Der rasende Roland - Ludovico Ariosto - E-Book

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Ludovico Ariosto

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Beschreibung

In Ludovico Ariostos epischem Gedicht "Der rasende Roland" entfaltet sich eine facettenreiche Geschichte voller kriegerischer Heldentaten, ritterlicher Tugenden und romantischer Verwirrungen. Mit seiner meisterhaften Verwendung von Ottava rima und seinem geschickten Wechsel zwischen Ernst und Leichtigkeit reflektiert Ariosto die Spannungen und Ideale der italienischen Renaissance. Das Werk, das sowohl dekorativ als auch tiefgründig ist, greift die Motive der Ehre, des Wahnsinns und der Liebe auf, indem es den Leser durch ein Kaleidoskop von Charakteren und Schauplätzen führt, die alle in die dramatischen Geschehnisse des Krieges und der persönlichen Konflikte verwickelt sind. Ludovico Ariosto, ein herausragender Poet seiner Zeit, kombiniert in seinem Werk autobiografische Reflexionen mit den allgemeinen Idealen seiner Epoche. Geboren 1474 in Reggio nell'Emilia, war Ariosto stark von Humanismus und den klassischen Traditionen geprägt, die ihm halfen, ein tiefes Verständnis für die komplexe menschliche Natur zu entwickeln. Seine eigene Lebensgeschichte, geprägt von politischen Umwälzungen und persönlichen Krisen, beeinflusste seine Schriften und ermöglicht es ihm, sich geschickte Narrative zu entfalten, die über bloße Abenteuer hinausgehen. "Der rasende Roland" ist ein unverzichtbares Werk für jeden, der sich mit der Renaissance-Literatur und der Entwicklung des epischen Genres auseinandersetzen möchte. Es ist nicht nur eine Erzählung von Ruhm und Ehre, sondern auch eine tiefgründige Meditation über die Schwächen und Stärken des menschlichen Geistes. Der Leser wird in eine Welt voller Farben und Emotionen entführt, die sowohl fesselt als auch zum Nachdenken anregt. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Ludovico Ariosto

Der rasende Roland

Bereicherte Ausgabe. Eine Rittergeschichte aus Mittelalter - L'Orlando furioso
Einführung, Studien und Kommentare von Patrick Lehmann
EAN 8596547757283
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Der rasende Roland
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen Liebe, Krieg und Wahnsinn zerreißt ein Held an der Größe seiner Zeit. Der rasende Roland entfaltet jene schimmernde Spannung, in der persönliches Begehren auf öffentliche Pflicht prallt, Ruhm mit Niederlage ringt und jede Gewissheit durch Wunder, Täuschungen und Zufälle unterlaufen wird. Schon auf den ersten Seiten entsteht eine Welt, die zugleich vertraut und märchenhaft ist: Ritter, Fürsten und Zauberinnen bewegen sich durch Landschaften, die vom Glanz der Renaissance und dem Nachhall mittelalterlicher Mythen durchdrungen sind. Dieser Ton – heiter und ernst, verspielt und kritisch – lädt ein, das Abenteuer nicht nur zu verfolgen, sondern über seine Bedingungen nachzudenken.

Der rasende Roland, im italienischen Original Orlando furioso, ist das Hauptwerk des Dichters Ludovico Ariosto. Es gilt als Klassiker, weil es die Tradition des Ritterepos erneuert und in eine Kunst der modernen Erzählung überführt. Ariosto verbindet höfische Ideale mit skeptischer Distanz, heroische Geste mit ironischem Lächeln. Die Dynamik des Textes, seine Weite an Schauplätzen und Stimmen, begründete eine Wirkung, die weit über die italienische Literatur hinausreicht. Das Werk prägte die europäische Vorstellung von Abenteuer, Liebe und Ruhm, und es zeigt, wie erzählerische Freiheit innerhalb einer streng geformten Dichtung zu überraschender Lebendigkeit führt.

Ariosto (1474–1533) war ein Humanist und Höfling am Hof der Este in Ferrara. Dort entstand sein Epos in einem Umfeld, das künstlerische Ambition, politisches Kalkül und höfische Unterhaltung verband. Die erste Fassung erschien 1516, eine revidierte 1521, die maßgebliche Endfassung 1532. Diese langjährige Arbeit bezeugt, wie sehr Ariosto Form, Ton und erzählerische Balance verfeinerte. Entstanden ist ein Gedicht, das die neugierige, zugleich wachsame Haltung der Renaissance atmet: eine Literatur, die antike Muster kennt, mittelalterliche Stoffe aufnimmt und mit der Gegenwart eines lebendigen Hofes konfrontiert.

Formal ist Der rasende Roland ein großes episches Gedicht in Stanzen (ottava rima). Diese Strophenform, mit ihrem wechselnden Spiel aus Spannung und Abschluss, trägt die Bewegung der Handlung und bietet dem Erzähler Raum für Kommentare und abrupte Schnitte. Ariosto nutzt das Verfahren des Verflechtens: Er unterbricht Episoden an heiklen Punkten, nimmt Fäden später wieder auf und baut so ein Netz aus Geschichten, das zugleich Orientierung und Überraschung erzeugt. Die Folge ist ein ständiges Hin und Her zwischen Erwartung und Verzögerung, zwischen Vortrieb und Besinnung – eine Kunst des Erzählens, die Leserinnen und Leser aktiv beteiligt.

Die Handlung setzt zur Zeit Karls des Großen ein, in einem Europa, das von Kämpfen zwischen christlichen und sarazenischen Heeren geprägt ist. Paladine und Gegenspieler treffen aufeinander, Bündnisse werden geprüft, Schlachten wechseln mit Turnieren, Fluchten und Verfolgungen. Zugleich entfaltet sich ein Geflecht von Liebesbeziehungen, das Ideale erschüttert und Entschlüsse lenkt. Magische Gegenstände, ferne Inseln und geheime Gärten erweitern die Bühne, ohne die irdischen Leidenschaften zu verdecken. Aus dieser Konstellation entsteht ein Abenteuer, das nicht auf ein Ziel zurast, sondern viele Ziele eröffnet – ein Strudel, der Figuren wie Lesende gleichermaßen erfasst.

Zentrale Themen ziehen sich wie Leitsterne durch das Werk: die Macht der Leidenschaft, die Zerrissenheit zwischen Ehre und Begehren, die Brüchigkeit von Ruhm. Ariosto zeigt, wie Vernunft ins Wanken gerät, wenn Liebe Maß und Richtung sprengt, und wie Krieg Ideale korrumpiert, selbst wenn er im Namen hoher Zwecke geführt wird. Zugleich prüft er das Spiel der Zufälle und das Wirken des Glücks, das Helden erhöht und entthront. Diese Reflexion geschieht nicht abstrakt, sondern in Handlung übersetzt: Jede Episode spiegelt eine Frage nach Wahl, Verantwortung und Selbstkenntnis.

Die Welt des Gedichts ist bevölkert von markanten Gestalten: wagemutige Ritter, kluge Fürstinnen, entschlossene Kriegerinnen, verschlagene Zauberer. Rollen und Identitäten bleiben beweglich: Verkleidungen, Verwechslungen und Proben der Treue entlarven Selbstbilder und Erwartungen. Ariosto zeichnet Heldentum nicht als starre Tugend, sondern als Kraft, die im Konflikt mit Zeit, Ort und Gefühl steht. Gerade dadurch gewinnen die Figuren Kontur und Nähe. Sie sind größer als das Leben und doch durch Zweifel, Eifersucht und Hoffnung menschlich – ein Spannungsfeld, das die poetische Energie beständig nährt.

Als Fortführung von Matteo Maria Boiardos unvollendetem Orlando innamorato knüpft das Werk an eine beliebte Tradition an und übersteigt sie zugleich. Es beeinflusste die Entwicklung des europäischen Romans und inspirierte Dichtung, Theater, Musik und Bildkunst. Spätere Autorinnen und Autoren griffen Ariostos Verfahren der verschachtelten Handlung, seine Ironie und sein Spiel mit Erzählperspektiven auf. Besonders prägend ist die Verbindung von Abenteuerlust und reflektierender Distanz: Die Lektüre bietet Rausch und Ordnung, Bewegung und Muster. So wurde Der rasende Roland zu einem Fundus, aus dem Epochen immer neue Formen und Töne gewonnen haben.

Stilistisch beeindruckt Ariosto durch Leichtigkeit und Präzision. Die Stanze erlaubt es, eine Szene mit funkelnden Details zu öffnen und mit einem zugespitzten Schlusspaar abzurunden; sie trägt die Erzählung, ohne ihr Tempo zu bremsen. Ironische Kommentare und feine Anspielungen öffnen Räume der Deutung, in denen Komik und Ernst einander erhellen. Die Sprache gleitet zwischen höfischem Glanz und nüchternem Blick, sie erhöht und entzaubert, manchmal im selben Vers. Diese Elastizität des Tons macht das Gedicht zugänglich, selbst wenn es über die Grenzen von Ländern, Zeiten und Gattungen hinweggreift.

Die zeitgenössische Wirkung war weitreichend: Der rasende Roland wurde früh und oft gelesen, verbreitet und diskutiert. Mehrere autorisierte Fassungen belegen das Interesse an Form und Inhalt, Übersetzungen machten das Werk in Europa bekannt. Gelehrte Ausgaben, kommentierte Lesarten und künstlerische Bearbeitungen begleiteten die Rezeption. Dabei wechselten die Leseweisen: einmal als Spiegel höfischer Kultur, dann als Satire auf überlieferte Heldentümer, später als Labor der Erzähltechnik. Diese Vielfalt der Aneignung ist selbst ein Zeichen von Klassizität: Ein Werk bleibt lebendig, wenn es neue Fragen zu stellen erlaubt.

Heute überzeugt Ariostos Epos durch seine Fähigkeit, komplexe Wirklichkeiten zu ordnen, ohne sie zu vereinfachen. Die Verflechtung von Perspektiven erinnert an serielle Erzählformen, die Ironie an Medienreflexion, die Beweglichkeit der Figuren an Debatten über Identität und Rolle. Krieg, Migration, politische Rhetorik und privates Glück kollidieren – ein Szenario, das Gegenwartserfahrung spiegelt. Zugleich bewahrt das Gedicht die Lust am Wunderbaren und das Staunen über Erfindungskraft. Diese doppelte Geste, realistisch und fabulös zu sein, macht die Lektüre auch jenseits historischer Interessen relevant.

Der rasende Roland ist ein Buch der zeitlosen Qualitäten: erfinderische Form, reicher Ton, scharfer Blick auf menschliche Motive. Es bewahrt den Zauber des Abenteuers und prüft zugleich die Bedingungen des Heldentums. Wer es heute liest, findet keine museale Ferne, sondern eine lebendige Werkstatt der Erzählkunst, in der Konflikte von Liebe, Pflicht und Erkenntnis mit unerwarteter Leichtigkeit verhandelt werden. Ariosto zeigt, wie Literatur Weltlust in Denkbewegung verwandelt. Darin liegt seine Gegenwärtigkeit: in der Einladung, sich zu verlieren, um wacher wiederzufinden – in einem Gedicht, das nie ausgeredet ist.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Der rasende Roland ist Ariostos epischer Roman in Versen, entstanden in der italienischen Renaissance, erstmals 1516 veröffentlicht und später erweitert. Als Fortsetzung und Neubearbeitung der Ritterwelt des Orlando-Kreises verknüpft das Werk höfische Liebe, Kriegsereignisse und Magie. Die Handlung spielt zur Zeit Karls des Großen, während heidnische und christliche Heere um Vorherrschaft in Frankreich ringen. Ariosto entfaltet ein Netz von Erzählfäden, die sich kreuzen, spiegeln und ironisch brechen. Zentrale Spannungen sind Pflicht gegen Leidenschaft, Vernunft gegen Verblendung sowie Identität zwischen Glauben, Herkunft und persönlichem Begehren. Der Überblick folgt den Hauptlinien der Episoden ohne Auflösung wesentlicher Endpunkte.

Zu Beginn dringt der junge Agramante mit einem Bündnis sarazenischer Fürsten nach Europa vor, um Karl den Großen herauszufordern. Paris wird zum Brennpunkt, doch die Handlung verteilt sich über Schlachtfelder, Wälder und ferne Küsten. Paladine wie Roland (Orlando), Rinaldo und Olivier, dazu die Kriegerin Bradamante und der sarazenische Held Ruggiero, verfolgen eigene Wege. Über allem schwebt die Gestalt Angelicas, deren Schönheit Rivalitäten entflammt und Handlungsfäden auslöst. Ariosto variiert Turniere, Belagerungen und Verfolgungen mit Episoden höfischer Begegnung. Der Erzählfluss springt bewusst zwischen Figuren; Spannung entsteht aus unterbrochenen Fäden, deren Weiterführung die fortwährende Bewegung der Handlung bestimmt.

Roland, der musterhafte Paladin, gerät durch seine Liebe zu Angelica in Konflikt mit seinem Dienst am Kaiser. Seine Suche nach ihr führt ihn fort vom Kriegszug, während Rinaldo, durch wundersame Wasser wechselweise entzündet oder abgekühlt, ebenfalls um Angelica ringt. Das Motiv der Verfolgung verschränkt Politik und Leidenschaft: Was im Lager des Kaisers als Bündnisfrage beginnt, wird zur privaten Obsession. Ariosto zeigt, wie ritterliche Werte durch Begehren auf die Probe gestellt werden. Komik, Selbstironie und plötzliche Wendungen – etwa durch Zauberwaffen, Trugbilder oder missglückte Rendezvous – halten die Figuren in Bewegung, ohne die strategische Bedrohung für Paris aus dem Blick zu verlieren.

Angelica entkommt ihren Verfolgern und gelangt nach vielen Umwegen in entlegene Gegenden, wo sie den verwundeten jungen Krieger Medoro pflegt. Aus Fürsorge erwächst eine erwiderte Liebe, die Angelica von der Rolle des ersehnten Preises zur handelnden Figur verschiebt. Diese unerwartete Bindung wird zum Wendepunkt: Als Roland Spuren dieser Liebe entdeckt, zerbricht sein Bild von höfischer Erfüllung. Die Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit lässt ihn vom vernünftigen Helden in einen von Leidenschaft zerrütteten Wanderer kippen. Seine Raserei verändert den Ton der Dichtung, wirkt auf Freund und Feind zurück und verschärft die ohnehin fragile Kriegsordnung.

Parallel entfaltet Ariosto die Liebesgeschichte zwischen Ruggiero und Bradamante, die Lagergrenzen überschreitet. Der sarazenische Recke und die christliche Amazone sind durch Prophezeiungen und Prüfungen aneinander gebunden. Verzauberte Burgen, trügerische Inseln und der Zauberer Atlante stellen ihre Standhaftigkeit auf die Probe. Immer wieder drohen Ehre, Herkunft und Pflicht sie zu trennen, während Ausblicke auf eine zukünftige Dynastie die Gegenwart mit politischer Weitsicht aufladen. Der Konflikt zwischen persönlichem Glück und Loyalität zur eigenen Gemeinschaft verdichtet sich in Duellen, Täuschungen und Rettungen. So spiegelt dieses Paar die Grundfrage des Werks: ob Liebe Grenzen aufheben kann, ohne Verrat zu werden.

Zauber und Wunder strukturieren auch die Schelmengänge Astolfos, dessen Leichtigkeit ernste Aufgaben vorbereitet. Auf wundersamen Reittieren und mit seltsamen Geräten reist er durch ferne Reiche, besucht verwunschene Reiche und befragt übernatürliche Instanzen. Sein Weg führt ihn bewusst aus der Kriegslogik hinaus in Räume der Erkenntnis, wo das Verhältnis von Vernunft, Erinnerung und Begehren verhandelt wird. Als Rolands Zustand untragbare Folgen zeitigt, verknüpft Ariosto Astolfos Abenteuer mit der Suche nach einem Heilmittel, das nicht nur Körper, sondern auch Geist betrifft. Die Komik verdeckt dabei nicht den Ernst: Erkenntnis verlangt Umwege, und Rettung erfordert Einsicht in menschliche Grenzen.

Die Kriegshandlung bleibt zugleich treibende Kraft. Mandricardo, Rodomonte und andere sarazenische Helden suchen im Zweikampf Ruhm, während Karls Paladine die Verteidigung organisieren. Belagerungen wechseln mit Scharmützeln; Bündnisse bröckeln, weil private Rivalitäten strategische Entscheidungen unterminieren. Ariosto zeigt, wie Liebe, Eifersucht und Ehrgeiz die Fronten durchlöchern: Ein entführtes Pferd, ein gestohlenes Schwert oder ein verletzter Stolz können eine Schlacht wenden. Die Erzählung verflicht persönliche Fehden mit kollektiver Gefahr, sodass jeder Triumph neue Verluste gebiert. Über dem Getümmel hält die Dichtung den Blick auf Maß und Übermaß: Welche Tapferkeit dient dem Gemeinwohl, welche zerstört es?

Mit Rolands Raserei erreicht die Dichtung eine Phase unberechenbarer Zerstörung, in der Heldentum sein Maß verliert. Freunde versuchen, ihn zu bändigen oder zu retten, während Gegner die Lücke im christlichen Lager ausnutzen. Gleichzeitig zwingen demütigende Niederlagen und überraschende Bindungen Ruggiero zu Entscheidungen über Glauben, Ehre und Zugehörigkeit. Bradamante muss zwischen Treue und Selbstbehauptung abwägen. Die Fäden ziehen sich in raschen Wechseln zusammen: große Duelle stehen bevor, alte Schulden werden eingefordert, und ein ungewöhnlicher Weg zur Wiedergewinnung von Vernunft zeichnet sich ab. Ariosto bereitet die Voraussetzungen für Lösungen, ohne ihre Form im Voraus festzulegen.

Am Ende bleibt Der rasende Roland ein offenes, vielstimmiges Panoptikum, das den Glanz ritterlicher Ideale mit Skepsis beleuchtet. Ariosto verbindet politisches Epos, Liebesroman und Wundermärchen zu einem Spiel der Perspektiven, in dem Zufall, List und Begehren Geschichte schreiben. Die nachhaltige Bedeutung liegt in der Balance von Unterhaltung und Nachdenken: Es geht um Maß und Hybris, um die Fragilität der Vernunft und die Macht der Imagination. Die Dichtung lädt dazu ein, Pflicht und Freiheit, Herkunft und Wahlverwandtschaft neu zu denken. Ihre Aktualität erwächst aus der Einsicht, dass menschliche Größe ohne Selbstkenntnis leicht in Raserei umschlägt.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Der rasende Roland entstand im Italien der frühen Hochrenaissance, einer Zeit politischer Zersplitterung und intensiver kultureller Blüte. Die Halbinsel war in rivalisierende Stadtstaaten, Fürstentümer und republikanische Gemeinwesen geteilt; dominierende Institutionen waren die Kirche, die lokalen Dynastien und das römisch-deutsche Kaisertum. Der Papst vereinte geistliche Autorität mit territorialer Macht, während Frankreich und Spanien in die italienischen Kriege eingriffen. In diesem Umfeld bot der höfische Raum Schutz und Ressourcen für Kunst und Literatur. Ariostos Werk spiegelt diese Konstellation, indem es Herrschaftsformen, Loyalitäten und religiöse Diskurse allegorisch durch ein karolingisches Fantasiereich verhandelt.

Besonders prägend war der Hof der Este in Ferrara, eine Kulturmacht zwischen venezianischem Einfluss, Papalstaat und Poebene. Unter Alfonso I. d’Este wurde Ferrara zum Zentrum für Musik, Malerei und Dichtung. Die Este nutzten Kunst als politische Repräsentation und zur Legitimation ihrer Herrschaft. Ariosto war als Höfling, Diplomat und Organisator von Festen eingebunden, wodurch er den Geschmack, die Erwartungen und den Konkurrenzdruck des Hoflebens genau kannte. Der rasende Roland ist daher ein Produkt höfischer Patronage: ein Text, der Glanz entfaltet, aber zugleich hinter der Maskerade die Mühen des Dienstes und die Prekarität von Gunst sichtbar macht.

Die italienischen Kriege (1494–1559) bildeten den kriegerischen Hintergrund von Ariostos Karriere. Bündnisse verschoben sich rasch, Söldnerheere und Belagerungen verwüsteten Landstriche. Ferrara rang mit Papst, Habsburg und Frankreich um Souveränität; artilleristische Innovationen steigerten die Zerstörungskraft. Diese Erfahrung permanenter Unsicherheit prägt die Poetik des Werkes: Zersplitterte Episoden, abrupt wechselnde Schauplätze und labile Frontlinien spiegeln einen Kontinent ohne stabilen Frieden. Die Vielstimmigkeit der Erzählung kann als literarisches Echo wechselnder Allianzen gelesen werden, in dem heroische Ideale zwar zitiert, aber von pragmatischen Erwägungen und Zufällen des Krieges relativiert werden.

Die Kirche beeinflusste das intellektuelle Klima stark. Das Fünfte Laterankonzil (1512–1517) bemühte sich um Reformen und regulierte auch den Buchdruck. Religiöse Frömmigkeit, Wallfahrten und Heiligenkult gehörten zum Alltag, zugleich wurden kirchliche Machtansprüche politisch verhandelt. Für einen Hofschriftsteller bedeutete dies, Tuschen von Häresie oder direkter Satire zu vermeiden. Ariosto wählte daher den Weg der höfischen Ironie und des Ritterromans, um sensible Themen indirekt zu behandeln. In der höfischen Unterhaltung ließ sich über Moral, Gnade und Schicksal sprechen, ohne dogmatische Grenzen offen zu überschreiten, wodurch die Allegorie zum zentralen Schutz- und Deutungsinstrument wurde.

Humanistische Bildung prägte die geistige Landschaft. An den Höfen kursierten antike Texte, kommentiert und imitatio-bewusst weitergeschrieben. In Ferrara standen Bibliotheken, Gelehrte und Künstler in engem Austausch; das Studium von Latein und Griechisch formte Stil- und Argumentationsnormen. Ariosto verbindet im Rasenden Roland diese humanistische Gelehrsamkeit mit volkssprachlicher Erzählfreude: Anspielungen auf Vergil, Ovid und Lukrez flankieren die karolingische Materie. Die humanistische Methode des Vergleichens, Zitierens und Moralisierens ermöglicht eine Poetik, die gleichzeitig gelehrt und populär ist und die Hierarchie zwischen antiker Autorität und zeitgenössischem Erzählvergnügen spielerisch unterläuft.

Die Stofftradition ist die „Materie von Frankreich“, deren Heldenkreis um Karl den Großen seit dem Mittelalter in Italien populär war. Matteo Maria Boiardos Orlando innamorato, ebenfalls am Este-Hof entstanden, hatte die Vorlage modernisiert und nicht abgeschlossen hinterlassen. Ariosto knüpft direkt daran an, erweitert und ordnet die vielfältigen Erzählfäden. Durch die Wiederaufnahme eines vertrauten Heldenrepertoires konnte er zugleich Kontinuität behaupten und eigene Akzente setzen: Liebeszwang und Ruhmverlangen stehen neben politischer Klugheit, und die Grenze zwischen christlicher und „sarazenischer“ Welt wird weniger als dogmatische Trennung denn als literarische Bühne begriffen.

Technologische und mediale Umbrüche beschleunigten die Verbreitung von Literatur. Der Buchdruck machte volkssprachliche Epen in weiten Kreisen zugänglich; Venedig dominierte als Druckmetropole den italienischen Markt. Holzschnitte und aufwändige Ausstattungen sorgten für prestigeträchtige Ausgaben, gleichzeitig erlaubten günstigere Formate breitere Leserschaft. Orlando furioso wurde nach 1516 rasch vielfach neu aufgelegt und kommentiert. Dass ein höfisches Werk über die Werkstatt in die Städte wanderte, verschob Erwartungen: Texte mussten zugleich repräsentativ und anschlussfähig sein. Ariostos episodische Struktur und die kunstvolle Spannungserzeugung tragen dieser neuen, zunehmend marktförmigen Öffentlichkeit Rechnung.

Sprachpolitisch fiel das Werk in die „questione della lingua“. Pietro Bembo propagierte 1525 das toskanische Modell nach Petrarca und Boccaccio. Ariosto reagierte auf diese Normierungsdebatte, indem er seine Dichtung zwischen der Erstausgabe von 1516 und der endgültigen Fassung von 1532 sprachlich überarbeitete. Die Pflege der ottava rima, aus dem Trecento-Traditionsbestand übernommen, verband metrische Eleganz mit erzählerischem Schwung. Diese Entscheidungen sind historisch: Sie positionieren Ferrara innerhalb eines italienweiten Projekts der sprachlichen Vereinheitlichung und zeigen, wie ästhetische Form zur Aushandlung eines künftigen nationalen Idioms wurde.

Geschlechterdiskurse der Renaissance, die querelle des femmes, durchzogen Höfe und Salons. Frauen traten als Mäzeninnen, Leserinnen und gelegentlich als Autorinnen hervor; zugleich schrieben Morallehren weibliche Tugend und Zurückhaltung fest. In Norditalien standen Figuren wie Isabella d’Este für weibliche Kulturmacht; in Ferrara prägten dynastische Ehen Politik und Hofleben. Ariostos Kriegerinnen und Liebesstrateginnen – etwa Bradamante – reaktivieren und variieren diese Debatten literarisch. Sie verkörpern nicht bloß Allegorien, sondern testen die Grenzen ritterlicher Ordnungen. So spiegelt das Werk zeitgenössische Auseinandersetzungen um weibliche Autorität, eheliche Politik und die Stabilität der Geschlechterordnung.

Entdeckungen und neue Weltbilder wandelten Perspektiven fundamental. Die Atlantikfahrten der Iberer, der Seeweg nach Indien und die Weltumsegelung erweiterten Europas Horizont; Kartenwerke, Reiseberichte und kosmographische Kompendien zirkulierten an den Höfen. Ariostos geographisch weit ausgreifende Handlung – von Europa über Afrika bis in ferne Asienbilder – bedient diese Neugier. Die berühmte Reise auf den Mond integriert gelehrte Spekulation in poetisches Spiel: Sie nutzt eine ptolemäische Kosmologie, um Fragen nach Erkenntnis, Verlust und Eitelkeit der menschlichen Unternehmungen zu stellen. Damit kommentiert das Epos die Spannung zwischen Erfahrungsdrang und moralischer Selbstprüfung.

Religiöse Frontstellungen waren in Bewegung. Nach der Eroberung Granadas 1492 endete die Reconquista; zugleich expandierten die Osmanen im östlichen Mittelmeer, nahmen Belgrad (1521) und Rhodos (1522) ein. Italien erinnerte sich an Otranto (1480/81) und fürchtete neue Angriffe. Diese Lage befeuerte Kreuzzugsrhetorik, doch Diplomatie, Handel und Söldnerverträge relativierten starre Feindbilder. Ariostos Sarazenen besitzen Tugend und Laster wie ihre christlichen Gegenspieler; Ritterlichkeit scheint transkonfessionell. In dieser Nuancierung spiegelt sich das politische Kalkül der Höfe, die zwischen symbolischer Konfrontation und realer Verständigung lavierten, ohne die religiöse Eigenlogik der Zeit zu leugnen.

Militärtechnisch veränderten Schießpulver und Artillerie die Kriegsführung. Die großen Feldschlachten und Belagerungen des frühen 16. Jahrhunderts demonstrierten die Macht moderner Geschütze; auch Ferrara wurde für seine Gießereien und Kanonenkunst bekannt. Ariostos Werk, historisch im karolingischen Mittelalter situiert, meidet detailreiche Waffenmodernität, doch seine Metaphern und Kommentare lassen das zeitgenössische Wissen um Zerstörung und Zufall durchscheinen. Indem er das Mittelalter als Bühne nutzt, kann er Gefahren der Gegenwart indirekt verhandeln und zugleich klassische Rittertugenden vorführen, deren Geltung in der Welt der Söldner und Artillerie prekär geworden war.

Höfische Feste, Turniere und Triumphzüge strukturierten die Repräsentationsökonomie der Fürsten. In Ferrara verband man Musik, Malerei, Maskenspiele und Feuerwerk zu komplexen Gesamtereignissen; Ephemerarchitektur und Kostümkunst bildeten temporäre Machtbilder. Ariosto arbeitete an Festen mit und schrieb Komödien, wodurch er Timing, Szenenwechsel und Publikumslenkung erlernte. Der rasende Roland nutzt solche Theatralik literarisch: Interlaced narration, plötzliche Auftritte und cliffhangerartige Abbrüche erinnern an Inszenierungstechniken, die Aufmerksamkeit binden. Die Epik wird zur Bühne, auf der Herrschaft, Begehren und Ehre sichtbar werden, ohne ihre Mehrdeutigkeiten zu verlieren.

Verwaltungserfahrungen prägten Ariostos Blick auf Herrschaftspraxis. Als Statthalter in der Garfagnana (1522–1525), einer bergigen Este-Peripherie, verhandelte er mit lokalen Eliten, bekämpfte Banditentum und suchte Ordnung ohne ausreichende Ressourcen zu sichern. Dieses Ringen um Autorität spiegelt sich im Epos als politische Mikrodramaturgie: Städte, Inseln und Burgen erscheinen als Knotenpunkte konkurrierender Ansprüche, die Bündnisse fordern und moralische Urteile erschweren. Das Werk misst Herrschaft weniger an Abstammung als an kluger Vermittlung und an der Fähigkeit, wechselnde Loyalitäten zu steuern – eine Einsicht aus der Praxis des Regierens.

Ökonomisch war Norditalien von Landwirtschaft, Textilgewerbe und Fernhandel geprägt. Flüsse wie der Po verbanden Städte mit Adriahäfen; Zölle und Münzpolitik finanzierten Hofhalt und Krieg. Kriegsjahre verschärften Steuerdruck und Unsicherheit, während der Buchmarkt neue Chancen eröffnete. Für Schriftsteller bedeutete dies Abhängigkeit von Patronage, Ämtern und dem Absatz gedruckter Werke. Ariostos wiederholte Klagen über Reisen und Dienstpflichten stehen vor diesem Hintergrund: Das Ideal der Muße kollidiert mit höfischer Dienstbarkeit. Der rasende Roland verhandelt diesen Konflikt, indem er Arbeit am Text – Revision, Ordnung, Variation – als Antwort auf äußere Zumutungen zeigt.

Rezeption und Kanonisierung verliefen schnell. Das Epos fand in Italien breite Leserschaft und wurde im 16. Jahrhundert in mehrere Sprachen übertragen, was seinen europäischen Rang festigte. Kommentarausgaben verankerten moralische und literarische Lektüreschienen; zugleich setzte kontroverse Debatte ein, ob das „romanzesco“ dem ernsten Epos ebenbürtig sei. Spätere Dichter – etwa Torquato Tasso – positionierten sich im Verhältnis zu Ariosto, teils bewundernd, teils korrektiv. Mit der sich verdichtenden katholischen Reform wuchs die Sensibilität für Anstand und theologische Korrektheit, was moralische Rahmungen, Kürzungen oder belehrende Marginalien in einigen Ausgaben begünstigte.

Auch die Sprachethik veränderte die Lektüreformen. Schulunterricht, Akademien und städtische Lesekreise schufen neue Interpretationsgemeinschaften; gelehrte Register trafen auf populäre Aneignungen, Vorlesen auf stilles Lesen. Bildzyklen zu Ariostos Episoden erschienen in Malerei und Druckgrafik und halfen, das Epos als kulturelles Reservoir von Szenen und Gesten zu etablieren. In dieser medialen Zirkulation wurde der Text anschlussfähig für Musik, Theater und Festkultur. Der historische Kontext ist somit nicht nur Produktionsbedingung, sondern auch ein Rezeptionsregime, das auswählt, moralisiert, verkürzt und erweitert – stets im Dialog mit politischen Erwartungen und ästhetischen Normen der Zeit übergreifend bis in die Frühe Neuzeit hinein.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Ludovico Ariosto (1474–1533) gilt als herausragender Dichter der italienischen Hochrenaissance und als maßgeblicher Erneuerer des episch-ritterlichen Erzählens. Sein Hauptwerk, der Orlando furioso, verbindet höfische Stoffe mit humanistischer Reflexion und einer kunstvollen, ironischen Erzählweise. Als Höfling und Autor am Este-Hof in Ferrara bewegte er sich in einem Milieu, das Kunst, Diplomatie und Gelehrsamkeit eng verband. Ariosto prägte die italienische Literatursprache ebenso wie die europäische Vorstellung vom Romanzenepos. Seine Dichtung, in der Form der ottava rima gestaltet, entfaltete über Jahrhunderte Wirkung und machte ihn zu einer prägenden Figur der europäischen Literaturgeschichte bis heute.

Geboren in Reggio Emilia und aufgewachsen in Ferrara, erhielt Ariosto eine humanistische Ausbildung, die ihn früh mit lateinischen Autoren wie Vergil und Ovid vertraut machte. Auf Wunsch seines Vaters begann er zunächst ein Jurastudium an der Universität Ferrara, wandte sich jedoch bald vollständig der Literatur zu. Die höfische Kultur der Este, das Theater und die Tradition der italienischen Volgarsprache prägten seinen Geschmack. Literarisch knüpfte er besonders an Matteo Maria Boiardos unvollendetes Orlando innamorato an. Mit der sprachkritischen Diskussion seiner Zeit, insbesondere den Normen Pietro Bembos, setzte er sich intensiv auseinander und verfeinerte später seine eigene Stilentscheidung.

Seit den frühen 1500er-Jahren war Ariosto am Hof der Este tätig, zunächst im Dienst des Kardinals Ippolito d’Este. Er übernahm diplomatische Aufträge, bereiste wiederholt Rom und schrieb zugleich erste Theaterstücke für höfische Aufführungen. 1517 verweigerte er die Übersiedlung nach Ungarn, verlor damit die Gunst des Kardinals und trat in die Dienste von Herzog Alfonso I. d’Este. In den Jahren 1522 bis 1525 verwaltete er als Beauftragter die unruhige Garfagnana und sammelte Erfahrungen, die seine Satiren prägen. Trotz Verwaltungsaufgaben blieb er literarisch aktiv und verfestigte seinen Ruf als vielseitiger Autor und geschickter Hofmann.

Der Orlando furioso erschien 1516 erstmals in Ferrara und wurde 1521 überarbeitet; die endgültige Fassung von 1532 umfasst 46 Gesänge. Das Werk setzt Boiardos Erzählung fort, ordnet vielfältige Handlungsstränge kunstvoll durch Interlacement und entfaltet eine reflektierte Balance von Ernst und Spiel. In der ottava rima komponiert, verbindet es Rittertum, Liebe, Abenteuer und höfische Politik mit subtiler Ironie. Früh erreichte das Poem eine weite Verbreitung durch den Buchdruck und prägte das europäische Lesen epischer Romanzen. Ariosto etablierte damit einen Maßstab für die Verschmelzung humanistischer Gelehrsamkeit und unterhaltsamer Erzählkunst in der Volkssprache.

Neben dem Epos verfasste Ariosto komische Stücke, die zur Ausbildung der italienischen commedia erudita beitrugen. La Cassaria und I Suppositi entstanden zunächst in Prosa und wurden später von ihm in Versform überarbeitet; hinzu kamen Il Negromante und La Lena für die Bühne des Hofs. Seine in Terzinen geschriebenen Satiren, als Briefe in Versen konzipiert, kreisen um Patronage, Geldsorgen, Amtspflichten und literarische Selbstbehauptung. Daneben stehen die Rime als Sammlung lyrischer Gedichte. Diese vielfältige Produktion festigte seinen Rang als Autor, der mehrere Gattungen in lebendiger, gelehrter und zugleich publikumsnaher Weise erneuerte nachhaltig.

Ariostos poetische Haltung verbindet humanistische Bildung mit skeptischer Ironie. Wiederkehrende Motive wie Fortuna, Wahrheit und Schein oder die Grenzen ritterlicher Ideale verhandelt er ohne dogmatischen Impuls, oft mit spielerischer Distanz. In den Satiren formulierte er eine selbstbewusste Auffassung von Autorschaft, reflektierte die Abhängigkeit vom Hof und verteidigte die Autonomie der Dichtung. Zugleich zeigt sein Werk Sinn für Maß, Formstrenge und stilistische Eleganz. Seine Sprachpflege orientierte sich zunehmend an einem überregionalen Italienisch, was in der letzten Fassung des Orlando furioso besonders deutlich wird und die Rezeption in ganz Italien begünstigte nachhaltig.

In den späten Jahren kehrte Ariosto nach Ferrara zurück, widmete sich der endgültigen Redaktion seines Epos und pflegte das Theater. Er starb 1533, nachdem der Orlando furioso in der Fassung von 1532 seinen Ruhm gefestigt hatte. Sein Name ist seither mit der eleganten Ironie des Renaissance-Epos verbunden. Die Wirkung reicht von Torquato Tasso und Edmund Spenser bis zu romantischen und modernen Autoren; auch zahlreiche Opernstoffe verdanken ihm Impulse. Als stilbildender Erzähler, der Kunstanspruch und Unterhaltung verband, bleibt Ariosto eine zentrale Referenz der europäischen Literatur, deren Lektüre und Erforschung bis in die Gegenwart lebendig ist.

Der rasende Roland

Hauptinhaltsverzeichnis
Erster Gesang
Zweiter Gesang
Dritter Gesang
Vierter Gesang
Fünfter Gesang
Sechster Gesang
Siebenter Gesang
Achter Gesang
Neunter Gesang
Zehnter Gesang
Elfter Gesang
Zwölfter Gesang
Dreizehnter Gesang
Vierzehnter Gesang
Fünfzehnter Gesang
Sechzehnter Gesang
Siebzehnter Gesang
Achtzehnter Gesang
Neunzehnter Gesang
Zwanzigster Gesang
Einundzwanzigster Gesang
Zweiundzwanzigster Gesang
Dreiundzwanzigster Gesang
Vierundzwanzigster Gesang
Fünfundzwanzigster Gesang
Sechsundzwanzigster Gesang
Siebenundzwanzigster Gesang
Achtundzwanzigster Gesang
Neunundzwanzigster Gesang
Dreissigster Gesang
Einunddreissigster Gesang
Zweiunddreissigster Gesang
Dreiunddreissigster Gesang
Vierunddreissigster Gesang
Fünfunddreissigster Gesang
Sechsunddreissigster Gesang
Siebenunddreissigster Gesang
Achtunddreissigster Gesang
Neununddreissigster Gesang
Vierzigster Gesang
Einundvierzigster Gesang
Zweiundvierzigster Gesang
Dreiundvierzigster Gesang
Vierundvierzigster Gesang
Fünfundvierzigster Gesang
Sechsundvierzigster Gesang

Erster Gesang

Inhaltsverzeichnis

1.

Die Ritter, Fraun, Großtat der Hochgemuten, Lieb', Edelart zum Sang ich mir erkor, Wie sie die Welt sah, da durch Meeresfluten Nach Frankreich fuhr aus Afrika der Mohr, Treu seines Herrschers jugendlichen Gluten, Des Königs Agramant, der sich verschwor, Den stolzen Sinn des Kaisers Karl zu brechen Und schwer an ihm den Tod Trojans zu rächen.

2.

Von Roland gilt es Unerhörtes sagen, Was weder Reim noch Prosa je gekannt: Wie er, so weise sonst in allen Tagen, Durch Liebe ward vom Wahnsinn übermannt; Wenn sie, die fast wie ihn mich hat geschlagen, So daß mir schier mein bißchen Witz entschwand, Von diesem Rest so viel mir will vergönnen, Daß ich Versprochnes werde schaffen können.

3.

Hochherz'ger Sproß aus Herkules' Geschlechte, Du Schmuck und Glanz der Zeit, nimm gnädig an, Ippolito, was dir von deinem Knechte Gegeben wird, wie er es geben kann: Mit Schreibwerk zahl' ich und mit Reimgeflechte Zum Teil zurück, was ich durch dich gewann. Der Kargheit Vorwurf trifft mich keinenfalles, Denn geb' ich wenig, geb' ich doch mein Alles.

4.

Es tritt mit andern auserlesnen Degen, Die hoch zu preisen dieser Sang erklingt, Auch Roger, ja, der Ahnherr, dir entgegen, Von dem des Hauses hehrer Stamm entspringt. Sein Wert und, was er tat auf Heldenwegen, Wenn du's verstattest, dir zu Ohren dringt: Den Flug des Geistes senk' ein wenig nieder, Hinaufzunehmen meine schlichten Lieder.

5.

Graf Roland, für Angelika entglommen, Gewohnt, für sie die Gegner hinzumähn, Erfocht im Inderreich zu ihrem Frommen, Bei Medern und Tataren Kriegstrophän; Nach Westen war er jetzt mit ihr gekommen, Dort, wo am Fuß der schroffen Pyrenän[3] Für Frankreichs Heer und das aus deutschen Landen Auf Karls Befehl die Lagerzelte standen,

6.

Daß vor Verdruß sich selbst ins Antlitz schlügen Marsilius und König Agramant: Der schickte ja nach Nord in langen Zügen, Wer nur mit Schwert und Lanze war bekannt; Und jener sah die Hoffnung ihn betrügen, Mit der ganz Spanien ward ausgesandt. So traf denn Roland ein zu guten Stunden; Doch Freude drüber ist ihm bald geschwunden.

7.

Denn seine Dame sieht er sich entrissen – Entfernt ist Wähnen oft von Wirklichkeit! –: Die er von Ost trotz tausend Hindernissen Gen Abend hat geführt nach langem Streit, Die soll er mitten unter Freunden missen, In seinem Land, den Degen in der Scheid'! Um schweren Brand zu löschen, als ein Weiser Hinweggenommen hatte sie der Kaiser.

8.

Vor kurzem schuf ein Zwist dem Herrscher Leiden: Rolands und seines Vetters, des Rinald, Da jähe Glut im Busen dieser beiden Entbrannt war für die liebliche Gestalt. Karl sann darauf, den Anlaß auszuscheiden, Der Schwächung drohte seiner Heergewalt: Er nahm die Schöne fort, den Streit zu enden, Und ließ sie in des Bayernherzogs Händen.

9.

Zum Lohn soll der von ihnen sie behalten, Der mehr der Feinde habe umgebracht; Der mächt'ger werde Kriegerkraft entfalten Und Kaisers Dank verdienen in der Schlacht. Doch anders sollte sich das Ding gestalten, Denn fliehen mußte der Getauften Macht. Der Herzog ward, mit vielen noch, gefangen, Und jeder konnt' ins leere Zelt gelangen.

10.

Rasch ist die schöne Maid dort aufgesprungen, Die nach der Schlacht des Siegers sollte sein, Hat vor Entscheid sich auf ihr Roß geschwungen Und sprengt mit allen Kräften querfeldein. Sie ahnt, Herrn Karl ist heut der Tag mißlungen, Und feind das Glück des Christenvolkes Reihn. Ein Hain umfängt sie; dort auf engen Wegen Kommt ihr, zu Fuß, ein Rittersmann entgegen.

11.

Helm auf dem Haupt, das gute Schwert zur Seiten, Gepanzert und am Arm den Schildesrand, Lief er doch leichter durch des Waldes Weiten, Als nackt ein Bauer nach dem roten Band. Ein Hirtenkind, sieht es die Schlange gleiten, Hebt flinker nicht das Füßchen aus dem Sand, Als hier Angelika die Zügel wandte, Sobald den Nahenden ihr Aug' erkannte:

12.

Den Haimonssohn! – es bleichten ihre Wangen – Den Paladin[1] und Herrn von Montalban! Gar seltsam war sein Roß ihm durchgegangen, Bajard, und lockt ihn her auf diese Bahn. Als hin zur Dame seine Blicke drangen, Hat er – der Himmel wird ihm aufgetan! – Vor sich die süße Huldgestalt gefunden, Die ihn mit starkem Liebesnetz umwunden.

13.

Die Dame läßt den Zelter rückwärts jagen, Verhängt die Zügel, stets in vollem Lauf; Fragt nicht, ob guten Weg sie eingeschlagen, Ob dicht der Wald, ob dünn; sie schaut nicht auf. Nein, zitternd, außer sich, läßt sie sich tragen Vom Tiere, wie es will; bergab, bergauf Schweift sie umher auf rauhem Waldespfade Und kommt zuletzt zu einem Flußgestade.

14.

Am Ufer dort war Ferragu zu finden, Beschmutzt und schweißbedeckt mit staub'gem Schuh. Vom Schlachtgewühl ließ zeitig ihn entschwinden Brennender Durst und Wunsch nach etwas Ruh'. Da mußt' ein Zufall an den Ort ihn binden; Denn als er gierig trank, ließ Ferragu Vom Haupt den Helm ins Wasser sich entwischen, Und nicht gelang's noch, ihn herauszufischen.

15.

Schreiend, im tollsten Jagen kommt mit Bangen Das Mädchen; – hei, wie jetzt sie neu erschrickt! Ans Ufer springt der Heide voll Verlangen: Bei dieser Stimme hat er aufgeblickt. Sind auch vom Schreck entstellt und blaß die Wangen, Er weiß doch, wen sein guter Stern ihm schickt: Von der er viele Tage ohne Kunde, Angelika schickt ihm die Gunst der Stunde!

16.

Vielleicht so hitzig wie die Vettern eben, Und weil ein edles Herz ihm ward beschert, Eilt er, zu ihrem Schutz den Arm zu heben, So kühn, als sei er ganz mit Stahl bewehrt, Und wo Rinald steht – wahrlich ohne Beben! –, Hin läuft er drohend mit gezücktem Schwert. Die beiden kannten sich, und unvergessen War ihnen, daß im Kampf sie sich gemessen.

17.

Beide, zu Fuß jetzt, nur die Schwerter hatten: Ein grimmig Hämmern alsobald begann. Nicht Schuppenkleider oder Panzerplatten, Ja selbst kein Ambos schützte hier den Mann. Derweil die zwei mit Hieben sich ermatten, Verstohlen fängt das Pferd zu laufen an; Denn jene jagt mit aller Kraft der Spornen Das Tier ins Feld durch Dickicht und durch Dornen.

18.

Lang mühten sich umsonst die beiden Degen, Den Gegner hinzustrecken in den Sand; Denn keiner war dem andern überlegen, Geschickt des Heiden wie des Christen Hand. Rinald begann zuerst den Mund zu regen Und sprach, dem span'schen Ritter zugewandt, Wie einer, der von innern Gluten so brennt, Daß ihm das Wort fehlt und er lichterloh brennt:

19.

»Nur mich zu treffen, ist ja dein Verlangen; Allein dir selbst auch fügst du Schaden zu. Gesetzt, daß ich dir bis zum Morgenprangen Hier zu verweilen den Gefallen tu, Ob ich dann tot bin oder bin gefangen, Bei alledem, sprich, was erlangst denn du? Das alles wird dir nicht die Maid gewinnen; Derweil wir säumen, flieht sie ja von hinnen.

20.

Gescheiter wär's, du ständest mir zur Seite, Liebst du sie auch; der Weg sei ihr verwehrt, Rasch, eh sie noch verschwinde dort ins Weite! Hübsch zu verweilen, werde sie belehrt! Wenn wir sie haben, wohl! – in blut'gem Streite, Wem sie gehör', entscheide dann das Schwert. Ich sehe nicht, was auf der Säumnis Pfaden Sich sonst für uns ergeben kann als Schaden.«

21.

Dem Mohr gefällt, was man ihm vorgeschlagen: Seht, aufgeschoben ist der Zweikampf schon! Die Gegner haben derart sich vertragen (Haß scheint vergessen und der Zorn entflohn), Daß, als des Mohren Roß den Herrn soll tragen, Er nicht zu Fuße läßt den Haimonssohn. Er lädt ihn ein, den Sitz mit ihm zu teilen, Und hinterm Fräulein drein die Ritter eilen.

22.

O Trefflichkeit der Ritter alter Zeiten! Als Nebenbuhler, grimmig aufgebracht, Verschiednen Glaubens, während noch vom Streiten Manch harter Hieb am Leib sich fühlbar macht, Ohn' alle Furcht auf gleichem Rosse reiten Sie krummen Pfad entlang durch Waldesnacht! Vier Sporen fühlend, kommt gleich einem Pfeile Das Pferd hin, wo der Weg geht in zwei Teile.

23.

Und weil sie beide nun in Zweifel stehen, Wohin sich wohl das schöne Kind gewandt – Denn hier wie dort ist neue Spur zu sehen, Und keiner hat ein Zeichen sonst erkannt –, Beschließt ein jeder auf gut Glück zu gehen, Der eine rechts, der andre linker Hand. Im Wald Herr Ferragu die Kreuz und Quer ritt, Und schließlich war er wieder, wo er herritt.

24.

Am Flusse steht er, wo der Strömung Schnelle Ihm seinen Helm vom Haupt hinunterzog. Noch einmal will er prüfen hier die Welle, Weil Hoffnung auf das Fräulein ihn betrog. Wo ihm der Helm entfiel, an gleicher Stelle Taucht er hinunter in das Flutgewog! Da hat der Helm sich in den Sand gegraben: Wohl Mühe kostet's, ihn zurückzuhaben!

25.

Aus einem zugestutzten glatten Zweige Schnitzt er sich eine mächtig große Stang' Und reizt den Fluß, daß er den Helm ihm zeige, Und stochert auf und ab und tastet lang'; Er sucht und sucht, der Tag geht auf die Neige, Des Eifers Hitze rötet ihm die Wang', Als einen, bis zur Brust von Flut umgeben, Er aus dem Strom sich dräuend sieht erheben.

26.

Der steckt – bis an den Kopf – im Eisenkleide, Und einen Helm trägt seine rechte Hand. Es ist der gleiche Helm, um den der Heide Umsonst so viele Müh' hat aufgewandt. »Treuloser Schurke,« spricht er zornig, »leide, Daß ich behalte, was mir Gott gesandt! Den Helm zu lassen will dir Schmerz bereiten, Den du mir schuldest doch seit langen Zeiten!?

27.

Besinne dich: als damals du erstochen Den Bruder – ich war's – der Angelika, Den andern Waffen nach hast du versprochen Zu werfen in den Fluß den Stahlhelm da. Hält das Geschick den Eid, den du gebrochen, Füg' dich, kein Grund zu jammern ist das ja. Reg' dich nicht auf, und willst du auf dich regen, Je nun, so tu's, ich habe nichts dagegen!

28.

Trägst du nach einem schönen Helm Verlangen, Such' einen andern dir; trag ihn mit Ehr'! In solchem Helm kommt Roland hergegangen; Rinaldos gilt so viel, vielleicht noch mehr. Man sah Mambrin[2] darin und Almont prangen: Von jenen hole dir doch einen her, Weil diesen hier du hübsch mir lassen solltest, Wie deinem Wort nach du ihn lassen wolltest!«

29.

Dem Mohren sträubte sich das Haar vor Schrecken, Als jäh der Schatten stieg aus Stromesflut; Die Stimme blieb ihm in der Kehle stecken, Und aus den Wangen wich zurück das Blut. Er hörte sich mit Schmach von ihm bedecken (Einst Argalia hieß der Kämpe gut, Den er erstach); als der ihn treulos nannte, Vor Scham und Zorn er inn und außen brannte.

30.

Es fehlte Zeit, um Antwort ihm zu geben; Auch wußt er wohl, daß jener Wahrheit sprach. So blieb das Wort ihm auf den Lippen schweben, Doch grub sich tief ins Herz ihm ein die Schmach, Und heilig schwur er – bei Lanfusas Leben –, Das Haupt beschütz' hinfort kein ander Dach Als jener Helm, den einst bei Aspramonte Roland gewann vom trotzigen Almonte.

31.

Und treuer sollt' er stehn zu diesem Eide, Als er vordem des andern hat gedacht. Er zieht davon, das Herz beschwert von Leide, Und härmt und grämt sich lange, Tag und Nacht. Den Paladin zu finden strebt der Heide, Sucht hier und dort nach ihm mit aller Macht. Rinald, der sich indessen fortbegeben, Sollt' andre Abenteuer noch erleben.

32.

Er geht noch gar nicht lang, da sieht er springen Bajard nicht weit vor sich, sein stolzes Tier: »Halt, Bajard, halt! Du willst mir Schaden bringen!« So ruft er laut, »gar sehr ja fehlst du mir!« Er sieht das Roß nur immer weiter dringen, Als ob es taub wär', in das Waldrevier. Nun eilt er nach, in Zornesflammen, brennenden; Doch folgen wir Angelika, der rennenden.

33.

Sie flieht dahin durch dunklen Waldes Weiten, Einöden menschenleer und grauenvoll, Wo Blätter wiegen, wo sich Schatten breiten Von Ulmen, Eichen, Buchen – da wie toll Muß sie auf einmal pfadlos seitwärts reiten, Hier-, dorthin, weil die Furcht im Busen schwoll. Bei jedem Schatten fängt sie an zu traben: Stets glaubt sie hinter sich Rinald zu haben.

34.

So wie das Zicklein oder Reh, das junge, Das unter Buschwerk sah im heim'schen Hain Des Pardels Wut zerreißen Brust und Lunge Der lieben Mutter, und mit flinkem Bein Von Wald zu Wald flieht in entsetztem Sprunge, Zitternd vor Angst, in Dunkelheit hinein – Bei jedem Knistern, jedes Zweiges Knacken Fühlt es das grimme Tier in seinem Nacken –:

35.

Den Tag, die Nacht, vom nächsten Tag noch Stunden Schweift sie – wo, weiß sie selber nicht – umher, Bis einen Waldeshag sie hat gefunden, Von frischer Luft bewegt und düfteschwer; Von zartem Gras und Blumen hold umwunden, Zwei Bächlein drängen murmelnd nach dem Meer, Und lieblichem Gesang glaubt man zu lauschen, Da leise plätschernd durchs Gestein sie rauschen.

36.

Sicher zu sein scheint dieser Ort der Wonnen, Rinald entfernt wohl manche weite Meil'; Von Hitz' und Mühen viel ist sie gesonnen Hier auszuruhen eine kleine Weil'! Und unter Blumen steigt sie ab am Bronnen, Das Pferd nimmt, zügelfrei, am Rasten teil: Es schweift vergnügt umher im kühlen Raume, Der frische Gräser beut an seinem Saume.

37.

Ganz nahe, sieh! ein schön Gebüsch sich breitet, Wo Blütendorn bei roten Rosen sprießt, Sich hold im Wasser spiegelnd, das da gleitet; Der Sonn' ein Eichendach den Platz verschließt. Die Mitte drinnen zum Gemach sich weitet, Durch das erfrischend dichter Schatten fließt, Blattwerk und Zweige kunstvoll sich verschlingen – Selbst Phöbus' Blick vermag nicht durchzudringen.

38.

Ein zartes Gras lädt ein die müden Glieder, Wes Augen immer diese Ruhstatt sahn; Die Schöne läßt sich in der Mitte nieder Und gleich vom Arm des Schlummergotts umfahn. Jedoch nach kurzer Frist erwacht sie wieder: Sie glaubt zu hören, daß sich Tritte nahn. Leis steht sie auf, Gewißheit sich zu schaffen – Und sieht am Bächlein einen Mann in Waffen.

39.

Ob Freund, ob Feind es ist? Sie kann's nicht sagen: Bald ist sie hoffnungsfroh, bald wieder bang Und mag den Hauch nicht eines Seufzers wagen: Sie wartet auf das End' vom Liede lang. Zum Fluß hinab ihn jetzt die Schritte tragen: Dort bleibt er, auf den Arm gestützt die Wang', Und in Gedanken steht er tief, alleine, Ganz wie erstarrt zu regungslosem Steine.

40.

Gesenkten Hauptes stand mit seinem Harme Der Ritter stundenlang am Bachesdamm; So weich zu klagen drauf begann der Arme, So schmelzend süß, von seiner Liebesflamm', Als gelt' es, Herr, daß sich ein Stein erbarme, Ein Tigertier sich wandle in ein Lamm. Sein Seufzer scheint aus Ätnas Grund zu dringen; Als wär's ein Wasserfall, die Tränlein springen.

41.

»Gedanke,« sprach er, »der mich glutentglommen Und eisig macht, du drückst das Herz mir wund! Was soll ich tun? Ich bin zu spät gekommen: Ein andrer pflückt die süße Frucht jetzund. Kaum einen Blick, ein Wort hab' ich bekommen, Ein andrer die Trophäen, Herz und Mund. Kann weder Frucht noch Blüte mich beglücken, Was soll ich mir um sie den Sinn bedrücken?

42.

Die Jungfrau ist der Rose zu vergleichen, Die sich im Garten auf dem Stengel wiegt, Eh Hirtenhand und Herde sie erreichen, Im Schoß der Ruhe still geborgen liegt: Wind, Frührot neigen sich der Anmutreichen Und Land und Flut, von ihrer Huld besiegt; Burschen und Mägdlein mit verliebten Wangen Lassen an Schläfen sie und Busen prangen.

43.

Doch sieht man sie nicht mehr am Strauch sich heben, Ward sie getrennt vom mütterlichen Stamm, – Was ihr bei Gott und Menschen Wert gegeben, Anmut und Schönheit, schwindet allzusamm. Das Mädchen, das nicht mehr als Licht und Leben Zu hüten weiß die Blüte wundersam, Verliert, wenn einer dieses Gut verletzte, Den Preis, den jeder über alles schätzte.

44.

Andern verhaßt, sei sie nur lieb dem einen, Den sie mit ihrem Selbst so reich beglückt. Grausames Los! Wie muß ich dich beweinen! Reich sah ich andre, mich von Not bedrückt. Ist's möglich: unhold will sie mir erscheinen? Mein Leben selbst, es wäre mir entrückt? Ach, lieber wär' ich heute tot geblieben, Als daß ich sie nicht fürder sollte lieben!«

45.

Fragt jemand: wer mag innen also brennen? Hat so viel Tränen nach dem Fluß gesandt? – So muß ich euch Zirkassiens König nennen: Er ist's: der liebeskranke Sakripant. Und wollt ihr seines Leides Ursach' kennen? Mit seiner Lieb' ist alles schon genannt. Zu den Verehrern zählt er jener Schönen, Und sie erkannt' ihn gleich in seinem Stöhnen.

46.

Um sie allein war er in Liebesgrillen Gekommen aus dem fernsten Orient; Denn er vernahm, daß sie um Rolands willen Von Indien ging weithin zum Okzident; Daß Karl in Frankreich dann, den Streit zu stillen, Im Zelt sie hielt von andern abgetrennt Und dem zum Lohn versprach, der im Gefechte Den Lilien den größten Nutzen brächte.

47.

Er war im Lager, sah die Niederlage, Die dort erlitt des Christenkönigs Schar. Umsonst irrt er umher seit jenem Tage, Daß er von der Entschwundnen Kund' erfahr'. Ihr wißt es nun, warum mit Liebesklage Die Zährenflut zum Bach geflossen war Und er so rührend Worte ließ erklingen, Schier um die Sonn' aus ihrer Bahn zu bringen.

48.

Zum Quell die Augen wandelnd, liebentzündet In Schmerz und Leid der Ärmste sich verlor. Derweil er spricht, was nicht die Muse kündet – Denn andre Dinge hat zur Zeit sie vor – Fügt sich's – o seht! – daß Glück sich ihm verbindet, Denn jeder Laut dringt zu der Holden Ohr. Was er mit einemmal jetzt soll erreichen, Drob könnten tausend Jahre sonst verstreichen.

49.

Auf jedes Wort des Ritters, Art und Wesen Gibt unsre schöne Dame sorglich acht. In seinem Herzen hat sie längst gelesen, Daß er nach nichts als ihrer Liebe tracht'. Allein voll Härte ist sie stets gewesen, Kalt, ohne Mitleid, wie aus Stein gemacht, Als schätze sie die ganze Welt geringe Und keinen würdig solch erlesner Dinge.

50.

Zum Führer aber denkt sie ihn zu nehmen, Nun sie verlassen durch die Wälder schweift: Es muß zum Gnadenruf sich wohl bequemen, Wem an die Lippen schon das Wasser streift! Wer weiß, ob jemals bessre Helfer kämen, Wenn sie nicht die Gelegenheit ergreift! Sie hatte ja schon in gar manchem Falle Den Fürsten treu befunden, mehr als alle.

51.

Doch will sie nicht den Armen wirklich letzen, Zu seines Kummers, seiner Treue Lohn, Das lange Leid durch Seligkeit ersetzen, Die jedem Jüngling aller Freuden Kron' – Nein, nur in Wahn und Irrtum ihn versetzen, Damit in seiner Brust das Hoffen wohn' Und er als Werkzeug ihr ein Weilchen diene, Dann wieder zu begegnen harter Miene.

52.

Auftauchend plötzlich aus des Haines Schweigen, Wird sie, die Göttergleiche, nun erblickt – So mag Diana sich, so Venus zeigen, Wenn ihrer Schönheit Glanz den Wald erquickt – Und »Friede dir!« spricht sie mit holdem Neigen, »Vom Himmel wirst du mir als Hort geschickt, Und sicherlich wird er nicht weiter dulden, Daß du mich so verkennst ohn' mein Verschulden.«

53.

Die Mutter zeigt nicht solch ein freudig Beben, Wenn sie den Sohn schaut, den sie tot geglaubt, Des sie mit Weinen noch gedacht soeben Als eines, den der Kriegsgott ihr geraubt, Wie sich die Blicke Sakripants erheben Zur edelen Gestalt, dem Engelshaupt, Den zarten Gliedern dieser Hulderscheinung, Der herrlichsten der Welt nach seiner Meinung.

54.

In holder Glut, vom süßen Trieb bezwungen, Zu seiner Herrin, Göttin eilt er her. Sie hält um seinen Hals den Arm geschlungen, Was in Katai wohl nicht geschehen wär', In ihr ist plötzlich Sehnsucht aufgesprungen: Die Heimat winkt, bleibt ihr zur Seite der. Durch ihn belebt sich Hoffnung und Vertrauen, Bald wiederum ihr reiches Schloß zu schauen.

55.

Ausführlich läßt sie den Bericht ihn kosten, Von jenem Tag an, da sie ihn gesandt Zum Serikanerkönig dort im Osten, Und wie für sie die Sache schließlich stand; Wie Roland treulich blieb auf seinem Posten Und Schmach und Tod von ihr hat abgewandt; Sie trag' auch unverletzt, was edlem Weibe Der höchste Schatz ist, wie vom Mutterleibe.

56.

So war's vielleicht, allein der Fall wird rar sein (Wer klaren Kopf hat, urteilt so zumeist): Für Sakripant muß dieses alles wahr sein, Weil er in noch viel größrem Irrtum kreist. Was man nicht sieht, das läßt uns Amor klar sein, Der Deutliches als unsichtbar erweist. Nun, jener glaubt: was lieblich ist zu glauben, Das läßt sich ja der Mensch nicht gerne rauben.

57.

»Ließ recht als Tor sich zimperlich verwehren So leckern Schmaus der Ritter von Anglant – Der Schad' ist sein; das Glück will nicht bescheren Ein zweites Mal, was einmal ward verkannt: Ich werde nicht mich an sein Beispiel kehren!« So sprach bei sich im stillen Sakripant. »Entgehen mir zu lassen solchen Bissen, Hätt' ich in Ewigkeit auf dem Gewissen.

58.

Die jugendfrische Rose will ich pflücken, Bevor – wie bald! – die Zeit den Duft verjagt: Ein Dirnlein kann nichts Süßeres beglücken, Ziert auch ein wenig sich die gute Magd. Und scheint es noch so sehr sie zu bedrücken, Und ob sie weint und voll Verzweiflung klagt, Es soll kein Zorn, kein Widerstand mich rühren; Was ich mir vornahm, denk' ich auszuführen!«

59.

Er spricht's. Zum süßen Ansturm vorzugehen Schickt er sich an: – da tönt gewalt'ger Schall Im nahen Wald; er muß sich wohl verstehen, Zu lassen, ob erbost, vom Überfall. Er nimmt den Helm – mit Wehr sich zu versehen, War er ja längst gewohnt für jeden Fall. Er geht zum Renner, legt ihm an die Zügel, Ergreift den Sporn und setzt den Fuß in Bügel.

60.

Ein Ritter sprengt hervor aus wald'gen Auen, Dem Aussehn nach gar stolz und kampfbereit. Die Zier am Helm ist weiß wie Schnee zu schauen, Und weiß wie Schnee ist auch sein Waffenkleid. Der König aber steht mit finstern Brauen: Daß unterbrochen werde, was zur Zeit So hohe Lust verspricht, stimmt ihn nicht heiter; Voll Groll und Ingrimm blickt er auf den Reiter.

61.

Leicht aus dem Sattel denkt er ihn zu heben Und fordert ihn zum Zweikampf auf der Stell'; Und jener, der – mir scheint – zu schaffen geben Wird dem Zirkassier wohl auf alle Fäll', Spornt seinen Renner, läßt die Lanze schweben Und unterbricht das stolze Drohen schnell. Herr Sakripant kehrt um wie Ungewitter. Und aufeinander jagen beide Ritter.

62.

Nie trafen sich gewaltig gleich dem Blitze Die Stiere und die Löwen in der Schlacht, Wie die zwei Krieger hier in Kampfeshitze: Die Schilde bersten durch des Stoßes Macht. Vom üpp'gen Tal bis hin zur kahlen Spitze Von dem Zusammenprall die Erde kracht. Die Panzerkleider waren gut zum Glücke; Sonst gingen beide Leiber wohl in Stücke.

63.

Auch keinen Umweg machten ihre Pferde: Sie stießen sich, wie Widder tun im Zorn. Tot blieb das Roß des Heiden auf der Erde, Und in der Zahl der besten stand es vorn! Auch jenes fällt: daß es lebendig werde, Besorgt in seine Flank' ein Druck des Sporn. Das andre Tier muß sich am Boden strecken Und mit der vollen Last den Herrn bedecken.

64.

Der Fremde, der im Sattel fest geblieben, Schaut seinen Gegner unterm Pferd, besiegt. Doch rüstet er sich nicht zu Schwerteshieben, Weil ihm an einem neuen Kampf nichts liegt. Man sieht nur, daß er, wie vom Sturm getrieben, Geraden Wegs im Wald von dannen fliegt. Eh aus der Klemme kommt der andre Streiter, Ist er ein Stündchen fern, vielleicht noch weiter.

65.

So wie der Pflüger, wenn vorbei das Wetter, Sich stumpf erhebt, betäubt, vom Schlag erschreckt – Geteilt das Los schier um ein Härchen hätt' er Der Rinder, die der Blitzstrahl hingestreckt; Die Fichte schaut er ohne Kron' und Blätter, Die er vorher von weitem hat entdeckt – So sucht der Heide wieder aufzustehen ... Und alles das muß seine Dame sehen.

66.

Er seufzt und stöhnt – nicht etwa, daß ein Arm ihm, Ein Fuß gebrochen sei, verrenkt vom Schlag; Die Wange wird aus Schamgefühl nur warm ihm, Wie nie zuvor an einem Erdentag. Nicht daß er fiel – daß sie aus solchem Harm ihm, Die Last abwälzend, half, ist seine Klag'. Ich glaub', er wär' am Ende stumm geblieben, Hätt' ihn zum Sprechen jene nicht getrieben.

67.

»Herr,« sprach sie, »laßt Euch dieses nicht beschweren: Nicht Euch trifft Schuld, wenn Ihr gefallen seid; Nein, bloß den Renner: Speis' und Ruhe wären Ihm dienlicher gewesen als der Streit. Nicht prahle jener mit den Siegesehren; Er brachte sich ja schnell in Sicherheit! Seht, wer das Feld räumt – das gilt allerwegen – Der zeigt, daß er im Kampfe unterlegen.«

68.

Derweil sie ihn zu trösten Müh' verwandte, Kommt ein berittner Mann dahergejagt, Mit Tasch' und Horn versehn; der Unbekannte (Ein müder Bote schien's, von Gram geplagt) Kehrt sich zum nächsten, das ist Sakripante: »Kam nicht gerad mit weißem Schilde – sagt! – Und weißem Federbusch auf Helmes Mitten Durch diesen Wald ein Kriegersmann geritten?«

69.

Sprach Sakripant: »Den du zu sehn beflissen, Vom Pferd hier warf er mich und ist enteilt; Und weil ich seinen Namen nicht will missen, Sag' mir, wer ist's, der solche Schläg' erteilt?« Der Bote drauf: »Was dich verlangt zu wissen, Von mir erfahren sollst du's unverweilt; Erwarbst du Ruhm, verdunkelt ist dein Name: Dich hob vom Sattel eine edle Dame!

70.

Sie hat durch Kühnheit hohen Ruhm gefunden, Durch Schönheit mehr; den Namen künd' ich dir: Die Heldin Bradamant hat dir entwunden, Was du gewannst an Ehr' auf Erden hier.« Der Bote sprach's und war im Wald verschwunden. Den Sarazen will Groll verzehren schier: Ratlos und wortlos steht er da, befangen; Es röten sich in Flammenglut die Wangen.

71.

Nachdem er lange, was sich zugetragen, Vergeblich hat erwogen und zum Schluß Sich sieht von einem Mägdelein geschlagen (Je mehr er's denkt, je größer sein Verdruß!), Nimmt er das Fräulein, ohn' ein Wort zu sagen, Aufs Roß und festigt in dem Reif den Fuß, Mit ihr zu besserm Spiel davonzureiten An stillerm Ort in spätern günst'gen Zeiten.

72.

Sie reiten nicht zwei Meilen, als ein Tönen Und mächtiges Gelärm im Hain erschallt, Der sie umgibt, ein Krachen und ein Dröhnen, Als woll' erbeben rings der weite Wald, Und einen reich mit Gold geschmückten, schönen Und stolzen Renner sehn sie nahen bald, Der über Busch und Bach setzt, Bäum' entblättert, Und alles, das im Weg ist, niederschmettert.

73.

»Täuscht trübe Luft und dichtverschlungne Zweige«, So sprach die Dame, »jetzt mein Auge nicht, Will mich bedünken, daß sich Bajard zeige, Der so mit Lärmen durch das Dickicht bricht. Gewiß, er ist's; will, daß man ihn besteige: Wie gut er doch versteht, was uns gebricht! Ein einzig Roß für zwei würd' unbequem sein: Er bringt uns Gutes: laß es uns genehm sein!«

74.

Der Fürst steigt ab; er will den Renner rufen, Ergriffe gern den Zaum mit seiner Hand: Doch Bajard gibt die Antwort mit den Hufen; Schnell wie der Blitz hat er sich umgewandt, Mit Stößen, die jedoch kein Unheil schufen –: Weh, träfen volle Schläge Sakripant! Wollte der Huf die ganze Kraft beweisen, Zertrümmert hätt' er einen Berg von Eisen.

75.

Sie sahn das Roß sich sanft zur Dame wenden, Fast menschengleich, voll Demut: wie vorm Herrn Des Hündleins frohe Sprünge gar nicht enden, Wenn der Gebieter heimkehrt aus der Fern'. Bajard erkannte sie: aus ihren Händen Nahm er sein Futter in Albrakka gern, Als für Rinald in Liebesglut sie brannte, Der damals grausam ihr den Rücken wandte.

76.

Den Zügel nun erfaßt sie mit der Linken Und klopft und streichelt ihm den Bug in Huld: Das kluge Tier, gehorsam ihren Winken, Ist zahm und gut, ein Lämmchen an Geduld. Da schwingt sich Sakripant mit einem flinken Aufsprung hinauf, sitzt in der Sattelmuld': Angelika hat seinen Platz bekommen; Die Doppellast ist nun dem Tier genommen.

77.

Aufblickend dann, erschaut sie einen Recken, Der stolz und waffenklirrend naht in Hast: Es ist Rinald – kann sie sich nicht verstecken? O wie bei seinem Anblick Zorn sie faßt! Wie vor dem Aar das Huhn, flieht sie voll Schrecken, Und er verfolgt sie ohne Ruh' und Rast. Einstmals hat er von ihr nichts wissen wollen, Sie liebte ihn – so tauschten sie die Rollen.

78.

Als Ursach' muß ich euch zwei Quellen nennen; Zwiefache Wirkung hat der beiden Flut (Sie stehn einander nah, in den Ardennen): Die eine füllt mit Liebe heiß den Mut; Wer von der andern trinkt, kann nicht entbrennen: In Eis verwandelt sie die Liebesglut. Aus jener trank Rinald – und Liebe faßt ihn – Aus der Angelika: sie flieht und haßt ihn.

79.

Der Bronnen ließ geheimes Gift sie trinken: Statt holder Triebe fühlt sie Haß sogleich, Wenn dieser Held erscheint, und Schleier sinken Auf heitrer Augen lichterfülltes Reich. Sie fleht zu Sakripant – die Tränen blinken, Die Stimme bebt, die Wangen werden bleich –: Schnell auf die Flucht mit ihr sich zu begeben, Fern von dem Krieger, der genaht soeben.

80.

»Hab' ich nicht schon Vertraun bei Euch besessen?« Sprach jener, »bin ich nutzlos und gering, Unfähig, mich mit jenem dort zu messen, Daß ohne Schwertschlag ich von dannen ging? Habt Ihr Albrakka und die Nacht vergessen, Als ich allein – fürwahr kein kleines Ding! – Vor Agrikan und Scharen auserlesen Bin ohne Waffen Euer Schild gewesen?«

81.

Sie weiß nicht, was sie tun soll, steht verlegen Und schweigend, denn Rinald ist fast schon da: Er hält dem Sarazen die Faust entgegen; Sein Pferd, das dieser nahm, erkennt er ja; Erkennt auch sie, für die auf allen Wegen Sein Herz in Lohe steht, ob fern, ob nah. Wie weiter nun die Dinge sich gestalten, Das sei dem nächsten Sange vorbehalten.

Zweiter Gesang

Inhaltsverzeichnis

1.

Launischer Amor, sprich, warum fast nimmer Im schönen Einklang stehen Herz und Herz? Warum geschieht es, daß so oft, du Schlimmer, Der Seelen Widerstreit für dich ein Scherz? Du gönnst mir nicht die Flut mit hellemSchimmer, Ziehst mich zur dunklen tief hinab, zum Schmerz; Die meine Lieb' ersehnt, die soll ich lassen, Und lieben, die mir abgewandt voll Hassen!

2.

Du machst Angelika dem Jüngling teuer, Den sie für arg und widerwärtig hält: Als einst für ihn die Schöne stand in Feuer, Da haßt er sie wie nichts auf dieser Welt. Nun härmt er sich, in Leiden ungeheuer; Vergolten ward ihm gleich mit gleich; der Held Ist ihr ein Greuel jetzt – sich ihm verbinden? – Nein, eher dann den Weg zum Tode finden!

3.

»Dieb, steig von meinem Pferd!« so schrie den Heiden Mit großem Hochmut an der Haimonssohn. »Daß man mein Pferd nimmt, pfleg' ich nicht zu leiden, Und wer es tut, bekommt von mir den Lohn. Auch will ich dich von dieser Dame scheiden; Sie dir zu lassen, wäre Schmach und Hohn. Unwürdig scheint es mir, daß einem Diebe Solch edles Fräulein, solches Roß verbliebe.«

4.

»Nur als ein Lügner magst du Dieb mich schelten,« Spricht drauf, nicht minder stolz, Fürst Sakripant: »Das Wort kann eher von dir selber gelten, Nach dem, was in der Welt von dir bekannt. Es zeigt sich, wenn Entscheid die Schwerter fällten, Wer mehr mit Recht sich hat den Herrn genannt. Indes von ihr muß ich dir zugestehen: Man kann nichts Edleres auf Erden sehen.«

5.

Wie Hunde wohl, bevor sie sich zerstücken (Ob Haß, ob Neid und Mißgunst sie bewegt), Mit Zähnefletschen aufeinanderrücken, Wie jeder, schielen Augs, die Glieder regt, Vor Wut dann schäumend, mit zerzaustem Rücken, Den scharfen Zahn in seinen Gegner schlägt – So ging's, nachdem genug sie schrien und schalten, Zwischen den beiden jetzt ans Schädelspalten.

6.

Zu Fuß ist der, und jener sitzt zu Pferde. Meint Ihr, daß drum der Heide Vorteil hab'? – O nein! Nur Schaden; hilflos von Gebärde, Sitzt er, als wär's ein unerfahrner Knab': Es schafft der Hengst dem Herren nicht Beschwerde, Weil seltenen Instinkt Natur ihm gab. Ob mit der Hand der Reiter lenkt – mit Sporen, 's ist alles an dem störr'schen Tier verloren!

7.

Soll stehn der Hengst, beginnt er fortzujagen, Dann rasch zum Kreisel wird er ganz und gar: Er bockt, soll er den Reiter vorwärts tragen, Bäumt sich, schlägt aus, beut alle Tücken dar. Der Heide sieht, die Stund' hat nicht geschlagen, Zu bändigen ein Tier so wunderbar, Stützt auf den Sattelbogen sich zum Schwunge Und steht auf Füßen jetzt nach raschem Sprunge.

8.

Als sich der Heide durch sein leichtes Springen Hat von des Tiers verbißner Wut befreit, Hei, da beginnt ein Ansturm und ein Ringen, Wert eines Paars so hochbewährt im Streit! Bald singen hoch, bald summen tief die Klingen; Vulkans Gehämmer wäre Langsamkeit Dagegen in der Höhle, wo beschieden Ihm war, den Blitz des Jupiter zu schmieden.

9.

Mit langen Hieben, Finten, kurzen Streichen Zeigt jeder sich als Meister: bald gereckt Stehn beide aufrecht, bald geduckt dann schleichen Sie, Blöße gebend, und darauf gedeckt; Sie rücken vor, um rasch zurückzuweichen, Parieren, meiden, locken vorgestreckt, Drehn sich: wo Platz der eine hat gelassen, Will gleich der Fuß des andern Posto fassen.

10.

Mit voller Wucht zu hauen und zu pochen, Gibt jetzt Rinald sich hin mit einemmal; Der Fürst hält seinen Schild vor, der – aus Knochen – Mit Platten ist versehn von feinem Stahl: Fusberta hat den starken doch durchbrochen; Weit dröhnend seufzt der Wald und klingt das Tal. Wie Eis zersplitternd Stahl und Knochen sprangen, Betäubten Arm läßt der Zirkassier hangen.

11.

Als nun das scheue Mädchen solch Verderben Entspringen sah dem Hiebe fürchterlich – Gleichwie dem armen Sünder, geht's ans Sterben, Ihr aus den Wangen alles Blut entwich. 's ist Zeit zu fliehn, als Beute sonst erwerben Wird sie der Ritter ja, so sagt sie sich, Den sie verabscheut mit des Hasses Triebe, Wie er ihr zugetan ist voller Liebe.

12.

Sie schwenkt das Roß, läßt es von dannen jagen Auf engem, rauhem Pfad durch Waldesmitt'; Oft blickt sie scheu zurück mit Furcht und Zagen, Im Wahn, sie höre der Verfolgung Tritt. Noch hat das Tier sie nicht gar weit getragen, Da kam im Tal daher ein Eremit, Dem floß der Bart bis auf die Brust hernieder, Ehrwürdig schien er ihr und fromm und bieder,

13.

Von Fasten mitgenommen und von Jahren; Ein Eselein, bedächtig, schaukelt ihn. Man meint, es sei vor andren Menschenscharen Ein fein und zart Gewissen ihm verliehn. Als er die Holde sah mit Rabenhaaren Und Rosenwangen durch die Büsche fliehn, Da rief sie gleich – wiewohl sie etwas schwach ihm Und schüchtern schien – die Menschenliebe wach ihm.

14.

Sie möchte nun von ihm den Weg erkunden, Der sie zu einem Hafen bring' am Meer; Denn gern aus Frankreich wäre sie verschwunden, Daß von Rinald nicht mehr die Rede wär'. Der Mönch – er war der schwarzen Kunst verbunden – Müht sehr sich ab, daß er ihr Trost bescher'; In kurzem, sagt er, werde Fährnis enden – Flink aus der Tasche hat er was in Händen.

15.

Es war ein Buch – das wirkte große Sachen! Er las darin noch keine Seite aus, Als, auf des Herrn Befehl, sich aufzumachen, In Dienerform ein Geist erscheint daraus; Hin geht er, wo sich Aug' in Aug' bewachen Die Ritter noch nach halbvollbrachtem Strauß. Im Wald, doch nicht in Kühle, beide fand er, Und mutig zwischen ihnen plötzlich stand er.

16.

Er sprach: »Ihr Herrn, wollt mit Verlaub mir sagen, Was nutzt es euch, daß ihr einander fällt? Was habt ihr wohl von allen euren Plagen, Nachdem die Schlacht zu End' ist, wenn der Held Roland[4], ohn' einen einz'gen Hieb zu schlagen, Ohne daß nur ein Schuppenring zerschellt,