertrag sieht vor, dass ich von meinem Home-Office - also von hier aus - arbeiten darf. Ich brauche dafür nur, was du da siehst: Laptop, Stand-PC, Multifunktionsdrucker.“

„Cool!“

Wir schauten uns ein Motivationsvideo von Bodo Schäfer mit dem Titel: Gesetze der Gewinner“ an.

„Sag mal Papa, was ist denn mit deiner Freundin aus Konstanz passiert? Wie hieß sie noch mal?“

„Lena. Lena Fretter.“

„Warum bist du nach nur sechs Monaten nach Hessen zurückgekommen?“

„Das Zusammenleben hat nicht hingehauen. So einfach ist es. Es hat nicht sein sollen.“

„Was ist vorgefallen?“

„Das erzähle ich dir ein anderes Mal!“

„Schade! Konstanz ist eine wunderbare Stadt. Ich habe die Gegend genossen … jedes Mal, wenn ich euch besucht hatte.“

„Nun musst du dich mit Weckesheim zunächst zufriedengeben. Gelt? In der Gegend haben wir Pfaffen-, Teufels-, Bergwerkssee. Alle zusammen nicht so groß wie der Bodensee, aber dafür heimelig. Genau die Abgeschiedenheit und Atmosphäre, die ich in dieser Phase meines Lebens brauche.“

„Du wirst mir das nächste Mal ein Bisschen mehr darüber berichten. Ich muss lernen, wie Beziehungen funktionieren bzw. nicht.“

„Beim nächsten Treffen.“

„Okay! Papa. Beim letzten Stippbesuch in Konstanz als wir zu zweit – ganz allein an der Uferpromenade saßen und ein Mädchen und ein Junge vorbeigeradelten waren, wolltest du mir die Story mit deinem ersten Fahrrad, das dir dein Papi geschenkt hatte, erzählen. Wir kamen nicht mehr dazu, da der Himmel auf einmal seine Schleusen öffnete.“

„Jetzt besinne ich mich wieder auf den Wolkenbruch.“

„Kannst du bitte jetzt das Erzählen der Story nachholen?“

„Klaro! Es hat sich so abgespielt. Nicht unterbrechen. Okay?“ Airun nickte zustimmend zu.

Mein Papi kam gerade nach Tidji, meiner Geburtsoase, mitten im Maurenland, von seiner jährlichen Geschäftsreise zurück. Er machte diese jährliche Reise, um Ware im Nachbarland, Senegal, einzukaufen und die Regale in seinem Mehrzweckladen wieder aufzufüllen. Er brachte die Ware in einem grünen 10-Tonner-Lastwagen der Marke Mercedes-Benz nach Tidji.

Ein Schweißtrieftender Lastträger hatte gerade den letzten 100 Kilogramm-Sack ungeschälten Reis von der Ladefläche aufgebuckelt und ins Lager auf die letzte Sackreihe aufgestapelt. Davor wurden Säcke voll von kegelförmigen Zuckerhüten mit den Marken-Bezeichnungen Kölner Zucker, andere mit Auszugsmehl und Teekisten aus Holz abgeladen. Die Kanten der Teekisten waren mit Metall beschlagen.

An der hohen Pritschwand, direkt hinter dem Führerhaus des Zehntonners stand noch aufgestapelt die zerbrechliche Ware.

„Ist auch etwas dabei für dich, Nathan“, flüsterte sein Vater, neben dem er die Entladung der Handelsware erwartungsvoll beäugelte.

„Was denn Papa?“, fragte er fiebrig und fasste seine behaarte Hand.

„Große Überraschung. Du musst dich ein wenig gedulden. Es ist gleich soweit.“

„Papa, lass die doch zuerst mein Geschenk abladen … bitte“, schrie Nathan den Tränen nah und strampelte vor Aufregung.

Daraufhin trugen zwei Ablader eine Holzkiste in den Innenhof und brachen den zugenagelten Deckel auf. Sein Vater riss die Flügel des inneren Kartons auseinander und hob stolz ein funkelndes Fahrrad hoch. Das erste Fahrrad in der Palmenoase. Nathan trampelte vor Freude, fuhr mit den Händen über die Haare, popelte kurz in der Nase und schlang die Arme jauchzend um die Hüften seines Vaters.

Bei den ersten Fahrversuchen im Hof spielte sein Vater die Lernstützräder. Nach einer Woche durfte er auf die umliegenden, steinigen Sandstraßen. Es gab Stürze und Platzwunden. Der Vorrat an Pflastern und Jod in der Oasenapotheke, die aus einem blauen, zweiflügeligen Holzschrank neben dem 200 Liter Speiseölfass im Allzweckladen seines Vaters bestand, war schnell verbraucht.

Es ging aber aufwärts. Bald konnte er durch die engen Straßen von Tidji zur Großmutter, Deyja, radeln und sogar den Baggersee umkreisen. Kinder steckten ihre Köpfe aus den Wellblechhaustüren und beäugelten ihn radelnd auf dem ersten Fahrrad des Wüstendorfes - neidisch. Auf dem Weg zu der anderen Großmutter, die am Südufer des Hungerquellen-Flusses wohnte, trat er kräftig in die Pedale. Die Reifen versackten tief im weichen Sand. Am Ende musste er zum kam des Palmenhügels hinaufschieben. Sein neues Leben bescherte ihm einen gesegneten Appetit, der die Darmspülungen seiner Mutter überflüssig machte. Und allein das Ausbleiben der schmerzlichen, ekligen Param Klistierspritze Birne mit dem Terrakotta-farbenem Birnball zur Darmspülung wog alle Wunden und Strapazen auf.

Es blieb aber nicht nur bei diesem Ausgleich. Im Norden, zwischen Dorf und Flughafen, entdeckte Nathan ein Geflecht von ausgetrockneten Bächelchenläufen, auf denen er der bezaubernden, wirbelnden Fata Morgana vergeblich nachjagte. Es dauerte nicht lang, bis er über die mit rotem, feinem Kies bedeckter Fluglandebahn berauscht hin und her kachelte. Dienstags musste er dem Flugverkehr ausweichen. Da gab es die bösen Wächter, die die Buckelrinder, die Harzziegen, die Hausesel und ihn von der Fluglanderbahn wegscheuchten. In der ersten Juliwoche dachte er aber gar nicht an dieses Ärgernis, sondern an seinen Freund, Majar, dessen für jene Woche angekündigte Ankunft mit leiser Melodie seine Freunde am Radfahren untermalte.

Am Ankunftstag wartete Nathan schon zappelig, als die Klapptreppe des zweimotorigen DC3-Flugzeugs der Marke Douglas heruntergelassen wurde. Das DC3 flog direkt von der Hauptstadt des Maurenlandes nach Tidji. Majar sah ihn sofort, kam auf ihn strahlend zu und fing gleich an vom Luftloch zu plappern, das die Flugmaschine für einen kurzen Moment absacken ließ. Dabei waren ihm ein Flusskrebs und Eisklumpen, die aus einer Kühltasche herausgeschleudert wurden, in den Schoß geflogen.

Sie kicherten und schlugen rechte Hand gegen rechte Hand. Auf einmal blieb Majars Blick beim Fahrrad hängen: „Hast du den Drahtesel deiner Schwester gemopst?“

„Wieso?“ fragte Nathan verblüfft.

„Ist doch ein Mädchenrad. Knabenräder haben so eine Stange“, protzte er, der Arm waagerecht vor sich hinstreckend.

„So, so“, nuschelte Nathan zweiflerisch.

„Letztes Jahr in Madrid, da war eine Familie mit Fahrrädern in einer Grünanlage unterwegs. Die vom Vater und Sohn hatten waagerechte Stangen“, sagte Majar und streckte seinen rechten Arm in Höhe Nathans Augen. „Die Fahrräder der Mutter und Tochter hatten einen tiefen Einstieg“, fügte er hinzu und streckte seinen Arm in Richtung Nathans Knie.

Ein Auto fing zu hupen an. Er versprach, morgen mehr über den Urlaub in Madrid zu erzählen und sprang in den dröhnenden Land-Rover. Nathan zuckelte, das Mädchenrad verächtlich schiebend, nach Hause und stellte es in der Scheune ab.

Das Fahrrad verstaubte und Nathan traf sich wenig mit Majar - wenig. Als der Monat, den seine Familie in ihrem Ferienhaus in Tidji verbringen wollte, zu Ende ging, begleitete er ihn am Abschiedstag zum Flughafen. Nachdem die Passagiere zum Einsteigen aufgefordert wurden, drückte er den Freund fest und wünschte gute Rückreise. Nathan wartete, die Arme hinter dem Rücken gekreuzt. Nach zehn Minuten drehte sich der dreiflügelige Propeller immer noch nicht. Der Co-Pilot schob das Cockpit-Fenster runter und machte ein Zeichen. Im Nu kam ein Duzend starker Männer aus dem Hangar mit einem dicken Hanfseil. Sie rollten das eine Ende des Seiles irgendwie vorne am Propeller rum und zogen ganz kräftig am anderen Ende des Seiles. Die zwei Propeller fingen an, sich zu drehen. Das Flugzeug donnerte ab, verschwand hinter der aufgewirbelten, rostbraunen Staubwolke und schoss gegen den azurblauen Himmel hoch.

Nathan folgte mit dem Blick, bis die Flugmaschine zu einem Punkt zusammenschrumpfte. Dann galoppierte er schnurstracks ins Lager, holte sein Fahrrad raus und radelte zum Baggersee. „Majar, der neunmalkluge Busenfreund, soll sich zum Teufel scheren“, dachte er spürbar erleichtert.

Sein Sohn hielt Wort. Er war die ganze Zeit mucksmäuschenstill.

„Das war eine rührende Story, Papa. Jetzt muss ich aber los, denn ich habe heute eine Party mit meinen Kumpeln. Wann sehen wir uns wieder?“

„In zwei Wochen.“

„Und noch etwas Papa, ich muss eine Hausarbeit über den Koran und den Islam verfassen. Kannst du mir das nächste Mal bei meinen Fragen zum Koran beziehungsweise zum Islam helfen?“

„Natürlich! Gewiss.“

Schwelgen in Erinnerungen der Vergangenheit (Frankfurt, Paris)

Als sein Sohn weg war, setzte sich Nathan wieder auf den Balkon. Der knifflige Plan wollte ihm nicht aus dem Kopf gehen. Er musste ihn vertreiben, von ihm Ruhe haben - wenigstens für heute Abend. Und so gelang es ihm, seine Gedanken auf sein erstes Jahr in Frankfurt umzulenken. Damals war er Angestellter der Francebank in Frankfurt, die in der Mainzer Landstraße ansässig war. Seine Freundin, Nadine Tremont, die er während des Studiums kennen gelernt hatte, lebte in Paris.

Das Telefon schrillte los, als Nathan zum Tanzclub Wernecke wollte.

„Nathan“, polterte er barsch.

„Hallo, ich bin’s …“

„Ach, Nadine, hab’s verschwitzt, dich gestern anzuklingeln. Möchtest du ´n Mitbringsel aus Frankfurt?“, sprühte er verspielt.

„Nathan, das mi´m nächsten Freitag fällt flach … I´ werd´ net in Paris sein. Eine Freundin von mir und ich rutschen für ´ne Woche nach Malta … Haben ein Schnäppchen gemacht.“

„Du treulose Tomate, willst dich von der Sonne grillen lassen, während ich hier zu einem Eisbeutel erstarre?“, witzelte er gequält und presste sich dabei ein Lächeln ab.

„Böse?“

Klar war er fuchsig. Zugleich juckte es ihm, zu fragen, ob er mitdurfte. Die befürchtete Antwort machte ihn kribblig. Er versuchte, sich zusammenzunehmen.

„Nö, keine Spur. Nur die Feiertage, die Langen, weißt du?“ stammelte er verunsichert.

„Kriegst du, mit den vielen Verehrerinnen tanzend, rum. I´ mach´ mir keine Sorgen.“

„Schon gut … Wünsche sonnigen Urlaub … Wenn du wieder in Paris bist …“

„I´schreib´ dir …, bevor ich wegfliege. Küsschen.“

Nathan schnappte seine Masters Leatherette Tanzschuhtasche und eilte zur Tanzschule Wernecke in der Bockenheimer Landstraße, wo er die Freizeit seiner bisherigen sechs Monate in Frankfurt verbrachte. Das Gespräch ging ihm nach. Der sonst so einschmeichelnde Wienerwalzer beschwingte ihn kaum; beim flotten Jive eierte er ständig aus dem Takt, dass seine Tanzpartnerin mitten im Lied seine Hand losließ und sich Richtung Ausgang begab; in die feurige Samba wagte er sich erst gar nicht hinein, obwohl die Tanzlehrerin ihm anbot, Ersatz für seine Partnerin zu fungieren. Stundenlang hockte er am Tresen und nippte am sauren Apfelwein. Es wurmte ihm, dass der unterkühlte Ausgebuffte, den er gerne hochstapelte, sich so zartbesaitet am Telefon angehört hatte. Er begriff nicht, wie Nadine ihm eine Reise mit ihrer tranigen Freundin vorziehen konnte. Irgendetwas in ihrem gönnerhaften Ton kam ihm nicht ganz geheuer vor. Zwischendurch schaute er zerstreut um sich herum, grinste dümmlich hier und da Gesichter an, die trotz der Tuchfühlnähe beim Tanzen ihm doch ferngeblieben waren. Er grübelte. Und die Tage darauf waren herb.

Kurz danach lugte ein Pariser Aufgabestempel aus dem Briefkasten heraus. Nadine schrieb, ihr täte die kurzfristige Absage leid, ihr täte vor allem leid, ihm belogen zu haben. In Wirklichkeit fahre sie mit einem Freund, den sie neulich beim Stepptanz kennengelernt hatte. Bei einem Stepptanz-Schnupperkurs im Pariser Quartier Latin. Seine flinken Füße und der schnelle Bewegungswechsel zwischen Fersen und Hacken hätten sie verführt, betört, in einen Rausch hinein geschwungen. Die Klänge des hochwertigen Aluminiumblechs der Stepptanzschuhe auf dem nackten Estrichboden waren unwiderstehlich. Schuld daran seien die Entfernung, eine beunruhigende Aussichtlosigkeit in ihrem Verhältnis und sein flattriges Wesen.

Mit jedem Satz wurde ihm klarer, dass es ein großes Pech war, in solchen Beziehungen immer der Bestimmende gewesen zu sein. Gegen das zarte, ein wenig schüchterne Lächeln von Nadine, das nicht mehr verblassen wollte, war er machtlos. Ungewohnte Schmerzen wucherten überall in seinem Körper. Es waren tückische Schmerzen, die nach schlaflosen Stunden ihn ein paar Minuten eindösen ließen, damit er nachher das Piesacken schärfer empfinden konnte. Ob die Qualen dem Verlust Nadine oder seinem gekränkten Ego entsprungen waren, war ihm nicht deutlich auszumachen. Oft fragte er sich, ob der Kollege, der mit ihm über die Dinge der Francebank dauernd fachsimpelte, auch Gehör und Wort für seine vertrackte Lage hätte. Hartnäckig meinte aber das Kind in ihm, ein Liebesentzug sei aus Eigenliebe beharrlich totzuschweigen. Er schwieg. Und die Tage waren zerrüttend.

Wochen später rief er Nadine an. Er bemühte sich nicht allzu pimpelig zu klingen, zeigte Verständnis für ihr Tun, lobte ihre Offenherzigkeit und verabschiedete sich freundlich.

In folgenden Anrufen berieselte er mehr und immer mehr mit gierigem Gesang. Allmählich konnte er sie zu einem Treff in Paris überreden. Bald karriolte sein verbeulter Peugeot 205 in einer sternklaren Septembernacht über die Landstraße von Frankfurt Richtung Paris. Nach dem langen Abend in der Tanzschule Wernecke und vier Stunden auf leeren Landstraßen häufte sich das Gähnen an. Er kurbelte das Wagenfenster herunter. Die kalte Luft biss ihm in die Augen. Sie tränten, blinzelten, brannten. Es wurde dunkel.

Als er erwachte, lag ein dicker Verband um seinen Kopf herumgewickelt. Eine Krankenschwester säuselte etwas vom Straßengraben, vom Einnicken, vom Dusel, vom Spürhund der Polizei und von einer jungen Dame namens Nadine, die sich für den Nachmittag im Krankenhaus anmelden ließ. Er schmunzelte. Und die Tage darauf waren diebisch-süß.

Nach seiner Pariser Woche mit Nadine kehrte er nach Frankfurt zurück und nahm wieder den täglichen Trott auf. Er ging immer genau den gleichen Weg von seiner Wohnung zur Francebank. Tag ein, Tag aus. Eine Stadttaube der Bockenheimer Landstraße wirbelte die Luft um ihn herum, dass ihm die Ohren federten. Er blickte ihr empört nach. Es musste Radia gewesen sein. Er kannte sie alle, die lieben Tauben seines Ameisenwegs. Sechs Monate lang ging er diesen Weg zur Francebank.

„Ja ich kenne sie alle“, dachte er immer noch verträumt von der Woche in Paris. Als er in die Francebank vor sechs Monaten eintrat, hatte er die Stadttauben hockend in den ahornblättrigen Platanen der Bockenheimer Landstraße bewundert, ihnen Namen gegeben, sie um ihre Kunstflüge beneidet. Sie gurrten und schnäbelten paarweise miteinander. Er wollte auch fliegen, bis der Trott ihn einholte: „Na, was ist denn da?“, fragte er sich entsetzt und blickte auf die aschgraue Flatsche, die sich auf Schlips und Hemd ausbreitete. Die blöde Taube. Sechs Monate war er unfallfrei diesen sicheren Weg gelatscht. Und jetzt so etwas. „Ich muss zurück, um mich umzuziehen, ach das geht nicht, verflixt und zugenäht! Es ist schon fünf vor acht. Schlag acht trapste er immer über die Schwelle der Bank – tagein, tagaus. Das weiß der Pförtner, der jedes Mal auf die Marmoruhr hochschaute und respektvoll „Guten Morgen Herr Youssef“ zu ihm sagte. „Ich lasse es nicht zu, dass eine pampige Taube den bewährten Ablauf meines Tages umstülpt. Für den Ablauf meiner Tage will ich - allein - zuständig bleiben“.

Nachdem er die aschgraue Flatsche in den Toiletten gründlich abgetupft hatte, holte er sein Arbeitszeug und seine Teetasse aus den Schreibtischschubladen heraus. Den Sakko behielt er an.

„Gut, dass er heute keine Sitzung mit der Geschäftsleitung habe. Herr Cretetin, unser Geschäftsführer soll heute ins Ausland fliegen. Er soll wichtige Verträge unterzeichnen. Gut auch, dass er stets erst um 13:00 in die Bankkantine ging. Um diese Uhrzeit sind nur noch wenige Kollegen da“, dachte er etwas erleichtert.

Er sagte der Sekretärin telefonisch, dass er Wichtiges für die Reise des Herrn Cretetin vorbereitete und daher absolute Ruhe bräuchte. „Keine Person darf zu mir heute“, fügte er hinzu. Der Tag war damit gerettet.

Um 18:00 stand er vor den Aufzügen und spürte die Genugtuung, die ihm die Bewältigung des Tauben-Unfalls verschaffte. Die Fahrstuhltüren flogen auseinander. „Guten Abend Herr Youssef“, polterte Herr Cretetin ihm entgegen. Neben ihm lag sein schwarzer Anzugsack und eine umfangreiche Aktentasche.

„Eine wichtige Reise für Sie Herr Cretetin“, haspelte er verdattert und klappte das Sakkorevers zum Brustbein hin. Seine Hand blieb an der Taubeinschussstelle kleben.

„Eine wichtige Reise für uns alle! Wenn ich die Verträge unterschrieben habe, dann wird die Bank riesig dastehen, dann können Sie noch stolzer auf unser Geldinstitut sein.“

“Ich drücke Ihnen die Daumen“, sagte Nathan und huschte heraus. „Herr Cretetin ist streng mit uns, aber gut für die Bank. Ein hartgesottener Profi. Immer wenn Nathan erzählte, dass er bei der Francebank arbeitete und Neid erregt zu haben glaubte, dachte er an Herrn Cretetin. Es ist sein Verdienst, wenn er an diesem aufputschenden Stolz hin und wieder mal schnullen durfte.“

Zu Hause angekommen, studierte er die Börsenzeitung, legte die Börsenaktien fest, die morgen abzustoßen waren. Aus der Kühltruhe holte er das Gericht Nummer vier. Heute ist Donnerstag, Tag des Gerichtes Nummer vier. Sonntags kochte er immer sieben Singlegerichte vor. Eins wurde frisch gegessen. Die anderen Speisegerichte wurden durchnummeriert, dann eingefroren. Nummer vier ist Lammragout mit herrlich duftendem Basmatireis aus Indien, und grünen Bohnen. Essen und Aufräumen rollten planmäßig ab; um 22:25 hing er im drehbaren Sessel und wartete auf die Tagesnachrichten. Die einleitenden, einlullenden Klänge lösten in ihm das vertraute dumpfe Behagen aus: „Eklat am Frankfurter Flughafen. Die Grenzpolizei hat Heute Abend Herrn Cretetin, Geschäftsführer der Francebank, verhaftet. Sie beschlagnahmte seine Aktentasche, in der sich Unterlagen befanden, die einen klug eingefädelten Betrug belegen. Angesichts des Schwindelausmaßes muss die Bank morgen Konkurs anmelden.“

„Der Hundsfott hat meine ausgetüftelten Karrierepläne zerstört!“

Beißwütig stürzte er in den Keller hinein, holte die staubigen Ordner. In Folien ruhten seine Bewerbungsunterlagen. „Mein Lebenslauf wird übersichtlich ausfallen, den ich schon morgen verschicken will. Bodenständig! Solid!“

In einem Ordner entdeckte er Schreibversuche, in denen er von seinen lieben Turteltauben schwärmte. Brotlose Träumereien, winselte damals seine beängstigten Bauchstimmen, lieber bodenständig, lieber solid – sicherlich! Sicherlich!

Er verschlang die längst vergessenen Zeilen über die lieben Tauben seines Ameisenwegs. „Hätte er sie nur hartnäckiger angeschwärmt! Wäre er nur Kunstflieger geworden!“

Es prickelte im Bauch; er wurde leicht, leicht wie die Kugel einer Pusteblume.

Plötzlich ertönte das Winseln: „Lieber bodenständig, lieber solid – oder eher widerlich?“

Er schwärmte und schwelgte in diesen alten Erinnerungen, bis er eingedöst war. Alpträume quälten ihm. Er träumte von einem Riesenbaum, der aus dem Grunde der Hölle emporwuchs, seine Früchte sahen so aus, als wären sie Schlangenköpfe. Ein Engel rezitierte piepsend aus dem Koran: „Wie geschmolzenes Erz wird er kochen in den Bäuchen. Wie siedenden Wassers Kochen. Fasset ihn und schleifet ihn mitten in den Höllenpfuhl. Alsdann gießet über sein Haupt die Strafe des siedenden Wassers. Schmecke! Schmecke! Schmecke!“ Dieser Koranvers, der ihm sein Koranlehrer schmerzhaft eingebläutete, quälte ihm oft. Er musste diesmal den Plan durchführen. Er wusste, dass der Plan ein Sprung ins Dunkel sein würde, dass der Plan einen Abbruch mit seinem bequemen Leben in Deutschland sein würde. Er wägte ab, überlegte und schwankte. Sein Metronom tickte.

Geburt von Nathan erzählt durch den Vater

Sein Vater, Malik Youssef, impfte ihm ein, als er noch in der Koranschule war: „Du musst immer deinen Zielen unbeirrt verfolgen. So steht im heiligen Koran“:

„Und Er zwang Sonne und Mond in Dienstbarkeit; jedes läuft seine Bahn zum vorgezeichneten Ziel.“

„Ich hatte dir diesen Koranvers mit Weihwasser bei deiner Geburt auf die Stirn geschrieben. Kannst du dich erinnern Nathan?“

„Nein Papi, wie kann ich mich an Dinge erinnern, die bei meiner Geburt passiert waren?“

„Dann werde ich dir wohl auf die Sprünge helfen müssen. Ich habe die Geschichte deiner Geburt akribisch dokumentiert, damit unsere Leute diese Geschichte immer wieder lesen und bestaunen können. Meine Mutter, Deyja, betonte immer: Wenn du deinem Sohn, Nathan, von seiner Geburt erzählt, dann kann er alles sehen, als wäre er dabei gewesen, so war es und wird immer so bleiben. Also hör gut zu Nathan, was ich zu deiner Geburt schriftlich festgehalten habe!“

An jenem Nachmittag, kurz nach dem Freitagsgebet hingen die unkelgrauen, schweren Wolken über Tidji so tief, dass die schlanken, langstämmigen Dattelpalmen sie mit ihren gefiederten, sich hin und her wiegenden Spitzblättern aufzuschlitzen drohten. Es braute sich eins dieser Regengewitter zusammen, das die Kinder, die Frauen und sogar die trägen Männer von Tidji tanzend, watschelnd, schlurfend an die Ufer des breiten Trockenflusstals hinauslockten. Malik Youssef, wollte aber heute nicht ans Ufer. Ihm war nach weiterbeten. Er war sich zwar sicher, dass seine Ehefrau, Aicha, an diesem Festtag sein Erstgeborener unter dem schwarzen Ziegenhaarzelt ihrer Mutter im goldenen, feinkörnigen Sand von Tidji gebären würde. Genau so klar war ihm, dass dieser Erstgeborene ein Junge - ja ein besonderer Junge - sein würde. Bis dahin nahm er sich vor, einfach weiter zu beten. So konnte nichts schief gehen. Über den Namen des Jungen hatte er sich allerdings keine Gedanken gemacht, da in Tidji die Festlegung auf einen Vornamen vor der Geburt dem Kind Unglück bringen könnte.

Einige meinten, die Frühfestlegung bleichte die Haut des Ungeborenen aus, so dass das Baby in den mondfreien, dunklen Nächten wie ein weißer Teufel dahin leuchten würde. Andere behaupteten, die Frühfestlegung lasse anstelle des Bauchnabels eine hühnereiergroße Hautblase aufgehen, die Kinder dazu verleiteten, hänselnd den Mittelfinger hineinzudrücken. Nach einem dritten, noch mehr verbreiteten Glauben, könnte die Frühfestlegung kurz vor der Geburt eine Geschlechtsverwandlung auslösen. Dabei wird der Schniepel des ausschlüpfenden Babys einfach zu Schamlippen hineingepresst und in der Mitte aufgespalten. Eine solche Verwandlung dürfte auf gar keinen Fall passieren. Auf gar keinen Fall.

Betend wartete Malik Youssef im Wohnzimmer seines Palmenhainhauses auf dem Sandhügelkamm zwischen den zwei Trockenflusstälern, die Tidji in drei Siedlungen aufteilten. Beim Beten suchte er sich kurze Koranverse aus, so dass er nicht allzu lange stehend, den Rücken beugend, sich mit der Stirn gegen den Boden vor Gott niederwerfend oder sitzend auszuharren brauchte. Dieser schnelle Wechsel zwischen den vier Körperstellungen im Gebet entsprach seiner Gemütslage und half ihm, die Zeit etwas kurzweiliger zu empfinden. Immer wieder – besonders wenn er sich in der senkrechten Gebetshaltung befand - kam er auf jenen Koranvers zurück, in dem die Gäste Abrahams ihm offenbarten: „Fürchte dich nicht, wir bringen dir die frohe Kunde von einem Sohn, mit Wissen begabt.“

Obwohl er wohl wusste, dass er in einer bestimmten Gebetshaltung einen Koranvers nicht wiederholen dürfte, verhedderte er sich immer wieder im Gedanken, wusste nicht mehr, ob er diesen Koranvers gerade eben schon rezitiert hatte und musste ihn sicherheitshalber wiederholen.

„Sicher ist sicher“, dachte er sich und wiederholte vielleicht ein drittes, vielleicht sogar ein viertes Mal. Im Sitzen durchzuckte ihm ein anderer Koranvers, der von einem vorislamischen Bewohner der Oasen Arabiens berichtete, der gerade die Geburt einer Tochter erfahren hatte: „Er verbirgt sich vor den Leuten wegen der schlimmen Nachricht, die er erhalten hat: Soll er sie trotz der Schande behalten oder im Staub verscharren? Wahrlich übel ist, wie sie urteilen!“

Malik Youssef dachte – Gott bewahre - natürlich nicht wie die ungläubigen, vorislamischen Bewohner seiner Oase, die ihre Töchter vor Angst, dass sie ihnen irgendwann mal Schande bringen könnten, lebendig begruben. Aber er fände es sehr heilsam, wenn seine Ehefrau als Erstgeborener einen Sohn gebären würde. Er war sich aber sicher, dass es so kommen wird. Nur damit gar nichts schief ging, wechselte er geschwind in die senkrechte Körperstellung und rezitierte wieder aus Versehen den Koranvers mit der frohen Kunde von Abrahams Sohn. Ein-, vielleicht zwei- oder gar dreifach.

Auf einmal platzte das Hausmädchen ins verdunkelte Wohnzimmer hinein. Ganz aus der Puste gekommen, stieß sie mit den letzten Atemkräften die frohe Botschaft hinaus: „Es ist ein Junge, ein Junge, zweifelsohne ein Junge.“, Malik Youssef unterbrach – zum ersten Mal in seinem Leben - das Gebet, schob das Hausmädchen zur Seite und eilte den Sandhügelkamm hinunter, schnurstracks zum Zelt, unter dem seine Ehefrau, seinen Erstgeborenen zur Welt gebracht hatte.

Gewehrsalven schallten durch die Luft von Tidji aus mehreren MAS-36, ein französisches Mehrladegewehr aus dem Jahr 1936. Die Erde von Tidji bebte unter allen Füssen.

„Ich habe es gewusst, das Regengewitter ist das Zeichen, was für einen gesegneten Tag, Gott sei Lob und Dank“, japste er. Das Regengewitter war dabei sich zu entladen. Die schweren Regentropfen trommelten auf die handgroßen, fleischigen Blätter der Oscherbäume und übertönten fast den Donner, der über die Schöpfe der Dattelpalmen dahin wegrollte. In seiner Eile und Aufregung trat er auf ein paar prallen Sodomäpfel der Oscherbäume, die unter seinen Füßen knallend platzten. Maliks blaues Darraâ – ein aus zusammen genähten Stoffbahnen bestehendes, in der Mitte gelochtes, mit einer aufgesetzten Bauchtasche versehenes Gewand - das für seine nicht gerade hoch gewachsene Körpergröße viel zu lang war, saugte die dicken Gewittertropfen auf, so dass der Saum im nassen Sand schleifte. Seine linke Latsche blieb im breiigen Sand kleben. Als er keuchend unter das Ziegenhaarzelt reinstürzte, merkte er nicht, dass nur noch sein rechter Fuß mit einer Latsche versehen war. Wasser perlte durch die Maschen der Haarzeltbahnen. Seine Frau lag unter einer Lederdecke. Die Oberseite der Decke war weiß behaart und glänzte im Lichtschimmer einer Petroleumfunzel. An ihrem Kopf saß mit gekreuzten Beinen ihre Mutter und Hebamme, Ghanie, auf einer Palmmatte und schmierte ihr eine dicke Pampe aus Butter und Asche ins Gesicht. Ein weißes Bündel lag auf Ghanies Schoß. Es muffelte streng nach feuchtem Leder und durchnässtem Ziegenhaar.

Malik sank auf die Knie, verschränkte die Beine und übernahm das Bündel, das ihm seine Schwiegermutter, Ghanie, über den im Sand zur Vertreibung der bösen Geister im Sand eingerammten Dolch entgegenstreckte. Ghanie faltete das weiße Tuch so auseinander, dass das frisch geschlüpfte Baby, das rücklings lag, von den Füßen bis zu den schwarzen, gelockten Haaren sichtbar wurde. Der an beiden Enden mit Haaren eines Dromedarschwanzes verschnürte Bauchnabel war zum Schutz und zur Wunderheilung mit Hennapulver dick eingerieben. Leicht überhöhte Stirnhöcker flachten sich sanft in eine kleine wohl geformte Stirn hinab. Die kleinen Äuglein waren nach den winzigen, verschmitzten Augen des Vaters geraten. Nichts an ihnen erinnerte an die großen, naiven Schwarzaugen der Mutter. Das Knollnäschen thronte mit einem schon kräftigen Rücken und breiten Flügelchen prominent im Gesicht. Die Ähnlichkeit mit der massiven Nase der Mutter war deutlich erkennbar. Die abstehenden Öhrchen waren eine Miniaturnachbildung der Ohren des Vaters und stachen von den großen anliegenden Ohren der Mutter ab. Die Wülste der noch winzigen Babylippen verrieten die Ähnlichkeit zu den vollen Lippen der Mutter. Die dunkelbraune Gesichtsfarbe ließ die goldbraune, daneben liegende Hand des Vaters blass aussehen. Das Baby sah so aus, als hätte es sich - bis auf die vollen Lippen – immer das unvorteilhafte Teilchen vom Papa oder von der Mama geerbt.

Das Zusammenspiel der im Einzelnen unvorteilhaft erscheinenden Gesichtsteilchen wirkte allerdings harmonisch und ergab ein hübsches Gesichtchen, welches sich plötzlich zusammenzog, als hätte man dem Baby Zitronensaft in den Mund geträufelt. Das Baby schrillte so auf, dass Maliks Trommelfell von Vibrationen schmerzte. Behutsam legte Malik seine rechte Hand auf die dattelkernhäutchenzarte Babybrust und flüsterte beschwichtigend aus der heiligen Schrift: „O ihr Menschen … bedenkt, dass Wir euch aus Erde erschaffen haben, dann aus einem Samentropfen, dann aus einem Blutgerinnsel, dann aus einem Klumpen Fleisch, teils geformt und teils ungeformt ... Und Wir lassen in den Mutterschößen ruhen, was Wir wollen, bis zu einer bestimmten Frist; dann bringen Wir euch als Kindchen hervor.“

Und dann schrieb er dem Baby mit Weihwasser folgendes aus der heiligen Schrift auf die Stirn: „Und Er zwang Sonne und Mond in Dienstbarkeit; jedes läuft seine Bahn zum vorgezeichneten Ziel.“

Anschließend flüsterte er seinem Sohn den Gebetsruf, „Gott ist der Größte“, ins linke und das Glaubensbekenntnis: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Gott gibt, und dass Muhammed sein Gesandter ist“, in das rechte Öhrchen hinein. Das Baby schrie noch lauter. Malik kullerten Tränen aus den kleinen, verschmitzten Augen. Bald wurde er von heftigen Weinkrämpfen so heftig geschüttelt, dass er das Bündel Ghanie zurückreichte. Als seine Arme frei wurden, verhüllte er sich das Gesicht mit dem rechten Flügel seines Darraâs und verließ das Zelt ohne seine Frau angeschaut zu haben.