2,99 €
1284: Ritter Richard von Calenstein ist ein früherer Trinker mit Gewaltexzessen. Um seine Ehre wiederherzustellen soll er mit seinen Söldnern Odulf und Ado die verschwundenen Kinder von Hameln finden. Auf deren Spuren werden die schlimmsten Alpträume wahr. Was ist Wahn, was Realität ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 210
Veröffentlichungsjahr: 2021
In memoriamManuela
P. J. Berger
DER
RATTENFÄNGER
VON HAMELN
Roman
© 2021 P. J. Berger
Umschlag: P. J. Berger
Illustration: Adobe Stock
Lektorat, Korrektorat: Lektor-hoch-drei
Verlag & Druck:
tredition GmbH,
Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-347-29616-9
Hardcover
978-3-347-29617-6
e-Book
978-3-347-29618-3
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Prolog
Von des Teuffels gewalt unnd boßheyt wil ich hie ein warhafftige Historiam melden. Ungefehrlich for 180 jaren hat sichs begeben zu Hammeln inn Sachsen an der Weser / das der Teuffel am Tag Marie Magdalene inn menschlicher gestalt sichtiglich auff den gassen umbgangen ist / hat gepfiffen / und vil kinder / knebele und meide an sich gelockt / und zum stadthor nauß gefürt an einen berg …
Jobus Fincelius, 1556
1. Kapitel
Ritter Richard von Calenstein hatte ein Verbrechen begangen. Ein furchtbares Verbrechen, für das er bald die Konsequenzen tragen musste.
Mit seinen einundzwanzig Jahren maß er einen Meter fünfundachtzig. Das Lanzenstechen hatte seinen Körper muskulös gemacht. Er trug einen Bart.
Es war Anno Domini 1284. Das Jahr, als der Teufel seinen Fuß in die Lande von Herzog Wilhelm setzte. Als Richard das schlimmste Grauen noch bevorstand. Doch im Moment machte ihm nur der kommende Prozess Sorgen. Der Prozess vor seinem Landsherrn, Herzog Wilhelm von Braunschweig-Wolfenbüttel aus dem Geschlecht der Welfen. Richard, selbst von niederem Adel, wurde der höchsten, der Halsgerichtsbarkeit überstellt. Jener Instanz, die gar Todesurteile aussprechen konnte.
In dem finsteren Saal der Burg Dankwarderode, Residenz von Herzog Wilhelm in Braunschweig, hatte man sich bereits versammelt. Hinter einem langen Nussbaumtisch thronten der erst vierzehnjährige Wilhelm und Volkwin V. von Schwalenberg, der Bischof von Minden. Der Geistliche war für seine Verhörmethoden berüchtigt. Er stellte seine Fragen so, dass der Angeklagte fast immer nur mit Ja oder Nein antworten, und nicht mehr ausweichen konnte. Dann und wann suggerierte er den Beschuldigten Strafmilderung, um ihnen ein Geständnis zu entlocken. Sodenn ließ er sie fallen, nahm jegliche Hoffnung auf eine Erleichterung ihrer Strafe. Sie waren ihm hilflos ausgeliefert.
Mit dem Bischof war auch ein jämmerlich aussehender Priester eingetroffen. Anzeichen von Gewalt konnte man deutlich erkennen, blaue Flecken, vor allem aber seine verrenkten, gebrochenen Glieder stachen ins Auge.
Richard ließ die Blicke zu den Richtern hinter dem Nussbaumtisch schweifen, denen einige der höchsten Vögte des Herzogs zur Seite saßen, die als Protokollanten fungierten. Beunruhigt suchte er danach die Ränge des Publikums ab, ein aufmunterndes Zeichen seiner Söldner Ado und Odulf, die dort Platz gefunden hatten, hätte ihm in diesem Moment gutgetan. Jemand zerrte an seinen Ketten, und flankiert von zwei Soldaten schleifte man ihn vor das hohe Gericht. Man hatte ihn zu einem verängstigten Tier erniedrigt.
Der Bischof gab den Beisitzern ein Zeichen, sprach ein paar rituelle Verse.
Dann wandte sich Herzog Wilhelm an Richard. »Wer seid Ihr?«
»Hochgeboren, ich bin Ritter Richard von Calenstein.«
»Wann habt Ihr Eure Schwertleite erhalten?«
»Ich erhielt im Frühjahr dieses Jahres meine Schwertleite vom Ritter von Ytzenburg.«
Richard erinnerte sich nur ungern an die Pagen- und Knappenzeit. Sie begann kurz nach dem Verschwinden seines Vaters, das ihn vollkommen aus der Bahn geworfen hatte, weswegen Gewalt gegenüber seinen Kameraden Richards Ausbildung vorzeitig beendet hatte. Nur mit Mühe und Not konnte seine erzürnte Mutter die Situation noch zum Guten wenden. Sie gab ihren Sohn als Knappe zu dem befreundeten Ritter von Ytzenburg. Der aber scherte sich kaum um Richard.
Das Lanzenstechen zweimal die Woche bedeutete für Richard die einzige Reinigung seines Geistes von seinen gewalttätigen Ausbrüchen. Mit der Zeit erlangte er eine Schlagkraft wie kein zweiter unter den Knappen und gewann zwei Turniere.
Ein Außenseiter, dem eine düstere Zukunft bevorstand. Er war ursprünglich ein aufmerksamer, guter Schüler gewesen, der allmählich dem Wein und Bier verfiel. Es begann mit jenem verhängnisvollen Schluck Bier, den man Richard auf einem Fest angeboten hatte. Und er trank, denn dies abzulehnen galt als eine Beleidigung und ein Zeichen von Schwäche. Trinkduelle mit seinen Kameraden folgten. Denn wer sich diesen entzog, wurde zum Außenseiter.
Nach dem Ende eines jeden Fests verkroch er sich gelegentlich an einen einsamen Ort. Dort trank er weiter Wein, wenn noch etwas da war, und fiel oft erst im Morgengrauen auf sein Lager. Die Ausnüchterung erschien ihm wie ein Gruß aus der Hölle. Er empfand häufig tiefen Abscheu vor sich selbst und dachte nicht selten daran, seinem Leben ein Ende zu setzen.
Wenn die Saufgelage unter der Woche bis spät in die Nacht stattfanden, bekam er meist gerade mal zwei Stunden Schlaf, und gewöhnlich kam er nicht rechtzeitig in der Knappenschule an. Das Schlimmste für ihn war, dass er anschließend ein Minnelied vortragen musste. In diesem Fall sang er mit übergroßen Augen und einem verdächtigen Geruch nach Bier, sodass die ganze Gesellschaft, Hofdamen, Wachen, Knechte, Mägde und seine Kameraden ins Lachen gerieten. Komischerweise schien der Ritter von Ytzenburg nie etwas zu bemerken, oder er ließ sich zumindest nichts anmerken. Gerüchte besagten, er sei selbst ein Trinker vor dem Herrn.
Richard wurde immer öfter krank, und sein ungepflegtes Erscheinen wurde auffällig. Trotzdem weigerte er sich beharrlich, seine Sucht einzugestehen. Er könne jederzeit aufhören, behauptete er immer wieder.
»Ich verweilte vor etwa zehn Jahren längere Zeit beim Ritter von Ytzenburg«, sagte Herzog Wilhelm ungeduldig und Richard wusste nicht, wie lange er in seinen Gedanken verharrt hatte. Hatte der Herzog diese Bemerkung schon einmal gemacht? »Doch Euch habe ich dort nie gesehen.«
»Ich kam erst mit vierzehn Jahren zu ihm als Knappe.«
»Seid Ihr bei ihm nicht Page gewesen?«
»Ich war es zuvor bei einem befreundeten Ritter meines Vaters, dessen Name mir entfallen ist. Doch dieser Dienst wurde vorzeitig beendet.«
»Da ist es! Wie kommt es, dass ein Edelknecht von seinem Herrn nicht als Knappe übernommen wird?«, fragte von Schwalenberg.
»Ich hatte ein paar Verfehlungen in meiner Jugendzeit. Daher entließ man mich.«
»Seht Ihr!«, rief der Priester. »Ein niederträchtiger Bengel, der sich seiner Erziehung widersetzt. Der sich auch heute nicht dem Gesetz beugen will!«
»Wer ist Euer Vater und Eure Mutter?«, wollte der Herzog von Richard wissen.
»Mein Vater ist Ritter Arno von Calenstein. Meine Mutter Hildegard von Calenstein.«
Richard erinnerte sich an seinen Vater, einen Ritter aus niederem Adel. Ein junger, dürrer Mann. Allen außer Richard selbst kam er winzig vor. Selbst seiner Mutter, die nur geringfügig kleiner war als ihr Ehemann. Richard blieb ein Einzelkind. Vier Geschwister waren bei der Geburt oder im Kleinkindalter gestorben. Ob er von seinem Vater später noch einen Stiefbruder oder eine Stiefschwester bekommen hatte, wusste er nicht.
Spannungen prägten von Anfang an Richards Verhältnis zu seinen Eltern. Für sie war er immer nur das ungewollte Kind, das »Ding«. Das spürte er. Wenn er sich um etwas bemüht hatte, bekam er niemals ein Wort des Lobes. Kurzum: Er fühlte sich alleingelassen und einsam.
»Euer Vater schuldete meinem Vater, und damit mir, eine Menge Geld!«, sagte der Herzog streng. »Ich habe ihn lange nicht mehr gesehen. Sagt mir, wo hält er sich auf?«
Richard wusste um die hohen Schulden seines Vaters beim Herzog, denn er hatte sich Geld geliehen, nachdem der finanzielle Ruin, den er selbst verschuldete hatte, die Familie vor große Schwierigkeiten stellte.
Dass sein Vater sich eines Tages einfach davonmachte und die Familie im Stich ließ fraß sich in Richards Gedächtnis ein wie die Brandmarke in das Fleisch eines zu Zwangsarbeit Verurteilten. Da war er sechs Jahre alt. Am Anfang war er tief bestürzt, traurig und hoffte, dass sein Vater zurückkommen würde. Er kam nicht. Irgendwann hasste Richard ihn dafür.
Seiner Mutter war das Verschwinden bald gleichgültig. Sie warf die Sachen, die sein Vater zurückgelassen hatte, weg. Schließlich fand sie einen neuen Liebhaber und redete nicht mehr über Richards Vater. Manche Leute schlossen die Möglichkeit nicht aus, dass er von einer Räuberbande getötet worden war. Doch Richard und seine Mutter wussten es besser: Er war untergetaucht. Bis zum heutigen Tag wusste Richard nicht, was aus ihm geworden war.
»Ich weiß nicht, wo er sich aufhält«, antwortete Richard wahrheitsgemäß dem Herzog. »Er verließ unsere Familie vor einigen Jahren und kehrte nicht wieder. Die meisten vermuten, dass er sich dem letzten Kreuzzug anschloss und dabei starb.«
»Also hat er seine Familie im Stich gelassen?«, fragte der Herzog.
»Mit seinem Verschwinden brach eine Welt für mich zusammen. Ich fühlte mich orientierungslos und …«
»Wenn er sich dem Kreuzzug angeschlossen hat, ist er ein Märtyrer«, fiel ihm sogleich Bischof von Schwalenberg ins Wort. »Für den Sieg über die Sarazenen sollte jede Familie ein Opfer bringen. Es ist keine Sünde, wenn man dafür seine Familie verlassen muss, sondern der Pfad zum Himmel!«
Richards Vater war ein Herumtreiber und ein religiöser Fanatiker gewesen. Wie oft hatte er über die geldhungrigen Juden hergezogen und gefordert, alle ungläubigen Sarazenen im Heiligen Land zu töten.
»Man berichtet mir, Ihr hättet Euer Leben immer weniger im Griff. Euren Wutanfällen wart Ihr niemals Herr geworden?«, fragte der Herzog.
»Ja, das stimmt«, gab Richard kleinlaut zu.
Einmal hatte er gedroht, er würde die Pagen, die ihm unterlegen waren, umbringen, wenn sie jemandem davon erzählten. Auch das Quälen von Tieren machte ihm bisweilen großen Spaß. Einmal hatte er eine herrenlose Katze zu Tode getreten. Wenn man ihn beleidigte, wurde er sofort handgreiflich. Sein aggressives Auftreten hatten andere zu verantworten, so dachte er. Natürlich war er längst zum Gesprächsthema der Burg geworden. Nicht zuletzt wegen seiner immer schlechteren Prüfungen. Aber Gewalt war sein einziger Weg, um sich Anerkennung zu schaffen.
Das brachte Richard mehrere Prügelstrafen ein, bis ihn der Freiherr schließlich aus dem Pagendienst entließ und ihn nach Hause schickte.
Die vielen zerrissenen Kleidungsstücke aus allen möglichen Rangeleien stellten für ihn noch das geringste Problem dar. Vielmehr machten ihm die vielen Stunden im Kerker zu schaffen, die er sich einhandelte und dass sich seine Kameraden allmählich von ihm abwendeten, betrübte ihn.
»Habt Ihr ein Weib, Ritter Richard von Calenstein?«, fragte von Schwalenberg.
»Nicht mehr.«
»Ist sie tot?«
»Nein.« Richard zögerte. »Sie hat mich verlassen.«
Gemurmel brach im Saal aus. Richard wusste genau, dass er durch diese Aussage als Schwächling dastand. Dessen Weib ihm nicht untertänig war. Richards Blick fiel auf Ado und Odulf, aber aus ihren starren Minen konnte er nichts lesen. Waren sie immer noch auf seiner Seite?
Während das Getuschel im Saal anschwoll, schweiften Richards Gedanken zu Mathilde. Die Ehe mir ihr hatten ihre und Richards Eltern beschlossen. Um deren Bündnis zu stärken. Er sollte die Tochter der befreundeten Familie heiraten. Da war Richard achtzehn, Mathilde fünfzehn Jahre alt. Sie hatten sich von Anfang an hervorragend verstanden. Doch bald nahm die Beziehung der Verlobten durch die Trinkerei einen schlechten Verlauf, obwohl Richard Mathilde auf keinen Fall verlieren wollte und ihr immer Besserung versprach.
Als Mathilde dann im Streit mit ihren Eltern brach, die die Trinksucht des Verlobten ihrer Tochter nicht einfach hinnehmen wollten, nahm Richard sie hilfsbereit bei sich auf, ohne die Situation ausnutzen zu wollen. Das war jetzt fast drei Jahre her. Bei Gott!
Dann kam die Zeit, als es mit Richards Trinksucht immer schlimmer wurde. Mathilde entschied sich, für einen Zeitraum von drei Monaten den Kontakt zu Richard zu unterbrechen, bis er sein Leben wieder im Griff hätte. Sie würde ihm weiterhin treu bleiben, doch sie könne seine Launen nicht mehr ertragen. Richard akzeptierte das, befürchtete aber, dass sie sich für einen anderen interessierte. Bald merkte er jedoch, dass dies unbegründet war.
Mathilde kam Richard trotzdem nur noch selten besuchen. Sie bemühte sich um ein möglichst eigenständiges Leben und war entsetzt über das, was er führte.
Richard, der seiner Trinksucht nicht mehr Herr wurde, spürte, dass er sie verlor.
Der einzige Lichtblick in seinem Leben waren die ihm gebliebenen Kameraden. Gemeinsam philosophierten sie über Gott und die Welt, stritten darüber, wie es um die Macht von Kaiser Rudolf stand oder welcher Gelehrte in welchen Fragestellungen recht behielt.
Dann näherte sich die Schwertleite. Richard sah, wie den anderen – im Gegensatz zu ihm – eine Zukunft bevorstand, und plötzlich packte ihn ein unglaublicher Ehrgeiz. Mindestens ein Viertel des Tages trainierte er, schob die Saufgelage in den Abend hinein. Die Routine des täglichen Unterrichts wurde zu einer wichtigen Stütze in seinem Leben.
Der Tag, an dem er seine Schwertleite erhielt, war der Tag, an dem er Mathilde endgültig verlor. Es war im Frühjahr des Jahres 1284, als er einundzwanzig Jahre alt geworden war und seine Prüfungen bestanden hatte, wenn auch nicht glanzvoll.
Auf dem Festbankett des Ritters von Ytzenburg schenkte man fässerweise Bier aus. Mathilde näherte sich ihm, vertraut lagen sich beide in den Armen, waren so glücklich wie lange nicht mehr. Mit seiner Disziplin hatte Richard nicht nur seine Kameraden, sondern vor allem seine Verlobte beeindruckt. Doch das Bier war ihm mehr wert, als sein persönliches Glück. Als es in den Fässern versiegte, ritt er mit seinen Freunden in die nahegelegene Stadt. Mathilde, die ihn beschwor, es nicht zu tun, stieß er angetrunken von sich.
Das sollte er sein Leben lang bereuen.
Richard schlief kaum noch, bekam Wahnvorstellungen. Er pflegte fast keine Freundschaften mehr, verfluchte alles und jeden, schimpfte über Gott und die Welt.
Zudem hatte ihm seine verstorbene Mutter einen Schuldenberg hinterlassen. Zu seinen eigenen Ausständen also noch weitere hinzugefügt. Das Einzige, was ihm blieb, waren seine beiden Söldner, die er allerdings kaum noch bezahlen konnte Den neunzehnjährigen äußerst begabten Armbrustschützen Ado hatte er als Knappen beim Ritter von Ytzenburg kennengelernt. Mit dessen Zustimmung warb Richard Ado für sich selbst ab, verfeinerte seine Schussfertigkeiten und brachte ihm sogar Lesen und Schreiben bei. Der zehn Jahre ältere Lanzenträger Odulf war bereits Söldner von Richards Mutter gewesen. Im Gegensatz zu den übrigen Söldnern der Baronin von Calenstein war Odulf der Ansicht, dass sich sein Treueschwur auch auf die Nachkommen übertrug, und stellte sich freiwillig in den Dienst von Richard. Der pflegte mit den beiden einen freundschaftlichen Umgang. Zwar brachten Ado und Odulf ihm den gebührenden Respekt eines Ritters entgegen, doch Richard schätzte es, wenn sie ihm bisweilen auch ihre Meinung sagten.
»Sie hat sie also verlassen«, riss ihn die laute Stimme des Bischofs ihn in die Gegenwart zurück.
Richard nickte bestätigend. Es war wieder still im Saal geworden.
»Dann brauchen wir sie nicht als Zeugin vernehmen«, sagte Wilhelm.
Nachdem nun die Formalitäten beendet waren, las der Herzog den Anklagepunkt vor. »Ritter Richard von Calenstein, Ihr seid angeklagt, diesen Priester des Bischofs von Minden brutal niedergeschlagen zu haben.« Er deutete auf den übel zugerichteten Geistlichen, der Richard mit zusammengepressten Lippen fixierte. »Wollt Ihr Euch dazu äußern?«
»Hochgeboren, ich bereue zutiefst. Ich war in jener Nacht betrunken und nicht Herr meiner Sinne. Ich habe dem Übel der Trunksucht inzwischen abgeschworen.«
»Danach haben wir Euch nicht gefragt. Wir wollen wissen, was Ihr dem Priester konkret angetan habt!«, ereiferte sich Bischof von Schwalenberg erbost und wandte sich an Wilhelm. »Seht Ihr, auf welch niederträchtige Ausflüchte diese widerwärtigen Leute zurückgreifen? Auf hinterlistige Art und Weise wollen sie die Richter täuschen.« Mit gefurchter Stirn wandte er sich erneut an Richard. »Aus welchem Grund habt Ihr diesen Priester angegriffen?«
»Ich weiß es nicht mehr. Ich erinnere mich an vieles nicht mehr, was an jenem Abend geschah. Das Bier hatte meinen Geist vernebelt.«
»Und was hattet Ihr an jenem Abend in dieser Kirche zu suchen?«, fragte der Herzog.
»Es war bitterkalt in dieser Nacht. Ich und mein Söldner Ado suchten Schutz.«
Richard erinnerte sich mit Grauen an jenes Ereignis. Zu welcher Stunde es genau geschehen war, wusste er nicht mehr. Es war eine dieser durchzechten Nächte gewesen, in denen er sich mit Ado bei einem Kameraden betrunken hatte. Länger als zwei Tage konnte Richard es kaum noch ohne Bier oder Wein aushalten.
Und es waren neue Probleme dazugekommen. Es ging nicht mehr um einen dicken Schädel am frühen Morgen, einen Magen, der sich anfühlte, als ruhten schwere Steine darin oder um den Gedächtnisverlust. Viel schwerer wog die Mühe, die er hatte, das nötige Geld dafür aufzubringen. Ständig bat er seine Kameraden um Unterstützung. Dann aber musste er sie bald darauf wieder und wieder um Zahlungsaufschub bitten. Ein Kreislauf, den seine wenigen Freunde bald nicht mehr unterstützen wollten. Zudem plagte ihn der Verfolgungswahn nun fast permanent. Hinterlist und Tücke schienen hinter jeder Ecke zu lauern. Drei seiner Kumpane waren in Gewahrsam genommen und zu einer harten Prügelstrafe verurteilt worden, nachdem sich diese betrunken unsittlich benommen hatten. In seiner Verstörtheit befürchtete Richard, Spitzel und Spione könnten es auch auf ihn abgesehen haben. So manchen Bekannten seiner Kameraden, der ihm fremd war, bezichtigte er bei diversen Saufgelagen der Schnüffelei, nannte ihn »Spitzelschwein«. Wenn er nach einer Zecherei nach Hause schwankte, fühlte sich Richard nicht sicher, vermutete hinter jeder Person, die ihm begegnete, einen Spitzel.
Richards versuchte, seine wirbelnden Gedanken zu ordnen und sich an die Frage des Bischofs zu erinnern. Der Abend. Die Kirche. Es war ein bitterkalter Abend gewesen, an dem er gemeinsam mit Ado aus der nahegelegenen Stadt auf die Burg zurückwankte. Als sie an der Kirche vorbeikamen, spürte Richard seine starren Glieder bereits kaum mehr, außerdem fiel es ihm zunehmend schwerer, sich zu orientieren.
Da er sich kaum noch fortbewegen konnte, stimmte Ado schließlich zu, sich eine Zeit lang in der Kirche aufzuwärmen. Außer ihnen befanden sich etwa fünf weitere Personen darin. Ein Gottesdienst war im Gange. Richard konnte sich daran erinnern, wie Ado ihn zur Rücksicht gemahnt hatte.
»Hochwohlgeboren, bitte reißt Euch zusammen!«, hatte Ado ihn mit gedämpfter Stimme getadelt. »Ihr macht nur die Leute auf uns aufmerksam!«
»Ist mir gleichgültig! Ich kann tun, was ich will!«
»Wegen Euch werden wir noch aus der Kirche geschmissen!«
»Sollen sie doch!«
In dem Moment fiel Richards Blick auf den Priester.
Mit seiner maßgeschneiderten Kutte, der Mitra und dem perfekten, kurz gestutzten blonden Haar strahlte er ein sehr selbstbewusstes Auftreten aus. Er mochte kaum älter als Richard sein und musste hohes Ansehen genießen, wenn er die Predigt halten durfte. Jetzt, da er diesen jungen Priester ein so hohes Amt ausüben sah, erinnerte er sich daran, dass er sich nie eingestehen wollte, dass er Menschen mit Ehrgeiz und Begabung beneidete. Es waren jene Kerle, die alle Prüfungen bestmöglich bestanden. Die sich über ihre Zukunft keine Gedanken machen mussten.
Vielleicht war es einfach der Funken Neid, der das Fass in ihm zum Überlaufen brachte. Dem Priester stand womöglich eine steile Laufbahn bevor, über materielle Not musste er sich keine Sorgen machen.
Diese Überlegungen schossen Richard erst jetzt im Gerichtssaal durch den Kopf.
Er versuchte, die grässlichen Bilder seiner Tat zu verdrängen, doch dann rief von Schwalenberg den Priester auf.
»Ich bitte Euch, die Geschehnisse aus Eurer Sicht wiederzugeben«, bat der Bischof ihn.
»Hochgeboren, ich las an jenem Abend nichts ahnend in der Kirche aus der Heiligen Schrift. Mit einem Mal drangen diese Beiden in die Kirche. Mein Blick kreuzte sich mit dem des Angeklagten, für einen Augenblick sahen wir uns direkt in die Augen. Dieser Ritter fragte mich, warum ich zu ihm hinübersehen würde. Ich merkte ihm sofort an, dass er getrunken hatte. Ich wandte meinen Blick ab, in der Hoffnung, die beiden würden wieder verschwinden.
Daraufhin fragte mich der Angeklagte provozierend, ob ich etwa Eure Männer rufen wolle, um ihn in Gewahrsam nehmen zu lassen. Und er kam dabei näher.
Er erklärte mir daraufhin, dass mir sein Benehmen missfalle. Hochgeboren, der Mann störte meine Predigt mit üblem Geschwätz! Zudem war er sichtbar betrunken! Aber ich sagte dem Angeklagten, dass es mich nichts angehe, welchen Gelüsten er nachgehe wollte, wenn er dies nicht während meiner Predigt tun würde Und als ich die beiden dann aufforderte, die Kirche zu verlassen, schlug der Mann mir seine Faust ins Gesicht. An alles, was danach passierte, kann ich mich nicht erinnern.«
*
An den Faustschlag konnte sich Ado erinnern. Es hatte mit ihm begonnen. Und mit ein paar Fußtritten gegen den Körper des Priesters geendet, als der längst bewusstlos am Boden gelegen war.
Ado wusste noch, dass er mit aller Mühe versucht hatte, Richard vom Priester wegzuzerren, und dabei immer wieder rief:
»Hört auf, Hochwohlgeboren! Ihr bringt ihn um!«
Dabei war sein Blick zwischen seinem Herrn und dem Schwerverletzen hin und hergewandert, der regungslos in einer Blutlache gelegen hatte.
Mein Gott, er hat ihn getötet!, war ihm dabei durch den Kopf geschossen.
Nur zögerlich griffen die übrigen Anwesenden ein, hielten Richard zurück. Vielleicht befürchten sie, selbst zum Opfer zu werden. Ado reagiert am schnellsten, doch auch er konnte das Unheil nicht verhindern.
Eine grässliche Kopfwunde entstellte den auf dem Boden liegenden Priester, Blut verschmierte sein Gesicht.
Offensichtlich vom Geschrei angezogene Passanten betraten jetzt die Kirche und drängten sich ebenfalls um das Opfer. Schließlich kamen Männer, die Richard in Gewahrsam nahmen.
Schon damals hatte sich Ado gefragt, wie es zu der Tat kommen konnte. Hatte sein Herr sich doch nicht im Griff? Verheimlichte er ihm etwas? Der verzerrte Gesichtsausdruck seines Herrn hatte Ado vermuten lassen, dass fremde Mächte ihre Hand im Spiel hatten. Sein Herr tat das alles nicht aus eigenen Stücken. Nicht wirklich.
Ado dachte bereits in jenem Moment an den Prozess, der auf seinen Herrn zukommen würde. Der Angeklagte auf der Bank. Seine beherzten Fürsprecher, der erbarmungslose Bischof, die mitleidslosen Zuschauer. Und der harte, aber gerechte Herzog, sein Richter. In Ados Augen wurde das zur Realität. Zur bitteren Realität.
»Der Bischof wird für das Schwert plädieren«, sagte er nervös zu Odulf. »Sie verurteilen ihn zu Tode.«
»Ruhig Blut!«, entgegnete Odulf. »Ich bin mir sicher, dass der Herzog Gnade zeigen wird. Sei nicht immer so vorschnell!«
Ado zitterte. Sein Herr hatte einen wehrlosen Menschen beinahe ermordet, er selbst hatte nicht schnell genug eingegriffen, und das ließ ihn sein Gewissen nun spüren.
Ado war der Erste gewesen, der seinen Herrn im Kerker besucht hatte. Als er ihm gegenübersaß, sagte er:
»Hochwohlgeboren, ich habe mit dem Trinken aufgehört. Ich habe gesehen, wohin der Genuss führen kann. Das ist für mich aus und vorbei.«
»Hast du es wirklich geschafft?«
»Ich habe es geschafft! Auch ich hätte mich am Priester vergreifen können, so betrunken wie ich war.«
Immer wenn Ado die Augen schloss, sah er den Priester in seiner Blutlache liegen. Sein Herr teilte ihm mit, dass er des Öfteren an einen Strick dachte. Daran, ob es nicht besser wäre, alles zu beenden. Falls Mathilde ihn im Kerker besuchen würde, wollte er sie um Vergebung bitten. Für alles, was er ihr angetan hatte. Ado wünschte sich, dass sie käme.
Jetzt, vor Gericht, dachte Ado daran, wie sie gemeinsam im Kerker überlegt hatten vorzugehen. Wie Richard sein Handeln erklären wollte. Er war von der Trunksucht übermannt worden.
Niemand konnte ihm einen Pakt mit dem Teufel vorwerfen, wenn er zu keiner Zeit die Absicht gehabt hatte, sich in die Hölle zu begeben. Sein Herr, so hatte Ado damals gedacht, war zum Spielball des Schicksals geworden.
Inzwischen hatte der Herzog vor Gericht alle Zeugen vernommen, doch ihre Aussagen waren an Ado ungehört vorbeigezogen. Seine Gedanken standen nicht still.
Warum hatte er es zugelassen, dass Richards Leben so aus den Fugen geraten konnte? Steckte in Richard wirklich solch ein bösartiges Wesen? Hatte er tatsächlich aus eigenem Willen all das Schlimme getan? Oder war er doch nur das Opfer von Umständen, die sich gegen ihn verschworen hatten? Nach all dem, was er anderen angetan, aber auch selbst durchgemacht hatte. Er hatte mit Sicherheit alles erlitten, nicht getan. Schließlich hatte an ihrer Knappenschule der Kreis ihrer Kameraden aus einer Handvoll Säufer bestanden. Einer Gruppe, in der oftmals ein ziemlich rauer Ton geherrscht hatte. In der die übelsten Schimpfwörter an der Tagesordnung gewesen waren, und in der auch nicht selten Gewalt ausgeübt worden war.
»Ihr seid ein netter Kerl, niemals von bösartiger Natur,« hatte Ado ihm gesagt. »Der nur daran arbeiten muss, seine Wutausbrüche unter Kontrolle zu bringen, bevor diese Konsequenzen nach sich ziehen. Der aber vor allem zu lernen hat, seine Sucht zu meistern! Das ist jedoch keine Sache, die mit dem Aufhören des Trinkens zu bewältigen ist – man muss auch mit ihr im Geist fertig werden. Fakt ist, dass Ihr nun mit den Folgen umgehen müsst!«
*
»Gesteht Ihr die Tat, die man Euch zur Last legt, Richard von Calenstein?«, hörte Richard den Herzog.
Er antwortete mit leiser Stimme: »Ja.«
»Lauter!«, schrie von Schwalenberg. »Wir können Euch nicht hören!«
»Ich leugne nichts! Ich habe gesündigt. Dafür büße ich. Ich bitte um Vergebung für diese Sünde.«
»Sofern es uns die Rechtsprechung ermöglicht, werden wir auf Euer Geständnis und Eure Reue Rücksicht nehmen«, sagte der Herzog. »Doch hier liegt keine Kleinigkeit vor. Richard von Calenstein, man wirft Euch vor, einen Diener Gottes brutal niedergeschlagen zu haben.«
»Ja, Herr. Ich schwöre …«
»Ihr wollt einen Schwur leisten, um Eure Strafe milder zu stimmen?«, fragte der Bischof. »Das genügt nicht, um Eure Sünden zu tilgen! So schwört! Aber glaubt nicht, dass Euer Urteil dadurch gnädiger ausfallen wird!«
»Was soll ich stattdessen tun?«
»Es gibt nichts, was Ihr noch tun könnt, Richard von Calenstein! Ihr seid ein Verbrecher und werdet Eure gerechte Strafe erhalten.«
»Das Urteil lautet fünfzig Rutenhiebe am Pranger«, verkündete der Herzog. »Euer Lehen wird Euch entzogen, und Euer übriger Besitz der Kirche vermacht!«
Diese Worte trafen Richard wie ein Donnerschlag. Nicht die Rutenhiebe jagten ihm einen Schrecken ein. Der Einzug seines Lehens und Besitzes versagte ihm jede ökonomische Grundlage. Er wusste zudem, dass eine Ehrenstrafe wie der Pranger darauf abzielte, ihn in der Öffentlichkeit als Straftäter bekannt zu machen. Das war verbunden mit dem Verlust der gesellschaftlichen Ehre und führte zu seiner Rechtlosigkeit.
