3,99 €
Das moderne Leben, Kronjuwel der Menschheit, verspricht Freiheit, Glück, Reichtum und Selbsterfüllung. Aber hinter seinen verschlossenen Vorhängen unterdrückt die gnadenlose Walze der Gesellschaft zahlreiche Individuen. Unter anderem auch Julien Sturm, der sich entschieden hat, zu widerstehen. Der Pfad zur Selbstbestimmung jedoch ist lang und wimmelt von Hindernissen, zumal auch andere Personen die Finger im Spiel haben. Eine Gesellschaftskritik…
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 114
Veröffentlichungsjahr: 2022
Mor Dusha
Der Ritter in Gelb
Das Verdammnis eines Träumers
© 2022 Mor Dusha
Buchsatz von tredition, erstellt mit dem tredition Designer
ISBN Softcover: 978-3-347-67851-4
ISBN E-Book: 978-3-347-67857-6
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany
Umschlagbild: © Getty Images
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
Kapitel Eins
Wie ein Leuchtturm im dunklen Meere strahlte das Hochhaus in die Nacht. Auf der zehnten Etage saßen die elf Mitarbeiter vor ihren Rechnern in einem von Neonlichtern und Bildschirmen erhellten Raum, an dem die Wellen der Stunden kontinuierlich zerbrachen. Unter ihnen auch Julien, dessen erschöpfte Augen hinter seinen halbrechteckigen Brillen ständig blinkten, die Charybdis seiner dunklen Iris aufgeweitet, die Gezeiten seiner Lider ein Kräftemessen zwischen seiner Müdigkeit und seinem Willen. Wache hielten auf seinem Schreibtisch seine zwei Asthmasprays und eine leere Kaffeetasse, welche er heute schon mehrere Male gefüllt hatte. Er schaute gelangweilt auf einen seiner drei Bildschirme, sein Rücken gebeugt, sein Kopf von seiner linken Hand gestützt, seine rechte vergessen mit dem Mausrad spielend.
„Was hast du heute Abend noch vor?“, hörte er seinen Nachbarn Patrick fragen. Der trotz seiner blassen kranken Haut freundlich aussehende junge Mann schaute ihn durch die mit dicken rechteckigen dunklen Rändern umrahmten Gläser seiner Brille, welche diesen Monat in Mode gekommen waren, lächelnd an.
„Ein Freund aus meiner Studienzeit organisiert eine Maskenparty zum Thema Protestaktion“, antwortete Julien, sehr erfreut über diese unerwartete hohe Gegenstimme in der monotonen Melodie seiner Arbeit.
„Das ist ja eine sehr zynische Wahl, wenn man bedenkt, was sich derzeit in den Straßen abspielt“, meinte Patrick abwertend.
Julien, dessen Blick auf Patricks auffallend große Hörgeräte ausgeschweift war, brauchte einen Moment um seine Aufmerksamkeit zu sammeln. Etwas verlegen ging er auf diesen Kommentar nicht ein und fragte aus Höflichkeit, was Patrick heute noch vorhätte. „Ich werde heute noch etwas an meinen APS für diese Woche arbeiten“, antwortete Patrick eifrig.
APS, die gebräuchliche Abkürzung des „Allgemeinen Punktesystems“, war ein durch die Adern der Gesellschaft sickerndes Gift, eine latente Krankheit des sozialen Körpers, letztendlich eine Bewertung der Person, welche sämtliche Aktivitäten des Lebens maß und dem Individuum eine Gesamtnote zuwies. Die Länge der Arbeitszeit, die Höhe des Einkommens und Vermögens, wo man einkaufen ging, wie schnell man fuhr, was man aß, alles was bewertet werden konnte wurde gespeichert und verwendet. Diese Daten flossen kontinuierlich in eine komplexe, undurchsichtige Kalkulation der einzig aus diesem Zwecke gegründeten Bundesanstalt der Gesellschaftseintracht ein. Resultat dieser Kalkulation war eine Kennzahl, welche eine Person so gut wie möglich zusammenfassen sollte. Dieses System wurde auf Belangen der Banken eingeführt, welche argumentierten, dass die dadurch erhöhte Transparenz zu für Kunden günstigeren und für Banken und Investoren sichereren Geschäften führen würde. Später jedoch verallgemeinerte sich dessen Verwendung auf sämtliche Aspekte des Lebens. Feste Preise fand man in Supermärkten gar nicht mehr; man scannte an einem der zahlreichen elektronischen Schalter im Markt einfach seinen Ausweis, welcher sich mit der minütlich aktualisierten Punktzahl der Datenbank des Amtes in Verbindung setzte und so dem Nutzer seine individualisierten Preise für sämtliche Güter berechnete. Wollte man eine Wohnung mieten, verlangten die Vermieter oder Vermittler diese Kennzahl, bevor man überhaupt einen Termin zur Wohnungsbesichtigung bekam. Alles drehte sich um diesen Wert, und deshalb war es für jeden so wichtig, diesen Punktestand im Blick zu behalten und jeglichen Verlust zu vermeiden.
Julien nickte etwas traurig bei dem Gedanken, dass Patrick bei seinem aktuellen APS-Niveau wohl mehrere Leben damit verbringen müsste, um sich einen überdurchschnittlichen Wert erarbeiten zu können. „Es wird dann wohl noch eine lange Nacht für dich sein. Wenn du Zeit hast komm gerne vorbei“, schlug er Patrick vor, wohlwissend, dass Patrick sich mit höchster Wahrscheinlichkeit nach der Arbeit vollkommen erschöpft auf sein Bett fallenlassen würde.
Auf dem Rückweg zu seinem Hotelzimmer betrachtete Julien die Menschen in der Bahn. Alle mit ihren Halbgesichtsmasken und ihren dickumränderten rechteckigen Brillen - letzten Monat wären es noch runde gewesen - viele mit langen Mänteln und Handschuhen, welche jedoch nie reichten, um sich vor der toxischen Luft der Bahn zu schützen, und Stiefel, welche nötig waren, um den Müll, in welchem man mancherorts bis zu den Knien einzutauchen drohte, durchqueren zu können. Julien erschauderte bei dem Gedanken, dass er sich - trotz der Bemühung der Fahrgäste, sich sowohl der andauernd wechselnden Mode anzupassen als auch ein gewisses Maß an Individualität zum Tage zu bringen - vor dem Schaufenster einer Massenanfertigungsfabrik befand.
Bis zu seinem kleinen Hotelzimmer, welches er bei seiner Ankunft in dieser Stadt für eine kurze Zeit gemietet hatte und zu seiner Dauerresidenz zu werden drohte, hatte Julien einen langen Weg. Er musste die Stadtviertel Hortusium, Munizipol, Insuläen und Paupäris durchqueren. Hortusium und Munizipol waren die hübscheren Gegenden der Stadt. Diese ursprünglich abseits des Zentrums erbauten Viertel litten im Gegenteil zum Stadtzentrum nicht an Platzmangel und kennzeichneten sich durch eine Vielzahl an Grünflächen und Häusern oder flachen Bauten. Heutzutage wurden Grundstücke in diesen ehemaligen Außenseiterviertel nicht mehr auf dem Markt veräußert, sie wurden einfach von Generation zu Generation vererbt. Selbst Neureiche oder die Elite der Arbeiterklasse konnten sich keinen Platz in diesen Vierteln erkaufen und wohnten entweder direkt im Stadtzentrum oder im Viertel Insuläen. Dieses lag außerhalb der heutzutage zerstörten Stadtmauern und besaß höhere Gebäude als Munizipol oder Hortusium. Insuläen war sehr stark angepriesen, es war das zum Zentrum am nächsten noch „bezahlbare“ Viertel und Vermieter konnten somit horrende Preise verlangen. Trotzdem lieferte sich ein erbitterter Kampf um jede Wohnung, viele wurden entweder an Bekannten weitergegeben oder die Mieter behielten einfach ihre Wohnung, selbst wenn sie für einen mittelangen Zeitraum auszogen und entsprechend doppelte Miete zahlen mussten, um dann bei ihrer Rückkehr eine Wohnung zu haben. Für Neuankömmlinge in der Stadt wie Julien war es faktisch kaum möglich mit denselben Waffen zu kämpfen wie Altbewohner der Stadt. Und so musste Julien, wie so viele Andere auch, eine immer weiter vom Zentrum und von seiner Arbeit entfernte Wohnung in Paupäris suchen und dementsprechend einen längeren Arbeitsweg inmitten der toxischen Bahnluft in Kauf nehmen. „Zeit ist relativ, dieses ist uns schon aus der Wissenschaft bekannt. Doch auch im sozialen Leben gilt dieses Gesetz, allerdings mit einem wichtigen Unterschied: Nicht die Geschwindigkeit, sondern das Geld ist die leitende Kraft hinter der Relativität der Zeit. Alles dauert einfach länger, wenn man arm ist. Wie soll man sich von diesem eifersüchtigen Liebhaber befreien, wenn man dazu keine Zeit hat?“, dachte Julien über diesen Zusammenhang.
Endlich in seiner kleinen Hotelkajüte angekommen bereitete sich Julien auf die anstehende Feier vor. Beim Rasieren betrachtete er mit strengem Blick sein Aussehen. Seine längeren dunklen Haare umrahmten ein kantiges Gesicht, seine Haut war blass von Sonnenmangel und teilweise mit durch die toxische Luft entstandenen kleinen Blasen bedeckt. Dunkle Ringe hatten sich unter seinen braunen Augen gebildet. Er bemerkte, dass sein Hals mancherorts wieder rötlich geworden war, diese Stellen bedeckte er schnell mit einer Salbe. Nachdem er auch die Blasen an seinem Kinn mit einer weiteren Salbe überdeckt hatte, kleidete er sich an.
Seit einem Monat hatte sich im Lande ein Protest der Vernachlässigten der Globalisierung ausgeweitet. Die kleinen Räder der wirtschaftlichen Lokomotive versammelten sich jedes Wochenende und marschierten durch die Straßen, laut nach mehr finanziellen Hilfen und Erleichterungen fordernd. In dem Schatten der Demonstrationen verwüsteten sie die Stadtzentren, weshalb die Regierung jegliche Verhandlung vor dem Ende der Protestmärsche kategorisch ablehnte. Bisher hatte sich ein gewisses Remis zwischen der Regierung und den Demonstranten eingestellt, beide Seiten Stirn an Stirn um einen Vorteil ringend.
Julien hatte für die Feier einen Bauarbeiterhelm und Anzug in einem Karnevaldiscounter erworben und von der Straße ein großes weißes Plakat mit leicht gelblichen Rändern aus Pappe nach Hause gebracht, welches er nun mit roten Buchstaben mit der Beschriftung „Befreit uns der Not!“ versah.
In der Bahn bereitete sich Julien gedanklich auf die Party vor und seine alte Bekannte, die Angst, gesellte sich wieder zu ihm. Er hatte das Gefühl, dass sein Magen von einer Kugel aus Blei nach unten gezogen wurde und versuchte sich mit Ermunterungen, die er leise murmelte, aufzuheitern. „Keine Angst, Frauen sind genauso Menschen wie du es bist. Dieses Mal schaffst du es, jemanden anzusprechen. Sei einfach locker, sei du selbst und genieße den Moment“, rezitierte er einen Text von einer Ratgeber-Internetseite. Trotzdem fühlte sich die Last keineswegs leichter an als er aus der Bahn ausstieg und in das in Dunkelheit gehüllte Viertel Insuläen eintrat. Dieses kennzeichnete sich durch mittelhohe Bauten, breite Straßen und einer Anzahl an Einkaufszentren aus, welche die Nacht mit ihren starken Lichtern durchbrachen. Julien beobachtete zahlreiche herumhuschende vermummte Schatten, die sich zügig auf den Weg zu ihren Heimen zu begeben schienen. Seitdem der allgemeine Warenmangel sich in der Öffentlichkeit zu Wort gemeldet hatte war es die martialische Vorschrift der Regierung, gesellschaftlich weniger aktiv zu sein, damit man zumindest dem Warenmangel bei Nahrungsmitteln und Medikamente mit einer gebremsten Nachfrage durch weniger Gastronomiebesuche und Krankheitsausfällen ausgleichen und so dem Preisanstieg die Stirn bieten konnte. Julien hatte das Gefühl, dass die eiserne Faust der Legislative sich zunehmend um die Freizeit des Einzelnen ballte und diese immer stärker zusammendrückte, damit die Überflüsse der wirtschaftlichen Produktion zuliefen und der schwächelnden Wirtschaft Unterstützung bieten konnten.
Als er an der ihm von seinem alten Unifreund Sebastian - einer der Gastgeber der Party - gegebenen Adresse ankam, war es schon spät. Er wusste instinktiv, dass er sich vor der richtigen Tür befand, als er die tiefen Basstöne und die laute Musik hörte, welche gelegentlich durch Lachen und lautes Gerede übertönt wurde. Das Gebäude sah von außen eher untypisch aus für das Viertel Insuläen. In der Tat war es nur ein dreistöckiges, altes Gebäude, in dessen Aussehen man den Wunsch des Architekten spürte, die architekturale Eleganz des Viertels Hortusium nachzuahmen. Von seinem Freund wusste Julien, dass sich acht junge Menschen diesen Wohnraum teilten, jeder hatte ein kleines Zimmer; Toiletten, Küche, Wohnzimmer und der Balkon wurden gemeinschaftlich von allen benutzt.
„Ausweis und Einladung bitte!“, wurde Julien an der geöffneten Tür von einem komplett in schwarz angezogenen jungen Mann angesprochen, dessen Gesicht hinter einer Anonymous-Maske versteckt war. Nachdem er den Namen auf Juliens Einladung mit seinem Ausweis verglichen und diesen nach APS gescannt hatte, lies er Julien in einen schmalen Gang, der von einer von der hohen Decke hängenden Lampe düster beleuchtet und mit kämpferischen Sprüchen beschrifteten Banderolen beschmückt war. Endlich konnte Julien seine Schutzmaske abnehmen und den Nebel von seinen Brillen wischen. Als er sie wieder aufsetzte, sah er, dass viele Gäste schon vor ihm angekommen waren und sich bereits in kleineren Gruppen unterhielten. Er bemerkte, dass die Kostümvorgabe von den Gästen unterschiedlich interpretiert wurde: Einige Gäste hatten sich tatsächlich entweder als Demonstrant oder als Polizist verkleidet, doch bei anderen zweifelte Julien sehr, dass sie wegen ihrer Eleganz oder ihrer vielverratenden Kleidung an einer Demonstration hätten teilnehmen können. Er ging auf einer Gruppe zu, erkundigte sich nach seinem Freund und wurde daraufhin zum Keller verwiesen, von wo die Musik über die schmale Treppe aufzusteigen schien. Der große dunkle Keller war in zwei geteilt: Die rechte Seite wurde als Tanzfläche benutzt, wo sich im von Laserstrahlen durchleuchtetem Nebel tanzende Schatten abzeichneten, auf der linken Seite befand sich ein langer Tisch, auf welchem sich zahlreiche Flaschen und Gläser anhäuften und vor dem sich weitere Gäste in Gruppen unterhielten und lachten.
An diesem Tisch angekommen wurde Julien von einem ihm unbekannten jungen Mann angesprochen, dessen Gesicht er wegen der Dunkelheit nicht klar sehen konnte und der sich ihm als Maximilian vorstellte. Maximilian entpuppte sich als wahrhaftig geselliger und gesprächiger Kumpane. Er war Assistent zur Abgeordneten Frau D. und erzählte Julien mit viel Leidenschaft von seinem Alltag, der sich stark auf Maximilians Stimme konzentrieren musste, dessen musikalische tenorartige Tonalität ihn immer wieder ablenkte.
„… in fine bin ich davon überzeugt, dass Frau D. unsere Arbeit als reüssiert beurteilen wird. Zum Glück sind wir als Team so sehr in ihren Ideen versiert, dass Frau D. vor der Sitzung nur einen kurzen Blick auf unseren Entwurf werfen und ihn anschließend im Plenum äußerst eloquent vortragen konnte.“
„Ihr habt diesen Text selber entworfen?“, fragte Julien erstaunt. „Was für einen Beitrag hat eure Chefin denn geleistet? Besitzt sie denn nicht als vom Volk auf Grundlage eines Programms erwählte einzig die Legitimität, aber auch die Pflicht, solche Texte selber zu entwerfen?“
“Frau D. ist offensichtlich bemüht, sich so sehr wie möglich in der Präparation solcher Gesetzesentwürfe einzubinden. De facto besitzt sie aber auch weitere Pflichten, welchen sie nachgehen muss. Beispielsweise trifft sie sich mit Vertretern von Interessensgruppen, dessen Anregungen sie an uns für eventuelle Entwürfe weitergibt. Sie partizipiert an den Sitzungen und am öffentlichen Diskurs. Wir erleichtern einfach ihre Arbeit und erstellen diese Texte im Einklang mit Frau D.s Programm“, antwortete Maximilian in Juliens Ansicht etwas defensiv. Julien wollte darauf etwas antworten, zügelte sich aber und entschuldigte sich, um nach seinem Unifreund zu suchen.
