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Im 16. Jahrhundert entdeckt der junge Alchimist Hans Burger den »Roten Löwen«, ein Pulver, das ewiges Leben verspricht. Doch um in den Besitz des kostbaren Mittels zu gelangen, muss er töten. Eine endlose dramatische Reise durch die Jahrhunderte beginnt, auf der das Verbrechen ihn nicht mehr loslassen wird … Mit »Der Rote Löwe« schuf die Ungarin Mária Szepes einen der großen Klassiker der phantastischen Literatur, der weit über die Grenzen Ungarns hinaus zum Bestseller avancierte.
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Veröffentlichungsjahr: 2017
von Hans Joachim Alpers
»DER ROTE LÖWE«, ein faszinierender phantastischer Roman und zugleich ein Kultbuch der Esoterik, erschien erstmals 1984 in Deutschland und wurde gleich ein Bestseller. Geschrieben hatte ihn die Autorin Mária Szepes während des Zweiten Weltkrieges, einer bedrückenden und entbehrungsreichen Zeit, die für sie auch noch durch persönliche Tragik geprägt wurde: Sie hatte eine Frühgeburt und verlor ihren nur wenige Tage alten Sohn. Dass dieser im siebten Jahr ihrer Ehe als Siebenmonatskind am 7. Dezember 1938 zur Welt kam, beim Tod 700 Gramm wog und am 7. Januar 1939 in der Parzelle Nummer sieben begraben wurde, erschien ihr als bestürzende kabbalistische Numerik und war der eigentliche Auslöser für sie, sich mit Alchimie zu beschäftigen und die Arbeit an »Der Rote Löwe«, ihrem ersten Roman, zu beginnen. Die alte Suche der Alchimisten nach dem Elixier des Lebens, dem Stein der Weisen, eben jenem Pulver namens Der Rote Löwe, sowie die Überzeugung der Autorin, dass die Seele immer wieder geboren wird, dass das Gesetz des Karma erfüllt werden muss und unser Geschick lenkt, dass wir all das als Opfer in einem späteren Leben erdulden müssen, was wir anderen antun – dies alles war für Mária Szepes gewiss auch mit der Frage verknüpft, welcher Sinn darin liegen konnte, dass ihr Kind sterben musste, und gab ihr Antworten.
Eigentlich sollte »A vörös oroszlan«, wie »Der Rote Löwe« im ungarischen Original heißt, nur eine Novelle werden, aber als Szepes ihre Arbeit im Jahre 1945 abschloss, war daraus ein voluminöser Roman geworden. Er wurde 1946 in Ungarn veröffentlicht, in den Wirren der Nachkriegszeit und des gesellschaftlichen Umbruchs. Das kommunistische Rákosi-Regime war bereits an der Macht, aber die Verstaatlichung der Betriebe und die Gleichschaltung der Kultur standen noch bevor. Als es schließlich so weit war, wurde »Der Rote Löwe« als nicht systemkonform eingestuft und verboten. Zudem wurde angeordnet, alle Exemplare des Buches zu vernichten. Allein durch ihre Freundschaft zu einem Bibliothekar gelang es Mária Szepes, vier Exemplare zu retten. Hätte sich Béla Hamvas, der wegen seiner Tat namentlich erwähnt werden sollte, nicht über den staatlichen Befehl hinweggesetzt, wäre »A vörös oroszlan« möglicherweise zu einem verschollenen Buch geworden und Sie könnten dieses Exemplar des »Roten Löwen« nicht in Händen halten.
Bevor das Buch verboten wurde, hatte es bereits zahlreiche Leser in Ungarn gefunden. Etliche davon suchten den Kontakt zu der Autorin, die inzwischen eine esoterische Schule gegründet hatte, und wurden ihre Schüler. Sie waren es auch, die auf illegalen Wegen dafür sorgten, dass »Der Rote Löwe« weiterhin verbreitet und gelesen wurde. Sie tippten den Roman mit der Schreibmaschine oder schrieben ihn sogar mit der Hand ab, erstellten Matrizen und ließen die damit erzeugten Vervielfältigungen im Untergrund zirkulieren. So hat sich dieses Buch durch die Liebe der Leser gegen alle staatlichen Repressionen behauptet. Es mag makaber klingen, dennoch könnte man sagen, dass »A vörös oroszlan« ein dem Themenkreis des Buches adäquates Schicksal erlitten hat, indem es Jahrzehnte lang zu einem kryptischen Dasein verdammt war, das aber seiner Rezeption kaum schadete, sondern im Gegenteil die Aura der geheimnisvollen, magischen und deshalb verbotenen Lektüre nur noch steigerte. Und die Moral von der Geschichte macht Mut: Ein Staat hatte Angst vor dem Stein der Weisen, dem Karma und der Reinkarnation. Er wollte ein Buch auslöschen, das diese Themen aufgriff – aber am Ende hat dieses Buch den Staat besiegt.
Und wie kam »Der Rote Löwe« nach Deutschland? Es passiert schließlich nicht oft, dass Bücher aus weniger populären europäischen Nationalsprachen wie dem Ungarischen ins Deutsche übersetzt werden, es sei denn, es handelt sich um aktuelle Bestseller.
Werner Fuchs, Ronald M. Hahn und ich gründeten Anfang der siebziger Jahre eine kleine literarische Agentur, die wir in Anlehnung an Agitprop augenzwinkernd Utoprop nannten. Als gestandene 68er wollten wir Propaganda für Utopie machen, wobei wir unseren Auftrag eher weit fassten. Propagieren wollten wir alles Originell-Phantastische. Nicht zuletzt die einseitige Fixierung der Verlage auf englischsprachige Literaturimporte war uns ein Dorn im Auge. Wir wollten den Verlagen deutsche Science Fiction und Phantastik schmackhaft machen, dazu die Literatur anderer europäischer Nationen, aber auch die Underdogs und Newcomer der angloamerikanischen Szene.
Einer unserer wenigen Verbündeten auf Seiten der Verlage war Wolfgang Jeschke, der erst kürzlich in den Ruhestand getretene langjährige Herausgeber der Science Fiction und Fantasy im Wilhelm Heyne Verlag. Auch er wollte mit seinem Programm ein größeres Spektrum als die etablierte angloamerikanische SF und Fantasy abdecken, weshalb wir bei ihm oftmals Gehör fanden, wenn wir Romane und Erzählungen von hier unbekannten niederländischen, belgischen, italienischen, französischen Autoren oder amerikanischen Newcomern wie etwa George R. R. Martin – inzwischen international ein Bestsellerautor – anboten.
Aber wir wollten zudem etwas für die oftmals zu Unrecht diffamierten osteuropäischen Autoren der Phantastik tun, obwohl uns klar war, dass es nicht einfach sein würde. Private Kontakte osteuropäischer Autoren zu westlichen Agenten galten meistens als illegal. Ein Honorar für den in der DDR lebenden und von uns vertretenen SF-Autor Carlos Rasch konnten wir beispielsweise nur als »Geschenk« in Form eines neuen Getriebes für sein Auto übermitteln – und setzten uns damit selbst der Neugier des bundesdeutschen Verfassungsschutzes aus.
In Ungarn nahm man es weniger genau, wenn solche Kontakte nicht ganz legal zustande gekommen waren, solange am Ende die staatliche Agentur informiert und mit einbezogen wurde. Dafür wurden derartige Kontakte durch die Sprachbarriere erschwert.
Über allerlei Querverbindungen mit Schriftstellern in den sozialistischen Ländern bauten wir schließlich Ende der siebziger Jahre einen Kontakt zu Mária Szepes auf, die sich zu unserem Glück als der deutschen Sprache mächtig erwies. Sie schickte uns eines jener privat vervielfältigten Exemplare von »A vörös oroszlan« – und brachte uns damit einigermaßen in Verlegenheit. Was wir da in Händen hielten, war ja nicht einmal ein richtiges Buch, sondern eine Art Manuskript, stellenweise schlecht lesbar und dazu auf schrecklichem Papier. Obendrein stammte es aus dem Jahr 1946, und wir kannten die Vorurteile der meisten Verlage gegenüber Texten, die als »alt« – und ohne Bestsellerreputation damit automatisch als »zu Recht vergessen« – angesehen wurden. Und keiner von uns konnte Ungarisch.
Was blieb uns übrig? Wir wollten die Autorin nicht enttäuschen, also vertrauten wir ihrer eigenen Wertschätzung des Werkes so weit, dass wir den Roman fotokopierten und an verschiedene Verlage schickten. Die werbenden Begleitbriefe enthielten ausschließlich Informationen, die uns Mária Szepes gegeben hatte. Lange geschah überhaupt nichts, und ich bezweifle, dass in den meisten Verlagen mehr getan wurde, als das seltsame Manuskript von einem Schreibtischstapel auf den nächsten zu räumen. Anders beim Wilhelm Heyne Verlag. Wolfgang Jeschke trieb mit Gottfried Feidel einen Übersetzer auf, der die ungarische Sprache beherrschte, und ließ ihn ein Gutachten erstellen. Es fiel begeistert aus. Also kaufte der Verlag das Werk an und ließ es Gottfried Feidel übersetzten. Die deutsche Fassung erschien 1984 als Taschenbuch und wurde ein Riesenerfolg. Bereits die Erstausgabe erreichte zahlreiche Auflagen. Es folgten 1992 eine neu gestaltete Taschenbuchausgabe und eine 1999 bei Fischer Media erschienene Hardcoverversion.
Unter dem Namen Magdolna Scherbach wurde Mária Szepes 1908 als Kind einer Theaterfamilie in Budapest geboren – der Vater mit dem Künstlernamen Sándor Papir war als Bonvivant ein großer Star an Budapester Bühnen, die Mutter war Primadonna. In dem Theater, das ihre Eltern zeitweise mit großem Erfolg in Pest führten, stand die zukünftige Fantasyautorin schon als Zweijährige auf der Bühne. Sie sagt von sich selbst, dass sie »als perfekte Schauspielerin geboren« wurde, die bereits in ihrer ersten Rolle auf den Applaus des Publikums hin wie selbstverständlich an die Rampe trat, den Rockzipfel hob und knickste, ohne dass es ihr jemand beigebracht hätte. Sie selbst führt dies darauf zurück, dass sie in einem ihrer früheren Leben bereits eine Schauspielerin gewesen sei. Aus eben diesem Grunde wollte sie auch keine ernsthafte Karriere als Schauspielerin einschlagen, denn das habe sie ja früher längst gehabt. Wozu es wiederholen? Stattdessen begann sie schon als Kind von acht oder neun Jahren zu schreiben, angeregt von all den Künstlern in ihrer Familie und deren Umgebung, die oft nächtelang über Kunst, Literatur und philosophische Fragen diskutierten und sie nicht ins Bett schickten.
Ihr Vater starb früh, aber ihre Mutter und ihr Bruder waren für sie »Geschwister im Geiste, sehr alte Kinder«, wie sie überhaupt nur geistige Verwandtschaft anerkennt: »Alles andere ist nur Erfahrung, Bindung, Lösung – Karma.« Über ihre Einstellung zum Schreiben sagt sie: »Jene Bücher, von denen ich glaubte, sie würden nicht erscheinen, so lange ich lebte, habe ich nie anders geschrieben als im Feuer brennend, mit einem Gehirn wie glühende Kohle, von einer unwiderstehlichen Kraft mitgerissen, die man vielleicht Inspiration nennen kann.«
Die als Magdolna Scherbach geborene Mária Szepes hat auch die Pseudonyme Mária Papir und Mária Orsi benutzt – Ersteres nach dem Künstlernamen ihres Vaters, der wiederum auf den Namen seiner Mutter zurückgeht, Letzteres speziell für Deutschland, weil sie darauf hingewiesen wurde, dass der Name Szepes von den Deutschen vermutlich falsch ausgesprochen würde. Zu Deutschland hat Mária Szepes eine starke Affinität. Ein Jahr nach ihrer Heirat war sie 1931 ihrem Mann Béla Szepes nach Berlin gefolgt, wo die beiden bis zum »Anschluss« Ungarns gegen Kriegsende blieben. Es war die große Liebe, auch und vor allem eine tiefe seelische Verbindung. Freimütig gesteht Mária Szepes, deren Romane oft ungezügelte Erotik beinhalten, die sich selbst als in der Liebe leidenschaftlich charakterisiert und als herbe, aber interessante Schönheit von Männern umschwärmt wurde, dass sie als Jungfrau in die Ehe gegangen sei und auch in den 56 Ehejahren ausschließlich mit ihrem Mann zusammen gewesen sei.
In Berlin schrieb Mária Szepes Theaterstücke und fünf Drehbücher für abendfüllende Spielfilme. Erst danach folgte »Der Rote Löwe«. Fortan verknüpfte sie ihr Leben, ihre esoterischen Erkenntnisse und ihr literarisches Werk zu einer Einheit. Sie betrieb ihre esoterische Schule und schrieb esoterische Sachbücher.
Ihr Hauptwerk ist nach Einschätzung der Autorin »Raguel 7 tanitvanya«, das in Deutschland zweibändig erschien (»Der Berg des Adepten«, »Weltendämmerung«). Mária Szepes sieht dieses Buch als einen »lebendigen Kristall, der mit seinen Facetten des vollkommenen Lebens Energie ausstrahlt und Energie verschlingt«. Und das, meine ich, gilt auch für »Der Rote Löwe«, mehr noch wahrscheinlich für sie selbst, für ihr Leben und was sie uns anderen mit ihren Büchern gegeben hat.
Hans Joachim Alpers ist Science-Fiction- und Fantasy-Autor, Herausgeber und Literaturagent. Er zählt zu den bekanntesten Autoren der Serien Das Schwarze Auge und Shadowrun.
ADAM CADMONS BRIEF erreichte mich vor vielen Jahren im Sommer 1940 in jenem kleinen Haus, von dem außer einigen engen Freunden niemand etwas wusste. Es war ein niedriges Bauernhaus mit einer von wildem Wein umrankten Veranda, mit grünen Fensterläden und weiß getünchten Wänden. Es stand an einem leichten Hang im Schatten duftender, alter Linden. Das Haus war weder mit der Bahn noch mit dem Auto zu erreichen; von der nächsten Bahnstation führte ein einstündiger Weg durch eine hügelige Landschaft dorthin. Auch die Post kam nur dreimal in der Woche zur ›Arche Noah‹ herauf, wie ich mein Refugium genannt hatte. Die Zimmer hatte ich zu bequemen, modernen Wohnräumen umgestalten lassen, aber das Wasser musste ich von Hand in den Behälter heraufpumpen und mich am Abend mit Petroleumlampen und Kerzen behelfen; doch 1940 zogen wir empfindlicheren Menschen uns bereits gern vor den wütenden Segnungen der so genannten ›Kultur‹ in die ›primitivere‹ Vergangenheit zurück.
Von meinem Fenster und meiner Veranda aus ging der Blick auf weite Hügel, die mit Wein bepflanzt waren, zu deren Füßen die Donau blinkte.
Das Haus hatte ich mir sorgfältig ausgesucht, mit voller Absicht an so einem versteckten, unzugänglichen Ort. Ich hatte gespürt, dass ich mein Werk niemals vollenden könnte, wenn es mir nicht gelänge, mich aus der hektischen Atmosphäre der Großstadt zu befreien.
Durch meinen Beruf bin ich an die Stadt gebunden. Als Leiter der Neurologie eines großen Krankenhauses hatte ich kaum hoffen können, mich von der Last der Verpflichtungen zu befreien. Unter all den verschiedenen Werktätigen ist vielleicht der Arzt am ehesten der Sklave seines Berufs, weil er auf einem Gebiet wirkt, auf dem die Dinge nicht zu steuern sind. Jedes Ereignis bricht unverhofft mit erschreckender Dringlichkeit herein und duldet keinen Aufschub.
Die Richtung, die ich als Pionier verfolge, hatte mich vor ein schweres Dilemma gestellt. Sowohl mein Beruf als auch mein Buch (für das sich das Material jahrelang angehäuft hatte) verlangten den ganzen Mann. Ich hatte einen riesigen Nachholbedarf, was die Lektüre anging, um gewisse Details zu klären. Ich hatte versucht, täglich einen Teil der Nacht zu opfern, doch dies hatte sich nicht nur auf meine Gesundheit, sondern – was noch schlimmer war – auch auf meine Arbeit nachteilig ausgewirkt. Ich hatte mich mit Problemen zu befassen, die höchste Konzentration erforderten, sonst wären die Thesen ins Wanken geraten und hätten eine ausgezeichnete Angriffsfläche geboten. Ich konnte es mir nicht leisten, mein Anliegen, das von schicksalhafter Bedeutung war, mit zweideutigen, fadenscheinigen und untauglichen Argumenten zu verteidigen. Nach langem Zögern und manchen Kompromissen hatte ich schließlich um einen viermonatigen Urlaub gebeten. Ich hatte mich der Sache hingegeben wie jemand, der in den Abgrund springt: mit aufgewühltem Gemüt und unüberhörbaren Gewissensbissen, die jedoch von meinem inneren Drängen übertönt wurden. Ich hatte meinen fähigsten Assistenten zu meiner Vertretung im Krankenhaus bestimmt und war einfach aus dieser Welt hinausspaziert.
Der zauberhafte Friede der Einsamkeit und der Arbeit nahm mich nicht sofort auf. Während der ersten Woche wimmelte es noch in mir von den Fällen, die ich einfach liegen gelassen hatte, sie umschwärmten mich wie Geister; doch dann tötete ich sie gnadenlos mit jener gesunden Skepsis ab, die besagte, dass der Mensch im Allgemeinen nicht unersetzlich ist, denn wäre er es, würde man ihn nicht unentwegt austauschen, würden die Menschen nicht durch den Tod gnadenlos ausgewechselt wie Geldscheine, die man einfach aus dem Verkehr zieht. Viel wichtiger als das krampfhafte Aufrechterhalten der Kontinuität oder die Behandlung einiger Patienten erschien es mir, die von mir entwickelte, in Versuchen bestätigte und in der Praxis bewährte Methode zu verallgemeinern und die Krankheit an sich zu bremsen. Da ich in dem vorliegenden Buch nur eine untergeordnete Rolle spiele, möchte ich mich nur insoweit über die Natur meiner Arbeit verbreiten, als diese dazu beiträgt, die Gestalt und die Erscheinung des Adam Cadmon einigermaßen zu erklären, und insoweit sie zu seiner merkwürdigen Geschichte gehört.
Seit fünfundzwanzig Jahren befasse ich mich mit Geistesgestörten, und es ist etwa zehn Jahre her, dass ich – aus den Sackgassen der Tradition kommend – einen völlig neuen Weg beschritten habe (ohne meine Versuche und Resultate bisher veröffentlicht zu haben). Ich kenne und ehre die Vorsicht, die die Wissenschaft walten lässt, ihre oft übertriebene Ablehnung gegenüber jenen, die neue Wege beschreiten wollen, und bin darauf vorbereitet, dass meine Arbeit verlacht wird, dass sie ins Kreuzfeuer zahlreicher Anfeindungen gerät oder dass sie schließlich totgeschwiegen wird; dies alles berührt mich nicht. Einige meiner begabten Schüler, die man später aus dem Gebiet der Heilkunst nicht einfach ausschließen können wird, sind schon reichlich ›infiziert‹, da sie nach meiner Methode heilen. Unsere Statistik weist beachtliche Zahlen auf, und unsere Patienten, diese im Niemandsland herumirrenden Toten, wandeln sich von Gespenstern in neue Menschen.
Meine Methode habe ich als Metapsychoanalyse bezeichnet. Unter Psyche verstehe ich die unsterbliche Intelligenz, das transzendente Leben allen Seins, das auf dieser Erde im Bewusstsein des Menschen seinen Gipfel erreicht hat. Doch dieser Gipfel verhält sich zu den grenzenlosen Dimensionen des Geistes wie ein Staubkorn zum Kosmos. Die Krankheit der Seele bedeutet einen namenlosen Defekt einer Brücke, eine Störung der vermittelnden Organe zwischen Körper und Seele. Der Seelenarzt muss diesem Fehler mit der Gründlichkeit der klinischen Methode auf den Leib rücken, ihn diagnostizieren und korrigieren. Wenn er nur Symptome behandelt, kann er die Nervenheilanstalten mit lebenden Toten voll stopfen – ebenso wie diese Welt. Natürlich möchte ich hier nicht die konstruktionsbedingten Störungen des Gehirns einreihen, die ein ganzes Menschenleben schwerwiegend bestimmen. Ich rede von den Krankheiten der Seele, die im Körper zunächst unsichtbar und unauffindbar vorhanden sind, während die Vorstellungskraft, die voller Hemmungen ist und die in falsche Bahnen geleitet wird, im Organismus allmählich krankhafte Veränderungen auslöst.
Die allgemeine Revolution des Geistes und auch der Heilkunst lässt sich nicht mehr länger durch das Herunterbeten endloser lateinischer Bezeichnungen in eine Flasche bannen wie der Geist in dem Märchen, weil die Zeiten von ihr schwanger sind, ihr Herzschlag in die Welt hineintönt und die Geburt alsbald bevorsteht, selbst wenn man die Hebammen deswegen auf den Scheiterhaufen schickt. Um meine ketzerische Anschauung gegenüber den Wissenschaften noch deutlicher zu machen, will ich die okkulten Beziehungen meiner Richtung freimütig zugeben. Ich glaube an Hermes Trimegistos, an den Verkünder der Lehre der Analogien, an die alten Überlieferungen, deren Wurzeln in einer gewaltigen vorgeschichtlichen Vergangenheit wie in einem Nebel verschwinden, der sich jetzt erst allmählich lichtet. Die Wahrheit trat auch früher schon zutage, doch die Menschen nahmen sich ihr gegenüber als boshafte Zwerge aus. Denken wir nur an Paracelsus, an den tödlichen Neid seiner Kollegen, der schließlich dazu führte, dass man ihm den Schädel zertrümmerte, einen Schädel, für den sie vergebens tausende ihresgleichen zum Tausch angeboten hätten. Gegen Erde kann man auch dann kein Gold eintauschen, wenn man sie tonnenweise anbietet.
Adam Cadmons Brief enthielt nur wenige Zeilen:
Sehr geehrter Herr Professor!
Ich darf hoffen, dass ich Sie durch meinen persönlichen Besuch über die Tatsache hinwegtrösten kann, Sie in Ihrer Arbeit gestört zu haben. Ich möchte Ihre Gastfreundschaft nur für zwei Tage in Anspruch nehmen. Leider kann ich Ihnen den genauen Zeitpunkt meines Eintreffens nicht mitteilen, weil dieser noch von einigen Geschäften abhängt, die ich zu erledigen habe, aber ich hoffe, noch diese Woche reisen zu können.
Bis zum Wiedersehen bin ich mit herzlichen Grüßen
Ihr Adam Cadmon
So hatte er gezeichnet: Adam Cadmon. Der Brief war in Budapest aufgegeben worden.
Mein erster Gedanke war, dass sich einer meiner Freunde einen Scherz erlaubt hatte. Meine Adresse war nur drei Personen bekannt: meinem Assistenten, meiner Haushälterin in Budapest und meinem zerstreuten Kollegen, der Junggeselle war, mit dem ich endlose Schlachten auf dem Schachbrett ausgetragen hatte und der mit einer schweren Gallensteinoperation im Krankenhaus lag. An ihrer Zuverlässigkeit war nicht zu zweifeln. Ich wusste, dass sie meine Adresse keinem verraten hatten – weder irgendwelchen Bekannten noch gar einem Fremden. Woher hatte also dieser Adam Cadmon, der sich diesen kabbalistischen Namen zugelegt hatte, der den Kosmos bedeutet, meine Adresse, und was wollte er von mir?
Mein Ärger über die vermeintliche Störung wurde durch meine Neugier verscheucht. Aus dem Brief wie aus dem Namen stieg Magie auf. Ich kehrte immer wieder zu diesem Schreiben zurück. Es beunruhigte mich und faszinierte mich zugleich. Ich betrachtete und untersuchte die feine, geradlinige, unvergleichlich originelle Schrift immer wieder. In dieser Schrift war etwas, was an Hieroglyphen erinnerte. Auf dem Umschlag stand nicht nur eindeutig mein Name, sondern auch die Bezeichnung des Hauses, die ich nirgendwo aufgezeichnet hatte und die ich nur im Freundeskreis erwähnte: Arche Noah. Das Rätsel kam mir unlösbar vor, und ich fieberte mit einer gewissen Erregung dem Auftauchen Adam Cadmons entgegen.
Ich ertappte mich dabei, dass morgens nach dem Aufwachen mein erster Gedanke dem Umstand galt, ob er vielleicht schon eingetroffen sei. Am dritten Tag hielt ich die untätige Unsicherheit nicht mehr aus. Unter dem Vorwand, Streichhölzer, Kerzen und einige Lebensmittel einkaufen zu wollen, wanderte ich zum Bahnhof hinunter. Doch niemand stieg aus dem Zug. Ich war irgendwie enttäuscht. Wieder zu Hause angekommen, musste ich aber feststellen, dass mein Besuch bereits eingetroffen war.
Er saß auf der Veranda, als ich eintrat. Er erhob sich, trat zu mir und reichte mir die Hand.
Ich hätte nicht sagen können, wie alt er war. Alt war er jedenfalls nicht. Sein Gesicht war schmal, fein geschnitten und vollkommen faltenlos. Aber er war auch nicht mehr jung. Ich kann nicht sagen warum, aber dieser Ausdruck ist völlig unpassend, um ihn zu beschreiben. Er wirkte vielmehr zeitlos, wie etwas in der Gegenwart Fortbestehendes. Seine Züge waren leicht mongolisch, seine Gesichtshaut wirkte kreolisch, doch nur insoweit, wie sie auch in Europa vorkommt. Es fiel schwer, den Blick von seinen leuchtenden grünlich-blauen Mandelaugen zu wenden. Die breite, hohe Stirn mit ihren edlen Wölbungen und den fein gewölbten Schläfen kam dem ausgebildeten Phrenologen wie ein Kunstwerk der Natur vor. Das straff nach hinten gekämmte, matt glänzende schwarze Haar schmiegte sich bis tief in seinen Nacken. Er trug einen bequemen weißen Sommeranzug. Meine Worte können das Wesentliche nicht erfassen, um seine Erscheinung zu beschreiben. Wie sollte ich beispielsweise den heiteren, durchdringenden, vertrauten Blick beschreiben, der in den tiefsten Tiefen meiner Seele ein Echo hervorrief? Er kam mir keinen Augenblick fremd vor, ohne dass ich gewusst hätte, wie der Kontakt zwischen uns zustande gekommen war und welcher Art dieser Kontakt war.
Mit seiner leisen, gleichmäßigen Stimme erkundigte er sich zunächst einmal nach meiner Arbeit. Während wir uns ins Gespräch vertieften, war ich überhaupt nicht erstaunt, wie gut er informiert war. Er zitierte ganze Passagen aus meinem Buch, an dem ich gerade arbeitete, und ich schrieb dies dem Umstand zu, dass er wahrscheinlich meine Artikel im ärztlichen Mitteilungsblatt gelesen hatte – doch mitten im Gespräch stutzte ich, denn ausgerechnet diese Dinge hatte ich nirgendwo erwähnt. Das wussten nur mein Papier auf dem Schreibtisch, der Füllfederhalter und ich. Das heißt … ich starrte ihn an, und er lächelte mir zu.
»Das ist keine Hexerei! Nur ein Schritt nach vorn auf jenem Gebiet, auf dem Sie ebenfalls tätig sind. In Ihrem Bewusstsein ist der ganze Komplex fertig, und ich habe ihn abgelesen. Diese Fähigkeit schlummert in jedem Menschen, man muss sie nur entwickeln.«
Diese Erklärung brachte mich urplötzlich auf eine Ebene, auf der das Weltbild um einige Dimensionen reicher war.
Unser Gespräch wandte sich dem Krieg zu. Er sagte, er sei extra aus Lublin gekommen, um mich zu besuchen, und er werde bereits übermorgen die Rückreise antreten. Diese Äußerung rührte eine Menge verschiedener Fragen in mir auf. Was hatte er in Lublin zu suchen, wo ein gnadenloser Krieg tobte und wo auch heute entsetzliche Unterdrückung herrschte? Ob er vielleicht Pole war? Er sprach perfekt ungarisch, wenn auch mit kaum wahrnehmbarem fremdem Akzent. In Budapest hatte er nur einen einzigen Tag verbracht, er kannte keinen Menschen, war direkt zu mir gekommen … Doch wer hatte dann vor vier Tagen den Brief in Budapest aufgegeben, wieso konnte er als Privatmann durch die Kriegszonen reisen?
»Ich bin kein Pole«, erwiderte er auf meine Gedanken, »ich bin im Juli 1939 nach Lublin gezogen.«
»Sie sind Deutscher!« Der Gedanke stieg in mir auf, von einem unbehaglichen Verdacht begleitet. »Sie sind doch nicht etwa …«
»Ich bin aus Tibet gekommen«, sagte er einfach. »Diesen Besuch habe ich mir bereits dort vorgenommen. Wenn Sie Ihre Seele von den Eintagsfliegen kurzlebiger Gedanken befreien, so werden Sie darunter die Gewissheit finden, dass Sie mich erwartet haben. Freilich wartet der Auserwählte nicht nur mit dem Verstand, sondern mit seinen Ahnungen, seinen Vorgefühlen, seiner Unruhe und seinem unerschöpflichen Glauben daran, dass sich das Wesentliche, das unaussprechlich und mit den strengen Gesetzen des dreidimensionalen Lebens unerreichbar ist, sich eines Tages meldet und offenbart. Zwischen uns beiden besteht der Unterschied lediglich darin, dass Sie etwas vorausahnen und dass ich mich zurückerinnere. Doch hat dies für unsere gemeinsame Arbeit keine Bedeutung. Wichtig ist, dass Sie um die Dinge wissen, dass Sie Ihren Auftrag unbeirrbar erfüllen und dass Sie Ihre Merkmale restlos bewahrt haben.«
»Wie lautet mein Auftrag … wer sind die Auftraggeber und … welche Merkmale habe ich bewahrt?«, drängten die Fragen aus meinem Inneren.
»Worte haben den großen Nachteil, dass sie von jedem jeweils anders ausgelegt werden. Man muss sie zunächst abstimmen, so wie man verschiedene Uhren aufeinander abstimmt. Wenn ich von der Erinnerung spreche, so meine ich die Erinnerung an ein früheres Leben. Sie wissen und glauben, dass die Wiedergeburt Wirklichkeit ist. Ich erinnere mich. Sie fühlen, dass wir uns heute nicht zum ersten Mal begegnen. Sie haben sich auf einen inneren Befehl hierher zurückgezogen, in die Arche Noah, um Ihr Werk zu vollenden, das für die Zukunft notwendig ist. Ich aber weiß, dass dieser innere Befehl ein Auftrag von jenem Ort ist, wo die Revolutionäre des Geistes mittels der Verschworenen der erneuerten Seele die neuen Äonen vorbereiten. Sie gehören dazu, ohne sich dessen in diesem Leben bewusst zu werden, doch ich kann Ihnen versichern, dass Sie einst den Eid bewusst geleistet haben. Das ist doch sonnenklar, nicht wahr?«
Ich nickte unwillkürlich, obwohl mich diese ›Klarheit‹ eher blendete, als dass sie mich sehend machte. So lange sich Adam Cadmon in meinem Haus aufhielt, war ich in einer merkwürdigen Hochstimmung, die mich mit Macht gefangenhielt. In seiner Gegenwart war ich unfähig zu streiten, zu analysieren und Widerstand zu leisten. Gelegentlich tauchte der Verdacht in mir auf, dass ich vielleicht ein Opfer von Suggestionen war, da jedes seiner Worte, das er gegen meine Erkenntnisse vorbrachte, gegen Tatsachen, die mit Argumenten belegt werden konnten, mich mit einer derartigen Überzeugungskraft traf, dass selbst die geringsten Zweifel in mir ausgeräumt wurden. Nun hatte ich ausgerechnet mit der Suggestion genügend Versuche durchgeführt, um zu wissen, welch andersartigen Dingen ich jetzt gegenüberstand. Kein Umstimmungsversuch, nicht die leiseste gewaltsame Strömung ging von ihm aus. Er war nur er selbst, mit der gewaltigen Ladung der Erkenntnis, der beherrschten geistigen Kräfte und Fähigkeiten, und seine Offenbarungen waren nicht voll zögernder, menschlicher Unsicherheit, sondern von überwältigender Sicherheit erfüllt.
Nach dem Abendessen setzten wir uns in den Garten. Über uns wölbte sich ein dunkler, sternenübersäter Himmel. Die auf eine unsichtbare Kuppel gemalten Sternbilder schimmerten um uns herum. Die Milchstraße ergoss sich wie ein dunkler, geheimnisvoller Strom über den Horizont. In der Nähe des großen Vollmondes standen zwei hell strahlende Planeten: Saturn und Jupiter in enger Konjunktion. Mein Blick blieb an diesen beiden Himmelskörpern haften, und ich dachte über ihre Macht nach, über ihre gegensätzliche und sich doch gegenseitig ergänzende Kraft. Jupiter ist der große Wohltäter, schwungvoll, aufbauend – Saturn aber ist der Verzögerer, der Leidbringer. Jupiter ist der Freund der Sonne, Saturn der große Einsame. Des einen Gefahr ist das Feuer, des anderen die Erstarrung. Welche Auswirkungen mochte der Kampf der beiden Giganten auf diese Welt haben?
»Die Konstellation der Gesalbten«, sagte leise Adam Cadmon neben mir.
Ich horchte auf. Plötzlich war ich vom Zauber dieser unvergleichlichen Nacht erfüllt. Adam Cadmons Antwort galt auch diesmal meinen Gedanken.
»Die Konstellation des Jupiter und des Saturn war auch der Geburt Christi vorausgegangen«, fuhr er ruhig fort. »Damals stand die große Konjunktion im Zeichen der Fische. Jetzt steht sie im Zeichen des Stiers. Jene hat der Welt das Christentum gebracht, diese bringt die philosophische und gesellschaftliche Revolution, die Erlösung des Geistes aus der Knechtschaft der Materie. Der Messias, der jetzt geboren wird, wird die Türen zu neuen Äonen öffnen.«
»Ein neuer Messias wird geboren? Wo? Und wann?«, fragte ich begriffsstutzig.
»In Lublin, im April 1941. Im Getto von Lublin, dort wo die Last am schwersten ist und die finsterste Finsternis herrscht. Dort, zwischen den Gedemütigten und Gequälten. Er wirft seinen Schatten weit voraus: Der Mensch der Sünde, der Gesetzesübertreter mit aller Macht und allen Zeichen der Lüge ist bereits erschienen. Und dort, wo sein Schatten auf die Erde fiel, dort erscheint auch sein strahlendes Gegenstück – die Wirklichkeit neben der Verblendung. Der Erlöser gegenüber dem Antichrist. Und damit die Schrift erfüllt werde und der immer wiederkehrende Rhythmus des ewigen Wellenschlags der Zeit hörbar werde, wird er als unehelicher Sohn eines jüdischen Mädchens geboren, einer jungen Jüdin, belastet mit dem Kummer, der entsetzlichen Klugheit ihrer Leiden, der fürchterlichen Zärtlichkeit ihrer Verfolgung, die ihrer Rasse eigen ist. Diese jungfräuliche Mutter ist ein Abbild jener Urmutter, die vor eintausendneunhundertundvierzig Jahren ihren Sohn in einem Stall geboren hat.«
Seine Stimme klang leise und einfach, dennoch entfachte sie ein Feuer in mir. Ich wurde von dieser grenzenlosen Gewissheit zerschmettert, die über alle Begriffe ging, dass nämlich jedes Wort auf erschütternde Weise wahrer war als die sichtbaren Dinge, die mich umgaben.
»Und Sie … Warum sind Sie in Lublin?« Dies war die erste Frage, die unmittelbar seine Person betraf.
»Wenn einst im Stall des menschlichen Hasses und der Vermessenheit die Weisheit geboren wird, werden sie alle diejenigen aufsuchen, dem Stern folgend, die zur Taufe geladen sind. Ich habe den Ruf bereits vernommen. Ich bin aus der Namenlosigkeit zurückgekehrt, um Ihm Platz zu schaffen und Ihn anzukündigen. Ich bin gekommen, um den Gerechten zu verkünden: Dies sind jene Zeiten, von denen die Propheten reden. Es kommen die Tage, deren Mühlen langsam mahlen und die jegliche menschliche Stütze zermalmen. Es wird eine große Feuersbrunst geben, die auch die letzten Refugien der Materie zerstören werden. Es wird keinen Fußbreit Boden, keine Handbreit Wald geben, wo der Verfolgte sich ausruhen, wo der Gejagte sich verbergen kann. Zum letzten Mal wird das so oft aufgerichtete goldene Kalb von seinem Sockel fallen. Der Tränenstrom wird das Herz der gnadenlosen Dämonen nicht erweichen. Das Blut wird zu einem Meer anschwellen und Länder, Städte, Straßen, Häuser, Felder, Seen und Flüsse überfluten: Denn vor dem kühlen Ozean des Wassermanns wird die Erde stets durch Blut gereinigt.«
Die leidenschaftslos vorgetragenen apokalyptischen Worte konnten lange Zeit nicht in mein Gehirn eindringen. Wie benommen betrachtete ich die dunklen weichen Umrisse der Landschaft, die vom Zirpen der Heuschrecken erfüllt war. Frische, kühle Düfte streiften mein Gesicht, der Duft der Akazien und des Holunders. Aus einem fernen Hof erklang Hundegebell. Am Flussufer quakten die Frösche mit heiserer, sanfter Stimme und baten um Regen. Die Begriffe von Blut, Tod und gemeiner Roheit wichen dem reinen Frieden der Nacht … Doch plötzlich, aus den mystischen Dimensionen der Zukunft und aus der Akasha[1] überfiel mich plötzlich die Ahnung des Entsetzens der kommenden Jahre, jener Vernichtung und jenes Verderbens, das alle Vorstellungen überstieg, das Wüten des Hasses, das Ausgeliefertsein wehrloser Massen, die endlosen, selbstmörderischen Zuckungen eines dämonischen Veitstanzes – und plötzlich wurde auch die stille Landschaft lebendig. Das ewige, nur mit den Nerven wahrnehmbare Beben Unheil verkündender Stimmen, der Angst und der verborgenen Unruhe pulste darin und eine beklemmende, Schweiß treibende Erwartung des Entsetzlichen, das mit plötzlichem Aufschrei über den Bebenden hereinfällt … Dieses Gefühl war so intensiv und so gegenwärtig, dass es mir den Atem raubte und mein Herz wie rasend zu schlagen begann.
»Nein!«, brach es abwehrend aus mir heraus. »Solche Tiefen sind im Menschen nicht vorhanden! Das kann keine Menschenseele ertragen!«
»Die Seele ist ihrer Natur nach sowohl göttlich als auch dämonisch, je nachdem, ob die Kräfte des Lichts oder der Finsternis an jenen Knöpfen drehen, die die Seele steuern. Die Seele ist der veränderliche, subtile Rohstoff des Seins. Jene Einwirkungen, die sich über sie ergießen, sind derart elementar, dass sie an jeder ungeschützten, schwachen Stelle durchbrechen. Das ist die Macht des Hasses. Und wer auch die geringste Bereitschaft dafür aufweist, wer nicht mit allen Fähigkeiten und Erkenntnissen seines Geistes dagegen ankämpft, wird in die Heerschar der Dämonen eingereiht und ist verloren. Der Hass ist die fürchterlichste, magischste Kraft, die je auf Erden erschienen ist. Er übersteigt und überwindet jede andere menschliche Schwäche: die Selbstsucht, den Hang zur Bequemlichkeit, die Todesangst. Er peitscht den Fanatismus bis zur Weißglut, verschmilzt die Menschen zur Masse, die dann selbst um den Preis der eigenen Vernichtung nur noch vernichten will.«
»Und warum muss dies geschehen?«, rief ich aus, so laut, dass sich meine Stimme zwischen die schlafenden Bäume ergoss. »Wenn hinter den sichtbaren Dingen ein Planer und ein Plan stecken, wieso können dann den Kräften der Vernichtung Tür und Tor geöffnet werden?«
»Weil hinter den sichtbaren Dingen ein Plan steckt«, kam die ruhige Antwort. »Dies ist die große Transmutation der Erde. Ihr Wesen wandelt sich. Die Infizierten werden ausgespien, und die Wenigen, die übrig bleiben, werden mit ihr veredelt. Was geschieht, ist die Wirkung der provozierenden Injektion. Die Krankheit tritt nur bei denjenigen zutage, in denen sie bereits latent vorhanden ist.«
»Der Mensch ist schwach, unwissend und verantwortungslos. Die Anführer aber sind wissend und gewissenlos. Der Missbrauch des schwarzen Zaubers der Propaganda ist ihre Schuld und nicht die der Menschen. Das degenerierte, beschränkte Gehirn wird durch Leitartikel und Rundfunkreden bombardiert, die mit Ideengift gefüllt sind – wie soll man sich dagegen wehren? Sie besitzen keine unabhängigen Begriffe, keine ethischen Bastionen, nur das Gefühl, dass ihnen etwas fehlt. Kinder sind sie alle miteinander, und beim Ton der Flöte, die der Rattenfänger von Hameln bläst, taumeln sie verblendet ins Verderben. Warum werden sie so hart bestraft?«
»Das Gleichnis stimmt. Die Menschen sind wie Kinder, und diese Kinder spielen ein recht grausames Spiel. Sie sind grausam gegeneinander, zu allen Lebewesen und zu sich selbst. Die Erde wird aber nicht länger ein Spielplatz für Kinder sein, sondern die Wohnung denkender Erwachsener.«
Wir schwiegen eine Weile. Gegen diese Worte gab es kein Argument. Seine Thesen waren Offenbarungen, wie die des Henoch, Baruch, Ezra, die Offenbarungen des Johannes und die Lehren der Propheten. Man musste entweder an sie glauben oder sie rundweg verleugnen.
»Ich möchte gern wissen«, sagte ich nach einer Weile leise, »warum Sie zu mir gekommen sind … ausgerechnet zu mir, aus Tibet über Lublin in die Arche Noah?«
Sobald ich dies ausgesprochen hatte, verflog das Spielerische der letzten Worte, die ich aus einer Laune, aus einer augenblicklichen Eingebung heraus gesprochen hatte. Die Arche Noah! Welches Gewicht fiel plötzlich dieser Benennung zu! Meine merkwürdige Ahnung wurde durch Adam Cadmons Worte bestärkt:
»Ich habe Ihnen etwas gebracht, was die Zeit überdauern soll … etwas, das die neue Blutflut überdauern muss. Es war an der Zeit, später hätte ich nicht mehr kommen können.«
Eine fast lähmende, unsinnige Freude ergriff Besitz von mir. Alles, was er gesagt hatte, bezog ich nicht auf mein Haus, sondern auf ganz Ungarn.
»Hier geht es nur um dieses kleine Haus«, erwiderte er, »um die Arche Noah. Aber selbst hier müssen Sie sich schon festhalten, wenn sich der Himmel verdüstert und die Stürme nahe vorbeiziehen.«
»Sie meinen, dass sie … auch dieses Land nicht verschonen?«
»Ja.«
»Nun … ich stehe Ihnen in jeder Hinsicht zur Verfügung.«
»Ich weiß«, sagte er einfach. »Ich habe Ihnen ein Manuskript mitgebracht, und ich möchte, dass Sie es aufbewahren, bis ich Ihnen Nachricht senden kann, was damit geschehen soll. Bei mir wäre es jetzt und in den kommenden Jahren nicht in Sicherheit. Wenn es Sie interessiert, dürfen Sie es natürlich lesen.«
Am nächsten Nachmittag verabschiedete er sich.
So gelangte Adam Cadmons Manuskript zu mir. Ich verfahre nach seinen schriftlichen Anweisungen, wenn ich es denjenigen zugänglich mache, die nach der Blutflut übrig geblieben sind und taumelnd jenen Weg suchen, der ins Leben zurückführt.
Persönlich bin ich ihm nie mehr begegnet.
[1]Nach Ansicht der Hindus ein weitaus feinerer, älterer Stoff, älter als der Weltäther, ein Urstoff, so alt wie die Seele selbst. Der Akasha enthält sämtliche Ideen der Ereignisse des Kosmos. Er unterliegt keiner Kausalität, nur die aus ihm entstehenden Formen unterliegen den Gesetzen der Kausalität.
DAS MANUSKRIPT DES ADAM CADMON
DIE MATERIA PRIMA
Keiner wage es, den Pfad der geheimen Wissenschaften dreist zu betreten; denn wer einmal diesen Weg beschritten hat, muss ihn bis zum bitteren Ende gehen, sonst ist er verloren.
Wenn dich auf diesem Weg der Zweifel überkommt, wenn du zögerst, verlierst du den Verstand. Dann wirst du fallen, und wenn du zurückschreckst, wirst du in bodenlose Tiefen stürzen.
Du, der du begonnen hast, in diesem Buch zu lesen, wirst – wenn du dessen Inhalt begreifst – zum Herrscher werden oder dem Wahnsinn verfallen. Doch was du auch immer damit beginnen magst, du wirst es niemals verachten noch jemals vergessen. Wenn du rein bist, wird es dir als Fackel vorausgehen, wenn du stark bist, wird es zur Waffe in deiner Hand. Und wenn du klug bist, wird es dich alle Weisheit lehren. Bist du aber verdorben, so wird dieses Buch in dir alle Feuer der Hölle entfachen. Es wird deine Seele wie ein scharfer Dolch durchdringen und dein Gewissen mit Reue und Unrast beschweren, die kein Ende nimmt.
ELIPHAS LEY, ›Rituel de la Haute Magie‹
HANS BURGNER IST MIR bereits so fremd wie die abgestorbenen, ausgetauschten Zellen meines Körpers. Dennoch war er es vor einigen Jahrhunderten, von dem ich mit der erregenden Voreingenommenheit der Freude, der Ängste und Ahnungen behauptete: Das bin ich! Hans Burgner war ein Nichtsnutz, gierig und ein Wirrkopf, doch von ihm ging jene Gärung aus, die mein Leben aus der Bahn pausenloser Wiederholungen heraushob. Wie einst die Priester der orphischen Mysterien reiche ich dem Novizen die Hand, der mir durch die Finsternis der Nacht in die Tiefe mondloser Wälder über Geburt und Tod hinweg auf den Pfaden der Unterwelt zu den Pforten des Hades folgen will. Ich halte eine Fackel in der Hand und kenne den Weg. Wer mir folgt, kann sich nicht verirren. Im Morgengrauen werden wir den Tempel der aufgehenden Sonne erreichen.
Ich wurde 1535 in Schwandorf geboren. Ich nehme an, dass mein Vater wenig damit zu tun hatte, wohl aber sein kräftiger, frecher Gehilfe. Mein Vater war Müller, ein beleibter Mann mit violettweißem Fleisch, schwerfällig, zahm und zerstreut, um den sich meine Mutter weniger kümmerte als um einen Mehlsack. Ihre intolerante, launische, laute Persönlichkeit, die alle Augenblicke die Farbe wechselte, füllte jedoch das Haus. Sie war das unbeständigste Weib, das ich je gekannt. Nie konnte jemand wissen, mit wem er innerhalb der nächsten Viertelstunde die Ehre haben würde: einem verträumten, flötenden zärtlichen Burgfräulein, einer puritanischen Asketin, die scharfe Sentenzen abschoss und um deren Körper sich eine unsichtbare, härene Kutte legte, einer mit feuchter Unterlippe und glänzenden Augen wiehernden betrunkenen Kurtisane oder einer keifenden Marktfrau, die mit ungewaschenem Mund Flüche von sich schleuderte und die ganze Welt verdammte. Ihre Meinung über ein und dieselbe Sache änderte sich von Minute zu Minute, und da sie von Natur aus stark, fleißig, unermüdlich und tyrannisch war, konnte kein Floh vor ihr in Frieden leben. Hinter jedem war sie her, brachte durch widersprüchliche Befehle alle durcheinander, und wenn dann alles drunter und drüber ging und es ihr gelungen war, Mensch und Tier an den Rand des Wahnsinns zu bringen, blickte sie erregt und fast zufrieden um sich.
»Ich habe lauter Irre um mich!«, krähte sie, um dann unvermittelt, wahrscheinlich unter der angenehmen Wirkung der Erregung plötzlich in Tränen auszubrechen. Sie beweinte sich selbst, dazu war sie stets bereit. Meinem vor Angst schwitzenden Vater warf sie jene Opfer vor, die sie für ihn gebracht, ihre verlorene Jugend, ihre Schönheit, die sie unter den Scheffel stellen musste … und an dieser Stelle erwähnte sie stets die schmachtende Liebe, die ein durchreisender Adliger einst für sie empfunden. »Ich könnte in Samt und Seide gehen!«, schluchzte sie in falschem, pathetischem Ton. »So aber muss ich in einem stinkigen Kaff verrotten, wo mich alle ausnützen! Mein Lebtag hat mir niemand ein gutes Wort gesagt! Ich rackere mich für alle ab, aber keinem würde es einfallen, auch nur einmal zu mir zu sagen: Danke, Theresa!«
Über ihre eigene Schönheit sprach sie wie von den Erscheinungen der Natur, wie von Sonne, Mond und Sternen, und ihre fixe Idee war, sich für unwiderstehlich zu halten. Wenn es einer, der Hosen trug, wagte, den Blick zu ihr zu erheben, so war er bereits ihr ›Sklave‹. Alle vergingen nach ihr, angefangen vom kleinen Lehrling bis zu den gleichmütigen, alten Sackträgern. Schüchterne Bäuerinnen, die darauf warteten, dass ihr Korn gemahlen wurde, starrten sie entsetzt und verständnislos an, wenn sie hinter dem Rücken irgendeines Gehilfen mit Augenzwinkern und Gesten darauf aufmerksam machte, wie der nichts ahnende Bursche sie mit Blicken verschlang oder wie er sie mit bebender Begierde absichtlich berührt hatte. Sie war eine hoch gewachsene, grobknochige Frau, die auf zwei dicken Beinen stand. Ihre Schultern wirkten im Vergleich zu ihren birnenförmig ausladenden, gewaltigen Hüften fast schlank. Ihr Gesicht war leidlich hübsch. Ihre Haut war rein und samtig, ihre Züge regelmäßig, nur ihre Nase hatte eine beunruhigende Spitze. Aus ihren dunklen, etwas eng stehenden Augen mit den gewölbten Lidern blickte kalte Härte. Ihr Lachen klang blechern. Vom ersten Augenblick an, da ich zu denken begann, stieß sie mich ab. Ihre alles aufwühlende, aufdringliche, lärmende, gewalttätige Natur machte mich zum verschlossenen, schweigsamen Einzelgänger.
Unsere Mitarbeiter wechselten so häufig wie die Wolken am Himmel. Auch jener Bursche, mit dem sie ein stürmisches, galliges, eifersüchtiges Verhältnis hatte, suchte bereits kurz nach meiner Geburt das Weite. Mein Vater und ich hatten es schon schwerer, ihr zu entkommen. Mein Vater war bereits zu fett, zu kränklich und zu bequem, ich aber ein Kind, das ihr durch Hilflosigkeit ausgeliefert war. Ihre Liebesbeweise, die keinen Widerstand duldeten, ihre fetten, feuchten, lauten Küsse waren fast noch unerträglicher als ihre raschen, beißenden Backpfeifen, die sie ohne jede Vorwarnung reichlich austeilte. Wenn ich aus irgendeinem Grund im Zimmer an ihr vorbeigehen musste, konnte ich stets auf Ohrfeigen oder Küsse gefasst sein. Ich versuchte, beides zu vermeiden. Sie war entsetzlich geizig, und es tat ihr um jeden Bissen Leid, der verzehrt wurde. Sie selbst schlemmte nur im Verborgenen. Meinem Vater und mir hielt sie pausenlos vor, wie schädlich die Völlerei sei und obendrein auch wider die Gebote der Religion. Die Fastenzeit wurde gnadenlos eingehalten. Unsere Gehilfen und Lehrlinge galten bei ihr als ›Vielfraße‹. Mein Vater zitterte ums Essen, und ich war wegen meines schnellen Wachstums maßlos wie ein junges Tier. Also stahl ich aus der Speisekammer, was mir unter die Hände kam, und aß alles auf. Es war stets ein trauriges und zugleich komisches Ereignis, wenn ich meinen bedauernswerten Vater in seiner eigenen Speisekammer überraschte, wo er wie ein Dieb mit schlechtem Gewissen Marmelade in sich hineinstopfte. Sooft er mich erblickte, reichte er mir seufzend und dem Ersticken nahe mit dem verschämten Lächeln des Verbündeten eine lange Wurst oder ein Stück Braten.
»Da, Hans … Ich bin bereits bei den Süßigkeiten … Nur dass deine Mutter ja nichts erfährt!«, sagte er flüsternd. »Es würde der Armen sehr wehtun, dass wir das Fasten gebrochen haben … Es wäre verlorene Liebesmüh, ihr zu erklären, dass mir Gott den Ekel gegen in Wasser gekochten Fisch eingeimpft hat … In Fragen der Religion ist sie so … dogmatisch.«
»Glaubst du, Vater, dass sie fastet?«, fragte ich mit vollem Mund. »Sie denkt gar nicht daran! Auf dem Abort hat sie eine mit Kastanien gefüllte Ente verschlungen. Ich hab’s gesehen!«
»Du hast deine Mutter auf dem Abort beobachtet?« Er schaute mich entsetzt an, aber seine Kraft reichte nicht lange, und er winkte ab. »Du verstehst sie nicht, Hans. Für sie ist unser Seelenheil wichtiger … Ich habe dir etwas Marmelade übrig gelassen … Nachher wirfst du das Glas in den Bach.«
Vater konnte ihr schneller entrinnen als ich. Beim Mittagessen blieb der Löffel in seiner Hand stehen, sein Kopf lief erst rot, dann dunkelviolett an – er fiel vom Stuhl und verschied.
Meine Mutter beweinte ihn in merkwürdigen Variationen. Zunächst einmal steigerte sie sich in die Rolle der bewundernswerten dramatischen Witwe. Sie nannte ihn ihren ›armen guten Liebling‹. Sie erfand gefühlvolle Szenen über seine letzten Stunden, über die letzten Worte, die der Verstorbene angesichts des Todes an sie gerichtet hatte: »Du warst die wunderbarste Frau auf dieser Welt, Theresa … Wenn ich hundert Leben hätte, könnte ich dir nicht vergelten, was du für mich getan hast … Was wäre ohne dich aus mir geworden?« In Wirklichkeit hatte sie den Verblichenen wenige Stunden vor seinem Tode wegen einer Leinenhose fürchterlich zusammengeschimpft, deren Hinterteil aufgerissen war, als er sich einmal bückte. Später hörte ich, wie sie bissig zu jemandem sagte: »Er hat sich zu Tode gefressen. Ich habe gewusst, dass dies sein Ende sein wird!«
Sonst war das Leben in der Mühle interessant und abwechslungsreich. Aus den umliegenden Dörfern kamen die Bauern mit ihren Wagen, brachten das Korn zum Mahlen und die neuesten Nachrichten. Nicht weit von der Mühle zog sich eine breite Landstraße hin, über die außer den Bauernwagen gelegentlich auch vornehme Kutschen fuhren. Ich verbrachte nicht viel Zeit zu Hause. Über die Landstraße zogen Wanderer dahin, freie, sangesfreudige Burschen, die der große Magnet Nürnberg unwiderstehlich anzog. Oft heftete ich mich an ihre Fersen und begleitete sie, bis mich Müdigkeit, Hunger und die Abenddämmerung wieder nach Hause trieben. Ich lauschte ihren Erzählungen, nahm ihre Heimatlosigkeit in mich auf und die wunderbare Atmosphäre des Unbekannten und der Ferne, die sie umschwebte. In meinen Träumen dehnte sich die Landstraße ins Endlose. In meinen Träumen gab es keine Rückkehr.
Meine Mutter hatte einen Onkel, der von Zeit zu Zeit bei uns vorbeischaute. Er hieß Sebastian. Meine Mutter schämte sich seinetwegen in Grund und Boden, doch auf irgendeine unerklärliche Art fürchtete sie sich auch vor ihm. Sie wagte nicht, ihn abzuweisen, und versah ihn mit allem, was er brauchte. Er war ein hoch gewachsener, dürrer Mann mit finsterem Gesicht, einer Hakennase und Tränensäcken unter den blutunterlaufenen Augen. Wenn er den dünnen, spöttischen Mund verzog, wurden seine langen gelben Zähne sichtbar. Das eine Ohr fehlte. Er war ziemlich schmuddelig und ein starker Trinker. Er konnte lesen und schreiben, und wenn er zu sprechen begann, verstummten alle um ihn. Meine Mutter behauptete, er lüge wie gedruckt, wenn er von fremden Ländern, dunkelhäutigen Inselbewohnern, von Riesen und Zwergen, von einäugigen und einbeinigen Monstern und von fliegenden Menschen erzählte und alle Abenteuer so darstellte, als hätte er sie selbst erlebt. Er verstand etwas von Amuletten, von der Zubereitung von Liebestränken, von der Wahrsagerei und vom Besprechen. Er war also eine Art ›Hexenmeister‹. Mir imponierte er unsagbar. Ich hielt ihn für den beachtenswertesten Menschen, den ich bisher kennen gelernt hatte.
Allmählich kam ich auch dahinter, warum sich meine Mutter vor Sebastian fürchtete. Sie hatte Angst, dass er sie ›verwünschen‹ könnte. Allein schon die Tatsache, dass es auf dieser Welt einen Menschen gab, der der fürchterlichen Art meiner Mutter Grenzen setzte, weckte in mir eine schier uferlose Achtung. Ich heftete mich an Sebastians Fersen und wich nicht mehr von seiner Seite. Ich begleitete ihn auf seinen langen Spaziergängen und hörte mit grauenerfüllter Bewunderung zu, wie er betrunken und gestikulierend zu sich selbst sprach.
»Nein«, sagte er, »wer nicht im Zeichen des Saturn geboren ist, der strebt vergebens …« Plötzlich blieb er stehen und begann mit spöttischer Stimme zu grölen:
»Quide virgis fecit aurum
Gemmas de lapidibus …«
Und er lachte, wobei sich sein Lachen anhörte wie das verzweifelte Gemecker einer Ziege; dann rannte er weiter. Auf meinen kurzen Kinderbeinen konnte ich ihm kaum folgen.
»Rindviecher! Rindviecher!«, brach es von Zeit zu Zeit aus ihm heraus.
Zuerst nahm er mich nicht zur Kenntnis, er blickte einfach durch mich hindurch. Doch allmählich fiel es ihm auf, dass ich immer in seiner Nähe war.
»Was willst du … ha?«, fuhr er mich an.
Ich erschrak derart, dass ich zu schwitzen begann. Ich wusste nicht, wie ich es ausdrücken sollte, was ich für ihn empfand, ich war mir ja schließlich selbst nicht klar darüber.
»Ich …«, presste ich schließlich mühsam hervor, »ich … möchte … so werden … wie Ihr …«
Er stutzte.
»So … ha? Und warum das?«
»Weil … Ihr … anders seid. Vor Euch hat man Angst. Auch Mutter hat Angst vor Euch.«
Er schaute mich genau an. Zum ersten Mal wich der bittere, tückische Ausdruck aus seinem Gesicht. So sah er ganz anders aus: alt, müde und hoffnungslos.
»Geh spielen, mein Junge … geh nur!« Selbst seine Stimme klang anders, blass und traurig. »Tritt nicht in meine Fußstapfen! Bekreuzige dich und sag: ›Hebe dich von mir!‹ Ich bin verflucht. Diese Mühle wird dir eines Tages gehören. Mahl das Korn und denk an nichts anderes. Ich sage dir, schlag dir alles andere aus dem Kopf! Glaub mir nicht! Ich schwatze wirres Zeug, weil ich sonst mit dem Kopf gegen die Wand rennen müsste. Ich weiß gar nichts. Überhaupt nichts! Mein Heim habe ich verlassen, ich habe weder Frau noch Kinder und habe kein Ziel erreicht. Der Albtraum des Goldes hat mich vergiftet. Drei Welten wollte ich beherrschen, und alsbald werde ich im Straßengraben verrecken.« Seine Augen füllten sich mit Altmännertränen, und mein Herz wurde von unendlichem Mitleid erfüllt.
»Sagt so was nicht … niemals …«, flehte ich und brach ebenfalls in Tränen aus.
»Warum heulst du?«, fragte er roh. »Du solltest bessere Dinge beweinen! Ich hoffe, dass du mir jetzt nicht mehr ähnlich sein willst!« Wütend wischte er sich die Augen mit dem Ärmel seines Wamses.
»Doch …«, sagte ich beharrlich. »Ich will den Zauber lernen. Ich will zaubern. Und ich will, dass man sich vor mir fürchtet und dass die Leute tun, was ich ihnen befehle, und …«
Er lachte.
»Du bist ein hartnäckiger Bursche! Du hast einen Dickschädel, wie ich ihn einst hatte.« Er packte mich an beiden Schultern: »Wenn ich dich nicht in die Hand nehme, wird dich ein anderer Wirrkopf verführen. Ich will zumindest darauf achten, dass du nicht ganz den Verstand verlierst. Es wird dir wohl nicht schaden, wenn ich dir Lesen und Schreiben beibringe …«
Aber auch da sollte sich der Ärmste irren.
So wurden wir Freunde. Sebastian begann mich zu unterrichten. Immer mehr hing er an mir, so sehr, dass er es nicht fertig brachte, uns zu verlassen. Früher war er nie länger als einige Monate geblieben, sein unruhiges Wesen trieb ihn stets weiter. Jetzt aber blieb er, zum größten Ärger meiner Mutter, um bei mir sein zu können. Er weihte mich in alle seine Geheimnisse und all seinen Kummer ein. Und auch ich gewann ihn lieb wie einen Vater. Seine Unterrichtsmethode war äußerst interessant und unterhaltsam, und so lernte ich spielend Lesen, Schreiben und Rechnen, ja sogar etwas Latein, weil er gern lateinische Zitate in seine Rede einflocht, die er dann übersetzte. Er besaß ein paar Bücher über Alchimie, auf die ich mich stürzte und die ich so oft las, dass ich sie bald auswendig kannte. Von jenem Augenblick an, da ich den Sinn der Buchstaben erfasst hatte, machten sie mich trunken. Am meisten beeindruckte mich ein Buch über Nikolaus Flamel, den berühmten französischen Alchimisten. In diesem Buch wurde erzählt, wie Flamel in den Besitz des Philosophorum Lapis, des Steins der Weisen, geraten war. Flamel wurde 1330 in Pontois geboren. Er lebte in Paris unter äußerst kärglichen Umständen. Dann, 1382, trat er plötzlich als steinreicher Mann auf. Sein Vermögen war schier endlos. Er stiftete unvorstellbare Summen, gründete vierzehn Krankenhäuser und ließ drei Kapellen bauen. Sein Reichtum fiel selbst dem König auf, und das Parlament leitete eine Untersuchung ein, doch diese Untersuchung brachte lediglich zutage, dass Flamel, im Besitz des Steins der Weisen, durch die Umwandlung unedler Metalle in Gold sein Vermögen gemacht hatte. Nach seinen eigenen Schilderungen erstand Flamel im Jahre 1357 von einem Unbekannten für wenig Geld ein auf Baumrinde geschriebenes Manuskript. Einundzwanzig Jahre lang versuchte er vergebens, den Text zu enträtseln. Schließlich machte er sich auf die Reise, um das Manuskript entschlüsseln zu lassen. In Spanien, in Santiago de Compostella, stieß er auf einen gelehrten Arzt, dem es gelang, das Manuskript zu lesen und zu übersetzen. Er erfuhr, dass es ein Jude Namens Abraham für seine Brüder geschrieben hatte. Es handelte von der Herstellung des Steins der Weisen. Flamel behauptet, dass diese Wundermaterie nicht nur Quecksilber in Gold verwandelt, sondern auch das Leben verlängert …
»… das Leben verlängert …« Das Gold an sich interessierte mich nicht sehr, doch die Möglichkeit, dem Tod zu entrinnen, machte mich fiebern und wühlte mich bis in die Tiefen meiner Seele auf. Sebastian sah, was in mir vorging, und erschrak.
»Hör auf mich, Hans! Hör auf mich, um Gottes willen! Auch meinen Kopf hat die Alchimie verwirrt. Besser, du glaubst kein Wort! Ich bin den Dingen nachgegangen … habe alles ausprobiert. Ich habe mit einem dieser Scharlatane gearbeitet, der von sich behauptete, das Aurum Potabile zu besitzen. Es war nichts als Blendwerk. Er wollte einen Baron ausnehmen, aber man kam ihm auf die Schliche, und er musste mit seinem Leben zahlen. Auch das Elixier konnte ihn nicht retten. Mich hat es ein Ohr gekostet.«
»Trotzdem ist es nicht gewiss, dass alle Alchimisten Betrüger sind«, sagte ich beharrlich. »Kannst du mir beweisen, dass es keinen Stein der Weisen gibt?«
Er schwieg und wandte den Blick ab.
»Das … will ich nicht behaupten, Hans. Es gibt ihn, aber unsereiner kann ihn nicht erringen. Der Stein würde nur unser Leben zerstören. Wir wandeln uns in Käfer, die ins Feuer fliegen. Die Alchimie ist eine Kurzweil der Fürsten. Bettler, die im Schein des gelben Lichts stehen, bringt es in die Folterkammern. Es genügt, wenn von irgendeinem Scharlatan behauptet wird, er sei im Besitz des ›Roten Löwen‹, und sofort wird er von irgendeinem König, einem regierenden Fürsten, einem Markgrafen oder Bischof gefangen gesetzt. Der Esel mästet sich dann, frisst sich einen Wanst an, wird in seiner Angst zum Trinker, weil er weiß, dass er nichts weiß, findet tausend Ausflüchte, bis man ihn satt hat und ihm den Kopf vom Rumpf trennt. Natürlich sind nicht alle Betrüger. Einige sind nichts als Narren. Sie glauben, dass sie nur ein einziger Schritt, ein einziger Versuch vom Erfolg trennt, und gehen freiwillig ins Netz, um zu einem Laboratorium, zu wichtigen Materialien zu gelangen …«
»Und die echten … wo sind denn die echten?«, fragte ich gierig.
»Nirgendwo, mein Sohn. Du kannst sie nicht sehen. Sie halten sich verborgen, und sie wissen warum. Überall passen sie sich ihrer Umgebung an und tauchen in der Menge unter. Sie tarnen sich. Du folgst ihren Spuren von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, und stets war gerade einer vor dir da. Er selbst hatte die Transmutation durchgeführt oder von jemandem durchführen lassen, damit das mystische Feuer nicht erlischt, damit in den Herzen der Menschen die quälende Unruhe nicht zum Erliegen kommt … dann war er spurlos verschwunden.«
»Aber warum müssen sie sich tarnen und verschwinden? Sie könnten mächtiger sein als die Könige, und …«
»Eben drum. Sie haben die Folterbank nicht so gern. Ein König duldet nur Diener um sich, der Adept aber ist ein Herrscher. Er hat den fürchterlichsten Tyrannen, den Tod, besiegt. Er ist nicht dafür da, um die leeren Kassen unersättlicher Eroberer und ausschweifender Fürsten zu füllen. Das Goldmachen ist nur die Oberfläche der Alchimie. Die Alchimie ist ein tiefes, tiefes Meer, Hans, und nur den Auserwählten offenbart sie ihr wahres Wesen. Wir aber gehören nicht dazu, das weiß ich heute schon gewiss. Die Adepten, die Gold machen können, machen kein Gold für sich, und sie messen dem Leben, das sie errungen haben, keine Bedeutung zu. Sie haben keine Sehnsucht, sie stellen keine Ansprüche. Ich zittere, wenn ich ans Gold denke, und möchte nur deshalb viele Jahrhunderte lang leben, um mich in allen Sümpfen dieser Welt zu wälzen. Darum … und du sollst es wissen … allein deswegen habe ich kein Ziel erreicht, und auch du, Hans, würdest nie zum Ziel kommen! Du bist mir ähnlich. Du bist unter dem gleichen Zeichen geboren. Schlag dir die Alchimie aus dem Kopf, sonst wirst du zum unglücklichen Streuner, und du wirst auch dies, dein einziges Leben verlieren, anstatt das ewige Leben zu erlangen!«
Doch er konnte sagen, was er wollte, ich war bereits bis in die Tiefe meiner Seele angesteckt. Aus Sebastians Wort hörte ich nichts anderes heraus, als dass das Elixier – Wirklichkeit sei! Und wenn es das Elixier gab, würde ich es mir beschaffen. Was könnte mich davon zurückhalten? Vielleicht der Umstand, dass es Sebastian nicht gelungen war? Mir aber würde es gelingen. Ich durfte nicht sterben, ich musste leben. In Ewigkeit! Ich durfte kein aufgedunsener, stinkender Leichnam werden wie mein bedauernswerter Vater, der in der Sommerhitze innerhalb von Stunden zu verwesen begann. Dieser Gedanke war unerträglich, empörend und niederträchtig!
Sebastian begann immer mehr zu trinken.
»Jetzt saufe ich schon deinetwegen, Hans«, sagte er, wenn ich ihn mit Vorwürfen überhäufte. »Bisher habe ich nur meinetwegen getrunken. Ich sehe, dass du am Ende bist. Wenn ich nur dich durch mein elendes Schicksal hätte erlösen können!«
Ich versuchte ihn zum Einhalten zu bewegen. Ich flehte ihn an, sich nicht zu ruinieren. Ohne ihn könnte ich das Leben mit meiner Mutter keinen Augenblick ertragen. Er weinte – jetzt weinte er immer öfter –, er schwor, er versprach, keinen Alkohol mehr anzurühren. Aber schon am nächsten Morgen musste ich ihn unter dem Spott der Lehrlinge und unter dem rohen Gelächter unserer Gehilfen mit der Schubkarre aus der Schenke heimfahren. Mein Gesicht brannte vor Scham, aber ich biss die Zähne zusammen und blieb standhaft. Selbst wenn er sinnlos betrunken ist, ist das Schwarze unter seinem Fingernagel mehr wert als eure dicken, leeren Schädel. Ihr Narren! Ihr Rindviecher!
Der Tod ereilte ihn im Rausch. Als er regungslos dalag, mit offenem Mund und bärtigem Kinn, grau und ausgemergelt, als ich nicht länger hoffen konnte, dass er sich hustend und spuckend mit fürchterlichem Kopfweh aus seinem Bett hochrappeln, seine blutunterlaufenen Augen mit demütigem Hundeblick zu mir erheben und sagen würde: »Sei still, Hans, bitte, sei still, warum solltest du mir glauben? Ich bin nichts weiter als ein verfaultes Tier, das auf den Misthaufen gehört. Doch hör … es war das letzte Mal! Spuck mich an, wenn ich mich noch einmal betrinke … du wirst schon sehen!«, begriff ich, was es hieß, auf dieser Welt einsam und verlassen zu sein. Ich verkroch mich hinter den Kornspeichern und beweinte Sebastian in bitterer Wut. »Warum nur hat er mich verlassen?« Ich brauchte ihn wie Wasser und Brot. Er hielt den einzigen Faden in Händen, an den ich mich klammern konnte und der zu meinem Ziel führte. Zum zweiten Mal sah ich dem Tod ins Angesicht und wusste, dass ich mich nie damit abfinden würde. Noch vor wenigen Augenblicken war ein Mensch am Leben, lächelte, fühlte und dachte an die Inseln irgendwo im warmen blauen Meer, wo uralte Paläste voller Schätze standen, dachte darüber nach, welche Wesen auf anderen Planeten lebten, erforschte das starre Antlitz des Mondes, erzählte von Zyklopen und Ungeheuern … und streckte sich plötzlich aus und war tot. Seine Fingernägel liefen violett an, sein Körper wurde stocksteif, und auf seinem Antlitz lag ein Lächeln, das stumm war wie die Steine. Nein! Das alles war viel zu gemein und sinnlos! Sebastian hätte noch so viele Gründe gehabt, um zu leben … und ich … ich durfte überhaupt nicht sterben!
Mit zunehmendem Alter wurde meine Mutter immer unerträglicher. Ihre Gefühle und Leidenschaften brachen immer hemmungsloser durch. Unsere Gehilfen spotteten offen über ihre Schliche, mit deren Hilfe sie versuchte, sie in ihr Bett zu locken, und nannten sie eine Hure. Jeder, der bereit war, mit ihr ein Verhältnis anzufangen, bildete sich sofort ein, der Herr des Hauses zu sein, und erteilte auch mir seine Befehle. Meine Mutter verliebte sich in einen dieser Gorillas mit haariger Brust und schaufelartigen Händen, und obwohl sie zwanzig Jahre älter war, wollte sie ihn unbedingt heiraten. Ich war mit meinem zukünftigen Stiefvater überhaupt nicht einverstanden. Mir war klar, dass er bei Mutter nur wegen der Mühle Süßholz raspelte, aber die von Leidenschaft getriebene Frau ließ sich nichts sagen. Bei unseren stürmischen Auseinandersetzungen gab sie stets ihrem Liebhaber Recht. Ich steckte damals schon in der Pubertät, ein schlaksiger Junge, ›ein bösartiger Spion‹, der ›auf das Glück seiner Mutter neidisch war‹. Sie nannte mich einen Neidhammel und Egoisten. Ihr Leben lang hatte sie noch keine ruhige Minute gehabt, bei meinem Vater hatte sie nur pausenlos geschuftet, mich hatte sie mit ihrem ›Herzblut genährt‹, und jetzt, da der ›Richtige‹ gekommen war, war ich es, der ihr einen Prügel zwischen die Beine warf. Mir reichte es. Das Haus, die Landschaft, selbst der rauschende Bach konnten mich nicht mehr zurückhalten; alles war mir fremd geworden, als hätte Sebastians entschwundene Seele alle Wärme und allen Glanz mitgenommen. Doch der Staub der Landstraße, den alle die Wagen, die Kutschen und die Wanderer aufwirbelten, stieg wie Goldstaub im Sonnenschein vor mir auf. Eine fieberhafte Unruhe nahm von mir Besitz. Worauf wartete ich noch? Ich hatte das Gefühl, mit jedem Tag, mit jeder Stunde etwas zu versäumen, irgendwo in fernen Gefilden, an neuen Gestaden, unter anderen Menschen. Der heiße Herzschlag von Nürnberg war bis zu uns vorgedrungen. Die Wanderburschen kamen und gingen. Sie brachten Nachrichten, sangen und erzählten. Ich hielt es einfach nicht mehr aus.
Grußlos verließ ich meine Mutter und die Stätte meiner Kindheit. Ich stopfte meinen Rucksack mit Lebensmitteln voll und nahm die Geschichte des Nikolaus Flamel mit.
Ich war achtzehn Jahre alt, als ich nach der freien Stadt Nürnberg aufbrach.
