Der Rest wird ganz anders - Mathilda Seithe - E-Book

Der Rest wird ganz anders E-Book

Mathilda Seithe

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Beschreibung

Henriette ist frisch gebackene Frührentnerin und hat sich vorgenommen, ihre Rentenzeit ganz anders zu gestalten als ihr bisheriges Leben. Sie begibt sich auf die Suche nach dem, was für sie wirklich wichtig ist. Der Versuch, ein neues, ganz anderes Leben zu beginnen, bringt jedoch allerhand Überraschungen mit sich. Sie muss feststellen, dass es nicht so leicht ist, alte Gewohnheiten und Vorurteile abzulegen. Und sie erkennt, wie sehr sie sich nach Liebe sehnt. Bei ihren Versuchen, ihr neues Leben in die Hand zu nehmen, trifft Henriette auf Pia. Die junge Frau lebt auf der Straße und ist stolz darauf, ein freies, unkonventionelles Leben zu führen. Zwischen den beiden so verschiedenen Frauen entwickelt sich eine ungewöhnliche und schwierige Freundschaft. Bei dem Buch handelt es sich um einen "Lebensroman". Der Roman erzählt erlebbar von den Anstrengungen, sich selbst zu finden und auch zu akzeptieren. Die Leserin und der Leser können zum Beispiel genau verfolgen, wie Henriette ihre Wünsche umsetzt, manchmal an ihrem Ehrgeiz und ihren Vorurteilen scheitert, sich aber immer wieder aufrappelt und neue Erkenntnisse über sich und die Welt gewinnt! Neben der Altersthematik geht es um eine Reihe anderer Themen und um Probleme, mit denen Menschen auch in allen anderen Lebensphasen zu kämpfen haben: die Partnersuche (insbesondere im Internet), die Angst vor Erkrankungen, das Verhältnis zu den erwachsenen Kindern und den Enkeln, die Bedeutung von Sexualität auch im Alter, die unterschiedlichen Lebensbewältigungsstrategien von Männern und Frauen, die Erklärung gesellschaftlicher Missstände - und um Liebe und Freundschaft. Durch Pia rücken außerdem die Themen Armut, Ausgrenzung und das Leben auf der Straße mit in den Blick. Die zwischen den beiden so verschiedenen Frauen entstehende Freundschaft führt zu einer spannenden Konfrontation zweier Welten: alt und jung, finanziell sorglos und arm, etabliert und am Rande der Gesellschaft lebend.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 433

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Der Rest wird ganz anders

Mathilda Seithe, geb. 1948, lebt bei Berlin. Sie ist Psychologin und Sozialarbeiterin und schreibt Romane, Erzählungen und Gedichte.

Außerdem zeichnet sie Graphic Novels und gestaltet Ton-Pastiken.

Der Rest wird ganz anders

Mathilda Seithe

© 2022 Mathilda Seithe

Lektorat: Rohlmann und Engels

Buchsatz von tredition, erstellt mit dem tredition Designer

ISBN Softcover: 978-3-347-59132-5

ISBN E-Book: 978-3-347-68944-2

ISBN Großschrift: 978-3-347-59133-2

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Inhaltsverzeichnis

Wo ist der Himmel schon so blau?

Urlaubsplaudereien

Die Insulanerin

Was kommt danach?

Die Anfrage

Der Bruch

Das neue Leben

Wie ein Fisch ohne Fahrrad?

Versuche

Die Entscheidung

Die Einladung

Wieder unter Menschen

Ausflug aufs Land

Sex in the country

Beziehungskisten

Malinda

Du musst keine Angst haben, Kick!

Der Wunsch der Braut

Hochzeitsgäste

Außer der Liebe nichts

Online ist es auch nicht leichter

Zwischenbilanz

Menschen von Ferne

Der Lange Heinrich

Was ist bloß mit mir?

Die Schwäche des Herzens

Nicht ohne meinen Körper

Und was ist mit der Welt los?

Beobachtungen in der S-Bahn

Die Internet-Recherche trägt Früchte

Henriette greift ein

Pia auf der Suche

Mail-Talk

Das Bekenntnis

Der Glücksfall

Die WG

Wer erklärt mir die Welt?

Pia

Die Fiebernacht

Krank ist krank

Das Treffen

Was vom neuen Leben bleibt

Besitzverhältnisse von unten betrachtet

Der Streit

Bei Geld hört die beste Freundschaft auf?

Pia in Not

Der Besuch

Kontrollverlust

Kick

Was wollt ihr hier?

Pias Geheimnis

Die Flucht

Der Überfall

Einer räumt auf

Pia allein zu Haus

Der Schein-Urlaub

Die Vorladung

Das Angebot

Der Blumenladen

Straßentheater

Neue Tatsachen

Wieder im Lande

Björn

Herzensangelegenheiten

Die Begegnung

Wo ist der Himmel schon so blau?

„Schau doch mal her, Henni!“, rief Claudia entzückt aus. „Das ist doch wirklich wunderbar, einfach perfekt! Hier am Strand, gleich unterhalb des Palmenhains, laden uns Sitzgruppen zum Verweilen ein. Wie verführerisch: Vier breite Sessel aus dunklem Tropenholz mit hellen Polstern stehen jeweils um einen Tisch, der von Bambus-Schirmen beschattet wird. Und sieh mal hier: Unten am Wasser kann man es sich in diesen elegant geformten Liegen gemütlich machen und sich mit Haut und Haar der Sonne hingeben. Und dort, schon wenige Schritte von den Liegeplätzen entfernt schillert auf dem hellen Sand das heran- und wieder ablaufende Wasser in zarten Aquarelltönen von Hellblau bis Türkis und glitzert im Licht. Aber wenn man weiter schaut, auf das offene Meer hinaus, erscheint das Wasser dunkler, kräftig blau, intensiv türkis, fast schwarz. Mir kommt es fast so vor, als bewege sich die See, obwohl sie gleichzeitig in sich zu ruhen scheint. Kannst du dir das vorstellen: Zwischen Sandstrand und Himmelsblau strömen nicht enden wollende Wassermassen: Wasser, Wasser und immer nur Wasser! Aber sieh, ganz weit draußen grenzt sich die See dann doch als tintenblauer, scharf gezogener Strich vom Himmel ab. Und der strahlt in einem Blau, wie ich es in Berlin noch nie gesehen habe. Ich finde, es fühlt sich an, als ob man in diese blaue Unendlichkeit hinaufgezogen würde. Was für ein Anblick! So was Schönes!“, schwärmte Claudia. "Du könntest dein Geld als Texterin von Reiseprospekten verdienen!“, lachte Henriette. Claudia hatte das Foto so plastisch beschrieben, dass ihre Freundin am liebsten gleich ins Wasser hineingesprungen wäre. Tatsächlich zog sich der Sandstrand - wie auf dem Foto zu erkennen - die ganze Inselküste entlang. Claudia und Henriette hatten ihn schon gestern Abend bewundert, als sie anreisten: Genau wie hier abgebildet begann der breite weiße Uferstreifen gleich hinter dem Palmenhain und reichte fast bis zum Hotel.

Alles auf diesem Foto wirkte echt, lebendig und unglaublich schön. Selbst die prächtigen Palmwedel schienen sich sachte im warmen Wind zu bewegen, der vom Land herüberwehte.

Ein bisschen zu schön, dachte Henriette bei sich, fast schon kitschig.

„Komm Claudia, vertief' dich nicht in unseren Reiseprospekt! Wir sind jetzt doch wirklich hier! Du kannst gleich alles in der Realität bewundern.“

Claudia faltete den Prospekt zögernd zusammen, als fiele es ihr schwer, sich von dem Anblick zu trennen, den er ihr gerade geboten hatte.

„Wir gehen jetzt zum Frühstück auf die Terrasse und schauen, ob der Prospekt auch alles richtig beschrieben und nicht übertrieben hat!“ Henriette lächelte und fasste ihre Freundin am Arm.

Sie betraten die Hotelterrasse und schauten sich um.

„Genau wie im Prospekt!“, jubelte Claudia verhalten und stieß ihre Freundin begeistert an.

Tatsächlich: Die Sitzgruppen für die Frühstücksgäste glichen denen auf den Fotos aufs Haar. Man hatte sie mit hellgrünen Decken geschmückt, die dieses typisch maledivische Ornament zeigten, das den Frauen schon gestern bei ihrer Ankunft aufgefallen war.

„Das ist ja ein Glück, dass alles genauso ist wie dort angekündigt, sonst wärst du jetzt sicher enttäuscht“, meinte Henriette. Um ihren Mund huschte ein ironisches Lächeln. „Schau, selbst der Himmel ist genauso blau wie auf dem Foto! Aber schau“, Henriette sah ihre Freundin schelmisch an, „den Strand kann man in Wirklichkeit von hier aus doch nicht sehen. Das wird dann wohl eine Fotomontage sein.“

„Ach, Henni, sei doch nicht so streng! Immer hast du was zu meckern! Und wenn man sich ein bisschen streckt, kann man ihn sehr wohl von hier aus sehen!“ Claudia stellte sich auf die Zehenspitzen. Mit zitternden Fußgelenken versuchte sie, ihr Gleichgewicht zu halten und streckte ihren Körper so lang, wie es eben ging.

„Ha! Jetzt sehe ich ihn!“, rief sie triumphierend aus.

„Komm, setz dich, Claudia! Es ist auch so schön hier, selbst wenn es nicht ganz mit dem Foto übereinstimmt“, gab sich die Ältere versöhnlich.

Kaum hatten sie sich einen Sitzplatz ausgesucht und ihre Stühle zurechtgerückt, trat ein junger Kellner diskret an ihren Tisch und fragte, was sie zum Frühstück trinken wollten.

Er war kein Einheimischer, stellte Henriette interessiert fest. Er kam vermutlich aus einem der Nachbarländer, ein Inder vielleicht. Sie hatte gelesen, dass auf den Malediven im Tourismusbereich selten Einheimische arbeiteten. Die Arbeitskräfte aus den umliegenden Ländern waren weitaus billiger für die Hotelbesitzer.

Sie wischte den Gedanken fort und widmete ihre Aufmerksamkeit der Gestalt des Kellners. Der Mann hatte auffallend ebenmäßige Züge und eine bronzefarbene Haut. Sein wohlgeformter Körper wirkte stark und gleichzeitig geschmeidig. Er hatte sie schon gestern beim Abendessen bedient und war beiden als besonders charmant aufgefallen. Sofort unkte Claudia, sie hätte nichts gegen einen kleinen Urlaubsflirt mit diesem hinreißend schönen Mann einzuwenden. Später sahen sie dann, wie er an einem der Nebentische bei zwei alten Damen den gleichen Charme versprühte. Es war wohl sein Job, jeder der Damen hier das Gefühl zu geben, er hätte nur Augen für sie. Und wahrscheinlich war sein Charme umso sprühender, je höher das ihm zugesteckte Trinkgeld ausfiel. Sie bestellten und schauten sich noch einmal erfreut um.

„Gib schon zu: Das war eine tolle Idee, den Beginn deiner Rente mit dieser Reise einzuläuten. Die Malediven sind genau das, was du jetzt brauchst, um Abstand und Ruhe zu gewinnen, stimmt’s?“

„Du hast völlig recht. Von so was träumt der Mensch, wenn er Tag ein Tag aus hinter seinem Schreibtisch sitzt oder am Telefon hängt“, gab Henriette zu.

„Es ist nur zu kurz“, meinte jetzt Claudia. „Wenn ich mir vorstelle, ich muss Montag in zwei Wochen zurück in die alte Tretmühle … Das macht mich echt traurig. Aber du ja nicht – du bist jetzt ein freier Mensch“, fügte sie hinzu und schaute Henriette mit gespieltem Neid an. „Hast du eigentlich schon konkrete Pläne?“, wollte sie wissen.

Henriette kannte Claudia seit vielen Jahren. Claudia war das für sie, was man die beste Freundin nennt. Sie sahen sich einmal in der Woche mit anderen Frauen zum Rommé, gingen zusammen in die neusten Filme, zum Shoppen, trafen sich auf einen Kaffee in Kreuzberg oder auf ein Glas Wein auf dem Kudamm. So ging das seit Jahren.

Claudia war glücklich verheiratet, wie sie versicherte. Sie und ihr Mann verbrachten nicht sehr viel Zeit miteinander. Er war oft geschäftlich unterwegs und außer Landes, aber Claudia war nicht böse darum. Sie hatte ja Henni und ihre Enkel – die zwei Kinder ihres ältesten Sohnes.

Seit die Enkel auf der Welt waren, hatte sie sich als Obermutter der Familie entdeckt und ging mit Begeisterung in dieser Rolle auf. Sie hielt die Familie zusammen, ließ keine Gelegenheit zum Feiern aus und übernahm nicht selten die Betreuung der Kinder. Claudia musste noch einige Jahre in ihrem Beruf als Buchhalterin arbeiten, doch sie freute sich schon auf den Tag, an dem sie aufhören durfte, denn dann würde sie sich noch intensiver um ihre Enkel kümmern können.

Vor einigen Monaten hatte sie Henni angeboten, mit ihr eine große Reise zu machen – direkt nach deren Berentung, sozusagen als krönenden Abschluss der langen Arbeitszeit - aber ebenso als Paukenschlag für Hennis neues Leben. Ein Traumurlaub sollte das werden: weit weg von der Heimat, in einer fremden, märchenhaften Natur, irgendwo, wo es nur schön war und wo keine Verpflichtungen, Sorgen oder Anstrengungen auf sie warteten. Claudia schlug die Malediven vor. Das Bild auf jenem Prospekt überzeugte auch Henriette. Und Claudias Angebot, mit ihr zusammen zu reisen, fand sie rührend. Sie hatte das Angebot ohne zu zögern angenommen.

Und jetzt saßen sie wirklich hier, genau auf jener Terrasse, die im Prospekt abgebildet war.

„Und? Hast du nun schon konkrete Pläne?“, wiederholte Claudia ihre Frage, weil Henriette nicht reagierte und gedankenverloren in die Ferne starrte. Henriette griff nach ihrer schneeweißen Tasse und schlürfte den kalt gewordenen letzten Schluck ihres Cappuccinos.

„Ja, große Pläne, ehrlich gesagt“, antwortete sie jetzt und sah auf.

Claudia wunderte sich über den entschlossenen Ausdruck in ihrem Gesicht.

„Eine richtige Weltreise?“

„Das nicht. Vielleicht viele kleine Reisen, vielleicht reicht mir auch mein Balkon.“

„Wieso das denn?“

„Weißt du, ich habe ganz was anderes vor, als schöne Reisen zu unternehmen. Ich will mein Leben neu sortieren.“

„Du kannst dir jetzt ‘ne schönere Wohnung leisten, bei der Abfindung, die sie dir gegeben haben. Irgendwo im Grünen?“

„Vielleicht auch das. Ich möchte mir genau überlegen, was ich nun noch tun soll auf dieser Welt. Und ich möchte vor allem nur noch das tun, was ich will, was mir gefällt und was einen Sinn hat.“

Claudia lachte.

„Am besten suchst du dir dann einen Guru in Indien.“

„Brauch ich nicht“, antwortete Henriette, ohne auf Claudias Scherz zu reagieren. „Ich möchte mir endlich Zeit nehmen, nachzudenken: über mein Leben, mein bisheriges und mein zukünftiges. Und vielleicht probiere ich noch was ganz Neues aus, etwas, das ich noch nie getan habe …“

„Oh, là, là! Klingt ja spannend! Ich tippe mal: Du meldest dich bei einem Sexclub an.“

„Quatsch!“

„Wie wär‘s mit einem neuen Mann? Ich finde, du warst lange genug solo.“

„Nee, eigentlich nicht. Ich hatte drei davon und weiß, wenn ich mich auf so was einlasse, ist es aus mit den Plänen, mein eigenes Leben zu leben. Nein danke, Claudia.“ Henriette schüttelte energisch den Kopf.

„Weißt du eigentlich, dass dein Chef sich jetzt hat scheiden lassen?“

„Wolfgang? Kein Interesse. Mit dem bin ich seit Langem durch. Das war einmal.“

„So, so.“ Claudia sah lachend auf.

Henriette schwieg.

„Aber weißt du was?“, wechselte Claudia das Thema. „Ich wüsste, was ich an deiner Stelle täte.“

„Und was?“

„Einfach ab und weg! Irgendwo hin, wo es schön ist, wo die Sonne immer scheint…“

Henriette zwinkerte ihrer Freundin zu. „Und deine Enkel?“, gab sie zu bedenken.

„Verdammt! Ach, na ja, die nehme ich einfach mit.“

Nach dem üppigen Frühstück gingen die beiden auf ihr Zimmer, um die Strandsachen zu holen. Überall in ihrem geräumigen Raum lagen die nur halb ausgepackten Koffer und Taschen herum. Aber das war ihnen gleich. Sie hatten schließlich Urlaub. Jetzt wollten sie den Strand erobern! Die Strandtaschen standen schon gepackt neben den Betten.

Vom Palmenhain waren es tatsächlich nur wenige Schritte bis zum Strand. Schon bald konnten sie durch die Baumstämme hindurch das Leuchten des Sandes und das Glitzern des Wassers sehen. Nach wenigen Minuten streiften sie sich die Sandalen von den Füßen und liefen barfuß durch den weichen, noch nicht heißen Untergrund bis zum Flut Saum. Dort tauchten sie mit größtem Vergnügen die sandigen Füße in das kühle Wasser.

In der Hitze der Mittagszeit saßen sie nach dem Essen oft auf der Terrasse im Schatten oder lagen auf ihren Betten und lasen. Manchmal spielten sie eines der mitgebrachten Gesellschaftsspiele. Aber eigentlich waren sie dazu viel zu faul. Ein, zwei Mal liefen sie ins Innere der Insel, um etwas von Land und Leuten zu sehen.

Erst in den etwas erträglicheren Nachmittagsstunden lagen sie am Strand am Wasser auf einer der eleganten Liegen, ein Getränk neben sich, die Augen geschlossen. Später liefen sie ins Meer hinaus und schwammen. Das Wasser war fast zu warm dafür. Wenn sie wieder zurück waren, cremten sie sich gegenseitig den Rücken neu ein. Ab und an spielten sie Badminton mit einem Spiel, das man im Hotel leihen konnte.

Die Urlaubstage plätscherten dahin. Sie versuchten, die Tage nicht zu zählen.

Urlaubsplaudereien

Claudia ging öfter ins Wasser als Henriette und kam manchmal lange nicht zurück. Der machte das nichts aus. Sie lag am liebsten einfach da und dachte nach oder versuchte, sich mit dem Reiseführer schlau zu machen. Einfach immer nur am Strand liegen und nichts erfahren über die Gegend und das Land, in dem man sich befand, das war nichts für sie.

Wenn ihre Freundin vom Schwimmen zurück war und sich neben sie in die Sonne legte, ließ Henriette Claudia an ihren neusten Erkenntnissen teilhaben.

„Weißt du schon, dass die Malediven aus über eintausend Inseln bestehen, von denen nur 220 von Einheimischen bewohnt werden?“

Claudia hörte interessiert zu, sagte aber nichts.

„Hier wird es nachts fast nie kälter als 25 Grad“, setzte Henriette nach einer Pause wieder an. „Die beste Reisezeit ist übrigens die von November bis April. Sonst ist es zu heiß oder regnet ständig.“

„Da haben wir es ja richtig gemacht“, ließ sich Claudia vernehmen. Sie bearbeitete gerade mit Energie ihre Fingernägel.

„Ach, und noch was Interessantes: Die Malediven gehören zu den ärmsten Ländern der Welt.“

„Echt? Hier sieht alles aber so nobel aus, findest du nicht auch?“

„Es gibt hier durch den Tourismus inzwischen auch jede Menge Millionäre. Aber das Geld fließt an der einheimischen Bevölkerung vorbei.“

Claudia schwieg.

„Die haben hier eine unglaublich hohe Arbeitslosenquote und 40 Prozent der Stellen werden von Ausländern besetzt.“

„Wie unser schöner Inder.“

„Genau. Ich finde es, ehrlich gesagt, irgendwie unangenehm, dass wir hier sitzen und uns pflegen und es uns gut gehen lassen, während die Bevölkerung nichts davon hat.“

„Fang nicht wieder an, dir solche Gedanken zu machen, Henni!“

„Aber es stört mich, dass es das gibt. Die einen genießen ihr Leben und die anderen wissen vielleicht nicht, wie sie sich und ihre Kids satt kriegen sollen.“

„Ach Henni, nun hör doch wenigstens im Urlaub auf, an allem was Negatives zu finden.“

„Tu ich das? Ich kann nur nicht wegsehen, wenn ich auf Ungerechtigkeiten stoße. Ich kann mir auch nichts vormachen und mir alles schönreden.“

„Ich sage dir, Henni, mach dich nicht immer verrückt! Wir können da sowieso nichts dran drehen. Es nutzt doch nichts, diese Menschen zu bedauern. Man muss sehen, dass man selbst nicht zu kurz kommt. Das ist alles, was zählt.“

„Ich weiß nicht, Claudia. Ich finde das zu einfach. Und manchmal denke ich, es ist vielleicht auch gefährlich, sich nicht um so was zu kümmern.“

„Ach, ich seh' schon, du wirst deine Rentenzeit dazu verschwenden, bei irgendeiner Partei mitzumachen“, spottete Claudia.

„Nee, aber vielleicht geh ich zu …“ Henriette überlegte und sagte dann einfach „Greenpeace“, weil ihr gerade nichts anderes einfiel.

„In deinem Alter? Die nehmen dich bestimmt nicht.“

„Was hat denn das Alter damit zu tun?“

„Du wirst sehen, alles hat mit dem Alter zu tun. Als Frau wird man ab 50 nicht mehr wahrgenommen. Kennst du die Geschichte von dem Straßenbahn-Test nicht? War 'ne richtige Untersuchung von Sozialwissenschaftlern.“

Henriette schüttelte den Kopf.

„In einer voll besetzten Straßenbahn stiegen zu: ein Mann im Alter von 30, ein alter Mann um die 70, ein junges Paar, zwei Schulkinder, eine ältere Frau um die 55 und ein junges Mädchen. Später wurden die Mitfahrenden gefragt, an wen sie sich erinnern konnten. Alle erinnerten sich an das Paar und den jungen Mann. Die meisten konnten sich auch an die Schulkinder, das Mädchen und den alten Mann erinnern. Niemand erinnerte sich an die ältere Frau.“

„Toll!“ Henriette lachte. „Das sind ja fantastische Aussichten. Ich habe mir schon als kleines Mädchen gewünscht, unsichtbar sein zu können.“

„Mach dir nichts vor, das ist kein Spiel und kein Witz. Wenn du als Frau ein gewisses Alter erreicht hast, brauchst du ein verdammt gutes Selbstbewusstsein, um das zu ertragen. Ich merke das jetzt schon, Henni!“

Henriette sah ihre Freundin zweifelnd an. Mit ihrem flotten Kurzhaarschnitt, der schlanken Figur und dem noch fast faltenfreien Gesicht wirkte sie deutlich jünger, als sie war. Henriette wusste allerdings auch, dass sie eine Menge Zeit und Geld für ihr Aussehen aufbrachte. Noch sahen ihr die Männer hinterher, zumindest wenn sie zwei zusammen waren. Sie, Henriette, schaute keiner mehr an. Machte ihr das was aus? Sie war sich nicht sicher.

„Es gab da mal ein Buch, als ich um die 30 war, das hat mir mal 'ne Freundin gegeben. Ich glaube es hieß: „Die Scham ist vorbei“. Die Autorin war Holländerin, eine Aktivistin der Frauenbewegung, damals in den 70er Jahren. Ich fand es reichlich schamlos, muss ich gestehen. Aber so hieß es schließlich auch. Aber eines daraus habe ich mir gemerkt, und das fällt mir jetzt ein: Wie sehr wir Frauen uns immer noch über die Männer definieren. Die Protagonistin in dem Buch stellt einmal fest: „Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad“. Verstehst du, was das bedeuten soll?“

Claudia sah sie verständnislos an.

„Das heißt doch wohl: Eine Frau ist ohne Mann genauso eine Frau. Sie braucht ihn nicht zu ihrer Identität. Ich habe da schon oft drüber nachgedacht. Und wenn ich dich so höre, denke ich, wir sind heute immer noch weit von solchen Vorstellungen entfernt, was meinst du?“

„Ich finde das blöd, ehrlich gesagt. Natürlich brauchen wir Frauen die Männer.“

„Aber brauchen uns die Männer genauso? Ist ein Mann weniger ein Mann, wenn er ohne Frau dasteht? Eine Frau ist doch auch jetzt immer noch die Frau von dem und dem, oder?“

„Ach ich finde, du übertreibst. Guck doch mal die amerikanischen Präsidenten an. Die treten immer mit ihren Frauen in die Öffentlichkeit.“

„Stimmt schon, vielleicht ist es auch nicht mehr so, wie zu der Zeit, als die Autorin dieses Buch schrieb. Aber irgendwie reizt mich dieser Spruch heute noch, gerade jetzt, wo ich mein Leben neu sortieren möchte.“

Abends, wenn sich die Sonne mit einem verschwenderischen Aufwand an Farben und Glanz anschickte, im Meer zu versinken, setzten sich die beiden Freundinnen oft auf die Hotelterrasse, tranken ihr maledivisches Kokosnuss-Wasser- Getränk und aßen eines der typischen maledivischen Gerichte. Besonders lecker fanden sie die frittierten Bananen. Diese Abende waren genau die richtigen Situationen für Erinnerungen.

„Weißt du noch“, fragte Claudia, „auf meinem 30. Geburtstag haben wir uns zum ersten Mal gesehen. Du warst da gerade mit deinem Sexprotz Hans zugange.“

„Über Tote spottet man nicht.“ Henriette lächelte nachsichtig. „Dieser Sexprotz wurde später immerhin mein zweiter Ehegatte.“

„Wir fanden euch damals unmöglich. Er hat die Finger nicht von dir gelassen.“

„Na und? So war er halt. Und ich war damals genauso scharf auf ihn wie er auf mich. Das hat sich allerdings irgendwann gelegt.“

„Ich kann mich noch erinnern, wie deine Töchter ausgerastet sind, als du ihnen gesagt hast, dass du wieder heiraten willst – und vor allem wen.“

„Ach meine Töchter! Wie können Kinder sich anmaßen, so in das Leben ihrer Mutter einzugreifen! Klar, sie wollten ihren Vater zurück, aber er war ja nicht völlig aus ihrem Leben verschwunden. Sie hingen damals ständig bei Jens und seiner Freundin 'rum und haben das Baby angehimmelt … Trotzdem haben sie es nicht lassen können, alles daran zu setzen, mir mein Glück zu vermiesen. Ja, wahrhaftig, ich erinnere mich.“

Henriette stöhnte. Sie konnte den alten Ärger noch immer fühlen.

„Du hast dich aber durchgesetzt damals. Schließlich hast du ihn geheiratet.“

„Ach, ich weiß nicht. Hans hat sich durchgesetzt. Er hat mir einfach verboten, mich von dem Gejammer der Mädchen beeindrucken zu lassen. Wen ich heiraten will, das ginge sie nichts an. Ich sollte tun, was ich will, sagte er. Aber letztlich habe ich getan, was er wollte. So war das bisher immer bei mir, Claudia.“

„Ich hatte mit meinen Kindern eigentlich nie solche Auseinandersetzungen. Nur damals, als Kevin darauf bestanden hat, vom Gymnasium abzugehen, haben wir mal hart durchgegriffen. Er ist mir dafür heute dankbar.“

„Gott sei Dank leben meine beiden Töchter inzwischen ihr eigenes Leben und bedrängen mich nicht mehr“, meinte Henriette.

„Findest du das gut? Ich finde, ich sehe Kevin viel zu selten.“

Henriette sah Claudia nachdenklich an. Über Kinder und Enkel konnte man mit ihr nicht reden. Da waren sie beide einfach zu verschieden. Claudia war eine leidenschaftliche Oma. Und sie, Henriette, war der Meinung, dass sie immerhin 20 Jahre ihres Lebens in erster Linie ihren beiden Kindern gewidmet hatte. Sie fand, dass das reichte.

„Da, schau mal, gleich ist die Sonne weg. Ich könnte das immer wieder sehen!“, lenkte sie vom Thema ab.

Die Insulanerin

An einem besonders hellen und heißen Tag suchten sie im Innern der kleinen Insel Schatten und Kühle. Sie schlenderten durch die gepflegten Anlagen und gingen dann auf der einzigen Straße bis zu dem großen Gebäude in der Mitte der Insel. Vermutlich war auch das ein Hotel. Als sie näherkamen, sahen sie, wie eine alte Frau am Lieferanteneingang stand und mit jemandem sprach.

Die Frau wirkte fremd und ärmlich in dieser noblen Umgebung. Claudia und Henriette vermuteten sofort, dass es eine Einheimische war. Eigentlich kam es ihnen indiskret vor, aber die Neugierde trieb sie dazu, noch näher an die Szene heranzutreten. Nun konnten sie hören, dass die Frau etwas mit weinerlicher Stimme sagte, und der Mann an der Pforte mit lauten, barschen Worten antwortete. Sie schien um etwas zu bitten. Das wiederholte sich einige Male. Die Stimme der Frau wurde schrill. Plötzlich fasste der Mann sie am Oberarm und schubste sie mit einer heftigen Bewegung fort. Die Frau stürzte zu Boden. Er brüllte noch etwas und schloss blitzschnell die Tür hinter sich.

Claudia und Henriette starrten auf die Frau, die aufgeschrien hatte und sich jetzt mit Mühe wieder vom Boden erhob. Sie jammerte und schimpfte vor sich hin, glättete ihren Wickelrock und wischte sich Tränen aus den Augen. Jetzt sahen sie, dass sie gar nicht alt war, sondern vielleicht um die 30.

Ohne miteinander ein Wort zu wechseln; blickten sich Claudia und Henriette an und folgten dann ihrem Impuls. Sie gingen auf die Frau zu und fragten, ob sie ihr irgendwie helfen könnten. Die sah auf, nahm die beiden offenbar erst jetzt wahr und erschrak. Und ehe Claudia der Frau die zwei Euro, die sie immer in ihrer Hosentasche trug, hinhalten konnte, richtete die sich auf und rannte davon. Ihr Schimpfen war noch einige Zeit zu hören.

Claudia steckte das Geldstück wieder weg.

„Wer nicht will, der hat schon!“, sagte sie verärgert.

Henriette schüttelte den Kopf.

„Das ist Unsinn. Sie hatte Angst vor uns. Vielleicht ist es hier streng verboten, zu betteln – und das auch noch vor Touristen.“

Sie gingen schweigend den Weg zu ihrem Strandhotel zurück. Ihre gute Laune hatte einen Knick bekommen. Aber als sie von Weitem ihren jungen Kellner sahen, der ihnen zuwinkte, war das Ereignis erst einmal vergessen.

Später zogen sie sich auf ihr Zimmer zurück in der Hoffnung, schlafen zu können. Hier war es fast genauso warm wie an der Luft draußen.

„Ich muss immer noch an diese Frau vorhin im Dorf denken. Ich fand die Szene erniedrigend für die Bettlerin. Ich kann so was schlecht ertragen“, sagte Henriette.

„Ach, weißt du, ich glaube, die sind daran gewöhnt, so behandelt zu werden. Du glaubst gar nicht, woran sich der Mensch alles gewöhnen kann. Sie leben hier eben so. Man könnte sagen, das ist ihre Kultur. Ich finde es jedenfalls völlig sinnlos, sich Gedanken darüber zu machen. Das macht es doch auch nicht besser.“

„Über die vielen Bettler bei uns zu Hause in Berlin und die Menschen, die leere Flaschen in Abfalleimern suchen, machst du dir sicher auch keine Gedanken, was?“ Henriettes Stimme klang plötzlich gereizt.

„Meine Güte, da hätte ich viel zu tun. Wir haben in Deutschland ein gutes Sozialhilfesystem. Bei uns muss keiner hungern. Schau dich mal in anderen Ländern um, auch in anderen europäischen Ländern. Die sollen einfach Hartz IV beantragen und dann geht das schon. Ich finde es lästig, wenn die mich ständig anmachen. Man sollte so was eigentlich verbieten.“

Henriette antwortete nicht.

Minuten später hörte sie Claudias ruhige Atemzüge. Sie selbst lag noch lange wach.

Nein, ich will mich nicht daran gewöhnen, dachte Henriette empört. Ich will mich nicht mehr einfach an alles gewöhnen, erst recht nicht, wenn es mir nicht gefällt. Das war einmal so. Jetzt will ich herausfinden, was mir an dieser Welt stinkt. Und mit Ungerechtigkeit und der Armut vieler Menschen will ich mich schon gar nicht abfinden. Oder mit der Wohnungsnot bei uns in Berlin.

Der junge Mann fiel ihr wieder ein, mit dem sie sich auf dem Hinweg zum Flughafen in der S-Bahn unterhalten hatte. Er war Familienvater, hatte zwei Kinder und bezahlte für seine Drei- Zimmer-Wohnung zurzeit schon mehr als die Hälfte dessen, was er und seine Frau zusammen verdienten. Und jetzt hatte der Vermieter eine saftige Mieterhöhung angekündigt. Das würde die Familie nicht mehr aufbringen können, klagte er. Er war verzweifelt auf der Suche nach einer Wohnung, die wenigstens nicht teurer war als seine derzeitige. Henriette war schockiert. Wie konnte es sein, dass jemand mehr als die Hälfte seines Einkommens für die Miete bezahlen musste. Was blieb denn dann noch zum Leben?

Im Flugzeug hatte sie die Geschichte dann vergessen. Jetzt fiel sie ihr wieder ein. Nein, sowas kann ich nicht einfach hinnehmen und zur Tagesordnung übergehen! Claudia macht es sich verdammt leicht, überlegte Henriette. Sie starrte lange im Dunklen an die Zimmerdecke.

Irgendwann schlief auch sie ein.

Was kommt danach?

Sie lagen an ihrer Lieblingsstelle in der Nähe des Wassersaumes und genossen das Licht und die Sonne. Der pure Sand unter ihnen war wunderbar warm. Er hüllte sie ein. Sie dämmerten vor sich hin. Keine der beiden sagte etwas. Henriette hing ihren Gedanken nach. Wie werden sich die Tage gestalten, wenn ich allein und tatsächlich frei sein werde?

Henriettes Stimmung hatte sich seit dem Erlebnis mit der Insulanerin verändert. Sie gab sich zwar alle Mühe, Claudia nicht die Freude an diesem Urlaub zu verderben. Sie ging weiter mit zum Strand, lag in der Sonne, übte sich im Nichtstun, flirtete ein wenig mit dem netten Kellner … Aber eigentlich war sie mit ihren Gedanken woanders.

Dieser Urlaub würde bald enden. In vier Tagen würden sie schon im Flieger sitzen. Die Zeit danach rückte ihr seit kurzem immer näher und beschäftigte sie.

Mitten in das stille Zusammensein platzte Claudia mit der Ankündigung, sie wolle noch möglichst viel Sonne tanken, am besten für ein ganzes Jahr im Voraus, sonst hielte sie nicht durch.

„Ich freu' mich inzwischen auch mal wieder auf einen richtigen Regen“, antwortete Henriette. Es klang ein bisschen trotzig.

Claudia schwieg überrascht.

„Darf ich dich mal was fragen?“, meinte sie nach einer Weile.

„Klar! Frag schon!“

„Warum hast du Kanada eigentlich ausgeschlagen? Warum hast du das Angebot nicht angenommen, mit der Firma nach Kanada zu wechseln? Ging es dir um die Abfindung?“

„Du weißt es doch: Ich will endlich raus aus meinem alten Leben, das ist alles.“

„Aber hast du nicht gesagt, du willst dich verändern? Das wäre doch toll gewesen: neue Erfahrungen, neue Menschen um dich, ein neues Land, vielleicht bald eine neue Heimat! Und sind wir mal ehrlich: Du bist doch noch fit mit deinen 63 Jahren! Du könntest noch arbeiten, oder?“

„Claudia, du weißt, ich habe meinen Beruf gerne gemacht, aber jetzt ist Schluss damit. Jetzt möchte ich meine Zeit für mich selbst haben. Jetzt bin endlich ich mal dran!“

Claudia schüttelte verständnislos den Kopf.

„Komisch, dass gerade du das sagst! Du hattest einen gut bezahlten Job, hohes Ansehen bei deiner Firma, hast zwei hübsche und gesunde Töchter mit erfolgreichen Ehemännern, einen süßen Enkel. Und du hast auch deine Beziehungen zu drei Männern ohne Schaden überlebt. Was soll das dann heißen: Jetzt bist endlich du dran?“

„Das verstehst du nicht? Wirklich nicht?“ Henriette sah Claudia ungläubig an. „Ich will dir mal was sagen: Ich weiß überhaupt nicht, wer ich bin, was ich kann, was ich will, was mir gefällt. Ich habe immer das getan, was anstand, was eben so üblich war, was dran war. Ich habe mich immerzu um die gekümmert, die in mein Leben getreten waren. Erst um Jens und die Kinder, später um Hans, noch später um meinen verheirateten Chef, um die Kunden, meine Freunde, meinen Bekanntenkreis … Ich will endlich herausfinden, ob das alles wirklich ich war.“

„Ich weiß, du hast immer mal wieder davon gesprochen, dass du nach deiner Rente anders leben oder was anderes machen willst. Aber so habe ich mir das nicht vorgestellt, Henni. Was hast du auf einmal gegen alle deine Menschen um dich herum? Henni, wir sind doch alle auf deiner Seite. Wir sind deine Freunde!“ Claudia schaute Henriette missbilligend an.

„Meinst du? Das war halt immer so. Man durfte es nie infrage stellen. Aber ob das wirkliche Freundschaften sind, wird sich noch herausstellen.“

Die Falte auf Claudias Stirn vertiefte sich.

„Wie meinst du das?“

„Vielleicht gefällt euch nicht, wie ich bald leben werde. Vielleicht werdet ihr mich zu unserem wöchentlichen Rommé- Treffen nicht mehr einladen. Vielleicht verzichte ich in Zukunft auch selbst darauf und auf das eine oder andere Gesicht in meinem Bekanntenkreis.“

„Ich weiß nicht, was das soll. Das klingt jetzt irgendwie richtig gemein.“

„Findest du? Ich will einfach aufhören, allen etwas vorzumachen. Es gibt Leute unter unseren lieben Bekannten, die ich schon lange von hinten sehen will.“

„Das ist mir neu“, stellte Claudia betroffen fest. „Warum hast du nie was davon gesagt?“

Henriette zuckte mit den Schultern und schwieg.

Sie drehte ihr Gesicht aus der Sonne und grub sich mit ihrem Körper noch ein wenig tiefer in den heißen Sand.

Henriette spürte, wie Ärger sich in ihr staute. Was war mit ihr los? Claudia hatte ihr nun wirklich nichts getan! Warum ging ihr plötzlich alles auf die Nerven, was zu ihrem bisherigen Leben gehörte? Warum war ihr gerade jetzt der Gedanke gekommen, wie öde ihr die Treffen mit ihrer Frauenclique schon seit Monaten vorkamen: immer nur Gespräche über Mode und Reisen, über Geld und wenn es hochkam, über Männer. Wenn sie mal etwas Ernsthaftes angesprochen hatte, riefen alle gleich: “Ach Henni, hör auf! Du verdirbst uns mit deinen trüben Gedanken die Laune.“ Damit würde sie jetzt Schluss machen!

Die Anfrage

Als sie an diesem Tag vom Strand ins Hotel zurückkamen und sich schon auf die kühle Dusche freuten, kam der Lieblingskellner auf Henriette zu und teilte ihr etwas umständlich mit, dass sie gerade eben einen Anruf ihrer Tochter verpasst hätte. Henriette brauchte einen Moment, bis ihr klar wurde, was er gesagt hatte.

„Hat sie eine Nachricht hinterlassen? Soll ich zurückrufen?“

„Davon hat sie nichts gesagt, nur, dass sie nicht versteht, warum Sie nicht auf ihre Mail antworten.“

Sie dankte ihm.

Aus alter Gewohnheit hatte Henriette ihr Notebook in den Urlaub mitgenommen. Es lag noch unbeachtet im Koffer. Im Zimmer angekommen überlegte sie, ob sie erst duschen und sich frisch machen sollte. Aber sie holte ihr Notebook aus seinem Urlaubsschlaf und loggte sich doch ins Internet des Hotels ein.

Was war los? Eigentlich wussten ihre beiden Töchter ganz genau, dass ihre Mutter gerade für vierzehn Tage im Paradies untergetaucht war und nicht gestört werden wollte.

Jetzt, beim Aufrufen des Mailprogramms merkte sie, dass sie nervös war. Ist etwas bei Suse passiert?, fragte sie sich erschrocken. Die Jüngste war ja wieder schwanger. Sie wollten unbedingt ein zweites Kind, obwohl sie schon um Max so viel Angst haben mussten. Vielleicht gab es doch wieder eine Fehlgeburt? Das täte ihr so leid. Und dennoch, dachte sie und runzelte die Stirn: Was könnte ich bei so einem Unglück denn machen? Schließlich befinde ich mich gerade auf der anderen Seite der Erdkugel. Suse hätte nichts davon, wenn sie es mir mitgeteilt hätte. Mir aber würde das den Urlaub kaputtmachen.

Suses Mail war schon vor fünf Tagen angekommen.

Nein, keine Fehlgeburt! Im Gegenteil. Die Ärzte waren der Meinung, dass es dieses Mal zu einer normalen Geburt kommen würde. Die genetische Untersuchung hatte ergeben, dass die kommende Tochter völlig gesund war. Wie schön für Suse, dachte Henriette.

Aber dann kam Suse zur Sache: In vier Monaten war Geburtstermin. Sie hätte mit ihrem Mann überlegt, wie es in der kommenden Zeit weitergehen würde. Und da wären sie auf die Idee gekommen, bei Henni anzufragen, ob sie nicht Lust hätte, zu ihnen nach Potsdam zu ziehen. Kurz, sie würden sie einladen, ihre Rentenzeit im Kreise ihrer Familie zu verbringen. Oben im Haus war noch viel Platz. Sie könnte dort ihre eigene, abgeschlossene Wohnung einrichten. Und es wäre sicher eine große Entlastung, wenn Henni ihre Tochter bei der Arbeit mit dem Baby unterstützen könnte, zumal Suse nach dem Mutterschutz gerne ihre Halbtagstätigkeit wieder aufnehmen wollte. Und auch Max könnte eine Oma gut gebrauchen. Seine Leistungen in der Schule hätten nachgelassen, seit das Baby unterwegs war.

Die Mail endete mit dem Wunsch, Henni möge bald antworten. Man spürte die Ungeduld durch die Zeilen.

Henriette starrte auf den PC und schluckte heftig. Und das konnte also nicht bis nach meinem Urlaub warten?, ging es ihr durch den Kopf. Es sah ganz so aus, als hätten die beiden nur den Moment abgepasst, wo sie in Rente war. Und schon meldeten sie ihre Ansprüche an! Henriette spürte, wie der Ärger in ihr hochstieg. Eigentlich war sie fassungslos.

Als Claudia aus der Dusche kam und fragte, was denn in der Mail gestanden hätte, fehlten Henriette die Worte.

“Suse hat geschrieben, aber es ist nichts passiert“, stammelte sie nur.

Erst beim Abendbrot konnte sie darüber sprechen. Der erste Schreck hatte sich gelegt.

„Da kommt sie jetzt auf einmal mit so was! Wir haben Jahre lang keine besonders gute Beziehung gehabt. Und nun besinnt man sich auf die eigene Mutter, weil man sie gerade gebrauchen kann! Dabei weiß sie ganz genau, dass ich für meine Rentenzeit andere Pläne habe.“

„Ach Henni, sei doch froh! So kann eure Beziehung wieder gut werden. Nimm ihr die Vergangenheit nicht übel. Und würdest du es nicht genießen, ein Baby um dich zu haben? Dein Enkelkind?“

„Ich weiß nicht, Claudia.“ Henriette sah ihre Freundin zweifelnd an. Ich habe doch völlig andere Vorstellungen von meiner Zukunft.“

„Aber manchmal muss man es nehmen, wie es kommt. Sie brauchen dich. Und das wäre doch auch ein neues Leben. Potsdam! Na ja, uns würdest du fehlen!“

Henriette lächelte gequält.

„Ich bin sauer. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll.“

„Dann schreib ihr wenigstens kurz, dass du nachdenken musst und sie bald die Antwort bekommt. Das fände ich anständig.“

Henriette nickte.

„In Ordnung, das mache ich. Aber wie ich entscheide, das steht noch in den Sternen.“ Henriette sah einen Moment starr vor sich hin. Dann fügte sie hinzu: „Aber wenn ich ehrlich bin, ich will das nicht.“

Ihrer Fassungslosigkeit folgte Traurigkeit. Dann Zorn.

Schon beim Aufwachen am nächsten Morgen war für sie die Entscheidung gefallen. Sie zog sich schnell an, setzte sich noch vor dem Frühstück an ihr Notebook und schrieb.

Liebe Suse,

erst einmal Glückwunsch zu den schönen Aussichten für euch! Zu deiner Anfrage oder Einladung – wie dues nennst – muss ich dir Folgendes sagen: Ich bin sehr froh, euch beide, Jessica und dich, als Töchter zu haben. Ich freue mich über euer Leben, wie ihr es einrichtet. Ich danke dir auch für dieses Angebot, aber ich muss es ablehnen. Ein zweites Mal möchte ich mein Leben nicht der Erziehung und Bespaßung von Kindern widmen. Und ich möchte Berlin nicht verlassen. Ich habe viele Pläne für meine Rentenzeit.

Seid mir nicht böse.

Mama

Claudia war hinter sie getreten und hatte mitgelesen. Sie schwieg betroffen. Henriette schickte die Mail ab, ohne ihre Freundin nach ihrer Meinung zu fragen. Claudia sagte auch jetzt nichts. Erst nach ein paar Minuten murmelte sie: „Ich versteh dich nicht. Ich warte so ungeduldig auf die Geburt meines nächsten Enkelkindes.“

Henriette schüttelte den Kopf. „Ich nicht. Ich bin nicht besonders gerne Oma. Sie wollen mich für sich einspannen. Es geht ihnen nur um sich und ihr Leben. Aber ich bin es leid, mich für meine Familie aufzuopfern.“

„Aber wieso denn aufopfern, Henni?!“, rief Claudia empört. Sie wandte sich Kopf schüttelnd ab und ging, ohne ein Wort zu sagen, allein hinunter zum Frühstück.

Henriette kam nach einiger Zeit dazu. Keine von beiden griff das Thema auf. Sie redeten über Belanglosigkeiten und davon, wann sie ihr Gepäck für den Rückflug in der Hotelhalle abgeben sollten.

Eine Antwort von Suse erwartete Henriette vorerst nicht. Sicher war sie jetzt sauer und es würde bestimmt einige Zeit dauern, bis sie wieder von sich hören ließe.

Der Bruch

Am letzten Abend, die Koffer waren schon gepackt, saßen Claudia und Henriette noch ein letztes Mal auf ihrem Terrassen- Lieblingsplatz und schauten bei Rotwein und der leisen dudelnden Musik aus der Hotelbar ihrem letzten Sonnenuntergang auf den Malediven zu.

„Aber jetzt sag mal ehrlich: War der Urlaub nicht toll?“, fragte Claudia verträumt.

„Wunderschön! Und ich bin dir dankbar, dass du mitgekommen bist. Es war das Richtige zum Seele-baumeln- Lassen. Aber nun ist es auch genug. Jetzt freue ich mich wieder auf zu Hause.“

„Solche Urlaube wie diesen liebe ich!“

Henriette schwieg, während sie beide einträchtig das Farbenspiel am Himmel betrachteten.

Aber schließlich meinte sie:

„Weißt du, was mir aufgefallen ist? Von Land und Leuten haben wir so gut wie nichts gesehen und nichts erfahren. Nur ganz selten mal so ein Blitzlicht, wo du merkst: Du bist hier im Urlaub, die anderen aber, die Einheimischen, die leben hier, denen geht es nicht so gut wie uns, die können sich nicht 14 Tage lang auf die faule Haut legen.“

„Ach Henni, wieso musst du dir immer solche Gedanken machen? Kannst du nicht mal positiv denken? Es klingt gerade so, als hättest du ein schlechtes Gewissen, weil du dir den Urlaub hier leisten kannst. Mach dir doch keinen Kopf um die Menschen, die hier leben müssen! Kümmere dich mal um dich selbst! Lass es dir einfach gut gehen. Das hier haben wir bezahlt, und das hast du verdient. Du hast über 30 Jahre für deine Chefs und die Firma geschuftet. Jetzt bist du dran!“

„Ich weiß, ich weiß.“ Henriette lachte. Es klang ein wenig zweifelnd. „Das sag ich ja die ganze Zeit: Jetzt bin ich dran, Claudia. Und niemand wird mich mehr zurückhalten.“

Während ihre Freundin schon lange friedlich schlief, grübelte Henriette im Bett vor sich hin und konnte nicht einschlafen.

Wie entsetzt, ja empört, Claudia auf ihre Entscheidung, nicht nach Potsdam zu ziehen, reagiert hatte! Es war immer das Gleiche: Alle ihre Bekannten fanden es unmöglich, dass sie nicht in Begeisterungsrufe ausbrach, wenn sie sich um ihren Enkel kümmern durfte. Sofort sahen sie Henriette tadelnd an, als sei sie moralisch nicht ganz auf der Höhe. Henriette konnte und wollte das nicht mehr ertragen. Das war noch schlimmer für sie, als wenn die Frauen ihrer Gruppe anfingen zu gähnen, wenn sie über die Wohnungsnot in Berlin sprechen wollte oder über die Kinderarmut, von der sie gerade gelesen hatte. Ach ja, fiel ihr da ein: Genau das war ja auch im letzten Oktober der Moment, wo ich zum ersten Mal bei mir gedacht habe: Schluss, so machst du nicht mehr weiter. Das ist mir zu dumm.

Nein, so darf es einfach nicht weitergehen!, nahm sie sich vor. Ich muss irgendetwas tun, dass von vornherein verhindert, dass ich wieder in diese alten Bahnen rutsche.

Henriette verfiel in einen unruhigen Halbschlaf. Plötzlich war sie wieder hellwach. Eine Idee hatte sie hochgerissen:

Am besten ist es, wenn ich allen laut und deutlich mitteile: Ab sofort ist eure Henni nicht mehr die gute, brave Henni, die immer für alle da ist und es allen recht machen will. Jetzt bin ich endlich der Mensch, der ich immer sein wollte. Ob es euch passt oder nicht.

Sie überlegte kurz, dann stand sie auf.

Claudia schlief fest und Henriette schlich sich in den Nebenraum, wo ihr Notebook stand. Sie schrieb schnell und ohne zu zögern.

Als sie fertig war, legte sie sich zufrieden wieder hin und schlief auf der Stelle ein.

Am Morgen, kurz vor der Abfahrt zeigte Henriette Claudia die Mail, die sie in der Nacht an ihren großen Bekanntenkreis verschickt hatte.

Liebe Menschen meines bisherigen Lebens,

Bitte wundert euch nicht: Ich werde mich in der nächsten Zeit, für viele Wochen – vielleicht Monate (vielleicht aber auch Jahre) – zurückziehen und meine bisherigen Kontakte zu euch auf das Nötigste beschränken. Bitte versucht das zu verstehen: Ich brauche das für mich. Und niemand von euch soll glauben, dass ich nun, berentet, Langweile haben könnte und man sich um mich kümmern müsste. Ich denke, ich werde gut klarkommen.

Ich danke euch allen für die Zeit, in der ihr mein Leben begleitet habt. Jetzt aber muss ich – endlich – meine eigenen Wege gehen.

Henriette

Claudia hatte den Text schweigend gelesen. Jetzt runzelte sie irritiert die Stirn. „Warum auf einmal „Henriette?“, fragte sie nur. „Du warst doch immer unsere Henni!“

„Eben darum!“

Nun saßen sie stumm in der Abfertigungshalle nebeneinander. Das Gepäck hatten sie schon aufgegeben. Die Maschine war bereits im Anflug. Gleich würden sie in ihr Flugzeug steigen.

Schließlich brach Claudia das Schweigen:

„Henni, du hast auch mir diese Mail geschrieben, nicht wahr? Was bedeutet das? Hast du auch bei mir das Gefühl, dass du dich verstellen musst, dass du mit mir zusammen nicht du selbst sein kannst? Meinst du auch mich?“

„Ich danke dir für diesen gemeinsamen Urlaub. Aber ein klein wenig meine ich auch dich, das stimmt. Bist du böse?“

„Böse nicht. Aber enttäuscht.“

Während des Fluges vermieden sie dieses Thema. In Berlin Schönefeld nahmen sie Abschied, als wäre nichts gewesen. Ihre Wege trennten sich.

Als Henriette endlich in ihrer U-Bahn saß, spürte sie plötzlich eine große, aber wohltuende Leere in sich. Sie war erleichtert, wieder zu Hause zu sein.

Fast bedauerte sie es jetzt, dass sie auf den Vorschlag von Claudia eingegangen war, die ersten beiden Wochen ihrer Rentenzeit ausgerechnet auf den Malediven zu verbringen. Aber das war ungerecht. Es war ja schön gewesen, aber es war eben Urlaub. Sonst nichts.

Gut, dachte sie vergnügt, dann war diese Reise eben nicht der Anfang meines neuen, sondern das Ende meines bisherigen Lebens. Nun war sie gespannt auf das, was als Nächstes kommen würde!

Nur noch drei Stationen!

Das neue Leben

Nachdem Henriette die Tür zu ihrer Wohnung aufgesperrt hatte, trug sie zuerst das gesamte Gepäck in ihr Schlafzimmer. Dann setzte sie sich in ihren Lieblingssessel ans Wohnzimmerfenster. Von hier aus konnte sie ein wenig ins Grüne sehen. Auf dem Weg vom Flughafen nach Hause war es windig und nass gewesen. Aber jetzt schien die Sonne. In Berlin war eben April.

Auf dem Ast der Birke, in deren Geäst sie vom 2. Stock aus blicken konnte, hatte eben noch eine Amsel gesungen.

Henriette saß da und versuchte, keinerlei Geräusch zu machen, nicht nur wegen der Amsel, sondern, weil sie diese Stille brauchte, um zu sich zu kommen.

Sie schloss die Augen. Hinter ihren Lidern flimmerten Bilder vorbei: der Strand, das türkisfarbene Meer, die Terrasse.

Dann fiel ihr plötzlich die Bettlerin auf der Insel ein, wahrscheinlich deshalb, weil ihr auf der Fahrt vom Bahnhof nach Hause ein Mann den Notausgang angeboten hatte. Sie kaufte ihm eine Zeitschrift ab, obwohl sie wusste, dass sie nicht hineinsehen würde. Sie hätte sich schlecht gefühlt, einfach nein zu sagen oder wegzusehen.

Jetzt war sie also wieder hier. Zu Hause. Bei sich. Und alles sollte nun anders werden!

Morgen könnte sie ausschlafen, wenn sie wollte. Keine Arbeit, kein morgendliches Hetzen warteten auf sie. Sie würde in aller Ruhe frühstücken, sich ihr Müsli machen, vielleicht mit einer Extraportion Mandeln darin – sozusagen zur Feier des Tages – und dann? Vielleicht nähme sie sich endlich mal die Zeit, die Zeitschriften zu sortieren, die sich seit Monaten auf ihrem Wohnzimmertisch angesammelt hatten. Oder sollte sie lieber erst mal auspacken? Die Fotos vom Urlaub wollte sie jetzt nicht gleich überspielen, dazu hatte sie keine Lust. Aber auspacken musste sie ja schließlich.

Irgendwann würde sie dann sicher wieder hier sitzen und auf die Amsel warten und auf die Gedanken, die in ihrem Inneren eingesperrt waren und darauf drängten, herausgelassen zu werden und sich zu entfalten wie bunte Sonnenschirme. Oder würden es vielleicht eher graue Regenschirme werden, überlegte Henriette einen Moment lang. Egal. Sie sollten endlich den Raum bekommen, den sie einforderten.

Henriette wusste, dass viele Rentner und Rentnerinnen sich auf die Rentenzeit freuten, dann aber nichts mit sich anfangen konnten. Aber das sollte ihr nicht passieren!

Sie sah auf. Die Amsel hatte sich wieder eingefunden und fing in diesem Augenblick an, sorglos zu singen.

Am nächsten Tag meldete sich per Mail Hannelore. Sie war eine ehemalige Kollegin aus den ersten Jahren bei ihrer Firma und früher mal Henriettes beste Freundin, lange vor Claudias Zeit. Sie hatten sich über die Jahre ein wenig aus den Augen verloren. Auch an Hannelore hatte sie im Urlaub ihre Mail geschickt, sozusagen der Vollständigkeit halber. Überrascht öffnete sie die Nachricht.

„Ich finde deine Idee toll, Henriette. Du hast recht damit, wenn du nicht mehr die praktische, immer gut gelaunte und ewig belastbare Henni sein willst. Solltest du während deines neuen Lebens trotzdem eine Freundin brauchen – ich bin da, wenn du willst. Hannelore.“

Henriette schrieb auf der Stelle zurück:

Danke Hannelore. Im Moment möchte ich viel allein sein. Aber ich komme gerne auf dein Angebot zurück. Henriette.“

Es sollte nicht die einzige Mail bleiben, die sie an diesem Morgen erhielt.

Suse hatte geantwortet. Ja, vielleicht war es dumm gewesen, ihre Sammelmail auch an ihre Töchter zu schicken. Suse hatte sicher schon genug an Henriettes Absage zu knabbern. Ihre Mail klang erwartungsgemäß verletzt und war voller Vorwürfe. Am Ende hatte Suse sich nicht verkneifen können, ihrer Mutter unter die Nase zu reiben, dass die früher ja auch mit ihren eigenen Kindern nicht viel hatte anfangen können. Das würde auch Jens sagen.

Henriette las die Mail zwei Mal. Sie wartete, bis sich ihr spontaner Ärger über Jens und seine Sprüche gelegt hatte. Dass dieser Mann es wagte, sich immer noch in ihr Leben einzumischen! Dann überlegte sie sich, ob sie Suse antworten sollte und wenn ja, was. Vielleicht könnte sie ihr schreiben, dass es gemein war, ihrer Mutter ein schlechtes Gewissen zu machen, nur weil die entschieden hatte, einmal an sich zu denken. Und dass es ausgesprochen unfair war, ihr dann auch gleich noch die alten Vorwürfe von Jens aufzutischen, sie hätte sich nicht genug um ihre Töchter gekümmert. Oder sollte sie lieber sanfter schreiben, etwa, dass sie die Enttäuschung von Suse verstehen könnte, und ebenfalls um Verständnis bäte?

Henriette zog es vor, erst einmal überhaupt nicht zu antworten. Was würde es auch nutzen? Auf das Drängen und die Vorwürfe einzugehen, das kam ihr nicht in den Sinn.

Das immerhin hatte sie nun schon erreicht: Es war ihr ziemlich egal, ob andere ihre Entscheidung gut fanden oder nicht, und das ließ sie die anderen deutlich spüren. Die mussten ja nicht wissen, dass sie selbst in ihrem Inneren trotzdem noch immer große Mühe hatte, ihre Beschlüsse vor sich selbst zu verteidigen und sich zu versichern, dass sie ihr zustanden.

Verdammt noch mal, Henriette, schimpfte sie in Gedanken mit sich. Du musst dich nicht rechtfertigen, du musst auch nirgends mehr ankommen, musst niemandem noch etwas beweisen!

Statt auf Suses Mail zu antworten, öffnete sie das Schreibprogramm auf ihrem PC und begann damit, aufzuschreiben, was ihr gerade durch den Kopf ging.

22. April

Ich will ab jetzt nur noch das tun, was mir gefällt: den Anblick einer Blume genießen, einem Gedanken nachhängen, die laute und aufdringliche Welt um mich ab und an einfach ignorieren. Ich will in die andere Richtung laufen, nicht in die, die gerade in ist und der alle folgen, will etwas anders machen als üblich, etwas anderes erstreben als das, was angeblich das Beste für mich ist. Und ich habe Lust, vor allem Dinge zu tun, die mir wirklich Freude bereiten oder auch solche, die meiner Wut endlich Luft machen. Und ich möchte etwas tun, was wirklich sinnvoll ist, nicht nur für mich, sondern auch in sich selbst. Ich fühle mich jetzt, wo ich die letzte Etappe meiner Reise angetreten habe, mehr als Teil dieser Welt als früher. Gleichzeitig fühle ich mich unabhängiger von ihr und den anderen Menschen, als ich es vorher war.

Vielleicht dauert diese Etappe noch 20 Jahre, vielleicht nur 20 Tage. Das ändert nichts. Die Scham ist vorbei und das Schielen nach dem, was von mir erwartet wird, auch. So hoffe ich.

Als ich 50 wurde, habe ich ganz leise zu mir gesagt: 50 Jahre hast du mehr oder weniger gemacht, was von dir erwartet wurde, ab jetzt machst du das, was du willst. Heute sage ich es laut.

Draußen gab ihr die Amsel recht.

Wie ein Fisch ohne Fahrrad?

Henriette beschloss, an diesem ersten freien Vormittag ein bisschen in die frische Aprilluft hinauszugehen und machte sich auf zu einem Spaziergang zum nahegelegenen Park. Der Wind war eisig, aber es strahlte eine helle Aprilsonne. Sie kuschelte sich in ihre Winterjacke und genoss die ungewohnte Kälte im Gesicht. Ein Kontrastprogramm zu den Malediven, dachte sie vergnügt.

Sie war schon auf dem Heimweg, als das Wetter umschlug und sich zu dem scharfen Wind plötzlich auch noch Hagel gesellte. Sie flüchtete in ein kleines Straßencafé, an dem sie schon oft achtlos vorbeigegangen war. Drinnen war es dämmrig und sie schien die einzige Besucherin zu sein. Im Gastraum waren wenige Tische aufgestellt. Im Hintergrund gab es so etwas wie eine Theke, hinter der die Bedienung stand und vermutlich auf Besucher wartete.

Henriette wählte einen der Tische am Fenster. Die Kellnerin kam gemächlich hinter der Theke hervor und schlenderte zu Henriettes Platz.

Die bestellte bei der jungen Frau einen Kaffee. Dann sah sie aus dem Fenster auf die inzwischen menschenleere Straße und lauschte dem Klackern der Hagelkörner, die auf den parkenden Autos vor dem Fenster herumsprangen.

„Wenig los heute?“, fragte sie die junge Frau, als die den Kaffee brachte.

Die nickte gelangweilt.

Henriette hätte gerne ein Gespräch mit ihr angefangen, aber sie traute sich nicht. Die Frau hatte sich gleich wieder in die dämmrige Tiefe ihres Cafés zurückgezogen und war dort kaum noch zu erkennen.

Als Henriette überlegte, ob sie wieder weitergehen könnte, weil der Hagel aufgehört hatte und die ersten leuchtend blauen Streifen zwischen den Wolkenfetzen hervorschauten, betrat ein Mann um die 50 das Café. Er war wohl auch in den Hagel geraten und schlug sich mit entschiedener Handbewegung die letzten weißen Körner von der Windjacke.

Er ließ seinen Blick über Henriette gleiten, vielleicht nickte er auch. Henriette konnte nicht sicher sagen, ob es ein Nicken gewesen war oder nur eine Halsbewegung, die nichts bedeutete. Er ging zum Tresen, bestellte mit lauter Stimme ein Frühstück mit Ei und Schinken.

Die Frau hinter ihrer Theke wurde unerwartet munter, Henriette hörte an ihrer Stimme, dass sie lächelte. Sie wies dem neuen Gast einen Platz am anderen Fenster zu. Wenig später kam sie mit dem Gedeck zurück, sagte, der Kaffee brauchte noch einen Moment. Er solle ja frisch sein, nicht wahr?

„Ist ja heute nicht viel los bei Ihnen“, meinte der Mann.

„Ja leider. Wenn Sie am Nachmittag kommen, sieht es ganz anders aus. Das Café ist eigentlich bei den Leuten hier im Kiez sehr beliebt. Ich backe den Kuchen übrigens selbst!“

Der Mann lachte anerkennend und sie eilte davon, um nach dem Kaffee zu sehen - ohne Henriettes Winken zu beachten, die zahlen wollte.