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Die Grundidee dieses Buches ist, dass wir Gott erschaffen und nicht er uns. Jeder Mensch besitzt eine Seele und diese Seele ist eine Quelle von Energie. Wenn nun ein Mensch an etwas glaubt, dann löst sich ein Teil dieser Energie und haucht dem Bildnis seines Glaubens Leben ein. So wird ein beliebiger Gott oder sonstige paranormale Erscheinung erst ins Leben gerufen und nur dank seiner Anhänger bleibt er überhaupt überlebensfähig. Martin, der Protagonist der Geschichte, kommt diesem Phänomen auf die Spur. Durch einen Zufall kommt er mit seiner Seele in Kontakt und macht sich anschließend daran dieses Phänomen zu verstehen. Er entschlüsselt das Rätsel und versucht mit diesem Wissen einen neuen Glauben zu gründen. Den reinen Glauben. Aber Martins Vorstöße bleiben von den bereits existierenden Kräften nicht unbemerkt. Es dauert nicht lange und Martin wird von Engeln und Dämonen aufs Korn genommen. Um nicht zum bloßen Spielball dieser Kräfte zu werden entschließt sich Martin zusammen mit seinen Freunden ihre eigene Ansammlung von Energien zu erzeugen. Ihre eigene Form eines Gottes. Obwohl sich der Konflikt zwischen Martin und Dämonen recht schnell löst, ist das Problem mit den Engeln nicht so leicht beseitigt. Das Problem liegt in der Natur des Glaubens. Da die Menschen glauben, dass Dämonen opportunistisch und Engel rechtsschaffend sind können die Engel nicht so leicht aufgeben. Die Engel werden zwar von einem allwissenden Gott geschickt, aber sie wissen nicht wie sie mit Martin umgehen sollen. Gott ist schließlich dank seiner Anhänger entstanden und auch wenn diese an Allwissenheit glauben, so kann ihr Verstand dieser Idee keine Form geben und Gott diese Eigenschaft nicht besitzen. Aus diesem Dilemma heraus wird Martin als ein Feind Gottes betrachtet und es kommt zu einem Kampf zwischen eine Gesandten Gottes und Martin. Martin gewinnt diesen Kampf um Leben und Tod nur knapp.
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Seitenzahl: 340
Veröffentlichungsjahr: 2014
Tobias Meyer
DER REINE GLAUBE
© 2014 Tobias Meyer
Verlag: tredition GmbH, Hamburg 978-3-8495-8828-1 (Paperback) 978-3-8495-8829-8 (Hardcover) 978-3-8495-8830-4 (e-Book)
-1- Ein Tag wie jeder andere
Der freundliche Alarm des Chatprogramms ICQ ließ Martin Müller aus seinem Halbschlaf aufschrecken. Es war Dienstagabend und wie immer um diese Uhrzeit saß Martin vor seinem PC. Es gab für heute nicht mehr viel zu tun. Seine Hausarbeiten waren erledigt - nun ja, um der Sache gerecht zu werden, sollte man vielleicht treffender sagen, sie waren ausreichend bearbeitet. Er hatte gerade genug aufs Papier geschmiert, damit er von seinen Lehrern nicht angemeckert werden würde. Heute hatte er einfach nicht den Elan, um mehr zu arbeiten. Mit einer müden Bewegung wischte er sich den Schlaf aus den Augen, mit einer schellen Mausbewegung verscheuchte er den Bildschirmschoner.
„Sehr geistreich“, war die einzige Bemerkung, die ihm einfiel, als er merkte, dass sich die Konversationen nur auf „Hey! Wie geht’s dir? - Mir geht’s gut, und dir? Und blubb…“, beschränkte. Martin dachte bei sich:
‚Vielleicht ist es einfach zu spät. Und nach müde kommt ja bekanntlich doof, ich glaube diese Grenze wurde schon vor 30 Minuten überschritten. Ich sollte einfach schlafen gehen.‘
Träge schleppte sich Martin aus dem gemütlichen Schreibtischstuhl ins Bett. Glücklicherweise hatte er seine Hose bereits ausgezogen, bevor er sich vor seinen PC gesetzt hatte. Ja, gleich einschlafen, herrlich!
Das nervtötende Geräusch des Weckers riss Martin unsanft aus seiner Tiefschlafphase. Zornig tastete er nach dem Wecker, schaltete ihn so schnell wie möglich ab und stellte ihn ein wenig härter als nötig auf den kleinen Partykühlschrank, der nebenbei als Nachttisch fungierte. Noch ein wenig schlaftrunken richtete er sich auf und schwang seine Füße aus seinem Bett. Eigentlich hatte er nicht aufstehen wollen, aber was sein musste, das musste eben sein.
Verdrossen trottete er in sein Badezimmer und stellte die Dusche auf eine angenehme Temperatur. Der warme Schauer belebte seine Sinne und hob schlagartig seine Stimmung. Nach geschlagenen 10 Minuten stieg er endlich aus der Dusche und betrachtete sein Gesicht eingehend. Aus dem Spiegel schaute das Gesicht eines 16-jährigen Jugendlichen mit kurzen blonden Haaren zurück. Zwei identisch blaue Augenpaare schauten sich kritisch an. Der Rest des Gesichtes war nicht sonderlich auffällig, alles normal. Naja, ein paar Pickel, aber das ist ja nichts Besonderes in diesem Alter, auch wenn es ziemlich lästig ist. Er war ein wenig klein geraten und könnte einer dieser Menschen sein, die man auf der Straße sieht, ohne sie wirklich wahrzunehmen, die man übersieht.
„Martin! Beeil dich! Deine Freunde warten mal wieder auf dich! Mach, dass du aus der Dusche rauskommst“, hörte er seine Mutter von unten rufen.
„Ja Mum! Ich bin praktisch schon unten“, antwortete Martin während er sich schnell mit einem Handtuch den Kopf trockenrubbelte. Fix zog er sich an und stürmte aus der Tür, nur am Rande wahrnehmend, dass seine Mutter ihm wie üblich drohte, ihn in Zukunft höchstpersönlich um fünf Uhr am Morgen zu wecken, wenn das nur noch einmal vorkommen sollte.
„Schwing deinen Arsch aufs Rad und setz ihn in Bewegung“, rief ihm Patrick mit einem leichten Grinsen auf den Lippen zu.
Patrick war ebenfalls 16, hatte braune Augen und braune Haare. Sie kannten sich schon seit dem Kindergarten, waren gemeinsam schon durch einige Höhen und Tiefen gegangen. Angefangen hatte es im Alter von fünf Jahren, als die beiden es für eine brillante Idee hielten, den gesamten Inhalt einer Flüssigkleberflasche auf den Stuhl der verhassten Kindergärtnerin zu schütten. Das war definitiv kein angenehmer Abend gewesen, eine der längsten Standpauken, die Martin je bekommen hatte. Oder das andere Mal, als die beiden unbedingt diese knallroten Kirschen hatten haben wollen, die natürlich am höchsten Baum in der Umgebung wuchsen. Martin hatte Patrick mit einer gekonnten Räuberleiter auf den ersten Ast gehievt und damit begonnen, die Kirschen einzusammeln, die Patrick vom Baum schüttelte. Das war auch eine Weile gut gegangen, bis plötzlich statt der Kirschen Patrick vom Baum fiel. Und irgendwie hatte der kein Glück. Sein Fall wurde zwar gestoppt, nur war es blöd, dass dies ausgerechnet durch einen Ast zwischen den Beinen geschah.
„Dir auch einen wunderschönen guten Morgen“, antwortete Martin ebenfalls mit einem Lächeln, das allerdings ein wenig müder ausfiel.
„Immer einen blöden Kommentar parat, Martin, nicht wahr?“, sagte Roland, der mit Patrick auf Martin wartete und ein wenig genervt wirkte.
Roland war fünfzehn, hatte blondes Haar wie Martin, war allerdings etwas größer als er. Roland kannte Martin und Patrick nun seit ungefähr vier Jahren und hatte sich mit den beiden richtig gut angefreundet. Die drei unternahmen nahezu alles zusammen.
„Aber falls es dir aufgefallen ist, deine Kommentare bringen uns nicht rechtzeitig zur Schule“, fuhr Roland fort und fügte hinzu: „Vielleicht solltest du einfach mal früher ins Bett?“
„Spar dir deine Puste, wie du schon richtig bemerkt hast, sind wir spät dran, also husch husch, los gehts“, unterbrach ihn Martin und setzte sich in Bewegung.
Nun war Roland an der Reihe zu lächeln:
„Ich hasse diesen arroganten Idioten.“
Obwohl sich die drei ordentlich ins Zeug legten, um rechtzeitig zur Schule zu kommen, verspäteten sie sich ein wenig. Sie schafften es allerdings, einen Augenblick vor ihrem Lehrer ins Klassenzimmer zu kommen - aber auch wirklich nur einen Augenblick.
„Naja, die üblichen Kandidaten. Meine Herren, Sie sind zu spät! Eigentlich wie jeden Morgen.“
Herr Kirsch, ihr Religionslehrer, schaute sie halb verärgert, halb spöttisch an. Warum mussten sie denn ausgerechnet ihren Reli-Lehrer als Vertretung haben?
„Aber Herr Kirsch, wir sind nur drei Minuten zu spät. Außerdem sind Sie auch erst gerade angekommen“, gab Roland zurück.
Genüsslich öffnete Herr Kirsch das Klassenbuch und begann, eine kleine Notiz an den Rand zu schreiben und sie gleichzeitig laut vorzulesen:
„Müller, Margraf und Stürck - drei Minuten zu spät, mal wieder.“
„Aber sie sind doch auch erst angekommen“, wiederholte Roland.
„Da allerdings ist ein kleiner Unterschied zwischen uns“, bemerkte Herr Kirsch, während er mit seinem Zeigefinger vor Rolands Gesicht herumwedelte und sein übliches breites Grinsen aufsetzte, „ich bin ein Lehrer und du bist ein Schüler. Ich kann dich einfach ins Klassenbuch einschreiben, aber umgekehrt wird das wohl eher nichts.“
„Ich hasse diesen Prediger. Ich hoffe, er wird eines Tages von einem gigantischen Laster überfahren und wenn er dann blutend und röchelnd am Straßenrand liegt, komm ich vorbei und lache ihn aus. Herr Kirsch, werde ich dann sagen, ich glaube ich bin nicht der einzige, der Sie nicht leiden kann, Gott mag Sie anscheinend auch nicht, also noch eine schöne Ewigkeit in der Hölle, Penner!“, flüsterte Martin Patrick zu, während sie sich auf ihre Plätze setzten.
„Wie war das bitte, was möchtest du der Klasse mitteilen, Martin?“, fragte Herr Kirsch.
„Ich habe nur zu Patrick gesagt, dass wir es hoffentlich das nächste Mal rechtzeitig ins Klassenzimmer schaffen, mit Gottes Hilfe natürlich.“
Mit bösem Funkeln in den Augen erwiderte Herr Kirsch:
„Ich weiß, dass du mich nicht leiden kannst, aber auch wenn du mich hasst, ist das noch lange kein Grund, meinen Glauben in den Dreck zu ziehen, wenngleich ich das Gefühl habe, dass dies zu deiner Lieblingsbeschäftigung geworden ist. Aber falls es dir noch nicht aufgefallen ist - ich bin nicht allein mit meinem Glauben, auch deine Mutter kommt regelmäßig zur Kirche.“
‚Nur weil Millionen naiver Menschen glauben, dass zwei und zwei fünf ergibt, ist es noch lange nicht richtig‘, dachte Martin bei sich.
„Aber wenn du unbedingt ein paar Stunden länger in der Schule verbringen und die Bibel eingehend studieren willst, genügt ein weiterer Kommentar von dir und dein Wort wird mir Befehl sein.“
„In Ordnung, es tut mir leid wenn Sie sich persönlich angegriffen gefühlt haben, ich bin in dem Glauben, genug private Bibelstunden gehabt zu haben“, erwiderte Martin mit knirschenden Zähnen.
„Gut, nachdem auch das geklärt wäre: Martin wenn du mir einen Gefallen tun könntest und mir helfen würdest, die Bibeln auszuteilen. Wir brauchen sie heute“, sagte Herr Kirsch mit aufgesetzter Freundlichkeit.
Martin stand auf und machte sich daran, die Bibeln mit verdrossener Miene auszuteilen. Während er die Bibeln, eine nach den anderen, unsanft auf die Tische klatschen ließ, versuchte er gleichzeitig die verhassten Bücher mit seinem bloßen Blick zu entflammen. Martin hätte schwören können, dass sein Wunsch um ein Haar in Erfüllung gegangen wäre. Denn er bildete sich ein, von einem Exemplar des heiligen Schriftstücks eine kleine Rauchfahne aufsteigen gesehen zu haben.
Nach 45 Minuten voller „Paranormaler Sichtungen“ Gottes, und, aus Martins Sicht, anderer Spinner, die von sich behaupteten, Geister gesehen zu haben, dazu noch anschließenden 45 Minuten, gefüllt mit Kurvendiskussion, wurden Martin, Patrick und Roland in ihre wohl verdiente Pause entlassen. Auch wenn die drei nun Freizeit hatten, drehte sich das Gespräch immer noch um Geister und alles was angeblich dazu gehörte.
„Ich kann mir schon gut vorstellen, dass es so was wie Geister gibt, es gibt jede Menge Dinge da draußen, die sich mit reinem Verstand nicht erklären lassen“, begann Patrick das Gespräch.
„Und ich kann mir gut vorstellen, dass du einmal zu viel auf den Kopf gefallen bist. Jeder der von sich behauptet, Geister gesehen zu haben, sollte ernsthaft überlegen, einem Psychiater einen schönen langen Besuch abzustatten“, meinte Martin, während er mit genüsslichem Gesichtsausdruck auf seinem Käsebrot kaute.
„Naja, Patrick hat da nicht ganz unrecht“, sagte Roland gedankenverloren, „ich hab gestern eine Reportage über diese Shaolin-Mönche gesehen. Diese Kerle sind der Wahnsinn. Die haben verschiedene Experimente mit denen gemacht, zum Beispiel haben sie in eisiger Kälte klatschnasse Handtücher auf ihre nackten Oberkörper gelegt und sie einfach getrocknet oder sie haben ihr gesamtes Körpergewicht auf drei Speere gelegt und keinen Kratzer davongetragen. Wie bitte willst du mir das erklären?“
„Hm, sie könnten es einfach fälschen und das Kamerateam und die Professoren waren alle eingeweiht“, schlug Martin vor.
„Möglich, aber ich halte es für ein wenig unwahrscheinlich“, war die einzige Antwort die Martin von Roland bekam.
„Janine hat mir erzählt, dass sie einmal mit ein paar Freundinnen Gläserrücken versucht hat, und sie hat mir geschworen, dass sich das Glas bewegt hätte, ohne, dass es jemand verschoben hätte. Ihr und ihren Freundinnen sei ein kleiner Kälteschauer über den Rücken gelaufen. Sie meinte sogar, dass sie wirklich Antworten bekommen haben“, erzählte Patrick mit ernster Stimme.
„Genau, und Janine ist ja auch eine wirklich zuverlässige Quelle. Weißt noch als sie dir weißmachen wollte, dass das Schild am Zaun „Achtung Hund“ nur fake wäre? Sie hat dich sogar so weit gebracht, dass du rüber auf die andere Seite geklettert bist“, erinnerte Martin Patrick.
„Wie könnte ich das vergessen. Dieser Mistköter hat mir einen Schuh geklaut. Der Schuh war noch nicht mal einen Monat alt.“ Patricks Augen verschmälerten sich kaum merklich, während er in seiner Erinnerung an die teuren Treter schwelgte.
„Oh Mann, Patrick, manchmal bist du schon selten dämlich!“, sagte Roland lachend und fügte hinzu: „Mal Patricks Naivität beiseite - ich meine, wie schaffen das diese Mönche? Die behaupten von sich, dass sie ihr Chi, ihre innere Energie oder so, fokussieren. Es soll wohl jede Menge Übung kosten, aber es scheint möglich zu sein. Wie cool wäre das denn, wenn man das erlernen könnte?! Nahezu niemand kann dich verletzen, außer natürlich, es wird auf dich geschossen. Und dir muss nie wieder kalt sein.“
„Du hörst dich ja an, wie einer dieser Mentalisten! Du kannst alles schaffen, wenn du nur stark genug daran glaubst. Wenn du es willst, kannst du sogar Tische allein mit deiner Willenskraft bewegen. Falls du das schaffen solltest, meld dich bei mir und bring es mir bei“, meinte Martin und verdrehte die Augen so auffällig wie menschenmöglich.
Der Rest des Tages verlief ohne Zwischenfälle. Martin war wie eigentlich immer während des Rests der Schulzeit nur körperlich anwesend. Sein Kopf spielte verschiedene Szenarien mit ihm als Superkämpfer und all den coolen Shaolin-Kräften durch. Also irgendwie haben die schon was, diese Fähigkeiten. Der Nachteil an der Tagträumerei ist, dass man nur die Hälfte von dem mitbekommt, was in der Realität abgeht. Und so bekam er irgendwie auch nicht mit, dass seine Klasse am nächsten Tag die erste Stunde frei hatte. Zu dumm aber auch!
Als er dann so gegen vier in seinem Zimmer allein war, setzte er sich sofort vor seinen PC und lockerte den Gürtel, um sich Luft zum Atmen zu verschaffen. Das Essen, das seine Mutter für ihn gekocht hatte, war wie immer göttlich gut gewesen, aber vielleicht sollte er in Zukunft nicht mehr für drei essen. Jedoch hatten nun ohnehin andere Sachen Priorität. Er wollte sich alle Infos aus dem Internet saugen, die über Shaolin-Mönche zu finden waren. Nach gut drei Stunden, die Martin damit verbracht hatte, sich Videos und Berichte anzuschauen, kribbelte es in seinen Fingern, einfach ein wenig rumzuspielen und seinen Willen nach allem möglichen auszustrecken. Allerdings fiel ihm ein, dass es erstmal die Hausaufgaben zu erledigen gab. Verdammt, warum wollten die Lehrer nicht nur Martins Morgen versauen, nein sie schafften es auch, später am Tag nochmal zuzuschlagen und die Stimmung auf den Nullpunkt zu bringen. Je früher er mit seinen Aufgaben beginnen würde, umso schneller wäre er mit ihnen dann auch fertig. Also frisch ans Werk! Zuerst war Mathe dran, kein Problem, der gute alte Taschenrechner konnte das mit links. Einfach alles brav eingetippt und das Ergebnis abgeschrieben. Martin hielt sich nicht lange mit Rechenwegen auf, für ihn war das reine Papierverschwendung. Und wir wollen doch immer schön grün bleiben. Als nächstes stand eine Kurzgeschichte auf Martins Liste. Das war Martins Spezialität. Und die Betonung lag auf „kurz“.
Mit einem Seufzer breitete Martin alle Blätter, die er für diese Hausarbeit brauchte, vor sich aus. Lustlos ließ Martin seinen Blick über das Material schweifen und ein wenig seines alt bekannten Zorns brodelte in ihm auf. Gleichzeitig hörte er die akustische Meldung vom ICQ-Programm, welches ihm mitteilte, dass Janine nun online war. Und das einzige, was zwischen ihm und seinem PC lag, war seine Religionshausarbeit.
Er ließ den Hass wie eine heiße Woge durch sich hindurch schwemmen. Er taxierte das Kreuz auf seinem Ordner mit all dem Hass, den er aufbringen konnte. Er konnte fühlen, wie ihm heißer und heißer wurde, er begann zu schwitzen. Er konnte das Blut durch seine Adern pulsieren spüren. Der Hass begann ihn förmlich zu verschlingen. Das Kreuz begann zu qualmen und entflammte in wenigen Augenblicken. Je mehr die Flamme von dem Ordner verzehrte, desto ausgezehrter fühlte sich Martin. Eigentlich sollte er erschreckt und verängstig sein, aber in ihm war kein Platz für andere Gefühle als für Hass und Zorn. Er musste die Flamme einfach am Leben erhalten, also ließ er mehr und mehr seines brodelnden Zorns in die Flamme fließen. Die Hitze ließ den halb zerfledderten, brennenden Ordner in die Luft steigen. Martins Blick folgte der brennenden, fliegenden Mappe. In seinen Augen spiegelte sich das Spiel der Flammen. Das ganze Spektakel dauerte nur wenige Sekunden. Während die Asche leise auf Martins Schulter regnete, lichtete sich sein Blick. Seine Sicht war noch ein wenig verschleiert, als ob er betrunken wäre, und sein Verstand schien vernebelt. Langsam aber sicher wurde ihm das Ausmaß seiner kleinen Einäscherungsaktion bewusst.
Allerdings war das zu viel für seinen bis dahin beschränkten Horizont. Er hatte die Mauern der ihm bekannten Realität nieder gebrannt und konnte unmöglich das Ende dieses neuen Universums erkennen. Das war einfach mehr als Martin vertrug. Das nächste woran er sich erinnern konnte war, dass sein Kopf über der Kloschüssel gehangen hatte und dass sich sein Mittagessen denselben Weg aus seinem Körper heraus gebahnt hatte, über den es zuvor hineingekommen war. Irgendwie schaffte er es, sich den Mund zu waschen und sich ins Bett zu schleppen. Kaum, dass er es ins Bett geschafft hatte, übermannte ihn Erschöpfung. Für Martin begann eine Nacht voller unruhiger Träume. Und dabei hatte er gedacht, dass der Morgen schon scheußlich genug begonnen hatte und der Tag nicht viel schlimmer hätte werden können. Aber wie heißt es so schön - man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.
-2- Überzeugungsarbeit
„Gut geschlafen mein kleiner Prinz?“, fragte Martins Mutter während sie Martin liebevoll über dem Kopf strich. Verdutzt öffnete er seine Augen und brachte mit krächzender Stimme hervor: „Oh, oh, mein Kopf ist kurz vor dem Explodieren. Wie spät ist es, Mum?“
„Es ist 12. Du hast die Schule verschlafen, ist aber halb so wild“, antwortete seine Mutter. „So wie es aussah, ging es dir gestern Abend wohl miserabel. Du hast sogar vergessen die Klospülung zu betätigen, nachdem du dich übergeben hast. Aber mal was ganz anderes: Warum, um alles in aller Welt, hast du versucht, deine Tastatur anzuzünden?! Es stinkt bestialisch in deinem Zimmer nach einer Mischung aus Plastik und Papier!“
„Ich habe gestern Abend meinen Religionsordner mit meiner reinen Willenskraft verbrannt. Und wie es aussieht, wurde meine Tastatur etwas in Mitleidenschaft gezogen. Das mit der Tastatur tut mir leid.“, meinte Martin schwach, aber wahrheitsgemäß.
„Ach, ich bitte dich. Ist das alles? Das ist die schlechteste Ausrede, die ich jemals von dir bekommen habe, selbst im betrunkenen Zustand fallen dir bessere ein. Also würdest du mir bitte erklären, welchen Sinn es hatte, deine Religionsunterlagen zu verbrennen?“, fragte Martins Mutter ein wenig genervt nach.
„Ich habe dir die Wahrheit erzählt. Er wurde verbrannt, weil ich ihn hasse!“ beharrte Martin und dachte: ‚Ich höre mich schon an wie ein Idiot, wie ein Wahnsinniger, ich würde mir nicht einmal selbst glauben…‘
„Ach was auch immer, ich glaube, ich bekomme heute keine vernünftige Antwort. Ich erwarte von dir, dass du einen Freund fragst, ob du seinen Reli-Ordner ausleihen kannst, und dann kopierst du die Unterlagen ordentlich. Aber ich will gar nicht weiter auf dir rumhacken, wenn du eh schon am Boden bist. Es macht keinen Spaß, wenn du dich nicht einmal annähernd wehren kannst. Also, was kann ich dir denn bringen, mein armes schwaches Schätzchen? Ich habe hier Cola und Salzstangen für dich“, sagte seine Mutter und machte Martin auf die Jumbo-Packung Salzstangen und zwei Literflaschen mit Cola auf seinem Schreibtisch aufmerksam.
„Mum, du bist die Beste!“, dankte Martin seiner Mutter und fügte ein wenig kleinlaut hinzu: „Das einzige, was mir noch zu meinen Glück fehlt, wäre eine neue Tastatur. Würde es dir was ausmachen, mir eine mitzubringen?“
„Schau dich nochmal genauer auf deinem Schreibtisch um. Ich bin nicht umsonst die beste Mutter der Welt“, erinnerte ihn seine Mutter.
Martin ließ den Blick über den Schreibtisch schweifen und bemerkte eine brandneue Tastatur vor seinem PC und die dazugehörige Verpackung im Mülleimer.
„Ich bezahle allerdings nur die Hälfte, die restlichen 15 Euro ziehe ich einfach von deinem Taschengeld ab“, sagte seine Mutter freundlich. Nach einem schnellen Blick auf die Uhr fügte sie hinzu:
„Hach, wie die Zeit vergeht! Jetzt muss ich aber auch los. Ich habe mich heute mit meinen Hundedamen verabredet. Wir wollen einen schönen Spaziergang mit den Hunden machen und danach gibt‘s Kaffee und Kuchen bei Gabriela. Ich bin so in 2 Stunden wieder da.“
„Ok, hab ‚ne schöne Zeit! Und bloß keine Eile, ich halte hier schon die Stellung und pass auf, dass das Haus nicht abbrennt“, verabschiedete Martin seine Mutter.
Ihre Augen huschten zwischen PC und Sohn hin und her und eine kaum merkliche Sorgenfalte legte sich auf ihre Stirn. Allerdings nur für einen Augenblick, ihr Martin war kein Schwachkopf. Die Falte war verschwunden und sie richtete sich auf, wünschte ihrem Sohn gute Besserung und verließ das Zimmer, allerdings nicht ohne die Fenster zu öffnen und Martin zu sagen, dass er die Fenster schließen solle, falls es ihm zu kalt werden würde. Kaum, dass seine Mutter das Haus verlassen hatte, machte sich Martin über sein „Frühstück“ her. Er hatte das Gefühl, seit drei Tagen nichts mehr gegessen zu haben. Er inhalierte die Hälfte der Salzstangenpackung in gut unter 10 Minuten, was beachtlich war, denn die Packung gab an, dass ihr Inhalt 1 kg Salzstangen ist. Anschließend stürzte er eine erste Flasche Cola hinunter, um sicher zu gehen, dass auch alles da ankam, wo es hin sollte und nicht auf halbem Weg steckenblieb.
Nachdem Martin seinem ersten Impuls nachgegeben hatte, fühlte er sich schnell besser. Allerdings begann er nun damit, sich unglaublich dreckig vorzukommen, daher beschloss er, sich erstmal schnell abzuduschen und dann ein entspannendes Bad zu nehmen. Er ließ warmes Wasser in die Wanne ein und hüpfte schnell unter die Dusche, um den schlimmsten Dreck abzuspülen. Dann glitt er geschmeidig in die Badewanne.
Nun hatte er ein wenig Zeit für sich und konnte in aller Ruhe über den gestrigen Zwischenfall nachdenken. Was war da bloß in ihn gefahren? Vielleicht der Teufel! Immerhin hatte er seine Reli-Unterlagen verbrannt! Ein Versuch könnte ja nicht schaden, dachte Martin, und fragte in sich hinein: ‚Hallo Satan, bist du da? Oder einer deiner Diener?‘. Martin wartete einige Minuten auf eine Antwort und schalt sich dann selbst einen Volltrottel, nachdem er keine Antwort bekommen hatte. Satan so was Blödes. Wie konnte er nur auf so eine Schnapsidee kommen? Es musste doch eine logische Erklärung geben!
Martin zerbrach sich den Kopf, aber irgendwie wollte ihm nichts Besseres einfallen, als das Szenario, dass seine Tastatur einen Kurzschluss gehabt und seinen Ordner in Brand gesteckt hatte. Aber gleichzeitig wusste er, dass das nicht die Antwort war. Er konnte es förmlich spüren. Wenn er sich an den gestrigen Abend erinnerte, konnte er die Hitze wieder in sich aufsteigen spüren. Wie in Ekstase war er gestern gewesen. Was also hatte den Ordner verbrannt? Es war nicht der Hass gewesen, der schien eher der Funke gewesen zu sein, der alles in Brand gesteckt hatte. Aber was war der Brennstoff? Es hatte sich angefühlt, als ob der „Brennstoff“ aus ihm herausgeflossen wäre.
Aber viel weiter kam Martin nicht. Er bedeckte seine Augen mit den Händen und seufzte ein wenig verzweifelt. Er wusste, dass er an diesem Tag nicht mehr viel weiter kommen würde, aber es war schon mal beruhigend für Martin zu wissen, dass er vermutlich nicht besessen war. Immer noch ziemlich verwirrt stieg Martin aus der Badewanne und rubbelte sich trocken. Irgendwie musste er seinen Kopf von dem irritierenden Abend abbringen. Da kam ihm eine Idee: Was machte er immer, wenn er sich auf andere Gedanken bringen wollte? Er durchstöberte einfach das Internet nach lustigen Videos. Also machte er sich auf den Weg in sein Zimmer und schnappte sich ein paar Boxershorts - er hatte nicht vor, das Haus zu verlassen, also brauchte er nicht mehr. Mit einem genüsslichen Seufzer ließ sich Martin in seinen Stuhl sinken. Er schaltete den PC ein und hörte das wohl vertraute Surren. Er öffnete YouTube und überprüfte, ob sein Lieblingsaccount „Coldmirror“ ein neues Video online gestellt hatte. Es dauerte nicht lange und Martin hörte, wie die Haustür geöffnet wurde und wieder ins Schloss fiel.
„Bin wieder da! Wie geht es dir, kranker Sohnemann?“, schallte die Stimme seiner Mutter aus der Küche zu ihm nach oben.
„Ich fühle mich schon besser!“ rief Martin als Antwort nach unten.
„Ok Schatz, ich mach mich dann mal ans Mittagessen“, tönte es zurück.
Mit einem Lächeln auf den Lippen, wohlwissend, dass seine Mutter ihm etwas Gutes zaubern würde, wandte er sich wieder seinem PC zu. Gerade als er ein Video mit zwei sprechenden Katzen gefunden hatte, schellte die Türklingel. Nichts Böses ahnend, machte sich Martin keine Gedanken. Allerdings blieb ihm sein Lachen im Hals stecken, als Janine und Anna die Zimmertür öffneten und im Türrahmen stehen blieben. Martin konnte fühlen, wie ihm das Blut in den Kopf schoss, denn ihm fiel ein, dass er in nichts als seinen Boxershorts steckte. ‚Ruhig bleiben, einfach ganz natürlich reagieren‘, sagte Martin zu sich.
Um die peinliche Stille zu unterbrechen begrüßte Martin die zwei Ankömmlinge so freundlich wie irgend möglich: „Hey, was bringt euch denn dazu, mir einen Überraschungsbesuch abzustatten?“
„Hi, wir wollten einfach mal vorbeischauen, um uns zu erkundigen, wie es dir geht. Und wir wollten dir die Lateinhausaufgaben vorbeibringen“, antwortete Janine, und Anna fügte schnell hinzu: „Aber so wie es aussieht, ist es gerade ein wenig unpassend für dich. Wir können auch später wiederkommen.“
Die beiden sahen aus, als ob sie nur schwer einen Lachanfall unterdrücken konnten. So cool wie irgend möglich, griff Martin hinter sich und fischte seine Hose vom Heizkörper. Mit einem eleganten Schwung zog er sie an und schloss ein wenig zu schwungvoll seinen Hosenladen. Er erwischte zum Glück nur seine Boxershorts, aber um ein Haar hätte er vehemente Beschwerden von seinem zweiten Kleinhirn erhalten.
„Bin gerade aus der Dusche gekommen“, begann Martin zu erklären und fügte hinzu: „Ich war zu faul, mir was anzuziehen, weil ich nicht mit Besuch gerechnet hatte.“
„Aha“ und „soso“, waren die einzigen Antworten, die Martin bekam. „Hier sind deine Latein-Hausaufgaben“, begann Janine, und warf einen Blick auf die Wanduhr hinter Martin. „Oh, so spät schon! Zu schade aber auch, wir müssen los. Wir haben noch was zu erledigen, also noch ‚nen schönen Tag und gute Besserung.“
Martin hatte kaum Zeit Tschüss zu sagen, da waren seine zwei Besucher auch schon wieder genauso plötzlich verschwunden, wie sie gekommen waren. Kaum, dass Janine und Anna die Tür hinter sich geschlossen hatten, brachen die zwei in einem Lachanfall aus. Martin ließ sich schlapp in den Stuhl fallen und wäre am liebsten vor lauter Scham versunken. Er konnte hören, wie sich das Lachen nach unten bewegte. Dann hörte es auf, aber nicht lange, und es stimmte eine weitere Stimme ins Gelächter ein. Das konnte nur seine Mutter sein.
Martin schnappte sich die leere Flasche Cola vom Schreibtisch und schleuderte sie quer durch sein Zimmer. Am liebsten hätte er sein nächstes kleines Feuer entfacht oder die verbliebene volle Cola-Flasche gegen die Tür geschmettert, aber für beides war er zu erschöpft. Es dauerte nicht lange, bis alle Lacher verklungen waren und seine Mutter ihn von seinem Unglück erlöste, indem sie ihn zum Mittagessen rief. Verdrossen trottete Martin nach unten ins Esszimmer und wurde von seiner Mutter, die in bester Laune war, freundlich begrüßt:
„Ich hoffe du verstehst jetzt, warum ich dir immer und immer wieder gesagt habe, dass du nicht halb nackt durchs Haus streunern sollst.“
„Ich streuner nicht halb nackt durchs Haus! Wenn ich zu faul bin mich anzuziehen, bleib ich normalerweise in meinem Zimmer und komm nur selten nach unten, um mir Snacks oder was zu Trinken zu holen. Wenn ich gewusst hätte, dass jemand kommt, hätte ich mir natürlich was angezogen“, konterte Martin verstimmt.
„War doch lustig, dieser kleine Zwischenfall. Ich habe mich köstlich amüsiert“.
„Ja toll! Auf meine Kosten! Es gibt ja nichts, was ich mehr liebe“, meinte Martin bissig.
„Ach, sei doch nicht so ein Miesepeter. Schnapp dir lieber eine Schüssel Hühnerbrühe, ich hab die Suppe mit viel Liebe gekocht“, munterte seine Mutter ihn auf.
Der Duft von guter hausgemachter Hühnerbrühe schlich sich in Martins Nase. Und das munterte ihn tatsächlich schlagartig auf. Die Suppe war auch so gut, wie versprochen, und Martin holte sich zwei Nachschläge, bevor er von seiner Mutter gestoppt wurde, die dachte, dass Martins Magen nicht so viel Nahrung auf einmal vertragen könne. Mit prall gefülltem Bauch quälte er sich wieder die Treppen hinauf in sein Zimmer.
Sicher in seinem Domizil angekommen, warf er sich in seinen Thron und wandte sich wieder dem flackernden Bildschirm zu. Irgendwie war ihm nun nach etwas Stress-Therapie. Also wurde mit einem schnellen Doppelklick der Ego-Shooter Counter-Strike hochgefahren. Noch einmal alle Finger knacken lassen, und dann konnte für Martin der Spaß beginnen. Mitten in einer für ihn ausgezeichnet laufenden Spielpartie wurde die Türklingel ein weiteres Mal geläutet. Aber dieses Mal raffte Martin sich sofort auf, um sich ein T-Shirt zu schnappen, damit mögliche Besucher ihn nicht halbnackt sehen müssten und ihm das Gefühl erspart bleiben würde, ein zweites Mal an ein und demselben Tag aufhören zu wollen zu existieren. Und sein Instinkt täuschte ihn nicht. Allerdings hätte es Martin nicht im Entferntesten gestört, seine neuen Besucher halb nackt zu empfangen, waren es diesmal doch Patrick und Roland.
„Na, wie geht es denn unserem Schwänzer?“, war die Begrüßung, die Patrick parat hatte.
„Ja Mann, warum warste nicht in der Schule? Du hast uns einfach hängen lassen“, fügte Roland Patricks warmherziger Begrüßung hinzu.
„Ach, mir war nicht so nach Schule. Ich wollte gestern Abend lieber die Kloschüssel mit meinem Mageninhalt befüllen. Und irgendwie war das so anstrengend, dass ich danach eingeschlafen bin und die Schule verschlafen habe. Tut mir ja echt leid, dass ihr diese Hölle ohne mich durchstehen musstet, aber ich hab brav für euch gebetet“, erwiderte Martin pfiffig.
„Vielen Dank, aber wenn ich Gott fragen will, ob er die Güte hätte, mich mit einem seiner heiligen Blitze zu einem Häufchen Asche zu verbrennen, dann frag ich schon höchst persönlich“, meinte Roland.
„Ich versuchs mir zu merken, aber du kennst mich ja - mein Gedächtnis ist unglaublich mies“, scherzte Martin.
„Also, warum warst du wirklich nicht in der Schule? Ich kauf dir die Story mit dem schwachen Magen nicht ab, dein Magen ist wie aus Eisen, und wenn das, was du gegessen hast, dich zum Kotzen gebracht hat, dann müsste dieses Essen jeden normalen Menschen tödlich vergiften. Wir hatten heute noch nicht mal Reli, da hats ja noch weniger Sinn, blau zu schieben“, sagte Patrick.
Martins Augen huschten ein wenig unsicher zwischen den fragenden Gesichtern von Patrick und Roland hin und her. Langsam tastete er sich an seine vollkommen abgedrehte Geschichte heran. Als er dann begann, seine Gedanken mit ihnen zu teilen, wurden die Mienen von Roland und Patrick noch ungläubiger, falls das überhaupt noch möglich war.
„Das ist das Blödeste, was ich seit langem von dir gehört habe. Haste gestern an Kleber geschnüffelt oder was? Ich glaub, ich hab gehört, dass das manchmal Übelkeit hervorrufen kann“, war das Einzige, was Patrick spontan zu so einer abgedrehten Story einfiel.
„Ich halte das mit dem Kleberschnüffeln für sehr wahrscheinlich. Das würde erklären, warum er so dämlich geworden ist, uns für dämlich genug zu halten, seine doch recht einfallslose Geschichte zu schlucken. Vielleicht sollten wir ihm ein paar Schläge auf den Hinterkopf geben, soll ja bekanntlich helfen.“, schlug Roland vor.
„Ich glaube eher, du hattest davon ein paar zu viel. Glaubt ihr denn, ich würde das erfinden, um euch zu verarschen?“, fragte Martin entrüstet.
„Jap“, antworteten Patrick und Roland wie aus einem Mund.
„Ach ja“, begann Martin zornig, weil seine zwei besten Freunde ihm nicht glauben wollten, aber unterbrach sich dann selbst. Was versuchte er denn? Er versuchte seine Freunde von einer Geschichte zu überzeugen, die er noch nicht einmal selbst so recht glaubte oder glauben wollte. Es war aussichtslos.
„Vielleicht habt ihr ja Recht und es war nichts als ein Albtraum. Ich lass ab heute auch die Finger vom Kleber“, brachte Martin etwas müde hervor.
Diese plötzliche Kapitulation verunsicherte Patrick und Roland ein wenig. So einfach nachzugeben war nicht Martins Art. Allerdings waren sie nicht lange verunsichert. Sie dachten, dass Martin härtere rhetorische Geschütze als billiges Schmierentheater auffahren würde. Aber die zwei waren ja nicht gekommen, um sich mit Martin zu streiten, also lenkte Patrick das Gespräch in eine neue Richtung:
„Sag mal was läuft denn zwischen dir und Janine? Ich könnte schwören, dass ich sie mit Anna zusammen aus deiner Straße rausradeln sah.“
Irgendwie war es egal, wohin sich die Unterhaltung drehte - unangenehm für Martin war es so oder so. Also begann er, auch diese Geschichte zu erzählen. Und dieses Mal erheiterte die Geschichte Roland und Patrick sichtlich.
„Das hört sich schon viel mehr nach dir an. Niemand sonst sitzt tagein, tagaus nackt vor seinem PC“, lachte Patrick.
„Ich weiß, es gibt nicht viele, die mehr Unglück haben, als ich. Gott muss mich wirklich hassen“, erwiderte Martin.
„Oder der Teufel liebt dich, du weißt ja, der alte Beelzebub kann seine Zuneigung nur schwer ausdrücken.“, meinte Roland scherzhaft.
Die drei begannen nach und nach wieder in ihr altes Rumblödeln zu verfallen, gespickt mit mehr oder weniger sinnlosen Wortspielen. Und dann erzählten Roland und Patrick Martin alles, was er in der Schule verpasst hatte. Es war interessant für Martin zu wissen, dass Peter Janine nach einem Date gefragt hatte und das Janine zu allem Unglück auch noch „ja“ gesagt hatte. Im hinteren Teil seines Gedächtnisses speicherte Martin eine kleine Notiz, dass er sich diesen Peter bei Gelegenheit vorknöpfen wollte. Nebenbei erfuhr er noch so Kleinigkeiten wie die Hausaufgaben. Aber irgendwie vergaß er sie sofort, nachdem er sie gehört hatte. Beim Merken solcher für ihn irrelevanter Fakten erging es ihm wie beim Lernen für Latein oder Religion: Nichts blieb hängen. Sein Verstand setzte sich mit aller Macht dagegen zu Wehr. Patrick und Roland blieben noch ein paar Minuten und leisteten Martin Gesellschaft, mussten dann aber gehen, um ihre leeren Bäuche zu füllen.
Nachdem Martin Patrick und Roland zur Tür gebracht und verabschiedet hatte, machte er einen kleinen Schlenker in die Küche. Er schnappte sich Snacks und Cola und marschierte schnurstracks wieder in sein Zimmer. Wieder vor seinem PC sitzend fragte sich Martin, was er nun tun sollte. Entweder was zocken, vielleicht WoW, und sich dabei mit Schokolade und Chips den Bauch vollstopfen. Oder ein wenig soziale Kontakte pflegen, chatten, und sich dabei mit Schokolade und Chips den Bauch vollstopfen. Irgendwie waren beide Optionen nicht wirklich verlockend, naja, bis auf den Teil mit der Schokolade und Chips. In ihm brannte immer noch die Frage, wie er es geschafft hatte, seine Reli-Unterlagen in Asche zu verwandeln. Also zog er die gewaltigste Bibliothek zu Rate, die diese Welt zu bieten hatte - das Internet. Allerdings wurde er auf ziemlich zwielichtige Seiten und Foren geführt, wenn er nach Magie suchte. Und da er irgendwie nicht das Verlangen verspürte, sich ein Stück Holz, das als magischer Zauberstab verkauft wurde, zuzulegen, fand er nicht viele Antworten.
Irgendwie widerten Martin all diese Seiten über Geisterbeschwörung und Gläserrücken an. Er wollte nichts mit diesen Spinnern und ihrem Hokuspokus zu tun haben. Er wollte etwas über echte Kräfte, Energien, Mächte erfahren. Es dämmerte ihm, dass er dieses Wissen nirgends finden würde - nur er selbst konnte und musste es für sich herausfinden! Also beschloss er, es wie die Shaolin-Mönche zu machen. Er dachte, dass sie die Einzigen waren, die wenigstens ein bisschen Ahnung von dem hatten, was sie taten. Martin schaltete den Bildschirm und das Licht aus und setzte sich im Schneidersitz in die Mitte seines Zimmers.
Er begann, seine Atmung zu beruhigen und in die Stille des Zimmers hineinzuhören. Langsam wurde er sich der Grenzen seines Körpers bewusst, mehr und mehr. Dann begann er in sich hineinzuhören nach einer Art Quelle von Energie. Vergeblich. Aber er gab nicht auf, denn er wusste, dass sie irgendwo in ihm war. Er suchte und suchte. Erfolglos. Allerdings hätte er wetten können, dass er für den Moment eines halben Herzschlags etwas gespürt hatte. Er konzentrierte sich und versuchte dieses „Etwas“ zu finden. Er war dabei so verbissen, dass es beinahe schon wehtat. Er spürte dieses Mal sogar ein unbekanntes Gefühl und versuchte, es festzuhalten. Dann passierte etwas vollkommen Unerwartetes - das Auftreten seiner Mutter. Die Tür ging auf und die Stimme seiner Mutter durchbrach die Stille:
„Was zur Hölle machst du da? Warum, in Gottes Namen, sitzt du in vollkommener Dunkelheit in deinem Zimmer, noch dazu auf dem Fußboden?“
„Oh Mum, das ist doch offensichtlich. Ich war am Meditieren. Du weißt schon, um mein Karma zu verbessern, alles nur Vorbereitung für meine Yogaübungen.“, antwortete Martin.
„Ok, jetzt machst du mir Angst“, lachte seine Mutter und fügte hinzu: „Ich würde es wirklich begrüßen, wenn du dich mitsamt deinem Karma zu einem Abendessen mit deiner Familie überwinden könntest.“
Ein wenig verärgert aufgrund der Unterbrechung begleitete Martin seine Mutter ins Wohnzimmer. Er wurde von seinem Vater freundlich begrüßt, der sich gerade über einen Teller mit belegten Broten und Tomaten mit Mozzarella hermachte. Wie der Vater so der Sohn, dachte sich Martin, gesellte sich zu ihm und schnappte sich ein Käsebrot. Doch bevor er einen ersten Bissen nehmen konnte, funkte seine Mutter dazwischen, die ihn wegen seines geschwächten Magens keine Sauermilchprodukte essen ließ. Also griff sich Martin ein Honigbrot. Aufmerksam verfolgten die drei die Nachrichten, während sich das vierte Familienmitglied auf Martins Füße legte - der Hund.
Gedankenverloren kraulte Martin ihn hinter dem Ohr. Er hatte das dumpfe Gefühl, dass er auch heute keine weiteren Antworten auf seine Fragen finden würde. Es war zu spät und er war zu müde. Also beschloss er, sich morgen ein weiteres Mal Zeit zu nehmen und ein wenig zu meditieren. Er schaute noch seine Lieblingssendung „Stargate Atlantis“ zu Ende und machte sich dann auf ins Bett. Er wünschte allen eine gute Nacht, streichelte nochmal den Hund und verschwand im Badezimmer. Er wusch sich schnell das Gesicht und putzte sich die Zähne. Träge pellte er sich aus seiner Kleidung und ließ sich ins Bett fallen. Kaum, dass Martins Hinterkopf im Kopfkissen einsank, verschwand sein Verstand ins Land der Träume.
-3- Wer suchet, der findet
Der Morgen verlief für Martin wie immer: Scheußlich. Der Wecker war wie immer die Reinkarnation des Teufels, die Dusche weckte ihn wie immer nur halb auf, er war wie immer spät dran und wurde wie immer von seiner Mutter und seinen Freunden angemeckert. Es gab diesmal allerdings einen kleinen Unterschied im Vergleich zu vorgestern: Sie schafften es rechtzeitig ins Klassenzimmer. Und das Glück wollte sie ausnahmsweise auch nicht sofort verlassen. Das Auto ihres Geschichtslehrers hatte auf halbem Weg zur Schule schlappgemacht. Also hatten sie nun eine Freistunde und genug Zeit zum Plaudern.
„Und was habt ihr gestern noch so getrieben?“, fragte Patrick in die Runde, um ein Gespräch ins Rollen zu bringen.
„Ferngesehen“, antwortete Roland kurz angebunden und Martin fügte hinzu: „Und meditiert.“
„Ok, ok, gib es einfach auf. Du legst mich nicht rein, nicht dieses Mal, egal wie erbittert du es versuchst“, giftete Patrick.
„Nein wirklich. Ich kann‘s euch beweisen. Wie wäre es mit Samstagabend? Ihr kommt zu mir. Ich habe sturmfreie Bude. Und um sicher zu gehen, dass ich euch auch nicht mit meinen genialen alchimistischen Künsten hinters Licht führe, könnt ihr ja alles vorbeibringen was ich so brauche. Und ich brauch nicht mehr als ein Blatt Papier und einen Stift, um euch ins Staunen zu versetzen“, versuchte Martin seine Freunde zu überzeugen.
„Wenn du denn unbedingt willst, können wir vorbeikommen. Irgendwie bin ich jetzt sogar ein wenig gespannt, was für einen neuen kleinen Trick du gelernt hast“, kam von Roland.
Nachdem auch das geklärt war, begann Patrick, von seinem gestrigen Abend zu berichten. Es dauerte nicht lange, bis sich Lukas und Thomas zur Gruppe hinzugesellten. Das Gespräch wurde nun mehr auf Computerspiele und Partys gelenkt. Und so erfuhren die drei von Thomas‘ LAN-Party am kommenden Freitag. Die Frage, ob sie dabei sein würden, war natürlich eine rein rhetorische Frage. Wie könnten sie denn Nein sagen? Sie wurden mitten in ihrem Kaffeeklatsch von dem normalerweise erlösenden Klingeln unterbrochen. Nun war mal wieder Mathe an der Reihe. Unglaublich langweilig für Martin, da er der Meinung war, dass er es eh nie wieder brauchen würde und sowieso schon alles konnte. Also versuchte er, die Mathestunde sinnvoll zu nutzen. Er wollte sich ein wenig entspannen und meditieren.
Er richtete sein Mathebuch auf und bettete seinen Kopf so gemütlich wie irgend möglich zwischen die Hände, sodass Herr Meier ihn nicht sehen konnte. Er begann seine Atmung zu beruhigen und schloss die Augen. Bevor er allerdings irgendwelche Erfolge verbuchen konnte, durchbrach die schneidende Stimme von Herrn Meier Martins Konzentration. Und als Belohnung dafür, dass er versucht hatte, sein bisher größtes Rätsel zu lösen, bekam er zwei Extra-Seiten Strafarbeit aufgebrummt. Von da an versuchte er, nicht weiter während des Unterrichts zu meditieren. Trotzdem drehten sich seine Gedanken nur um das Eine - ums Meditieren natürlich. So, hoffte er, seiner Frage auf die Spur kommen zu können. Er konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen. Den Rest des Schultages verbrachte er wie nahezu die Hälfte der Klasse damit, die Wanduhr mit gebanntem Blick anzustarren. Irgendwie bekam er das Gefühl, dass die Zeit träge geworden war, sie wollte sich einfach nicht bewegen. Er folgte mit seinem Blick dem Sekundenzeiger, der gemütlich seine Runden drehte. Diese blöde Uhr wollte ihn verarschen! Zumindest fühlte es sich für Martin so an. Als die Schule endlich vorbei war, raste er förmlich nach Hause, sodass Roland und Patrick ein wenig kämpfen mussten, um mit Martin gleichauf zu bleiben. Patrick und Roland verabschiedeten Martin schnell, weil sie annahmen, dass der Grund für seine Geschwindigkeit unglaublicher Kohldampf wäre. Und wie sie wussten, war es zu dämlich, sich zwischen Martin und seinem Essen zu stellen, insbesondere wenn der hungrig war.
