21,99 €
Ignaz Semmelweis revolutionierte die Medizin. Der junge ungarische Arzt entdeckte im 19. Jahrhundert die Grundlagen der Hygiene, womit er unzähligen Frauen in den Geburtskliniken das Leben rettete. Péter Gárdos wollte einen Film über diesen faszinierenden Mann drehen, doch dieses Unterfangen wurde ihm in seiner Heimat Ungarn untersagt. So schrieb Gárdos diesen Roman, der erstmals die faszinierende Lebensgeschichte eines genialen Mannes erzählt, der zahllosen Müttern das Leben rettete und dabei selbst wie ein Teufel bekämpft wurde. Ein einzigartiges, mitreißendes und bewegendes Buch, das eine ebenso unglaubliche wie wahre Geschichte erzählt.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 389
Veröffentlichungsjahr: 2026
Péter Gárdos
Roman
Eszter Toldi
Was sind das für Hände? (…)
Kann wohl des großen Meergotts Ozean
Dies Blut von meiner Hand rein waschen?
William Shakespeare, Macbeth (Akt II, Szene 2)
Worst hatte noch nie in seinem Leben so feine Schuhe gesehen.
Sie wären ihm vielleicht gar nicht aufgefallen, hätten die beschlagenen Schuhsohlen des neuen Patienten nicht synkopisch auf die abgeplatzten Fliesen geklopft. Der Mann, den Worst und der lahmhändige Huffenstahl unter den Achseln gepackt durch den Flur zerrten, brüllte ohrenbetäubend und fluchte derb, während der Eisenbeschlag seiner Schnürschuhe ein metallenes Echo durch den Gang jagte. Das ist ein Weichling, entschied Worst sofort. So nannte er jeden, der kleine Hände oder zu glatte Haut hatte. Zwar war dieser Mann stämmig und hatte riesige Pranken, aber an seinen Füßen protzten teure, senfgelbe Halbschuhe. Das reichte aus, um in Worst bitteren Neid zu wecken.
Weichling, zischte Worst mit zusammengebissenen Zähnen, während ihn Huffenstahl von der anderen Seite angrinste. Sie schleiften den Mann zügig, jedoch ohne außer Atem zu kommen, durch den langen Korridor. Obwohl er sie beschimpfte und bespuckte, taten sie ihm erst mal nichts. Mit den Patienten des Herrn Professor Casparus Herbert gingen sie vorsichtig um. Anfangs jedenfalls. Wenn Herr Professor Herbert ihn bat, jemandem eine erhellende Ohrfeige oder einen rechten Haken zu verpassen, war das etwas anderes, dann ließ Worst der ihm innewohnenden Kraft freien Lauf. Er mochte es, Ordnung zu schaffen, das hätte Worst nie bestritten, es war einfach seine Schwäche. Ordnung ist das halbe Leben. Aber nur wenn Herr Professor Herbert es so wünschte! Wenn er ihn ausdrücklich darum bat! Dann würden diese wimmernden, sabbernden Taugenichtse endlich lernen, wo der Hammer hing. Nämlich in Worsts Fäusten.
Der neue Patient hörte auch dann nicht auf, zu fluchen und sich zu winden, als sie bei Herrn Professor Herberts Zimmer ankamen. Worst hatte die Aufgabe, den Kranken in bestimmten Fällen an den Eisenstuhl zu fesseln, der mit Schrauben am Boden befestigt war.
Diesmal war ihm aufgetragen worden, sich bei der folgenden Untersuchung in allen Belangen an die Anweisungen von Doktor Stolz zu halten, dabei war er persönlich dagegen, eine außenstehende Person über so tiefgreifende Dinge entscheiden zu lassen, wie die Maßregelung eines Patienten. Worst wäre vielleicht nachsichtiger gewesen, hätte er die Umstände besser gekannt. Doch Worst war nur ein junger Bursche mit vier Jahren Volksschulbildung, den man in einem neunzehntägigen Kurs zum Pfleger in der psychiatrischen Klinik ausgebildet hatte, wofür er Herrn Professor Herbert sehr dankbar war. Jener stattliche Oberarzt, der mit schallender Stimme sprach und dem Alkohol nicht gerade abgeneigt war, hatte ihn aus der grauen, einförmigen und gesichtslosen Masse der Pfleger herausgehoben und ihn zum Oberpfleger der Klinik in der Lazarettgasse befördert, mit doppeltem Gehalt und zwei zusätzlichen freien Tagen im Monat.
Also hielt Worst sich zurück, stieß die Tür hinter sich mit der Ferse ins Schloss und fesselte den Patienten mit der tatkräftigen Unterstützung des Pflegers Huffenstahl an den Eisenstuhl, von dem der Lack abblätterte.
Die Pester Medizinstudenten, selbst die Erstsemester, nannten den Universitätsprofessor Anton Jankovich hinter seinem Rücken Forschikus. Der vierschrötige, bärtige Arzt war nicht älter als einundvierzig, und doch erweckte er den Eindruck eines alten Mannes: Er ging schlurfend und schwerfällig wie ein Bär, trug zerrissene, fleckige Hemden, und Gerüchten zufolge schmatzte und rülpste er beim Essen. In seinem Mund krachte es bei jedem Bissen, als ratterte dort drinnen eine Dampflokomotive. Sein oft wiederholter Ausspruch war, ein Arzt solle seine Patienten mit einem »forschenderen« Blick untersuchen. Auf welchen Gegenstand er den Komparativ des Adjektivs bezog, trauten sich die Medizinstudenten allerdings nicht zu fragen.
Jedes Jahr führte Forschikus die Medizi des ersten Semesters in die schaurige Welt der Präparation ein. Im Dezember war es so weit: Anton Jankovich stand, mit einer dicken Zigarre im Mund, die stämmigen Beine gespreizt, von blassen Studenten umringt im Sektionssaal und hob seinen linken Arm.
»Jetzt kommen Sie schön der Reihe nach zu mir vor, als wäre ich Ihr Beichtvater. Und jeder riecht einmal an … nicht an meinem Hinterteil, das spar ich mir für später auf, sondern an meiner Hand! Na, Sie dürfen!«
Jankovich streckte den Arm aus. Die Studenten stellten sich brav in einer Reihe auf und schnupperten mit gesenktem Kopf an Forschikus’ ausgestreckter Hand.
Einige verzogen das Gesicht.
Die Hand des Arztes roch nach Leichen, zweifellos und unleugbar.
Forschikus grinste.
»Ziehen Sie keine Grimassen, meine Herren! In wenigen Jahren wird dieser Geruch auch von Ihren Händen nicht mehr abzuwaschen sein! Mehr noch: Sie alle werden stolz darauf sein! Denn der Gestank, der in Zukunft unablässig von Ihren Händen ausgehen wird, zeigt der Welt, dass Sie sich der Heilkunst verschrieben haben. An dem heutigen Tag werden wir den ersten Schritt unternehmen, Ihre Hände für alle Zeiten mit diesem Duft zu markieren.«
Jankovich schlurfte ein paar Schritte, legte seine qualmende Zigarre auf der Kante des Sektionstisches ab und ergriff ein Messer mit kurzem Griff und blitzender Klinge. Auf dem Tisch lag der nackte Körper eines Mannes mit schimmelgrünen Leichenflecken auf Bauch und Brust.
»Na, dann wollen wir mal. Der Körper, den Sie hier sehen, hat am Donnerstag noch munter vor sich hin gepfiffen. Wenn Ihr Weg Sie zu Beginn der Woche zufällig in die Große Fuhrmanngasse geführt hätte, hätten Sie ihn sogar antreffen können. Meine Herren, Sie sehen einen einunddreißigjährigen Bäcker vor sich, der Kerl hat am Donnerstag noch Teig geknetet und goldbraune Brötchen gebacken, bis der Brotschieber ihm plötzlich aus der Hand gefallen und der Bursche hier zu Boden gesackt ist. All dies tat er nicht im Entferntesten mit dem Ziel, das ich Ihnen nun an seinem Körper demonstrieren kann, was sich im Inneren eines solchen Apparats befindet. Aber so kam es nun einmal, das ist das Leben, meine Herren, mal ist man oben, mal unten, und dieser brave Bäcker ist gerade unten. Meine Diagnose: Herzschlag. Machen Sie sich bereit, meine Herren, ich werde den Körper jetzt öffnen.«
Diese ausholende Einführung trug Forschikus der frischen Medizinerschar jedes Jahr in etwa gleicher Weise vor, es änderten sich bloß die Berufe und das Alter, statt eines Bäckers lagen Hausmeister, Straßenmädchen oder namenlose Streuner auf der Blechplatte ausgestreckt. All das diente dazu, die nichtsahnenden Studenten mit dem einschläfernden, endlosen Monolog einzulullen, sodass der nächste Moment sie traf wie ein Pistolenschuss.
Dann nämlich drehte Professor Jankovich die kalt blitzende Klinge in seiner Hand, mit der er bisher seinen Vortrag dirigiert, das heißt, unablässig in der Luft herumgefuchtelt hatte, nach unten und schlitzte den nackten Körper im Bruchteil einer Sekunde vom Hals bis zum Nabel auf. Forschikus hätte nie geleugnet, dass seine so sorgfältig vorbereitete Bewegung effekthascherisch war. Doch war er überzeugt, dass dieses dramatische Ereignis dabei half, die Schwelle zu überschreiten, die einen Durchschnittsmenschen von einem Fachmann trennte. Der von Dutzenden Lungen gleichzeitig ausgestoßene heftige Luftstrom, der das Spektakel jedes Mal begleitete, war himmlische Musik in seinen Ohren.
Das kollektive, erschrockene Aufkeuchen.
Diesmal auch ein Knall.
Forschikus konnte sein Lächeln kaum verbergen. Ein Student lag bewusstlos auf dem glitschigen Boden des Sektionssaals.
»Jedes Jahr ist ein Jammerlappen dabei. Bringen Sie ihn hinaus.«
Ignaz Semmelweis kniete bereits neben seinem Freund und tätschelte ihm die Wange. Doch als Xaver Stolz nicht aufwachte, wurde der bewusstlose Junge von drei Kommilitonen gepackt und auf den Flur hinausgetragen.
Im Untergeschoss roch es an diesem Nachmittag durchdringend nach Wirsing, da der Korridor und die Pforte der Universität durch einen Lüftungsschacht verbunden waren und die Frau des Pförtners das Mittagessen verschüttet hatte.
Als Stolz wieder zu sich kam, war er noch recht benommen. Der Geruch des Eintopfs versetzte ihn zurück in seine Kindheit, sodass sein erster, mit geschlossenen Augen gemurmelter Satz Semmelweis überraschte.
»Ich hätte gern noch einen Teller, Tante Mariska«, brummelte Stolz sehnsüchtig.
Doch dann öffnete er die Augen, und kurz darauf kehrten die Bilder des Sektionssaals und des aufgeschlitzten Bäckergesellen in sein Gedächtnis zurück. Sein bester Freund Ignaz kniete zu seinen Füßen vor der Bank und sah besorgt zu ihm auf. Stolz wurde von einer Woge Selbstmitleid überwältigt.
»Das war’s. Er wird mich rausschmeißen.«
Er machte eine wegwerfende Geste und fügte hinzu:
»Ich werde Flößer. Oder Anwalt.«
Er erinnerte sich nicht mehr genau, welches Buch seine Vorstellungskraft beflügelt hatte. Er war entweder durch Abafi von Jósika oder durch ein Märchen von Andreas von Fáy auf den romantischen Beruf des Flößers gestoßen. Ein Bursche, der wagemutig am Rande des Floßes balanciert und schwere Baumstämme die Theiß hinunterschwemmt!
»Tief durchatmen. Wir müssen zurückgehen.«
»Ist noch jemand zusammengebrochen? Oder war ich der Einzige?«
»Atme!«
Stolz nahm einige tiefe Atemzüge der nach Eintopf riechenden Luft. Er hatte etwas mit sich zu klären. Hatte der nackte, bleiche Tote ihn so abgeschreckt oder das seelenlose Schnippeln, das offenbarte, dass der menschliche Körper ab einem bestimmten Punkt nicht mehr war als ein Kopf Wirsing? Denn wenn dem so war und er sich damit nicht abfinden konnte, dann war er für die angestrebte Berufung offensichtlich ungeeignet.
»Sei ehrlich zu mir, Naz. Werde ich jemals zum Arzt taugen? Ich verabscheue Leichen. Den Geruch, die Haut, sie zu berühren.«
»Du wirst Arzt werden! Wir beide werden es! Komm, stütz dich auf mich.«
Sein Freund hatte etwas an sich, das Stolz immer wieder erschaudern ließ. Semmelweis konnte selbst in den aussichtslosesten Situationen mit Überzeugung sagen, dass er nicht aufgeben würde. Naz gab niemals auf, und das ging Xaver einfach nicht in den Kopf.
Stolz kam gar nicht auf die Idee, in den Sektionssaal zurückzukehren. Hier, auf dem kühlen, in Dämmerlicht getauchten Flur fühlte er sich einigermaßen sicher, und es war ihm ganz und gar nicht nach Forschikus’ schnippischen Bemerkungen zumute. Es graute ihm schon vor einer erneuten Begegnung mit dem aufgeschnittenen Bäckergesellen.
»Ich gehe nicht zurück! Geh du nur, ich geh nicht! Für kein Geld der Welt!«
Semmelweis nickte und ließ sich neben Stolz auf die Bank fallen.
Sie zündeten sich Zigarren an.
Sie rauchten wortlos, in Gedanken versunken, hin und wieder drangen Forschikus’ triumphierende Ausrufe durch die Eisentür des Sektionssaals, als er – so stellten sie es sich zumindest vor – nacheinander die abgetrennten Körperteile in die Höhe hielt und verkündete: Gallengang, Herzbeutel, Brustfell.
Die Glocken hatten gerade zur Mitternacht geläutet. Ein lahmendes Pferd trottete vor eine Komfortable gespannt durch die Agriagasse. Die beiden Freunde, eng an eine Hauswand gepresst, konnten die Umrisse des Kutschers kaum ausmachen. Nachdem das Gespann vorübergezogen war, blieb nur die blinde Stille, die sich zu dieser Zeit über die Stadt legte.
Vom Fluss wehte ein eisiger Wind. Vielleicht war es dieser schneidende Luftstrom gewesen, der den Gestank verwesender Fischkadaver endgültig vertrieben hatte, der nach dem großen Hochwasser im Vorjahr so lange über der Stadt hing. Semmelweis war Monate nach der Katastrophe aus Wien zurückgekehrt, und es hatte ihn nicht in erster Linie der Anblick der modernden Straßen entsetzt, sondern der alles durchdringende Morastgeruch. Er erinnerte sich auch noch genau daran, wie ärmlich, wie schäbig ihm Pest nach Wien erschienen war. Vormittags wurden gemächlich trabende Rinderherden durch die Innenstadt zur Pontonbrücke getrieben. Das klagende Röhren schwamm wie ein dunkler Witwenschleier zwischen den zusammengesackten Häusern und den mit Unkraut überwucherten Ruinen. Damals bedrückte ihn dieses fälschlicherweise als Stadt bezeichnete, großgewachsene Dorf mit seinen strohbedeckten, breiten, sumpfigen Straßen so sehr, dass er oft ins Caféhaus Redoute mit seinen säulengeschmückten Sälen flüchtete. Er saß oft stundenlang im bleichen Kerzenlicht zwischen den Billardtischen, schließlich bot dies die Illusion städtischen Lebens. Doch früher oder später musste er wieder auf die Straße hinausgehen, und dann traf ihn der Anblick der zahllosen Bettler und hoffnungslos dreinblickenden streunenden Hunde wie eine Ohrfeige.
Man hatte die vom Hochwasser verursachte Zerstörung seitdem beseitigt. Der Wind pfiff frei und ungehindert über die nun leeren Plätze.
Semmelweis und Stolz lösten sich von der Hauswand und schlichen in die Neuweltgasse. Nichts war leichter, als sich über den Eisenzaun zu schwingen, der die Universität umgab. Sie suchten im Schatten des Gebäudes nach einem offenen Fenster. Stolz rutschte einmal aus, die Kiesel knirschten schrill unter seinen Füßen, die beiden Männer erstarrten. Doch in ihren Ohren pochte nur ihr eigener schneller Herzschlag, sonst nichts.
Als sie den Block schon das zweite Mal umrundeten, bedeutete Semmelweis Stolz, stehen zu bleiben. Sie waren etwa auf Höhe des Sektionssaals, als sie sich auf den Boden knieten und das Gesicht an das Glas der Souterrainfenster pressten. Sie konnten nichts erkennen. Da ergriff Stolz kurzerhand einen Stein und schmetterte ihn gegen das Glas.
Das Klirren echote in der tiefblauen Nacht.
Beide kauerten sich auf den Boden, lauschten. Semmelweis wickelte die Hand in ein Taschentuch und zog die im Kitt steckenden Glasscherben einzeln heraus. Hineinzuklettern war gar nicht so einfach, denn die Fensteröffnung war schmal, sie mussten sich rückwärts hindurchpressen und plumpsten aus anderthalb Metern Höhe auf den kalten, groben Steinboden.
Semmelweis holte eine Kerze aus seiner Tasche und zündete den Docht an. Die gelblichgrüne Flamme zitterte in seiner Hand. Sie standen in der Mitte des Sektionssaals.
Auf der Blechplatte konnte man die Umrisse des Körpers des Bäckergesellen erahnen, die Leiche war mit einem blutbefleckten Flachstuch abgedeckt. Im gespenstischen Licht schien das Leinen zu phosphoreszieren, so silbrig schimmerte das Licht der Kerze darauf. Stolz wich bis an die Wand zurück, seine Beine wurden schwach, er brach fast zusammen. Nein, keinen Schritt konnte er sich aus der Ecke rühren. Semmelweis nahm seinen Arm, sprach ihm Mut zu.
»Komm. Wir sehen ihn uns an.«
Stolz’ Beine wollten sich nicht bewegen. Um sie herum lag der Gestank von faulem Blumenkohl in der Luft, die Schatten der beiden Männer fielen vergrößert auf die salpeterverkrustete Wand des Sektionssaals. Sie machten einen Schritt nach vorn. Stolz schloss die Augen.
»Zwei Schritte noch«, flüsterte Semmelweis.
Stolz fror. Er hatte zwei Hemden unter dem Mantel angezogen, doch obwohl es im Saal nicht besonders kalt war, zitterte er. Semmelweis zog und zerrte ihn zum Blechtisch.
»Bereit?«
»Nein! Noch nicht!«
Stolz holte tief Luft und öffnete die Augen. Semmelweis hatte bereits die Ecke des Leinentuchs in der Hand und wartete nur noch auf sein zustimmendes Nicken. Von der Straße drang ein schauerliches Knacken zu ihnen, vielleicht hatte ein starker Windstoß etwas gegen die Hauswand geschleudert. Beide zuckten zusammen. Stolz bebten die Mundwinkel, doch dann ballte er die Hände zu Fäusten.
»Lass es uns versuchen«, sagte er.
Semmelweis riss das Tuch herunter. Der Bäckergeselle lag noch genauso ausgestreckt da wie am Vormittag, nur der Schnitt, der seinen Körper vom Hals bis zum Nabel geöffnet hatte, war von geschickten Händen mit grobem Zwirn zusammengenäht worden. Die abscheuliche, schwulstige Linie stand deutlich von der glänzenden, glatten Haut ab. Stolz wich zurück.
»Näher. Zwing dich! Berühr ihn!«, flüsterte Semmelweis.
Stolz musste sich Mühe geben, seiner aufkommenden Übelkeit Herr zu werden. Er glitt einen halben Schritt näher und berührte die Leiche mit dem Zeigefinger. Die Haut fühlte sich klamm an, als hätte man den Mann eben erst gewaschen.
»Die Seele ist längst fort. Das ist eine Anatomieaufgabe. Denk daran.«
Ja, das wäre wohl die praktischere Herangehensweise gewesen, aber das gelang ihm noch nicht, erkannte Stolz enttäuscht. Er musste damit rechnen, dass er, falls er doch noch Arzt würde, Tag für Tag an solchen Körpern hantieren müsste. Also musste er sich so schnell wie möglich an das Aufschneiden und Zunähen von Leichen gewöhnen und sich für immer mit dem Geruch anfreunden, der ihn würgen ließ, sich aber langsam in sein Hemd, seine Hände und in sein ganzes elendes Leben fraß.
Xaver Stolz seufzte.
Er fuhr mit den Fingern über die Brust des einstigen Bäckergesellen. Es war fast eine Liebkosung. Er berührte sein Gesicht, betastete die stattliche Warze am Kinn, strich über die nasse Stirn und ließ die Hand schließlich über die Linie in der Körpermitte gleiten, die von dem schwarzen, groben Garn so gnadenlos entstellt wurde.
Den nächsten Vormittag verbrachten die Studenten mit Forschikus im zentralen Hörsaal. Stundenlang quälte Herr Professor Jankovich drei Meerschweinchen. Zu seiner Verteidigung sei erwähnt, dass er die Brechweinsäure wochenlang an sich selbst ausprobiert hatte, bevor er die armen Tiere zu stundenlangen Qualen verurteilte.
An diesem frühen Morgen begann er das Collegium, indem er ein Fläschchen in die Höhe hob.
»Dies, meine Herren, ist das alltäglichste Heilmittel – und zugleich die nützlichste Medizin. Letzte Woche konnten Sie mit eigenen Augen sehen, wie dieses Mittel bei Patientin Nummer 132 zur Anwendung kam, und das überaus erfolgreich. Wie sich die Herren hoffentlich erinnern, litt die Dame an einer schweren inneren Herz-Lungen-Entzündung, doch dieses wundersame Medikament, das Brechmittel Weinsäure, vermochte ihr das Leben zu retten. Diesmal werden wir in einem gemeinsamen Experiment untersuchen, welche Wirkung dieses wohlbekannte Heilmittel in stetig steigenden Dosen bei drei Meerschweinchen entfaltet, die sich bereitwillig auf dem heiligen Altar der Wissenschaft opfern.«
Die bedauernswerten Tiere ahnten natürlich nichts von ihrem freiwillig gewählten Schicksal. Zumindest hatte das Selbstexperiment Doktor Jankovichs nicht tödlich geendet. Dies hielt ihn allerdings nicht davon ab, nun mit einiger Selbstironie heraufzubeschwören, wie stoisch er doch die Qualen erduldet hatte. Sogar drei Medizinstudenten hatte er in seine Wohnung bestellt, um sich seinen Mut und sein Engagement bezeugen zu lassen. Er hatte es noch munter ertragen, als die doppelte Dosis des Medikaments einen Krampf in der Herzgegend auslöste, und er kam auch damit zurecht, dass die dreifache Menge acidum tartaricum stibiatum seinen ungeheuren abführenden Effekt entfaltete. Zwei Stunden lang konnte er das stille Örtchen nicht verlassen. Nach der fünffachen Menge Weinsäure ergriff ihn jedoch eine endzeitliche Apathie, sodass es ihm sogar gleichgültig war, dass er den Löffel abgeben könnte.
Der im Lehrplan vorgesehene Tierversuch sollte beweisen, welche dramatischen Veränderungen die Überdosierung von Weinsäure in den Ganglien der Meerschweinchen auslöst.
»Die Wissenschaft, meine Herren, bedarf des Beweises. Es ziemt sich zwar, die kleinen Geschöpfe zu bedauern, doch die wissenschaftliche Neugierde in uns besiegt das Mitleid. Oder sind Sie anderer Meinung, meine Herren?«
Die etwa fünfzig Studenten, die in den ansteigenden Sitzreihen im Halbkreis um den Professor saßen, dachten gar nicht daran, anderer Meinung zu sein. Stolz, der sich nicht selten der in Apotheken für kleines Geld erhältlichen Medizin bediente, flüsterte Semmelweis zu:
»Das wird aber einen Durchfall geben, Naz! Mich macht es immer schon nach einer Viertelstunde fertig!«
Forschikus füllte den Inhalt des ersten Fläschchens in einen Behälter am Rand des Käfigs. Die Meerschweinchen rochen an der farblosen Flüssigkeit und tranken kleine Schlucke. Der Professor zündete sich zufrieden die erste Zigarre des Tages an.
»Wenn die Herren genug davon haben, auf Ihrem Gesäß zu verweilen, sind Sie herzlich dazu eingeladen, sich zu mir herab zu bequemen und das Ohr an den Käfig gepresst auf das immer deutlicher werdende Darmgrummeln dieser niedlichen Biester zu lauschen.«
Die Herren Medizi rappelten sich aus den Bänken auf und pilgerten zum Katheder. Einer nach dem anderen beugten sie sich über die zahm ausgestreckt liegenden Tiere und horchten eifrig auf das Grummeln. Forschikus war sichtlich stolz auf seine Darbietung.
Am Ende des Vormittags, als Doktor Jankovich bereits vier Zigarren heruntergeraucht hatte, die Meerschweinchen sechs Dosen Brechweinsäure geschlürft hatten und leise verendet waren, ja, als sie sogar alle drei schon seziert waren und die Medizinstudenten in Einklang mit dem Herrn Professor zur Konklusion gelangt waren, dass der Magen die brutale Medikation zwar überstanden, das Nervensystem jedoch den Dienst aufgegeben hatte, da drückte Forschikus seine letzte Zigarre aus, schaute zum Halbkreis der Studenten auf und sagte:
»Wir wären dann fertig …, wenn mich nicht eine Frage quälen würde. Wer von Ihnen, meine Herren, hat gestern Nacht ein Souterrainfenster im Krankenhausflügel zerbrochen, sich hineingeschlichen, den Sektionssaal besucht und dann dummerweise die Tür offen gelassen?«
Zwischen den Bankreihen herrschte erstarrtes Schweigen.
Forschikus wartete. Er hielt das Zerbrechen des Glases nicht einmal für die größte Übeltat, sondern dass der Eindringling vergessen hatte, den armen Bäckergesellen wieder mit dem Leinentuch zu bedecken, sodass der Prosektor den Leichnam am Morgen aufgedeckt auffand. Doch er wartete noch damit, diese empörende Nachlässigkeit zu enthüllen. Er war sicher, dass ein Medikus sich nach der Sektion am Vortag zurückgeschlichen hatte, die Frage war nur, ob der Kerl genug Mumm hatte, es zuzugeben.
»Ich warte«, verkündete er. »Jetzt, in diesem Moment, meine Herren, scheidet sich die Spreu vom Weizen.«
Semmelweis sah Stolz an, er hatte sich entschieden.
»Verlier jetzt bloß nicht die Nerven!«, flüsterte Stolz und griff nach Semmelweis’ Arm.
»Ich gebe dem Täter noch eine Minute«, sagte Forschikus und zog seine Taschenuhr hervor.
Semmelweis riss seinen Arm aus der Umklammerung und stand auf.
Ein Raunen des Entsetzens rollte durch den Hörsaal. Jankovich blickte Semmelweis streng an, war sogar ein wenig überrascht, doch er ließ sich nichts anmerken. Aus dem gesamten Jahrgang interessierte ihn einzig dieser dickschädlige junge Mann. Er stellte zur rechten Zeit Fragen, meistens auch kluge.
»Ich muss den Herrn Medikus bitten, einen Moment zu bleiben. Die anderen dürfen gehen.«
Der Saal leerte sich langsam. Mit gesenktem Kopf schlurfte Stolz hinter den anderen her. Semmelweis hingegen stand in der letzten Reihe der halbkreisförmigen Bänke, rührte sich nicht und blickte Forschikus kühn in die Augen.
Als sich die Tür hinter den letzten Studenten geschlossen hatte, winkte Jankovich den Jungen zu sich. Gemächlich begann er die Reste des Experiments wegzuräumen. Er nahm einen Leinensack hervor und legte die Kadaver der Meerschweinchen einen nach dem anderen hinein. Vertieft in seine Tätigkeit schaute er Semmelweis nicht einmal an.
»Gab es einen Anlass für diesen … wie soll ich es nennen … außercurricularen Besuch im Sektionssaal?«
»Ja, Herr Professor.«
»Wären Sie so freundlich, auch Ihren höchst neugierigen Lehrer ins Vertrauen zu ziehen?«
Semmelweis beobachtete wie gebannt Forschikus’ emsiges Treiben. Der Professor wischte die Sektionsmesser gründlich mit einem Lappen ab, schlenderte zum Mülleimer hinüber und entleerte den Abfall.
»Gestern Vormittag hat es mich vor dem Sezieren gegraust. In der Nacht habe ich mich gezwungen, mich neben die Leiche zu setzen. Um mich endgültig an die Situation zu gewöhnen … und an den Geruch.«
»Oh! Rührend! Die Reparaturkosten für das Fenster zahlen Sie bitte im Dekanat ein.«
»Ja, Herr Professor.«
Jankovich drehte sich zu Semmelweis um.
»Wie viele waren Sie?«
»Nur ich. Ich war allein.«
»Allein?«
»Ja. Ich habe das gebraucht … diesen Selbstversuch.«
Forschikus knotete den Leinensack mit einem Zwirn zu, klemmte ihn sich unter den Arm und ging zur Tür.
»Ich hoffe, Sie haben sich nicht geschnitten«, polterte er und trat hinaus.
Während Xaver Stolz im Hof auf Semmelweis wartete, suchte er eine Rechtfertigung für seine Feigheit. Forschikus mochte Ignaz, und es war allgemein bekannt, dass er aus dem gesamten Jahrgang nur ihn in seine Wohnung eingeladen hatte. Als Musterschüler konnte er am ehesten auf Vergebung hoffen. Das ist Fakt, wiederholte Stolz und klammerte sich an diese offensichtliche Erklärung. Deshalb hatte er sich nicht bei Forschikus’ Frage gemeldet. Natürlich war dies eine schwache Erklärung, ein wahrlich geringer Grund zur Selbstrechtfertigung. Und während er sich selbst marterte, durchzuckten ihn wieder die Schuldgefühle wegen des Neids, der ihn seit Monaten quälte, den er ständig zu verscheuchen versuchte. Das ist die Hamlet-Frage, merkte Stolz plötzlich, warum ihr ausweichen?
Die ungewöhnlich helle Wintersonne schnitt den Platz in weiße und schwarze Streifen. Der Hof hatte sich inzwischen geleert, nur Stolz stand noch neben dem dotterblumengelben Gebäude, die Stirn gegen die raue Wand gepresst. Er flüsterte in die Luft.
»Ich bin neidisch«, murmelte Stolz. »Ich beneide ihn!«
Jetzt, da er es ausgesprochen hatte, war er fast erleichtert. Schließlich war es kein Verbrechen, Neid war eine alltägliche, natürliche Empfindung, und wenn er die Gründe dahinter verstehen könnte, würde er darüber hinwegkommen. Aber hatte er irgendeinen Grund, neidisch auf seinen besten Freund zu sein?
Nein, keinen!
Außer …
Würde er in Ignaz nicht ständig dieses Streben, diese ständige Bereitschaft, diesen Hang zur Besserwisserei sehen, könnte er die ungezwungene, stille Freude an ihrer Freundschaft wieder empfinden. Vor einigen Jahren, zum Ende ihrer Jugendzeit, war ihre Beziehung noch ungetrübt gewesen. Damals hatte ihn der Überfluss an Eifer in Ignaz wohl noch nicht gestört. Warum ließ Naz keine Frage unbeantwortet? Wann hatte er diesen gnadenlosen Sinn für Anstand entwickelt?
Stolz klebte regelrecht an der Hauswand, wie ein sich in der Sonne wärmender Käfer. Er schloss seine Augen und entspannte sich. Ich bin kein böser Mensch, murmelte er immer wieder, ich bin nicht böse. Ich gebe mir Mühe. Ignaz ist mein Freund. Mein bester Freund. Ich drücke ihm die Daumen. Mir selbst drücke ich auch die Daumen, ja, aber eben auch ihm.
Er sprach nie über die Jahre, die er im Waisenhaus der Konvertiten in Kőszeg verbracht hatte, aber in letzter Zeit träumte er oft davon. Damals hieß er noch Xaver Cáki, wahrscheinlich weil er im Alter von vier Jahren auf einer Wiese neben der Gasse mit den Weinkellern bei Cák gefunden wurde.
Morgens um fünf lief Lőrinc, der Pförtner, mit einer Glocke durch die Schlafsäle. Beim Anziehen mussten sie das Sanctus singen. Um halb sechs begann das Morgengebet. Um sechs ging es in die Kirche, zur heiligen Messe. Um halb sieben bekamen die Waisen ihre Tagesportion Brot. Schule bis zehn. Um Viertel nach zehn erinnerte die Glocke daran, dass es Zeit für fünf Vaterunser und Avemaria zugunsten der verstorbenen und lebenden Wohltäter war. Genauso viele für den heiligen Florian. Vor dem Mittagessen folgte das Tischgebet. Von zwei bis vier war wieder Lernen an der Reihe, von vier bis halb fünf Freizeit. Doch auch dann war Stille geboten. Wenn Xaver vom Waisenhaus träumte, lag über allem taube, unheilvolle Stille. Selbst die Glocke läutete stumm, obwohl der Klöppel in seinem Traum wild gegen den Metallmantel schlug.
Stille.
Stille.
Zwei Wochen nach seinem dreizehnten Geburtstag floh Xaver aus dem Waisenhaus. Vier Monate lang tauchte er unter und irrte kreuz und quer durch das Land. Schließlich nahm ihn ein Bauer aus Vác auf dem Wagen mit nach Buda, im Gegenzug dafür hatte Xaver zuvor wochenlang den Mist aus seinem Stall geschaufelt. Der Vácer Bauer hatte etwas in der Burgauffahrt zu erledigen, er lieferte Rindleder an den Großhandel Weißer Elefant. Während er die Waren ablud, fiel dem Ladenbesitzer, József Semmelweis, der knochendürre kleine Junge auf. Xavers Gesicht und Arme glühten vor eitrigen, pochenden Pusteln. József Semmelweis konnte bestimmte Pockenarten mit einiger Erfahrung erkennen. Von seinen zehn Kindern waren gleich drei dieser Seuche zum Opfer gefallen. Vielleicht war es diese Erfahrung, die über das Schicksal Xavers entschied.
Das Geschäft bestand aus mehreren Verkaufsräumen, in denen sich die Kunden drängten. Xaver, der geholfen hatte, die Ware hereinzutragen, begann bei einer Ladung zu taumeln und sank ohnmächtig zu Boden. Eine Kundin, die er dabei fast mitriss, schrie spitz auf. Frau Stolz war damals dreiundvierzig Jahre alt und hatte schon längst aufgegeben, eigene Kinder zu bekommen. Nachdem József Semmelweis und Etelka Stolz den Jungen auf einen Stuhl gesetzt hatten, teilte der Ladenbesitzer ihr seine Vermutung mit. Das Kind hat die Pocken, sagte er, es muss sich hinlegen.
Frau Stolz sah in diesem Vorfall die Hand Gottes. Sie rief eine Kutsche und fuhr mit dem fiebrig glühenden Körper des Kindes auf ihrem Schoß nach Hause. Noch im selben Jahr hatte die Familie Stolz den Waisenjungen adoptiert.
Eine Wolke schob sich vor die Sonne, die fortgewehten Blätter rauschten im Wind. Im Innenhof der Universität entdeckte Semmelweis Stolz, der sich von der Wand abstieß und zum Zaun schlenderte.
Semmelweis stürmte beflügelt die Treppe herunter. Forschikus war nicht verärgert gewesen, mehr noch, er glaubte sogar ein verstecktes Lächeln in den Mundwinkeln des Professors gesehen zu haben. Ignaz hatte die Verantwortung für die nächtliche Missetat auf sich nehmen müssen, Xaver konnte es nicht. Wer bei der ersten Sektion versagte, sollte keine großen Töne spucken.
Als Ignaz auf den Hof hinaustrat, stieß er mit dem auf und ab gehenden Stolz zusammen.
»Schön, dass du auf mich gewartet hast«, sagte er und klopfte seinem Freund auf den Rücken.
»Kommen wir davon?«, fragte Stolz leise, während sie durch das Tor gingen.
»Du schuldest mir zwei Forint. So viel kosten ungefähr das doppelte Kellerfenster, der Kitt und der Lohn für den Glaser.«
Ignaz erinnerte sich noch genau an den Beginn ihrer Freundschaft. Pater Faludy führte in ihrem zweiten Gymnasialjahr eine neue Sitzordnung ein und setzte Ignaz Semmelweis und Xaver Stolz nebeneinander in eine Bank. Dennoch kamen sich die beiden Jungen nicht näher, und das hatte auch seinen Grund. Ignaz war ein exzellenter Schüler, in jedem Fach ausgezeichnet, außer in der Rhetorik. In Stolz’ Zeugnis hingegen fanden sich lauter mittelmäßige Noten, mit einer Ausnahme: Seine Lyrikklausuren honorierte der strengste Lehrer, Pater Ferenc, stets mit hervorragend.
Wenn sie im Rhetorikunterricht einen Essay über das Leben Ciceros schreiben oder einfach nur Beispiele für das Wesen des Glücks sammeln mussten, kratzte Xavers Feder in Windeseile über die Heftseiten, während Ignaz am Ende seines Schreibgeräts kaute und beim Austüfteln eines passenden Satzes ins Schwitzen geriet. Beim Schreiben blickte Stolz zuweilen übermütig zu seinem Banknachbarn hinüber.
Der Winter kam. An einem Dezembertag, als Pater Faludy sich eine Bronchitis eingefangen hatte und sich die unbeaufsichtigten Jungen in der großen Pause wie die Wilden aufführten, knallte Ignaz aus Versehen die Tür vor Xaver zu und erwischte seinen Finger. Sie spielten Räuber und Gendarm, und die flüchtigen Räuber, zu denen auch Ignaz gehörte, stürmten aus dem Raum, während die Gendarmen, darunter auch Xaver, ihnen nachjagten. Die zuschlagende Tür klemmte Stolz’ Daumen ein, der Junge schrie auf und brach zusammen.
Die Ohnmacht währte nur wenige Sekunden, doch als er zu sich kam, war der verletzte Finger schon auf die dreifache Größe angeschwollen und violett angelaufen. Xaver schossen von dem pochenden Schmerz Tränen in die Augen. Ignaz ergriff seinen Arm und zog ihn hinaus auf den Hof.
Die Schuldiener hatten im Innenhof des erzbischöflichen Gymnasiums nach dem nächtlichen dichten Schneefall hübsche Schneehügel aufgeschichtet. Ignaz führte den schmerzstöhnenden Xaver zu einem solchen Schneehaufen und drückte seinen pflaumenfarbenen Finger in den kühlen weißen Hügel. Der Schmerz ließ erstaunlich schnell nach, und die vage, monatelange Abneigung zwischen ihnen schmolz in wenigen Augenblicken dahin.
Doch den Grundstein ihrer Freundschaft legte eigentlich das Album.
Der gut heilende Finger bot Xaver Anlass, Ignaz zu einer Tasse Schokolade einzuladen. Im Hause Stolz gab es nicht allzu viele Bücher, aber ein paar fanden sich doch in dem Schrank mit den quietschenden Türen. Xavers Lieblingsbuch war ein großes, wuchtiges Album mit einer Sammlung von Leonardo da Vincis anatomischen Zeichnungen. Als Xaver dieses Buch aus dem Schrank hob und auf den Boden legte, um es zusammen mit Ignaz bequem durchzublättern, war das ein Wendepunkt für ihre Zukunft. Die faszinierenden Zeichnungen von menschlichen Blutgefäßen, von bogengleich gespannten Muskeln, aber besonders vom Embryo, zusammengerollt in der Gebärmutter, zogen Ignaz in ihren Bann. Von diesem Tag an verbrachten die beiden Jungen mehrere Nachmittage in der Woche nebeneinander auf dem Boden, über das Leonardo-Album gebeugt.
Bis Ignaz eines Tages beschloss, einen mutigen Schritt zu wagen.
Im Hause Semmelweis herrschte Ordnung. Jeder kannte seine Aufgabe. Das unverzichtbare Familienessen am Abend bildete den Höhepunkt des Tages. Vater war abends immer müde, die im Geschäft verbrachten zwölf Stunden hatten ihn erschöpft. Mutter hatte den Kindern früh, vor vielen Jahren schon, beigebracht, dass Gekicher beim Essen verboten war. Ein kurzes Gebet, stilles Essen, Bericht vom Tag und dann ab ins Bett. Damals waren sie zu siebt gewesen, sechs Jungen und ein Mädchen. Vater und Mutter saßen an den beiden Enden des Tisches, die Kinder an den Seiten. Vater segnete immer das Essen, Mutter richtete es an. Während er die Suppe löffelte, fragte Vater der Reihe nach zuerst die Tochter, dann die Söhne. Einen nach dem anderen, dem Alter nach.
»Wie war der Tag?«
Im Hause Semmelweis hatte jeder seine Lektion gelernt. Der Abenddiskurs bestand jahrelang aus dieser einzigen Frage und knappen, prägnanten Antworten. Eine tadellose Antwort musste kurz und dennoch gehaltvoll sein. Mutter hatte ihnen erklärt, was Vater von einem verantwortungslosen Leben hielt. Demnach konnte eine einwandfreie Antwort niemals ausweichend oder oberflächlich sein. Eine treffende Antwort war ein Geständnis. Wenn ein Semmelweis-Kind an diesem Tag keinen Fehltritt begangen hatte, musste es sich einen ausdenken.
Sünden.
Kleine.
Völlerei wurde oft gewählt. Unhöfliches Benehmen tat es auch. Dann war da noch die Rauferei. Eine zerrissene Hose, Verspätung im Unterricht. Manchmal, selten, schlich sich auch eine schlechte Note ein. Da die Semmelweis-Kinder hervorragende Schüler waren, galt dies als eines der schlimmsten Vergehen. Vater zog seine Augenbrauen hoch und verkündete nach einigem Grübeln die Sanktion. Zwölf Vaterunser. Fünfundzwanzig Vaterunser. Zwei Nächte im Schuppen. Vier Nächte im Schuppen.
Der Schuppen war eine unbeheizte Kammer mit zugigen Fenstern. Im Winter eine Nacht im Schuppen zu verbringen, war, als würde man sich unter freiem Himmel schlafen legen. In dem kleinen Raum fand bloß ein Strohsack Platz, auf den eine dünne Decke geworfen wurde, daneben stand ein kleiner Tisch, darauf eine Waschschüssel mit Wasser. Der Schuppen war gewissermaßen ein Verlies, Vater hatte ihn so eingerichtet. Damit das Leid darin Platz fand. Damit sie alle lernten, dass das erwachsene Leben eine Prüfung war. Dass es keine Gnade gab.
Ignaz’ Bruder Károly war der Erste, der sich gegen die Regeln auflehnte. Eines Abends nach dem Gebet verkündete er ohne Vorrede, dass er sich für die priesterliche Laufbahn entschieden habe. Vater lehnte sich in seinem Stuhl zurück, strich sich über den kahlen Kopf, trank aus seinem Weinglas und überlegte lange.
»Leeres Geschwätz«, sagte er schließlich. »Ich möchte, dass du ab Juni im Laden mitarbeitest.«
Diese Zukunft hatte Vater für alle seine Kinder vorgesehen. Den Großhandel, der Weiße Elefant. In jenem Jahr hatte er im Kellergeschoss sogar einen Weinkeller eröffnet. Oben verkaufte er neben Leder auch Felle, Pelzwaren und Seidenstoffe.
»Das werde ich nicht tun«, beharrte Károly. »Ich werde Priester.«
Das war eine unvorstellbare Auflehnung. Alle starrten auf ihre Teller, sogar Mutter. Warteten auf den Sturm. Wenn József Semmelweis der Zorn packte – und meistens brachten ihn schon die kleinsten Dinge aus der Fassung –, brüllte er mit hervortretenden Augen, und auf seiner Stirn schwoll eine dicke Ader. Er beugte sich dicht an das Gesicht seines Opfers, sodass ihre Nasen fast aneinanderstießen, und brüllte mit Stentorstimme, dass einem Angst und Bange wurde. Doch diesmal passierte nichts. Károly musste nicht einmal für eine Nacht in den Schuppen. Aber ab diesem Vorfall existierte er für Vater nicht mehr.
»Ich habe ihn abgeschrieben«, sagte er Monate später zur ängstlich fragenden Mutter.
Károly wohnte noch etwa ein Jahr lang bei ihnen, doch Vater schaute durch ihn hindurch, als wäre er aus Glas.
Ignaz wusste also, was auf dem Spiel stand. Als er vier Jahre nach dem Aufstand Károlys seinen Entschluss beim Abendessen vortrug, durfte er keinen Zweifel haben. Schon seit einiger Zeit hatte er zusammen mit seinen Geschwistern nachmittags im Laden ausgeholfen, Vater hatte ihm sogar kleinere Einkäufe aufgetragen.
»Wie war der Tag?«, stellte Vater seine allabendliche Frage, ohne sie anzusehen. Er beäugte die im Suppenteller schwimmenden Fadennudeln.
»Nichts Besonderes«, antwortete Ignaz.
Schon diese schludrige Antwort galt als unerhörte Unverschämtheit.
»Ich möchte jetzt über etwas anderes mit Ihnen reden. Vater, ich will studieren. Ich will Arzt werden.«
»Was für ein Arzt?«, fragte Vater nach langem Schweigen.
»Vielleicht Internist.«
Vater kaute an seinem Mundwinkel.
Plötzlich sprang er auf, der Stuhl knallte auf den Boden.
»Komm!«, herrschte er Ignaz an und wandte sich in Richtung Schuppen.
Ignaz hatte mit entsetzlichem Geschrei gerechnet. Mit mehrtägiger, womöglich mehrwöchiger Gefangenschaft, mit erbarmungsloser Maßregelung. Im Gegensatz dazu ließ sich Vater einfach auf dem Strohsack nieder und bedeutete Ignaz, sich neben ihn zu setzen.
Vater schwieg lange, dann seufzte er.
»Wir haben ein anderes Los für dich vorgesehen, deine Mutter und ich. Du bist von allen der …«
Der großgewachsene, rosige Mann verschluckte den Rest des Satzes. Ignaz erfuhr nie, worin er nach der Meinung seines Vaters der Erste unter seinen Geschwistern war.
»… wir wollten, dass du Militärrichter wirst. Wir wissen, dass du Schwierigkeiten mit der Poesie hast. Ein Militärrichter kann dem Schreiber sein Urteil diktieren.«
Ignaz war so bewegt von dem sanften Tadel seines Vaters, der nur am Rande auf sein völlig unerklärliches Ungeschick in jenem Schulfach anspielte, dass er entgegen seinem Entschluss nicht versuchte, ihn umzustimmen. Wahrscheinlich hätte Vater nie verstanden, welche Leidenschaft in seinem Sohn entbrannt war, als er vor einigen Monaten die anatomischen Zeichnungen eines Genies namens Leonardo entdeckt hatte.
Im dritten Studienjahr an der Universität zu Pest beschlossen Semmelweis, Stolz und Tihamér Falussy, ihr weiteres Medizinstudium in Wien zu absolvieren.
Falussy gesellte sich zu den beiden Freunden, nachdem er sie in einer trostlos leeren Winternacht vor einer handfesten Abreibung bewahrt hatte. Die Pester Medizinstudenten trafen sich abends im Gasthaus Zu den zwei Pistolen am Heumarkt. In der Nähe der Innenstadt war dies der einzige Ort, an dem man den Stress des Alltags hinter sich lassen konnte. Die Kneipe war jedoch nicht ungefährlich – der Kellerraum mit den Holzdielen galt als Stammlokal der Rinderhirten. Nach dem ersten Schluck Pálinka wurde Stolz stets zum Streithahn. An jenem Abend legte er sich mit einem einäugigen Ochsentreiber an. Ein Wort gab das andere, und auf einmal zog der trunkene Bursche ein Klappmesser aus den Tiefen seiner weiten Hose. Zum Glück stand Falussy in der Nähe. Er trat dem Ochsentreiber mit solcher Wucht gegen die Hand, dass dem das Klappmesser aus der Hand flog und sich geradewegs in die Dielendecke der Schenke bohrte. Die drei Medizinstudenten flohen Hals über Kopf. Vier Häuserecken weiter stellten sie sich in der sternenlosen Nacht einander vor. Von da an galt Tihamér Falussy als ihr Freund.
Der Universitätswechsel war ein gemeinsamer Beschluss, doch es war Ignaz, der seine Freunde dazu überredete. Ihn wiederum hatte Forschikus überzeugt. Vor der Fachprüfung in Innerer Medizin im dritten Jahr lud der Professor den Studenten zu sich nach Hause ein.
»Sagen Sie, Semmelweis«, begann Jankovich, während er sich in seinem ausladenden Sessel streckte und auf seiner ersten Zigarre nach dem ausgiebigen Mittagessen kaute, »was möchten Sie werden?«
Semmelweis machte große Augen, mit dieser Frage hatte er nun wirklich nicht gerechnet. Er dachte, Forschikus spiele auf das Semester an der Juristischen Fakultät der Universität Wien an, das er begonnen hatte, um seinen Vater zu versöhnen.
»Das war nur ein Exkurs …«
»Ich meine, was wird aus Ihnen? Arzt oder Feldscher? Schauen Sie mich nicht so einfältig an. Sie scheinen mir ein verständiger junger Mann zu sein, deshalb frage ich Sie. Sonst würde ich mich keinen Deut darum scheren. Ein Dummkopf mehr oder weniger in den Krankenhäusern, das macht keinen Unterschied. Doch Sie haben eine hohe, gescheite Stirn, und manchmal schweigen Sie zur rechten Zeit, und das soll etwas heißen. Ich setze große Hoffnungen in Sie, Semmelweis, und darum frage ich, was Sie vorhaben.«
»Habe ich etwas falsch gemacht, Herr Professor?«
»Nicht falsch, nur ungeschickt.« Forschikus blies dem Jungen Rauch ins Gesicht. »Sie dümpeln hier in diesem Sumpfloch herum, wo Sie selbstverständlich in zwei Jahren Ihr Diplom erhalten werden. Sogar eine Praxis können Sie eröffnen, und wenn Sie geschickt sind, können Sie eine Menge Geld verdienen. Aber ich glaube, es steckt mehr in Ihnen. Diese Universität ist zu eng für Sie, Semmelweis, fliehen Sie von hier! Hier verfallen Sie nur endgültig der Faulheit! Wenn es Ihnen mit Ihren Absichten ernst ist, gehen Sie nach Wien, je früher, desto besser. Aus Ihnen kann sogar ein wahrer Arzt werden.«
Mehr war nicht nötig. Und weil auch Xaver und Tihamér Falussy nicht die Absicht hatten, Feldscher zu werden, schrieben sie sich gemeinsam an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien ein.
Wien erweckte im Gegensatz zu Pest den Eindruck einer wilden, fiebrigen Metropole. In der Innenstadt wogte die Menschenmenge, die Granitsteine des Straßenpflasters warfen das rhythmische Dröhnen der Räder der Pferdeomnibusse scharf und hallend zurück. An jeder Ecke boten sich Caféhäuser an. Der Stammplatz der Geisteswissenschaftler war das Café Gabesam, wo sie ihre täglichen drei Tassen zwischen den Kunstmarmorwänden schlürften. Dort wurden reichlich mit Puderzucker bestreute und mit Walnuss gefüllte Kügelchen serviert. Die Mediziner, so auch Semmelweis und seine Freunde, verkehrten im Café Hänisch, wo der berühmte Maler Erasmus Engert den Besitzer auf der Wand gegenüber dem Eingang lebensgroß und in kräftigen Farben verewigt hatte. Im Café Hänisch fand wöchentlich ein Pfeifwettbewerb statt, bei dem Falussy es zweimal auf das Podest schaffte. Es war leicht, sich in den Wiener Herbst zu verlieben. Am späten Nachmittag, als die Dämmerung einsetzte, wurden die Gaslaternen entzündet. Im Nebel, der sich wie Watte über die Stadt senkte, leuchteten die goldenen Lichtbündel wie Glühwürmchen in einem Märchenwald.
Als sie in der Woche vor der Diplomverleihung alle drei in Rokitanskys Büro bestellt wurden, ahnten sie nichts. Der Professor, ein angesehener Hochschullehrer für pathologische Anatomie, teilte ihnen unverblümt mit, dass sie ihre Laufbahn als Ärzte auf der Geburtsstation des Allgemeinen Krankenhauses beginnen könnten. Stolz und Falussy, die Internisten werden wollten, empörte das nach einem Ultimatum klingende Angebot. Semmelweis nahm jedoch nur stoisch zur Kenntnis, dass er in Zukunft Geburtshelfer werden würde.
An jenem Abend betranken sie sich hemmungslos. Nach Mitternacht torkelten sie, sich gegenseitig stützend, durch die Straßen, sangen ungarische Lieder und waren von so ungeheurem Mut beseelt, dass sie kurzerhand beschlossen, bei Rokitansky zu klingeln und ihm ohne Umschweife eine Abreibung zu verpassen. So eine Schande durfte ihnen niemand antun. Für einen kurzen Moment vergaßen sie ihren Plan wieder, nur ein wenig Melancholie mischte sich in ihre kindische Heiterkeit. Wie es sie auf die kleine Donaubrücke verschlug, war nebulös. Doch plötzlich standen sie dort, Falussy beugte sich vor und erbrach sich durch das Brückengeländer in die Strudel des Flusses unter ihnen. Das war so amüsant, dass Ignaz und Xaver in Gelächter ausbrachen. Bei diesem Grad der Trunkenheit schlug das alberne Lachen in einen erstickten, nicht enden wollenden, hysterischen Lachanfall um. Erst langsam, als der Anfall vorüber war, kamen die beiden Männer torkelnd und einander stützend wieder zu sich.
Tihamér Falussy schaute sie beleidigt an. Gerade setzte er an zu erklären, wie sehr es ihn schmerzte, wenn sie ihn so auslachten, aber das Wort blieb ihm im Hals stecken. Xaver riss sich aus Ignaz’ Umarmung und versuchte wild entschlossen, auf das Brückengeländer zu steigen. Es war eine schwüle, dunstige Nacht. In seinem benebelten Zustand rutschte Stolz mehrfach ab, bis es ihm endlich gelang, sich auf den schmalen Holzbalken zu stellen.
Er sah hinunter. In der Dunkelheit konnte er das träge und gleichgültig dahinfließende Wasser unter sich nicht sehen, nur hören. Seine unwahrscheinliche Heiterkeit verwandelte sich innerhalb eines Augenblicks in bitteren Neid. Stolz war damit das letzte Mal vor fünf Jahren auf dem Hof der Pester Universität konfrontiert gewesen. Seitdem hatte er dieses beschämende Gefühl erfolgreich unterdrückt, und es war ihm schleierhaft, aus welchen Abgründen es sich zurückgeschlichen und wie bittere Galle in seinem Rachen breitgemacht hatte. Er breitete die Arme aus, blickte zum Himmel. Vor dem Mond zogen schnelle Wolkenschwaden vorbei.
Semmelweis kam als Erster wieder zu sich. Er sprang vor und umklammerte Stolz’ Knie.
»Halt ihn fest! Hilf mir! Sonst fällt dieser Idiot noch runter!«
Falussy schwang sich vor und packte Stolz am Knöchel.
»Du bist das Letzte! Du stürmst immer nur voran wie eine Dampflokomotive!«, nuschelte Stolz und zeigte auf Semmelweis. Er schwankte. Alles wurde leicht, er war beinahe glücklich. Er lehnte sich nach vorn. Die beiden Jungen hielten ihn fest, Falussy gelang es, ihn an der Hüfte zu fassen, sodass Stolz nicht sofort fiel. Für einen Moment verdrehte sich sein Körper, die Schwerkraft zog ihn zum Wasser, sein Gewicht schien sich zu vervielfachen.
»Halt ihn fest! Zieh!«, brüllte Ignaz. Stolz’ Oberschenkel fest umklammert ließ er sich nach hinten fallen. Er und Falussy plumpsten beide auf den Hintern, aber so gelang es ihnen, Stolz zurückzuziehen, dessen Kopf durch den plötzlichen Ruck gegen das Holzgeländer der Brücke stieß.
Alle drei lagen auf dem Boden, die Lebensgefahr war vorüber.
Noch vor Sonnenaufgang fanden sie sich auf der Kegelbahn eines Gasthauses am Stadtrand wieder. Wie sie dahin gekommen waren, wussten sie nicht. Wild entschlossen stießen sie die Kugeln, spielten wortlos und in sich gekehrt. Hätte jemand sie beobachtet, hätte er vielleicht gedacht, sie kämpften um ihr Leben. Doch ebenso leidenschaftlich, wie sie die Kegel immer wieder aufstellten, so plötzlich ließen sie alles stehen und liegen und streckten sich im nach Dung riechenden Gras aus.
Fünf Jahre waren vergangen, und sie alle drei waren nun endgültig Ärzte. Nur noch wenige Stunden, und man würde sie »Herr Doktor« nennen. Das war gleichzeitig unvorstellbar schön und furchterregend. Trotz alldem klang der dunkle, mörderische Zorn in Stolz nicht ab, der ihn früher auf dem Brückengeländer erfasst hatte. Er wogte und brodelte weiterhin in ihm und wollte ausbrechen. Auf einmal platzte er heraus:
»Den Kolletschka würde ich mir jetzt gerne ansehen.«
Jakob Kolletschka war der Assistent von Professor Rokitansky am Lehrstuhl für Pathologie. Über die vergangenen anderthalb Jahre hatte Ignaz eine enge Beziehung zu ihm aufgebaut. Stolz ließ sich nie anmerken, dass ihn das störte. Im Gegenteil: Wenn Ignaz sich für die gemeinsamen nächtlichen Sektionen begeisterte, zu denen Kolletschka seine Lieblingsstudenten, darunter Ignaz, einlud, klopfte Xaver seinem Freund stolz auf die Schulter und sagte:
»Du bist ein richtiger Leichenschaumeister geworden, alter Bursche!«
In Wahrheit verachtete er Kolletschka, diesen kleingewachsenen, schnauzbärtigen Mann, der sich so für das Aufschneiden von Leichen begeisterte, wie er, Stolz, es für eine magere, würzig marinierte Rinderhüfte tat.
Jetzt, da der Rausch abklang und sie ausgelaugt und kraftlos dort, im nach Dung riechenden Gras neben der Kegelbahn lagen, wollte Stolz diesem besessenen Wissenschaftler eine Lektion erteilen – und durch ihn auch Ignaz.
»Ich würde gerne mal sehen«, fuhr er fort, »ob er um diese Zeit einen Nierenstein aus einer Leiche herausholt oder eine aufgedunsene Harnblase.«
»Ach komm«, sagte Falussy und stütze sich auf den Ellenbogen. »Was hat Kolletschka dir denn getan?«
»Er ist zu tüchtig. Zu schlampig.«
»Was denn jetzt, tüchtig oder schlampig?«, fragte Ignaz.
Stolz antwortete nicht, er lachte nur auf. All seine Verachtung versuchte er in diesem kurzen Auflachen zu bündeln.
»Hast du Angst, jetzt zu ihm zu gehen?«, fragte er an Ignaz gewandt.
Semmelweis kannte Xaver zu gut, um überrascht zu sein. Wenn er trank, ergriffen Stolz unerklärliche Rachegelüste. Am nächsten Tag schämte er sich ihrer jedoch und entschuldigte sich unablässig.
»Ich habe keine Angst«, antwortete Semmelweis. »Seine Tür steht jederzeit offen. Wenn du willst, können wir uns sofort auf den Weg machen.«
Sie sahen sich an und rappelten sich auf. Keiner von ihnen hielt es für unangebracht, morgens um halb fünf bei einem angesehenen Wissenschaftler aufzutauchen, und das sichtlich betrunken nach einer durchzechten Nacht.
Kolletschka schlief noch. Benebelt torkelte er aus dem Bett und öffnete die Tür. In der Zweizimmerwohnung, die er mietete, herrschte ein wüstes Durcheinander. Auf dem Tisch standen die vertrockneten Reste eines zwei Tage alten Abendessens, Bücher lagen zerstreut auf dem Boden, und beim Betreten des Raumes schlug den Besuchern abgestandene Luft entgegen. Der Pathologe bat sie verlegen herein. Er fegte die schmutzigen Unterhosen und Hosen vom Stuhl, während er sich entschuldigte.
»Es wurde seit zwei Tagen nicht geputzt … Verzeihung.«
Semmelweis bereute bereits, dem Besuch zugestimmt zu haben.
»Wir waren gerade in der Nähe«, stammelte er.
Stolz hingegen schien die Situation außerordentlich zu genießen.
»Wir sind aufgebracht, wenn ich den Ausdruck verwenden darf, Herr Doktor.«
»Wie das, werter Xaver?«
»Man hat uns übel mitgespielt. Ich nehme an, weil wir Ungarn sind.«
Stolz setzte sich auf einen Stuhl und machte eine unschuldige Miene.
»Drei blauäugige Ungarn, mit uns hatten sie leichtes Spiel. Haben Sie Pálinka da, Herr Doktor?«
Kolletschka kramte eine Flasche aus dem unteren Fach des Schrankes hervor. Semmelweis taumelte in die Küche, um die Gläser zu spülen. Stolz thronte neben dem Tisch und kam langsam in Fahrt.
