Der Ruf der Nachtigall - Vera M. Winter - E-Book

Der Ruf der Nachtigall E-Book

Vera M. Winter

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Beschreibung

Müde und verträumt besucht Elisa jeden Morgen die Oberstufe, wo sie sich zwischen hellem Licht und lauten Geräuschen fehl am Platze fühlt. Nach einem Tag voller Schulstunden und Schmetterlingsgefühlen verbringt sie Ihre Zeit am liebsten allein. Dann betritt ein Fremder ihr Leben und geleitet sie in eine Welt ihrer eigenen, ungezähmten Fantasie. Doch wird Elisa dort bleiben, wo sie allein und frei sie selbst sein kann? Oder wird sie nach Hause zurückkehren, zu den Menschen, die sie liebt?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 432

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Vera M. Winter

Der Ruf der Nachtigall

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vera M. Winter

Widmung

Zehn Jahre Danach

Erster Teil

Prolog

Morgengesang

Herbststürme

Raureif

Skizzen

Vier Verse

Im Dunkeln

Zweiter Teil

Im Licht

Sophie

Der Fremde

Jahreszeiten

Engel

Antworten

Unter Eis

Georg

Alte Märchen

Engelsflügel

Melodien

Grenzen

Sven

Rabenfedern

Spiegelungen

Zurück

Dritter Teil

Kälte

Stille

Veränderungen

Zwei Wochen Später

Epilog

Über die Autorin

Impressum neobooks

Vera M. Winter

DER RUF DER NACHTIGALL

1. Band der Melceia-Reihe

Widmung

Für meine Eltern, in Liebe.

Für Johannes, der immer an mich glaubt.

Und für Dan, der sich diese Geschichte gewünscht hat.

Zehn Jahre Danach

Arian stand am hintersten Gleis des kleinen Bahnhofs und wartete auf den Zug aus der großen Stadt. Die Frühlingssonne schien ihm heiß auf Nacken und Schultern, die anderen Wartenden hatten sich längst in die kühlen Schatten der Bahnhofsdächer hinter ihm zurückgezogen. Er blickte auf seine Uhr. Es war Zeit.

Zuallererst spürte er das vibrierende Zittern der Schienen unter seinen Füßen und nur einen Wimpernschlag später sang das bebende Metall bereits von der Ankunft des herannahenden Zuges. Arian spitzte die Ohren. Und tatsächlich – von dort, wo die schmalen Gleise hinter einer sanften Kurve aus dem Blickfeld verschwanden, wehte das Rat-tat-tat-rat-tat-tat der stampfenden Kolben eines Passagierzuges zu dem kleinen Bahnhof hinüber.

Arian schloss die Augen. Er liebte es, der Welt um ihn herum einfach nur zuzuhören. Er hatte es so sehr vermisst, mit einem eigenen, echten Körper mitten in dieser Welt zu stehen, sie zu erleben und ein Teil davon zu sein, anstatt nur von außen darauf zu blicken. Oh, wie hatte er es vermisst.

Vor seinen geschlossenen Augen donnerte der Zug in den Bahnhof, wurde mit einem Brüllen und einem Fauchen langsamer und kam schließlich mit einem ermatteten Seufzer zum Stehen. Einen Moment lang war es ganz still und die Welt hielt den Atem an, bis sich die Türen der Passagierwagons mit einem Zischen zur Seite schoben und sich die aufgeregten, lachenden und wild durcheinanderredenden Fahrgäste auf den sonnenbeschienenen Bahnsteig ergossen.

Arian öffnete gerade rechtzeitig seine Augen, um zu sehen, wie eine über das ganze Gesicht strahlende Sophie auf ihn zustürmte, bevor sie ihn schon in eine feste Umarmung zog. Völlig eingehüllt in bunte Tücher, ihre weichen Arme und die langen, braunen Locken stand er da und lächelte.

„Es ist viel zu lange her“, rief Sophie, trat einen Schritt zurück und sah von unten zu ihm auf. „Wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen? Es müssen – es müssen ja zehn Jahre vergangen sein, seit ich das letzte Mal hier war!“

Fassungslos schüttelte sie ihre wilden Locken, dann packte sie die zwei schweren Taschen, die sie achtlos auf dem Bahnsteig abgestellt hatte, am Griff und wehrte lachend ab, als Arian die Hand ausstreckte, um ihr zu helfen.

„Lass nur – ich mache das schon.“

Entschlossenen Schritts wandte sie sich dem Ausgang zu. Über ihre Schulter hinweg rief sie:

„Sven lässt grüßen! Die Kinder lassen ihm keine freie Minute, aber er liebt es einfach, du kennst ihn ja.“

Mit schnellen Schritten holte Arian sie ein und lief neben ihr die vielen Treppen zum Ausgang hinunter.

„Die Kinder?“, fragte er überrascht.

Sophie lachte laut.

„Die Kinder aus unserem Projekt! Hat Elisa dir nichts davon erzählt? Es ist eine ganz wundervolle Initiative, Kunst und Sport für vergessene und verlorene Kinder, die vom Weg abgekommen sind, weißt du? Die Arbeit ist wunderschön, Sven liebt es wirklich aus ganzem Herzen.“

Sie lächelte zärtlich.

„Er sagt immer, in der Arbeit mit den Kindern steckt echte Magie, aber von Magie muss ich dir ja nichts erzählen, nicht wahr?“

Mit funkelnden Augen strahlte sie ihn an. Arian lächelte zurück - und nickte.

Sie ließen die kleine Stadt hinter sich und fuhren über gewundene Straßen zwischen blühenden Feldern und hohen Bäumen hindurch. Als sie an dem Abzweig vorbeifuhren, der zu der alten Schule führte, sagte Sophie nichts, doch sie drehte den Kopf und blickte die schmale Schotterstraße entlang, an deren Ende das verblichene Orange des Schulgebäudes zwischen den jungen Blättern der Bäume hindurchschimmerte.

„Wie geht es Elisa?“, fragte sie leise und wandte sich wieder zu Arian um. „Ich freue mich so darauf, sie wiederzusehen. Geht es ihr gut?“

„Ja, es geht ihr gut“, erwiderte Arian nach einem kurzen Zögern. „Sie schreibt viel.“

„Sie schreibt?“ Sophie klang überrascht.

Für einen kurzen Moment wandte Arian den Blick von der Straße ab und sah sie an. Er nickte.

„Es war an der Zeit, alles einmal niederzuschreiben. Zeit, sich zu erinnern. Zeit, daraus zu lernen. Es fällt ihr schwerer als gedacht, sich der Anfänge ihrer Geschichte - “ Er warf Sophie einen weiteren Blick zu. „Sich der Anfänge eurer Geschichte zu besinnen. Sie kann sich nur noch schwer vorstellen, wie normal früher alles war. Wie normal sie früher war.“

„Ja“, erwiderte Sophie leise. „Ja, das glaube ich.“ Sie zögerte. „Schreibt sie - schreibt sie alles auf?“

Arian straffte die Schultern und nickte.

„Es ist zehn Jahre her, dass Elisa unsere Welt als Melceia verlassen hat und in diese Welt zurückgekehrt ist. Zehn Jahre, in denen sich unter den Komutiel viele halbwahre Legenden und Mythen über sie und den Krieg erzählt wurden. Elisa möchte, dass es eine Niederschrift der wahren Geschehnisse gibt. Sie möchte ihre Version der Geschichte erzählen.“

„Die Komutiel?“

„So nennen sie sich jetzt, die so sind wie ich.“ Arian schluckte schwer. „Die so sind, wie ich war“, korrigierte er sich leise.

Er spürte die federleichte Berührung von Sophies Hand auf seiner und wandte das Gesicht ab, damit sie nicht sehen konnte, was in seinen Augen schimmerte.

Als sie an dem alten Haus mit dem großen Garten ankamen, stand Georg im Schatten der Hauswand, den Blick gesenkt. Schwarze Haarsträhnen fielen ihm ins Gesicht und bedeckten die einst so strahlend blauen Augen.

Sophie schien ihn nicht zu sehen. Stattdessen stürmte sie direkt durch die offene Tür ins Innere des Hauses. Arian hörte Lachen und begeistertes Rufen nach draußen dringen, während er die beiden Taschen aus dem Kofferraum hob und sie die wenigen Schritte in den Flur trug. Er stellte sie behutsam auf dem Holzboden ab, dann hielt er zögernd inne, atmete tief ein und trat wieder vor die Tür.

„Du darfst jederzeit hineinkommen, das weißt du, oder?“, sagte er leise.

Georg hob den Kopf und blickte ihn an. Hoffnung und Unwille stritten auf seinem Gesicht.

„Du bist uns willkommen, Georg. Elisa würde sich freuen. Es ist ihre Geburtstagsfeier, sie würde sich wünschen, dass du dabei bist.“

Arian verzog den Mund zu einem kurzen Lächeln, dann wandte er sich ab und ging zurück ins Haus. Er beugte sich zu den beiden Taschen hinunter, um sie die schmale Treppe nach oben zu tragen.

„Überleg es dir“, sagte er leise.

Hinter ihm trat Georg durch die Tür.

Erster Teil

Die ewighelle Schar

will nun ihr Licht verschließen;

Diana steht erblaßt;

die Morgenröte lacht

Den grauen Himmel an,

der sanfte Wind erwacht

Und reizt das Federvolk,

den neuen Tag zu grüßen.

(aus „Morgen Sonett” von Andreas Gryphius, 1650).

Prolog

Der kleine Vogel landete auf einem Zweig vor ihrem Fenster. Der dünne Ast schwankte ein wenig, doch nur für kurze Zeit, dann ragte er wieder still über das Fensterbrett. Durch das Glas konnte der kleine Vogel das Zimmer gut überblicken.

Es war nicht groß, aber sehr gemütlich eingerichtet. An den honiggelben Wänden hingen Bilder, eine Blumengirlande und Fotos. Der Boden war mit hellem Holz ausgelegt, der Raum wirkte warm und freundlich.

An der Rückwand des Zimmers, dicht an das Fenster geschoben, stand ein Bett. Das junge Mädchen, das darauf lag, regte sich kaum. Es atmete langsam und ruhig und hatte die Augen fest geschlossen. Es schlief.

Der kleine Vogel hüpfte ein wenig weiter an dem Ast entlang, um das Bett besser sehen zu können.

Um sie besser sehen zu können.

Nur dafür war er gekommen. Um sie zu sehen, ihr langes helles Haar, ihre blasse Haut, ihre sanften Gesichtszüge. Und um für sie zu singen.

Er öffnete seinen Schnabel und begann.

Zuerst ein hoher, klarer, kurzer Ton. Dann ein tiefer, eine perfekte Oktave darunter, der sich immer weiter und weiter in schwindelerregende Höhen schraubte, bis er in einem gesungenen Trillern endete, kaum noch wahrnehmbar für das menschliche Gehör. Eine kleine Pause, dann wiederholte sich das Motiv, doch diesmal folgten darauf drei langgezogene, seufzende Terzsprünge, ein ganz kurzes Tschiep, einige klackernde Zungenschläge und ein munteres Trillern.

Als er eine Weile weiter gesungen hatte, beendete er den zwitschernden Gesang mit seinem schönsten und höchsten Ton.

Genau in dem Moment schlug das Mädchen im Zimmer ihre Augen auf und der kleine Vogel schloss seinen Schnabel.

Er sah ihr noch einen winzigen Augenblick in ihre wunderschönen dunkelbraunen Augen, dann breitete er seine Flügel aus und die kleine Nachtigall flog davon, der aufgehenden Sonne entgegen.

Morgengesang

Ein kleines Ti-ri-li drang aus der Wirklichkeit in meine Träume. Ein zweites Piep folgte, lauter diesmal. Tschiep-Tschiep, Ti-ri-li, Pfü-tü-tü-tü-tü-tü-li, Ti-rrri. Der Gesang füllte meinen Kopf aus und kribbelte durch meinen ganzen Körper bis in die Zehenspitzen. Eine Weile lauschte ich mit geschlossenen Augen.

Schon seit Wochen sang die kleine Nachtigall frühmorgens vor meinem Fenster und weckte mich. Ich hatte die Versuche, erneut einzuschlafen, schon lange aufgegeben. Wenn der Vogel aufhörte zu singen, war ich jedes Mal hellwach. Doch der Gesang war einfach zu schön, als dass ich mich darüber hätte ärgern können. Auch wenn meine Eltern mich und meine Augenringe jeden Morgen am Frühstückstisch ein wenig besorgter betrachteten, wusste ich Eines mit Sicherheit: Ich würde die Nachtigall schrecklich vermissen, wäre sie eines Morgens nicht mehr da.

Ich schlug die Augen auf. Als der Vogel mich bemerkte, hörte er auf zu singen und flog davon. Sein braunes Federkleid leuchtete rötlich im Licht der Sonne, die gerade über dem Horizont auftauchte.

Morgen für Morgen wiederholte sich dieser Ablauf: Ich öffnete meine Augen und die Nachtigall beendete ihren Gesang und floh.

„Ich würde dir nie etwas tun“, murmelte ich leise.

Seufzend setzte ich mich auf. Wie herrlich es für den kleinen Vogel sein musste, einfach verschwinden und dorthin fliegen zu können, wohin der Wind und die eigenen Flügel ihn trugen.

Ich seufzte erneut, schwang die Beine aus dem Bett und streckte mich gähnend. Das Gesicht noch immer dem Fenster zugewandt und in Gedanken bei der Freiheit, die im Vogelflug zwischen den Wolken lag, stand ich auf.

Ich warf einen Blick auf die Uhr auf meinem Nachttisch und als ich sah, wie früh es noch war, verspürte ich spontan wieder eine tiefe Müdigkeit. Es war erst kurz nach fünf Uhr morgens.

Ein wenig benommen stieg ich die Treppe ins Esszimmer hinunter. Am Frühstückstisch saß mein Vater alleine und blätterte in der Morgenzeitung. Meine Mutter schlief vermutlich noch, da sie erst in zweieinhalb Stunden zu ihrer Arbeit in einer kleinen Werbeagentur fahren musste und dabei wie immer meinen jüngeren Bruder in der Grundschule absetzen würde.

Mein Vater, der in einer der erfolgreichsten Anwaltskanzleien der Stadt arbeitete, musste das Haus jedoch morgens sehr früh verlassen, und hatte daher stets alleine gefrühstückt, bis ich vor einigen Wochen angefangen hatte, ihm Gesellschaft zu leisten.

„Guten Morgen, mein Schatz!“, begrüßte er mich fröhlich, dann brummte er weiter gemütlich vor sich hin und blätterte eine Seite der Zeitung um, die vor ihm ausgebreitet dalag. „Schon wach?“

„Mein kleiner Wecker hat wieder gesungen“, murmelte ich schläfrig und gähnte. Ich nahm mir eine Scheibe Brot aus dem Toaster und setzte mich damit zu meinem Vater an den Tisch.

Ein paar Minuten verbrachte ich damit, mein Brot einfach nur anzustarren, in Gedanken noch in meinem Zimmer und bei der Nachtigall vor meinem Fenster, dann seufzte ich leise. So früh am Morgen war eigentlich nichts mit mir anzufangen.

Nachdem ich mich dazu durchgerungen hatte, ein paar Bissen von meinem Toast hinunterzuschlucken, gähnte ich erneut, trug mein Geschirr in die an das Esszimmer angrenzende Küche und ging wieder nach oben, um mich für die Schule fertig zu machen.

Abwesend nahm ich mir ein frisches T-Shirt aus meinem Schrank, zog mich an und ging in das kleine Badezimmer am Ende des Flures, um mir die Zähne zu putzen. Dabei blieb mein Blick an dem schmalen Gesicht im Spiegel zwischen den hohen Dachschrägen hängen. Ich betrachtete meine Haare, die mir wie ein glatter, seidener Vorhang über die Schultern fielen und knapp über den Ellenbogen in leichten Wellen endeten. Sie waren sehr hell und erinnerten an Milch mit geschmolzenem Honig.

Mein Blick wanderte weiter zu meinem leicht vorstehenden Kinn und der geraden Nase. Ich hatte helle Haut, die jeden Sommer etwas gebräunt und mit wenigen Sommersprossen gesprenkelt wurde. Jetzt im Herbst jedoch waren nur meine Wangen leicht gerötet, der Rest des Gesichts war blass vor Müdigkeit.

Die einzigen Farbtupfer waren meine Augen. Sie waren von einem so dunklen Braun, dass sie bei gedämpftem Licht fast schwarz aussahen. Sie wurden von dichten hellgelben Wimpern umgeben, die in blassem Kontrast zur Tiefe meiner dunklen Augen standen.

Während ich mich betrachtete, fragte ich mich unwillkürlich, ob ich wohl schön war. So wie ich dastand, im Halbdunkel unter den tiefen Holzbalken, blickte ich in mein müdes, farbloses Spiegelbild und kam mir fürchterlich nichtssagend vor.

Ich runzelte die Stirn und beugte mich dichter an den Spiegel, um ein wenig Mascara auf meinen Wimpern aufzutragen. Tiefschwarz getuscht betonten sie jetzt meine Augenfarbe und ließen mein Gesicht etwas lebendiger wirken. Mit den Fingern tupfte ich noch eine dünne Schicht dunkelroten Lippenstift auf, um auch meinem blassen Mund etwas Farbe zu verleihen. Ich verstaute das Döschen mit dem Lippenstift und die Wimperntusche wieder in der Schublade des alten, von der Feuchtigkeit schon völlig verzogenen Holzschranks und warf einen Blick auf die Uhr über der Badezimmertür. Ich hatte getrödelt. Wenn ich in einer halben Stunde in der Schule sein wollte, musste ich mich langsam mit meinem Fahrrad auf den Weg machen.

Beim Hinausgehen schweiften meine Augen noch einmal unwillkürlich zum Spiegel. Meinen Blick erwiderte ein blasses Gesicht, das mit den tiefen, violetten Augenringen trotz Wimperntusche und Lippenstift immer noch sehr müde und irgendwie auch furchtbar jung aussah.

Mutlos ließ ich die Schultern sinken und drehte mich um. Es war Zeit, mich auf den Weg in die Schule zu machen.

Ein paar Stunden später saß ich im Deutschunterricht von Frau Sahlen und sah aus dem Fenster. Die Blätter begannen sich zu verfärben und überall im Schulgarten war das Grün der Bäume schon Braun-, Rot- und Gelbtönen gewichen. Eines der kleineren Fenster in der Nähe der Tafel war angeklappt, sodass das leise Zwitschern der Vögel von draußen hineindrang, die trotz des nahenden Winters tapfer weitersangen.

Im Klassenraum war es still. Man hörte nur die Füller und Kugelschreiber, die über das Papier wischten, und ab und zu schnelle Kratzgeräusche, wenn jemand das soeben Geschriebene energisch durchstrich. Alle Schüler arbeiteten an ihrem Aufsatz über ein Gedicht aus dem Barock.

Alle außer mir. Da ich viel las, kannte ich das Gedicht schon und hatte mich bereits im letzten Jahr damit beschäftigt. Darum lagen vor mir drei beschriebene Seiten Papier, daneben der Kugelschreiber und ich beobachtete gedankenverloren, wie der leichte Wind ein paar Blätter von den Bäumen zupfte und sie auf den ordentlich geharkten Beeten des Gartens verteilte.

Das Gymnasium, das ich besuchte, war eine Privatschule, und konnte sich nicht nur einen schuleigenen Garten, sondern auch eine wundervolle, alte Bibliothek und eine umfassende Sportanlage leisten. Das Gebäude, ehemals die Sommerresidenz einer Adelsfamilie aus dem neunzehnten Jahrhundert, war neu saniert worden und strahlte in hellem Gelborange mit roten Dachziegeln und vielen großen Fenstern.

Ich liebte meine Schule für den weitläufigen, größtenteils naturbelassenen Garten und für die Ruhe, die ich auch an den stressigsten Tagen auf versteckten Parkbänken oder in der stets stillen Bibliothek fand.

Frau Sahlen räusperte sich und riss mich damit aus meinen Gedanken.

„Sind Sie schon fertig, Elisa?“, fragte sie mit einem Stirnrunzeln.

„Ja, Frau Sahlen, ich kannte das Gedicht schon.“

Die Lehrerin nahm die Antwort mit einem Nicken zur Kenntnis und widmete sich wieder dem Stapel mit Arbeiten anderer Klassen, die sie gerade korrigierte und benotete.

Ich ließ den Blick im Klassenzimmer schweifen. Direkt neben mir saß meine beste Freundin Sophie. Sie hatte die Lippen zu einem dünnen Strich zusammengepresst und die Stirn gerunzelt. Mit einem ärgerlichen Kopfschütteln starrte sie auf das Blatt mit dem Gedicht vor sich. Sie hatte erst eine Seite geschrieben und schien nicht weiterzuwissen.

Ich beugte mich zurück und schob meinen Aufsatz unauffällig ein Stückchen weiter in Sophies Richtung. Dankbar atmete sie aus und besah sich die drei Blätter eingehend aus den Augenwinkeln.

„Was tun Sie da, Sophie? Ich muss Sie bitten, mit den Augen auf Ihrer eigenen Arbeit zu bleiben!“

Frau Sahlens Stimme hallte streng durch den Raum.

„Natürlich, Frau Sahlen!“, erwiderte Sophie, offensichtlich darum bemüht, nicht allzu schuldbewusst zu klingen.

Sie blickte einige Minuten mit gerunzelten Augenbrauen aus dem Fenster und sah aus, als ob sie angestrengt nachdenken würde. Dann begann sie, wie aus einem plötzlichen Geistesblitz heraus, hektisch auf ihr Blatt zu schreiben.

Ich schmunzelte leicht, warf aber gleich darauf einen besorgten Blick zu Frau Sahlen. Ich glaubte nicht, dass die Lehrerin sich durch dieses offensichtliche Schauspiel täuschen ließ, aber ich hoffte, dass sie dennoch großzügig darüber hinwegsah. Einigen Lehrern war es in den letzten Jahren immer wieder aufgefallen, dass Sophies Antworten meinen oft verblüffend ähnelten, und jedes Mal wurde sie dafür mit Punktabzug und schlechten Noten bestraft. Dennoch brachte ich es einfach nicht übers Herz, Sophie meine Unterstützung während schwieriger Klassenarbeiten zu verweigern, da sie selbst immer so hilfsbereit und warmherzig war.

Während sie wundervoll Klavier spielte, sehr gut zeichnen konnte und oft geradezu übersprudelte vor Energie, bereiteten Fächer wie Deutsch und Mathematik ihr häufig Schwierigkeiten. Das nagte stark an ihrem Selbstbewusstsein, und ich hätte ihr gern besser in der Schule oder beim Lernen geholfen.

Aber in ihrer Unsicherheit lehnte sie all meine vorsichtigen Nachhilfeangebote ab und wurde jedes Mal, wenn ich die Themen Schule oder Lernen ansprechen wollte, wortkarg und abwehrend. Sie würde erst kommenden Sommer siebzehn werden und war damit eine der Jüngsten der Klasse. Dass ich schon seit zwei Monaten siebzehn und damit fast ein Jahr älter als Sophie war, schien sie nur zusätzlich einzuschüchtern.

Gebannt beobachtete ich Frau Sahlen, die glücklicherweise wirkte, als wäre sie wieder ganz in die Arbeiten auf ihrem Schreibtisch vertieft, und atmete erleichtert aus. Dann wanderte mein Blick wieder zum Fenster und verlor sich zwischen den Wolken.

Als es zum Stundenende klingelte, hatte Sophie immerhin fast zwei Blätter beschrieben und ihre Arbeit mit einem zufriedenen Lächeln am Lehrertisch abgegeben. Gemeinsam liefen wir die wenigen Stufen in die Eingangshalle hinab und traten Schulter an Schulter durch die Tür auf den sonnenüberfluteten Schulhof. Verstohlen grinste Sophie mich an und murmelte:

„Danke, Elisa… Das Gedicht war schrecklich! Wie kann man so etwas nur schön finden? Wie kommt Frau Sahlen darauf, uns so einen uralten, langweiligen Text als Aufgabe zu geben? Natürlich habe ich jetzt eine Menge hinschreiben können, dank dir, du hattest ja alles schon wieder einmal perfekt fertig! Wie machst du das eigentlich immer? Mir fällt nie ein, was ich zu so einem Gedicht schreiben könnte! Woher soll ich denn wissen, ob das ein Sonett war, eine Ballade oder eine Hymne? Ist doch eh alles das Gleiche -

Oh, sie mal!“ Als Sophie ihren Redeschwall unterbrach, hatten wir bereits den halben Schulhof überquert und uns auf eine grün und rot angestrichene Bank gesetzt. Jetzt nickte sie aufgeregt mit dem Kopf in eine Richtung.

Ich blickte auf und sah zurück zum Schulgebäude. Mein Herz setzte einen Augenblick aus, dann schlug es plötzlich ganz schnell.

Ein Junge mit kurzen, schwarzen Haaren hatte gerade den Schulhof betreten. Seine Hände steckten in den Taschen seiner dunkelblauen Jeans. Er sah sich um und seine strahlend blauen Augen blitzen kurz zu uns herüber, dann wandte er sich ab und ging mit lässigen Schritten in die entgegengesetzte Richtung davon.

„Hey, er hat zu dir geguckt!“ Sophie klang ganz aufgeregt. „Hast du es gesehen? Ich glaube, er hat sogar ein bisschen gelächelt!“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein, hat er nicht“, sagte ich traurig. „Er hat mich nicht einmal bemerkt.“

Kalte Enttäuschung stieg in mir auf. Schon seit zwei Jahren sah ich ihm hinterher, folgte ihm mit den Augen und wünschte mir sehnlichst, ihn näher kennenzulernen. Vor einem Jahr hatte ich seinen Namen durch Zufall herausgefunden, als ihn jemand aus seiner Klassenstufe beim Fußballspiel gerufen hatte. Er hieß Georg.

Ein wunderschöner Name, wie ich fand, doch Sophie hatte nur gelacht und gemeint, dass sogar ihr Großvater den Namen altmodisch gefunden hätte. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb - passte er irgendwie zu ihm und zu seiner ruhigen, unauffälligen und leicht traurigen Art.

Ich legte den Kopf in den Nacken, fühlte die warme Sonne auf meinen Wangen und schloss die Augen zum Schutz gegen das helle Licht. Während ich Sophie nur mit halbem Ohr lauschte, die wieder angefangen hatte, sich über das Gedicht aus dem Deutschunterricht auszulassen, wanderten meine Gedanken zu Georg auf der anderen Seite des Schulhofs.

Er hatte noch nie mehr als einen kurzen Blick für mich übriggehabt und das würde sich auch nicht ändern, solange ich mich nicht traute, ihn endlich einmal anzusprechen. Er war eine Klasse über mir, in der zwölften, und würde Ende dieses Jahres seinen Abschluss machen. Doch daran wollte ich nicht denken. Die Schule würde mir leer und kalt vorkommen ohne ihn.

Nach einer Weile öffnete ich die Augen wieder und sah, dass sich inzwischen weitere Mitschüler zu uns gesellt hatten, die zu dem Gedicht offenbar eine ganz ähnliche Meinung hatten wie Sophie. Lauthals hatten sie angefangen, sich über Frau Sahlen zu unterhalten, die schon etwas in die Jahre gekommen war und manchmal eine leicht altmodische Art hatte.

„Sie kannte den Autor des Gedichtes wahrscheinlich noch selbst“, behauptete gerade Sven, einer unserer Mitschüler mit einer gedrungenen, aber sportlichen Statur.

Er hatte kurze blonde Haare und war eigentlich recht hübsch. Sophie schwärmte schon seit Monaten für ihn, was ihm jedoch bisher noch nicht aufgefallen zu sein schien.

Ich schmunzelte und verkniff es mir, Sven darauf aufmerksam zu machen, dass das Barockzeitalter, aus dem das Gedicht stammte, vor etwa 300 Jahren geendet hatte und Frau Sahlen unmöglich so alt sein konnte. Er sah zu mir und lächelte.

„Na, ist unsere Prinzessin aufgewacht?“

Er setzte sich neben mich und legte mir freundschaftlich den Arm um die Schultern. Ich warf einen schnellen Blick zu Sophie, die die Lippen zusammenkniff und offenbar angestrengt versuchte, ihren unbekümmerten Gesichtsausdruck aufrecht zu erhalten. Sofort rutschte ich von Sven weg, dem das Lächeln ein wenig entglitt.

„Ich habe einfach nur das schöne Wetter genossen“, sagte ich und blickte wehmütig gen Himmel, wo sich gerade eine dunkle Wolke vor die Sonne geschoben hatte.

In dem Moment klingelte es. Mit einem anschwellenden, einstimmigen Seufzen machten sich die Schüler, die ihre Pause weit über den Schulhof verstreut verbracht hatten, erneut auf den Weg in den Unterricht. Sophie und ich hatten jetzt Mathematik bei Herrn Mungersberg, einem Mann Ende fünfzig, dem seine etwas massige Körperfülle den Spitznamen Hungersberg eingebracht hatte.

Ich bedeutete Sophie, hinter den anderen zurückzubleiben und blickte sie entschuldigend an.

„Das mit Sven eben hatte nichts zu bedeuten, wirklich nicht“, versuchte ich sie zu trösten, doch sie hatte bereits einen abweisenden Gesichtsausdruck aufgesetzt. „Sicherlich ist er nur schüchtern, sonst würde er sich dir gegenüber genauso locker verhalten, wie er es bei mir tut. Er mag dich, Sophie, das ist der Grund, warum er sich nicht traut, auch dir einfach mal den Arm um die Schultern zu legen oder sich mit dir zu verabreden.”

„Ja, natürlich“, murmelte sie gereizt. „Hast du nicht bemerkt, wie er dich angeguckt hat?“

„Ach, hör doch auf!“, erwiderte ich abwehrend. „Warum sollte er denn etwas an mir finden?“

„Verdammt noch mal, Elisa, hör endlich auf damit, so zu tun, als könntest du dich selbst nicht leiden! Du bist sehr gut in der Schule, viel besser als ich, und hübsch und beliebt, und das weißt du ganz genau! Aber immer spielst du das herunter, nur damit du hören kannst, wie alle sagen ‚Doch, natürlich bist du hübsch’ oder ‚Elisa, deine Arbeit ist wirklich sehr toll, glaub mir!’ Und jetzt tu nicht so, als ob du nicht genau wüsstest, dass Sven dich genauso toll findet, wie alle anderen!“

Schockiert starrte ich zu Boden und spürte, wie mir die Hitze in die Wangen schoss.

„Ach, Sophie, das stimmt doch gar nicht, ich - “

„Siehst du?“, unterbrach mich Sophie, „genau das meine ich!“

Und sie drehte sich um und stürmte davon.

Herbststürme

Im Licht der Mittagssonne tanzte der Staub zwischen den hohen Bücherregalen der Schulbibliothek. Nach der sechsten Stunde war ich, wie so oft, die vielen Treppen bis ganz unter das Dach des alten Gebäudes hochgestiegen. Ich hatte die dicke Eichenholztür hinter mir zugezogen und dadurch die laute, fröhliche Betriebsamkeit der Schule ausgesperrt. Zusammengekauert saß ich nun in meinem alten, zerschlissenen Lieblingssessel direkt an zwei hohen, schmalen Sprossenfenstern, die ein scharfes Muster von hellen und dunklen Streifen auf den Boden zwischen den schweren Holzregalen zeichneten.

Ich hatte mir den zerfledderten Gedichtband, in dem ich gerade am liebsten las, aus seinem Versteck hinter einem Stapel verstaubter Schulatlanten gefischt, nur um ihn dann doch achtlos neben mich auf ein kleines Beistelltischchen zu legen. Eigentlich hatte ich vorgehabt, darin zu blättern, um mich von meinem Streit mit Sophie abzulenken. Stattdessen beobachtete ich jetzt, wie die feinen, goldenen Staubkörnchen im Mittagslicht erstrahlten und kleine Pirouetten drehten. Als ich ein Staubkorn aus den Augen verlor, weil es in die Schatten zwischen den Lichtsäulen eintauchte, seufzte ich frustriert und konzentrierte mich auf ein neues Körnchen, um seinem Tanz erneut möglichst lange mit den Augen zu folgen.

Ich versuchte, nicht an Sophie zu denken und daran, was sie nach dem Deutschunterricht zu mir gesagt hatte. Sie hatte mir früher schon ähnliche Vorwürfe gemacht, doch noch nie so heftig, und ich wusste wirklich nicht, wie ich darauf hätte reagieren sollen. Den restlichen Vormittag hatte Sophie einen großen Bogen um mich gemacht und kein Wort mit mir gewechselt. Jedem Blickkontakt war sie ausgewichen, und das hatte mich so verletzt, dass ich nach dem Klingeln zur Mittagspause in die Bibliothek geflüchtet war, ohne mich noch einmal nach ihr umzudrehen.

Die schwere Eichentür knarrte, als sie vorsichtig geöffnet und kurz darauf wieder geschlossen wurde. Ich blickte auf. Im Eingang der Bibliothek, der fast völlig im Dunkeln lag, stand Sophie.

„Oh, Elisa, es tut mir so, so leid”, sagte sie, atmete tief ein -

Und fing bitterlich an zu schluchzen.

Sofort sprang ich auf und lief zu ihr hinüber. Mit hängenden Schultern stand Sophie da und wandte den Blick ab, während ihr die Tränen in Strömen über das Gesicht rannen.

„Ist schon gut”, murmelte ich und führte sie an den Schultern zwischen den schweren Bücherregalen hindurch zu meinem Sitzplatz am Fenster.

Während wir gingen, sagte keiner von uns ein Wort und Sophie presste die Lippen zusammen, in dem offensichtlichen Versuch, ihr Weinen zu unterdrücken.

An den hohen Fenstern angekommen, atmete sie tief ein und aus und sagte dann:

„Ehrlich, Elisa, es tut mir so leid!”

Ich ließ mich auf meinen Sessel fallen und zog die Beine zu mir heran. Erneut hatte sich eine Wolke vor die Sonne geschoben und der große Raum fühlte sich plötzlich viel kälter an. Direkt an den hohen, alten Fenstern konnte ich mit einem Mal spüren, wie die kühle Herbstluft durch die Ritzen zwischen den Holzsprossen von draußen in die Bibliothek zog. Ich schlang die Arme um meine Knie und sagte zögerlich:

„Na ja, Sophie ich - ”

„Ich habe mir schon gedacht, dass ich dich hier finden würde”, unterbrach Sophie mich hastig. Sie wischte sich mit den Ärmeln über ihr Gesicht und sah mich bittend und mit großen Augen an. „Ich war eben in der Cafeteria und habe dir einen extra großen Schokoladen-Muffin mitgebracht. Ich glaube, er ist sogar mit Nougat gefüllt!”

Sie öffnete den Reißverschluss ihrer Umhängetasche und hielt mir zaghaft eine Papiertüte hin. Dann sprudelte es aus ihr heraus:

„Ich wünschte einfach, Sven würde mich so ansehen, wie er dich ansieht. Er lacht über alles, was du sagst und bei mir nimmt er es nur die Hälfte der Zeit überhaupt wahr, wenn ich mit ihm spreche. Ich weiß ja, dass mir das egal sein sollte. Ich weiß, dass Sven lachen darf, worüber er lachen möchte. Dass er bewundern darf, wen er bewundern möchte. Ich weiß, dass du nichts dafürkannst und ich weiß auch, dass mir nichts auf dieser Welt wichtiger sein sollte als unsere Freundschaft. Ich weiß, dass er dir nichts bedeutet, und dass du nur nett zu ihm bist, wie du zu allen nett bist. Aber ich wünschte, ich wünschte, …”

Ihr Satz verlief ins Leere und ihr Blick wanderte zu Boden. Behutsam nahm ich ihr die Tüte aus der Hand, die immer noch zwischen uns in der Luft hing. Ich fing Sophies Blick auf und sagte dann erneut:

„Ist schon gut, Sophie, wirklich. Ich glaube, ich verstehe dich.”

Mit einem Seufzer ließ Sophie sich zu Boden sinken, setzte sich mit überkreuzten Beinen neben den Sessel und lehnte ihren Kopf an mein Knie. Vorsichtig legte ich meine Hand auf ihre weichen Locken.

„Du magst ihn wirklich, stimmt’s?”, fragte ich.

Sophie nickte und flüsterte:

„Sehr. Aber ich glaube, er mag mich nicht.”

Bedrückt ließ ich meinen Blick in die Tiefen der alten Bibliothek schweifen. Dann versuchte ich, jeden Zweifel aus meiner Stimme zu verbannen und sagte:

„Das wird schon, Sophie. Ich glaube wirklich, das wird noch was mit dir und Sven.”

Dankbar nickte Sophie und wischte sich erneut mit dem Ärmel über die Augen.

„Und du bist mir nicht mehr böse?”, fragte sie leise.

„Überhaupt nicht”, antworte ich und biss in meinen Muffin.

„Hallo, ich bin zu Hause”, rief ich und schob mein Fahrrad an der offenen Haustür vorbei in Richtung Gartenschuppen.

Aus dem Haus kam wie ein kleiner blonder Wirbelwind mein Bruder gerannt und warf sich mir in die Arme.

„Hey, nicht so stürmisch!”, rief ich lachend und wuschelte ihm durch die zerzausten, halblangen Haare.

Dann schlang ich beide Arme um seine schmalen Schultern und drückte ihn fest an mich.

„Wie war denn die Schule heute so, Benni?”, fragte ich.

„Es ging so”, murmelte er dicht an meinem Bauch.

„Aber ich bin froh, dass du jetzt endlich zu Hause bist. Mama und Papa sind noch nicht da und Oma musste auch schon wieder los.”

Oma Suse, die Mutter meiner Mutter, lebte am anderen Ende der Stadt und kümmerte sich viel um Benjamin, so wie sie sich früher um mich gekümmert hatte, als ich noch klein war. Sie war immer für uns da gewesen, wenn meine Eltern mal länger arbeiten mussten. Wahrscheinlich hatte sie Benjamin auch heute Mittag wieder in ihrem alten blauen Ford Fiesta von der Grundschule abgeholt und nach Hause gebracht.

Sanft löste ich Benjamins Arme von meiner Taille und schob ihn in Richtung der alten Gartenbank aus Holz direkt neben der Haustür.

„Ich bringe mein Fahrrad in den Schuppen und setze mich dann gleich neben dich, ja?”, fragte ich.

„Von mir aus”, sagte er, hüpfte auf die alte unebene Sitzfläche und ließ die Beine baumeln.

Ich schob mein Rad zwischen leere Blumentöpfe und herumliegende Fahrradhelme, zog die Schuppentür hinter mir zu und ließ mich neben Benjamin auf die Bank fallen. Zufrieden schloss ich meine Augen, lehnte den Kopf an die Hauswand und genoss die sanfte Wärme der Nachmittagssonne auf meiner Haut. Kurz war es still, während ich spürte, wie die Beine meines Bruders immer noch ungeduldig vor- und zurückschwangen. Eine plötzliche, kühle Brise wirbelte ein paar zu Boden gefallene Blätter über den Weg und die Haare an meinen Armen stellten sich fröstelnd auf. Ich zog mir die Ärmel meiner Jacke über die Handgelenke und sah zu meinem Bruder hinab.

„Hast du viele Hausaufgaben auf, Elli?” fragte er unschuldig und lächelte strahlend zu mir hoch.

„Eigentlich nicht”, sagte ich zögernd. „Was hast du denn vor?”

„Ich wette, auf den Hügeln ist es jetzt richtig windig. Können wir meinen Drachen ausprobieren? Ich konnte ihn seit meinem Geburtstag fast noch nie fliegen lassen”, sagte er und blickte mich flehend an.

„Das hätte ich mir ja denken können”, antwortete ich und seufzte.

Als ich sah, wie sich eine kleine enttäuschte Falte zwischen seinen Augenbrauen bildete, fügte ich hastig hinzu:

„Klar, lass uns mal sehen, ob der Wind stark genug ist. Zieh dich aber warm an! Und hol deine Gummistiefel, das Gras ist bestimmt hoch.

Hoffentlich kommt Papa gleich nach Hause, dann kann er das mit dem Drachen machen”, fügte ich noch leise hinzu,

während mein Bruder schon von der Bank rutschte und zurück ins Haus rannte.

Der Wind peitschte scharf über die Wiesen hinter unserem Haus, ganz wie Benjamin es vorhergesagt hatte. In Böen stieß und zerrte er unsere kleine Gruppe den steilen Hügel hinauf und verwandelte das hohe Gras in ein wogendes gelb-grünes Meer.

Während Benni noch versucht hatte, seinen geliebten Drachen in dem Durcheinander aus Klamotten, Büchern, Süßigkeiten und Brettspielen auf dem Fußboden seines Zimmers zu finden, waren kurz nacheinander erst unser Vater und dann unsere Mutter von der Arbeit nach Hause gekommen. Sie hatten sich eine Thermoskanne voller Kaffee gekocht und eine Picknickdecke eingesteckt, um Benni und mich spontan nach draußen zu begleiten.

Jetzt stiegen wir gemeinsam eine Anhöhe hinauf, die oben auf der Hügelkuppe in die flache, breite Wiese überging, auf der Benni am liebsten seinen Drachen steigen ließ. Voll Freude und Übermut lief er vor uns her und breitete seine Arme im Wind aus. Seine dünne Regenjacke blähte sich hinter ihm auf wie ein Ballon und die Ärmel ließen ein ganzes Stück helle Haut über seinen Handgelenken frei. Eigentlich war ihm seine gesamte Kleidung die meiste Zeit entweder noch zu groß oder schon wieder zu klein, weil er alle paar Monate eine gute Handbreit in die Höhe schoss.

Hinter ihm ging mein Vater, den Drachen in der Hand. Seine dunkelblonden Haare schimmerten leicht rötlich in der tiefstehenden Sonne und wehten ihm immer wieder in die Stirn und vor die Brille. Mit der freien Hand schirmte er seine Augen ab und drehte sich zu mir um.

„Ich gehe mit Benni schon mal vor”, rief er und deutete den Hügel hinauf.

Ich winkte zurück, zum Zeichen, dass ich ihn verstanden hatte und hörte hinter mir meine Mutter, wie sie „In Ordnung, Schatz!” rief.

Ich verlangsamte meine Schritte, um sie zu mir aufholen zu lassen und nahm ihr den Picknickkorb aus der Hand.

„Danke, Elli”, sagte sie und blieb kurz stehen, um wieder zu Atem zu kommen.

Ihre weite Bluse wickelte sich im Wind um ihren schmalen Oberkörper und der lange Rock peitschte ihr um die Beine. Einzelne Strähnen ihrer langen, hellen Haare waren aus dem tiefen Zopf gerutscht und wirbelten ihr in einer feinen Wolke ums Gesicht.

„Ich trage den Korb bis oben, ja? Es ist ja nicht mehr weit”, sagte ich und lächelte sie an.

Dankbar lächelte sie zurück, schob sich die Haare aus dem Gesicht und band sich mit schnellen, routinierten Bewegungen ihren Zopf neu. Gemeinsam wandten wir uns wieder Benni und meinem Vater oben auf der Hügelkuppe zu und setzten unseren Aufstieg fort.

Während wir gingen, beobachtete ich, wie das sonst gleichmäßige Grün des Grases in wirbelnde Muster zerteilt wurde, wie es im Wind flirrte, plattgedrückt wurde und sich wieder aufrichtete. Vor meinem inneren Auge verwandelte sich das wirbelnde Gras in verwuschelte, schwarze Haare und meine Gedanken schweiften ab zu strahlend blauen Augen, die mir unter dichten, dunklen Augenbrauen entgegen blitzen.

„Wie war dein Tag in der Schule, mein Schatz? Ist alles in Ordnung?”, fragte meine Mutter neben mir und riss mich damit aus meinen Gedanken.

Ich blickte zu ihr auf und sah, dass sie aufmerksam mein Gesicht beobachtete. Auch wenn sie liebevoll lächelte, konnte ich die Sorge in ihren Augen erkennen.

Mir stieg die Röte ins Gesicht, als mir bewusst wurde, woran ich gerade so intensiv gedacht hatte. Verlegen lächelte ich meine Mutter an.

„Im Deutschunterricht hat Frau Sahlen uns heute für die Klassenarbeit ein sehr schönes Gedicht interpretieren lassen”, wich ich aus.

„Der Rest der Klasse war aber nicht besonders begeistert”, fügte ich hinzu.

„Welches Gedicht war es denn?”, fragte sie interessiert.

„Das ,Morgen Sonnett’ von Andreas Gryphius.”

„Ah”, seufzte sie. „Das war schon immer eins meiner Lieblingssonette. Es ist ein wundervolles Liebesgedicht an die Sonne, an den Morgen, an das Gute im Menschen und an die Natur im Allgemeinen.

,Der sanfte Wind erwacht und reizt das Federvolk, den neuen Tag zu grüßen.’”, zitierte sie.

Unwillkürlich musste ich an meine kleine Nachtigall denken, die mich allmorgendlich aus dem Schlaf riss. Ich lächelte.

„Ich weiß”, stimmte ich ihr zu. „Es ist wirklich wunderschön.”

Ich liebte Naturlyrik, egal aus welcher Literaturepoche. Beinahe alles in der Natur barg eine tiefe Schönheit, die mich irgendwo ganz nah an meinem Herzen berührte. Selbst dieser stürmische Nachmittag unter einer schwachen Sonne, die von grauen Wolken verdeckt wurde, leuchtete von innen heraus in intensiven Farben. Ich liebte den dramatischen Kontrast zwischen dem weiten Himmelsgrau, dem Herbstgelb der Wiesen und den tiefen Schatten unten im Tal. Ich fühlte eine Spannung in der Luft, aufgeladen durch den Wind, und die Vorahnung von Regen.

Meine Mutter lachte.

„Du bist wirklich eine Träumerin”, sagte sie liebevoll.

„Spürst du den Regen in der Luft, Mama?” fragte ich.

„Ja, mein Schatz” erwiderte sie, breitete die Arme aus und drehte sich einmal um sich selbst, die Augen geschlossen, das Gesicht zum Himmel gereckt. „Es ist herrlich, nicht wahr?” Sie nahm mich an der Hand und deutete die letzten Meter hinauf zur Hügelkuppe.

„Lass uns einen Platz für unsere Picknickdecke finden, ja? Ich habe einen Riesenhunger und im Korb ist ein bisschen frisch gebackener Hefekuchen von Oma”, sagte sie und zog mich mit sich.

Raureif

Benjamin und mein Vater versuchten fast eine Stunde lang vergeblich, den neuen Drachen meines kleinen Bruders im böigen Wind in der Luft zu halten. Einmal oben am Himmel, drehte der bunte Drache aberwitzige Pirouetten, nur um dann, von einer Windböe erfasst, plötzlich wieder senkrecht zu Boden zu stürzen.

Gemeinsam mit meiner Mutter saß ich auf der ausgebreiteten Picknickdecke am Rand der Wiese. In einvernehmlichem Schweigen beobachteten wir das Auf und Ab des Drachen, aßen Hefekuchen mit klebrigen Fingern und tranken heißen Kaffee und Tee, um die Oktoberkälte von innen heraus zu vertreiben. Immer wenn Benjamin und mein Vater lauthals über einen erfolgreichen Drachenflug jubelten, mussten wir einfach mit ihnen mitlachen. Landete der Drache in unserer Nähe, sprang eine von uns beiden auf, lief mit dem bunt bespannten Gestell in der Hand quer über die Wiese zu Benjamin und ließ sich anschließend mit geröteten Wangen und zerzausten Haaren wieder auf die Decke fallen.

Es war ein wunderschöner Nachmittag.

Als mein Vater und Benjamin endlich aufgaben, kamen sie mit glänzenden Augen und einem breiten Grinsen zu uns herüber und beanspruchten die Reste des Hefekuchens für sich. Innerhalb kürzester Zeit war er bis auf ein paar Krümel restlos aufgegessen, und wir packten alles wieder in den Korb, um nach Hause zurückzukehren.

Benjamin war völlig aufgekratzt. Den ganzen Weg die Hügel hinunter bis zu unserem Haus plapperte er ausgelassen auf mich ein, während unsere Eltern Hand in Hand hinter uns her schlenderten.

„Und hast du gesehen, wie er einmal ganz hoch gestiegen ist, Elli?”, fragte er mich atemlos und mit weit aufgerissenen Augen. „Er war so weit oben, und dann hat er sich zur Seite gedreht und man konnte ihn gar nicht mehr sehen! Ich hab’ schon gedacht, ,Jetzt hat er sich losgerissen’, hast du das gesehen, Elli?”

Ich lachte, nickte und wuschelte ihm durch die zerzausten Haare, während er schon aufgeregt weiterplapperte und mir von waghalsigen Flugmanövern und feindlichen Winden berichtete, die seinen Drachen zu Fall hatten bringen wollen.

Inzwischen hatten wir die Senke zwischen den hohen schlanken Birken erreicht, die lange Schatten auf die Felder hinter unserem Haus warfen. An unserer dichten Ahornhecke angekommen, dessen Blätter gelbgrün gefleckt waren, wandten wir uns nach rechts und umrundeten das Grundstück bis zu unserer Einfahrt.

Als ich das Gartentor aufschob, sah ich meine Großmutter auf der Bank neben der Haustür sitzen.

„Oma!”, rief Benjamin und lief mit dem großen Drachen in den Händen auf sie zu.

„Na, du hast wohl gleich deine ganze Familie überredet, mit dir Drachensteigen zu gehen, was?”, fragte sie schmunzelnd, stand etwas schwerfällig von der Bank auf und streckte sich.

„Hallo, Oma”, sagte ich und umarmte sie kurz. „Hast du lange auf uns gewartet? Du siehst ja schon ganz steifgefroren aus.”

„Ach was”, sagte sie energisch und winkte ab. „Ich bin ja selber schuld, wenn ich nicht vorher anrufe und frage, ob jemand zu Hause ist. Als ich gesehen habe, dass beide Autos da sind, habe ich mir gedacht, dass ihr irgendwo in der Nähe sein müsst und mich daher entschieden, hier draußen auf euch zu warten.”

Als sie mich ansah, schärfte sich ihr Blick und ein ernster Ausdruck trat auf ihr freundliches Gesicht. Sie umfasste meine Wangen mit ihren breiten weichen Händen und musterte mich eindringlich.

„Du siehst schlecht aus, meine Kleine”, sagte sie geradeheraus. „Als hättest du seit Wochen nicht geschlafen. Bist du krank?”

Behutsam entzog ich mich ihr, hin und hergerissen zwischen einem Lächeln und einem Stirnrunzeln. Ich fühlte mich gleichzeitig berührt von ihrer großmütterlichen Sorge und gekränkt angesichts ihrer unverblümten Offenheit.

„Nein, Oma”, sagte ich und entschied mich für ein Lächeln. „Ich stehe in letzter Zeit nur früher auf als sonst, das ist alles. Aber es ist ja fast schon Wochenende, da kann ich mich ausruhen”, versuchte ich sie zu beruhigen.

„Dann musst du dich mal ordentlich ausschlafen, mein Schatz”, beschied sie mir streng. „Ich sag’ deinen Eltern, dass sie besser auf dich achten sollen -

Ah, da sind sie ja!”, sagte sie, wuselte um mich herum und ging energischen Schrittes auf meine Eltern zu, die gerade durch das Gartentor traten.

Ich seufzte. Meine armen Eltern. Ich konnte mir gut vorstellen, wie Oma Suse sie gerade, trotz ihrer geringen Körpergröße, von oben herab anblickte und ihnen ordentlich Schuldgefühle einredete.

„Ich gehe Hausaufgaben machen”, rief ich ihnen zu und flüchtete durch die Tür nach drinnen, um einer weiteren potenziellen Standpauke meiner besorgten Großmutter, diesmal womöglich noch unterstützt von meinen schuldbewussten Eltern, zu entgehen.

Den Abend verbrachte ich zum größten Teil allein an meinem Schreibtisch. Ich saß eine Weile an meinen Hausaufgaben und lernte für einen Test, den uns Herr Mungersberg für die nächste Woche angekündigt hatte. Nach einer Weile klappte ich frustriert meine Hefte zu und gab es für den Abend auf, die tieferen statistischen Theorien der Wahrscheinlichkeitslehre zu verstehen. In diesem Fach wäre ich Sophie wahrlich keine große Hilfe, selbst wenn sie meine Unterstützung beim Lernen ausnahmsweise einmal angenommen hätte.

Ich massierte meinen steifen Nacken mit einer Hand, stand auf und streckte mich gähnend. Für einen Moment überlegte ich, einfach schon ins Bett zu gehen, was meiner Großmutter sicherlich sehr gut gefallen hätte. Aus dem Zimmer nebenan konnte ich hören, wie sie sich mit meinem Bruder unterhielt und sich nebenbei wahrscheinlich dem Chaos auf seinem Fußboden widmete.

Ich nutzte die Gelegenheit und schlich nach unten, um mir eine Tasse Tee zu machen. Während das Wasser kochte, ging ich ins Wohnzimmer, in dem meine Eltern gemeinsam fernsahen, gab beiden einen Gute-Nacht-Kuss auf die Wange und kehrte in die Küche zurück, um mir einen Teebeutel auszusuchen.

Keiner von uns hatte nach dem vielen Hefekuchen am späten Nachmittag noch etwas zum Abendbrot essen wollen, aber das konzentrierte Lernen für den Mathetest hatte ein kleines Loch in meinen Magen gebohrt. Ich nahm mir meine dampfende Tasse Pfefferminztee und einen großen, roten Apfel, ging wieder nach oben und setzte mich ans Fenster auf mein Bett. Ich angelte mir ein dickes Buch von meinem Nachttisch, kuschelte mich in meine Decke ein und begann zu lesen.

Ein paar Stunden später schreckte ich hoch. Bei einem Blick auf die Uhr stellte ich bestürzt fest, dass es schon weit nach Mitternacht war.

Wie war es nur auf einmal so spät geworden?

Das Buch hatte ich schon fast zur Hälfte durchgelesen, die Tasse Tee stand vergessen auf der Fensterbank und war schon lange abgekühlt. Zerknirscht und ein wenig schuldbewusst ob der späten Stunde stand ich auf, stürzte die letzten Schlucke des kalten Tees hinunter und streifte mir mein Nachthemd über.

So schnell und so leise ich konnte, ging ich noch einmal ins Bad, putzte mir die Zähne, schlüpfte wieder unter die Bettdecke und löschte das Licht. Dann lag ich mit klopfendem Herzen und offenen Augen in der Dunkelheit und versuchte angestrengt, erneut einzuschlafen.

Es dauerte lange, bis mein Herzschlag sich beruhigte und meine Gedanken aufhörten, um sich selbst zu kreisen. Die Schwärze des Himmels verblasste schon zu einem schwachen Nachtblau, als ich mich auf die Seite drehte und mir endlich die Augen zufielen.

Tschiep-Tschiep, Ti-ri-li, Pfü-tü-tü-tü-tü-tü-li…

Ich riss die Augen auf, kniff sie jedoch sofort wieder gegen das helle Licht der Morgensonne zusammen, das durch mein Fenster drang. Irgendwas an dem Licht war anders als sonst, es wirkte reiner heute, irgendwie weißer.

Verschlafen richtete ich mich auf und sah nach draußen. Nur am Rande nahm ich wahr, dass meine plötzliche Bewegung den kleinen Vogel vor meinem Fenster erschrocken auffliegen ließ, denn mein Blick wurde augenblicklich von der Aussicht auf den Garten und die Felder dahinter gefesselt.

Über Nacht hatte eine weiße Schicht Raureif das Land überzogen, so weit ich blicken konnte.

Alles Grün in unserem Garten und das Bunt des Herbstes in den Bäumen und auf den Feldern war wie ausgeblichen und wegradiert vom Morgenfrost. Oben auf den Hügeln jedoch, die hell von der Sonne beschienen wurden, war das Gras schon dunkel und hell gestreift und man konnte beinahe dabei zusehen, wie die grünen Tauflecken stetig größer wurden.

In einer Stunde würde alles Eis wieder verschwunden sein, weggeschmolzen von der Kraft der Herbstsonne.

Ich seufzte. Jedes Jahr konnte ich es kaum abwarten, bis endlich der erste Schnee fiel und das Land mit seiner weißen Pracht zudeckte. Im Stillen dankte ich meiner Nachtigall, dass sie mich rechtzeitig geweckt hatte, um den Raureif zu sehen, warf dann einen kurzen Blick auf die Uhr auf meinem Nachttisch und ließ mich zurück in die Kissen fallen. Es war erst kurz nach fünf Uhr morgens. Als mir wieder einfiel, wie spät ich gestern Nacht eingeschlafen war, zog ich mir stöhnend die Bettdecke über den Kopf. Ich war todmüde.

Als ich das Haus verließ, um mein Fahrrad aus dem

Schuppen zu holen, war das Gras vor dem Haus schon wieder grün und nass vom Tau. Rund um den Schuppen jedoch war das Weiß des morgendlichen Raureifs noch zu erkennen und ich genoss den Klang des knirschenden Geräuschs, den meine Füße bei jedem Schritt verursachten.

In meiner Müdigkeit brauchte ich ein paar Anläufe, um mit dem Schlüssel das Schlüsselloch zu treffen und den Schuppen aufzuschließen. Gegen die Eiseskälte an diesem Morgen hatte ich mir eine Mütze aufgesetzt und sogar dicke Handschuhe übergezogen. Es fühlte sich anstrengender an als sonst, mein Fahrrad nach draußen zu wuchten und aus dem Gartentor hinauszuschieben.

Erst als ich bereits die Hälfte der Strecke bis zur Schule gefahren war, fiel mir auf, dass ich vergessen hatte, einen Helm aufzusetzen. Kraftlos trat ich in die Pedale und hielt meinen Blick stumpf auf den Weg direkt vor meinem Vorderrad gerichtet. Die Felder rechts und links vom Weg verschwammen am Rande meines Blickfelds zu einem Graubraun und meine Gedanken verloren sich im monotonen Kreisen der Reifen.

Um und um dreht sich die Zeit, dachte ich geistesabwesend. Um und um, und um und um, …

Als mich ein plötzliches Holpern halb aus meiner Benommenheit riss, schloss ich mechanisch die Finger meiner rechten Hand um die Bremse und zog. Ein scheußliches Gefühl der Schwerelosigkeit wallte in meinem Magen nach oben, während das Hinterrad wegrutschte und mein Fahrrad wie in Zeitlupe zur Seite kippte.

Ich bremste stärker, jetzt mit beiden Händen, streckte mein Bein aus und kam rutschend zum Stehen.

Keuchend und mit rasendem Herzen stand ich da und versuchte, die Tränen zu unterdrücken, die mir der Schock in die Augen trieb. Ich stieg vom Fahrrad, stellte es zitternd am Rand des Weges ab und fuhr mir mit den Händen übers Gesicht. Dann atmete ich einmal tief aus, richtete mich kerzengerade auf und drehte meinen Kopf, um herauszufinden, was der Grund dafür war, dass ich fast vom Fahrrad gefallen wäre.

Hinter mir erstreckte sich, über die gesamte Breite des Weges, eine flache Pfütze, die auf der einen Seite spiegelglatt gefroren war. Auf der anderen Seite war das Eis zerbrochen und die einzelnen Bruchstücke waren zu einem kleinen Wall aus Eis und braunem Matsch aufgeworfen.

Wahrscheinlich hatte genau dieser Wall das plötzliche Holpern verursacht, das mich aus meiner lethargischen Betäubung gerissen hatte. Als ich dann vor Schreck viel zu stark gebremst hatte, war der schmale Reifen offenbar auf dem Eis dahinter ausgerutscht.

Während ich zu meinem Fahrrad zurückging, spürte ich mein Herz laut und schnell in meiner Brust pochen. Mit immer noch zitternden Händen umfasste ich den Lenker, stieg wieder auf und machte mich daran, das letzte Stück bis zur Schule hinter mich zu bringen.

Ich fühlte mich noch immer zittrig und wie unter Schock, als ich die schwere Tür der schuleigenen Werkstätten aufschob. Wir hatten Kunst in der ersten Stunde und ich war ziemlich spät dran. An der hinteren Wand des hallenartigen Raumes saßen meine Klassenkameraden schon vollzählig an ihren Tischen vor den hohen, lichtdurchfluteten Fenstern und unterhielten sich.

Dieser Teil der Schule war das Reich von Frau Rosenthal, unserer Lehrerin im Fach Kunst und kreative Gestaltung, und ihre ausschweifende schöpferische Energie durchflutete den Raum bis in alle Ecken.

Ich drückte meine Schultasche fest an mich und begann, mir einen Weg durch das Chaos, das beständig in der Werkstätte herrschte, zu suchen. So vorsichtig wie möglich schlängelte ich mich zwischen schweren Werkbänken, hoch aufgetürmten Holzkisten, halb fertigen Statuen, locker angelehnten Leinwänden und leeren Staffeleien hindurch zu meinem Platz in der hintersten Reihe der Tische, zwischen Sophie und den Fenstern.

Ich flüsterte meiner Freundin ein schnelles „Hallo” zu und schob meinen Stuhl zurück, um mich zu ihr an den Tisch zu setzen. Das schabende Geräusch von metallenen Stuhlbeinen über Betonboden hallte durch den Raum und Frau Rosenthal blickte von ihrem Platz vorne am Lehrertisch auf.

Die Klasse verstummte auf einen Schlag und verharrte schweigend, während Frau Rosenthal sich erhob. Sie war groß und schlank, ihre kurzen grauen Haare standen ihr wild in alle Richtungen vom Kopf ab und sie trug einen weißen Malerkittel, der über und über von bunten Farbklecksen bedeckt war. Dennoch konnte in dem Augenblick, als ihre stahlgrauen Augen durch das Klassenzimmer schweiften, niemand im Raum leugnen, dass ihre eindrucksvolle Erscheinung einen außerordentlich einschüchternden Effekt auf uns hatte.

„Guten Morgen. Jetzt, da alle da sind - ”, begann sie und ihr Blick durchbohrte mich. Unwillkürlich zog ich den Kopf ein.

„ - können wir ja anfangen. Wir machen weiter, wo wir das letzte Mal aufgehört haben. Holt euch eure Sachen und los geht’s.”

Sie klatschte in die Hände und setzte sich wieder.

Es bildete sich eine kleine Schlange, als alle Schüler auf einmal nach vorne strömten, um sich Pinsel, Farben und andere Malutensilien aus einem Schrank hinter dem Lehrerpult abzuholen. Auf einem weiteren Tisch in der Nähe standen mehrere weiße Keramikschalen bereit, die wir jeweils zu zweit mit künstlichen Früchten und gläsernem Obst füllten und behutsam zu unseren Tischen zurücktrugen, um nichts fallen zu lassen oder gar zu zerbrechen.

Sophie und ich verbrachten ein paar stille Minuten damit, die Schale und die darin liegenden Früchte wieder genauso wie in der letzten Woche zu arrangieren, in der wir angefangen hatten, sie mit dünnen Linien aus Bleistift auf unser Papier zu zeichnen.