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Wir schreiben das Jahr 2027.Ein Glaubenskrieg erschüttert die Welt und unmittelbar nach der Erscheinung eines wundersamen Riesen in Jerusalem färben sich die Meere tiefrot. Es regnet Blut vom Himmel und riesige Flutwellen begraben erst die Küstenstädte und dann immer größere Länder auf der ganzen Erde unter sich.In diesem Chaos begegnen sich Brian und Khayra, die sich lieben und hassen lernen, die unsagbares Leid erfahren und deren junge, geschundene Seelen immer lauter nach Vergeltung schreien. Ihre Herkunft und ihr Glaube machen sie zu Feinden und doch führt das Schicksal die beiden jungen Menschen immer wieder zusammen. Sie kämpfen mit ihrem Glauben und ihrem Gewissen in einer Welt, die langsam in den tosenden Fluten des Roten Ozeans versinkt, in der niemand mehr fähig ist, sein Tun zu hinterfragen und in der eine ganze Zivilisation im Begriff ist, sich selbst zu vernichten.Eine mitreißende Geschichte, die Genregrenzen zwischen Fantasy, Dystopie und Thriller einreißt und die näher an der Realität zu sein scheint, als man glauben möchte.
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Seitenzahl: 314
Veröffentlichungsjahr: 2012
Marcel René Klapschus „DER ROTE OZEAN“
© Periplaneta - Verlag und Mediengruppe
Edition Periplaneta, Dezember2011
Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin
www.periplaneta.com - [email protected]
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, mechanische, elektronische oder fotografische Vervielfältigung, eine kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.
Lektorat: Dana Grünzig, Cover: Marcel René Klapschus (Engelmotiv: Scot A. Harvest, P.D.) Satz, Konvertierung: Thomas Manegold, Johannes Schönfeld
Autorisierte E-Book-Version 1.2, ISBN: 978-3-943876-17-8
Ungekürzte digitale Version der Printausgabe (ISBN 978-3-940767-63-9)
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„Wenn der Mensch plötzlich verstummt,
dann stirbt auch ein Teil seiner Seele.
Und der, der sein ganzes Leben lang schweigt,
hat am Ende gar nicht gelebt.“
03. Juni 2027 – Beirut, Libanon
Brian konnte es kaum erwarten. Noch genau vier Tage bis zur Hochzeit seiner Tante. Die letzte Hochzeit, an die Brian sich erinnern konnte, war die seiner Schwester Susanna. Sie lag schon drei Jahre zurück. Aus allen Ecken des Landes waren damals Verwandte gekommen: Großeltern, Cousins und Cousinen und allerlei Personen, denen er nie zuvor begegnet war oder die er allenfalls von Fotos aus dem Familienalbum kannte. Familie – das war für Brian der eher unangenehme Teil einer Hochzeit: Unzählige faltige Hände schütteln und das traditionelle: „Du bist aber groß geworden!“, mit einem gezwungenen Lächeln zu beantworten. Eine lästige Sitte, auf die Erwachsene nie verzichten konnten. Doch diese Hochzeit, das wusste Brian, würde dennoch etwas ganz Besonderes werden: Das erste große Fest in Beirut, seit seine Familie aus Boston in den Libanon gezogen war. Und Feste feiern konnten die Libanesen angeblich wie kein anderes Volk. Zumindest hatte man ihm davon erzählt. Die mit Gold umrandete Einladungskarte, die man ihnen geschickte hatte, versprach ein üppiges Buffet und ein großes Feuerwerk am Ende der Feierlichkeiten und es sollte diese Hochzeit zu einem unvergesslichen Ereignis machen.
Vom Bräutigam, seinem „neuen“ Onkel, wusste Brian hingegen nur wenige Einzelheiten, die er aus den Gesprächen seiner Eltern aufgeschnappt hatte: Er hieß Amir und war seit zwei Jahren Witwer. Seine Ehefrau wurde bei einem Raubüberfall getötet. Mit sechs Messerstichen hatte der Täter sie auf offener Straße erstochen. Mitten im Islamischen Viertel der Stadt. „Das Islamische Viertel“ – Brian musste jedes Mal den Kopf schütteln, wenn er an diesen seltsamen Ausdruck dachte. Vieles war in seiner neuen Heimat anders als früher. Natürlich hatte man auch in Amerika bestimmte „Viertel“ unbedingt zu meiden. Doch Beiruts „Islamisches Viertel“ hatte nichts mit den verwahrlosten Slums amerikanischer Großstädte zu tun, vor denen die amerikanischen Lehrer damals aufgrund der hohen Kriminalitätsrate immer wieder gewarnt hatten. Im Gegenteil: Er lebte gern in dem Viertel. Jeden Donnerstag schlenderte er mit seiner Mutter über den Markt und staunte über das reichhaltige Angebot an exotischen Obst- und Gemüsesorten und Gewürzen, von dem ihm nach fast einem Jahr in Beirut noch immer einiges sehr fremd geblieben war. Die Händler auf dem Markt waren immer besonders freundlich zu ihm. Nicht selten kam es vor, dass man ihm mit einem Augenzwinkern ein paar Süßigkeiten oder Früchte in die Hand drückte. Eigentlich war er mittlerweile schon ein bisschen zu alt dafür, doch Zuhause gab es wenig Süßes und so nahm er die kleine „Spende“ gern dankend an. Wie konnte in solch einem friedlichen Viertel mit seinen netten Bewohnern eine wehrlose Frau auf offener Straße niedergestochen werden? Aber schlechte Menschen gab es überall, dachte Brian. Im Libanon war jedoch besondere Vorsicht geboten, egal wie sicher sein Heimatviertel auch zu sein schien. Bereits jetzt bekam er ein flaues Gefühl in der Magengegend, als er daran denken musste, was ihnen heute noch bevorstand: Er und seine Eltern würden nach Jerusalem fahren, nach Palästina zu seinem Großvater und seiner Großmutter.
„Palästina“, murmelte Brian vor sich hin. Ein gewichtiges Wort. Zuhause in Amerika sprach man jedoch lieber von „Israel“. Brian wusste, warum. Und jedes Kind im Nahen Osten auch. Die Lage war noch immer kompliziert. Doch egal, welches der beiden Wörter auch verwendet wurde: Jedes Mal, wenn jemand es laut aussprach, wurden schreckliche Erinnerungen in ihm wach. Erinnerungen an jenen Sommer, als sie noch in Chicago lebten und in den Ferien das erste Mal seine Großeltern in Israel besuchten.
Ihr Wagen war der Sechste in einer langen Schlange vor der Grenzabfertigung. Die Autos vor ihnen standen plötzlich lichterloh in Flammen. Brian schrie und weinte, als die Überreste der Toten vor seinen Augen aus den Trümmern gezogen wurden.
»Sieh nicht hin!«, befahl seine Mutter ihm. Zu diesem Zeitpunkt war er erst neun Jahre alt. Die Reise zu den Großeltern sollte eine Geburtstagsüberraschung für ihn sein. Im Laufe der Jahre hatte er versucht, die schrecklichen Bilder des Bombenanschlages zu vergessen, doch es gelang ihm nicht.
»Brian? Wir sind dann soweit«, schallte es durch den Korridor. Brian schulterte seine kleine Reisetasche und folgte seiner Mutter nach draußen, wo sein Vater bereits mit laufendem Motor auf sie wartete. Missmutig stopfte er seine Tasche in den Kofferraum und nahm auf dem Rücksitz Platz. Schon, als er den Gurt in das Schloss führte, spürte Brian, wie sich sein Magen krampfhaft zusammenzog.
»Hey Brian, das wird schon werden, was?«, scherzte sein Vater, während seine Mutter auf dem Beifahrersitz aufmerksam die Reisepapiere kontrollierte. Brian war nicht nach Scherzen zumute. Er fühlte sich schlecht. Reflexartig wanderten seine Augen über den kleinen Sprung in der oberen linken Ecke der Windschutzscheibe. Jedes Mal, wenn sie Richtung Süden fuhren, fixierten seine Augen genau diese Stelle. Er bekam Angst vor dem, was damals vor sechs Jahren passiert war.
»Lieber Gott! Hoffentlich geht diesmal alles gut!«, murmelte er.
03. Juni – Jerusalem, Israel
Die Fahrt dauerte an diesem Tag in Wahrheit nur wenige Stunden, doch Brian fühlte sich danach, als wären sie drei Tage unterwegs gewesen. Klitschnass geschwitzt kroch er aus dem Auto. Erst, als er tief Luft holte, merkte Brian, dass es draußen noch wesentlich heißer war, als im Wagen. Selbst die beste Klimaanlage konnte einfach nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass sich das Klima in den letzten Jahren extrem verändert hatte.
»Vierzig Grad! Die Strafe Gottes, meine Lieben!«, rief eine vertraute Stimme hinter ihm. Brian drehte sich um: Es war sein Großvater.
»Immer hereinspaziert«, schnaufte er und wischte sich mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn. Seine Großeltern lebten schon länger hier, doch auch ihnen machte die extreme Hitze sichtlich zu schaffen.
»Lass doch die Koffer drin, Lloyd. Kommt erst einmal rein!« Brians Vater nickte resignierend und schob den schweren Koffer zurück in den Kofferraum. Eine kluge Entscheidung, dachte Brian. Jede weitere Sekunde in der prallen Sonne wäre eine Tortur gewesen. Als sie das Wohnzimmer betraten, wurden sie von Großmutter und dem Surren von gut einem halben Dutzend Ventilatoren begrüßt.
»Na, ich glaube, ich biete euch lieber ein Eis statt Kaffee an«, sagte sie schmunzelnd und verschwand kurz darauf in der Küche.
Brians Vater wandte sich indes dem Großvater zu, der auf dem Sofa zwischen all den Ventilatoren Platz genommen hatte. »Ist bei euch alles ruhig?«
Brians Großvater lachte. »Ruhig? Ruhig ist es in dieser Stadt schon seit über 2000 Jahren nicht mehr, Lloyd. Aber was soll’s, so steht mehr in der Zeitung, nicht wahr?«
Brian schmunzelte. Sein Großvaters besaß einen oft sehr zynischen Humor, ja manchmal etwas zu zynisch für seinen Geschmack. Aber es war die beste Einstellung, um in diesem Land nicht verrückt zu werden. Vermutlich half es, um nicht in panischer Angst auf gesprungene Windschutzscheiben zu starren, dachte er.
»Ihr müsst euch beeilen. Es schmilzt sofort.« Brians Großmutter drückte ihrem Enkel einen großen Eisbecher in die Hand. Vanille-Eis mit Orangenscheiben, für Brian gab es bei dieser Hitze nichts Schöneres auf der Welt. Und so dauerte es keine fünf Minuten, bis er den Becher geleert hatte.
»Ich glaube, wir warten mit den Einkäufen bis morgen, oder?«, schlug Brians Großmutter vor.
»Gute Idee, es soll ja etwas kühler werden«, antwortete seine Mutter. »Viel brauchen wir nicht.«
Brians Großmutter ließ ihren Eisbecher sinken und blickte etwas verlegen zu Boden. »Es ist wirklich nett von euch, dass ihr uns zu der Hochzeit mitnehmt. Seit wir das Auto nicht mehr haben –«
Brians Vater schüttelte den Kopf. »Ach was, Karen. Das ist doch selbstverständlich. Wir sind immer für euch da, auch wenn die Anfahrt aus Beirut etwas dauert.«
Brians Großvater musste grinsen. »USA – Israel – Libanon. Jaja, die Familie Mallouf lebte schon immer gern über den ganzen Kontinent verstreut. Da machen es ein paar Autostunden mehr auch nicht schlimmer«, witzelte er. Dann wandte er sich an seinen Enkel: »Und? Hast du dich gut in der Schule eingelebt, Brian? Das erste Jahr ist fast rum.«
Brian hatte mit solch einer Frage gerechnet. Doch er merkte, dass er eigentlich nicht recht wusste, wie er darauf am Besten antworten sollte. »Es … es geht. Mit der Sprache komme ich gut zurecht und –«, kam Brian ins Stocken. Er wusste, wie viel seinen Eltern und Großeltern der Libanon bedeutete, schließlich war es das Heimatland seiner Vorfahren. Am liebsten hätte er offen gesagt, dass er die unbeschwerte Zeit in Amerika vermisste. Ja, dass er gern sofort dorthin zurückkehren würde, wenn er könnte. Aber Brian wusste, dass er diese Gedanken besser für sich behielt. Er wollte seine Großeltern nicht kränken. Wenn er erst einmal Volljährig wäre, könnte er ohnehin selbst entscheiden, wohin er gehen würde. Seine Schwester hatte bereits am Tag ihrer Hochzeit eine Wahl getroffen: Sie war in den USA geblieben, trotz aller Vorbehalte ihres Vaters.
»Schön, dass es dir in der Heimat so gut gefällt«, meinte Brians Großmutter zufrieden.
Einzig sein Großvater schien ihn durchschaut zu haben. Unauffällig zwinkerte er Brian zu und forderte die Runde sogleich dazu auf, doch zum eigentlichen Thema zu kommen, der Hochzeit von Tante Sandra und Amir. »Übermorgen ist es so weit, unsere Sandra will es noch ein Mal wissen. Ich habe meinen besten Anzug vorgestern frisch aus der Reinigung holen lassen. Habt ihr für den Jungen schon etwas Passendes?«
Brians Mutter nickte. »Schuhe fehlen noch, aber die können wir morgen besorgen, bevor wir zum Markt fahren.«
Brian stöhnte, natürlich war ihm klar, was das bedeutete.
»Tja, jemand wird wohl morgen nicht ausschlafen können, was?«, ulkte sein Großvater schadenfroh.
04. Juni – Jerusalem, Israel
Es war erst sieben Uhr in der Früh, als Brian, seine Mutter und Großmutter den Markt von Jerusalem, genannt „Mahane Yehuda“, erreichten. Doch wie sich herausstellte, waren sie nicht die einzigen Besucher, die in den kühlen Morgenstunden noch rasch ihre Einkäufe erledigen wollten, bevor die Mittagssonne den Aufenthalt im Freien fast unmöglich machte.
Da Brian und seine Mutter des Hebräischen nicht mächtig waren, übernahm wie immer seine Großmutter das Feilschen mit den Markthändlern. Doch dazu kam es erst einmal nicht. Vor dem Gemüsestand herrschte solch ein Andrang, dass sie warten mussten. Brian war genervt. Am liebsten hätte er gesagt, »Lasst uns einfach in den nächsten Supermarkt gehen und dann schnell zurückfahren.«
Aber Brian wusste, dass er kaum eine Chance haben würde, sich gegen diese Tradition durchzusetzen. Und der Einkauf frischer Zutaten auf dem „Mahane Yehuda“-Markt war nun einmal eine davon.
Nach einer guten Viertelstunde kamen sie endlich an die Reihe. Brians Großmutter wechselte mit dem Händler ein paar Worte, die er nicht verstand und deutete auf ein paar Karotten und Salatköpfe, die von den ersten heißen Sonnenstrahlen an diesem Morgen noch verschont geblieben waren.
Warum seine Großmutter unbedingt heute Gemüse kaufen musste, blieb Brian schleierhaft. Er hätte sich am Abend auch mit einem Butterbrot begnügt, doch seine Großmutter sah das vermutlich anders und so wechselten zwei volle Tüten Gemüse den Besitzer. Brians Großmutter nahm ihre Geldbörse aus der Handtasche und wollte gerade das sorgsam ausgewählte Gemüse bezahlen, als der Boden unter ihnen plötzlich zu beben begann.
»Ein Erdbeben?«, fragte Brians Mutter überrascht.
»Ich weiß nicht«, erwiderte Brians Großmutter. »Ein solch starkes Beben hat es hier noch nie gegeben.«
Der Händler fing inzwischen mit Mühe die am Morgen sorgsam platzierten Tomaten wieder ein, die nun kreuz und quer über den Tisch tanzten. Brian spürte, dass etwas nicht stimme. Ein grollendes Geräusch war aus der Ferne zu hören, ein bedrohliches Grollen, das immer lauter zu werden schien. Die ersten Markthändler begannen damit, eilig ihre Waren zu verstauen und die Stände abzubauen.
»Um Himmels willen, was ist nur los?«, schrie Brians Mutter aufgelöst, um das laute Grollen zu übertönen.
Es verging keine Sekunde, bis die riesige Menschenmenge, die eben noch gemütlich ihren Einkäufen nachgegangen war, panisch durcheinanderlief. Aus der Richtung, aus der das Grollen zu hören war, näherte sich eine riesige leuchtende Kugel dem Markt. Brian spürte, wie das Adrenalin durch seinen Körper schoss. War das etwa eine Rakete? Egal, sie mussten weg. Hastig sah er sich um, doch in dem Meer aus Menschen hatte Brian binnen Sekunden jede Orientierung verloren. Dann spürte er, wie eine Hand nach ihm griff. Seine Mutter zog ihn direkt hinter die Reihe der Gemüsestände, um von der Menge nicht niedergetrampelt zu werden.
Nach einigen Sekunden verstummten die Schreie der Marktbesucher. Auch das laute Grollen war nicht mehr zu hören. Irgendetwas musste passiert sein. Etwas Außergewöhnliches, das die Menschen trotz ihrer panischen Angst augenblicklich erstarren ließ. Brian nahm seinen ganzen Mut zusammen und lugte unter dem Gemüsestand hervor. Was er sah, verschlug ihm tatsächlich den Atem: Auf der nun fast menschenleeren Mitte des Marktplatzes stand ein riesiges Wesen, das selbst die höchsten Kirchtürme der Stadt um einige Meter überragte. Der Kopf der menschenähnlichen Riesengestalt war hell erleuchtet. Brian konnte das Gesicht des Wesens kaum erkennen. Er sah einzig ein reich verziertes Gefäß, das der Riese in seinen gewaltigen Händen emporhielt.
Die zuvor in Panik geratenen Marktbesucher beruhigten sich etwas und warteten, wenn auch in gebührendem Abstand hinter der Reihe von Gemüseständen, unter denen er, seine Mutter und Großmutter Deckung gesucht hatten. Es war jetzt absolut still. Niemand bewegte sich, oder gab auch nur einen Ton von sich. Nur das leise Murmeln einer einzelnen Person war zu hören. Brian drehte sich um. Es war ein Priester. Er kniete mit gefalteten Händen auf dem Boden und flüsterte das Vaterunser. Brian war verwirrt.
»Bitte habt keine Angst vor mir. Ich komme im Namen des allmächtigen Schöpfers. Lasst euch sagen, großes Unheil steht euch bevor«, sprach der Riese. Seine kräftige Stimme ließ das Pflaster des Marktplatzes erzittern.
Brian konnte noch immer nicht glauben, was vor sich ging. Wie versteinert stand er hinter dem Tisch des kleinen Gemüsestandes und schaute zu dem seltsamen Wesen auf, dessen Haupt noch heller als die Sonne zu leuchten schien. Allein der reich verzierte Kelch in seinen Händen war so groß wie die Kuppel einer der Moscheen, die er aus Beirut kannte. Das Ganze kam Brian vor wie ein Traum. Plötzlich erwachte die Menschenmenge aus der Starre. Ein schwarz gekleideter Mann erschien auf dem Marktplatz und stürmte direkt auf den Riesen zu.
»Brian!« Seine Großmutter packte ihn an der Schulter und riss ihn zu Boden. Ein lauter Knall ließ den gesamten Stand erzittern und klebriger Brei aus Gemüse fegte über ihn hinweg. Brians Ohren waren sofort taub, er schloss die Augen und wartete auf sein Ende.
Doch sie hatten Glück. Der schwere Stahltisch und die vielen davor gestapelten Kartoffelsäcke hatten die Wucht der Explosion gedämpft. Alle drei blieben sie wie durch ein Wunder unverletzt. Als Brian langsam hinter den Überresten des Gemüsestandes hervorrobbte, traute er seinen Augen nicht. Der Riese krümmte sich vor Schmerz, stieß einen gewaltigen Schrei aus. Brian konnte deutlich sehen, dass er schwer verletzt war. Unmengen von Blut schossen aus einer großen, klaffenden Wunde in seiner Brust und sein ganzer Körper begann allmählich durchsichtig zu werden.
Ein paar Sekunden dauerte dieses Schauspiel, dann verstummten die Schreie des unbekannten Wesens. Er löste sich vollständig in Luft auf. Der große Kelch, den er eben noch in den Händen gehalten hatte, krachte auf das harte Pflaster des Marktplatzes und hinterließ einen riesigen Krater, dessen Vertiefung sich allmählich mit dem Blut füllte, das der Riese auf dem Pflaster des Marktplatzes hinterlassen hatte. Der hintere Teil des Platzes glich einem Schlachtfeld. Überall kauerten verletzte Menschen an den Hauswänden, unzählige Leichen säumten das Pflaster. Als Brian das laute Geheul von Sirenen hörte, vermutete er, dass es Hunderte Tote gegeben hatte. Er selbst verdankte sein Leben einem Stahltisch und einem Sack Kartoffeln. Sein Großvater hätte an seiner Stelle sicher Witze darüber gerissen, dachte er. Doch ihm war nicht nach Lachen zumute. Was immer er an diesem Tag auch gesehen hatte, war mehr als nur ein Attentat. Doch was war hier überhaupt geschehen?.
»Lass uns nach Hause fahren.« Er spürte, wie sich die zittrige Hand seiner Mutter auf seine rechte Schulter legte.
»Was war das, Mom?«, fragte Brian.
Sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht, mein Kind, ich weiß es wirklich nicht.«
05. Juni – Jerusalem, Israel
Die Kontrollen an der libanesischen Grenze dauerten an diesem Tag besonders lange. Brian kam es beinahe so vor, als ob jeder in Israel zur Hochzeit seiner Tante fahren wolle. Erst nach über einer halben Stunde quälend langer Wartezeit erreichten sie das israelische Grenzhäuschen.
»Ganz schön viel zu tun heute!«, sagte Brians Vater zu dem jungen Grenzwärter, als er diesem die Papiere übergab.
»Allerdings«, antwortete der Wärter mit einem Grinsen und wischte sich mit dem Ellenbogen den Schweiß von der Stirn. »Haben Sie kein Radio gehört? Im Iran ist mal wieder der Teufel los.« Der israelische Grenzer gab Brians Vater die Papiere zurück. »Wenn die Iraner wirklich einmal ernst machen, sind Sie im Libanon vielleicht ganz gut aufgehoben. Hier in Israel sieht es für uns schlechter aus. Naja, aber was soll ich machen? Ich habe schließlich meine Pflicht zu erfüllen. Eine gute Fahrt wünsche ich Ihnen.« Mit diesen Worten verabschiedete sich der Grenzer und gab seinem Kollegen im Wärterhaus das Zeichen, den Schlagbaum hochzufahren.
»Was ist los?«, wollte Brian von seinem Vater wissen.
»Offenbar wieder irgendeine leere Drohung aus dem Iran gegen Israel. Als ich in deinem Alter war, Brian, stand das auf der Tagesordnung. Doch in all den Jahren ist nie wirklich etwas passiert. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.«
Vater hatte leicht reden, dachte Brian. Es war gerade erst vierundzwanzig Stunden her, als er fast Opfer eines Anschlags geworden wäre und er meinte, man brauche sich keine Sorgen zu machen. Es war dasselbe Verhalten, das seine Eltern immer an den Tag legten, wenn etwas Schreckliches passiert war: Es wurde verdrängt und nicht darüber gesprochen. Dabei wünschte sich Brian so manches Mal jemanden, mit dem er über seine furchtbaren Erinnerungen hätte reden können. Doch jetzt verhielten sie sich genauso wie nach dem Anschlag an der Grenze. Seine Eltern unterhielten sich danach mit seinen Großeltern nur noch über belanglose Dinge, das Autoradio samt unliebsamer Nachrichtensendungen blieb während der gesamten restlichen Fahrt ausgeschaltet, und einzig der große Sprung in der Windschutzscheibe erinnerte daran, wie tiefe Spuren dieser Vorfall hinterlassen hatte. Brian hatte von all dem genug. Er sehnte sich zurück nach Amerika. Das stand seit dem heutigen Tage für ihn fest. Noch gut zwei Jahre würde er warten müssen, dann wurde er endlich achtzehn und konnte seinen Wohnort selbst wählen.
Während es bereits vorgestern unerträglich heiß im Auto gewesen war, schien es an diesem Morgen noch unerträglicher zu sein. Auf den Straßen ging es noch dazu derart schleppend voran, dass so gut wie kein Fahrtwind den Weg ins Fahrzeuginnere fand. Egal, was die Politiker auch versprachen, jedes Jahr nahm die Hitze zu. Ob in ihrem alten Zuhause in den USA, in Israel oder sonst wo auf der Welt, das Klima geriet zunehmend aus den Fugen. Manchmal fragte sich Brian, wo all das noch hinführen sollte. Seinem Mathelehrer zufolge wäre in zwanzig Jahren alles vorbei: Zuerst starben die Pflanzen, dann die Tiere und danach der Mensch, hatte er ihnen erzählt. Die Klimaerwärmung als einfache mathematische Rechnung. Doch Brian glaubte nicht an die Weisheiten der Mathematik. Kein Mathematiker konnte erklären, was er gestern auf dem Marktplatz gesehen hatte. Nicht einmal die sonst so allwissenden Philosophen waren imstande, die Erscheinung des geheimnisvollen Riesen zu deuten.
Brian war sich sicher, es musste etwas Übersinnliches sein. Etwas, das Formeln und Gesetzmäßigkeiten nicht annähernd beschrieben. Die ganze Nacht lang hatte er sich den Kopf darüber zerbrochen. Der Riese hatte gesagt, dass er vom allmächtigen Schöpfer geschickt wurde. War er vielleicht wirklich dessen Gesandter? Ein Prophet?
Propheten kannte er nur aus der Bibel und dem Koran. War er etwa Jesus oder Mohammed begegnet? Brian konnte keine klaren Schlüsse ziehen. Es war einfach unmöglich. Niemand, und schon gar nicht er selbst, wäre in der Lage, einen Jesus oder Mohammed zu erkennen, selbst wenn er direkt vor ihm stünde. Die heutigen Darstellungen stützten sich lediglich auf ein paar Überlieferungen, von denen niemand recht wusste, ob sie stimmten. In seiner alten Heimat gab es schon genug Verrückte, die mit falschem Bart und Megaphon durch die Straßen der Stadt zogen und als Jesus das Ende der Welt ausriefen. War am Ende alles doch nur eine makaber inszenierte Show? Brian war sich nicht sicher. Vermutlich verhinderte die Hitze, klar darüber nachzudenken, dachte er und angelte eine Flasche Mineralwasser aus der kleinen Kühltasche, die unter dem Vordersitz platziert war. Zu seiner Enttäuschung hatten die Kühlelemente der enormen Hitze nichts entgegensetzen können. Das Wasser war bereits lauwarm.
»Es gibt ja bald etwas Richtiges zu trinken«, sagte Brians Großvater, der sich sichtlich darüber zu amüsieren schien, wie Brian angewidert das Gesicht verzog. »Noch ein paar Minuten in diesem rollenden Backofen und wir sind endlich da.«
05. Juni – Beirut, Libanon
Es war eine typisch amerikanische Traumhochzeit, die Brian und seine Familie bei der Vermählung zwischen Tante Sandra und dem muslimischen Kioskbesitzer Amir geboten wurde. Brian überraschte die Aufgeschlossenheit von Amirs Familie, mit der sie die christliche Bilderbuchhochzeit über sich ergehen ließ. Doch vermutlich hatte diese kitschige Hochzeits-Inszenierung inzwischen genauso wenig mit dem Christentum gemein wie mit dem Islam und funktionierte daher vielleicht als guter Kompromiss, dachte Brian.
Nachdem sich Amir und Sandra in der Kirche das Ja-Wort gegeben hatten, begann die große Feier im eigens angemieteten Ballsaal erst richtig. Um die reich gedeckten Buffetplatten fanden sich mehr als sechzig Männer, Frauen und Kinder ein, die lebhaft miteinander diskutierten oder sich die Bäuche mit allerhand fettigen Speisen vollschlugen.
Brians Vater plagten unterdessen andere Sorgen: Susanna, Brians Schwester, war nicht gekommen. Schon unterwegs hatte er vergeblich versucht, sie mit dem Handy zu erreichen. Eigentlich hätten sie und ihr Mann Christian bereits vor drei Stunden mit dem Flugzeug in Beirut landen sollen. Endlich, nach ein paar Versuchen, klappte die Verbindung:
»Susanna, ich bin’s. Wo seid ihr? Habt ihr euren Flug verpasst?« Brian konnte seinem Vater am Gesicht ablesen, dass etwas nicht stimmte.
»Habt ihr die Botschaft kontaktiert?« Sein Vater wirkte sichtlich angespannt. »Susanna? Bist du noch dran?« Schließlich gab er auf und steckte das Handy wieder ein.
»Was ist los?«, fragte Brians Mutter besorgt.
»Susanna und Christian sind in Griechenland und warten auf ihren Rückflug in die Staaten.«
Brians Mutter schüttelte ungläubig den Kopf. »Soll das heißen, sie fliegen wieder zurück?«
Brians Vater nahm einen tiefen Schluck aus seinem Weinglas, bevor er antwortete. »Man hat ihre Visa angeblich für ungültig erklärt, genau wie die aller anderen Passagiere. Die Maschine muss in die USA zurückkehren. Mehr weiß ich nicht, die Verbindung brach leider ab. Ich werde noch einmal nach draußen gehen und es dort erneut versuchen.« Mit diesen Worten sprang Brians Vater auf und eilte an den vielen Gästen vorbei nach draußen.
»Verzeihung, ist hier noch frei?« Ein Mann erschien mit seiner Frau und Tochter am Tisch und deutete mit dem Finger auf die drei leeren Stühle rechts von Brian.
»Ich ... ich denke schon«, erwiderte Brian verwirrt. Er hatte die Leute nicht hereinkommen sehen. In Gedanken hing er noch immer dem merkwürdigen Anruf seiner Schwester Susanna nach.
»Mustafa, ich bin der Bruder deines neuen Onkels Armir. Das ist meine Frau Munira, und hier meine Tochter Khayra.«
Nachdem Brian seiner neuen Verwandtschaft artig die Hände geschüttelt hatte, kam Brians Vater auch schon zurückgeeilt. »Nichts, einfach keine Verbindung. Vielleicht sind sie schon wieder in der Luft«, keuchte er außer Atem.
»Da, es geht los!«, hörte Brian eine aufgeregte Stimme vom Nachbartisch rufen. Wie auf Kommando richteten sich die Blicke der Gäste auf das Tanzparkett vor der großen Bühne: Während eine Band ihre ersten orientalischen Klänge zum Besten gab, war Brians Tante mit dem frisch vermählten Ehemann vor der Bühne erschienen. Einer Hollywood-Inszenierung gleich wurde das Licht im Ballsaal gedimmt und unter großem Beifall der Hochzeitsgäste begann das glückliche Paar, die ersten Tanzschritte des Abends aufs Parkett zu legen.
Für Brian war dies der Gipfel der ohnehin schon viel zu kitschigen Hochzeit. So sehr er sich auch schon an die vielen Eigenarten dieses Landes gewöhnt hatte, so sehr hatte er seine Schwierigkeiten mit der nervtötenden orientalischen Musik, die ihn, seit sie hier lebten, überall verfolgte. Selbst seine Eltern schienen sich insgeheim eingestanden zu haben, dass diese Musik auch für ihren amerikanischen Geschmack doch etwas zu exotisch war, obwohl sie sonst fast alles, was mit ihrem alten Heimatland in Verbindung stand, um jeden Preis verteidigten. Nach und nach zog es dann aber doch fast alle Gäste auf die Tanzfläche. Brians Eltern und Großeltern mit eingeschlossen.
Es war einer der Momente, in denen sich Brian fremd fühlte. Da standen libanesische Christen und Moslems Arm in Arm auf der Tanzfläche, während er, halb Amerikaner halb Libanese, sich weder dem Kitsch seines Heimatlandes noch der libanesischen Dudelmusik hinzugeben vermochte. Manchmal, wenn er in der Schule über die vielen blutigen Kriege auf libanesischem Boden las, fragte er sich, was speziell diese Menschen in diesem Land auseinandergetrieben hatte. Vermutlich wäre es Susanna ähnlich ergangen, dachte Brian. Vielleicht war es gut, dass ihr Flug in den Libanon abgesagt worden war, denn diese Hochzeit war ganz anders als die seiner großen Schwester. Schlimmer noch, als die scheußliche Musik aber war, dass niemand seines Alters hier mitfeierte, zumindest niemand, den Brian kannte oder kennenlernen wollte. Nun saß er hier, schaute einer Vielzahl alter Leute beim Tanzen zu und wusste nicht recht, was er mit sich anfangen sollte. Schließlich fiel sein Blick auf einen Stapel Bierdeckel, der in der Mitte des Tisches lag. Eine kleine Burg aus Pappdeckeln zu bauen, wäre nicht sonderlich spannend, aber zumindest eine Beschäftigung, dachte er. Doch noch bevor Brian nach dem Stapel greifen konnte, merkte er, dass ihm jemand auf die Schulter tippte.
»Hey Brian, gehen wir nach draußen?«, fragte Khayra, das Mädchen, das mit ihren Eltern neben ihm saß. Brian war überrascht, dass sie seinen Namen noch wusste. Überhaupt klang dieses „Hey Brian“ fast so, als würde sie ihn schon eine Ewigkeit kennen.
»Ja, lange halte ich es hier nicht mehr aus«, antwortete Brian. Nach draußen zu gehen erschien ihm allemal besser, als die nächsten Stunden im Ballsaal zu verharren und Pappburgen zu bauen, dachte er. Nachdem Khayra ihr Glas Orangensaft in nur einem Zug geleert hatte, standen beide auf und gingen zur Tür, die zum Garten des Anwesens führte.
Die Nacht war sehr mild und fast vollkommen windstill. Bänke oder Stühle gab es im Garten nicht, also ließen sie sich auf den Mauern eines großen steinernen Springbrunnens nieder, der sich genau in der Mitte der großen Gartenanlage befand.
Da sie nicht wussten, worüber sie sich unterhalten sollten, vertrieb sich jeder die Zeit auf seine Weise. Während Khayra versuchte, die vielen Sternbilder am Himmel zu deuten, bemühte sich Brian vergeblich, mit bloßen Händen einen der vielen Fische im Brunnen zu fangen.
»Wie alt bist du?«, fragte Khayra, ohne dabei ihren Blick von den Sternen zu lassen. »Sechzehn. Und du?«
Khayra drehte sich zu ihm um und lächelte ihn an. »Fünfzehn.« Erst jetzt erkannte Brian, wie schön dieses Mädchen war.
»Ich kann es kaum erwarten, achtzehn zu werden«, sagte Brian. »Dann will ich endlich weg von hier –«
Khayra schmunzelte. »Amerika, nicht wahr?« Brian nickte.
»Was willst du dort?«
»Ich, ich weiß es nicht. Ich glaube –«, stammelte er. Er wusste nicht, was er ihr antworten sollte. Als ihm schließlich doch etwas Passendes einfiel, hatte Khayra sich bereits weggedreht und ihren Blick erneut zum Himmel gerichtet, um in den Sternbildern zu lesen.
»Ich glaube, du hast Angst«, flüsterte sie. Brian erstarrte. Er kannte dieses Mädchen erst seit wenigen Minuten und doch schien es, als könne sie in ihn hineinsehen wie in einen Spiegel.
»Ich habe keine Angst«, entgegnete Brian ihr energisch. Dabei merkte er selbst wie lächerlich seine Worte klangen.
»Mein Vater hat mir erzählt, dass du gestern in Jerusalem gewesen bist, als der Riese erschienen ist«, sagte Khayra. Brian war irritiert. »Woher weißt du das alles?«, fragte er sie offen heraus.
Khayra musste lachen. »Es stand heute in jeder Zeitung, Brian. Es ist sogar ein Foto von dir drin. Du musst ganz schönes Glück gehabt haben. Erzähl schon! Wer hat den Riesen getötet?«
Brian war nicht sicher, ob dieses Mädchen ihn auf den Arm nehmen wollte oder wirklich eine ernste Antwort von ihm erwartete. »Ich weiß es nicht. Ich weiß noch nicht einmal –« Ein lautes Grollen schnitt Brian das Wort ab.
»Sieh doch, da oben!«, rief Khayra und zeigte mit dem Finger auf vier kleine leuchtende Punkte, die sich dem Horizont näherten. »Was kann das sein?« Sie sprang auf und kletterte auf die Seitenmauer des Springbrunnens, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen.
»Kannst du etwas sehen?«
»Ja. Die Punkte sind verschwunden, aber es blitzt und donnert überall am Horizont.« Brian schüttelte den Kopf. »Ein Gewitter. Dann müssen wir wieder hineingehen«, stellte er enttäuscht fest. Bei einem Gewitter fühlte sich Brian unwohl im Freien. Das Blitzen, das laute Krachen, all das erinnerte ihn an den Anschlag vor sechs Jahren. Der unerklärliche Vorfall auf dem Marktplatz hatte seine Furcht nun zusätzlich angefacht. »Khayra, kommst du?« Brian fiel es schwer, seine Nervosität vor ihr zu verbergen, doch er wollte hier nicht länger bleiben. »Was ist nun?«
»Warte doch noch, Brian!«
Dieser wollte neben Khayra auf den Brunnen klettern, doch eine gewaltige Druckwelle riss ihn augenblicklich zu Boden. Er spürte, wie Khayra auf ihn geschleudert wurde und sich fest an ihn klammerte. Ein Sturm aus Betonsplittern und heißem Sand fegte über sie hinweg und nahm Brian augenblicklich die Luft zum Atmen. Die feinen Splitter, die mit hohem Tempo auf sie niederregneten, stachelten auf der Haut und brannten. Brian bekam Angst, dass noch größere folgen könnten. Verzweifelt drückte er Khayra an sich und rollte sich auf die Seite, um den Trümmerregen irgendwie von ihr fernzuhalten. Eine ganze Weile lagen sie so da, bis der Sturm endlich endete und um sie herum wieder Ruhe einkehrte. Nach Luft ringend drehte sich Brian auf den Rücken. Er sah die vielen kleinen Lichter am Himmel, er sah, wie sie in der Dunkelheit tanzten und vor seinen Augen zu verschwimmen begannen. Mit beiden Händen tastete er nach dem Mädchen, das noch immer zitternd in seinen Armen lag. Dann wurde er ohnmächtig.
06. Juni – Beirut, Libanon
»Wach auf, bitte wach doch auf!«, vernahm Brian eine laute Stimme, als er wieder zu sich kam. Er lag noch immer auf dem Rücken und fror am ganzen Körper. Khayra stand über ihn gebeugt und wischte mit einem feuchten Tuch den feinen Staub aus seinem Gesicht. Brian hustete. In der Luft lag der beißende Geruch von verbranntem Plastik. Langsam richtete er sich auf und sah an sich herab. Seine Kleidung war staubig, doch bis auf ein paar Kratzer war er offenbar völlig unverletzt. Was war nur mit ihnen geschehen? Besorgt wandte er sich an das Mädchen.
»Ist bei dir alles in Ordnung?«
Sie sah ihn mit großen Augen an. »Die Fische sind alle tot.« Khayra deutete mit dem Zeigefinger auf den großen steinernen Springbrunnen, neben dem sie Schutz gesucht hatten. Brian blickte hinein, und tatsächlich, die Fische trieben leblos auf der Wasseroberfläche, als hätte jemand den ganzen Brunnen unter Strom gesetzt.
»Da, dort ist noch einer! Muss aus dem Becken gesprungen sein«, schallte es hinter ihm. Brian drehte sich um. Khayra hielt einen kleinen Goldfisch in ihren Händen, der wild hin und her zappelte.
»Lass doch die Fische!« Doch sie hörte nicht auf ihn und warf den Fisch in den Springbrunnen zu seinen toten Artgenossen.
»Sieh doch, er lebt, er lebt«, lächelte Khayra, Tränen liefen ihr dabei über das Gesicht. Dann fiel sie auf die Knie und begann bitterlich zu weinen. Erst jetzt wurde Brian klar, was geschehen war. Um sie herum befand sich ein ödes Nichts. Nur noch die Gerippe der Häuser, keine Straßen, kein Garten, nichts mehr. Von dem luxuriösen Hotel, in dem seine Tante den schönsten Tag ihres Lebens feiern wollte, war jetzt nicht mehr viel übrig. Ein Wunder, dachte Brian, es war ein Wunder, dass sie noch am Leben waren!
»Sie sind alle tot, Mama, Papa, alle!«, schluchzte Khayra. Brian konnte nicht weinen. Erst musste er Gewissheit haben.
»Ich sehe nach«, sagte er zu Khayra, die jetzt laut weinend vor dem Springbrunnen kniete und verzweifelt nach ihren Eltern rief. Es fiel ihm schwer, sie so allein zu lassen, aber er musste mit eigenen Augen sehen, was Khayra offenbar schon längst wusste.
Je näher Brian der Ruine des Hotels kam, desto klarer wurde ihm, dass niemand diese Katastrophe überlebt hatte. Die Einwirkung der Druckwelle auf die nähere Umgebung war so heftig, dass sie das komplette Gebäude weggerissen hatte. Übrig blieb nur das Fundament und das edle hölzerne Tanzparkett, auf dem seine Tante zusammen mit ihrem neuen Mann den ersten Tanz eröffnet hatte.
Einige Meter vor der Ruine blieb Brian stehen. Er konnte nicht weitergehen. Schon aus der Ferne sah er die vielen Toten auf dem Parkett liegen. Er ertrug diesen Anblick nicht. Nicht aus unmittelbarer Nähe. Nun hatte er die Gewissheit: Sein Vater, seine Mutter, seine Großeltern, sie alle hatten keine Chance gehabt. War dies etwa eine Strafe des Schicksals, dass ihn bisher so oft verschont hatte? Brian merkte, wie ihm mit einem Mal übel wurde. Der Wind hatte gedreht. Die Luft roch nach verbranntem Fleisch. Brian schloss die Augen, versuchte durch den Mund zu atmen, doch schließlich übergab er sich.
Nachdem er sich wieder etwas gefangen hatte, eilte er zurück zu Khayra. Diese saß mit leerem Blick auf der steinernen Umrandung des Springbrunnens. Sie hatte aufgehört zu weinen. Brian setzte sich neben sie.
»Sieh doch!« Khayra deutete auf den schwarzen Raben, der vor dem Springbrunnen gelandet war. »Er beobachtet uns.«
Der Rabe machte ein paar Schritte auf den Brunnen zu, blieb genau vor Khayra stehen und musterte sie. Schließlich gab er ein lautes Krächzen von sich und flog davon.
»Hast du noch mehr lebende Fische gefunden?«, flüsterte Brian. Dann brach er in Tränen aus.
06. Juni – Beirut, Libanon
Das Ausmaß der Zerstörung war unbeschreiblich. Brian erkannte die Stadt nicht wieder. Die heftige Explosion hatte die meisten Gebäude bis auf die Grundmauern niedergerissen. Unzählige Leichen lagen auf den Gehwegen, viele von ihnen bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Nur in der Ferne hörten sie vereinzelt Schreie, doch auf Überlebende waren sie bisher nicht gestoßen. Dabei war es leicht geworden, die Stadt zu überblicken. Der Horizont, der sonst durch die vielen hohen Gebäude der Innenstadt verdeckt wurde, erstreckte sich nun fast bis zum Meer.
Es mussten bereits einige Stunden seit Beginn der Katastrophe vergangen sein, doch noch immer loderten überall Flammen aus den Ruinen, die sich unerbittlich durch all das fraßen, was ihre Bewohner einmal besessen hatten. Immer wieder blieb Brian stehen und hoffte, irgendein Anzeichen von Leben in den gewaltigen Bergen aus Schutt und Asche zu erhaschen, doch vergebens. In dieser Hölle würde er niemanden finden. Normalerweise hätten sie die Polizei oder die Feuerwehr alarmiert, dachte Brian. Doch er wusste, dass es hier niemanden mehr gab, der ihnen helfen konnte. Von den herumstehenden Fahrzeugen bewegte sich keines. Ihr Innenleben war samt seiner Insassen bei der Explosion einfach verglüht. Übrig blieben allein stählerne Gerippe, deren Silberhaut leblos in der Morgensonne glänzte.
Brian spürte, wie ein erneuter starker Reiz von Übelkeit ihn überkam. Der Wind hatte gedreht und brachte erneut den üblen Geruch von verbranntem Fleisch mit sich. Er blieb stehen und musste sich übergeben. Als er bemerkte, dass Khayra inzwischen weitergelaufen war, legte er einen kleinen Sprint ein, um wieder zu ihr aufzuschließen.
»Tut mir leid«, murmelte er ihr zu. Doch Khayra antwortete nicht. Es schien, als hätte all das, was passiert war, ihre Stimme gelähmt. Brian erging es ebenso. Seit sie am Morgen aufgebrochen waren, hatten sie kein Wort miteinander gesprochen. Die Ereignisse der Nacht hatten ihnen jeglichen Sinn für die Gegenwart geraubt. Brians Gedanken wanderten unaufhörlich zu seinen toten Eltern, er sah die letzten Sekunden der Feier immer und immer wieder vor seinen Augen... Er musste daran denken, wie sehr er sich über die alberne arabische Musik der Hochzeitsband lustig gemacht hatte und wie deplatziert er sich unter all den „gebürtigen“ Libanesen fühlte. Er wünschte, er hätte sich von ihnen verabschieden können.
Brian fragte Khayra nicht, wohin sie gehen wollte. Es war ihm egal. Nun hatte er kein Ziel mehr. Er war ein Waisenjunge in einem fremden Land, also folgte er ihr.
Nach einer guten halben Stunde hatte Khayra offenbar ihr Ziel erreicht. Sie blieb stehen und ihr Blick schien sich zum ersten Mal, seit sie aufgebrochen waren, etwas aufzuhellen.
»Da ist es«, flüsterte sie und deutete mit ausgestrecktem Arm auf einen stark beschädigten Häuserblock, gut fünfzig Meter vor ihnen.
»Hier wohnst du?« Khayra nickte nur stumm.
Unglaublich, dachte Brian, während ein Großteil der Gebäude dieses Viertels eingestürzt war, schien das Haus von Khayra völlig intakt geblieben zu sein. Doch schon, als sie sich dem Haus näherten, merkte Brian, dass etwas nicht stimmte. Die Eingangstür des Gebäudes stand weit offen und aus dem Inneren hörten sie ein lautes klirrendes Geräusch. Verunsichert blieb er stehen. Khayra, die ein paar Schritt vorausgegangen war, drehte sich zu ihm um.
»Hab keine Angst. Es ist mein Zuhause«, meinte sie entschlossen. Dann drehte sie sich um und ging weiter. Brian seufzte. Ihm blieb keine andere Wahl, als ihr zu folgen.
