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Ein junger Mann prophezeit seinem besten Freund, dass sie eines Tages beide eine Freundin haben und in der Folge Zeit zu viert verbringen. Doch eine Verwirklichung dieser Prophezeiung stellt sich im späteren Leben als schwieriger heraus, als erhofft und führt die Freundschaft der beiden Männer an ihre Grenzen.
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Seitenzahl: 400
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Cyril Ryser
Der Prophet und sein Kritiker
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Impressum neobooks
Unter dem schwachen Licht einer von der Decke hängenden Glühlampe wühlte Lorenz Stutgart durch den Inhalt einer grossen Truhe. Darin lagen Kleider und kleine Andenken begraben, die im Inneren ihre ungeheuren Schatten warfen. Er wühlte suchend durch einige Fotografien, die lose im Durcheinander schwammen und deren Herkunft er sich zunächst nicht erklären konnte, bis er auf ein grosses, rotes Fotoalbum stiess, aus dem sie sich gelöst hatten. Achtlos und ohne Sortierung steckte er sie zuhinterst wieder ein. Als Lorenz das Fotoalbum aus der Truhe nahm und es öffnete, stieg ihm ein Duft von Chemikalien in die Nase.
Als er durch das Fundstück blätterte, setzte er das Whiskeyglas, das er aus dem Wohnzimmer mitgebracht hatte, an den Mund und trank daraus einen brennenden Schluck. Die Fotografien wirkten sogleich lebendiger. Aus dem Wohnzimmer drangen Geräusche des Fernsehers dumpf bis zu ihm in den Keller hinab. Es war bereits neun Uhr abends und Lana schaute sich oben eine Sendung an, in der es um Liebe ging.
Lorenz setzte sein Glas wieder auf ein kleines Tischchen, das bei der Truhe stand. Beim Durchblättern des Albums war er nun bei einer Fotografie angelangt, auf der Lana und er sich küssten. Er blätterte weiter. Die nächste Aufnahme zeigte eine versammelte Hochzeitsgesellschaft. Hinter der Verwandtschaft von Lana stand Lorenz in der zweiten Reihe, neben seinem Vater, der mit einem bemühten Lächeln in die Kamera blickte. Ein Blumenstrauss, den Lana freudig aus der ersten Reihe nach oben streckte, verdeckte die schwarze Krawatte des Vaters und dessen weisses Hemd. Einige gelbe Tulpenblüten reichten bis zu seinem Kinn. Er blickte leicht aufwärts, direkt in den Sucher des professionellen Fotografen und sah so nun Lorenz gewissermassen aus dem Bild heraus an.
Die Komposition der Fotografie war tadellos gewählt, die Beleuchtung war ausserordentlich hell, da die Sonne schien und viele der geladenen Gäste weiss trugen. Alle Linien verliefen gerade und Schnitten sich in rechten Winkeln, sodass das Bild voller Kreuze war. Die Gesellschaft stand in aufrechter, fast tapferer Haltung auf einer Rasenfläche. Es gab im Grossen und Ganzen nichts zu bemängeln an den Fotografien, wie sich Lorenz eingestehen musste.
Er legte das Fotoalbum zurück in die Truhe, ehe er diese mit einem kleinen Schlüssel abschloss und ihn an eine Werkzeugbank hängte. Er nahm dazu einen Hammer von der Wand und versteckte den Schlüssel darunter. Aus einer Kühltruhe holte er ein Eis am Stiel. Die Verpackung war bereits angebrochen. Er stieg die Treppe zum Wohnzimmer hoch, ging achtlos an der von ihm abgewandten Lana vorbei in die Küche, setzte vor der Spüle stehend nochmals das Whiskeyglas an, bis es leer war, spülte es aus und liess es stehen.
»Was wolltest du?« fragte er, aus der Küche ins Wohnzimmer kommend. Lana hatte sich auf dem Sofa in der Ecke hingelegt und lugte aus einer komplizierten Einrichtung aus Zierkissen und Plüschdecken hervor.
»Schokolade«, sagte sie.
»Ich habe dir Vanille mitgebracht.«
»Von mir aus, gib schon her.«
Er überreichte Lana ihr Eis und sie übergab ihm die Fernbedienung. Sie packte es aus und begann, sich in dessen Genuss zu vertiefen.
»Am Samstag will ich hier eine Feier geben«, sagte Lorenz. »Es wäre bestimmt gut, mal wieder Gäste einzuladen.«
Er ging mit der Fernbedienung in der Hand vor dem Fernseher auf und ab.
»Wir haben seit der Hochzeit nichts mehr Geselliges unternommen, wie ich finde. Es scheint mir wichtig, ab und zu Freunde und Bekannte zu treffen.«
Er wanderte auf und ab und gestikulierte im Fluss seiner Gedanken.
»Gutes Essen und gute Musik … Man könnte in der Aula tanzen. Wir hätten ausreichend Gelegenheit, uns mal wieder ausgiebig als Ehepartner zu amüsieren und uns den anderen so zu präsentieren.«
Sie war während der Rede ihres Mannes noch immer in den Genuss ihres Eises vertieft. Es war für ihn schwierig, an ihrem Gesicht abzulesen, ob sie ihm überhaupt zugehört hatte, oder wie sie die Sache nun aufnahm, weil er sie in ihrer Kissenburg kaum mehr sehen konnte.
Sie stimmte ihm zu.
»Ich werde mich um die Einladungen kümmern«, sagte sie.
»Ich bin froh, sind wir gleicher Meinung«, sagte Lorenz. Er blieb plötzlich stehen, als wäre der Fluss seiner Gedanken abrupt abgerissen, als hätte er etwas Wichtiges vergessen.
»Haben wir eigentlich Uwes Nummer noch?«
Lana griff zu Lorenz’ Telefon, das auf dem Tischchen vor dem Fernseher lag. Sie suchte in seinen Kontakten.
»Du hast seine Nummer jedenfalls noch gespeichert«, sagte sie. »Soll ich ihn auch einladen?«
»Ich denke«, sagte Lorenz, »es könnte nicht schaden. Wir haben uns schon eine ganze Ewigkeit nicht gesehen und so wie ich ihn kenne, wird er sich von sich aus auch nicht mehr bei mir melden.«
»Ein Versuch wäre es wert«, schlug Lana vor. »Er wird uns schon absagen, falls er nicht kommen will.«
Die Sache war damit für sie erledigt und sie widmete sich wieder ihrer Sendung.
»Du hast recht«, sagte Lorenz. »Lade ihn bitte auch ein. Sag ihm, wie den anderen, nächsten Samstag, um acht Uhr bei uns.«
Lorenz setzte sich zu Lana auf das Sofa. Neben dem Fernseher stand ein grosses Aquarium, das blaugrüne Lichtmuster an die dahinterliegende Wand warf. Die Fische waren von unterschiedlicher Grösse und Farbe. Wie viele von jeder Art, das war genau abgezählt. Die vereinzelten Totgeburten wurden mit einem dafür vorgesehenen Sieb aus dem Becken entfernt, das nun seit einiger Zeit unbenutzt auf der Kommode lag. Er betrachtete die Fische vom Sofa aus, ohne dabei Lanas Sendung zu folgen. An solchen Abenden im Winter war Lana manchmal kaum von dem Gerät wegzukriegen. An solchen Tagen musste sich Lorenz etwas einfallen lassen, ihr ein Kissen unter dem Kopf wegziehen, oder kurzerhand die Heizung zurückdrehen.
Er stand auf, nahm einen Schritt auf das Aquarium zu und erschreckte mit dieser Bewegung die Fische, die sich jedoch schnell wieder beruhigten und aufgrund ihrer kurzen Erinnerungsspanne die Störung rasch wieder vergessen hatten. Das mochte Lorenz an ihnen, ihre Vergesslichkeit.
Lorenz verspürte den Drang, das Treiben im Fischbehälter anzuregen, einen Konkurrenzkampf ins Leben zu rufen. Er griff in eine Schublade, die in den Rahmen des Aquariums eingelassen war und die man dort gar nicht vermutet hätte. Daraus nahm er einen Behälter mit Nahrung hervor. Er schob den Deckel zur Seite und blickte auf die Wasseroberfläche. Den Behälter hielt er zur Fütterung in der Schwebe. Er klopfte geduldig mit dem Zeigefinger darauf. Bei jedem Mal fielen einige Flocken auf das Wasser, wodurch Regung unter den Fischen entstand. Schwärme bildeten sich, die nach oben strömten. Lautlos öffneten die Fische ihre Mäuler. Die Flocken verschwanden eine nach der anderen. Dem zuzusehen hatte etwas Beruhigendes an sich.
»Ich setze mich noch an den Flügel«, sagte Lorenz.
Seine Frau liess ihn kommentarlos aus dem Wohnzimmer gehen. Im geräumigen Nebenzimmer stand direkt neben dem Fenster ein Flügel. Lorenz hatte sich das Instrument selbst zu Weihnachten geschenkt. Ein mit Edelsteinen geschmückter Kronleuchter erhellte den Raum. Wie in einer Aula führte neben dem Flügel ein kleiner Absatz auf eine Bühne. Die Akustik war atemberaubend. Lorenz ging auf das neue Instrument zu. Sein Blick fiel auf ein Modemagazin, das auf dem geschlossenen Deckel lag, wo es vermutlich Lana liegen gelassen hatte. Daneben war ein Abdruck einer Kaffeetasse. Erschrocken von dieser Entdeckung zog Lorenz ein Stoffhandtuch aus seiner Hosentasche, spuckte darauf und rieb energisch über den Fleck, bis dieser verschwunden war. Er war beruhigt, dass kein Schaden am Lack entstanden war, warf aber das Magazin trotzdem verärgert beiseite.
Er musste seiner Aufregung nun Luft verschaffen. Er atmete dreimal tief ein und dreimal tief aus und klatschte dazu laut in die Hände. Lanas Reaktion aus dem Wohnzimmer blieb aus. Sie hatte sich an solche Wutbewältigungsstrategien, von denen in letzter Zeit immer wieder neue hinzugekommen waren, bereits gewöhnt.
Lorenz setzte sich an das Instrument. Es stand noch das Notenblatt von seiner letzten Privatlektion geöffnet in der Halterung. »As Tears Go By«, stand oberhalb der Notenlinien geschrieben. Lorenz arbeitete daran, dieses Stück in der Version von Marianne Faithful zu begleiten. Laut dem Rat eines Musikmagazins war es für Einsteiger besonders geeignet. Er brachte seine Hände über den Tasten in Ausgangsposition, nahm auf dem Hocker eine aufrechte Körperhaltung ein und spielte den ersten Ton. Um sich einzuspielen durchlief er eine Akkordfolge in der Tonart des Stücks, so wie er es gelernt hatte. Er blickte auf, zu dem Metronom, das still auf dem Flügel stand. Er rührte es nicht an, solange ihn niemand dazu zwang, denn er hielt nichts von der Vorstellung, Rhythmusgefühl lernen zu müssen, oder das dieses überhaupt lernbar war und noch viel weniger hielt er davon, sich von einer Maschine den Takt angeben zu lassen.
Die Akkorde klangen auf dem teuren Instrument wuchtvoll. Lorenz liess jeden davon ausklingen, wodurch sich die einzelnen Klänge unter der hohen Decke zu einem hallenden Crescendo vermengten. Diese Opulenz beeindruckte das ungeschulte Ohr. Es entzückte ihn, wie schnell auch ein Anfänger mit Akkorden etwas hervorbringen konnte, das bereits wie Musik klang. Nachdem ihm seine Privatlehrerin gezeigt hatte, wie man einen Dreiklang anschlägt, hatte sie ihn in der Folge nie wieder dazu bewegen können, Noten zu lesen.
Nach zehn Minuten hatte Lorenz bereits sein ganzes Repertoire durchgespielt. Einfallslos fing er nun an, sich zu wiederholen, bis er schneller und ausgelassener immer dieselben Wendungen zu spielen begann und sich seine Finger gedankenlos und beschwingt bewegten, bis er sich verspielte und darüber leise fluchte. Mehrere Male endete sein Ausflug in die Improvisation ruckartig auf einem falschen Ton, bis er das Spiel inmitten einer Strophe abbrach.
Der letzte, unharmonische Klang verhallte im Raum. Als er beim Hinausgehen das Licht ausgeschaltet hatte, blieb er noch eine Weile regungslos stehen. Die Bilder der Hochzeit flimmerten vor ihm in der Dunkelheit.
Als er zurück ins Wohnzimmer trat, ging er an Lana und dem Fernseher vorbei und sah aus dem Fenster, hinein in das stille Schneetreiben.
»Ich denke, du bist mir wegen meinem Missgeschick an unserem Hochzeitstag noch immer böse «, sagte Lorenz, den Blick nach draussen gerichtet. Ohne hinzusehen, stellte er sich Lanas Reaktion vor. Er fasste sich an seinen Ehering und schob ihn auf dem Finger auf und ab, als verspürte er darunter einen unangenehmen Reiz.
Bestimmt war sie ein bisschen zusammengezuckt, als sie seinen Vorwurf gehört hatte. Auch Lorenz konnte sich nicht erklären, wo diese Wut auf einmal hergekommen war.
»Ich bin dir nicht böse«, sagte Lana. »War dir nie böse deswegen und habe dir schon damals gesagt, gleich nachdem du dich beim Kartoffelschälen in den Finger geschnitten hast, dass ich es komisch fand. Ich habe darüber gelacht. Und alle haben sie mitgelacht, so war doch nichts Schlimmes dabei. Dein Finger ist ja auch schon wieder heil.«
Ihre Stimme klang beschwichtigend und sie zeigte zum Beweis auf die Hand ihres Mannes. Lorenz trat erneut zum Aquarium und schloss den Deckel behutsam wieder.
»Ich werde mich jetzt schlafen legen«, sagte er. »Kommst du auch?«
»Meine Sendung geht gleich weiter«, sagte sie.
Im Fernseher klärte mittlerweile ein Kommentator das Publikum darüber auf, wie viele Kandidatinnen im Wettbewerb um die Gunst eines wohlhabenden Junggesellen noch im Rennen waren. Mit offensichtlicher Schadenfreude verriss er mit seiner Kollegin den Mund darüber, wer wohl als nächstes auf der Strecke bleiben würde.
»Ich will noch wissen, wer rausfliegt«, sagte Lana.
Ihr Blick war auf das flimmernde Fernsehbild gerichtet.
»Ich habe nie Mühe damit, mich von einer laufenden Sendung zu lösen«, sagte Lorenz, als er sich bereits in Richtung Badezimmer abgewendet hatte.
»Ich weiss«, sagte Lana, ohne ihren Blick von den fesselnden Voraussagen des grinsenden Kommentators abzuwenden. »Etwas Laufendes abzubrechen, darin bist du gut.«
Im Badezimmer putzte sich Lorenz die Zähne und stellte auf dem Lavabo eine erfrischende Mundspülung bereit, die er sich mit Lana teilte. Sie hatte diese jedoch bereits allzu oft im Schlafzimmer auf dem Nachttischchen stehen gelassen. Er brachte das Fläschchen mit dem kostbaren Wasser darin immer wieder ins Badezimmer zurück, damit es nicht herunter fiel und unter das Möbel rollte. Denn dort würde das Fläschchen bestimmt von Lanas Staubsauger – welcher lärmig, blind, wie ein unbehagliches Tier, sich auf ihren Befehl unter das Bett vorschob – erfasst werden und gegen die Wand gedrückt, wodurch es zu Bruch ginge und die ganze, erfrischende Kostbarkeit unter dem Bett ausliefe. »Dann müsste ich wieder mit Seife dahinter«, dache Lorenz verärgert. »So wie beim letzten Mal!« Er spuckte den Schaum aus, gurgelte mit der Mundspülung, welche er ebenfalls ausspuckte und betrachtete sich im Spiegel. Mit einem zustimmenden Kopfnicken seiner Reflektion, wandte er sich ab. Er legte sich ohne seine Frau schlafen, die noch immer im Wohnzimmer wie eine Eule vor dem Fernseher sass.
Uwe Knecht lauschte aufmerksam einer Stimme, als er aus dem Fenster sah. »Du hast all diese Fragen und er hat all die Antworten darauf. Doch lässt er dich absichtlich im Dunkeln.« Vor den Worten jener Stimme, wollte er sein Gemüt verschliessen. Doch sie blieb beharrlich, versuchte ihn von der bösen Absicht seines Gesprächspartners zu überzeugen. Er sprach mit einem Arzt, der mehrere Meter von ihm entfernt sass und ihm von dort aus, mit einer gewissen klinischen Gelassenheit, zugehört hatte.
»Sie haben mir das letzte Mal erzählt«, sagte der Arzt, »dass es zwischen Ihnen und Lorenz einmal eine Zeit gegeben hätte, während der sie keinen Kontakt mehr zueinander gepflegt hatten. Etwa fünf Jahre, sei es so gewesen.«
»Sie erinnern sich richtig«, sagte Uwe.
»Warum haben Sie, nach solch einer langen Zeit, den Kontakt wieder gesucht?«
»Ich war nicht derjenige, der den Kontakt suchte. Denn ich war frustriert, weil Lorenz die Dinge meist so organisierte, dass alle stets bei ihm zu Gast waren. Freunde zu sich einzuladen und ein grosses Spektakel zu inszenieren, das war seine Leidenschaft, darin war er gut. Doch ich hatte dieses ewige Zugastsein irgendwann satt. Deshalb habe ich eines Tages mit ihm gebrochen und ging fortan wieder meine eigenen Wege. In der Folge hätte ich mich von mir aus auch nicht mehr bei ihm gemeldet. Der Kontakt wurde letztlich durch ihn wieder hergestellt. Eines Tages erhielt ich eine Einladung zu einer Feier im Hause der Stutgarts. Ich war überrascht. Sie hatten vermutlich meine Nummer noch irgendwo gespeichert. Ich begann abzuwägen, ob ich hingehen sollte oder nicht, sah bereits eine absurde Collage vor meinem inneren Auge, die ich mir aus Fragmenten der Vergangenheit zusammengesetzt hatte und malte mir den Moment des Wiedersehens mit Lorenz aus. Ich empfand zugleich Sehnsucht und Abneigung.«
Uwe sah noch immer aus dem Fenster. Auf dem Sims lag Schnee. Der Anblick der verschneiten Landschaft trieb seine Gedanken zurück in die Vergangenheit. Er beobachtete in der Spiegelung des Fensters die Reaktion des Arztes, der in einem warm aussehenden, dunkelroten Strickpullover in einem Ledersessel sass und die Beine überschlagen hatte, um einen Notizblock darauf abzustützen, in den er sich nun ruhig, mit einem schweren Stift, etwas notierte.
»Doch kommt es mir heute vor«, sagte Uwe, »als hätte sich in jener Zeit, die auf das Wiedersehen mit Lorenz gefolgt war, mein gesamtes Leben abgespielt.«
Einige Krähen flogen wild von den kargen Ästen eines Baumes auf, auf dem sie sich niedergelassen hatten. Sie sahen vor dem bewölkten Himmel aus, wie eine aufsteigende Wolke aus schwarzem Rauch.
»Hatten Sie, zu dieser Zeit, eine Beziehung körperlicher Natur zu jemandem gehabt?« fragte der Arzt, der aufgehört hatte zu schreiben. Er hatte sich nach vorne gebeugt, stützte die Ellbogen nun auf die Knie und begutachtete seinen Patienten sorgfältig.
»Möchten Sie ein Glas Wasser?«
Uwe deutete diese Frage als Hinweis darauf, dass irgendeine Verschlechterung seines von aussen sichtbaren Zustandes stattgefunden hatte, die der sonst sehr gelassene Arzt nun als Anlass zur Sorge interpretierte.
»Wenn es nicht zu viel Umstände macht«, sagte Uwe mit trockenem Mund.
»Sie dürfen ihre Bedürfnisse direkt kommunizieren«, sagte der Arzt im Aufstehen. Er kam an Uwe vorbei und legte ihm eine warme Hand auf die Schulter.
»Ob es mir Umstände macht«, sagte er, als er hinausging, »das darf nicht Ihre erste Sorge sein.«
Er verschwand ins Vorzimmer und liess Uwe mit dem zuletzt Gesagten allein. Dieser blickte wieder zu den Krähen nach draussen, die sich unterdessen wieder auf dem kargen Baum gesammelt hatten und scheinbar wieder etwas ruhiger geworden waren.
Der Arzt kam mit einem Glas Wasser zurück.
»Eben waren Sie dabei«, sagte er, »mir zu erzählen, ob Sie während jener Zeit, als sie wieder mit Lorenz in Kontakt waren, auch eine körperliche Beziehung zu jemand anderem gepflegt hatten – zu einer Freundin vielleicht?«
Er reichte Uwe das Glas.
Uwe trank. Er bedankte sich mit einem schwachen Kopfnicken und versuchte, seine Mundwinkel zu einem Lächeln zu bewegen.
»Ich hatte eine Freundin«, sagte er. »Überrascht Sie das?«
»Keineswegs. Sie haben viele interessante Qualitäten, die man als attraktiv empfinden könnte«.
»Nennen sie mir eine.«
Der Arzt verschränkte die Beine und lehnte sich im Sessel ein wenig zurück.
»Man könnte sagen, Sie schaffen es manchmal, einen zu verwundern, das macht Sie, auf eine gewisse Weise, … interessant.«
»Komplimente im Konjunktiv«, murmelte Uwe.
»Wie bitte?« fragte der Arzt.
Uwe sagte, er habe nichts gesagt.
Es folgte ein Moment der Stille.
Sie waren vom Thema abgewichen.
»Ich möchte«, sagte der Arzt, »dass Sie mir von Ihrer Freundin erzählen.«
Uwe schloss die Augen.
Die Erinnerung an einen bestimmten Tag nahm in seiner Vorstellung langsam Gestalt an. Er öffnete die Augen wieder, ehe er zu erzählen begann.
Uwe stand vor einer jungen Angestellten an der Kasse eines Spielzeugladens, um einen Affen aus Plüsch zu bezahlen. Sie blickte nach unten und sah ihren Händen bei der Arbeit zu, wie diese mit einer Schere das rote Schnürchen durchschnitten, mit dem das Preisschild am Stofftier befestigt war.
Bevor er endlich dieses Geschenk für seine Freundin gefunden hatte, war Uwe lange vor einem dreistufigen Regal mit Stofftieren gestanden. Dieser grössere Herr war der Angestellten in dem Spielwarenladen aufgefallen, aufgrund seines eleganten langen Mantels aus gutem Tuch, den er trug und der wie ein Rock geschnitten war. Er unterschied sich so sehr von der gewohnten Kundschaft, die üblicherweise aus jungen Eltern, Lehrkräften und Kindergärtnerinnen bestand.
Auf dem untersten Regal waren Stofftiere mit traurigen Augen, die momentan besonders gut liefen. Auf dem zweiten Regal waren realistische Tiere untergebracht, die verblüffend gut gefertigt waren. Im Fell eines Rehs waren die weissen Flecken der Jugend zu sehen und es sass ganz vorne auf dem Regal in zierlicher Pose, direkt neben einem Collie. Uwe fragte sich, ob eine Angestellte sich einen Scherz erlaubt und diese beiden nebeneinander platziert hatte, weil diese Szene etwas Romantisches an sich hatte: der eitle Collie, mit seiner wilden Mähne und das Reh, noch im jugendlichen Pelz der Unschuld.
Auf dem obersten Regal hatte Uwe schliesslich einen Affen gefunden, der ihm auf Anhieb gut gefallen hatte. Die langen Arme und das grosse Maul dieses rothaarigen Orang-Utans, würden Flor vielleicht gefallen, so hoffte er.
Uwe trat mit einer farbigen Tüte aus dem Laden, aus der oben ein paar Fransen eines roten Schopfs rausragten. Er drückte den Affen tiefer hinein, um die geplante Überraschung nicht zu verderben.
In der Strasse herrschte reges Treiben. Donnerstag bedeutete viele Marktstände. Es duftete nach Kerzenwachs und Räucherstäbchen, als Uwe die Strasse entlang an den Ständen vorbeiging. Er musste sich mehrmals zurückhalten, Flor nicht noch etwas Süsses mitzubringen.
»Warum mache ich mir Sorgen um ihre Figur?« fragte er sich. »Ist es denn meine Figur? Sie soll doch essen, was sie will. Würde sie mir auch gefallen, wenn sie etwas fülliger wäre?«
Er wollte sich darauf keine Antwort geben, oder vielmehr fand er, dass solche hypothetischen Hirngespinste selten Sinn ergaben. Flor war schlank, ihre Hüften trotz ihrem Alter noch immer burschikos und sie schlemmte, ass voller Lust herzhafter als mancher Mann, ohne jemals zuzunehmen. Manchmal machte sie ihm Angst.
Sie hatten sich beim Tierpark verabredet. Als er von einer Birkenallee in die Kanalgasse einbog, sah Uwe sie schon von weitem in der Nähe des Eingangs stehen. Er war entzückt. Es erfreute ihn immer wieder von neuem, wenn sie nur wegen ihm an einen entlegenen Ort gekommen war.
Sie stand mit dem Rücken gegen eine Mauer gelehnt, die der ganzen Länge nach mit Graffitis besprüht war. Sie trug eine dunkle Lederjacke und schwere, schwarze Schuhe. Ihre schmale Silhouette wurde vor der farbigen Mauer betont und ihr schwarzgetöntes Haar war auf der linken Seite kurz geschnitten, wirbelte rechts in langen Strähnen im Wind und verdeckte die eine Seite ihres Gesichts. Als sie ihn sah, musste sie blinzeln. Sie lachte. Verschwunden war der trübe Schleier, den ihr Gesicht in Einsamkeit getragen hatte. Ihre Wangen waren voller Leben und aus ihrem lachenden Mund strahlten ihre schönen Zähne.
Er streckte ihr die Tüte aus dem Spielwarenladen entgegen.
»Ich gratuliere dir zum Geburtstag.«
»Hör auf«, sagte sie. »Wie geht es dir?«
Uwe wollte ihr das Geschenk umständlich übergeben, als sie sprachen, während seine Arme überall im Weg waren und sie einige Male nach der Tüte ins Leere griff, bis die Übergabe endlich klappte.
»Mir geht es prächtig«, sagte er, »denn ich bin wirklich erleichtert, habe ich den Kauf deines Geschenkes hinter mich gebracht. Wollen wir auf einen heissen Kaffee reingehen? Ich könnte einen vertragen, denn es ist immer noch kalt hier draussen.«
»Ich trinke keinen Kaffee«, sagte sie.
Er entschuldigte sich für seine Vergesslichkeit.
»Dass du mit Kaffee nichts anfangen kannst«, sagte er, »sollte ich allmählich wissen. Sie haben dort aber sicher auch andere Heissgetränke: Schokolade, Tee und so weiter.« Er rieb sich vor Kälte die Hände und zog die Schultern hoch.
»Mir macht die Kälte nichts aus«, sagte sie und nahm ihn bei der Hand. Dies war mit einer flinken Bewegung geschehen, die wie aus dem nichts gekommen war.
»Komm, ich nehme dich mit zu den Affen«, sagte sie frech.
Uwe liess sich bis zur Kasse von ihr führen.
»Das werde ich übernehmen«, sagte er, zog ein schwarzes Portemonnaie aus Leder aus seinem Mantel und wandte sich an einen jungen Herrn, der in der Kabine an einem Pult sass und ein Lehrbuch vor sich aufgeschlagen hatte. Uwe erkannte es als dasselbe Lehrmittel wieder, über dem er während der Vorbereitung auf die Matura auch selbst gebrütet hatte. Der Gymnasiast sah von dem Buch auf, schlug es hastig zu und versorgte es in einer Schublade.
»Möchten Sie Eintritte kaufen?« fragte er.
»Zwei Studenten, bitte«, sagte Uwe. »Hast du deine Legitimation?« fragte er seine Freundin. Sie zog einen Ausweis hervor und übergab ihm diesen. Zusammen mit dem seinigen streckte Uwe die Ausweise dem Gymnasiasten hin.
»Wir sind wirklich Studenten«, sagte er.
Die Bezahlung ging zügig.
»Viel Kraft für das Kommende!« sagte Uwe mit einem Augenzwinkern. Ein Spass, den der Gymnasiast nicht erwiderte und ihnen geistesabwesend einen schönen Tag wünschte.
Sie gingen weiter durch den Empfangsbereich. Uwe blieb vor einer Karte stehen und versuchte, sich einen Überblick zu verschaffen. Flor zerrte ihn zur Seite. Sie hatte ein grosses Wasserbecken entdeckt, in dem ein Krokodil still unter Wasser lag, sodass die gewölbten Augen über die Wasseroberfläche herausragten. Uwe verlor augenblicklich das Interesse an der Karte.
»So wirf ihm schon etwas Kleingeld rein! Füttere den Kapitalismus!« sagte Flor zynisch und zeigte auf das grün angelaufene Geld auf dem Grund des Wasserbeckens.
»Ich lasse das mal bleiben«, sagte Uwe. Ein wenig verlegen wich er vor Flors Zynismus zurück, hatte er doch selbst einen Betrag in gewisser Höhe auf seinem Studentenkonto angespart.
Sie gingen weiter. Auf dem Weg kamen sie an einem Pfau vorbei, der sich seltsam verhielt. Eingesperrt mit Schafen, schlug er vor diesen sein Rad auf und flatterte wild mit verblassten Federn um deren Aufmerksamkeit. Vehement wiederholte der Pfau seine verzweifelte Darbietung vor den davon nicht zu beeindruckenden Tieren, wie in einem nicht enden wollenden Albtraum.
Beim Gehege der Orang-Utans angekommen, stach Uwe und Flor der Alte sofort ins Auge. Grosse dunkle Hautlappen, die wie Halbmonde aussahen, verliehen seinem Gesicht eine rundliche Kontur. Ein roter Schopf langer, glatter Haare, die ihm wild um Kopf und Körper wuchsen, trugen zur körperlichen Opulenz des Alten bei, der gemütlich in einer Ecke sass. Eine Mutter hatte ihr Junges auf ihrem Bauch liegen, während dem sie rücklings nach Blättern an den Ästen über ihrem Kopf griff. Auf den Baumstämmen kletterten einige Affen und vermieden mit Händen und Füssen die wenigen Stellen, die noch mit Schnee bedeckt waren.
»Ich habe schon gesehen, was in der Tüte steckt«, sagte Flor. »Du hättest es verpacken können.«
»So bin ich nun mal«, sagte Uwe. »Ich stehe auf nackte Tatsachen.«
Er hätte ihr nicht geglaubt, wenn sie ihm nun gesagt hätte, dass sie mit buntem Geschenkpapier etwas anfangen konnte. Sie zog das Plüschtier aus der Tüte und Uwe beobachtete gespannt ihr Gesicht.
»Der ist aber süss!«
Sie strich dem Stofftier fein über die roten Haare, drückte es an sich.
»Ich liebe Affen«, sagte sie und bedankte sich. »Besonders Orang-Utans. Ich habe mal für eine Studentenzeitung einen kurzen Text über ihr Triebleben geschrieben. Sie versöhnen sich nach jedem Streit durch Sex.«
Sie wurde still, als hätte sie ihren letzten Satz ganz plötzlich wieder vergessen und beobachtete jetzt mit ihren dunklen Augen fasziniert den Affen, wie ein Kind, das etwas zum ersten Mal sieht.
»Zum Glück hast du mir nicht so eine Handrednerpuppe gekauft«, sagte Flor, »die man sich über die Hand stülpt. Das fände ich nämlich ganz schön unheimlich.«
»Ich bin auch kein Fan davon«, sagte Uwe. »Mir machen Bauchredner Angst. Stell dir vor, einer fährt in seinem Wagen durch eine prüde Vorstadt und hält vor Familienhäusern. Vielleicht spielen da kleine Kinder und er kurbelt die Scheibe runter und sagt, er suche noch Spielgefährten, er veranstalte auf dem Rücksitz ein lustiges Puppentheater.«
»Hör auf, du Perverser«, sagte Flor und gab ihm mit der Elle einen leichten Schlag in die Seite.
Die frische Luft geniessend, gingen sie vom Affengehege weiter und bogen in einen Fussweg ein, der an den Schafen und dem Pfau vorbei wieder zurückführte, zu gewöhnlicheren Tieren, wie Pferden und Eseln.
»Das ist langweilig«, sagte Flor, als sie an einem Schild erkannte, was voraus lag. Sie redeten auf dem Weg wenig. Die Pferde sahen unglücklich aus und ein Esel war derart abgemagert, die Rippen stiessen an den Seiten hervor. Sie kamen zu einem kleinen Feld, das mit Holzschnitzeln ausgelegt war. Es roch nach frischem Harz. Ein buntes Haus mit einer Rutschbahn hatten sich heute kleine Kinder zum Spielort gemacht. Die Kinder hatten sich anscheinend nicht getraut, von der grössten Attraktion des Spielplatzes Gebrauch zu machen, einem grossen Hamsterrad aus Holz.
»Das ist schon eher dein Ding, oder?« fragte Uwe.
»Du bist ja doch lernfähig!«
Flor ging voller Vorfreude beschwingt auf den Kinderspielplatz voraus. Die Kinder blickten mit neugierigen Augen aus dem Häuschen hervor, wandten sich aber rasch wieder ihrem Spiel zu und ignorierten die Neuankömmlinge. Uwe war erstaunt, er wollte Flor noch zurückhalten, in einer plötzlich in ihm aufsteigenden Angst, sie würden aufgrund ihres unpassenden Alters ausgelacht werden. »Es ist doch erstaunlich, wie man sich in Kindern immer täuscht«, dachte er, als dies nicht geschah.
»Ich hoffe du hast nichts allzu Teures gegessen«, sagte Flor. Uwe sah sie an, wie sie im grossen Hamsterrad das Holz der gewölbten Konstruktion abtastete und erste prüfende Schritte darin machte.
»Du weisst hoffentlich«, sagte Uwe, »dass da gewaltige Kräfte entstehen?«
»Traust du dich etwa nicht?« fragte sie. »Was ist das Schlimmste, das passieren kann?«
»Wir brechen uns alle Knochen. Nein, schlimmer noch, sie zersplittern viel eher, wie bei diesen Rodelunfällen.«
»Na und? Ich weiss nämlich zufälligerweise, dass ihr in diesem paranoiden Land alle krankenversichert seid. Das ist sogar obligatorisch.«
»Mir fällt auf, dass du noch nicht lange genug hier warst, um mit unseren Gepflogenheiten vertraut zu sein. Denn bei besonders fragwürdigen Unfällen müssen wir eine Schadensskizze an die Versicherung einsenden, in welcher der Hergang des Unfalls bildhalft dargestellt wird. Und ich werde mich sicher nicht selbst so zeichnen, mit dir in einem Hamsterrad.«
Flor lachte über diese absurde Vorstellung. Sie legte den Kopf schräg, so dass die langen, schwarzen Haarsträhnen zur einen Seite hingen.
»Du denkst zu viel nach«, sagte sie. »Falls etwas passiert, nennen wir es einfach einen Nichtbetriebsunfall.«
Sie winkte ihn mit dem Zeigefinger zu sich. Uwe gab sich einen Ruck und trat neben ihr in das Rad.
»Sachte anfangen«, riet er, fast flüsternd. Er fing an, mit ihr im Rad zu gehen und legte ihr vorsichtig seine Hand aufs Kreuz. Als sie ihn dies tun liess, wurde er mutiger und erforschte die Topografie ihres Rückens.
»Ein bisschen schneller muss es schon sein«, sagte sie. »Dieses Tempo ist für Babies.«
Uwe nahm seine Hand wieder weg.
»Nun spüre ich es aber langsam«, sagte er, während sie nebeneinander in den Laufschritt gingen. Das Rad drehte sich schneller und wenn Uwe nach oben sah, regnete es Holzbalken. Es hatte etwas Seltsames an sich, dieses Laufen auf der Stelle. Trotz grosser Anstrengung kam man dabei nicht vorwärts.
Flor war schnell. Uwe hätte es ihr nicht zugetraut. Er bestaunte mit scheuen Seitenblicken die Bewegungen ihres Körpers.
»Du wirst noch hinfallen«, sagte Flor. Sie erwiderte seinen Blick mit ihrem Körper.
»Mach dir um mich keine Sorgen«, keuchte Uwe, »denn ich gehe öfter mal Laufen… zwar nicht in solchen öffentlichen Folteranlagen… aber immerhin, das musst du mir anrechnen.«
»Bis jetzt schlägst du dich ganz gut«, sagte sie und fügte an: »Bei Drei lassen wir uns fallen.«
»Fallen?« fragte Uwe.
»Fallen«, sagte Flor.
Sie liefen in vollem Tempo im Hamsterrad. Er konnte die Anspannung in ihrer Stimme hören, als sie zu zählen begann.
Eins…
Zwei…
Drei!
Sie liessen sich fallen. Leicht wie sie war, schoss sie entlang der Rundung des Rades weit nach oben. Uwe stolperte auf die Knie, folgte Flor, rutschte aber schnell wieder ab und drehte sich, unten angekommen, reflexartig nach ihr um. Als sie sich ansahen, schien sie einen Moment lang frei in der Luft zu schweben, bevor sie vornüber das Gleichgewicht verlor und auf Uwe stürzte, der auf dem Rücken liegend, ihren Fall auffing.
Einige der Kinder, die sich ob den plötzlich lauten Geräuschen erschrocken hatten, traten im Spielhäuschen ans Fenster – besonders ein Mädchen das oben auf ihrer rosaroten Kapuze flauschige Hasenohren hatte und ein Bube mit Sommersprossen – und beobachteten die zwei Erwachsenen, die keuchend in einem Holzrad lagen. Das Mädchen mit den Hasenohren drückte dem Sprossengesicht flink einen Kuss auf. Er verzog das Gesicht, als hätte man ihm eine Schnecke aufgesetzt, schüttelte den Kopf und rieb sich an der Wange, wo ihn ihre kindliche Neugierde getroffen hatte.
»Mir wurde ein Heissgetränk versprochen«, sagte Flor, als sie mit Uwe fertig war.
Der Rest des Nachmittags verging in einer Art Trance, die Uwe so noch nie erlebt hatte. Sie sassen noch eine Weile im Restaurant des Tierparks und tranken Tee, bevor sie zu Flor aufbrachen. Hätte man Uwe später gefragt, wie sie zu ihrem Apartment gelangt waren, oder überhaupt, in welcher Gegend sie wohnte, er hätte nichts mehr zu antworten gewusst. Sie gingen den ganzen Weg in Stille zu Fuss und horchten aufmerksam auf etwas, das in ihnen, nach einer Art Winterschlaf, nun erwacht war.
Aus einem verspiegelten Kleiderschrank, der bis zur Decke reichte, holte Flor Boxershorts und ein graues T-Shirt aus dünnem Stoff hervor. Sie ging eilig ins Badezimmer, um zu duschen. In einem kurzen Moment der Besinnung, begriff Uwe, dass er nun kurz mit sich alleine gelassen war. Er blickte sich neugierig in Flors Zimmer um. Auf einem quadratischen Holztisch lag ein Stapel Bücher, von denen viele in Englisch waren und einige in Französisch. Das Zimmer war eigentlich eher ein Studio und hatte eine Dachschräge, in die ein kleines Kippfenster eingelassen war. Auf dem Fenster lag Schnee, wodurch man das Gefühl hatte, zugeschneit worden zu sein. Es war unmöglich abzuschätzen, wie viel Schnee auf dem Fenster lag. Vielleicht waren es ein paar Zentimeter. Vielleicht war das Dach gänzlich zugeschneit. Vielleicht konnte man das Fenster schon jetzt gar nicht mehr öffnen.
Uwe holte den Plüschaffen hervor, stellte ihn oben auf die Bücher und drehte ihn in Richtung des Bettes.
Flor liess sich ihre Zeit. Als sie aus dem Badezimmer kam, stieg Dampf auf und Uwe spürte, wie die Luftfeuchtigkeit anstieg und ihm noch wärmer wurde. Nur in Unterwäsche gekleidet kam sie mit nassem Haar auf ihn zu, ging an ihm vorbei und setzte sich im Schneidersitz aufs Bett. Vom Nachttischchen nahm sie ein gelbes Buch und fing an, darin zu lesen. Das Ganze geschah, als wäre Uwe nicht hier. Als käme es ihr wieder in den Sinn, dass sie nicht alleine war, blickte sie zu ihm auf.
»Willst du auch noch duschen?«
»Nur kurz«, sagte er. »Das wird mich aufmuntern.«
Sie wollte eine weitere Seite ihres Buches umblättern, hielt dann aber inne und blickte ihn durch ihre Stirnfransen an, die nass vor ihr Gesicht hingen.
»Du brauchst dich danach nicht wieder anzuziehen«, sagte sie leise.
Im Badezimmer war es dunstig. Flor duschte gerne lange und heiss. Der Spiegel hatte sich beschlagen. Uwe zog einen Ärmel über die Hand und rieb im Kreis über das Glas. Er sah in den Spiegel. Seine Haut sah besser aus, seit er aufgehört hatte zu rauchen, aber seine Augen hatten etwas Starres an sich, als würde er etwas ganz Bestimmtes, in einer mittleren Distanz, betrachten und dort verharren, als würde er weder in die Ferne, noch in die Nähe blicken. Aus einer Art kindlichen Neugierde heraus, zog er mit der Hand am linken Rand des Spiegels, um in die Ablage dahinter zu sehen. Dort lag ein schwarzes Haarfärbemittel, eine Schere, dunkler Nagellack und Zahnpasta, für ein Mädchen erstaunlich wenig Kosmetika. Uwe schätzte, dass sich Flor nicht schminkte. Des Weiteren waren dort auch noch Wattebäuschchen und ein paar Medikamente. »1987, Valeria Flores, 0-0-1, 30mg«, hiess es auf einer weissen Medikamentenpackung. Bei näherer Betrachtung der Verpackung wurde Uwe klar, dass es sich um ein Antidepressivum handelte. Er tat diese Entdeckung jedoch als eine Kleinigkeit ab. »Heute nimmt doch jeder irgendetwas«, dachte er sich. Er schloss den Spiegel wieder und fing an, sich auszuziehen. Unter der Dusche stehend, genoss er das Gefühl von Wärme und liess sich von der Brause berieseln. Er atmete den Dampf tief ein.
Flor hatte den Affen bemerkt. Als Uwe aus dem Badezimmer trat, zeigte sie auf das Stofftier, das ihr zugewandt war.
»Das ist krank«, sagte sie.
Sie lachten. Uwe nutzte die Gelegenheit, nahm drei fliegende Schritte, war bei ihr und beugte sich vor, um sie zu küssen. Er löste behutsam das Buch aus ihrer Hand, liess es lautlos zu Boden gleiten und stieg zu ihr ins Bett.
***
Uwe entschloss sich dazu, den Rest dieser Erinnerung für sich zu behalten.
»Ich nehme an«, sagte der Arzt, »dass Sie an diesem Abend bei ihrer Freundin übernachtet haben?«
»Sie liegen damit nicht falsch.«
Der Arzt beugte sich zu seinem Patienten vor.
»Jetzt da ich weiss, dass Sie schon einmal eine Freundin gehabt haben, darf ich es Ihnen ja gestehen. Ich bin froh, dass dem so ist. Wissen Sie, immer wenn mir ein männlicher Patient in ihrem Alter gesteht, er hätte noch niemals etwas Ernsteres mit einer Frau gehabt, oder meinetwegen mit einem Mann, wird mir klamm zumute. Man fragt sich dann immer, was mit dieser Person nicht stimmt und findet meist keine befriedigende Antwort darauf. Es freut mich für Sie, dass Sie in der Lage sind, sich zu verlieben. Das ist nicht selbstverständlich, bei ihrer Geschichte. Es bedeutet, dass bei Ihnen, rein emotionell, auch durchaus gesunde Anteile vorhanden sind, obschon Sie als Patient hier sind.«
Uwe war dieser Rede seines Arztes gegenüber leicht abgeneigt. War es nicht der Beruf dieser Person, gerade für etwas seltsamere Menschen, Verständnis aufzubringen? Er empfand auf Anhieb Mitleid für all die armen jungen Männer, die in seinem Alter tatsächlich noch nie eine Freundin gehabt hatten und bedauerte, dass ihnen dadurch eine erste positive Einschätzung durch einen Therapeuten vermutlich für immer verwehrt bleiben würde, wie sie nun zweifellos, nach dem Erzählen seiner Geschichte, ihm selbst zuteil geworden war. Was gab es denn sonst, das in ähnlicher Weise dazu verholfen hätte, bei einem Therapeuten einen ersten Stein im Brett zu haben, als die simple Tatsache, schon mal geliebt zu haben?
Der Arzt blätterte durch seine Notizen.
»Sie haben zuvor erwähnt«, sagte er, »dass Sie von Lorenz eine Einladung zu einer seiner Feiern erhalten hätten?«
»Das stimmt«, sagte Uwe. »Wie ich bereits gesagt habe, es war mir zunächst schwergefallen, mich dazu zu entschliessen, diese anzunehmen. Ich wusste damals nicht einmal mehr, dass die Stutgarts noch meine Telefonnummer hatten. Doch wie sich herausstellte, hatten sie meine Nummer noch. Die Stutgarts gehören zu derjenigen Art von Leuten, die alles aufbewahren und irgendwie war unter diesen Artefakten auch meine Telefonnummer gespeichert. Jedenfalls hatte sich die Frau von Lorenz, Lana, scheinbar grosse Mühe dabei gegeben, mir eine persönliche Einladung zukommen zu lassen. Die Nachricht enthielt eine persönliche Anrede und die ehrlich klingende Bekundung, dass sie sich beide über mein Erscheinen an ihrer Feier freuen würden. Wie könnte man da absagen?«
»Vielleicht wussten Sie damals noch nicht«, sagte der Arzt, »dass man die anderen auch enttäuschen können muss. Wenn Sie allen immer einen Gefallen tun wollen, kommen Sie selbst nämlich zu kurz.«
»Da haben Sie zwar recht«, sagte Uwe, »doch irgendetwas in mir hatte damals ein wirkliches Interesse an einem Wiedersehen.«
»Und haben Sie die Einladung schliesslich angenommen?« fragte der Arzt.
»Ich habe, nach langem hin und her, den Stutgarts zurückgeschrieben, dass ich gerne zu ihrer Feier käme und dass ich mich ebenfalls über ein Wiedersehen freuen würde. Und soweit ich mich erinnern kann, entsprach das damals der Wahrheit.«
»Erzählen Sie mir davon«, sagte der Arzt und schlug erneut seinen Notizblock auf.
Am Samstagabend befand sich Uwe auf dem Weg zu der Feier, zu der ihn die Stutgarts eingeladen hatten. Er ging auf einer mit Pflastersteinen besetzten Strasse, die von der Innenstadt auf die Höhe der Aare hinabführte. Es war fünf Jahre her, seit er Lorenz zum letzten Mal gesehen hatte. Er erinnerte sich, sie hatten damals nach einer Feier draussen gestanden, auf der Terrasse und auf die Aare hinabgeblickt. Sie hatten lange über Gott und die Welt gesprochen, etwas angeheitert, während die Gäste von Lorenz sich drinnen amüsiert hatten.
Damals war Lorenz noch alleinstehend gewesen und er war gerade aus der Rekrutenschule zurückgekehrt, hatte sich für die Offiziersschule entschlossen.
***
Uwe schaute von der Terrasse in das erleuchtete grosse Fenster. Drinnen sah man Tanzende, andere wiederum schauten fern oder bedienten sich an einem Computer, der auf dem Tisch stand und steuerten die Musik.
»Sieht es nicht seltsam aus von hier?« fragte Lorenz und nahm einen Zug von seiner Zigarette, die ihm Uwe gegeben hatte. »Die Leute drinnen, einige von ihnen blicken gebannt auf den Fernseher. Zwar in unsere Richtung, aber sie sehen uns nicht, weil wir sind draussen, im Dunkeln, und sie sind drinnen, am Licht. Es ist, als stünden wir in einem abgedunkelten Kinosaal hinter der Leinwand.«
Drinnen lachten die Gäste auf dem Sofa über etwas auf, das sich im Fernsehen abspielte. Lorenz wandte sich von ihnen ab. Auf seinem Gesicht glaubte Uwe einen flüchtigen Ausdruck von Abscheu erkannt zu haben.
»Die Aussicht, ist sie nicht schön?« fragte er, den Blick auf den Abhang gerichtet. Uwe stimmte kopfnickend zu. Man sah den blau beleuchteten Pool, dahinter eine naturbelassene Wiese, von der an diesem Sommerabend ein Duft von Heu aufstieg. In der Ferne, in einem dunklen, weiss schäumenden Türkis, strömte der Fluss in einer Kurvenlinie an einem waldigen Hang vorbei und verschwand in der Ferne im blauen Dunst, der über der Brücke hing, die in die Stadt führte. Sobald sich die Augen angepasst hatten, liessen sich auf Flussniveau einzelne Spaziergänger und Läufer erspähen, die sich mit kleinen hüpfenden Lampen auf dem Kopf am Ufer entlang einen Weg durch die Dunkelheit bahnten.
Lorenz und Uwe waren an diesem Abend von einem Lokal zurückgekehrt, ein paar ihrer Gruppe waren mit Frauen, die sie gerade erst getroffen hatten, weitergezogen und die meisten, die den Abend nun bei Lorenz ausklingen liessen, waren entweder bereits vergeben oder hatten sich gerade getrennt und versuchten, sich mit gemimtem Gelächter und Getränken über den kürzlichen Verlust hinwegzutrösten. Lorenz hatte im Ausgang ebenfalls versucht, eine junge Frau anzusprechen, aber es war ihm nicht gelungen, sie von ihren Freundinnen zu trennen. Sie hatte sich höflich von ihm verabschiedet, mit der beiläufigen Bemerkung, sie würde mit ihrer Gruppe ins nächste Lokal weiterziehen – ob Lorenz mit ihr mitkommen wollte?
Mit Blicken zur Seite hatte Lorenz nach Uwe gesucht und ihn am selben Ort gefunden, an dem er den ganzen Abend verbracht hatte. In einer Ecke, auf einer Bank, mit einem Drink in der Hand. Er trank durch einen roten Strohhalm. Lichter huschten in einem beweglichen Muster über die Tanzfläche, streiften Uwe und flimmerten unruhig über ihn hinweg. Mit besorgtem Blick sah Lorenz ihn an und wandte sich wieder der jungen Frau zu, die noch immer auf seine Antwort wartete.
»Daraus wird leider nichts«, sagte er. »Unsere Gruppe wird noch mit zu mir kommen.«
Er verabschiedete sich von ihr, deren Hoffnungen er gerade enttäuscht hatte und liess sie mit ihren Freundinnen davonziehen.
Eine Stunde später stand er mit Uwe auf der Terrasse vor seinem Haus. Dieser hatte einen Drink mit nach draussen gebracht, von dem er zwischen Zügen an seiner Zigarette trank. Es schien ihm wieder besser zu gehen, seit sie hier angekommen waren. Lorenz trat zu ihm heran und klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter.
»Du hast dich wieder aufgerappelt«, sagte er. »Noch vor zwei Stunden habe ich mir um dich Sorgen gemacht.« Er machte eine kurze Pause. Sie rauchten in Stille, die Aussicht und die frische Nachtluft geniessend.
»Ich verrate dir nun etwas«, sagte Lorenz. »Wir werden beide irgendwann eine Freundin haben und dann werden wir an diesen Abend zurückdenken und uns sagen, ›Weisst du noch, vor einiger Zeit, als wir, ob der Angst davor, keine Freundin zu finden, beinahe verzweifelt sind und Wochenende für Wochenende an irgendwelchen überfüllten Feiern vergebens versucht haben, jemanden zu finden?‹ Wird das ein herrliches Gefühl sein! Sich nie wieder in überfüllte Lokale drängen zu müssen, denn ich hasse es! Nie wieder dieses sinnlose rumstehen und sich nutzlos fühlen, während alle anderen tanzen und sich amüsieren. Und ich sage dir, wir werden uns irgendwann wieder hier treffen, auf dieser Terrasse, um Pläne zu schmieden, was wir zu viert Schönes unternehmen werden. Merk dir das, Uwe, denn der Tag wird kommen, da wir beide eine Freundin haben.«
Sie starrten in die Dunkelheit. Hätte sie jemand aus der Ferne betrachtet, man hätte nur zwei orangene Punkte nebeneinander glühen sehen. Ihr Schweigen würdigte das Gewicht von Lorenz' Worten.
Uwe hätte ihm beigepflichtet. Auch er konnte die meisten Feiern nicht ausstehen. Man schleppte ihn meist mit. Er hatte aber doch ein bestimmtes Interesse, das Ganze zu beobachten, die Lichter, den Lärm, die Lebenslust. Deshalb konnte er nicht allem, was Lorenz gesagt hatte, beipflichten.
»Falls dieser Tag je kommt«, sagte er, »reden wir darüber wieder hier auf der Terrasse. Ich werde es nicht vergessen.«
***
In den seit damals vergangenen Jahren hatte sich viel verändert. Lorenz hatte nun eine Freundin, Lana, die er unterdessen geheiratet hatte. Uwe hatte er zwar zur Hochzeitsfeier eingeladen, dieser hatte sich aber entschuldigt und Lorenz und seiner Frau in einer kurzen, aber eloquent verfassten Grusskarte gratuliert. Weit weg schien diese Erinnerung, als Uwe die Treppe zum Eingang nun hinaufstieg und die Türklingel betätigte.
Vor der Eingangstüre stehend, hörte er zu seiner Rechten ein Geräusch. Die Tür zum Kellerabteil öffnete sich und darin erschien Lorenz' Kopf. »Komm her!« rief er Uwe von dort unten zu. »Ich will dir etwas zeigen!« Er lehnte sich aus der Tür. Uwe fühlte sich ertappt, im guten Anzug und der grossen Flasche Weisswein, die er Lorenz feierlich mit einem satten Händedruck vor dem Eintreten hatte übergeben wollen. Stattdessen ging er nun in Richtung der Kellertür. Lorenz winkte ihn mit freundlichen Handbewegungen herbei, so wie man eine schreckhafte Katze anlockt. Als Uwe fast bei ihm war, öffnete sich über ihnen die Eingangstüre. Es wurde mit einem Schlag hell und der laute Klang eines wild gespielten Flügels schoss wie ein Champagnerkorken durch die Dunkelheit.
Ein grosser, breitschultriger Mann war nach draussen getreten und schaute sich benommen um. Goldener Whisky schwappte zwischen seinen Fingern in einem mit Eis gefüllten Glas und glitzerte unter dem Lichtkegel, in dem er nun stand. »Niemand da?« fragte Danny Rothschild mit suchendem Blick in die Dunkelheit.
Uwe war, vom plötzlichen Lärm erschrocken, zur Kellertür gerannt und war ausser Atem bei Lorenz angekommen. Sie sahen von dort aus, wie Lizzie Rothschild sich zu ihrem Mann gesellte. Danny wankte und kniff die Augen zusammen, während sie in ihren hohen Absätzen in einem pastellgelben Kleid nervös mit den Fingern durch ihr braunes, hochgestecktes Haar spielte und sich, ins Freie gekommen, reflexartig eine Zigarette ansteckte. Ihr Mann überragte sie, als sie sich neben ihm auf die Brüstung lehnte.
Als sie ihn etwas fragte, drehte er sich abrupt um und drückte ihr einen ungenauen Kuss auf die Lippen. Sie machte in ihren hohen Absätzen einige staksige Schritte rückwärts, als er sie unter beschwichtigenden Gesten mit seinen kraftvollen Armen, die keine Widerrede duldeten, zurück nach drinnen beförderte. Der gelbe Lichtkegel, der aus dem Haus schien und in die Dunkelheit schnitt, verschwand mit dem Zufallen der schweren Türflügel.
Im Keller zeigte Lorenz auf die grosse Truhe. »Ich zeige dir wo der Schlüssel dazu ist, denn das weiss sonst niemand. Nicht einmal Lana.« Uwe überraschte dieses Geständnis, die unverhoffte Tatsache, dass es in Lorenz’ junger Ehe bereits Geheimnisse gab, so bedeutungslos sie auch sein mochten.
Lorenz streckte sich über die Werkzeugbank, nahm den Hammer von der Wand und grinste dabei Uwe über die Schulter mit einem Augenzwinkern an. Er nahm den Schlüssel weg und hängte den Hammer wieder hin. »Hier, versuch mal«, sagte er und reichte den Schlüssel seinem Freund, der damit mühelos die Truhe öffnete und den schweren Deckel anhob. »Das ist ja massiv«, keuchte er, sich unter den Deckel stemmend. »Halte das bitte so«, sagte Lorenz und griff hinein. Das rote Fotoalbum kam hervor.
Lorenz blätterte scheinbar ziellos in dem Album umher, äusserte zu einigen Bildern erklärende Worte und liess Uwe auf diese Weise an seinen Erinnerungen teilhaben, an der Hochzeit, die dieser verpasst hatte.
»Ich habe gehört, du fotografierst?« sagte er, um eine länger anhaltende Stille zu überbrücken.
»Bloss ab und zu«, sagte Uwe. »Meist meinen Bruder mit seinem dreijährigen Sohn. Ich bin aber nicht wirklich gut darin.«
»Du wärst sicher ein besserer Fotograf gewesen«, sagte Lorenz, »als der, den ich beauftragt habe. Ich habe mir die Fotografien vor Kurzem alleine angesehen und wollte deine Einschätzung dazu hören, denn in deiner Abwesenheit ist mir bewusst geworden, wie wichtig mir deine Meinung in solchen Dingen ist. Ich habe das Ganze so viel lebendiger in Erinnerung, weisst du? Ich meine, die Aufnahmen wurden professionell gemacht, da gibt es kaum etwas auszusetzen, die Szene ist gut ausgeleuchtet und niemand hat Schatten im Gesicht, was übrigens gar nicht so einfach ist, wie ich von meinen eigenen Versuchen, mit meiner Kamera auf Hawaii, feststellen musste. Aber es ist so, als ob es diesen Fotografien an etwas fehlen würde. Etwas, das wir auf unseren früheren Bildern noch hatten – du und ich. Erinnerst du dich an unsere grossen Feiern im Sommer am See?«
Uwe nickte, die Erinnerung war ihm unangenehm.
»Ich habe irgendwo in dieser Truhe noch diesen Schnappschuss von dir aufbewahrt, wie du umfällst, mit einer halbvollen Flasche Champagner in der einen Hand, mitten auf dem Wasser aus dem Boot fällst du, es sah so aus, als würdest du schweben.«
Uwe lachte verlegen über diese Erinnerung.
»Ich wäre damals fast ertrunken«, sagte er. Er hörte auf zu lachen, als schmerzlich das Andenken in ihm aufstieg, dass damals die anderen auch noch gelacht hatten, als er im See mit den Armen gerudert und wild vor Angst, sie um Hilfe flehend angeschrien hatte.
»Doch auf diesen Hochzeitsbildern…«, sagte Lorenz und rümpfte die Nase. Er hatte das Album plötzlich weit von sich gestreckt, als ob diese Distanz mit einem Schlag absolut notwendig geworden wäre.
»Diese Fotografien… sie haben etwas an sich… wie ist das Wort, nachdem ich suche?« Uwe bemerkte nun, dass Lorenz bereits etwas getrunken hatte, da ihm überhaupt kein Wort einzufallen schien. Er verstummte und wurde nachdenklich. »Wirken die Bilder von diesem euch fremden Fotografen nicht ein bisschen distanziert, ein bisschen
