Der Prinz - Mario Cruz - E-Book

Der Prinz E-Book

Mario Cruz

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Beschreibung

Chile, Anfang der siebziger Jahre. Am Ende einer durchzechten Nacht ersticht der junge Jaime seinen heimlich begehrten besten Freund. Im Gefängnis landet er in einer Gruppenzelle, in der ein gefürchteter Anführer das Sagen hat, den alle nur "El Potro", den jungen Hengst, nennen. El Potro wird Jaimes Beschützer und macht ihn zu seinem neuen "Prinzen", erwartet dafür aber Loyalität und sexuelle Unterordnung. Die "Liebe im Dunkeln" zwischen den beiden erfüllt Jaimes Bedürfnis nach Zuneigung und Zugehörigkeit, weckt in ihm aber auch die Lust, selbst zum Anführer zu werden. Doch dann entbrennt im Knast ein brutaler Machtkampf. Mit seinem Roman "Der Prinz" führt uns Mario Cruz in eine Welt der Hierarchien und Machtproben, deren Doppelbödigkeit er in knapper, schnörkelloser Sprache offenlegt: so unmoralisch wie naiv, so zart wie fatalistisch. Der 1972 im Selbstverlag gedruckte Roman avancierte in Chile zunächst zum Underground-Hit, geriet nach der Machtergreifung Pinochets aber in Vergessenheit und wird hier zum ersten Mal wieder veröffentlicht. Im Nachwort zu dieser Ausgabe begibt sich Florian Borchmeyer auf Spurensuche nach dem Autor dieser literarischen Wiederentdeckung.

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Seitenzahl: 153

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Mario Cruz

Der Prinz

Roman

Aus dem chilenischen Spanischvon JJ Schlegel

Mit einem Nachwortvon Florian Borchmeyer

Die Originalausgabe erschien 1972 in den

Ediciones Ventana al Mar unter dem Titel El Principe.

© Mario Cruz 1972

1. Auflage

© 2020 Albino Verlag

Salzgeber Buchverlage GmbH

Prinzessinnenstraße 29, 10969 Berlin

[email protected]

Aus dem chilenischen Spanisch von JJ Schlegel.

Übersetzer und Verlag danken

Luis del Río Donoso für wertvolle Hinweise.

Nachwort: Florian Borchmeyer

Umschlaggestaltung: Johann Peter Werth unter Verwendung

eines Motivs aus dem Film Der Prinz von Sebastián Muñoz

Satz: Robert Schulze

Printed in Germany

ISBN 978-3-86300-294-7

Mehr über unsere Bücher und Autoren:

www.albino-verlag.de

INHALT

Mario CruzDER PRINZ

Florian BorchmeyerMARIO LEBT HIER IMMER NOCHEINE SPURENSUCHE

GLOSSAR

Wenn ich jetzt im Knast landete, dann aus reiner Blödheit. Aber was hätte es gebracht abzuhauen? Alle hatten mitbekommen, wie ich dem Zigeuner* den Stich versetzt hatte. Ich bin am Arsch, dachte ich noch, während die Blutlache immer größer wurde.

Die Leute in der Kneipe waren zur Tür gerannt und hatten von dort aus zugesehen. Sie tuschelten und rempelten sich gegenseitig an. Von hinten hörte man das Feixen der Witzbolde, die nie fehlen.

Der Zigeuner* lag da und starrte zur Decke. Ich wollte ihm die Augen schließen. Hab mich nicht getraut. Ich nahm einen Stuhl; griff mir eine Flasche Bier. Ich hatte das Verlangen, etwas Starkes zu trinken. Die komplette Bar stand zu meiner Verfügung: Pisco, Rum, Branntwein, Anisschnaps. Aber dass die Leute mich anglotzten, verunsicherte mich. Ich empfand weder Schmerz noch Reue. Das war seltsam, weil ich den Zigeuner doch bewunderte, ja sogar liebte. Ich beschloss zu warten. Und setzte mich. Die Jukebox spielte weiter.

Die Bullen glaubten mir nicht, als ich dem Suff die Schuld gab. Sie vermuteten, dass ich ihnen die wahre Geschichte verheimlichte. Und vermöbelten mich gründlich. Dann warfen sie mich in eine Zelle, in der schon ein anderer saß. Ein Einbrecher. Wir redeten kaum. Jeder war mit seinem eigenen Problem beschäftigt. Es stank widerlich nach Pisse. Vom Gang drang etwas Licht von einer schmutzigen Birne in die Zelle. Die Bullen am Eingang verfolgten ein Fußballspiel im Radio. Sie schlossen mit lautem Geschrei Wetten ab.

Der Einbrecher war klein und hatte drahtiges, fast pechschwarzes Haar. Er saß auf dem feuchten Boden, mit ausgestreckten Beinen, an die Wand gelehnt. Trug ein gelbes T-Shirt und eine hellblaue Hose – fast so eine, wie ich sie vor zwei Jahren gehabt hatte.

Mit welchem Genuss hatte ich damals die alte ausgezogen. Sie war zu weit gewesen, am Hintern geflickt und schon so oft gebügelt, dass sie glänzte. Ich schlüpfte in die neue und lief ins Zimmer meines Vaters, um mich im großen Spiegel des Kleiderschranks zu begutachten. Die neue Hose war ganz leicht. Es war angenehm, ihren geschmeidigen, kühlen Stoff auf der Haut zu spüren. Sie saß schön eng. Hinten zeichnete sich die Unterhose ab, vorne beulte sie sich kräftig aus. Mann, war ich stolz!

Ich hab keinen hässlichen Körper. Hübsch bin ich natürlich auch nicht. Aber schlank. Und muskulös. Ich würde gern behaarter sein. Aber im Großen und Ganzen bin ich ganz zufrieden mit mir. Man sagt, dass ich mich lässig bewege.

Ich hab es schon immer gemocht, mit halboffenem Hemd herumzulaufen, sodass man meine Brust sieht. Zugeknöpfte Typen mag ich nicht.

An diesem Abend brachte mich der Gedanke an die Witze, die die Jungs über mein neues Outfit reißen würden, schon im Voraus zum Lachen. Es war klar, dass sie mich aufziehen würden. Mit Pfiffen, blöden Sprüchen und Sticheleien, die mir zu verstehen gaben, dass ich super aussah. Meine Leute erkannten erst jetzt, dass ich einen Körper besaß … mehr oder weniger. In meiner alten abgerissenen Kleidung hatte ich überall hingehen können, ohne dass mich jemand bemerkte. Es stand also außer Frage, dass die Jungs mir die neue Hose niemals kommentarlos durchgehen lassen würden, aber das war mir recht; ich wollte, dass sie mich im Gedächtnis behielten wie den Zigeuner. Wenn der auf seinem brandneuen chromblitzenden Motorrad aufkreuzte und mehr Lärm machte als der Teufel, guckten alle. Auch er trug sein Hemd immer offen, und der Wind fuhr hinein und ließ es flattern. Er hatte fast blonde Haare auf der Brust und ein goldenes Medaillon. Und eine elegante Art, vom Motorrad abzusteigen, sich zu strecken, zu lächeln und mit seinen bernsteingrünen Augen zu blinzeln. Er genoss es, sich an die Wand oder einen Baum zu lehnen, und das tat er so, dass der Stoff seiner Hose sich straffte. So konnte jeder seine kräftigen Beine sehen. Und das Paket dazwischen, das den Stoff fast zum Platzen brachte.

Wenn wir anhielten, um am Rande des Platzes miteinander zu reden, beobachteten ihn die Frauen aus der Ferne. Und wenn sie an ihm vorbeigingen, senkten sie die Blicke und kicherten albern und nervös.

Ich verbrachte die Nacht auf dem feuchten Zement. Immer noch besser als auf einer verlausten und verwanzten Strohmatratze. Ich war halbtot vor Kälte. Von Fußtritten geschunden. Ich hasste die brutalen Bullen. Ich krümmte mich auf dem Boden zusammen und flehte sie an, mich um Himmels willen nicht so heftig zu schlagen, wenigstens nicht auf den Kopf. Aber sie beschimpften mich nur, Hurensohn und so, um dann plötzlich wieder ganz sanft zu werden. Schließlich nahm der Chef die Sache in die Hand, ein Dicker mit Schnurrbart und Säufernase. Er trug Weste und schlug zu, ohne den Hut abzunehmen. Er sah aus wie ein Orientale.

«Sieh mal, Kleiner, wir sind gut informiert. Wir wissen alles, aber wir wollen es aus deinem Mund hören, dadurch wird es einfacher. Keiner hier ist scharf drauf, dich zur Sau zu machen. Erspar dir einfach die Unannehmlichkeiten. Hinterher streichen wir ein bisschen was aus dem Protokoll. Ehrenwort … Sonst verplempern wir hier doch alle unsere Zeit!»

«Aber warum glauben Sie mir denn nicht? Ich hab ihn tatsächlich nur deshalb umgebracht, weil ich so besoffen war, ich schwör’s bei Gott, das war ein Wutanfall!»

«Soso, dann bist du also ein ganz Harter!»

Und dann hagelte es Fußtritte und Faustschläge. Das hörte gar nicht mehr auf. Sie brachten mich in die Zelle und holten mich wieder raus. Einmal sagten sie, dass sie mich an den Strom anschließen würden. Ich musste mich nackt ausziehen, zitterte vor Angst.

«Jetzt wirst du singen, Unglücksvogel.»

Doch ich kam drum herum. Der Chef wurde wegen irgendwas nach oben gerufen und die anderen ließen mich in Ruhe. Ich hab dann so steinerweichend geheult, dass ein jüngerer Bulle mich eine Weile ansah.

«Zieh dich besser wieder an.»

Und dann brachte er mich in die Zelle zurück. Am folgenden Tag übergaben sie mich dem Anwalt.

Sie packten mich in die Abteilung von Gang sechs. Ich kam da völlig ausgehungert an, unrasiert und mit verdrecktem Hemd. In meiner Zelle saßen schon vier andere. Keiner muckte auf. Sie waren junge Leute wie ich. «Leg dich ein Weilchen hin!», sagte einer zu mir. Sonst nichts. Ich dankte ihm. Es musste so gegen zehn Uhr vormittags sein, ein klein wenig Sonne kam herein. Es war Dezember und wurde gerade warm.

Keiner fragte, was mich hergebracht hatte. Sie wollten nur meinen Namen wissen und ob ich aus Santiago kam. Man bot mir Tee an. Ich sagte, wie nett. Dann zündeten sie den kleinen Paraffinkocher in einer Ecke an, und während das Wasser kochte, schmierte mir jemand ein riesiges Käse-Sandwich. «Mach dir keinen Kopf, so schlecht ist es hier gar nicht!», sagte einer mit nacktem Oberkörper zu mir. Er hatte mehrere Stichnarben am Bauch und an den Armen. Er war ein Weißer mit Locken. So um die dreißig. Ich fand, er sah aus wie der Boss. Und damit täuschte ich mich nicht.

Er war eher hager. Wenn er lächelte, dann mit einem halb traurigen, halb überlegenen Ausdruck. Man nannte ihn El Potro, den jungen Hengst. «Zieh dein Hemd aus!», sagte er plötzlich. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, aber ich tat es. «Geh es waschen!», sagte er zu einem anderen Typen. Und der gehorchte auf der Stelle. El Potro schaute mich die ganze Zeit an. Das Gesicht, die Brust, den Bauch, die Arme – er musterte mich von oben bis unten. Um meine Verlegenheit zu überspielen, sah ich mich in der Zelle um. In der Mitte hing ein leerer Kanister als Lampenschirm von der Decke. Aber es gab keinen Strom. An der Wand ein paar ausgeschnittene Fotos alter Fußball-Legenden. Pedro Araya* und Juanito Soto* waren dabei, zur Zeit ihrer großen Triumphe, und die ganze alte Mannschaft des Colo-Colo*. Auch die Sportunion und einige junge Boxer. An einer anderen Wand die Madonna del Carmen* in Farbe, mit einem Soldaten und einem Matrosen, die vor ihr knieten. In einer Ecke ein Zopf Knoblauch und jede Menge Zwiebeln, die in Dreier- oder Viererbünden von einer Schnur baumelten, die durch den gesamten Raum gespannt war. Zwei Betten. Doppel-stöckig. Wie Kojen auf einem Schiff. Mit alten Decken und hübschen bunten Tüchern. Die Laken waren schön weiß. Auf der Küchenseite ein paar Dosen, zwei Bananen, Zitronen und ein halbes Kilo Kartoffeln. Als Sitzgelegenheit eine Kiste und zwei aus Holzresten gezimmerte Höckerchen. Hinter der Tür ein kleiner Spiegel.

«Du hast Glück», sagte El Potro. «Wir sind hier sauber, haben zu essen und keiner ärgert dich. Klar, wer nicht weiß, was Respekt ist, verzieht sich besser schnell woanders hin.» Er zückte eine Schachtel und bot mir eine Zigarette an. «Nein, danke», antwortete ich kurz angebunden. «Etwa Nichtraucher?», fragte er beharrlich. Dann schwiegen wir eine Zeit lang. El Potro musterte mich immer noch, während einer der Jungs wiederum ihn nicht aus den Augen ließ. «Bist du sehr müde?» Ich verneinte. «Lass uns einen Spaziergang machen», schlug er vor. Ich folgte ihm. Wir gingen den Gang entlang, von einem Ende zum anderen. «Hola, El Potro», grüßten die anderen Insassen. Man sah ihnen an, dass sie ihn mochten und respektierten. Später erfuhr ich, dass er kein schlechter Kerl war; wenn er aber mit jemandem in Streit geriet und wütend wurde, was nur selten passierte, endete derjenige entweder im Krankenhaus oder auf der Leichenbahre.

Er ging gern schnell. War nervös, auch wenn man es ihm beim Reden nicht anmerkte. Wir gingen unter Leinen hindurch, die am Geländer des zweiten Stocks befestigt waren, und an denen frische Wäsche zum Trocknen hing: Socken, Hemden, Unterhosen, sogar ein riesiges Laken. Manche Typen drehten wie wir ihre Runden. Andere standen beieinander und unterhielten sich; wieder andere lasen oder kümmerten sich ums Abendessen.

Ganz hinten mittig war das Klo. Wer es benutzte, musste sich vor aller Augen draufsetzen. Seitlich befanden sich schimmelige Duschen, aus denen nicht mehr als ein dünnes Wasserrinnsal tröpfelte. Ein stämmiger Kerl erschien, zog sich aus und begann, sich einzuseifen. Er war so behaart, dass sich sofort jede Menge Schaum bildete.

El Potro war nett und nach dem zu urteilen, was er erzählte, ziemlich gutmütig. Er wartete auf eine Verurteilung wegen einer schlimmen Sache. Hatte zwei Männer schwer verletzt, einem davon einen bösen Schnitt verpasst. Die waren ein bisschen zu überheblich gewesen. Er wollte in den Vollzug verlegt werden; dort war vieles besser. Gebürtig war er aus Curicó*, kannte aber fast das ganze Land. Er erzählte mir, dass ihn die Polizisten fast totgeschlagen hätten, um ihn zu zwingen, einen seiner Kumpels zu verraten. Sie schlugen ihn sogar mit Ketten. Ihm lief das Blut aus Mund und Nase, und seine Eier waren ganz geschwollen von den vielen Fußtritten. Aber er hatte nichts verraten. Deshalb betrachteten ihn alle als ihren Boss. Weil er gerade und aufrecht war. In Santiago hatte er nur einen Bruder, der aber nicht einen Besuchstag versäumte.

«Und wie haben die Bullen dich behandelt?», fragte er. Und ich erzählte ihm, dass sie mir sogar Stromschläge verpasst hatten. Und zwar mehrmals. Er wollte wissen, warum. Ich gab dann ein bisschen an. Hab’s ihm erzählt, aber leicht ausgeschmückt. Ich fasste Vertrauen zu ihm, wurde richtig übermütig. Das Schlimmste lag schließlich hinter mir. Ich hatte jetzt einen Freund. Ich schaute ihn mir genauer an. Er war weder hässlich noch hübsch. Mir gefiel, dass er weiß war. Und das Wichtigste: seine entschiedene Art, sein Verhalten. Ich fühlte mich sicher bei ihm.

«Komm, wir besuchen die Wimper», sagte er, und wir gingen zu den Zellen im zweiten Stock. Wimper war etwa so alt wie er und ziemlich galant. Hatte ein riesiges Transistorradio. Trug Manschettenknöpfe und Krawatte. Ein Blick genügte, um zu kapieren, dass er seinen Spitznamen nicht bekommen hatte, weil er eine Schlafmütze war: Seine Wimpern waren tatsächlich lang und dicht; so hübsch, dass sie unweigerlich Aufmerksamkeit auf sich zogen. Er hatte einen jungen Burschen, der ihn bediente. Bot uns was zu trinken an, und der Kleine kredenzte uns eiskalte Cola, die in einem Eimer mit Wasser gebunkert wurde.

Sie redeten über das, was auf dem Gang so alles vorfiel. Ich spitzte die Ohren. Erst verstand ich nicht richtig, worum es ging. Schlägereien, Eifersüchteleien, Diebereien. Nach und nach begriff ich dann mehr.

Später fand ich heraus, dass zwischen El Potro und Wimper etwas vorgefallen war. Als sie selbst noch Jungen waren. Im Erziehungsheim in der Calle Lira. Dort schliefen sie zusammen. Bis Wimper in den Jugendknast verlegt wurde. Danach nahm El Potro eine Rasierklinge und schlitzte sich den Bauch auf. Aus Kummer. Hinterher hatte er einen, der die Geschichte weitererzählte, fast kaltgemacht. El Potro wurde bestraft und war fortan eine Respektsperson.

Am Nachmittag wurde es richtig heiß. «Gehen wir duschen», sagte El Potro zu mir. Ich wollte nicht. «Sei nicht so zimperlich. Du musst dich waschen, damit du nicht das Bettzeug verdreckst.» Und so gingen wir. El Potro zog die Schuhe aus, die Socken, die Hose und die Unterhose. Ich musste das Gleiche tun. Und dann seifte er mich ein. Unvermittelt trat er zur Seite und schubste mich unter das Wasserrinnsal. Dann machte er mit meinem Rücken weiter.

Als wir zurückkamen, zog der Typ, der El Potro zuvor nicht aus den Augen gelassen hatte, ein langes Gesicht. Die Bullen kamen, um uns einzuschließen. Wir aßen Tomatensalat mit Zwiebeln. Hatten Tee mit viel Brot und einem Stück Käse, und rauchten eine Zigarette. Danach unterhielten wir uns ausgiebig. Wir lachten über jeden Mist. Bis es dunkel wurde und sie eine Kerze anzündeten. Von überall her hörte man leises Flüstern. Es kam uns vor wie ein Trauergesang. Mein Blick schweifte zu der Kerze und den tanzenden Schatten. El Potro erinnerte sich an einen Film und wurde sentimental. Der Typ, mit dem er am engsten befreundet war, rückte näher an ihn heran, aber El Potro beachtete ihn nicht. Und dann fingen sie an, über Mode zu reden. Alle standen auf langes Haar. Und darauf, Kohle zu haben und die besten Klamotten zu tragen, die so eng wie möglich saßen. Nach einer Weile gab auch ich meinen Senf dazu. Und dann redeten wir über Sänger. Über Gardel*, Sandro*, Raphael*, Adamo*, aber vor allem über Leonardo Favio*. Darüber, dass der ja auch wie wir im Knast gewesen war. Und dass er seinen Freund nie verraten hatte. Das kam in mehreren Liedern vor. Der Freund hieß Carlos. Dann fingen wir mit den Tangos an. Und einer fing ganz leise an zu singen.

«Wir legen uns jetzt besser hin!», sagte El Potro. Alle stimmten zu. «Du pennst bei mir!» Damit meinte er mich. Der andere Typ, der so was schon hatte kommen sehen, protestierte: «Und ich?» – «Hau dich auf den Boden. Hier hast du eine Decke. Die Jungs oben sollen dir noch eine geben.» Der Kleine wurde puterrot vor Wut, wagte aber nicht zu widersprechen.

«Dreh dich zur Wand», sagte El Potro zu mir. Sein Bett war das untere. Die Kerze wurde gelöscht, und es war nun sehr dunkel. Aber sie redeten weiter. Über irgendeinen Western. Und während sie redeten, fing El Potro an, meine Beine zu reiben. Die waren sehr behaart. Innerlich schwankte ich zwischen Ruhe und Angst. Vor allem aber schämte ich mich. Wegen des Spotts, der kommen würde. Ich war wirklich zu bedauern. Morgen würden es alle wissen.

El Potro drängte mich, mich näher an ihn zu schmiegen. Mir blieb nichts anderes übrig als zu gehorchen. Dann schob er seine Hand in meine Unterhose und fing an, mich hinten zu massieren. Ich hätte mich gerne fallen lassen, aber, weil ich daran denken musste, wie ich bluten würde, gelang es mir nicht. El Potro streichelte, presste und rieb an mir herum, bis er plötzlich meine Hand an sein Ding führte. In meinem Schreck erschien es mir riesig. Er säuselte mir ins Ohr, ich solle keine Angst haben. Ich spürte seinen Atem, seinen Mund, der mich biss, den Bart, der mich kitzelte – und ließ es geschehen.

Die Jungs im anderen Bett machten offenbar dasselbe. Und was den Pechvogel auf dem Boden anging: Der hörte uns garantiert verbittert zu und wäre am liebsten gestorben.

Als El Potro schlief, überkam mich der Ekel, und ich grübelte vor mich hin. Bis ich irgendwann, ich weiß nicht wie, selbst einschlief. Vier, fünf Stunden später wachte ich auf. El Potro schnarchte. Und ich ekelte mich nicht mehr. Im Gegenteil. Fast sehnte ich mich nach einer Umarmung. Aber nicht aus Geilheit. Mir war klar geworden, dass ich es sicher und ruhig haben würde, solange ich mit ihm zusammen war. Niemand würde es wagen, mich zu beleidigen. Man würde mich respektieren. Weil mich das sehr froh machte, und vielleicht auch, um meine Nerven zu beruhigen, begann ich leise zu weinen.

Am nächsten Morgen weckte mich ein vielstimmiges Raunen. Erst dachte ich, es wäre etwas passiert. Aber es waren nur die Typen, die in ihren Zellen auf den Aufschluss warteten. Der Verschmähte auf dem Boden sah aus, als ob er die ganze Nacht kein Auge zugetan hätte. Allmählich wachte auch El Potro auf. «Hola», sagte er mit einer gewissen Zuneigung zu mir. Da konnte sich der Typ nicht länger zurückhalten. «Jetzt grüßt man also nur noch den Prinzen.» – «Und was geht dich das an, du Unglückswurm?», antwortete El Potro und stand auf, nackt wie er war. Ich dachte, er würde dem anderen eine verpassen, doch er griff nur nach der Bettdecke, zog sie zurück, packte mich am Arm, drehte mich auf den Bauch und sagte spöttisch zu ihm: «Klar ist der ein Prinz! Siehst du das denn nicht?» Damit gab er mir einen Klaps auf den Hintern: «Zieh dich an, mein Junge!», und lachte lauthals los.