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Ein scheinbar harmloses Steuersparmodell hält die gesamte Führungsriege eines mittelgroßen Konzerns in Atem. Gier, Feigheit, Fehleinschätzung und Karrieredenken verhindern, dass das Projekt verworfen wird. Kurt Bleicher kann der Sache entrinnen, als er in die Geschäftsführung einer Konzerngesellschaft befördert wird. Nach einem gradlinigen Weg nach oben kommt er schließlich ins Straucheln ...
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Seitenzahl: 593
Veröffentlichungsjahr: 2013
Impressum
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© 2013 novum publishing gmbh
ISBN Printausgabe: 978-3-99026-936-7
ISBN e-book: 978-3-99026-937-4
Lektorat: Silvia Zwettler
Umschlagfoto: Kevin Renes | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Andi, Manni und Misi
Manni und ich schlenderten langsam nach Hause. Die einem Feldweg ähnliche Straße lag auf einem leicht erhöhten Damm, von dem nach links und rechts Eingangswege zu Parzellengrundstücken abgingen. Der Straßenbelag bestand aus einer Erd-Schotter-Mischung und es reihte sich ein Schlagloch an das andere. Kurz bevor wir die Endhaltestelle der Straßenbahn erreichten, beschleunigten wir unseren Schritt, da wir das Grundstück von Hirsemann dem Katzenfresser passierten, von dem wir nicht einmal wussten, ob er tatsächlich den Namen Hirsemann führte und ob er jemals eine Katze verspeist hatte.
Ob hinter dieser Namensgebung etwas steckte, weckte zwar unsere Neugier, die aber nicht befriedigt wurde.
An der Straßenbahnendhaltestelle der Linie 5 stand unser Stammkiosk, wo Manni aus unterster Hosentasche etwas Hartgeld hervorzauberte, sodass wir uns „Tom Mix“ und „Tom Prox“ kaufen konnten.
Tom Mix hatte ein eigenartiges Querformat wie eine Betriebsanleitung. Damit passte das Heft gut in eine tiefe Hosentasche. Tom Prox hatte DIN A5 und war damit weit unhandlicher, sodass Manni das Heft in seinen Tornister steckte.
Gleich nach dem Kiosk drückte sich Manni etwas an mich heran und raunte mir zu, dass er das Geld für die Groschenhefte aus dem Mantel von Frau Adams geklaut habe.
Frau Adams war die Putzfrau von Mannis Pflegeeltern, die eigentlich Onkel und Tante waren: Herr und Frau Wieland. Herr Wieland war für uns alle Respektsperson, nicht nur weil er immer sehr gut gekleidet war, sondern auch weil er mit seiner bestens rasierten Glatze einen würdigen Eindruck hinterließ.
Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte, hatte aber gegen den Kauf der Groschenhefte nichts einzuwenden.
In Höhe eines Textilwarengeschäftes, das im Untergeschoss eines Einfamilienhauses untergebracht war, hielten wir an, und Manni schleuderte das restliche Geld vom Kiosk in einem Bogen in den mit hohem Rasen bewachsenen Vorgarten. Mir stockte fast der Atem und ich fragte, ob es nicht schade um das viele Geld sei. Manni tat das professionell ab und erklärte mir, dass er zu Hause nicht mit Geld ankommen dürfe. Das mache verdächtig.
Eine Straße weiter bog ich dann in die Brahmsstraße ab und rannte, so schnell ich konnte, zur Nr. 14, wo wir wohnten.
Im Eingang des 4-Familienhauses horchte ich zunächst nach dem riesigen Köter aus der Erdgeschosswohnung, vor dem ich Angst hatte.
Da sein Jaulen nur schwach zu hören war, trampelte ich die Holztreppe schnell nach oben. In der Küche stand meine Mutter am Herd und schimpfte über mein spätes Kommen. Sie kannte meinen Stundenplan und wusste, wann Schulende war. Da mein Vater ebenfalls verspätet war, wandte sie sich wieder den Töpfen auf dem Herd zu, von denen sie einen, der Salzkartoffeln enthielt, mehrfach mit beiden Händen nach oben wippte, weshalb verstand ich nicht und wollte es auch nicht wissen, denn mein Spielschrank stand offen. Er stand an der Stirnseite der Küche und enthielt im untersten Fach meine Briefmarkensammlung, die teils in 2 Alben, teils in runden Blechdosen verstaut war. Die Blechdosen bekam ich en gros von meinem Vater, der damals „Dames Doppelfilter“ rauchte. In eine Dose passten ca. 50 Zigaretten. Die Dosen imponierten mir wegen ihrer rosa Farbe und ihrer schicken Aufmachung. Ich schloss den Schrank ab, um die darin enthaltene Unordnung zu verbergen, und setzte mich an den Küchentisch.
Meine Mutter war bei meinen Essvorlieben sehr großzügig; was ich nicht mochte, musste ich nicht zu mir nehmen. Linsen waren so ein Gericht, das mir widerstrebte, ebenso Salzkartoffeln, die es immer reichlich gab, da mein Vater ein Kartoffelliebhaber war. Meine „Ersatzmahlzeiten“ waren dann Pfannkuchen oder Rührei. Da mein Vater es anerkennend bemerkte, wenn ich davon einiges aß, empfand ich selbst eine Art Stolz, wenn ich an die 5 Pfannkuchen verdrücken konnte. Natürlich mit Streuzucker drauf.
Nach dem Mittagessen – auf meinen Vater wartete ich nicht – tobte ich die Holztreppe wieder hinunter, um rechtzeitig zur Verabredung mit Manni, Andi, Misi und Peer Schacht zu kommen. Auf halber Höhe der Treppe öffnete Frau Belsemeyer mit der Bemerkung, ich solle nicht einen solchen Lärm machen, da ihr Mann Mittagsschlaf halte; ich nickte kurz und war weg.
An der Ecke Georg-Gröning-Straße/Lüder-v. Bentheim-Straße kamen Manni und Misi von rechts. Misi hieß eigentlich Christian Miesen und wurde nur gelegentlich Krischan genannt. Sein Vater führte eine BV-Tankstelle in der Innenstadt, die recht verwinkelt lag, aber wohl gut lief; denn irgendwie hatte ich bei Misi zu Hause immer den Eindruck, dass es denen nicht schlecht gehe. Dass die Ehe der Eltern von Misi auseinanderginge, brachte meine Mutter einmal von einer Elternversammlung mit.
Den weitesten Weg hatte Andi, der in der Parkallee in einem großen Mehrfamilienhaus wohnte. Da Andi im Sport eher mäßig war, war es einleuchtend, dass er sich etwas verspätete. Am Hause Lüder-v. Benthein-Straße 18 überlegten wir kurz, ob wir Reetz Kröplin mitnehmen sollten. Reetz war etwas eigenbrötlerisch, stark kurzsichtig, schnell im 50-m-Lauf und hatte als Einzelkind zu Hause eigentlich alles. Sein Vater hatte im Souterrain eine kleine Kaffeehandlung, wo er Kaffeebohnen auf einem Laufband selbst sortierte und dann in Tüten abfüllte. Er nannte sich auf dem Türschild Kaffeekaufmann und hatte es immerhin zu einem großen Opel-Kapitän gebracht.
Wir überlegten es uns anders, klingelten nur etwa 10 Sekunden Sturm und rannten dann um die Ecke in die Schwachhauser Heerstraße, wo Peer Schacht in einer großen Villa im ersten Stock wohnte. Die großzügige Wohnung beeindruckte mich, ebenso seine schöne Mutter, die zu uns allen sehr freundlich war, aber nach kurzer Zeit verschwand. Peer hatte jede Menge Spielsachen, mit denen wir uns gut beschäftigen konnten, überwiegend im Flur und im Elternschlafzimmer, da wir dort Eisenbahnschienen verlegten.
Manni war vorübergehend nicht aufzutreiben, da er sich in die Küche verdrückt hatte, um dort in einen Bodenabfluss zu pinkeln, da er das Klo nicht gefunden hatte. Als uns das Spielen in der Wohnung langweilig wurde, beschlossen wir eine Erkundungstour durch die benachbarten Hintergärten zu unternehmen. Wir fühlten uns wie Abenteurer. Obwohl wir die Deckung der vielen Sträucher und Büsche suchten, schnappte uns in einem Garten die Eigentümerin und befragte uns, was wir wollten. Unsere ehrliche Antwort, dass wir auf Entdeckertour seien, amüsierte sie so sehr, dass wir mit Süßigkeiten versorgt und dann bei der Mutter von Peer Schacht abgeliefert wurden. Diese hatte in der Zwischenzeit die Sauerei in der Küche bemerkt und aufgewischt; sehr zielsicher fragte sie Manni, ob er das gemacht habe. Trotz anfänglichen Leugnens kam die Sache schnell heraus und Manni bekam Hausverbot.
Feldmann und BBT
Wir saßen Feldmann zu dritt gegenüber.
Er trug einen hellblauen stark taillierten Anzug, der seiner eher abgenutzten Physiognomie eine gewisse Jugendlichkeit verlieh. Sein Auftreten war betont selbstsicher.
Seine Sprechpausen wirkten einstudiert und wichtig. Gelegentlich streckte er seine Hände wie ein Klaviervirtuose, der zu einem Fortissimo ansetzt. Am kleinen Finger der rechten Hand trug er einen goldenen Ring, der mit einer Wappenprägung versehen war. Mitunter drehte Feldmann diesen Ring einmal um den Finger herum, ohne dass ein Anlass erkennbar war.
Feldmann hatte sich über einen Makler an Talbot gewandt, um die Baden-Bauen-Treuhand zum Kauf anzubieten.
Meurer hatte eine kurze Vorlage für den Vorstandsvorsitzenden gefertigt und Order bekommen, der Sache nachzugehen. Daher eröffnete er auch das Gespräch und dankte Feldmann zunächst für dessen Bereitschaft, das Projekt dem Talbotkonzern vorzustellen. Feldmann wirkte ob dieser Schmeichelei etwas gerührt, schien sich aber dann zu fassen und skizzierte das Projekt in einem ca. 45-minütigen Monolog. Seine Stimme war weich, etwas angeraut und er bemühte sich um ein didaktisches Tempo. Leichtes wurde schneller vorgetragen. Zu den schwierigen Steuerfragen dozierte Feldmann mehr an Klose gerichtet als an Meurer und mich. Klose nickte permanent, um zu signalisieren, dass er verstehe und Feldmann davon ausgehen könne, es im Talbotkonzern mit Profis zu tun zu haben.
Baden-Bauen-Treuhand war eine dahinsiechende Immobiliengesellschaft, die Anleger mit dem Versprechen von Steuerersparnissen und Rendite geworben hatte.
Das Siechtum hatte schließlich zur Pleite geführt und zurück blieb ein erheblicher Verlustvortrag, der steuerlich nutzbar gemacht werden sollte.
Da man über Preise immer am Schluss spricht, wurde diese Frage dann auch ganz zum Schluss aufgegriffen.
Als Feldmann die Zahl nannte, verschlug es mir fast die Sprache; ich bemühte mich jedoch freundlich reserviert zu wirken, um den professionellen Anstrich unserer Seite nicht zu gefährden. Klose fragte nur kurz, wie Feldmann auf diese Zahl komme, und zeigte sich dann nach einem kurzen Statement von Feldmann befriedigt und bekundete Zustimmung, so als ob er selbst zur gleichen Preisangabe gelangt wäre.
Auf der Rückfahrt zu unserer Zentrale nach Lünen wirkte Klose aufgeräumt und erklärte Meurer und mir noch einmal, dass für Feldmann nur ein solcher Kaufpreis infrage komme, denn er habe schließlich in die Sache viel Geld hineingesteckt.
Ich bemühte mich vorab eine Notiz zu skizzieren, um Prof. Hintze und die übrigen Vorstandsmitglieder zu informieren.
Während der Fahrer die schwere Limousine durch Regenwände steuerte, rechneten Klose und Meurer gemeinsam, wie sich dieses Geschäft auf die Eigenkapitalrendite von Talbot auswirken würde. Klose meinte, dass für Meurer und mich auch eine höhere Tantieme drin sei. Mir schien, dass Klose vor allen Dingen auch sich selbst meinte.
In Lünen angelangt wurden wir sofort zu Hintze gerufen, um Bericht zu erstatten. Hintze schien begeistert; der Konzern könne an dieser Sache im Handumdrehen 50 Millionen verdienen. Wir sollten alles andere liegen lassen und uns nur mit diesem Fall beschäftigen. Klose pflichtete bei, dass Eile geboten sei, und erbot sich, um sofort eine Vorlage für den Vorstand und den Vorsitzenden des Aufsichtsrats zu fertigen. Hintze war einverstanden und gab mir den Auftrag, erste Vertragsentwürfe zum Kauf von BBT zu fertigen.
In der Hoffnung, dass mein Abteilungsleiter die Sache an sich ziehen würde, sagte ich schnellste Erledigung zu, blieb dann aber selbst auf der Sache sitzen, da mein Chef Bloser mit der Sache nichts zu tun haben wollte und wohl gewisse Vorahnungen hatte, dass wir es hier mit einem faulen Ei zu tun hatten.
Hintze, der vor seiner Pensionierung stand, gedachte offensichtlich seine Laufbahn mit diesem Coup zu krönen, nachdem er beim Verkauf der Talbotspedition nicht vollständig sein Ziel erreicht hatte, den eitlen Vorsitzenden des Wankdorfkonzerns Dr. Lerche hereinzulegen. Hintze hatte diesen Verkauf zunächst geschickt eingefädelt und Lerche damit gelockt,Wankdorf werde zur Nr. 1 im deutschen Speditionsgewerbe aufsteigen. Lerche fiel darauf auch prompt herein, wurde später aber von seinem Finanzvorstand kräftig getreten, den Talbotkonzern noch um ein paar Millionen zu erleichtern.
Hering in Gelee
Am nächsten Tag trafen Manni und ich uns bei Andi. In der Wohnung war ein großes Durcheinander. Die Eltern Lindemann schienen vor einer großen Reise zu stehen; jedenfalls konnte ich mir nur so die umherstehenden Koffer, die geöffneten Schränke und die herumhängende Kleidung erklären. Der Vater von Andi wirkte düster und unnahbar, grüßte nicht und schimpfte gelegentlich vor sich hin. Etwas unheimlich wirkte er dadurch, dass er wegen eines Augenleidens eine dunkle Brille mit seitlichen Schutzklappen trug. Die Mutter von Andi war wie immer freundlich und an diesem Tag besonders aufgeräumter Stimmung; jedenfalls lachte sie permanent.
Wir wurden in die Küche komplimentiert, wo es halbwegs ordentlich war. Es gab Kuchen und Kakao. Wir saßen auf einer Kücheneckbank und alberten vor uns hin. Manni rülpste während des Essens mehrfach laut und vernehmlich und, was meine Bewunderung hervorrief, auf Kommando. Schließlich gurgelten wir zu dritt mit dem Kakao und mussten vor Lachen einen Teil des Kakaos über den Tisch spucken. Glücklicherweise waren wir allein, denn die Mutter von Andi konnte sehr streng sein. Schließlich musste Andi derart lachen und spucken, dass ihm der Kakao nur so aus dem Mund schoss und genau auf das Edelweiß, das in der Brustmitte, aus Horn oder einem ähnlichen Material bestehend, das Geschirr von Mannis Lederhose zierte. Manni merkte das erst mit Verzögerung und schlug Andi mit der flachen Hand ins Gesicht. Als die Nase blutete, war erst mal Stille in der Küche, sodass die Mutter von Andi, die sich draußen an die Geräuschkulisse gewöhnt hatte, hereinkam, um nach dem Rechten zu sehen. Ihr bisher fröhliches Lachen erstarb im selben Moment, sie klebte Manni eine Ohrfeige und wir flogen in hohem Bogen raus.
Fortgesetzt wurde die Rauferei zwischen Andi und Manni auf dem Abfallhaufen, auf den der Hausmeister Gartenabfälle, Laub und Gerümpel geworfen hatte.
Andi war Klassenbester und sowohl im Diktat als auch im Rechnen an der Spitze. Ich war etwas schlechter, wurde jedoch von unserer Lehrerin, die meine Eltern privat kannte, ähnlich benotet. Manni war eher mäßig, jedoch gut im Mogeln und schien auf dem Abfallhaufen die Gelegenheit zu nutzen, dem Klassenprimus eins zu verpassen. Nachdem Manni von Andi abgelassen hatte, kletterte ich hinten über den Zaun auf eine kleine Garage und gelangte auf die Wachmannstraße, auf der gerade die Linie 5 mit hoher Geschwindigkeit herannahte. Nach Überqueren der Straße machte ich kurz bei der Schlachterei Borchers halt, wo mir die Fleischwürste in der Auslage ins Auge stachen. Durch das Schaufenster konnte man bis ins Kühlhaus sehen, von wo Herr Borchers über die Schulter gelegt gerade eine Schweinehälfte in den Laden trug. Als er mich sah und grüßte, wurde ich verlegen und zog ab. Ich wechselte noch einmal die Straßenseite und ging in den Fischladen von Lünsche. Der Geruch war etwas penetrant, obwohl alles sehr sauber schien. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, etwas nach Hause mitzubringen, und erstand für 30 Pfennig ein Stück Hering in Gelee, das meine Eltern gerne mochten. Da ich wieder einmal reichlich verspätet zu Hause ankam, streckte ich den Hering wie einen Totem zur Türe rein und erzielte tatsächlich die gewünschte Wirkung, nicht ausgeschimpft zu werden. Mein Vater war bereits zu Hause, saß im Wohnzimmer und löste Kreuzworträtsel, während er auf die Nachrichten im NWDR wartete. Da mich Nachrichten langweilten, ging ich in das Zimmer meiner Schwester, die schon im Bett lag. Das Kinderbett sah einem Hundezwinger nicht unähnlich, da die Wände aus gewirktem Drahtgeflecht bestanden. Ich drehte mich um, ging wieder raus und verschwand im Schlafzimmer meiner Eltern, wo mein Bett neben dem Kleiderschrank in einer Ecke stand. Ich setzte mich aufs Bett und starrte auf die Porträts meiner verstorbenen Großeltern, die die Betten meiner Eltern umrahmten. Auf der anderen Seite des Kleiderschranks war oben der Medizinschrank angeschraubt. Darunter lehnte das Bügelbrett. An dessen breitester Stelle war ein großer Asbeststreifen aufgenagelt, auf den meine Mutter das heiße Eisen stellte. Unten eingeklemmt war ein leicht bräunlicher Lappen, den meine Mutter nutzte, um den Rost von der Gleitfläche des Eisens abzuputzen. Ich knipste meine Nachttischlampe an, öffnete die Nachttischschublade und zog ein Micky-Maus-Heft heraus. Bevor ich die Stelle fand, wo ich zu lesen beginnen wollte, rief meine Mutter zum Abendessen. Die Brote waren fertig geschmiert, aber nicht mit dem, was mir schmeckte. Vor allem Streichwürste mochte ich nicht, weil die Wurst festklebte und man keine Wursträdchen wegschieben konnte.
Klose und die Steuer
Als wir mit Feldmann wieder in Frankfurt zusammentrafen, trug dieser erneut den auffällig hellblauen Anzug. Das Einstecktuch auf der linken Brustseite war zwar blütenweiß, jedoch etwas zerknautscht, da Feldmann es liebte, mehr als notwendig seine Goldrandbrille zu putzen, und dazu nutzte er das Tuch. Im linken Mundwinkel saß ein kleiner Spuckrest, der beim Sprechen angereichert wurde, vermutlich weil eine Prothese den Sprechfluss störte. Nachdem Feldmann diesen Spuckrest hörbar eingesogen hatte, kam er ohne Umschweife zur Sache und fragte, wann der Talbotkonzern den Kaufpreis zu zahlen gedenke. Klose erwiderte, dass da noch ein paar Voraussetzungen zu schaffen seien, und lächelte gewinnend. Zum Abschluss dieser Geste nickte er bestätigend, um seiner Äußerung, die ihm selbst etwas gering vorkam, Nachdruck zu verleihen. Feldmann wischte diese Bemerkung mit einer Handbewegung weg und konstatierte, dass er alle Einzelheiten des Erwerbs durch den Talbotkonzern bereits mit dem Ministerialdirigenten Meisel im Bundesfinanzministerium abgeklärt habe. Klose wiegelte daraufhin ab, dass man ja alles Nähere im Kaufvertrag regeln könne, und erklärte, dass die ersten Entwürfe bereits hausintern diskutiert würden. Feldmann setzte nach und bekundete, dass der Kaufvertrag eigentlich aus einem Satz bestehen könne, nur müsse sich der Talbotkonzern zuvor selbst davon überzeugen, dass man ein gutes Geschäft mache. Im Übrigen schlug er vor, die Baden-Bauen-Treuhand umzubenennen, da die Angelegenheit etwas delikat sei und Neider auf den Plan rufen könne. Dem pflichteten wir eilfertig bei und schlugen die Abkürzung HSV vor.
Sodann kam Feldmann auf den Modus der Kaufpreiszahlung zurück und meinte wiederum, dass der Kaufpreis eigentlich fällig sei, wenn Talbot Eigentümer von HSV werde. Ich erlaubte mir daraufhin die Bemerkung, dass HSV eigentlich nichts wert sei und nur dadurch wertvoll werden könne, indem gewinnstarke Gesellschaften in die HSV eingelegt würden und der Fiskus dann bereit sei, den Verlustvortrag mit diesen Gewinnen zu verrechnen. Feldmann, der sich im Gespräch ganz auf Klose konzentriert hatte, empfand diese Bemerkung als ärgerlich, drehte sich mir nur halb zu und sagte, dass ich das schon ihm und Klose überlassen könne. Ich wurde etwas verlegen, schielte zu Meurer und vernahm gerade noch ein gekünsteltes Hüsteln von Klose, der sodann bewusst guttural nachsetzte, dass Talbot natürlich sicher sein müsse, dass die Steuervorteile auch eintreten. Ich ärgerte mich etwas über mich selbst, weil mir meine eigenen Äußerungen nicht ganz gelungen schienen, als Meurer nachsetzte, dass Talbot vom Grundsatz her nur dann Kaufpreise entrichten könne, wenn man dafür auch einen Gegenwert erhalte. Ob dieser Hilfestellung war meine Verlegenheit verflogen, ich schlug ein Bein mit einem Schwung über das andere und malte irgendetwas auf ein leeres Blatt Papier. Feldmann blinzelte über seine Brille, die er inzwischen aufgesetzt hatte, und tat aus der vor ihm stehenden Kaffeetasse einen flüchtigen Zug. Danach nahm er die Untertasse gleichfalls hoch und stellte beides zusammen auf das Tablett zurück.
Natürlich, hob er daraufhin an, werde Talbot einen Gegenwert für den Kaufpreis erhalten. Voraussetzung sei nur, dass Talbot in HSV gewinnstarke Gesellschaften einlege. Klose schloss guttural an, dass die Baden-Bauen-Treuhand nie ihren Geschäftsbetrieb eingestellt haben dürfe, und das müsse Talbot zunächst selbst prüfen.
Feldmann zog die Augenbrauen so hoch, dass sie fast zusammenstießen, zeigte sich etwas erstaunt und stellte es Talbot dann mit kühner Geste frei, sämtliche Unterlagen von HSV einzusehen. Klose bedankte sich hierfür und wollte sofort einen Termin mit Feldmann festmachen, um in einem Nebensatz anzufügen, dass Talbot selbstverständlich von KPMG begleitet werde. Feldmann schloss die Diskussion mit der Bemerkung ab, dass er den Geschäftsführer von HSV bitten werde, mit uns einen Termin zu vereinbaren. Da Klose diese Bemerkung irgendwie nicht passte, setzte er nach, dass er KPMG bitten werde, zunächst mit dem Geschäftsführer von HSV einen Termin zu vereinbaren.
Als sich Feldmann plötzlich erhob, standen wir gleichfalls auf. Klose, der empfand, dass man nicht jedem Takt, den Feldmann vorgab, folgen dürfe, setzte sich jedoch wieder, bevor er die Knie durchgedrückt hatte, und sagte, an Feldmann gewandt, so als ob dieser noch sitzen würde: „Zum Zeitplan …“ „Welcher Zeitplan, allenfalls Ihr Zeitplan“, meinte Feldmann, nahm sein Einstecktuch und steckte es erneut in die Brusttasche. „Nun“, ergänzte Klose guttural, „Herr Dr. Feldmann, ich meine, Sie müssen hier schon mitziehen, wir haben ein gemeinsames großes Vorhaben, bei dem wir beide noch Hausaufgaben zu erledigen haben, Sie, ich sowie die Herren Meurer und Bleicher.“
Feldmann schien über diese Worte erstaunt, zu denen sich Klose ermannt hatte, und setzte sich wieder, um sodann einen lauernden Gesichtsausdruck anzunehmen.
„Wie meinen Sie das, Herr Klose?“
„Nun, Herr Dr. Feldmann, außer einer angeblichen Äußerung eines Ministerialbeamten liegt jedenfalls im Hause Talbot, das ich zu vertreten habe, keinerlei Hinweis vor, dass die von Ihnen bisher lediglich skizzierte Steuerkonstruktion auch wirkt, und ohne hier Sicherheit zu haben, werden wir auf den Kaufpreis nicht einmal eine Anzahlung leisten.“
Feldmann, der Klose bisher unterschätzt zu haben schien, rutschte unruhig auf seinem Sessel hin und her, bis er antwortete: „Mein lieber Herr Klose, meinen Sie etwa, ich hätte in das Vorhaben Millionen gesteckt, wenn ich meiner Sache nicht sicher wäre?“
„Schon, schon“, schwächte Klose ab, dem seine etwas mutigen Ausführungen selbst ein wenig unheimlich schienen. „Herr Dr. Feldmann“, und er fiel wieder ins Gutturale, das bestens geeignet schien, um Unsicherheiten zu überspielen, „ich kann auch nicht, wie ich vielleicht wollte, ich habe das Geld der Familie Talbot zu verwalten, ebenso wie die Herren Meurer und Bleicher, und wir sind einfach verpflichtet vorsichtig zu sein.“
„So ist’s schon besser“, ließ sich Feldmann ein, stand auf, nahm wieder sein Einstecktuch heraus und sagte im Gehen, er werde seinen Geschäftsführer bitten mit uns Kontakt aufzunehmen.
„Vielen Dank Herr Dr. Feldmann!“, rief Klose ihm nach und sagte an Meurer und mich gewandt: „So ein Affe.“
Dünsen
Das Landheim der Schule lag in einem Waldstück bei Dünsen, einer kleinen Landgemeinde im Dunstkreis von Bremen.
Frühmorgens, noch vor Schulbeginn, erwartete uns unsere Lehrerin, eine ältere sehr liebe Frau, gemeinsam mit dem Busfahrer auf dem Schulhof. Frau Steen zählte die Ankömmlinge immer wieder aufs Neue und behielt in dem Durcheinander kaum die Übersicht. Ich stand mit meinem kleinen abgeschundenen Koffer an der Einmündung der verlängerten Wachmannstraße in den Baumschulenweg und wartete auf den Lieferwagen von Horstkottes. Mit dem wurde Krischan Horstkotte jeden Morgen zur Schule gefahren und – was mir einen enormen Respekt abnötigte – jedes Mal von Oma Preuße. Preuße war Halblinks bei Werder Bremen und ungeheuer kopfballstark, aber langsam, daher der Beiname Oma. Als Krischan die Hecktür öffnete, erkannte ich im Halbdunkel, dass schon 4 andere drin waren. Mit mir kamen noch 3 dazu, sodass wir bei der Fahrt durch die Schlaglöcher kräftig durcheinandergewirbelt wurden. In 3 Minuten waren wir da. Bevor die Tür aufflog, schnappten wir jeder eine Stange Kautabak, der lose auf dem Boden des Lieferwagens herumflog. Beim Einsteigen in den Bus trat ich Werner Teufel in die Knie, um neben Manni zum Sitzen zu kommen. Werner machte bereitwillig Platz, trat mir aber kurz in den durch die Lederhose geschützten Hintern.
Auf der letzten Bank fühlten wir uns bevorzugt, denn wir konnten nach hinten hinaussehen und den Radfahrern, die wir überholten, eine Grimasse schneiden.
Auf der großen Weserbrücke war mächtig Betrieb und die Straßenbahnen verursachten eine Art sonoren Donner in der Stahlkonstruktion. Hinten sahen wir die Baumwollbörse, den Dom und links Kühne & Nagel. Die Weser war grau und es war wohl Ebbe. Die Neustadtseite war für uns wie die Neue Welt. Hier kamen wir selten hin. Man wohnte auch nicht in der Neustadt. Dort gingen die Frauen nicht zum Friseur und trugen ausgekämmtes halbkurzes Haar. Der Bus folgte der Linie 4. In der Nähe von deren Endhaltestelle arbeitete Onkel Karl. Ich wusste nicht was, es hatte aber irgendetwas mit einem Büro zu tun. Am Ortsende von Bremen stand ein Schild Brinkum, 6 Kilometer. Unsere Pudelmützen hatten wir auf der letzten Bank aufbehalten, das war unser Zeichen von Zusammengehörigkeit. Manni griff hinter meinem Rücken nach Misis Mütze und warf sie nach vorne zu Manuela Henke, die aus irgendeinem Grunde auf mehrere anziehend wirkte. Die Mütze traf aber Uschi Krause, die sich das Ding selbst aufsetzte. Misi boxte mich in die Seite, da er mich verdächtigte. Ich schimpfte ihn Arsch und knallte ihm eine auf den Hinterkopf, der etwas merkwürdig aussah, da die beiden Kopfhälften nach hinten wie durch Tennisbälle abgeschlossen schienen. Manni knallte ihm zusätzlich eine, was ich als freundschaftliche Unterstützung empfand. Schließlich kam Frau Steen nach hinten und zog Manni an den kurzen Haaren oberhalb der Schläfe aus seinem Sitz und ließ ihn ganz vorne unter Aufsicht Platz nehmen. Misi ging hinter Manni her, riss seine Mütze vom Kopf von Uschi Krause und ließ sich wieder auf die Rückbank fallen.
Plötzlich bog der Bus von der Straße ab und in einen Sandweg hinein. Der Sand war jedoch fest, sodass der Fahrer wieder hochschalten konnte. Links und rechts streifte der klobige Büssing – die Marke war uns wichtig – lange Grasähren. Nach einem guten Kilometer stießen wir wieder auf festen Untergrund, autobahnähnlichen Beton, auf dem die Spuren von Panzerketten zu sehen waren. Als der Wald lichter wurde, entdeckten wir zunächst einen Sportplatz, danach ein barackenähnliches lang gestrecktes Gebäude. Wir waren da.
Mit lautem Geschrei stürmten wir zum Haupthaus, das Frau Steen mit einem großen Schlüssel aufschloss. In der Halle stießen wir auf einen überdimensionalen Waschtrog, der auch als Viehtränke getaugt hätte. Die Betten- und Zimmerverteilung las Frau Steen von einer Liste ab. Andi schlief oben, ich unten im Doppelstockbett; Bettnässer war er nicht mehr – jedenfalls blieb ich trocken. Wir gehörten zur ersten Bande und unser Zimmer hieß Adlerhorst. Die zweite Bande hieß Falkenauge, die dritte große Feder.
Ohne unsere Sachen auszupacken, rannten wir nach draußen und ließen Frau Steen keine andere Wahl, als sich uns anzuschließen. Auf einem langen Baumstamm posierten wir für ein Gruppenbild. Ich saß zwischen Manni und Krischan Hortskotte, der seine Tolle irgendwie lässig warf wie Misi. Weiter links stand Löschi, Klaus Peter Lörsch, der wie immer seinen Kopf schräg hielt, was ihm einen nachdenklichen Eindruck verlieh. Fritz Hasselmann kam nicht mit aufs Bild, da er nicht dem inneren Zirkel angehörte. Er musste von zu Hause aus immer seine Pudelmütze tragen, obwohl es inzwischen draußen warm war.
Frau Steen verstand es, uns schließlich auf einem Holzplatz beisammenzuhalten. Er war nur unweit vom Landheim entfernt, da wir wohl im Kreise gelaufen waren. Zum Mittagessen wurden wir kurz zurückgetrieben: Gulasch mit Nudeln und Salzkartoffeln, danach Pudding, etwas später Butterkuchen. Bis auf Reetz Kröplin schmeckte es allen viel besser als zu Hause, vor allem weil man sich schlechter benehmen konnte. Manni rülpste in einem fort, bis der Hausmeister durch die Reihen ging und sich dies verbat. Als wir den Pudding verdrückten, roch es ein wenig danach, als ob jemand einen Wind gelassen hätte; als einige es merkten, setzte Gegluckse ein, bis Frau Steen urplötzlich ein Heft auf den Tisch knallte. Mit einem Mal wurden wir alle ernst und konzentrierten uns ausschließlich auf den Nachtisch. Da wir es vorweg vergessen hatten, mussten wir nach dem Essen beten; einige kannten den Text, ich ahmte die Mundbewegungen von Hella Graalfs nach, denn ich wusste, bei denen hing ein Kruzifix zu Hause im Wohnzimmer. Ich war froh, als es vorbei war. Kaum war das Amen draußen, rannten wir wie wild aus der Tür zum Holzplatz zurück. Misi schnitzte sich erst mal einen Stock zurecht, der als Bogen für Pfeil und Bogen getaugt hätte, und trug diesen fortan wie eine Trophäe mit sich herum. Ingo Wachholz suchte die Nähe zu Misi, weil er Anschluss an unsere Gruppe suchte. Ingo war etwas sprachbehindert, dafür aber im Sport gut; irgendwie passte es dazu, dass sein Vater Streifenpolizist war. Bei Ingo war ich gern zu Hause, denn da gab es ein großes Aquarium, das von Ingo wie ein Schatz gehütet wurde. Ich wusste gar nicht, dass es so kleine Fische gab, tiefblau, die ich hätte anfassen wollen. Henning von Kummer hatte es so schwer wie Andi, Anschluss zu finden, da er nur langsam lief und deshalb häufig gehänselt wurde. Reetz lag im Gras und träumte vor sich hin, er schien Heimweh zu haben, denn er sagte wenig und stotterte noch mehr als sonst, nicht stark, aber er musste für einen Satzanfang immer sehr viel Luft einziehen.
Als wir spätnachmittags im Landheim wieder eintrafen, wurden wir, und zwar die Jungen, vom Hausmeister abgefangen, der schrie, dass er solche Schweine nicht in sein Landheim lasse. Bedröppelt sahen wir an uns hinunter und entdeckten in der Tat nur Dreck.
Frau Steen nutzte unsere Schrecksekunde, packte jeden von uns einzeln und schrubbte uns in dem großen Trog in der Eingangshalle mit einer Wurzelbürste ab.
Tiramisu
Wir saßen zu viert im Fahrzeug, Klose, der Wirtschaftsprüfer von Carol, der Fahrer und ich; es regnete in Strömen und war kalt, allerdings gerade über dem Gefrierpunkt. Nach gut zwei Stunden Fahrt trafen wir in Aschaffenburg ein, wo sich der Firmensitz von HSV befand.
Der Geschäftsführer empfing uns am Eingang auf eine Art und Weise, wie man die Steuerfahndung abfängt. Er machte auf mich einen irgendwie unangenehmen Eindruck, war einerseits freundlich, andererseits sehr bestimmt und mitunter lauernd. Seine Goldrandbrille verlieh ihm etwas Akademisches; er war Steuerberater und schien mit der Materie vertraut. Seine Aussagen zu einzelnen Komplexen von HSV waren durchweg überzeugend, schienen teilweise zurechtgelegt und stimmten inhaltlich mit den Bekundungen von Feldmann überein.
Klose und ich suchten eine unverfängliche Sprachebene, um Gürtler, so war sein Name, zu öffnen. Dies gelang jedoch nicht einmal beim Abendessen, als Klose reichlich Wein – nicht ohne Absicht – auffahren ließ. Gürtler war jedoch auf der Hut und gab nichts Unbedachtes von sich. Vor allen Dingen beharrte er immer wieder darauf, dass nach Beendigung des Konkursverfahrens von HSV der Geschäftsbetrieb niemals eingestellt worden sei. Es seien permanent Immobilienprojekte bearbeitet worden, was auch anhand der Akten belegt werden könne.
Von Carol machte sich während des Abendessens fortlaufend Notizen, lediglich in den Pausen zwischen den Gängen zog er intensiv an Zigaretten, die ihm Klose wieder und wieder anbot. Von Carol sah schlecht aus, hatte tiefe Ringe unter den Augen, seine Gesichtshaut war ledern wie bei Indianern. Von Carol war jedoch eine Frohnatur und in der Lage, Gürtler mit einzelnen Bemerkungen zu provozieren und beinahe aus der Reserve zu locken.
Zum Nachtisch bestand Klose darauf, dass alle Tiramisu aßen, denn Klose baute gerade in Italien einen Landsitz, der seine gesamte Freizeit beanspruchte. Er fragte Gürtler, ob er auch Fahrrad fahre, denn ausreichend stromlinienförmig sei er doch!
An dem langen Anlauf, den Klose zu diesem Bonmot genommen hatte, wurde deutlich, dass er Gürtler sozusagen zur guten Nacht noch eins verpassen wollte, andererseits für einen Absacker an der Bar noch ein anderes Thema suchte, in dem er sich selbst wohlfühlte.
Klose war eine Art Rennradtyp, nicht zu groß, schlank und schien in der Lage, die Beine in einen rotierenden Kreis zu versetzen. In bestimmten Situationen hinterließ er den Eindruck, als Person überfordert zu sein, wenn die Stimme ihren gutturalen Klang annahm oder ein wenig hakte. Rot wurde Klose selten und wenn, dann nur hinter den Ohren; sein Fleiß war außerordentlich, seine Gründlichkeit bestechend. In bestimmten Situationen hinterließ er den Eindruck, daran zu leiden, dass ihm akademische Grade fehlten. Zu solchen Gelegenheiten tröstete er sich damit und war auch ein wenig stolz darauf, dass er beharrlich vom Sekretär in der Finanzverwaltung nach Übergang in die Privatwirtschaft im Unternehmen in die zweite Ebene aufgestiegen war.
Sofern Unterhaltungen für ihn etwas zu schnell ins Private abglitten, bemühte er sich deutlich zu machen, dass er über einen ebenbürtigen Bildungsfundus verfügte wie manch anderer, der an Titeln reicher war.
An der Bar fragte Klose kurz die Wünsche ab und kommentierte sie, wenn ihm diese etwas einfallslos schienen. Als von Carol einen trockenen Riesling verlangte, meinte Klose, dass Chardonnay doch gerade bei Wirtschaftsprüfern „in“ sei; meinen Wunsch nach einem Pils schien er fast zu ignorieren, er selbst orderte einen Cynar; dies schien ihm ausgefallen genug, um Aufmerksamkeit zu erregen.
Am nächsten Morgen ließen wir uns von Carols Assistenten berichten, was dieser bereits recherchiert hatte. Er schien Freude daran zu haben, die Versuche bei HSV, ein normales Unternehmen vorzutäuschen, zu zerpflücken. Seine Erläuterungen wirkten einerseits geschliffen. Andererseits zog er ungewollt wie beiläufig Grimassen, die Widerwillen signalisieren sollten. So sehr dies Subjektivität ausdrückte, so anschaulich wurde aber auch verdeutlicht, dass HSV mit etwas anrüchigen Konstruktionen über die Runden gerettet worden war.
Als Gürtler erschien, um Kaffeewünsche abzufragen, fragte ich provozierend, ob auch kalter Kaffee da sei, bedauerte aber im selben Moment diese Bemerkung, da wir Gürtler noch zu vielen Dingen befragen mussten. Klose schien gleichwohl an dieser Bemerkung Spaß zu haben und setzte nach, allerdings leicht ausweichend, dass der Raum überheizt sei und deshalb kalter Kaffee nicht schlecht sei. Als Gürtler wieder draußen war, räusperte sich von Carol vernehmlich, bis wir dann schließlich jeder ein Aktenstück zur Hand nahmen, um das, was wichtig schien, sofort zu kopieren.
Als wir fertig waren, brachen wir ohne Umschweife auf, um nach Lünen zurückzufahren.
Unter dem Eindruck der Prüfungsergebnisse hatte ich den Unternehmenskaufvertrag nochmals umformuliert, da mich nicht nur Ahnungen beschlichen, sondern ich eigentlich überzeugt war, dass man ein solches Geschäft mit solchen Partnern gar nicht abschließen durfte. Aus verschiedenen Bemerkungen von Klose gewann ich den Eindruck, dass er nicht anders dachte, gleichwohl aber nicht den Mut aufbrachte, von dem Geschäft abzuraten, da Hintze die „Sache wollte“. Also hielt ich mich ebenfalls bedeckt und versuchte lediglich, meinen zuständigen Vorstand mit in die Verantwortung zu ziehen.
Vorstandssitzung
Als ich bei Dr. Ecker erschien, bemerkte dieser eingangs, dass er die Verträge nicht habe lesen können und ich ihm kurz den Sachverhalt erklären möge. Ecker schien keine Lust zu haben, sich mit der Sache zu beschäftigen, denn während meines Kurzvortrags blätterte er in anderen Vorgängen und stellte so gut wie keine Fragen.
Als ich mit der Bemerkung schloss, ich ginge davon aus, dass er einverstanden sei, erhob er sich blitzschnell von seinem Schreibtischsessel, nahm die Brille ab, steckte einen Bügel zum Kauen in einen Mundwinkel und drehte sich um die rechte Hand, die auf die Schreibtischplatte aufgesetzt war. Es entfuhr ihm mit einem Mal ein „Mmmh“, um sodann zu einem Lachen anzusetzen, das zwischen gequält und jungenhaft variierte. „Wissen Sie, Herr Bleicher“, wandte er sich an mich, „die Angelegenheit ist nicht ohne Delikatesse und Hintze muss wissen, was er da tut.“ Als er diesen Satz gerade ausgesprochen hatte, rief seine Sekretärin, wir möchten umgehend in den Sitzungssaal Johann Talbot kommen. Ecker schien über diese Unterbrechung erfreut, packte einen leeren Schreibblock und meinte, wir könnten das später vertiefen.
Im Hinausgehen rief er noch Frau Kubaniak zu, Sie möge Herrn Fromlowitz bitten, am nächsten Tag um 10 Uhr in seinem Büro zu erscheinen. „Soll ich noch die Monatsergebnisse und die kumulierten Zahlen per Ende März anfordern?“, rief Kubaniak Ecker hinterher. „Nicht mehr nötig, mir reicht’s.“
Im Johann Talbot saßen bereits Prof. Hintze, Dr. Maier, Dr. Meurer und Klose, der zerknirscht schien und auf Hintze einredete, worauf man achten müsse.
Hintze fragte, wo Bloser, der Leiter der Rechtsabteilung, bleibe. Klose sagte laut und vernehmlich „Urlaub“. Daraufhin forderte Hintze mich auf, das Protokoll zu führen. Die Sitzung dauerte lediglich 5 Minuten und Hintze schien zufrieden, seine Vorstandskollegen als Team eingebunden zu haben.
Er ging als Erster und bat mich kurz in sein Dienstzimmer mitzukommen, wo er mir die Frage stellte, wann Marmor reinweiß sei. Ich verstand erst nicht, bis Hintze erläuterte, dass er in sein Haus auf Korsika weißen Marmor habe legen lassen, dieser jedoch einen Gelbstich habe, obwohl er ausdrücklich den Weißton Carrara bestellt habe. Der Themenwechsel überraschte mich, weshalb ich etwas kompliziert ausholte, dass Korsika zu Frankreich gehöre und daher der Begriff „weiß“ im Französischen zu interpretieren sei. Hintze schien dies nachvollziehen zu können, bat mich gleichwohl ein kleines Gutachten zu Papier zu bringen.
Als ich aus dem Dienstzimmer von Hintze in das Vorzimmer trat, schauten mich seine beiden Sekretärinnen mit großen Augen an, weshalb wusste ich nicht. Zwischen den beiden gab es eine offensichtliche und von jedermann respektierte Hackordnung. Frau Kursawe war hochgewachsen, sehr elegant gekleidet, meist wie zu einer Abendveranstaltung, die Frisur blondiert und zu einer großen Mähne nach hinten gekämmt. Sie lächelte auf Kommando und schien die Inkarnation einer routinierten Vorzimmerdame. Sie wurde am Talbotplatz „die Gräfin“ genannt. Ich gab ihr zur Verabschiedung die Hand, da ich wusste, dass solche Gesten geschätzt wurden; auch von der Zweitsekretärin verabschiedete ich mich per Handschlag. Sie freute sich sichtlich und ihr etwas unreiner Teint wurde von einem leichten Rot überzogen. Im Gegensatz zu Kursawe, die sich ihres Selbstwertes bewusst war, deutete sie eine leichte Verbeugung und einen kleinen Knicks an.
Als ich in den Johann Talbot zurückkehrte, herrschte dort ein lautes Durcheinander. Dr. Maier hatte einen hochroten Kopf und schimpfte Klose wie ein kleines Kind aus. Maier meinte, so hätte man Hintze nicht abdampfen lassen dürfen. Klose habe die Problematik dieses Steuertricks überhaupt nicht verständlich gemacht; nach dieser Sitzung müsse Hintze davon ausgehen, dass das ein Klacks sei. Klose wisse doch ganz genau, dass Feldmann ein gerissener Hund und Betrüger sei. Er, Maier, sei grundsätzlich gegen solche Geschäfte. Nachdem dieser Satz gefallen war, bat mich Dr. Ecker vorzulesen, was dazu im Protokoll stehe.
Ich merkte, dass kein Weg daran vorbeiführte, mich zwischen alle Stühle zu setzen, und zitierte, dass auf Vorschlag von Hintze beschlossen worden sei, die Sache HSV weiterzuverfolgen. Maier räusperte sich vernehmlich und meinte, dass so ein Beschluss nicht gefasst worden sei. Hierauf sprang Dr. Ecker auf und sagte: „Lass uns eben den Hintze noch mal reinholen, um die Sache klarzustellen, was jetzt beschlossen worden ist.“
Da Maier fürchtete überstimmt zu werden, hielt er Ecker zurück und meinte, Bleicher müsse das Protokoll noch etwas sorgfältiger ausformulieren.
Dieser Abschluss der Diskussion schien allen zu gefallen, außer mir, und man erhob sich, froh darüber, dem unangenehmen Thema zu entrinnen. Ich sagte zu Klose, dass ich die Formulierung gern mit ihm abstimmen würde und wir gingen gemeinsam in die Steuerabteilung. Auf dem Flur kam uns der zweite Mann der Steuerabteilung entgegen; er hatte ein leichtes Grinsen im Gesicht, das jedoch verschwand, als er merkte, dass Klose nicht in Stimmung war. In Kloses Vorzimmer wartete bereits Dr. Norgel, der Leiter des Personalwesens. Er sprang auf, blockte mich ab und schloss hinter Klose und sich selbst die Tür. Ich ging einfach hinterher und setzte mich ungefragt, da Norgel für kleine Frechheiten bekannt war und es durchaus duldete, wenn man sich ihnen widersetzte.
Aus Norgel, der mit Klose auf einer Ebene im Unternehmen war, fuhr es heraus: „Der Maier will Sie rausschmeißen, mindestens eine Abmahnung.“ Norgel war dafür bekannt, dass er nur einen Teil seiner Sätze vollständig aussprach und den Rest verschluckte. Klose zündete sich ungerührt eine Zigarette an, zog an dieser über den linken Mundwinkel und legte irgendwelche Baupläne zur Seite.
Norgel sagte, er werde noch einmal mit Hintze sprechen, um die Sache tot zu machen, er wisse auch gar nicht, was er schreiben solle, denn er verstehe diese Feldmannangelegenheit ohnehin nicht. Klose, der von seiner Ruhe nichts eingebüßt hatte, fragte Norgel, warum er, Norgel, heute Morgen nicht dabei gewesen sei, er sei doch auch Jurist. Norgel lachte breit und erwiderte, man habe doch den Bloser, und wenn der nicht da sei, dann den Bleicher; dabei lächelte er mir vergnügt zu und erklärte an Klose gewandt, er habe mit dem Koch des Vorstandskasinos eine sehr ernste Unterhaltung gehabt. Klose merkte an, dass es sicher um das Menü für den Aufsichtsrat gegangen sei. Ne, erwiderte Norgel spontan, der Herr in der Küche nehme sich wichtiger als den Hintze ; dem muss der Bleicher mal eine Abmahnung machen. Hierauf verschwand Norgel und Klose sackte erst einmal gespielt auf seinem Sessel zusammen, um dann anzumerken, „womit sich Generalbevollmächtigte im Talbotkonzern so beschäftigen“.
Als Klose die nächste Zigarette anzündete, hob er den rechten Arm höher als notwendig und verzog das Gesicht. Er schien Schmerzen zu haben, biss die Zähne so aufeinander, dass die Mundpartie sich oben und unten etwas blähte, und meinte dann: „So eine Scheiße!“
Nachdem wir das Protokoll handschriftlich skizziert hatten, klemmte sich Klose dieses unter den Arm, ließ sich bei Hintze anmelden und verließ mit mir zusammen die Steuerabteilung.
In der Rechtsabteilung meinte meine Sekretärin: „Na, mal wieder da!“ Ich legte ihr meine Vorgänge auf den Tisch und verschwand in der Kantine. Dort traf ich Lammert, Vorstandsmitglied eines Tochterunternehmens von Talbot.
Da er allein war, setzte ich mich zu ihm. Lammert fragte, wann ich ihn denn mal wieder besuchen werde. Ich fragte, was er in Lünen mache. Lammert sagte, er gebe bei Maier seine Zahlen ab. Sie seien noch gut, aber wenn man den Scherf weitermachen lasse, seien sie in 6 Monaten rot. Scherf war frisch engagiert worden, er war Vorsitzender des Vorstands im Tochterunternehmen, hatte vom Geschäft zwar keine Ahnung, ihm ging jedoch der Ruf voraus, dass er gut mit Kunden könne.
„Im Übrigen ist Scherf ein Arschloch und Säufer“, ergänzte Lammert.
Dass Scherf trank, hatte sich bereits bis zu mir herumgesprochen.
In dem Moment kam Klose in die Kantine und setzte sich zu uns.
Lammert fragte, was wir denn so trieben, es gingen da die wildesten Gerüchte um. Klose und ich waren uns sicher, dass Lammert HSV nicht meinen konnte, denn die Sache war streng geheim, und Klose zischelte, ob das die Art des Herrn Lammert sei, an Neuigkeiten heranzukommen.
Lammert, der etwas auf sich hielt und ungern über sich spotten ließ, warf sich hierauf sitzend etwas ins Kreuz und meinte, Klose könne ruhig etwas offener sein, denn dass der Scherf von seinem alten Club jetzt jede Menge Leute nachziehe, gehe wohl nicht in Ordnung. Klose meinte nur kurz angebunden, dass für dieses Thema im Konzern die Zuständigkeiten ausreichend geregelt seien und Lammert sich ja an sein zuständiges Vorstandsmitglied in der Holding wenden könne. Lammert war etwas verärgert über diese unpersönliche Entgegnung und sagte, Klose solle sich mal nicht so haben, denn Säufer habe man bisher im Talbotkonzern noch nicht gehabt. Klose fragte, woher Lammert das wisse, und blies zum Aufbruch.
Als ich in meinem Büro zurück war, sagte Frau Schwarz, der Ecker sei nur noch 1 ½ Tage da, dann fahre er nach Florida zum Golfen. Das bedeutete Alarm, ich packte mir den letzten Entwurf des Kaufvertrages und erschien unangemeldet in dessen Büro. Frau Kubaniak kam aus dem Nebenraum, wo Ecker gelegentlich ein Nickerchen hielt; sie trug einen recht kurzen Lederrock, die Farbe mag oliv gewesen sein, und strahlte, als ich hereinkam. Das tat sie eigentlich bei jedem, es sei denn, sie mochte ihn nicht. Dr. Ecker erschien, nachdem ich vor seinem Schreibtisch Platz genommen hatte, mit zügigem Schritt von draußen und saß mit einem Ruck auf seinem Sessel. Ledergarnitur, Schreibtischoberfläche und Oberhemd mit Krawatte schienen zu einem Ganzen aufeinander abgestimmt. Ecker fragte: „Was gibt’s?“, und nahm das für ihn bestimmte Aktenstück, das ich bereits auf seiner Schreibtischunterlage positioniert hatte, zur Hand. Ecker sagte, an Feldmanns Stelle würde er das nicht unterschreiben, das ginge doch reichlich weit, Hintze wolle das Geschäft, und mit derart restriktiven Formulierungen könne ich alles kaputt machen. Ich deutete an, dass ich der Sache nicht traue und deshalb Formulierungen gewählt habe, die in der Tat ungewöhnlich seien. Ecker warf ein: „Das kann man wohl sagen, das ist aber Ihre Verantwortung.“ Ich druckste etwas herum und meinte schließlich, auch Eckers … Ihn schien diese Formulierung zu stören und er bat zum Abschluss, das Ganze auch noch einmal mit Bloser abzustimmen, bis ihm selbst einfiel, dass dieser in Urlaub sei.
Zum Abschluss meinte Ecker, er sei in seinem Urlaub jederzeit erreichbar, zumindest per Telefax, ich könne alles mit ihm abstimmen.
Als ich ins Vorzimmer trat, verdrehte Frau Kubaniak unmerklich die Augen, reichte mir die Hand und lächelte; damit war ich draußen.
In meinem Büro wartete Lammert. Er war aufgeräumter Stimmung und erzählte, das Gespräch bei Maier habe nur eine halbe Stunde gedauert, da Maier für Hintze eine Aufsichtsratsgeschichte aufbereiten müsse. Lammert fragte, ob ich gleich mit nach Wertheim käme, er habe jede Menge mit mir zu besprechen. Ich war froh zumindest vorübergehend Feldmann und HSV zu entrinnen, bat jedoch bei mir zu Hause in Dortmund-Brechten vorbeizufahren, um Toilettesachen mitnehmen zu können. Lammert hatte keine Einwände und sagte, man könne abends noch schön einen trinken gehen, griff nach dem Hörer, rief seine Sekretärin, Frau Kahlert, an und bat, sie möge schnellstens im Restaurant Pfeffer und Salz einen Tisch bestellen, es handele sich um ein längeres Arbeitsessen mit Dr. Bleicher.
Latein
Im Herbst 1953, als unsere Klasse wiederum in Dünsen war, ahnten wir noch nicht, dass es für Andi und mich der letzte Landheimaufenthalt mit unseren langjährigen Schulkameraden sein sollte. Entsprechend ungetrübt war die Stimmung. Ich fühlte mich wie in den Ferien; nicht einmal das Tagebuch wurde sorgfältig geführt. Die eingeklebten Bilder wurden lustlos gefertigt und ließen allenfalls auf eine mindere Begabung schließen.
Für das folgende Jahr wurde ich zur sogenannten Lateinklasse angemeldet – wie mir ging es Pastorensprösslingen, Großbürgerkindern, tatsächlichen Begabungen und Kindern, deren Eltern etwas daransetzten, ihre Zöglinge ebenfalls in diese Richtung zu lenken. Zu letzterer Spezies gehörte ich und fand mich also nach den folgenden Ostertagen in einer völlig neuen Umgebung wieder, in einer Klasse mit insgesamt 54 Schülern.
Seelbach, unser Klassenlehrer, war kriegsverwundet, mit einer Splitterverletzung am Kopf, dynamisch, aber auch reizbar und herrschte über uns mit eiserner Disziplin. Nicht selten erstarrten wir fast ehrfürchtig, wenn Seelbach zu Festtagen oder feierlichen Anlässen kleine Ansprachen hielt, die uns in ihren Bann zogen.
Vor dem 17. Juni zeichneten wir in Landkarten die deutschen Gebiete unter polnischer und russischer Verwaltung, bis hin zu Ostpreußen. Für uns war das selbstverständlich deutsches Gebiet.
Als Seelbach über die Vertreibung sprach und dabei die Mitschüler namentlich aufrief, deren Eltern im Osten Hab und Gut verloren hatten, weinten viele und anderen kroch ein Schauer über den Rücken.
Über den Krieg erzählte Seelbach dann, wenn man ihn mit einer Frage dazu ermunterte. Zwei Russen habe er vermutlich erschossen, bis es ihn selbst beinahe erwischt habe, um sodann den Hemdkragen so zu verschieben, dass alle die große Narbe am Hals erkennen konnten. Meist brachen dann auch diejenigen in Tränen aus, deren Väter im Krieg gefallen waren oder Verletzungen davongetragen hatten. Selbst diejenigen, die bei Seelbach eher schlecht angeschrieben waren, konnten Punkte sammeln, wenn sie in die Trauer einstimmten. Peter Grabbe, der einzige Rothaarige in der Klasse, verschaffte sich in solchen Augenblicken etwas Entlastung, wenn er auch sonst Ziel pädagogischer Ausfälle war.
Was Grabbe jeweils angestellt hatte, war mir nie so bewusst geworden. Eines Morgens jedenfalls wurde er von Seelbach mit dem Kopf gegen die Wandtafel geworfen und mit zusätzlichen Ohrfeigen eingedeckt, die allerdings nur das Vorspiel dazu waren, dass Grabbe nachmittags von Seelbach unter Aufsicht des Schulleiters im Kohlenkeller vertrimmt wurde. Wer bei solchen Strafexerzitien gelacht hätte, hätte sich der Gefahr ausgesetzt, der Nächste zu sein.
Da wir nicht aus dem Osten, sondern aus dem Westen vertrieben waren und mein Vater ganz gesund war, wenn man von einem Nierenstein absah, konnte ich zu solchen Gelegenheiten nicht punkten. Überhaupt hatte ich Schwierigkeiten, mir einen gewissen Stellenwert zu erobern. Da ich vorlaut war, ernannte mich Seelbach irgendwann einmal zur Oberrevolverschnauze der Klasse; im Übrigen ließen meine Leistungen zu wünschen übrig und mein Vater hatte nicht einen der einschlägigen Berufe, wie Arzt, Lehrer, Rechtsanwalt, Pastor oder Großunternehmer, was Seelbach einen gewissen Respekt abgenötigt hätte.
Unser Lateinlehrer hieß Bruns, war krankhaft dicklich und trug auf dem Weg zur Schule meist einen anthrazitfarbenen gummierten Mantel und eine Baskenmütze. Da er häufig in letzter Minute eintraf – die Fahrradstrecke konnte er gut einschätzen –, hängte er den Mantel dann an den Kartenständer, um sodann erst einmal sein Oberhemd in die am Bund gespannte Hose zu stopfen. Meist trug er einen braunen Anzug, der mit dem schütteren stark gewellten Nackenkranz harmonierte. Bruns war eigentlich ein weicher Typ, unterrichtete aber das wichtigste Fach und hatte uns damit im Griff. Mir ging alles ein wenig zu schnell, und Vokabeln zu behalten, fiel mir schwer.
Seine fleischigen Hände bewegte Bruns einem Musiklehrer gleich, wenn wir im Chor deklinierten oder konjugierten.
Während der Klassenarbeiten thronte Bruns meist hinter dem Pult und korrigierte Hefte anderer Klassen, bis ihm das Flüstern zu laut wurde und er sich durch die Reihen schob. Mit Interesse las er dann bei den besseren Schülern ein, zwei Sätze, um sich sodann wieder hinter dem Pult zu verkriechen.
Im November 1954 wurde das erste deutsche große Passagierschiff nach dem Kriege in Dienst gestellt. Es war ein grauer kalter Tag in Bremerhaven. Fritz Quartum, ein Mitschüler, dessen Vater Generaldirektor einer Schiffahrtslinie war, hatte es möglich gemacht, dass wir auf dem Schiff eine Mahlzeit Labskaus serviert bekamen. Ich fühlte mich an dem Tag nicht ganz wohl, denn ich ahnte, dass ich am nächsten Tag in Latein eine 5 kassierte. Bruns, der sich an Klassenfahrten gern beteiligte, musterte mich ständig wie ein verwundetes Tier, was mir nichts Gutes verhieß.
Andi, neben dem ich in der Klasse saß, hatte eine glatte Zwei, was mich schmerzte. Ich bekam Zweifel, ob Latein das Richtige für mich war.
Der folgende Winter war hart und schneereich. In Bremen waren alle Wasserzüge bis auf die Weser zugefroren. Schlittenfahren im Bürgerpark von Hügeln herunter, die gerade einmal 6–8 Meter hoch waren, bot eine willkommene Ablenkung von der recht drückenden Lateinklasse. Geheimtipp war die Melchiorsbrücke, da man dort im mittleren Teil durch Buschwerk wie durch einen Tunnel fahren konnte.
Als Seelbach eine Klassenfahrt in den Schnee nach Dünsen ankündigte, fiel die schulische Last mit einem Mal von mir ab.
Pfeffer und Salz
Als Lammert und ich im „Pfeffer und Salz“ eintrafen, kam uns der Chef des Hauses bereits mit den Speisekarten entgegen und geleitete uns zum besten Tisch. Seine französische Frau, die einmal eine Schönheit gewesen sein mochte, jetzt nur etwas unter ihrer Kurzsichtigkeit litt, zündete eine Kerze an und stellte in einem leicht nasalierenden Tonfall die Speisen vor, die nicht auf der Karte standen. Lammert bestand darauf, zumindest dreigängig zu speisen. Als Weißwein zur fischigen Vorspeise orderte Lammert Poully Fumee, und zwar den besten, der auch der teuerste war. Zum Hauptgang, erläuterte Lammert, empfehle er Chateau de Pez. Sei zwar etwas teuer, aber die Saufereien von Scherf mit Kunden seien allemal teurer und bei diesen käme außer einer hohen Rechnung meist nichts heraus.
Als die Dame des Hauses fragte: „Kein Champagner als Aperitif?“, reagierte Lammert etwas verlegen, zumal die Chefin das Wort Champagner derart gekonnt ausgesprochen hatte, dass Lammert fürchtete, als unkultiviert zu gelten.
„Hätte ich doch fast vergessen“, entfuhr es ihm und er schien froh, diese rettende Formulierung gefunden zu haben.
Lammert kam auf das Gespräch in Lünen zurück und bezeichnete Scherf nach einem tiefen Schluck Champagner nochmals als Riesenarschloch, das keine Ahnung habe und das Geld zum Fenster rausschmeiße. Gerade als er das Wort Riesenarschloch draußen hatte, kam Scherf mit einem weiteren Vorstandskollegen, Klaus Schmadt, herein. Beide steuerten auf einen anderen Tisch zu und nahmen ohne Umschweife Platz. Lammert zischelte durch die Zähne, indem er etwas das Gesicht verzog und über den Rand seiner Brille linste, Schmadt sei ein noch größerer Armleuchter und dazu noch ein gefährlicher, nämlich unfähig und fleißig. Im selben Moment erhob sich Lammert, visierte den Tisch seiner Kollegen an, warf sich etwas ins Kreuz und rief quer durch das Lokal: „Mögen Sie uns nicht, wir haben schon für Sie eindecken lassen!“ Scherf und Schmadt schauten hoch, nahmen uns wahr und wechselten sofort ihre Plätze.
Scherf begrüßte uns freundlich, murmelte einige Honneurs, zupfte Lammert an der Krawatte, so als ob man besonders vertraut miteinander umgehe, und fragte, als er sich gerade niederließ, ob man nicht den Meier rausschmeißen müsse. Meier war Geschäftsführer der österreichischen Tochtergesellschaft und hatte gerade ein paar Kundenverluste zu beklagen. Lammert meinte: „Trinken Sie mal erst!“, was sich Scherf nicht zweimal sagen ließ. Mit einem Schwung nahm er die Champagnerflasche am Hals aus dem Kübel und schenkte sich in sein leeres Bierglas den Rest mit den Worten ein, dass der Klaus ihn Hoim fahren müsse, Letzteres in schwäbischem Idiom, das er gerne pflegte und das eine besondere Art von Lässigkeit ausstrahlen sollte. Scherf nahm das gefüllte Bierglas in beide Hände vor sich auf den Tisch, zog etwas die Nase hoch und verbreitete beim Ausatmen eine Schnapsfahne, die nach Linie und im Abgang nach Zigaretten roch. Während dieser Geste hielten die anderen inne, weil sie noch ein Statement zu Meier oder etwas anderes erwarteten. Scherf stieß jedoch lediglich mit geschlossenem Mund hörbar auf und meinte dann, der Schulte sei auch nicht ganz dicht.
Lammert fragte: „Wegen der Streichungen im Budget?“ „A noi“, entgegnete Scherf, „der Schulte hätt ihm geschtern in der Mage boxt, der spinnt doch, er hab erscht mal die Tür zugeknallt und dann dem Schulte eine geklebt.“
Schulte war der Aufsichtsratsvorsitzende, ebenfalls Schwabe und neigte gelegentlich zu Grobheiten, die auch handgreiflich sein konnten.
Lammert setzte nach: „Worum ging’s denn überhaupt?“ „Der hätt mi angeschisse, weil der Schnaps alle war“, brummte Scherf, wechselte ins Hochdeutsche über und meinte dann beleidigt, Schulte habe ihm das Bewirtungsbudget gekürzt, weshalb auch Lammert heute Abend bezahlen müsse.
Scherf, der nachzudenken schien, nahm den Kopf zwischen beide Hände, blickte nach unten zu seinen Schuhspitzen und fragte Schmadt übergangslos, was mit der EDV in Österreich sei. Schmadt schluckte etwas, spielte nervös mit der Zunge zwischen Oberkiefer und Oberlippe, nahm ohne Grund einen Kugelschreiber aus der Innentasche seiner Jacke, malte einen Kreis auf einen Bierdeckel und fragte zurück: „Was soll sein, desch is alles okay.“
Scherf setzte sich unvermittelt kerzengerade und knallte Schmadt mit dem Handrücken auf die Brust. „Desch könne Sie mir als EDV-Muffel vielleicht weismache, aber nicht dem Lammert.“ Lammert sah eine Gelegenheit, Schmadt mal die Wahrheit zu sagen, und erklärte mit ironischem Unterton, Meier habe ihm vor 2 Stunden am Telefon gesagt, er könne nicht einmal mehr Rechnungen ausdrucken.
Scherf passten Aussagen vom Hörensagen ganz und gar nicht und er schmetterte die Diskussion mit der Bemerkung ab: „Desch is wieder e typischer Lammert, nur heiße Luft. Ihr beide setzt Euch morge zamme und klärt die Gschichte“, und zitierte den Wirt herbei. „Wir haben ’n Gascht und wolle gut esse, was habese?“ Als Lammert meinte, man habe schon bestellt, brummte Scherf etwas Unfreundliches und ließ die Sonderkarte herbeibringen. Die Dorade sei ganz frisch, meinte der Maitre des Hauses, Herr Liebold, während er mir mit einer Armbewegung den Weg zur Toilette wies. Lammert sagte, dass er mitkomme.
Beim Händewaschen zeterte er, der Schmadt sei das Hinterletzte, wenn das so weitergehe, sei der Laden in 3 Monaten kaputt. Auf dem Rückweg ins Lokal meinte er dann aber, bevor es so weit sei, müsse man zumindest gut essen und trinken.
Das Essen war vorzüglich und mit zunehmendem Alkoholgenuss schwanden die dienstlichen Themen und Scherf erzählte einen dreckigen Schwabenwitz nach dem anderen. Als Schmadt eine Pause nutzte, um seinerseits einen Witz zum Besten zu geben, meinte Scherf lakonisch, vom Witzeerzählen verstehe der Schmaddi so viel wie von der EDV, worauf alle herausplatzten, einschließlich Schmadt, der die Peinlichkeit auf diese Art und Weise zu meistern suchte.
Mit einem Mal stand Lemka am Tisch; er war Verkaufsvorstand und kam gerade aus Berlin. Er sei mit Schulte beim Kunden gewesen. Schulte habe ihm vertraulich zugetragen, Hintze und Klose schulterten gerade ein Wahnsinnsgeschäft – mit mehr oder minder 0 Eigenkapitaleinsatz würden Millionen verdient. Ich wusste natürlich, was gemeint war, hielt mich jedoch wohlweislich zurück.
Lemka schwärmte, dass ein solches Highlight der Tantieme für die Führungskräfte des Konzerns absolut guttue. Lammert, von Haus aus Betriebswirt, zeigte sich ungläubig und meinte, dass Klose einen solchen Quatsch nicht mitmache. Hintze habe wohl kurz vor seiner Pensionierung schon gewisse Ausfallserscheinungen; aus Schiete habe bisher noch niemand Rosinen produziert.
Scherf hakte nach und fragte Lemka, ob das alles sei.
Lemka, dessen Augen etwas rot gerändert schienen, baute sich so auf, als ob er selbst das „Wahnsinnsgeschäft“ initiiert habe, und faselte, die Sache sei mit der Kölner Schule und den einschlägigen Ministerien abgeklärt. Als ich etwas die Stirn runzelte, fragte Scherf, ob ich mehr wisse, eigentlich sei ich ja dicht genug dran, „oder macht das der Ecker selbst“. Ich erklärte, dass die Sache an mir vorbeigelaufen sei. Näheres könne ich leider nicht sagen.
Lemka setzte sich und fragte Scherf, ob er das mit der Berliner Rechnung machen könne wie bisher. Scherf schien nicht zu wissen, worum es ging, und wandte sich an Lammert, ob er ihn aufklären könne. Lammert meinte, dass das eigentlich nicht mehr nötig sei, denn Scherf sei schlecht genug, um solche Touren zu kennen. Als Scherf immer noch nicht zu kapieren schien, sagte schließlich Lemka, er habe die Etablissement-Rechnung wieder teilen lassen und aus einer teuren Flasche Champagner zwei mittelteure gemacht. Scherf zeigte sich überraschend entrüstet und meinte nur: „Ohne mich.“
Gerrit Schäfer
In das Tagebuch über die Fahrt nach Dünsen klebte ich als Erstes ein Bild von Seelbach, auf dem er neben einem lebensgroßen Schneemann posierte.
Im Hintergrund ist unsere Schneehöhle zu sehen, die ein Nachbau eines Iglus zu sein schien. Auf einem weiteren Foto stehe ich zusammen mit Hans-Rüdiger Roser und Fidi Röver im Vorhof des Iglus. Fidi Röver hatte in Latein noch größere Schwierigkeiten als ich, während Hans-Rüdiger Roser eher zu den Besseren gehörte.
Das kleinste Foto zeigt mich mit neun Mitschülern unter dem Eingangsschild des Landheims. Die Schrift auf dem Schild ist durch Schneebälle unleserlich gemacht. Erkennbar ist lediglich, dass links und rechts Wappen angebracht sind, die dem Eingang das Gepräge einer Kleingartenanlage oder eines Arbeitslagers geben. Wir hatten uns wie Fußballspieler auf einem Vereinsfoto aufgestellt; vier knien vorn, ganz links Verona Klages, die wie ein Keeper eine Hand aufs Knie aufgestützt hat. Die beiden mittleren sind schlecht zu sehen, ganz rechts fast zwergenhaft: Joachim Gentemann, der durch seine Magerkeit auffiel und mit seinem etwas gelben Teint nicht gesund wirkte. Rechts stehend bin ich von Erwin Kolze und Jochen Blut eingerahmt. Dann kommt Detlef Lehners, dann Jörg Keith und ganz rechts Kohli. Barbara Schloh hatten wir verwehrt, mit aufs Bild zu kommen, „wegen der angelegten Ohren“ hielt ich ihr entgegen, weshalb sie heulend zu Seelbach rannte. Barbara Schloh hatte beim Eintritt in die Klasse fast senkrecht zum Kopf stehende Segelohren, die nach einer Operation dann aber schier am Kopf klebten. Sie konnte es uns mit ihren Ohren einfach nicht recht machen.
Der folgende Morgen ließ sich zunächst an wie die anderen zuvor, bis auf die Begebenheit, dass Gerrit Schäfer, eine gar nicht so attraktive Klassenkameradin, nackt durch den Waschraum für die Jungen lief. Leider gehörte ich nicht zu den wenigen Zuschauern, die ihre Beobachtung wie ein Lauffeuer verbreiteten. Ob es eine frühreife Verwirrung oder ein drohender Durchfall war, der zu diesem Spurt antrieb, blieb im Dunkel; jedenfalls nahm Seelbach diese Angelegenheit äußerst ernst und leitete seine disziplinaren Maßnahmen mit einem Eintrag ins Klassenbuch ein.
Nach dem Frühstück trauten wir unseren Ohren nicht, als Seelbach eine sogenannte Auslesearbeit ankündigte und uns aufforderte, die Esstische wie in einer Schulklasse hinzustellen. Mir versetzte das einen solchen Schrecken, dass ich umgehend zum Klo musste, was allerdings auch sein Gutes hatte, da ich im Landheim permanent an Verstopfung litt.
Als ich zurückkam, saßen alle bereits über einem hektografierten Blatt und es war so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Ich suchte nach einem Platz, den ich schließlich neben Verona Klages fand. Sie schien nicht zu verstehen, worum es ging und schaute mich fragend an. Als ich sah, dass eine Mathematikarbeit ausgeteilt war, bereute ich, neben Klages zu sitzen, denn sie war relativ schwach. Bei erster Durchsicht fielen mir nur Bruchstriche auf sowie Klammern, geschweifte und eckige Klammern. Ich zeigte auf und fragte Seelbach, wie viel Zeit wir hätten. Seelbach schreckte etwas vom Klassenbuch hoch und sagte: „Damit auch der Bleicher, der schwer von K P ist, es weiß, nochmals: 2 Stunden und dann wird auf einen Schlag abgegeben! Peng.“
Es waren nur sechs Aufgaben.
Als ich nach 1 ½ Stunden fertig war, schaute ich mich triumphierend im Speisesaal um und legte mein Blatt generös in Richtung meiner Nachbarin, sodass diese abschreiben konnte. Insgeheim wähnte ich mich dabei in einer Art Annäherungsversuch, ohne jedoch auf Resonanz zu stoßen. Klages drehte lediglich mein Lösungsblatt um ein paar Grad in ihre Richtung, um meine Ziffern besser lesen zu können.
Als Seelbach vorübergehend aus dem Fenster schaute, um den tanzenden Schneeflocken zuzusehen, beugte sich Klages weit über mein Blatt, da sie zwar die Lösungen erkannte, aber nicht den Weg zu ihnen; dann schaute sie mir offen ins Gesicht, sodass ich schließlich dem Blick auswich und mich räusperte. Entweder die Offenheit ihres Blicks oder der Geruch nach nasser Wolle ihres grob gestrickten Pullovers verwirrten mich etwas, bis Seelbach wieder in die Klasse schaute, und ich daraufhin mein Blatt vorsichtig zurückzog.
Vorzeitig verließ ich den Raum und Klages hinterher, da sie es vorgezogen hatte, nur vier Aufgaben abzuschreiben. Mehr richtige Antworten wären aufgefallen.
Auf dem Flur stand bereits Andi, der fragte, wie die letzte Aufgabe gelaufen sei. Da ich unsicher war, ob ich mit meiner Lösung richtig lag, lenkte ich schnell vom Thema ab und schlug vor, auf der Terrasse mit Schnee zu werfen. Im Nu waren wir draußen.
Holiday Inn
Die Nacht im Holiday Inn war nur kurz, da Lammert Wert darauf legte, an der Bar noch einen zu sich zu nehmen. Um die Theke lungerten überwiegend Teilnehmer von Seminaren, die im Hotel veranstaltet wurden. Da einige angetrunken waren, bewarfen sie sich gegenseitig mit Minibrezeln und Erdnusskernen, die in großen Glasschalen angeboten wurden. In eine der Schalen griff Lammert mit einer Hand, die er sodann gegen den Mund drückte, um alles auf einmal hineinzustopfen.
Während er die reichlich trockene Menge hinuntermampfte, fragte er, was Lemka für eine Sache meine, die angeblich 0 Eigenkapital erfordere, um sofort nachzusetzen, wenn ich nichts sagen wolle, so sei das auch in Ordnung.
