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Die 30-jährige Anna fristet ihr Dasein in der Antragsabteilung einer Versicherung, da sie als erfolglose Kinderbuchillustratorin davon kaum ihren Lebensunterhalt bestreiten kann. Ihr eigentliches Problem ist jedoch ein ganz anderes: Wie soll sie es schaffen einen Mann länger als drei Wochen an sich zu binden?
Michael, ihre letzte Errungenschaft, erweist sich, wie seine Vorgänger, als große Enttäuschung, als sie dem Abbild ihrer Traumvorstellung des perfekten Mannes begegnet und sich sofort in ihn verliebt.
Parallel dazu kämpft die ebenfalls Anfang 30-jährige Marion mit ihrer Eifersucht. Sie ist davon überzeugt, dass früher oder später jeder Mann seine Frau betrügt, so wir ihr Ehemann. In Jahren hat sie es bisher nicht geschafft, einen Beweis seiner Untreue zu finden, und doch misstraut sie ihm.
Bis sie eines Tages Walter begegnet, der sie mit seiner Unerfahrenheit Frauen gegenüber versucht davon zu überzeugen, dass nicht alle Männer Schweine sind.
Das Schicksal führt die beiden Frauen zusammen, ohne dass sie sich tatsächlich begegnen.
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Veröffentlichungsjahr: 2017
Sigrun Misselhorn
Der Problemmann
Roman
eBook
© 2013 Sigrun Misselhorn, Hamburg
Überarbeitete Fassung © 2016
Covergestaltung: www.fischgraetdesign.de
Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder teilweisen Nachdrucks
in jeglicher Form sind vorbehalten.
Es handelt sich um eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten und sonstigen Begebenheiten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Impressum: Sigrun Misselhorn, Herlingsburg 14, 22529 Hamburg
Inhalt
Alte SchachtelWoandersMichaelKüssenDie FremdeDer KollegeSchatzEmotionenDer IdiotBlöde KuhVolltrottelGoldene EierKantineReden wird überbewertetKartoffelsalatDiskokugelDie SchlampeCocktailTaschenlampeWilde TiereTriumphDer VersuchRitualeHalt die KlappeGlocken läutenKinderzimmerArschgesichtDas KondomVerschwindeAuf das LebenKalter KaffeeSex macht alles kaputtHalluzinationen
Mit dem Telefon in der Hand, aus dem eben noch diese unglaublichen Worte gekommen waren, saß sie regungslos auf der Kante des Bettes. Sie versuchte zu realisieren, was ihr in diesem Moment unmöglich schien. Sollte sie jetzt anfangen zu weinen? Sie wusste, dass die Tränen nicht lange auf sich warten lassen würden. Dennoch wäre sie zu dieser Art Gefühlsregung nicht in der Lage gewesen. Sie versuchte zu verstehen, was gerade geschehen war und aus welchem Grund es offensichtlich kein Mann länger mit ihr auszuhalten schien. Wie konnte sie schon wieder an den Falschen geraten sein? Immer und immer wieder. Der wievielte war das jetzt? Sie überlegte. In ihrem Gehirn schien sich ein Vakuum breit zu machen, was sie daran hinderte einen klaren Gedanken fassen zu können. Es überschüttete sie lediglich mit Fragen. Warum wollte niemand bei ihr bleiben? Irgendwo da draußen musste es doch einen Mann geben, der für sie bestimmt war.
In wenigen Monaten würde sie 30 werden. Mein Gott, dachte sie, ich bin eine alte Frau und schon wieder Single. So sehr hatte sie gehofft endlich den Einen gefunden zu haben. Wieso war es überhaupt erst soweit gekommen? Was hatte sie dieses Mal falsch gemacht? Gerade als es begonnen hatte ihr Spaß zu bereiten, war es damit schon wieder vorbei. Ihr war nicht klar, wer in dieser Pharse wen verlassen hatte. In der Vergangenheit waren es grundsätzlich ihre Beischlafpartner, die überraschender Weise und relativ spontan die Lust an ihr verloren. Spontan war diese Trennung dieses Mal auch verlaufen. So extrem spontan, dass Anna kaum begreifen konnte, was ihr widerfahren war.
Auf der Bettkante sitzend und darüber nachdenkend, wo die ersehnten Tränen bleiben würden, musste sie an die vorherige Beziehung zu Kay denken, der sie nach drei Wochen verlassen hatte, da ihm plötzlich eingefallen war, dass er sich bereits in einer festen Beziehung befunden hatte. Leider hatte Kay verabsäumt Anna mitzuteilen, dass er gebunden und zudem seine Freundin im fünften Monat schwanger war. In dem Moment, als seine Freundin ihm eröffnete ‚Schatz, wir müssen das kleine Zimmer entweder in Rosa oder Blau streichen und es wäre sinnvoll, wenn du den Sportwagen verkaufst‘, sah Kay sein Leben an sich vorbeiziehen. Unmöglich konnte er sich in seinem jugendlichen Alter von 32 Jahren von allen Vergnügungen verabschieden und fortan den treuen Familienvater mimen. Für ihn bestand dringender Handlungsbedarf. Er wusste, dass er sich aus dieser Verantwortung nicht würde stehlen können, aber musste er sich deshalb sein Leben versauen? Andere Mütter hätten schließlich auch schöne Töchter und so machte er sich auf die Suche nach einer Möglichkeit unkompliziert und entspannt die Seiten zu wechseln und eine andere Frau mit seiner Anwesenheit zu beglücken. Bei seinen regelmäßigen Besuchen in ein und derselben Kneipe war ihm schon seit längerem Anna aufgefallen. Sie war unauffällig, geradezu unscheinbar. Das komplette Gegenteil von seiner schwangeren Freundin und damit perfekt für ihn.
„Ich habe dich schon oft hier gesehen. Du bist mir vom ersten Augenblick aufgefallen und gehst mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Du machst mich zum glücklichsten Menschen, wenn ich dich zu einem Getränk einladen dürfte“, waren Kays Worte an einem Abend den Anna als langweilig abgehakt hatte und sich eben überlegte nach Hause zu gehen.
Überrascht hatte sie ihn angesehen. Noch nie wurde sie auf diese Weise angesprochen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie ihm aufgefallen sein sollte, denn sie wusste selbst, dass sie nicht zu den Frauen gehörte nach denen sich Männer auf der Straße umdrehten. Dennoch ließ sie ihn gewähren. Kay war nicht der Typ Marke ‚Traum-Mann‘. Mit seiner charmanten Art wusste er jedoch bestens umzugehen und wie man eine Frau dazu brachte ihm zu vertrauen. Er überhäufte sie mit Komplimenten, egal was auch immer sie sagte. Sie ließ sich von ihm einlullen, seine Schmeicheleien glitten an ihr herunter wie Öl und hinterließen einen schleimigen Film, der ihr alles andere als unangenehm war. Nach nur drei Gläsern Wein war Anna hoffnungslos verliebt. Dabei hatte sie sich geschworen sich nie mehr auf eine Kneipenbekanntschaft einzulassen. Zu oft war sie schneller auf den Boden der Realitäten geschmissen worden als ihr lieb war. Jedes Mal hatte sie sich gesagt, dass ihr das nie mehr passieren würde. Aber kaum hatte sie den Kummer überwunden, schien sie an einer partiellen Amnesie zu leiden. Mit Sicherheit würde es rein gar nichts mit dem Ort zu tun haben, an dem sie die Männer kennenlernte. Einzig die Männer seien das Problem. Sie wollte nicht daran glauben, dass alle Männer schlechte Menschen seien. Andere Frauen fanden schließlich auch einen Partner und wurden nicht verlassen. Warum sollte nicht auch Anna einmal Glück haben? Einen musste es doch geben. Wo sie diesen finden würde sei unerheblich. An dem Abend, als Kay sie angesprochen hatte, war sie davon überzeugt wieder einmal ihre Suche beenden zu können. Ein Mensch, der so einfühlsam wie Kay sein konnte, war perfekt für sie. Zudem schien er gebildet zu sein und über eine Arbeit zu verfügen, mit der er entspannt seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte. Ohne viel Aufhebens signalisierte sie ihm, dass er sie nach Hause begleiten dürfte.
Anna konnte nie einen Sinn darin erkennen mehrere Wochen verstreichen zu lassen, um einen Mann erst richtig kennenzulernen, bevor man mit ihm intim wurde. Was würde das bringen? Wenn sie mit dem Zukünftigen in Beischlafaktivitäten nicht kompatibel war, erübrigte es sich weitere Zeit zu investieren. Sie gestattete maximal einen zweiten Versuch, wenn der Auserwählte über ein hohes Maß an Attraktivität verfügt und sie glaubte, der Sex wäre durchaus ausbaufähig, das erste Mal lediglich ein Ausrutscher, hervorgerufen durch erhöhten Alkoholkonsum.
Nach jedem Fehlschlag hoffte sie darauf, dass es beim Nächsten besser werden und sie nicht wieder die Selben Fehler machen würde. Wobei ihr nicht klar war, was das überhaupt für Fehler hätte sein können. Kein Mann hatte bisher mit ihr darüber gesprochen. Meist waren sie einfach verschwunden oder teilten ihr mit, dass es auf keinen Fall an ihr liegen würde. Der eine oder andere Mann hatte ihr gesagt, er sei noch nicht Reif für eine feste Bindung, das würde sie doch sicher verstehen. Immerhin seien sie noch jung, das ganze Leben würde vor ihnen liegen und Anna sicher einen Besseren finden. Anna fand in der Tat nach kurzer Zeit einen neuen Mann, der sich leider jedoch meist nicht besser als der Vorherige herausstellte. Ein ebensolcher Kandidat war Kay gewesen. Anna befand sich in ihrer selbstgewählten Trauerphase, in der sie sich üblicherweise zurückzog und sich von allem fern hielt, was ihr zum Eingehen einer neuen Beziehung hätte gefährlich werden können, als ihre Freundin Melanie sie dazu überredete, sie auf eine Party zu begleiten. Wie hätte Anna ahnen können, dass sie dort auf Michael stoßen würde?
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„Willst du etwa so mit mir losgehen?“
Melanie hatte sich auf Annas Sofa niedergelassen und ihre langen Beine lasziv übereinander geschlagen. Egal wo auch immer sich Melanie aufhielt, sie achtete darauf keinen Moment zu verschwenden sich in Szene zu setzen.
„Wieso, was ist daran falsch?“, wollte Anna wissen, die ihrer Freundin ein Glas Sekt gereicht hatte.
Beide erhoben ihre Gläser, ohne diese aneinander zu schlagen, sahen sich in die Augen und tranken.
„Das würde zu lange dauern, bis ich dir das erläutert habe. So gehe ich jedenfalls nicht mit dir los. Oder wolltest du dich erst noch umziehen?“
Anna sah Melanie an, die wie immer perfekt gestylt vor ihr saß. Ihre langen, dünnen Beine steckten in engen Jeans, dass Anna glaubte, ihre Freundin könnte nie wieder ausatmen. Eine tief ausgeschnittene Bluse gab den Blick auf ihr perfektes Dekolleté preis. Anna beneidete Melanie um ihren wohlgeformten Körper, den sie pausenlos zum Sport trieb, was sich Anna niemals angetan hätte.
„Ich bin bereits umgezogen. Meine Haare sind sogar frisch gewaschen.“
„Was hattest du denn um Himmels Willen vorher an? Und über deine Haare könnten wir auch noch mal reden.“
„Ach was, das hast du gerade nötig.“
Anna beneidete nicht nur den Körper ihrer Freundin, auch ihre Haare waren so, wie Anna es sich immer gewünscht hätte. Melanie hatte blonde, lange Haare, die sie grundsätzlich zu einem dicken Zopf zusammengebunden trug, was Anna als schwere Sünde empfand. Anna konnte mit ihren dünnen und zu allem Übel mit einer undefinierbaren Farbe, die sich nicht entscheiden konnte ob sie nun blond oder braun sein sollte, ausgestatteten Haaren nichts weiter anstellen, als diese kurz zu schneiden und sie glatt an sich herunter hängen zu lassen. Ihre Haare waren ebenso unscheinbar wie der Rest ihrer Gestalt. Während Melanie groß gewachsen war, kam sich Anna mit ihren knappen 170 cm geradezu klein vor. Im Grunde passten die beiden Frauen kaum zueinander. Gegen Melanie wirkte Anna wie eine graue, langweilige Rauhfasertapete. Melanie legte großen Wert auf ihr Äußeres, Anna hingegen glaubte, es wäre bei ihr ohnehin zwecklos, sie sei eben eine öde Person und es würde nichts ändern. Pausenlos versuchte Melanie ihrer Freundin in Stylingfragen zu helfen, was Anna regelmäßig verweigerte anzunehmen. Trotz allem waren sie sich sofort sympathisch gewesen, als sie sich bei einer Betriebsfeier der Versicherung kennenlernten, in der beide arbeiteten. Melanie war Assistentin eines der Geschäftsführer, während Anna ihr Dasein in der Antragsabteilung fristete. Melanie wusste augenblicklich, dass Anna ihre Fähigkeiten verschwendete. Was darin begründet lag, dass Anna diese Arbeit lediglich ausübte um Geld zu verdienen. Sie war Kinderbuchillustratorin. Als Anna ihr Studium antrat hatten ihr alle davon abgeraten ausgerechnet Illustration zu belegen. Das sei eine brotlose Kunst und Anna würde es niemals schaffen ihren Lebensunterhalt damit zu verdienen. Annas trotziges Wesen gestattete ihr nicht, auf diese gut gemeinten Ratschläge zu hören. Leider musste sie nach herben Niederlagen feststellen, dass alle Recht behielten. Sie blieb jedoch hartnäckig und fand tatsächlich einen Verlag, der ihr Talent entdeckte. Was leider trotz allem nicht reichte, um sie zu ernähren. Mit Gelegenheitsjobs hatte Anna sich über die Runden gebracht, bis sie endlich die Versicherung gefunden hatte, in der sie längerfristig arbeiten und sich den Luxus leisten konnte, sich für einige Monate zurückzuziehen, um sich einem neuen Buch zu widmen. Anna fühlte sich von Anfang an unwohl in der Antragsabteilung und trotz des durchaus großzügigen Angebots ihres Arbeitgebers, glaubte sie nicht lange dort bleiben zu können. Einzig die Bekanntschaft zu Melanie ließ sie ihre trostlose Arbeit ertragen und die Aussicht auf eine Zeit, in der sie tun konnte, was ihr am liebsten war.
Anna leerte in einem Zug ihr Glas und schenkte sofort nach. Unterhaltungen über Stylingfragen hasste sie. Was war so falsch an ihrem Outfit? Jeans passten doch immer.
„Du hast doch auch Jeans an. Was ist also an meinen nicht richtig?“
„Anna, darauf willst du keine Antwort. Wenn du endlich mal mit mir shoppen würdest, dann wüsstest du das selbst.“
„Dafür gebe ich eben kein Geld aus. Ich muss sparen.“
„Ach, das leidige Thema wieder. Ist es schon wieder soweit?“
„Im nächsten Frühjahr. Hab gerade mit meiner Lektorin gesprochen.“
„Erstaunlich, dass die dir immer noch treu bleibt. Du könntest dieses Mal doch hier bleiben.“
„Du weißt, dass ich hier nicht arbeiten kann. Ich brauch die Inspiration einer anderen Umgebung.“
„Ja, ’ne, schon klar. Hast du denn diesmal wenigstens einen Plan?“
„Als ob ich immer planlos wäre?“
„Anna, wie lange kennen wir uns jetzt?“
„Schon gut, ich weiß noch nicht, wo ich bleiben werde. In das schreckliche Haus vom letzten Mal will ich jedenfalls nicht noch mal.“
Ihre letzte Auszeit hatte sie bei einer von Melanies Freundinnen verbringen dürfen. Bereits nach wenigen Tagen war Anna klar, dass sie an diesem Ort nicht gut aufgehoben war und es besser gewesen wäre, auf Melanie zu hören, die nie müde wurde zu versuchen Anna von einer Reise abzubringen. Das Haus war alt, morsch und vor allem sehr feucht. Das Papier fing an Wellen zu schlagen. Im Nachhinein war es Anna ein Rätsel, wie sie es überhaupt zu Stande brachte ein ansatzweise anständiges Buch zu kreieren.
„Siehst du. Alles spricht dafür endlich mal hier zu bleiben.“
„Auf gar keinen Fall. Ich werde eben noch sparsamer sein, dann kann ich irgendwo in den Süden fahren.“
„Anna, irgendetwas stimmt in deiner Rechnung nicht. Sollte es nicht so sein, dass du Geld mit deinen Büchern verdienst? Das ist doch alles kein Zustand.“
„Nein, das ist kein Zustand, da gebe ich dir Recht. Aber was soll ich machen? Auf ewig in der Antragsabteilung stumpfe Daten in den Rechner hacken? Wer weiß, vielleicht werde ich ja doch noch irgendwann reich und berühmt.“
Melanie fing an zu lachen.
„Ja sicher, davon habe ich ja auch schon ganz oft gehört, dass Kinderbuchautoren im Reichtum schwimmen.“
„Sei doch nicht so negativ. Warum sollte es mir nicht gelingen? Ich muss eben hart daran arbeiten. Stell dir mal vor, wenn aus einem meiner Bücher einmal ein Film gemacht werden würde.“
„Ich will dich ja nicht entmutigen, aber das ist doch eher unwahrscheinlich.“
„Aber dennoch möglich.“
Anna gefiel diese Art der Unterhaltung nicht. Zu oft hatte sie Debatten in dieser Form führen müssen. Niemand glaubte an sie.
„Was ist das eigentlich für ein Typ, der dich da eingeladen hat?“, versuchte Anna mit der Frage abzulenken.
Am Nachmittag hatte Melanie in einem Café einen Mann kennengelernt. Melanie ließ sich gern von Fremden ansprechen und war alles andere als kontaktscheu. Diesen netten Mann gleich am Abend wiederzutreffen versprach lustig zu werden und wer wusste schon wie die Nacht enden würde? Melanie hatte, ebenso wie Anna, einen recht hohen Verbrauch am anderen Geschlecht. Im Gegensatz zu Anna suchte Melanie jedoch nicht nach dem perfekten Partner, eher nach einem, der sie für einen kurzen Moment glücklich machte. Melanie war aus Überzeugung Single. Sie lebte gern allein und hasste es, wenn ein über Nacht mitgebrachter Mann am nächsten Morgen anhänglich wurde und glaubte, seine neue Freundin in Melanie gefunden zu haben.
„Ein äußerst gut gebauter Anzugträger. Der roch regelrecht nach Geld.“
„Meinst du der wäre was für mich?“
Melanie sah Anna von oben bis unten an.
„Also, so wie du jetzt aussiehst wärst du jedenfalls nichts für ihn.“
„Dankeschön. Du bist immer so unglaublich liebreizend.“
Wieder lachte Melanie.
„Anna, es wird Zeit für einen neuen Mann, also los, zeig mir die Trostlosigkeiten deines Kleiderschranks.“
„Ich bin noch nicht so weit. Ich bin noch in der Trauerphase.“
Beinahe wäre Melanie an ihrem Sekt, den sie in diesem Moment geschluckt hatte, erstickt und fing an zu Husten.
„Das ist nicht dein Ernst? Wie lange ist das mit Kay jetzt her, zwei oder drei Wochen?“
„Es sind sogar schon vier. Aber ehrlich, das hat mich wirklich mitgenommen. Ich bin noch nicht bereit für einen Neuen.“
„So ein Quatsch“, sagte Melanie, sie wusste ganz genau, aus welchem Grund Anna versuchte sich herauszureden, „jetzt werden wir sehen, was zu retten ist, damit du heute Nacht nicht allein nach Hause gehen wirst.“
Zur selben Zeit, etwa 20 km weiter östlich, hatte eine Frau ganz andere Probleme, als darüber nachzudenken, was sie anziehen sollte. Sie saß allein auf ihrem Sofa und wartete auf ihren Mann. Wie jeden Freitag, so auch an diesem, ließ er wieder auf sich warten. Dabei hatte er ihr hoch und heilig versprochen, heute pünktlich zu sein. Sie hatte sogar gekocht. Das Essen war seit Stunden fertig und die Kerze, die eine romantische Atmosphäre verbreiten sollte, war so weit heruntergebrannt, dass Marion entschloss dem ein Ende zu bereiten. Wozu Romantik, wenn sie ganz allein vor dem Fernseher saß? Warum gab sie sich überhaupt noch Mühe? Sie ahnte, dass er wieder zu spät kommen würde. Es war immer das Gleiche. Er behauptete, dass er einen anstrengenden Beruf und damit verbunden viel Arbeit hätte, aber sie glaubte, ihm mittlerweile kein Wort mehr. Niemand hatte über Monate so viel zu tun, dass er nie pünktlich nach Hause kam. Der einzige, ihr plausibel erscheinende Grund für sein Fortbleiben konnte eine Affäre sein. Marion war darum bemüht herauszubekommen, mit wem sich Christian regelmäßig treffen würde. Schon lange spionierte sie ihrem Mann hinterher. Bisher allerdings ohne Erfolg. Dennoch war sie davon überzeugt, dass er sie betrog. Warum sonst kam er nie pünktlich und rührte sie kaum noch an? Ehrlicherweise musste sie sich eingestehen, dass sie selbst kein Interesse an intensiver Zweisamkeit mit der Aussicht auf späteren Beischlaf hatte. Dabei war ihr durchaus bewusst, dass wenn sie schwanger werden wollte, es sinnvoll war mit ihm intim zu werden. Marion wollte ihren Mann bei sich haben, aber doch nicht so nah. Wenn er sich ihr näherte, dann immer zu einem Zeitpunkt, den sie als völlig unpassend empfand. Meist dann, wenn sie auf dem Sofa saß, sich von ihrer Arbeit entspannen und eine ihrer Lieblingsserien sehen wollte. Wusste er nicht, dass er sie in solchen Momenten besser in Ruhe ließ? Wenn sie abends im Bett lagen, war sie viel zu müde, um körperlichen Ertüchtigungen in Form von Sex ertragen zu können. Selbst wenn sie einfach stur auf dem Rücken liegen blieb und ihn arbeiten ließ, so war es ihr lästig, da er sie vom Schlafen abhielt. Um sechs klingelte erbarmungslos ihr Wecker. Obwohl sie von Natur aus kein Mensch war, der in den frühen Morgenstunden irgendeine Form der Produktivität zugelassen hätte. Sie empfand ihren Job als ebenso schwer, wie den ihres Mannes, auch wenn sie wesentlich weniger verdiente und sie darauf hoffte, endlich schwanger zu werden, damit sie sich nicht länger den täglichen Strapazen einer geregelten Arbeit ergeben musste. Sie war Angestellte bei einem Jobvermittler. Die meiste Zeit des Tages verbrachte sie am Telefon und koordinierte Menschen, die Arbeit suchten mit denen, die welche zu vergeben hatten. Zu allem Übel kamen Vorstellungsgespräche hinzu, die sie übernehmen musste, da ihr Chef dazu keine Zeit und vor allem keine Lust hatte und meinte, sie könnte das ebenso gut. Sie hasste es, sich mit fremden Menschen auseinander setzten zu müssen und denen zu erklären, wie man sich ordentlich bewarb. Ihr Arbeitgeber vermittelte hauptsächlich Handwerker, daher musste sie bereits um sieben Uhr im Büro sein. Was ihr immerhin ermöglichte, bereits um 16 Uhr, freitags sogar zwei Stunden früher, nach Hause zu gehen. Sie genoss die freien Nachmittage, in denen sie machen konnte was sie wollte. Ohne ersichtlichen Grund konnte sie sich vor den Fernseher setzen. Nebenbei lief die Wäsche oder sie bügelte und erledigte ihre Hausarbeit. So hätte ihrer Meinung nach der ganze Tag verlaufen können, ohne dass sie sich über lästige Menschen hätte ärgern müssen, die sie zum hundertsten Mal das Selbe fragten.
Obwohl Marion von Christian erwartete pünktlich nach Hause zu kommen, so genoss sie dennoch die Stunden, in denen sie allein war. Generell war ihr nichts recht zu machen. War er bei ihr, konnte sie seine Gegenwart nicht ertragen, wenn er erst gar nicht nach Hause kam, war sie sich sicher, dass er sie betrügen würde. Er konnte nicht verstehen, was in ihr vorging und aus welchem Grund sie sich so plötzlich verändert hatte, nachdem sie verheiratet waren. Nie wäre er darauf gekommen, was tief in Marion zu schlummern schien. Das war sein wahr gewordener Alptraum. Dass es in einer Beziehung durchaus zu Meinungsverschiedenheiten kommen konnte, wusste er, hatte dennoch gehofft, mit Marion eine Ehe zu führen, die über derlei Dinge erhaben sein würde. Schließlich liebte er sie und hatte ihr geschworen, die guten und schlechten Zeiten mit ihr zu meistern. Er konnte nicht davon ausgehen, dass ihre Ehe ausschließlich aus schlechten Zeiten bestehen würde. Wo war die Frau geblieben, in die er sich damals verliebt hatte? Die Frau die ihn zum Lachen brachte und die unglaublich liebevoll im Umgang mit ihm gewesen war. Und sie hatte ihn nie sexuell überfordert. Wie hätte er ahnen sollen, dass es nur daran lag, dass sie gar keinen Sex haben wollte? Wenn er sich nachts an sie schmiegte, schlief sie meist seit Stunden. Er sehnte sich nach ihrem Körper. In seiner Vorstellung hatte er sie bereits verführt und war erregt, wenn er zu ihr ins Bett stieg. Vorsichtig küsste er sie im Nacken, um sie sanft zu wecken. Leider war sie alles andere als begeistert, wenn sie ihn an ihrem Rücken spürte. Entweder stellte sie sich tief schlafend oder aber sie schrie ihn mit solcher Wucht an, dass er zusammenzuckte und augenblicklich von ihr abließ.
Bevor sie sich ein Gerät zum Bestimmen ihrer fruchtbaren Tage gekauft hatte, schlief sie ausschließlich an den Wochenenden mit ihm. Sie glaubte, ihm das schuldig zu sein. Es hatte jedoch zur Folge, dass sie bereits am Freitagnachmittag, auf dem Weg nach Hause, schlechte Laune bekam. Sie hatte nie Freude am Beischlaf. Obwohl er sich ständig abmühte, ihr Freude zu bereiten. Über die Jahre entwickelte sich ihre Abneigung gegen ihn soweit, dass sie sich regelrecht vor ihm ekelte. Die Vorstellung, von ihm berührt und geküsst zu werden, ließ ihr eine Gänsehaut ausbrechen, die keinesfalls aus Wohlbehagen hervorgerufen wurde. Marion vermied es, ihn nackt ansehen zu müssen. Obwohl er eine sportliche Figur hatte und sehr viel Wert auf sein Äußeres legte, empfand sie seine Nacktheit als abstoßend. Sie selbst war nicht gern unbekleidet und wollte schon gar nicht, dass Christian genauer hinsehen konnte. Erst recht nicht seitdem ein wärmendes Polster ihren Körper zierte. Obwohl ihrer Meinung nach genau darin der Zweck einer Ehe lag. Endlich musste sie sich nicht mehr abmühen gut auszusehen. Sie genoss den Umstand keine Kalorien zählen zu müssen. Dennoch verstand sie Christian nicht, der absolut kein Problem damit hatte auf seinen Körper zu achten. Er sah noch immer so aus, wie am ersten Tag, als sie ihn kennenlernte. Seine blonden Haare mochte sie an ihm besonders. Mittlerweile trug er sie jedoch kurz, da es in seinem Beruf als Unternehmensberater seriöser wirkte und insgesamt besser zu seinem Auftreten in Anzügen passte, als die jugendlichen längeren Haare, die er damals sogar gern als Zopf getragen hatte. Sein freundliches Wesen und seine Art seine weißen Zähne beim Lächeln aufblitzen zu lassen hatte sie sofort für ihn einnehmen lassen. Ihr wäre es egal gewesen, wenn auch er nicht mehr in seinen Hochzeitsanzug gepasst hätte. Er gehörte ihr. Zum Zeichen dessen trug er einen Ehering und nahm diesen nicht einmal unter der Dusche ab. Zu ihrem Glück fehlte ausschließlich ein Kind.
Mittlerweile war sie über 30. Seit sechs Jahren versuchten sie eine richtige Familie zu werden. Beinahe alle ihre Freundinnen hatten ihr Ziel erreicht. Marion kam sich minderwertig vor, da sie ihre Bestimmung noch nicht erfüllt hatte. Für sie bedeutete es unter anderem, seit sechs Jahre mit Christian regelmäßig schlafen zu müssen. Das alles frustrierte sie sehr. Es konnte nur an ihm liegen, denn sie gab nun wirklich alles, um endlich schwanger zu werden. Mehr konnte sie ihrer Meinung nach nicht tun. Für sie war es eindeutig, dass es an seinem Unvermögen lag. Zumal er selten zur Stelle war, wenn sie bereit dazu gewesen wäre, ihn zu empfangen. Wie oft hatte sie ihm gesagt, an welchen Tagen er mit ihr schlafen dürfte. Und was machte er? Er fuhr auf Geschäftsreise. Das konnte nur einen Grund haben, er wollte nicht, dass sie ein Kind von ihm bekam. Sicher wollte er mit der anderen Frau eine Familie gründen. Warum sonst war er so oft fort?
Sie hatte angefangen seine Kontoauszüge heimlich zu studieren. Immerhin hatte sie nachmittags viel Zeit, sein Büro zu durchwühlen. Er hatte sich in einem kleinen Zimmer, was einer Abstellkammer gleich kam, eingerichtet, um zur Not auch am Wochenende arbeiten zu können. Irgendeinen Beweis seiner Untreue musste es doch geben. Nachdem sie nichts Auffälliges gefunden hatte, fing sie an sein Handy regelmäßig zu untersuchen. Wenn er das Haus verließ, um zu joggen, kramte sie in seinen Sachen nach seinem Telefon, was er ausschließlich für diesen Moment unbeaufsichtigt ließ. Aber auch hier fand sie nichts, was auf eine andere Frau schließen ließ. Dennoch war sie davon nicht abzubringen. Marion war überzeugt, dass früher oder später alle Männer ihre Frauen betrügen würden.
An diesem Freitagabend saß sie auf dem Sofa, sah eine ihrer liebsten Serien im Fernsehen und wartete auf ihn. Das wundervolle Gerät, was sie richtig lieb gewonnen hatte, signalisierte ihr für den heutigen Tag, dass Christian seinen ehelichen Pflichten nachkommen sollte. Ausnahmsweise war sie sogar dazu bereit gewesen auf ihre Serie zu verzichten, um sich ihm hinzugeben. Man musste eben ab und zu Opfer bringen. Bereits Mitte der Woche hatte sie Christian darauf aufmerksam gemacht, dass es am Freitag wohl soweit sein würde und er in sie eindringen durfte, er könnte sich freuen. Das sagte sie ihm mit einem bitterbösen sarkastischen Unterton, da sie davon ausging, dass er sich keineswegs freuen würde, ein Besuch bei seiner Geliebten wäre ihm bestimmt angenehmer gewesen. Voller Wut, über ihn und seine Untreue, saß sie im Wohnzimmer und stierte in den Fernseher, ohne zu begreifen was sich dort abspielte. Die Abstände in denen sie auf die Uhr sah wurden immer kürzer. Ganz sicher war er bei seiner Freundin und würde später zu erschöpft sein, um mit ihr das zu tun, was seine Pflicht gewesen wäre. Die Vorstellung, dass er in sie dringen würde, nachdem er sich in einer anderen vergnügt hatte, ekelte sie beinahe mehr, als der eigentliche Akt selbst.
Sie ahnte nichts von dem, was sie Christian mit ihrer Art und ihrem Misstrauen antat. Natürlich wollte er ihr nah sein, selbstverständlich wollte er auch Sex mit ihr. Aber nicht auf diese Weise. Nicht auf Bestellung. Schließlich war er keine Besamungsmaschine. Er wollte Zärtlichkeiten mit ihr tauschen, ihr sagen wie sehr er sie liebte, dass sie für ihn noch immer attraktiv war. Er wollte ihre Haut spüren, sie nackt sehen und vor allem ihr dabei zusehen, wenn sie erregt war. In diesen Genuss kam er jedoch nie. Was zum einen daran lag, dass sie nie Spaß am Sex hatte. Ihr Körper funktionierte, wie man es von ihm erwarten konnte, aber andere Empfindungen hatte sie nicht.
Für Christian wäre es ausreichend gewesen, neben ihr liegen zu dürfen und sie in seinen Armen zu halten. An Sex wagte er kaum zu denken, das erregte ihn unnütz und er war gezwungen es sich irgendwann in der Nacht selbst auf der Toilette zu besorgen. Das war fast noch schlimmer, als von ihr abgewiesen zu werden. Er schämte sich, wenn er auf dem Toilettendeckel saß und versuchte sich auf sie zu konzentrieren. Nie dachte er dabei an eine andere Frau. Er liebte Marion. Sie war die Frau seiner Begierde. Schade nur, dass sie das offensichtlich nicht zu bemerken schien, obwohl er sich viel Mühe gab, ihr zu zeigen, wie sehr er sie liebte. Wenn er auf Bestellung bereit sein sollte, versetzte ihn das beinahe in Panik. Er hatte Angst zu versagen, denn er fand das alles andere als erotisch. Um in Stimmung zu kommen, hätte er sie gern mit einem Vorspiel verwöhnt, was sie in den meisten Fällen zu verhindern wusste. Sie erlaubte es ihm ausschließlich, wenn sie merkte, dass er sonst nicht in sie eindringen konnte. Marion ließ das alles über sich ergehen. Wenn er nicht in der Lage war mit ihr zu schlafen, dann glaubte sie erst recht, dass er eine andere Frau lieben würde. Sie drehten sich im Kreis und es schien kaum einen Ausweg aus dieser Situation zu geben.
Mit jeder Minute die verging wurde sie unruhiger. Darauf, was im Fernseher passierte, konnte sie sich nicht mehr konzentrieren. Dabei war diese heutige Folge sehr wichtig. Wenn sie jetzt nicht aufmerksam blieb, würde sie den Anschluss verpassen. In wenigen Minuten entschied sich, ob es Marten oder Jannik gelingen würde, das Herz der erfolglosen Krankenschwester zu erobern und somit ihr Leben für immer zu verändern. Die Wut in Marion schien übermächtig zu werden und sie von innen zu zerfressen. Selbst das schaffte Christian ihr zu vermiesen und das, obwohl er nicht bei ihr war und sie mit seiner Anwesenheit belästigte. Anstatt auf die Dialoge zu hören, malte sich Marion aus, wie Christian bei einer anderen Frau war und diese nach allen Regeln der Kunst verführte. Ganz bestimmt würde er danach kein Interesse mehr an ihr haben.
Marion wusste, wie romantisch veranlagt er war und wollte dass er sich wohlfühlte. Aus diesem Grund hatte sie ihm sogar sein Lieblingsessen zubereitet, was nun seit Stunden verkocht in der Küche stand. Warum hatte sie sich soviel Mühe mit ihm gemacht, wenn er es vorzog in einer Anderen zu stecken?
Um kurz nach 21 Uhr hörte sie die Tür klappen. Unmittelbar danach stand er im Wohnzimmer und entschuldigte sich bei ihr für sein spätes Erscheinen.
„War’s schön?“, wollte sie wissen, ohne ihren Blick vom Fernseher zu nehmen.
„Fang nicht schon wieder damit an, bitte.“
Er wusste genau, was jetzt kommen würde. Schon lange hatte er darüber nachgedacht, tatsächlich eine Affäre zu beginnen, dann hätten ihre Vorwürfe immerhin eine Berechtigung. Warum konnte sie nicht verstehen, dass er einen anspruchsvollen Job hatte?
„Wieso? Ich wollte doch nur wissen, ob du Spaß hattest?“
An ihrem Tonfall erkannte er sofort, dass sie es keinesfalls Ernst meinte.
„Du weißt, dass ich bei einem Kunden war. Es hat leider wieder länger gedauert, als angenommen. Das tut mir ehrlich leid.“
Entnervt setzte er sich neben sie auf das Sofa und sah ebenfalls in den Fernseher. Er hasste diese endlosen Werbesendungen, die seiner Meinung nach von schwachsinnigen Serien unterbrochen wurden.
„War sie denn wenigsten hübsch?“
„Ja, er war gut aussehend. Leider für mich ein Tick zu alt. Ich schätze ihn auf knapp über 50.“
„Wen glaubst du damit beeindrucken zu können? Du kannst mir ruhig die Wahrheit sagen. Ich bekomm es doch sowieso heraus.“
Jetzt sah sie ihn an. Sie war so wütend auf ihn, dass ihr nicht einmal auffiel, wie erschöpft er war. Unter seinen Augen lagen tiefe Schatten und er sah insgesamt müde aus. Die Woche, wie all die anderen davor, war voller Termine, endloser Telefonate und Verhandlungen gewesen. So manches Mal fragte er sich, ob es eine gute Idee gewesen sei, sich selbstständig zu machen. Er war zwar nun in der Lage deutlich mehr Geld zu verdienen, dass es jedoch für ihn bedeutete drei Mal so viel zu arbeiten, hatte er nicht geahnt. Eine nie enden wollende Müdigkeit hatte sich über ihn gelegt. Den täglichen Auseinandersetzungen mit seiner Frau schien er nicht mehr gewachsen zu sein.
„Könntest du bitte damit aufhören. Ich ertrage das nicht länger.“
„Du lässt es doch auch nicht. Warum also sollte ich es tun? Ich bin so enttäuscht von dir. Wie kannst du mir das nur immer wieder antun?“
„Noch einmal, Marion, ich mache nichts, außer zu viel zu arbeiten. Akzeptiere das doch endlich.“
„Das kann ich nicht akzeptieren, dass du mit einer anderen rummachst, anstatt endlich nach Hause zu kommen. Nur einmal im Monat bitte ich dich um etwas. Das kann doch nicht so schlimm sein, ein einziges Mal auf deine Huren zu verzichten und mit mir zu schlafen.“
„Das reicht“, sagte er und erhob sich, „mach das mit dir selbst aus.“
„Ja, das ist klar, wenn es Schwierigkeiten gibt, dann kneifst du. Dann hau doch ab und geh zu deiner Geliebten.“
Ohne sie noch einmal anzusehen verließ er das Wohnzimmer. Sein Blick fiel auf den Esszimmertisch und die halb abgebrannte Kerze. Dass Marion sich mehr Mühe machte, als es ihr notwendig erschien, war ihm neu. Kurz drehte er sich zu ihr um. Sie stierte geradezu in den Fernseher. Er sah sie lange an und überlegte, warum er sich je in diese Frau verliebt hatte und was aus ihr geworden war. Wo war die schöne Person geblieben, die immer gute Laune versprühte und sein Herz im Sturm erobert hatte. Vor Jahren war er glücklich mit ihr gewesen und wollte so gern eine Familie mit ihr gründen. Daher hatte er sie relativ schnell, nachdem sie sich kennengelernt hatten, geheiratet. Er war davon überzeugt, die Richtige gefunden zu haben. Anfangs hatten sie sehr viel Spaß miteinander. Seit wann war der vorbei? Er stand in der Tür und sinnierte über sein Leben. Nachdem sie beschlossen hatten zu bauen wurde es anders zwischen ihnen. Beide hatten kein Interesse in dieser sehr schweren Phase, miteinander zu schlafen. Auf ihm lag die Last, den größten Teil der Schulden tilgen zu müssen. Sie konnte mit ihrem verhältnismäßig kleinen Einkommen unmöglich einen Beitrag dazu leisten. Das war beiden bewusst und doch wollten sie es. Je mehr er fortblieb, um Geld zu erwirtschaften, desto mehr wurde sie unzufrieden und warf ihm vor, sie zu betrügen. Das hätte er nie getan. Abgesehen davon, dass seine Arbeit ihm keine Zeit dafür gelassen hätte, fand er die Vorstellung mit einer anderen Frau ein Verhältnis anzufangen als völlig abwegig. Warum hätte er sie betrügen sollen? Er hasste Männer, die ihre Frauen hintergingen. So war er nicht und sie hätte es wissen müssen. Generell hatte er wenig Erfahrung mit Frauen. Marion hatte er kennengelernt, als er 25 Jahre alt war. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er nicht viele Gelegenheiten wahrgenommen, das andere Geschlecht zu erforschen. Nicht, dass er es nicht gewollt hätte, aber es hatte sich nicht ergeben und er konnte nur mit einer Frau intim werden, wenn er für sie Gefühle entwickelt hatte. All seine Freunde waren anders. Sie zogen ihn damit auf, dass er nie eine Frau lediglich aus Spaß und für eine Nacht mit in sein Bett nahm. Normalerweise brauchte er lange um dementsprechende Gefühle für eine Frau zu entwickeln. Bis er Marion begegnet war und sich schneller als erwartet verliebte. Er wusste, dass sie die Mutter seiner Kinder werden würde. Nach nicht einmal einem Jahr hatten sie bereits geheiratet, kurze Zeit später begannen sie ein Haus zu bauen. Leider schienen damit alle Probleme angefangen zu haben. Immer öfter wies sie ihn ab. Er wusste nicht warum sie ihn nicht mehr wollte. Es gefiel ihm zwar nicht, dass sie das Interesse an ihrem Aussehen verloren hatte, er nahm jedoch an, es würde an den Strapazen, die ein Hausbau mit sich brachte, liegen und sollte alles abgeschlossen sein, würde sie sich besinnen und alles wie zuvor werden. Leider änderte sich nichts und die Frau, die er einst kennengelernt hatte bleib verschollen. Trotz allem liebte er sie. Langsam fing er an zu zweifeln ob sie ebenso empfand wie er. Jedes Mal, wenn er sich ihr näherte, wusste sie zu verhindern, dass er bekam, wonach er sich sehnte. Er glaubte, dass es ausschließlich an seinem Unvermögen, eine Frau zu befriedigen, liegen würde. Inzwischen hatte er eingesehen, dass es ein Fehler war nicht mit jeder Frau, die sich ihm angeboten hatte, intim zu werden. Vor Marion hatte er lediglich mit drei Frauen geschlafen, wovon zwei kaum der Rede wert gewesen wären. Warum nur war ihm nie in den Sinn gekommen, mehr über Frauen zu lernen und wie man sie glücklich machte. Denn offensichtlich war er dazu nicht in der Lage. Aus welchem Grund hätte Marion ihn sonst abweisen sollen? Christian dachte sogar daran zu einer Prostituierten zu gehen und sich in das Liebesspiel einweisen zu lassen. Er wollte nichts weiter, als seine Frau glücklich machen. Die wiederum nichts Besseres zu tun hatte, als mit ihm zu streiten und ihn lediglich ein paar Minuten Entspannung zu gewähren, wenn es ihr Hormonspiegel es zulassen würde.
Müde verließ er das Wohnzimmer.
„Wo gehst du jetzt hin?“
Die angestaute Wut wollte sich endlich Luft verschaffen. Was bildete er sich ein? Erst kam er nicht nach Hause, obwohl sie ihn darum gebeten hatte und jetzt wollte er schon wieder verschwinden, ohne sie angerührt zu haben? Sie hatte ihm doch mitgeteilt, dass er seinen Pflichten als Mann nachzukommen hätte. Das konnte er nicht vergessen haben!
„Ich geh laufen“, sagte er, ohne sich nochmals zu ihr umzudrehen.
Diese abendlichen Joggingtouren waren das Einzige was ihn entspannte.
„Wer’s glaubt“, rief sie ihm hinterher und war davon überzeugt, dass er schnell zu einer seinen Geliebten fahren würde.
Selbst wenn er verschwitzt zurückkam, war das sicher nur deshalb, da er gerade wilden Sex gehabt hatte und sich nicht die Mühe machte, hinterher zu duschen.
Nach einer Stunde war er zurück. Marion hatte sich bereits ins Bett begeben, für sie war der Abend vorüber. Frisch geduscht schlich er ins Schlafzimmer. Es war dunkel. Er hatte keine Ahnung, ob sie wirklich schlief oder wieder nur so tat. Leise krabbelte er unter die Decke und berührte vorsichtig ihre Schulter.
„Schläfst du schon?“
Marion drehte sich zu ihm um und sah ihn direkt in die Augen. Sie war aufgebracht, da er sie wieder einmal allein gelassen hatte, anstatt mit ihr ein Kind zu zeugen. Zu ihrer Überraschung kam er auf sie zu und küsste sie. Ganz zärtlich und äußerst liebevoll. Wollte er etwa jetzt mit ihr schlafen, nach all dem, was er ihr angetan hatte? Die Vorstellung, wie er in sie eindringen würde, rief Ekel in ihr hervor. Sie hatte nicht damit gerechnet doch noch von ihm begattet zu werden und konnte sich daher nicht mental darauf vorbereiten, ihn in sich spüren zu müssen. Dieser Überfall überforderte sie. Aber was blieb ihr anderes übrig? Es war der Tag der Tage und sie wollte endlich ein Kind. Wohl oder übel musste sie mit ihm intim werden, auch wenn sie es nur schwer ertragen konnte, wenn er sich auf ihr abmühte und sie kaum abwarten konnte, dass er endlich zum Höhepunkt kam, den sie niemals mit ihm teilte. Eigentlich hatte sie nie einen, weder mit ihm noch mit sich selbst. Wozu auch, dachte sie, das bringt doch nichts. Sie hatte keine Ahnung und kannte ihren Körper nicht. Nur ein einziges Mal hatte sie versucht an sich herumzuspielen, war jedoch so erschreckt darüber, wie es sich anfühlte und vor allem empfand sie nichts dabei. Sie glaubte, dass alle Frauen einen Orgasmus lediglich vorspielten. Was sollte bei einer Frau schon passieren? War der Orgasmus eines Mannes nicht schon abartig genug? Warum musste es ausgerechnet so unappetitlich sein, ein Kind zu zeugen? Und warum zog Christian diesen Akt immer unnötig in die Länge? Sie würde nie einen Orgasmus haben, schon allein aus dem Grund, da sie sich nie darauf einlassen wollte. Ganz egal, was auch immer er anstellte, um sie zu erregen, sie blieb unberührt und lag meist wie eine tief Schlafende unter ihm. Kein Geräusch war von ihr zu hören, keine Lust zu spüren. In der Anfangsphase ihrer Beziehung hatte sie sich immerhin darum bemüht so zu tun, als würde sie Spaß dabei haben. Seit ihrer Hochzeit sah sie es jedoch nicht länger ein, ihm ein Theater vor zu machen und ihre schauspielerischen Leistungen auf diesem Gebiet waren ohnehin notdürftig gewesen. Inzwischen legte sie sich ins Bett und spreizte ihre Beine, wenn sie ihm signalisieren wollte, dass er sich ihr nähern dufte. Das musste ihrer Meinung nach ausreichen, um ihn soweit zu erregen, dass er in sie dringen konnte. Nur ungern berührte sie ihn an Körperstellen, die sie nicht einmal ansehen wollte. Sie schloss ihre Augen und versuchte sich auf etwas Schönes zu konzentrieren, dabei inständig hoffend, dass er es schnell verrichten würde und sich nicht mit einem Vorspiel an ihr vergnügen wollte. Dabei war es alles andere, als ein Vergnügen für ihn.
Er küsste ihren Nacken, in der Hoffnung, dass es ihr gefallen würde. Es tat ihm leid, wie der Abend verlaufen war. So sollte ihre Ehe nicht sein. Sie hatte sich große Mühe gemacht, das musste er anerkennen. Er hatte nicht vergessen, dass sie ihn daran erinnert hatte, in dieser Nacht ein Kind zu zeugen. Während er gelaufen war, hatte er an sie denken müssen. Wie sehr er sie liebte und wie schmerzlich es für ihn war, immer wieder abgewiesen zu werden. Er hätte an diesem Abend den Termin, der durchaus wichtig für ihn gewesen war, absagen müssen. Das alles war seine Schuld. Kein Wunder, dass sie wütend auf ihn war. Liebevoll nahm er sie in seine Arme. Angewidert ließ sie es über sich ergehen. Sie spürte seine Erregung und wie seine Hände unter ihr Nachthemd glitten. Plötzlich fühlte sie einen Finger zwischen ihren Schenkeln. Jetzt würde es gleich soweit sein. Marion konzentrierte sich. Anstatt ihn in sich zu spüren, entzog er sich ihrer. Beinahe entsetzt riss Marion ihre Augen auf. Was hatte er vor? Ohne Vorwarnung schaltete er die Nachttischlampe ein und fing an ihr das Nachthemd auszuziehen.
„Was soll das?“
„Ich möchte dich gern dabei sehen“, hauchte er, küsste ihr Knie und schob das Nachthemd ein wenig höher.
„Spinnst du jetzt vollkommen?“
Ruckartig ließ er von ihr ab.
„Kannst du nichts richtig machen? Steck ihn rein und beeil dich, ich bin müde. Und vor allem, mach sofort das Licht wieder aus, sonst läuft hier gleich nichts mehr.“
Christian machte das Licht aus und drehte sich von ihr weg. Seine ohnehin schwer aufrecht zu erhaltende Erregung war schlagartig gewichen, dafür kämpfte er nun mit seinen Tränen. Marion hingegen mit ihrer Wut. Wieso drehte er sich um? Er sollte mit ihr schlafen und nicht schlapp machen.
„Jetzt sei doch nicht gleich eingeschnappt. So war das nicht gemeint“, versuchte sie zu retten, was nicht zu retten war.
Christian rang noch immer mit seiner Fassung.
„Du weißt doch, dass ich es so nicht mag.“
„Nein, das weiß ich nicht. Du redest ja nie mit mir. Ich weiß eben nicht, was dir gefällt“, sagte er, ohne sich zu ihr umzudrehen, da sich eine Träne bereits auf den Weg aus einem Auge machte.
„Du willst doch nicht allen Ernstes jetzt mit mir darüber reden?“
„Wann denn sonst? Wir streiten nur noch. Ein normales Gespräch ist kaum noch möglich.“
„Du willst jetzt reden? Ich dachte, du schläfst mit mir?“
Jetzt drehte sich Christian um und gab damit seine erbärmliche Verfassung preis. Er weinte, sein Gesicht war nass von den Tränen, das konnte Marion selbst im Dunkeln erkennen. Es rührte sie jedoch nicht. Sie war genervt über diesen Umstand. So würde er ihr sicher kein Kind machen können. Wie stellte sie es jetzt an, ihn umzustimmen, ohne ihn anfassen zu müssen?
„Christian, bitte schlaf mit mir. Ich zieh sogar freiwillig das Nachthemd aus.“
„Lass ruhig. Ich bin müde.“
„Ach, jetzt plötzlich bist du müde. Eben konntest du es doch nicht abwarten.“
„Ich dachte, du wolltest das unbedingt.“
„Aber doch nicht so.“
„Warum nicht? Was wäre so schlimm daran, wenn ich dich ansehe?“
Kannte er diese Frau, mit der er über sechs Jahre verheiratet war?
„Ich will es eben nicht. Ich mag nicht, wenn du mich nackt siehst.“
„Aber warum? Du bist meine Frau und ich liebe dich, so wie du bist.“
„Ich kann das so aber nicht. Schläfst du jetzt mit mir oder nicht?“
„Wie bitte?“
Christian hatte vor Schreck vergessen zu weinen, sich dafür im Bett aufgesetzt. Er wollte sie lieben, doch sie wollte nur seinen Samen.
„Was ist jetzt? Sonst müssen wir wieder einen Monat warten.“
„Bis ich dich wieder berühren darf?“
Langsam wurde ihr klar, dass sie, wenn sie länger mit ihm diskutierte, sie tatsächlich einen Monat würde warten müssen.
„Du darfst mich doch jetzt berühren. Reicht das nicht?“
Innerlich bekam das Bild einer perfekten Ehe, die sie nie gewesen war, deutliche Knicke und fing an vor Christians Augen unscharf zu werden.
„Stell dich doch nicht immer so an“, sagte sie zu ihm, da er geschwiegen hatte, „ich wäre jetzt bereit dich zu empfangen. Also los komm schon. Du willst es doch auch, oder etwa nicht?“
Was war das für eine Frage? Selbstverständlich konnte er unter diesen Umständen nicht mit ihr schlafen und wollte sie überhaupt nicht mehr anfassen.
Da er nichts unternahm, um sich ihr zu nähern, lediglich stumm im Bett saß und ihm die Tränen die Wange herunter liefen, wagte sie einen Vorstoß, obwohl ihr eher danach war ihn zu fragen, ob er jetzt wohl lieber mit seiner Geliebten schlafen würde. Tief im Inneren wusste sie, dass es besser wäre jetzt zu handeln, anstatt weiter zu streiten. Nur wie sie ihn verführen sollte, wusste sie nicht. Etwas unbeholfen näherte sie sich ihm und küsste ihn auf seine nasse Wange. Voller Abscheu schluckte sie ihren Ekel hinunter. Sie musste Opfer bringen, wenn sie in den Genuss einer Familie kommen wollte und damit endlich und für immer vor ihm Ruhe haben würde. Wenn erst einmal ein Baby zu ihr gehörte, würde sie ihn nie wieder an sich heranlassen.
„Lass das, ich möchte das so nicht.“
Er stieß sie ein wenig von sich. Sie ließ sich jedoch nicht abwimmeln, jetzt war sie soweit gegangen, jetzt musste es passieren. In dieser Nacht würde er ihr endlich ein Kind machen. Sie rückte wieder dichter an ihn, überwand all ihre Abscheu vor ihm und legte ihre Hand zwischen seine Beine, auf seine Unterhose, in der sich nichts regte.
„Sag mal, spinnst du?“
„Christian, liebe mich, bitte“, hauchte sie und presste ihren Körper an ihn.
Zu beider Überraschung tat sich etwas in Christians Unterhose, was ihren Ekel steigerte und ihn in schwere Gewissenskonflikte brachte. Sein Unterleib hatte eine eigne Vorstellung der Abendgestaltung und dachte überhaupt nicht daran, sich mit dem Rest seines Körpers hinzulegen und zu schlafen. Dennoch unternahm Christian nichts. Er versuchte Gewalt über seinen Körper zu erlangen, der einfach nicht auf ihn hören wollte. Der sehnte sich nach körperlicher Nähe, nach der Befriedigung, dieses eine Mal nicht durch sich selbst Entspannung zu finden, sondern tatsächlich in der wohligen Wärme einer Frau verschwinden zu dürfen. Die Vorstellung gleich bei ihr sein zu können erregte ihn auf eine perfide Art, die er selbst verabscheute. Jetzt ekelte er sich ebenso wie seine Frau und ebenso wie seine Frau ekelte er sich vor seiner Erektion. Wie krank war er, dass er diese Demütigung in kauf nahm, nur um einmal im Monat sexuellen Kontakt haben zu dürfen?
Marion tat, was sie verabscheute wie nichts mehr auf der Welt, sie fingerte an ihm herum, schob sogar ihre Hand in seine Hose und fühlte wie sich unter ihrer Berührung endlich das tat, was sie erhoffte, er endlich abschließen sollte, was sie von ihm verlangte und sie in Ruhe schlafen könnte. In den letzten Monaten hatte sie immer öfter nachhelfen müssen, wenn sie ihm gesagt hatte, dass es wieder soweit sei. Das ärgerte sie maßlos. Sonst konnte er doch auch immer, wenn sie es nicht wollte. Immer dann, wenn sie ihn brauchte, war er nicht zu gebrauchen. Bei seiner Geliebten war das mit Sicherheit kein Problem. Sie spürte wie der Ärger um diesen Umstand in ihr aufzukochen begann und sie wusste, würde sie jetzt nicht gegensteuern, alles wieder kaputt machen und sie nicht schwanger werden. Jetzt nur nicht aufgeben, sagte sie sich wie ein Mantra vor. Sie massierte in gleichmäßigen Bewegungen das am meist gehasste Körperteil ihres Mannes, was sich dankend aufrichtete. Christian glaubte, beinahe ohnmächtig zu werden. Unmöglich konnte er länger in dieser Position verharren. Er hatte verloren. Sein Unterleib hatte eine Eigendynamik über den Rest seines Körpers inklusive seines Verstandes übernommen. Er war derart ausgehungert, dass er sich kaum länger würde zurückhalten können. Würde er jetzt kommen, konnte er sich auf ein heftiges Donnerwetter einstellen. Das würde ihm Marion niemals verzeihen, unnütz und aus reinem Vergnügen den kostbaren Samen zu verschwenden. Ohne sich die Unterhose auszuziehen, ließ er frei, was sich gleich in wohliger Wärme wiederfinden sollte. Christian machte sich nicht einmal mehr die Mühe Marion das Nachthemd auszuziehen. Dafür war keine Zeit mehr. Kaum steckte er in ihr, glaubte er jeden Moment zu explodieren. Nur unter der allergrößten Beherrschung schaffte er es länger in ihr zu verweilen, da er annahm, dass er ihr ein wenig Vergnügen schenken musste. Hätten sie zuvor darüber gesprochen, beiden wäre einige Pein erspart geblieben. Wenn sie allerdings tatsächlich verbalisiert hätten, was in Marion vorging, sie wäre niemals von Christian schwanger geworden, da er sie nie wieder berührt hätte.
Ein roter Teppich zeigte den geladenen Gästen den Weg von der Straße zu einem großen Bürokomplex. Mehrere Menschen warteten darauf mit einem Fahrstuhl zu der Party gebracht zu werden. Beim Anblick der sich in Reih und Glied befindlichen Personen wurde Anna unruhig. Melanie hatte zwar darauf bestanden, dass sich Anna nochmals umzog, ihre Haare mit Gel zwang an ihren Kopf zu bleiben und sich ihrem Augenmakeup zu widmen, dennoch fühlte sich Anna augenblicklich unwohl. Sie stand zwischen Frauen, die durchaus mehr Zeit dazu verwendet hatten sich in Szene zu setzen als sie. Genau das war der Grund gewesen, weshalb Anna keine Lust verspürt hatte auszugehen. Sie mochte diese Menschen nicht und sie mochte schon gar nicht mit denen gemeinsame Zeit auf einer Party verbringen. Melanie fühlte sich jedoch sichtlich wohl. Für sie war das Ambiente genau das Richtige. Dies versprach in der Tat ein gelungener Abend zu werden.
Anna sah wie Frauen auf ihren hohen Schuhen über den Teppich wackelten und kleine runde Punkte in ihm hinterließen. Wie üblich trug Anna Turnschuhe, über die Melanie zuvor eine längere Abhandlung gehalten hatte, dass es unmöglich sei, auf einer Party mit Schuhen zu erscheinen, die in ihren Augen diese Bezeichnung nicht verdienten. Plötzlich kam sich Anna zwischen den Frauen wie ein Zwerg vor, als ob sie kurze Dackelbeine haben würde, während die anderen mit schier endlos langen Beinen neben ihr aufragten. Inklusive Melanie, die mit ihrem Outfit perfekt zu den anwesenden Damen passte. Anna bemerkte wie alle Neuankömmlinge aus lauter Langeweile ausführlich gemustert wurden. Es war ihr nicht entgangen wie geringschätzig man sie beäugt hatte und sich hier und da ein müdes Lächeln über die überschminkten Gesichter der Frauen legte. Endlich waren sie an der Reihe und durften den Fahrstuhl mit zwei weiteren Pärchen betreten. Kaum schlossen sich hinter ihnen die Türen, überprüften die Frauen, inklusive Melanie, ihr Aussehen im Spiegel des Fahrstuhls. Einzig Anna starrte an die Decke und hoffte dort eine Antwort auf die Frage zu finden, aus welchem Grund sie sich hatte überreden lassen mitzukommen.
Langsam näherte sich der Fahrstuhl seinem Bestimmungsort. Auf jeder Etage wurde das Wummern lauter Musik massiver. Die Fahrstuhltüren öffneten sich und ein Schwall an Geräuschen legte sich über die Neuankömmlinge wie eine Decke. Sie betraten einen Vorraum, in dem sie sich erneut anstellen mussten. Sofort fingen einige Frauen vor ihnen an mit den Hüften im Takt der Musik zu wippen. Ihre Begleiter schienen zu cool für derartige Bewegungen zu sein. Nach einer schier endlosen Warterei, waren endlich Melanie und Anna an der Reihe. Anna glaubte, bereits taub zu sein und wäre gern sofort wieder auf ihrem heimischen Sofa gewesen. Eine junge Frau fragte nach ihren Namen. Drei Mal schrie Melanie sie an, bis sie den Namen richtig verstanden hatte. Kein Wunder, dass es bisher so lange dauerte eingelassen zu werden. Wühlend suchte die Frau einen Stapel Papiere durch, tat dies jedoch in stoischer Ruhe. Immer wieder blieb sie mit dem Finger an Zeilen kleben und las laut die darauf befindlichen Namen vor. Ohne dass Melanie danach gefragt wurde erzählte sie der Frau, dass ein Michael Lange sie eingeladen hätte. Die Frau nickte, dabei hatte sie kein Wort verstanden und es hätte sie ohnehin nicht interessiert. Endlich, nach langem, umständlichen suchen, hatte sie den Namen gefunden und machte eine Haken daran. Ohne weiter auf die beiden einzugehen, widmete sie sich den nächsten Gästen.
Nachdem sie sich ihrer Jacken entledigt hatten betraten sie die riesigen Räumlichkeiten, in denen normalerweise fleißig Geld verdient wurde. Im hinteren Bereich, vorbei an einen Raum in dem ein DJ auflegte, befand sich eine reichhaltig, ausgestattete Bar. Anna war tatsächlich beeindruckt. Wer um alles in der Welt veranstaltete solche Partys? Auch wenn sie lieber gemütlich zu Hause geblieben wäre, war sie gespannt auf den Mann, der Melanie eingeladen hatte. Über ein entsprechendes Einkommen musste dieser Michael verfügen, augenscheinlich machte seine Firma genug Umsatz um so eine Party zu finanzieren.
Mit einem Glas Prosecco gingen Anna und Melanie in den Raum, in dem sich unzählige Menschen drängten und sich rhythmisch zur Musik bewegten. Hatte ihnen bereits beim Empfang die Musik laut in den Ohren gedröhnt, so schien es hier unmöglich sich zu verständigen, ohne sich anschreien zu müssen. Der DJ hatte ein Gespür dafür, wonach sich die Partygemeinde bewegen wollte und Melanie fing an mit ihren Hüften zu wackeln, kaum dass sie den Raum betreten hatten. Lange würde es nicht dauern bis sie sich mit vollem Körpereinsatz und komplett losgelöst der Musik hingeben würde. Plötzlich fühlte Anna sich beobachtet. Nervös schaute sie sich um und sah in einer Ecke einen recht gut aussehenden Mann stehen, der ihr direkt in die Augen blickte und sich nicht einmal die Mühe machte diskret zu sein. Das konnte Anna noch nie leiden. Ohne dass er es hätte merken sollen, sah Anna hin und wieder zu ihm hinüber, um zu überprüfen, ob er sie noch immer beobachtete. Erschrocken senkte sie ihren Blick, als sie bemerkte, dass er sie anstarrte. Gut dass es dunkel war, so konnte niemand erkennen, wie sich ihr Teint verfärbte. Dann fiel ihr ein, dass dieser Kerl sicher nicht sie musterte, sondern Melanie.
„Da hinten steht ein Typ, der schaut die ganze Zeit zu dir herüber”, schrie Anna.
„Wirklich?“
Augenblicklich drehte sich Melanie in seine Richtung. Da war Michael. Aber warum stand er dort herum, anstatt sie zu begrüßen? Kaum hatte sie den Gedanken aus ihrem Kopf entlassen, kam er auf sie zu.
„Jetzt kommt der doch glatt hier her.”
„Das ist Michael”, versuchte Melanie trotz der lauten Musik zu Anna durchzudringen.
Annas Beine fühlten sich plötzlich merkwürdig an, als ob sich ihre Knochen langsam aufzulösen schienen und unmöglich ihren Körper weiter tragen wollten. Wie zähes Gummi fühlte es sich an. Das Zittern ihrer Knie kroch ihren Körper entlang und setzte sich bis zu ihren Händen fort. Das Glas in ihrer Hand wurde tonnenschwer und sie glaubte, es nicht länger halten zu können. Dieser Mann, der immer schneller auf sie zukam, war ihre Traumvorstellung eines perfekt gebauten Mannes. Obwohl sie Männer mit etwas kürzeren Haaren bevorzugte, fand sie Michaels blonden Schopf äußerst attraktiv. Es passte zu dem gesamt Bild was er darbot. Er trug den Anzug, in dem Melanie ihn am Nachmittag kennengelernt hatte. Lediglich seine Krawatte hatte er abgenommen und sein Hemd aufgeknöpft. Wäre es etwas heller gewesen, wäre Anna aufgefallen, wie glatt seine Brust war und kein einziges Haar sich durch das offene Hemd zeigte. Seine Gesichtszüge waren männlich, ein leichter Drei-Tage-Bart schimmerte ihm im Gesicht. Die Bartstoppeln waren ebenso blond wie der Rest seiner Haare. Man konnte ihm ansehen, dass er sich regelmäßig an Gewichten zu schaffen machte, die seinen Körper stählen sollten. In seinem Blick hatte er etwas Spitzbübisches. Wenn er sie ansah, lief ihr ein Schauer über den Rücken. Das war ihr bisher mit kaum einem Mann passiert. Dennoch glaubte sie, dass seine Aufmerksamkeit nicht ihr galt sondern Melanie. Die hatte Anna beobachtet, was sie äußerst belustigend fand. Dafür, dass Anna sie kaum auf die Party begleiten wollte, schien sie regelrecht paralysiert zu sein. Melanie war davon überzeugt, dass Anna schneller Kay vergessen haben würde, als sie angenommen hatte. Auch wenn Melanie gehofft hatte Michael in der Nacht mit nach Hause nehmen zu können, bemerkte sie sofort, dass er ein Auge auf Anna geworfen hatte und sie sich anderweitig umsehen musste, was ihr nicht schwer fallen dürfte. Hier und da hatte sie bereits gemerkt, dass sie bei einigen Herren Aufmerksamkeit erregt hatte.
„Schön, dass du gekommen bist und vor allem deine gut aussehende Freundin mitgebracht hast”, schrie er.
Sofort wurde Anna wieder rot.
„Willst du mich nicht vorstellen?“, fragte Michael.
„Gern”, sagte Melanie und tat worum sie gebeten wurde.
Kaum hatte sie Anna und Michael miteinander bekannt gemacht, hätte Michael es begrüßenswert gefunden, wenn Melanie verschwunden wäre. Die genau das vorgehabt hatte. Anna schien versorgt zu sein, jetzt brauchte sie einen adäquaten Partner für die spätere Nacht.
Den gesamten Abend über wich Michael kaum von Annas Seite. Er klebte an ihr wie ein zähes Kaugummi, was Anna äußerst unangenehm war. Obwohl er durchaus in ihr Beuteschema passte, irgendetwas stimmte nicht an ihm. Seine Gegenwart löste auf der einen Seite Erregung aus, auf der anderen Seite schien ihr Körper gegen ihn zu rebellieren. Wenn er ihr Belanglosigkeiten ins Ohr säuselte überzog sich ihr Körper mit einer Gänsehaut. Ein Gefühl des Wohlbehagens und gleichzeitiger Abscheu legte sich über sie. Immer wieder kam er viel zu dicht mit seinem Kopf an ihr Gesicht, was er in erster Linie tat, um sich mit ihr verständlich zu machen. Wenn er sprach zog eine Wolke aus starkem Alkohol und Bier an ihrer Nase vorbei, was seiner Attraktivität deutliche Minuspunkte einbrachte. Sein Aftershave versuchte den kalten Rauch von Nikotin zu überdecken, der an seiner Kleidung heftete. Ein Geruchscocktail der ihr kurzfristige Übelkeit verursachte. Abgesehen davon hatte er etwas in seinem Blick, was sie nicht einzuschätzen vermochte. Sein gesamtes Auftreten versprühte Selbstsicherheit. Hier und da hob er nickend den Kopf zum Gruß, wenn jemand an ihnen vorbei ging. Nie jedoch blieb eine der Personen stehen und sprach mit ihm. Dafür, dass er der Gastgeber dieses opulenten Festes war, kümmerte er sich für Annas Empfinden, viel zu sehr um sie. Dennoch war sie beeindruckt. Er schien ein erfolgreicher Geschäftsmann zu sein. Michael war ganz Gentleman, überhäufte Anna mit Komplimenten und achtete darauf, dass ihr Glas stets mit Prosecco gefüllt blieb, was dazu führte, dass Anna schnell betrunken wurde. Je mehr Alkohol Anna in ihren Körper mittlerweile geradezu willenlos hineinschüttete, desto weniger störte sie Michaels Anwesenheit. Inzwischen wäre sie so weit gewesen ihn sogar mit zu sich nach Hause zu nehmen. Mittlerweile war jede Abscheu verschwunden und sie verspürte, ganz im Gegenteil, den tiefen Drang ihn zu küssen. Den Alkohol in seinem Atem nahm sie nicht mehr war. Ihr Geruchssinn war vernebelt, sodass sie seinen Körpergeruch sogar als erotisch empfand. Sie war eindeutig betrunken. Michael kam mit zwei weiteren Gläsern Prosecco von der Bar zurück. Bisher war Anna froh darüber gewesen, wenn er sie für einen Moment in Ruhe ließ und sie nicht mit belanglosen Komplimenten überhäufte. Nun wollte sie plötzlich, dass er sie fest in der Taille greifen und sie leidenschaftlich küssen sollte. Sie entschied, dass es in diesem Raum viel zu laut war und vor allem ungemütlich, um von ihm verführt zu werden.
„Können wir nicht woanders hingehen?“, fragte sie ihn, als er ihr das Glas reichte.
„Willst du etwa schon gehen?“
Er sah sie leicht irritiert an.
„Nein, sicher nicht. Aber es wird hier im Gebäude doch sicher ein ruhigeres Plätzchen geben? Wie wäre es mit deinem Büro?“
Etwas verlegen sah Michael sich um.
„Das geht nicht.“
„Warum nicht? Ist deine Frau auch hier?“
Aus einem für Anna unerfindlichen Grund, fing sie fast hysterisch an zu lachen. Dabei wäre das alles andere als lustig.
„Nein, ich bin nicht mehr verheiratet.“
Augenblicklich hörte sie auf zu lachen.
„Was ist dann der Grund? Ich dachte, du magst mich?“
„Wie kann ich dich mögen, wir kennen uns doch gerade erst? Ich finde dich sehr nett und attraktiv.“
„Das ist doch immerhin schon einmal ein Anfang. Lass uns in einen anderen Raum gehen, in dem wir uns nicht pausenlos anschreien müssen.“
