Der Runenträger - Petra van Baarle-Präsoll - E-Book

Der Runenträger E-Book

Petra van Baarle-Präsoll

0,0
4,49 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Durch das Warten auf seine sehnsüchtige Rückkehr reist die werdende Mutter schließlich nach Irland um die Wurzeln des verschwundenen Runenträgers auszuforschen und macht dabei eine interessante Entdeckung. Noch dazu erfährt sie, dass ihr Kind nicht überlebensfähig sein würde und sie wehrt sich mit allen Mitteln gegen diese absurde Theorie, die ihr jeden Tag mehr und mehr Angst beschert. Zu allem Überfluss taucht nur wenige Monate vor ihrem Geburtstermin dieser seltsame Typ namens Will auf, der vom ersten Tag an nicht mehr von ihrer Seite weichen möchte und um eine enge Freundschaft zu ihr kämpft. Ob er etwas mit Lleywellyens Rückkehr zu tun haben könnte?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 447

Veröffentlichungsjahr: 2014

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



www.tredition.de

Petra van Baarle-Präsoll, geboren 1985 und beheimatet in Bad Mitterndorf, Österreich

Nachdem „Brennender Rachedurst“ für die Jungautorin mehr als erfolgreich verlief, konnte sie in kürzester Zeit mit einem weiteren Titel der Runenträger-Serie aufwarten – zur Freude aller begeisterten Leser, die die Fortsetzung schon sehnlichst erwarteten.

»And if my shadow is all that survives, I’m still alive…«

Petra van Baarle-Präsoll

Der Runenträger

Eiskalter Verrat

www.tredition.de

Der Runenträger

Eiskalter Verrat

© 2014 Petra van Baarle-Präsoll

Umschlaggestaltung, Illustration: Petra van Baarle-Präsoll

Lektorat, Korrektorat: Petra van Baarle-Präsoll

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN: 978-3-8495-7635-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Prolog

»Ich bereue nichts…

Wenn ich auf das vergangene Jahr zurückblicke und ich hätte die Möglichkeit mein Leben in dieser Zeitspanne noch einmal zu leben, ich würde es unverändert wieder tun.

Vor allem an dem Tag, an dem ER in mein Leben getreten ist – ich würde nichts anders machen wollen.

Diese Zeit hat mein Leben schwer verändert. Ich bin ein vollkommen anderer Mensch geworden.

Vielleicht war es immer schon meine Bestimmung mein altes Leben eines Tages abzulegen und schlagartig einen neuen, unbekannten Weg einzuschlagen… So wie eine Raupe aus ihrem Kokon in eine völlig neue Welt schlüpft und zu einem komplett verwandelten Wesen wird.

Egal…

Ich trage mein Schicksal mit Würde und gehe den Weg weiter, was auch immer auf mich zukommen mag.

Veränderungen passieren einfach… Man kann sie manchmal einfach nicht vorhersehen…

Genauso wie ich jetzt gerade mein ungeborenes Kind unter dem Herzen trage…

Eine weitere, unvorhergesehene Veränderung, die mein Leben bereichern wird.

Man darf nicht lange hinterfragen warum manche Dinge passieren… Egal ob man Angst hat oder Mut vor dem Unbekannten zeigt – das Leben bleibt nicht stehen, es passiert einfach!

Anfangs war ich noch ängstlich und fiel aus allen Wolken, als mir mein Arzt die frohe Botschaft einer Schwangerschaft verkündete. Ich war wie in Trance verfallen, da ich diese Möglichkeit nie in Betracht gezogen hatte. Das erklärte natürlich sofort meine allmorgendliche Übelkeit und warum ich mich mindestens einmal am Tag übergeben musste…

… Aber an eine Schwangerschaft hätte ich nie im Leben gedacht.

Sogleich kamen mir Lleywellyens mystische Worte wieder in den Sinn als er sagte:

»Wer mit schwarzen Samen sät, wird kein Getreide ernten können…« - auch er hatte sich geirrt.

In diesem Moment fragte ich mich noch: Wie würde es jetzt weitergehen?

Der Arzt konnte den Schrecken in meinem kreidebleichen Gesicht nicht übersehen und dachte wohl bei meinem Anblick sofort an mehrere Väter, die in Frage kommen würden. Aber er konnte ja nicht wissen, dass ich mit einem überirdischen Wesen die Liebesnacht verbracht hatte.

Das Ganze war zu viel für mich und ich wollte nur noch nach Hause. Es dauerte auch nicht mehr lange und ich befand mich auf dem Heimweg – mein Kopf platze beinahe vor Verwirrung und schrecklichen Zukunftsvisionen. Ich musste dringend eine Nacht darüber schlafen um das Ganze erst mal so richtig zu verdauen.

Mein geliebter Lleywellyen war tot, doch sein Kind würde leben - eigentlich ein schöner Gedanke. Doch das realisierte ich erst am nächsten Tag. Ich würde Mutter von einem Kind sein, welches seinen Vater nur von einem kleinen Passfoto kennen und niemals von seiner wahren Gestalt erfahren würde.

Immer wieder schossen mir weitere Fragen durch den Kopf: Würde unser Kind je nach dem Tod seines Vaters fragen? Würde es Eigenschaften von ihm haben? Würde es ein Mädchen oder Junge werden? Und die schlimmste aller Fragen: Würde es ein Mensch wie jeder andere werden???

Ich wusste keinen Ausweg und war mit meinem Geheimnis mehr als überfordert. Ich musste mich jemanden anvertrauen, sonst würde ich letztendlich noch dem Wahnsinn verfallen.

Ich beschloss Anouk als erste davon in Kenntnis zu setzen, da sie die Einzige zu sein schien, die wusste, was momentan in mir vorging.

Ich werde nie ihr Gesicht vergessen, als ich ihr von meiner Schwangerschaft erzählte…

Es war, als hätte ich ihr mit einem Holzbrett mitten ins Gesicht geschlagen.

Doch bei ihr konnte ich meine Sorgen von der Seele reden und meinen Gefühlen Luft machen, was ich dringend nötig hatte.

Und dann diese unerwartete Wende, indem ich das Grab des Runenträgers im Wald aufsuchte…

Ich werde diesen Tag nie vergessen…

Es war ein warmer Herbsttag Ende Oktober gewesen, als ich nach langer Zeit meinen Mut zusammennahm und seine Ruhestätte aufsuchte.

Wäre ich nicht so darauf versessen gewesen, mein liebgewonnenes Höllenwesen ein letztes Mal zu berühren, hätte ich nie gegraben und würde bis heute nicht die Gewissheit haben, dass sein Leichnam hier nie beerdigt worden war.

Stattdessen lag da diese Schatulle…

Diese kleine, unscheinbare Holzkiste, in der Albin all seine Träume einer heilen Welt verscharrt hatte…

Von diesem Moment an flammte neue Hoffnung in mir auf und durchsprudelte meinen gesamten Körper mit wahren Glücksgefühlen!

Lleywellyen lebt!

…Und sein Kind auch!

1

Tief in den Abgründen der Unterwelt, wo noch kein Sterblicher je einen Atemzug getan und die Seelen ein qualvolles Dasein fristen, wartete ein Untertan des Bösen auf seine Befehle.

Er hielt sein Haupt geneigt und wagte es nicht sich zu rühren, ehe es ihm erlaubt wurde. Sein Gebieter stand in unmittelbarer Nähe und genoss den Anblick seines treu ergebenen Dieners und ließ ihn noch einige Zeit in dieser Stellung verharren. Einzig das Gestöhne der gequälten Seelen, die sich unermüdlich durch die Hitze der Unterwelt wälzten, hallte von allen Seiten her und füllte die Umgebung mit Unbehagen.

Doch das Wesen blieb in seiner Haltung und würde sich nicht eher bewegen bis es dazu aufgefordert wurde.

Sein Gebieter trat nun näher und berührte seinen gefiederten Schädel.

In einer uns unbekannten Sprache raunte er dem Wesen der Unterwelt seinen Befehl zu:

»Bring ihn mir!«

Gleich nachdem die Worte verklungen waren, loderte eine glühende Flamme in beiden Augenhöhlen des Untertanen auf und er spreizte seine Schwingen um sich in die Lüfte zu erheben und seinen Auftrag auszuführen.

2

Müde und gelangweilt starrte Flori aus dem Fenster und sah die Häuserreihen wie aneinandergereihte Zinnsoldaten an ihr vorüberziehen. Das gefallene Laub bedeckte den gepflasterten Bürgersteig und sorgte für eine farbige Abwechslung auf den grauen Straßen von Den Haag.

Mittlerweile war es Abend geworden und ihre Reise in der Straßenbahn durch die Gassen der holländischen Stadt würde nach den nächsten zwei Stationen endlich ein Ende haben.

Sie seufzte tief und stützte ihren Kopf auf ihrer Hand ab derweil sie nachdachte, warum sie sich eigentlich zu diesem Kurztrip nach Holland von Anouk überreden lassen hatte.

Die Holländerin fand, dass ihre Freundin nach allem was in den letzten Monaten vorgefallen war, unbedingt mal raus musste um auf andere Gedanken zu kommen. Dank des verlängerten Allerheiligenwochenendes kam ihr diese glorreiche Idee gerade recht und der Flug nach Schiphol buchte sich fast schon von alleine. Nachdem sie eine Zeit lang im Zug unterwegs waren, landeten sie letztendlich in der Straßenbahn und waren sozusagen auf der Zielgerade bis zu Anouks Oma unterwegs, die in einem kleinen Vorort von Den Haag wohnte.

Doch Flori bereute diese Reise jetzt schon. Am liebsten würde sie jetzt zuhause vor dem Fernseher sitzen und nicht schräg gegenüber der schwarzhaarigen Holländerin, die seit wenigen Minuten nach ihrem Handy in der Tasche kramte.

»Vielleicht war es doch keine so gute Idee für ein paar Tage zu verreisen…« maulte Flori um ihrem Frust Ausdruck zu verleihen und vielleicht die Aufmerksamkeit ihrer Mitreisenden wieder auf sich zu ziehen.

»Ach, jetzt hab dich nicht so! Zuhause machst du dich doch nur verrückt! Du wirst sehen, dieser Kurztrip wird dir guttun!« widersprach sie ihr auch gleich, ohne auch nur ein einziges Mal von ihrer Tasche aufzuschauen.

Die Straßenbahn hielt für einen kurzen Moment an und eine surrende Stimme aus dem Lautsprecher kündigte die Haltestelle an, während sich zwei Leute an ihnen vorbei durch die geöffneten Türen zwängten.

»Außerdem freu ich mich wie verrückt, endlich mal wieder meine Omi zu besuchen!« warf Anouk noch fröhlich ein, doch ihre Freundin schwieg.

Sie starrte weiterhin durch die zerkratzte Fensterscheibe, wo sie desinteressiert durch ein großes Fenster der Häuser einem Mann über die Schulter sah, der gerade auf eine Quizshow im Fernsehen umschaltete.

Die Tram setzte sich erneut in Bewegung und weitere, große Fenster der Reihenhäuser offenbarten das aktive Innenleben der Holländer.

Doch das alles nahm Flori gar nicht erst wahr. Sie war in ihren Gedanken schon wieder bei Lleywellyen und ertappte sich dabei, wie sie schon wieder über seine verschwundenen Überreste nachdachte.

»Ha! Na endlich! Da ist es ja!«

Freudestrahlend zog Anouk ihr Handy aus der Tasche und suchte die Nummer ihrer Oma heraus um sie von der baldigen Ankunft der Mädchen zu informieren.

Während sie die Nummer wählte musterte sie ihre gedankenversunkene Freundin, die sich noch immer nicht mit dem Aufenthalt in ihrem Heimatland auseinandersetzen konnte.

»Entspann dich, Flori.«, aufmunternd tätschelte sie deren Oberschenkel, »Ich glaube kaum, dass er gerade in den drei Tagen deiner Abwesenheit zurückkehren wird.«

»Und was, wenn schon?« stieg sie auch gleich in die Konversation ein und wollte ihrer Unruhe Luft machen.

»Hast du den Zettel über unsere Reise nach Holland auf den Küchentisch gelegt?«

»Ja, hab ich.«

»Und den Reserveschlüssel unter deiner Fußmatte versteckt?«

»Ja, hab ich auch.«

»Dann mach dir mal keine weiteren Sorgen! Falls er wirklich in deine Wohnung kommt, dann wird er die restlichen Tage auf dich warten. Das ist es ihm garantiert wert!«

Anouk klopfte erneut auf den Oberschenkel ihrer Mitreisenden, während sie sich mit der anderen Hand noch immer das piepende Telefon geduldig ans Ohr hielt. Da ihre Oma schon sehr alt und gebrechlich war, konnte das noch ein Weilchen dauern.

Floris Verspannung lockerte sich wieder ein wenig als sie die beruhigenden Worte ihrer Freundin vernahm. Ihre Mundwinkel bogen sich wieder ein wenig nach oben.

»Wahrscheinlich hast du Recht… Ich bin nur momentan so aufgelöst. Nach allem, was sich in der letzten Zeit zugetragen hat, kann ich keinen klaren Gedanken fassen! Ein wenig Abwechslung wird mir sicher guttun!«

»Yeah! Diese Einstellung gefällt mir schon viel besser an dir! Außerdem sind deine Sorgen nicht gerade gut fürs Baby!«

Damit warf sie kurz einen Blick auf Floris Bauch, der noch keinerlei Anzeichen einer Schwangerschaft preisgab. » Oh, Mann! Ich kann’s immer noch nicht fassen, dass da ein kleiner Winzling in dir heranwächst…«

Die werdende Mutter musste zum ersten Mal seit dieser Reise lächeln und streichelte kurz über ihren Bauch, während am anderen Ende der Leitung endlich Anouks Oma ans Telefon ging.

Anouk sprach einige Sätze auf Holländisch um ihrer Großmutter ihre baldige Ankunft mitzuteilen. Dabei sprach sie in einer höheren Tonlage als gewohnt und klang beinahe wie eine Fremde wenn sie in ihrer Muttersprache kommunizierte. Flori verkniff sich ein Lachen und atmete tief durch.

Es war schön, endlich andere Gedanken fassen zu können und vielleicht ein schönes, verlängertes Wochenende in dieser unbekannten Stadt zu verbringen.

Als Anouk auflegte, wurde soeben die nächste Haltestelle durchgesagt und sie schrak auf.

»Huch! Wir müssen ja schon aussteigen! Los, komm! Schnapp dir deinen Koffer!«

Hurtig sprang sie von ihrem Sitz ehe die Straßenbahn auch schon zum Stehenbleiben abbremste.

Flori nahm es gelassen und erhob sich gemächlich von ihrem Platz um ihrer aufgescheuchten Freundin zur nächsten Tür zu folgen.

»Also dann, Flora Berger! Bist du bereit für ein ausgelassenes Wochenende in meiner Heimat?« erkundigte sie sich ein letztes Mal, bevor sie endgültig zum Stillstand kamen und aussteigen konnten.

Flori nickte zustimmend und in ihren Augen funkelte es erfreut auf.

Nach nur wenigen Minuten zu Fuß bogen die beiden in einer Seitengasse ein und hielten vor einer der unzähligen Türen, die sich an den Häuserreihen der Straße abhoben.

Anouk freute sich wie ein kleines Kind als nach mehrmaligem Klingeln ihre Großmutter die Tür öffnete und ihre Enkelin erfreut in die Arme schloss.

Das Mütterchen war nicht viel größer als 1,50m und reichte Flori bis zu den Schultern.

Das lag an ihrem Rücken, der sich von ihren hart arbeitenden Jahren leicht krümmte, doch die alte Dame lachte fröhlich übers ganze Gesicht als würde sie keinerlei Schmerzen empfinden.

Ihre schneeweißen Haare trug sie zu einem sogenannten Dutt gebunden und ihre Falten im Gesicht verzogen sich zu einer lachenden Grimasse, als Anouk sich quietschend vor Freude aus ihren Armen löste und ihre Begleitung vorstellte.

Flori konnte nur ahnen, was ihre Freundin soeben mit ihrer Oma gesprochen hatte und hielt der alten Dame freundlich grüßend die Hand entgegen.

Das Mütterchen erwiderte ihren Gruß und sprach wieder einige Sätze in dieser fremdartigen Sprache. In Floris Ohren hörte sich das an, als würde sie sie dazu auffordern ohne Widerworte ins Haus mitzukommen. Sie konterte daraufhin nur mit einem freundlichen Lächeln und zustimmenden Nicken, während sie ihre nuschelnden Worte zu entschlüsseln versuchte.

»Meine Oma hat gesagt, sie freut sich, dich kennen zu lernen und möchte dir eine Tasse Tee anbieten!« klärte Anouk die Situation auf und ihre Freundin nickte wiederum zustimmend.

Sie betraten das Haus, was dem Wort „klein“ im wahrsten Sinne alle Ehre machte. Hier war alles auf engstem Raum zusammengestaucht worden - doch das war typisch für den holländischen Lebensstil.

Das Wohnzimmer offenbarte sich ihnen als kleine Fernsehecke mit einigen Kästchen, worauf kleine Porzellanfiguren unter sauber angebrachten Platzdeckchen standen. Das Fernsehregal diente gleichzeitig als Raumabteilung, wohinter sich das Schlafzimmer des Mütterchens befand. Allein die Küche und das Badezimmer waren separate Räume und obwohl Flori über die enge Platzaufteilung erst geschockt reagierte, fand sie es faszinierend, wie Holländer aus Wenig Mehr machen konnten, ohne, dass man sich dabei eingeengt fühlte.

Als sie das vorgesehene Gästezimmer betrat, staunte sie ein weiteres Mal. Auch hier befanden sich zwei Betten auf engsten Raum mit Kasten und Schreibtisch zusammengepfercht und dennoch fühlte sie sich vom ersten Moment an wohl in dieser Kammer.

Während sie ihre Koffer ins Zimmer brachten, stellte Anouks Oma Tee und Sirupwaffeln am Wohnzimmertisch bereit um sich mit ihrem Besuch über allerlei Neuigkeiten zu unterhalten.

Flori war sehr angetan von der Gastfreundlichkeit der alten Dame, die diesen Abend in netter Gesellschaft in vollen Zügen genießen wollte.

Obwohl Flori sich nur annähernd ausmalen konnte, worüber Anouk und ihre Oma quatschten, fand sie die Atmosphäre sehr entspannend und sie genoss ihren Tee, während ihre Augen immer schläfriger wurden. Es war ein langer Tag gewesen und sie sehnte sich nach einem Bett. Seit einigen Tagen fühlte sie sich müde und erschöpft – auch das gehörte zum Beginn einer Schwangerschaft dazu, was sie wohl oder übel hinnehmen musste.

Zur späteren Stunde legten sich die beiden Reisenden zur Ruhe, was Flori mit einem ausführlichen Seufzen begrüßte und in das weiche Bett förmlich hineinfiel.

Am nächsten Tag planten die beiden eine Erkundungstour durch die Altstadt von Den Haag.

Da sich Anouk hier bestens auskannte, führte sie ihre Freundin wie eine Reiseleiterin durch die engen Gassen der Stadt, die hier und da von kleinen Kanälen – den sogenannten Grachten – gesäumt wurden.

Flori sah sich begeistert in alle Richtungen um. Immer wieder kreuzte das Wasser ihren Weg und sie liefen über unzählige, gepflasterte Brücken zielstrebig Richtung Marktplatz zu.

»Wahnsinn, wie klein und wunderschön diese Gassen sind!« staunte sie und wich einem entgegenkommenden Radfahrer aus, die hier zwischen den Fußgängern einen wichtigen Platz in der Gesellschaft einnahmen.

»Ja, da haben unsere Vorfahren ganze Arbeit geleistet! Wir haben unseren Lebensraum mit dem Wasser vereint.« Anouk vergewisserte sich von der nächsten Gasse, ob sie hier bereits abbiegen mussten und schlug ein schnelleres Tempo an.

Je weiter sie sich dem Zentrum näherten, umso mehr Fußgänger und Radfahrer kreuzten ihren Weg. Flori hatte richtig Mühe mit ihrer Freundin mitzuhalten.

Die beiden gelangten aus dem Schatten der Häuser in eine Straße, die von Sonnenlicht wahrlich durchflutet wurde. Die Bewohner standen an der Reling des parallel verlaufenden Kanals der Straße und genossen die Wärme der Herbstsonne an diesem wunderschönen Morgen.

Flori fühlte auch gleich diese angenehme Wärme der Sonnenstrahlen als sie ihre Wangen streichelten und sie beobachtete aufmerksam die fröhlichen Gesichter, die ihr entgegenkamen.

Die Menge hatte mittlerweile um einiges zugenommen und sie musste zusehen nicht den Anschluss an Anouk zu verlieren, die ihr gerade eine interessante Geschichte über den Prinz von Oranje erzählte.

An einem Hausvorsprung saß ein schwarzhaariger, junger Kerl im Schneidersitz in der Sonne - neben ihm stapelte sich ein Haufen von Ordnern und Büchern. Eines davon lag aufgeschlagen in seinem Schoß in dem er gedankenversunken blätterte.

Wahrscheinlich war er ganz in seiner Musik vertieft, da er über seinen Ohren klobige Kopfhörer trug. In aller Ruhe genoss er die warmen Sonnenstrahlen und ignorierte die vielen Leute, die zu seinen Füßen vorbeizogen ohne ihm auch nur in irgendeiner Art ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Als würde auch er sie gar nicht erst wahrnehmen.

Flori schien die Einzige zu sein, die durch die Menschenmenge hindurch beim Vorbeigehen einen kurzen Blick auf den gelassenen Kerl erhaschen konnte und sie zuckte zusammen.

Es war, als würde ein Blitz sie durchfahren und ihr Herz begann zu rasen. Als sie mit großen Augen einen zweiten Blick wagen wollte um sich zu vergewissern, war der junge Mann nicht mehr da. Abrupt bremste sie sich ein und sah in die entgegengesetzte Richtung, in die der Kerl soeben samt seinen Büchern davonschlenderte.

Anouk merkte erst einige Schritte später, dass ihr ihre Freundin nicht mehr zu folgen schien und blickte sich verwundert in der Menge um.

Sofort sah sie die starrende Flori mitten in der Menschenmasse verharren. »Lleywellyen!« stieß sie aus sich heraus und rannte durch die Leute dem Jungen hinterher. Ohne Rücksicht auf andere zu nehmen rempelte sie sogar einige Passanten an, die sich auch gleich darauf lautstark über ihr Verhalten beschwerten - doch das hörte Flori nicht. Sie hatte nur noch Augen und Ohren für diesen Typen und durfte ihn auf keinen Fall aus den Augen verlieren.

Endlich kam sie in seine Reichweite und fasste ihn an der Schulter, woraufhin sich der Kerl überrascht nach ihr umsah.

»Lleywellyen!« keuchte sie ein weiteres Mal, doch als sie das Gesicht aus der Nähe betrachtete, war keinerlei Ähnlichkeit zu dem Iren zu erkennen.

Etwas verwirrt nahm der Junge seine Kopfhörer ab.

»Wat zeg je?« wollte er wissen, doch Flori verstand nicht.

Zum Glück traf soeben Anouk bei ihnen ein und entschuldigte sich für ihre Freundin und klärte die Situation auf.

Der Kerl lächelte nur kurz und setzte seinen Weg fort, während Floris Freundin sich mit zornerfülltem Gesichtsausdruck zu ihr umdrehte.

»Kannst du mir mal verraten was das eben sollte? Hast du jetzt völlig den Verstand verloren?!« zischte sie aufgebracht und bestrafte Flori mit einem bösen Blick.

»Tut mir leid… Ich sah ihn dort zwischen den Leuten an der Mauer sitzen und dachte, er sei es.«

Anouk biss die Zähne zusammen und fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar um durch Floris Verwechslung nicht sofort in Rage zu verfallen.

»Er KANN einfach nicht hier sein! Ist dir das vielleicht schon mal in den Sinn gekommen??? Schön langsam nervt dein Verhalten! An jeder Ecke siehst du Lleywellyen! Flori, bleib realistisch!!!«

Mahnend packte sie die Holländerin an ihren Unterarmen und redete ihr ins Gewissen.

Natürlich sah Flori ein, dass ihr Verhalten mehr als nur peinlich war, doch sie konnte nicht anders – sie konnte ihren geliebten Iren nicht einfach aus ihren Gedanken streichen als hätte es ihn nie gegeben.

Sie versprach Anouk sich von jetzt an zusammenzureißen ehe sie nach diesem Vorfall ihren Weg durch die Menge fortsetzten.

Gegen Abend kroch Flori frühzeitig ins Bett.

Noch immer saß ihr die Erinnerung an den peinlichen Vorfall von heute Vormittag in den Knochen und sie schämte sich dafür. Ihre Freundin hatte ja Recht – er konnte unmöglich in einem fremden Land, in einer fremden Stadt einfach so aus dem Nichts auftauchen. Doch ihre Psyche fand neuerdings wohl Gefallen daran, ihr Streiche zu spielen.

Der Rest der Erkundungstour durch die Stadt war an ihr Vorübergegangen als hätte sie nie stattgefunden. Sie hatte zwar bei jedem von Anouks Erklärungen interessiert genickt, aber nie richtig zugehört.

Beschämt über sich selbst zog Flori die Decke bis zum Kinn hoch und schloss die Augen. Sie fühlte sich mies, noch dazu bekam sie Bauchschmerzen und ihr war mehr als nur unwohl.

Wenig später öffnete sich die Schlafzimmertür und Anouk spähte mit dem Kopf zu ihr herein.

»Flori? Schläfst du schon?« murmelte sie leise, woraufhin sie ein raunendes »Nein« zur Antwort bekam. Leise öffnete sich die Tür und sie kam zu ihr ans Bett.

»Wie geht’s deinem Magen?«

»Naja, könnte besser sein. Ich glaube, das hab ich der ganzen Aufregung des heutigen Tages zu verdanken. Entschuldige nochmals für den dummen Vorfall…«

»Lass mal gut sein. Kann ja passieren. Wichtiger ist, dass du dich jetzt ausruhst.«

»Da hast du wohl Recht! Ich fühle mich hundeelend…«

Anouk hielt einen Moment inne, als würde sie die richtigen Worte suchen. Sie setzte sich ihr gegenüber auf ihr eigenes Bett und starrte eine Weile auf das zierliche Nachttischlämpchen ehe sie mit ihrer Frage herausrückte.

»Nun…Flori. Ich mein… Naja, da du heute ja sowieso das Bett nicht mehr verlassen wirst… und ich nicht so oft die Gelegenheit habe hier meine alten Freunde zu besuchen… und noch dazu Samstag ist…«

»…Schon gut. Ich weiß was du sagen willst. Klar kannst du mit deinen Freunden um die Häuser ziehen.« schnitt Flori ein, ehe sie sich noch einen Knoten in die Zunge quatschte.

»Und es macht dir wirklich nichts aus?«

»Nein, echt nicht. Nun geh schon und hab deinen Spaß!« lächelte sie angetan was Anouk wie ein kleines Kind freute.

»Danke, Flori! Du bist die Beste! Ich werd auch nicht lange wegbleiben! Das versprech’ ich dir!«

»Mach dir keine Mühe. Ich werd sowieso schon schlafen wenn du heimkommst. Mach nur nicht zu viel Krach, okay?«

»Alles klar! Mach ich!« versprach Anouk ehe sie sich verabschiedete und freudig zur Tür hinaushopste.

3

Nachdem sie sich zwei Stunden im Bett hin- und hergewälzt hatte ohne richtig einschlafen zu können, gab Flori auf und sie schaltete die Nachttischlampe ein. In ihrem Bauch wütete ein Vulkan, der durch grummelnde Geräusche sein Unwohlsein zum Ausdruck brachte.

Sie starrte an die Decke und streichelte über den Bauchnabel, als wollte sie Kontakt zu ihrem Kind aufnehmen.

Sie konnte nicht fassen, dass sie schon wieder im Gedanken bei ihrem Lieblingsthema war und musste sich eingestehen, dass sie mehr als nur verrückt nach Lleywellyens Rückkehr war – sie war regelrecht versessen danach!

Jetzt hob sie ihren rechten Arm unter der Decke hervor und betrachtete das Runensymbol Algiz an ihrem Handgelenk, welches bis zum heutigen Tag aussah als wäre ihr die Wunde frisch zugefügt worden.

Langsam strich sie mit der anderen Hand darüber und fühlte jede Wölbung des gabelartigen Symbols, während sie sich an den Tag zurückerinnerte wo sie den schwarzen Runenträger zum ersten Mal berührte. Es war ein magischer Moment gewesen, als sie dem Teufelshengst über die Schnauze strich und sich daraufhin die Schutzrune wie eine Brandwunde an ihrem Körper abzeichnete.

Solange sie diese Rune an ihrem Handgelenk trug, hielt sie auch an der Hoffnung eines Wiedersehens fest - soviel war für sie sicher.

Noch während sie über dieses mystische Symbol grübelte, öffnete sich die Tür wieder einen spalt und Anouks Oma spähte zu ihr herein.

Wahrscheinlich war die alte Dame auf das Licht im Schlafzimmer aufmerksam geworden und kam gemächlich mit einem Tablett samt Tee und Sirupwaffeln zu ihr ins Zimmer.

Flori sah ihr in Ruhe dabei zu wie sie das Tablett auf dem Nachttisch abstellte und mit besorgtem Blick eine Frage stellte, die das Mädchen leider nicht verstehen konnte.

Sogleich hielt das Mütterchen ihre faltigen Hände an ihren Bauch und wiederholte die Frage, was Flori zu verstehen gab, dass sie nur ihre Bauchkrämpfe meinen konnte.

Jetzt deutete die alte Frau auf die Teetasse.

»Thee! Goed tegen buikpijn! Mmmh!« gab sie abermals von sich und rieb sich ihren eigenen Bauch.

»Vielen Dank. Ja, ich werde den Tee trinken.« meinte das Mädchen verlegen und nickte heftig um der Dame zu verstehen zu geben, dass sie ihre gutgemeinte Geste verstanden hatte.

Anouks Oma tätschelte ihr noch lächelnd die Stirn, wie es eine Mutter getan hätte und verließ gleich darauf das Zimmer.

Trotz der Kommunikationsprobleme fand Flori die alte Frau mehr als nur liebenswert. Sie erinnerte sie an ihre eigene Oma und ein vertrautes und geborgenes Gefühl aus alten Zeiten wurde in ihr wach.

Sie nahm den guten Rat der Greisin an und nahm ein paar Schluck vom heißen Kräutertee, der noch immer am Nachttisch für sie bereitstand. Erstaunt musste sie feststellen, dass dieser Tee herrlich entspannend auf ihren Bauch sowie auf ihr Gemüt wirkte. Sie hielt für einen Moment inne und genoss die Wärme, die sie momentan durchflutete und sowohl ihren Blutdruck als auch ihre Sorgen zur Ruhe kommen ließ.

Ihr Körper dankte es ihr mit Schmerzlinderung im Bauchbereich, ließ ihre Lider schwerer werden und in einen beruhigenden Schlaf hinübergleiten.

4

»Hach! Ist es schön wieder zuhause zu sein!« begrüßte Flori auch gleich den altvertrauten Boden unter ihren Füßen, als sie aus dem Flugzeug stieg und die frische Luft der Alpen inhalierte.

Anouk, die nach ihr das Flugzeug verließ, war da ganz anderer Meinung. Die letzte Partynacht in Holland hatte ihre Spuren hinterlassen und sie war total verkatert. Ihre großen, schwarzen Sonnenbrillen versuchten so gut sie konnten ihren nächtlichen Einsatz zu vertuschen, doch in ihrem Kopf hämmerte es ununterbrochen seit sie aus dem Bett gekrochen war.

Sie konnte nicht einmal Geri umarmen, der die beiden schon sehnsüchtig im Ankunftsterminal erwartete. Diese Aufgabe durfte ausnahmsweise Flori erledigen da sie sich unheimlich freute, Anouks kleinen, blonden und schrulligen Freund wiederzusehen.

Auch auf der gesamten, zweistündigen Heimfahrt sprach Anouk nur das Nötigste. Alles was sie von sich gab, kam in einem mürrischen und raunenden Ton rüber, sodass Geri keinerlei weitere Fragen zu ihrem gestrigen Abend verschwenden wollte und gönnte ihr verständnisvoll ihre Ruhe.

Flori auf der Rückbank hingegen, starrte mit großen Augen aus dem Fenster und genoss den herrlichen Anblick der Berge, die mit jeder Minute näher kamen. Obwohl sie nur für drei Tage fort war überkam sie sehr schnell das Heimweh und sie freute sich wie ein kleines Kind auf Daheim.

Als Geri sie zuhause absetzte und Flori sich dankend verabschiedet hatte, fühlte sie wie Nervosität in ihr hochstieg.

Vielleicht wurde sie in ihrer Wohnung ja schon sehnsüchtig erwartet?

Doch spätestens als sie ihren Koffer vor der verschlossenen Wohnungstür abstellte und auch gleich ihr hinterlegter Schlüssel unter der Türmatte zum Vorschein kam, wusste sie, dass ihr Puls umsonst angestiegen war.

Auch als sie die Wohnung betrat, offerierte sie sich ihr genau in dem Zustand wie sie den Wohnraum hinterlassen hatte. Selbst der handgeschriebene Zettel für Lleywellyen lag unberührt am Küchentisch. Genau dort, wo er von ihr hingelegt worden war.

Etwas enttäuscht und doch einsichtig begann sie ihre Klamotten auszupacken und in die Waschmaschine zu befördern.

Als sie es sich wenige Minuten darauf im Wohnzimmer vor dem Fernseher gemütlich machen wollte, beschlich sie eine unendliche Leere, die in ihrem großen Wohnraum Einzug hielt und erneut Unruhe in ihr auslöste. Jede Ecke und jeder Winkel erinnerte sie an Lleywellyen - wohin sie auch sah. Überall waren Erinnerungen an den jungen Iren geblieben – allein schon die drei Bilder, die sie aus seiner alten Wohnung mitgenommen hatten, hingen sorgfältig an der Wand montiert und zogen ihre gesamte Aufmerksamkeit auf sich.

Sogleich kamen ihr auch schon die Bilder des schrecklichen Endes des Runenträgers wieder in den Sinn. Sofort sah sie vor ihrem inneren Auge die letzten Momente seines Lebens, als seine Schulter von den drei jungen Bäumen gepfählt wurde und er regungslos liegen blieb, während sich sein Blut bereits über seinem pferdeähnlichen Körper verteilte.

Hilflosigkeit und Trauer machte sich in ihr breit und füllten ihre Augen mit Tränen.

Zu guter Letzt lag da auch noch der aufgeschlagene Reisepass am Couchtisch, welcher Floris Unwohlsein nur noch bekräftigte und sie musste sich wieder erheben, da sie den Anblick des Passfotos nicht ertragen konnte.

Dies war das einzige Foto, was sie von ihm besaß und es erinnerte sie zu sehr an die vergangene Zeit, als ihre Welt noch in Ordnung war.

Sogleich beschloss sie ihre Pflanzen zu gießen und anschließend die Wohnung gründlichst durchzuputzen um auf andere Gedanken zu kommen. Die fühlte sich gefangen und zugleich alleingelassen – sie durfte der Trauer um sein Verschwinden nicht die Übermacht ergreifen lassen indem sie zuließ, dass es ihre Seele zerfraß.

Am späten Abend war sie noch immer mit Putzen beschäftigt. Das Ablenkungsmanöver zeigte mittlerweile seine Wirkung und Flori pfiff fröhlich bei jedem Lied mit, welches gerade im Radio gespielt wurde.

Soeben war sie dabei ihr Regal abzustauben und wischte über Bücher, Bilderrahmen und kleine Teelichtbehälter, die einer Reinigung schon dringend bedurften.

Dabei fiel ihr ein umgefallenes, dick verstaubtes Bild auf, was schon lange Zeit nicht mehr zur Hand genommen worden war.

Dieses Bild musste einst bei einem Schiausflug entstanden sein. Flori erinnerte sich nur vage an diesen Tag.

Darauf waren sie, Anouk, Carola und Albin abgebildet, wie sie gemeinsam an einem hölzernen Tisch in einer Almhütte beisammen saßen und feuchtfröhlich den Tag ausklingen ließen.

Da war sie schon wieder – die Erinnerung an eine vergangene, heile Welt, wo die Gang beinahe jedes Wochenende miteinander verbracht hatte und jede Sekunde ihrer innigen Freundschaft gefeiert wurde.

Niemand hätte damals auch nur annähernd gedacht, dass diese schöne Zeit eines Tages enden würde…

Doch das Schicksal hatte entschieden…

Albin und Carola würden nie wieder zu ihnen dazugehören…

Nie wieder…

Flori hielt einen Moment inne und betrachtete das Bild sehr intensiv. Laut den letzten Gerüchten, die man sich im Dorf erzählte, mussten die beiden nach dem dramatischen Ende des Runenträgers nach Finnland gezogen sein. Sie selbst konnte diese Entscheidung nur begrüßen, da sie ihnen nicht mehr unter die Augen treten konnte. Es würde alles nur noch schlimmer machen, als es ohnehin schon war.

5

»Flora? Kannst du bitte noch kurz den Kassendienst übernehmen? Ich muss schnell im Lager nachsehen, ob wir noch Feuchttücher haben!« rief Floris Chefin quer durch den Gang des Lebensmittelladens, ehe sie sich auch schon vom Rollsessel erhob und die wartende Kundschaft an der Kassa stehen ließ.

»Ja, sofort!« war Floris schnelle Antwort und sie schnappte sich unterwegs zum Zahltisch noch eine Packung roter Friedhofskerzen, die sie für sich selbst kaufen wollte.

Es war kurz vor Mittag und ihre Vormittagsschicht neigte sich dem Ende zu. Schnell und freundlich fertigte sie die wartende Kundschaft an der Kassa ab, ehe sie ihre Dienstkleidung im Personalraum an den Hacken hing.

Als sie sich schließlich von ihrer Dienstgeberin in die Mittagspause verabschiedete, musste sie wieder daran denken, dass sie ihre Schwangerschaft nicht viel länger vor ihr verheimlichen durfte. Im Grunde musste sie auch ihrer Mutter endlich das Geheimnis offenbaren, doch sie hatte bisher noch nicht den Mut dazu aufgebracht. Weiterhin suchte sie vergebens nach dem passenden Augenblick. Genauso wie heute brachte sie es nicht übers Herz ihre Vorgesetzte über diese Neuigkeit zu informieren, obwohl sie schon damit rechnete, dass ihre Chefin dank ihres seltsamen Verhaltens insgeheim bereits mit dem Gedanken spielte.

Noch während sie das Geschäft verließ und über ihre baldige Verkündung nachdachte, wäre sie gleich aus Macht der Gewohnheit nach Hause gelaufen. Sowie sie jedoch bemerkte, dass sie auf dem falschen Weg war, hielt das Mädchen abrupt an und machte auf dem Stand kehrt um in die entgegengesetzte Richtung weiter zu laufen.

Schließlich hatte sie noch etwas anderes vor

Kalt und grau präsentierte sich ihr der Friedhof von Eiflingbach, als Flori die Ruhestätte betrat. Um diese Zeit war sie vollkommen alleine auf dem Gottesacker und konnte im Stillen ihr Vorhaben verrichten, ohne gesehen zu werden.

Ein eisiger Herbstwind fegte über die Gräber hinweg und wirbelte das verwelkte Laub auf, welches unter leisen Geräuschen die Grabsteine streichelte und zur schaurigen Stimmung beitrug.

Ihre Hände waren bereits eiskalt als Flori schließlich vor einem bestimmten Grab stehenblieb, ein Feuerzeug und die mitgebrachten Friedhofskerzen aus der Manteltasche zog und deren goldenen Deckel abschraubte um an den Docht ranzukommen.

Endlich gelang es ihr unter den windigen Bedingungen die Kerze zu entflammen und den Deckel wiederum darauf zu platzieren.

Eine Weile lang sah sie der kleinen Flamme dabei zu wie sie sich den Docht hinunterfraß, um sich am Wachs zu nähren bis sie heller zu leuchten begann. Dann erst widmete sie ihre Aufmerksamkeit dem Grab, wovor sie sich eingefunden hatte um dem Verstorbenen das Licht zu kredenzen.

Das Grab war noch frisch – der Erdhaufen war unter einem Meer von Kränzen und Blumen bedeckt und unzählige Kerzen bildeten eine Kette aus Licht für den Weg in die Ewigkeit.

Auf dem Holzkreuz am anderen Ende des Grabes stand „Bernhard Gruber“ und ein kleines Foto von Floris Exfreund erinnerte an die Blütezeit eines jungen Erwachsenen, der viel zu früh aus dem Leben gerissen wurde.

Weinende Engelsstatuen säumten das Kreuz wo es in die Erde geschlagen wurde sowie mehrere Abschiedsbriefe seiner engsten Freunde, die ihm einen letzten Gruß zukommen ließen.

Flori hingegen war alles andere zumute als sich trauernd vor das Grab hinzuknien.

Während sie den blumenüberschütteten Haufen in aller Ruhe betrachtete, überkam sie kein einziges Mal das Gefühl der Wehmut.

Erst wenige Tage vor Allerheiligen wurde die Begräbniszeremonie für den Verstorbenen abgehalten, da sein Leichnam erst Monate nach seinem tragischen Verenden zur Bestattung freigegeben wurde. Aus dem Leben gerissen, aufgrund eines Genickbruchs der gekonnt durch das Kiefer eines übernatürlichen Wesens verursacht wurde. Diesen Anblick würde Flori noch lange im Gedächtnis behalten…

Eigentlich musste sie dankbar dafür sein, dass die Behörden aufgrund der Bisswunden sofort das monströse Pferdewesen als Täter in Betracht zogen und sie sich keinerlei Schuld zukommen lassen musste. Schließlich hatte sie sich in unmittelbarer Nähe übergeben und Unmengen an DNA-Spuren hinterlassen.

Unzählige Menschen fanden sich am Tag von Bernhards Begräbnis am Friedhof ein um ihn auf seinem letzten Weg zu begleiten. Davon viele Jugendliche, Verwandte, Bekannte und Freunde des ehemaligen Soldaten, dessen Wehrdienst im Ausland erst wenige Tage zuvor zu Ende gegangen war, ehe sein Leben ein frühzeitiges Ende fand.

Allesamt weinten sie bittere Tränen. Niemand konnte seinen Tod verstehen.

Flori beobachtete die Bestattung aus sicherer Entfernung - sie wollte nicht unnötigen Staub aufwirbeln und ließ die Beerdigung ohne ihr Beisein vonstattengehen.

Doch als schließlich seine hinterbliebenen Eltern vor dem Sarg standen und sich für immer von ihrem Sohn verabschieden mussten, schnürte es selbst ihr die Kehle im Hals zu.

Es musste nichts Schlimmeres auf Erden geben, als sein eigenes Kind zu begraben…

Die Kerze in ihrer Hand hatte mittlerweile eine angenehm lodernde Flamme erreicht, als Flori sich herabbeugte und sie zu den anderen ans Grab stellte.

Sie schluckte kurz, ehe sie ihre Hände ineinander schlang und sich zu Worten rang.

»Hiermit habe auch ich meinen Teil beigetragen und dir die letzte Ehre erwiesen. Jetzt sind wir quitt. Ich weiß, es hätte alles anders verlaufen können, doch mich trifft keine Schuld.

Und noch was… Happy Birthday.«

Flori musste bei ihren letzten Worten kurz schlucken – schließlich wäre der Junge heute 21 Jahre alt geworden.

Der eisige Wind meldete sich erneut und zerzauste ihr rotbraunes Haar, während sie den Mantelkragen höher zog um die Kälte zu vertreiben. Sie verharrte noch wenige Minuten vor dem Grab bevor sie ihm schließlich den Rücken zukehrte und den Heimweg antrat.

6

»Gut, Frau Berger. Wie geht es Ihnen sonst so? Irgendwelche bisherigen Beschwerden?«

»Nein, nicht wirklich. Außer der allmorgendlichen Übelkeit könnte ich mich nicht beklagen.«

Flori war gerade dabei ihre Jeans in einer kleinen Umkleidekabine abzulegen, um sich für eine Untersuchung beim Frauenarzt frei zu machen. Soeben musste sie an ihr morgendliches Treffen mit der Kloschüssel denken, welches sich seit Wochen täglich wie in einem schlechten Film wiederholte und sie musste sich zusammennehmen um nicht erneut zu würgen.

»Keinerlei Schwindelanfälle oder unangenehmes Ziehen im Brustbereich?« stocherte der Arzt weiter während er ihre Patientenakte einstweilen am Computer bearbeitete.

»Nein, nichts.«

Der Gynäkologe war noch sehr jung und bemühte sich sehr im Umgang seiner Patienten, was ihn als unglaublich sympathisch auszeichnete. Flori konnte seit ihrer allerersten gynäkologischen Untersuchung starkes Vertrauen zu ihm finden, doch heute war sie mehr als nervös.

Es war Ende November und mit höchster Wahrscheinlichkeit konnte sie bei der heutigen, anstehenden Ultraschalluntersuchung einen Blick auf den Fötus werfen, der mittlerweile einen voll ausgereiften Körper und Gliedmaßen besitzen musste und zu einem kleinen Menschen herangewachsen war.

Ihre Angst lag jedoch in der Vermutung, dass dieses Kind nicht einem normalen Menschen gleichen könnte. Diese Gedanken quälten sie schon seit dem ersten Tag ihrer Schwangerschaft – heute würde sie die Gewissheit erlangen.

Und davor hatte sie mehr Angst als alles andere.

Noch während sie weitere Fragen des Arztes geistesabwesend beantwortete und sich im Gedanken mit ihren Befürchtungen auseinandersetzte, kletterte sie etwas ungeschickt auf den Untersuchungsstuhl und legte ihre Beine in die dafür vorgesehenen Ablagen.

Angstschweiß breitete sich kühl auf ihrer Stirn aus und auch als sie sich an die Armlehne klammerte, bemerkte sie sogleich ihre feuchten Hände.

Ihr war mehr als unwohl, doch sie versuchte sich ihre Nervosität so gut es ging nicht anmerken zu lassen.

Endlich stand Dr. Geisser von seinem Bürosessel auf und kam zu ihr an den Untersuchungsstuhl. Als er schließlich bemerkte, wo Flori sich eingefunden hatte, musste er lächeln.

»Nein, Frau Berger. Heute machen wir eine externe Ultraschalluntersuchung. Dazu benötigen wir nur die Liege.« Dabei deutete er lächelnd auf die Untersuchungsbank, die sich in der anderen Ecke des Zimmers befand.

Floris Schamesröte war ihr bis über die Ohren gestiegen, als sie sich sogleich entschuldigte und sofort vom Stuhl heruntersprang.

-Peinlich, Flori! Pass das nächste Mal besser auf!-

Wieder lächelte der junge Arzt amüsiert, als sie in ihre Hose schlüpfte und zu ihm an die Bank kam um es sich darauf bequem zu machen.

»Sind Sie nervös?« fragte er sie während er Gleitmittel aus einer eigens dafür vorgesehen Halterung aus seinem Utensilienwagen zog und den Bildschirm des Ultraschallgerätes auf seine Funktionstüchtigkeit überprüfte.

»Ein bisschen… Ja.« gestand sie, da man ihre Tollpatschigkeit wohl nur dadurch erklären konnte.

»Bleiben Sie ganz ruhig, Frau Berger. Es wird Ihnen nichts passieren.«

-Sie haben ja leicht reden, Herr Geisser!-

»Mit etwas Glück können Sie heute das Geschlecht ihres Kindes erfahren, falls Sie das möchten. Sie sind übrigens nicht die Erste, die in meiner Ordination so aufgeregt reagiert.« beruhigte er sie.

Flori nickte zustimmend. Wenigstens hatte er jetzt eine Begründung ihrer Nervosität gefunden und würde nicht weiter über ihre angespannte Körperhaltung nachfragen.

Das kalte Gel berührte ihren Bauch unter dem Nabel und wurde dick und sorgfältig von ihrem Arzt aufgetragen, bevor er zum Gerät griff und den Ultraschallkopf an der besagten Stelle ansetzte.

Flori konnte nicht anders und musste die Augen zukneifen.

In ihrem Kopf spielten sich die schlimmsten Szenarien ab, die in den nächsten fünf Minuten passieren könnten.

Sie konnte Dr. Geisser jetzt schon beim Anblick des Fötus aufschreien hören und sah ihn vor ihrem geistigen Auge schon aus der Praxis stürmen.

Doch auch nach mehrmaligem Bewegen des Ultraschallkopfes auf ihrem Unterleib blieb der Arzt stumm. Er begutachtete das Bild, was der Ultraschall auf den Computer vor ihm projizierte und konzentrierte sich auf seine Arbeit.

»Frau Berger? Warum haben Sie denn ihre Augen geschlossen!? Möchten Sie denn keinen Blick auf ihr Kind werfen?«

»Ich… Ich weiß nicht…«stammelte sie, als der Arzt auch schon wieder herzlich über ihr Verhalten lächelte.

»Nur keine falsche Scheu! Wenn Sie das Geschlecht nicht wissen möchten, dann verrate ich es Ihnen natürlich nicht. Sie selbst könnten es nicht erkennen, dazu fehlt Ihnen das geschulte Auge eines Experten.«

Langsam lockerte Flori auf die Aufforderung des Arztes hin ihre Lider und blinzelte durch die schmalen Augenschlitze.

Sie sah in das glückliche Gesicht ihres Gynäkologen, der ihr andeutete auf den Bildschirm zu sehen.

Seinem Gesichtsausdruck nach musste der Anblick des Fötus nicht allzu schlimm sein und Flori riskierte einen kurzen Blick.

Sie sah einen kleinen, gerundeten Körper, in dessen Leib unübersehbar sein kleines Herz heftig schlug. Der Kopf, sowie seine Hände und Beine waren völlig ausgereift und an den Körper herangezogen, als würde es schlafen.

Floris verspannte Muskeln lockerten sich je näher sie das kleine Etwas betrachtete, was im nächsten Augenblick mit einer schnellen Bewegung seinen gesamten Körper in eine andere Lage verschaffte. Jetzt konnte sie die Wirbelsäule des kleinen Menschen erkennen und auch hierbei erklärte ihr der Arzt die weiteren Organe, die bereits am Bildschirm ersichtlich waren.

Floris zog es ein Lächeln auf als sie das Baby in seiner Vollkommenheit betrachtete und weder sie noch Dr. Geisser keinerlei auffällige, körperliche Missbildungen erkennen konnten.

Der Arzt freute sich sichtlich mit ihr als er ihre strahlenden Augen sah und weitere Einzelheiten zum Fruchtwasser sowie der Lage der Plazenta erwähnte.

»Möchten Sie denn nun das Geschlecht wissen, oder nicht?«

»Ja… das möchte ich.« war alles was Flori in diesem fesselnden Moment von sich geben konnte. Sie war zu sehr von dem kleinen Geschöpf fasziniert und konnte ihre Augen nicht mehr von ihm abwenden.

»Nun, dann darf ich Ihnen zu einem kleinen Jungen gratulieren, Frau Berger.«

»Ein Junge…« sprach sie ihm nach und ihre Augen sammelten sich mit Tränen der Freude.

-Lley, wir werden einen Sohn haben-

Nach der Untersuchung stand Flori vor dem Ärztegebäude und versuchte sich auf den vorbeifahrenden Verkehr zu konzentrieren um die Straße queren zu können.

Es war noch früh am Vormittag, doch das rege Treiben der Kleinstadt Esping war bereits in vollem Gange. Sie nutzte die Zeit um noch einige Einkäufe zu erledigen, wenn sie schon mal in der Stadt war.

Auch am heutigen Tag lag eine eisige Kälte in der Luft und gefror ihren Atem, doch von Schnee war weit und breit keine Spur.

Bei jedem Schritt den das Mädchen tat, musste sie an das kleine Geschöpf in ihrem Bauch denken und an den Stein, der ihr im Ordinationszimmer vom Herzen gefallen war als sie die Gewissheit erlangte, dass Alles zur Zufriedenheit des Arztes verlief.

Niemand konnte ihr dieses unsagbar schöne Gefühl nehmen.

Ihr nächstes Ziel war es, sich ein Herz zu fassen und ihrer Familie sowie ihrer Chefin von der Schwangerschaft zu erzählen. Doch bis dahin musste sie noch auf einen guten Moment warten um nicht mit der Tür ins Haus zu fallen.

7

Die Wochen vergingen. Mittlerweile war es Mitte Dezember geworden und Flori konnte sich immer noch nicht dazu durchringen, ihr Geheimnis mit der Welt zu teilen. Bis auf Anouk und Geri wusste wirklich niemand über ihre anstehende Lebensveränderung bescheid und das fand sie auch gut so.

Seit langem saß sie endlich wieder einmal mit ihrer besten Freundin in ihrem Lieblingscafé und genoss die wenigen Stunden der Zweisamkeit, ehe Anouk sich wieder ans Lernen machen musste. Schließlich standen ihre letzten Prüfungen vor den Weihnachtsferien an und da musste sie sich noch einmal richtig ins Zeug legen. Das passte der Holländerin zwar gar nicht - doch da musste sie jetzt durch.

»Schön, dass du Zeit gefunden hast! Ist ja schon ’ne Ewigkeit her, dass wir uns gesehen haben.« seufzte Flori zufrieden, als sie ihre Jacke ablegte und es sich an dem kleinen Tisch gegenüber ihrer Freundin gemütlich machte.

»Klar doch! Musste sowieso mal raus! Von dem vielen Lernen werd ich noch ganz verrückt! Also jetzt erzähl mal! Was gibt’s Neues? Irgendwas scheint dir ja aufs Gemüt zu drücken!«

Damit hatte Anouk nicht gerade Unrecht. Denn Flori lag wirklich seit einigen Tagen etwas auf dem Herzen.

»Ja, das stimmt. Also… Eigentlich hätte ich ja damit rechnen müssen, aber…«

»Jetzt spuck’s schon aus! Was ist los?«

»Nun ja… Meine Mutter! Sie will mich auch heuer wieder zu Weihnachten einladen um gemeinsam mit ihr, Katrin und ihrem stinkigen Vater zu feiern…«

»Ja und? Ist ja nix dabei, oder? Ihr feiert doch jedes Jahr gemeinsam, oder etwa nicht?«

Soeben kam die Serviererin und stellte die von ihnen georderten heißen Schokoladen am Tisch ab. Dankend zog Anouk auch gleich ihre Tasse zu sich heran um den Schlagobers gierig in sich hineinzulöffeln.

Flori wärmte ihre Finger an der heißen Tasse während sie die passenden Worte für ihre Antwort zusammensuchte.

»Ja, sicher feiern wir jedes Jahr gemeinsam… Nur, hab ich dieses Jahr keine Lust dazu, verstehst du? Seit Lleywellyen in mein Leben getreten ist, will ich mit diesem christlichen Fest nichts mehr zu tun haben…« grummelte sie, als würde sie für etwas bestraft werden.

»Ja, schon klar! Doch du wirst daran nicht vorbeikommen, Schwester! Trag es mit Würde!«

»Ja, mir wird wohl nichts anderes übrig bleiben…« seufzte Flori und sah sich im Café um, wo mit Weihnachtsdekoration nicht gespart worden war. Überall hingen rote Kugeln von den Vorsprüngen herunter und an jedem Fensterbett standen Engelsfiguren umzäunt von gebundenen Grassgirlanden, in denen kleine Glitzersternchen im Licht funkelten.

Sie befand sich wahrlich schon mitten im Glanz der Vorweihnachtszeit und versuchte das alles auszublenden.

»Weil wir gerade beim Thema sind… Schon was Neues von ihm gehört?« gab Anouk kleinlaut von sich und leckte genüsslich über ihren Löffel voller Schlagsahne. Sie konnte sich die Antwort bereits denken, doch als beste Freundin war es ihre Pflicht Flori danach zu fragen. Wie erwartet schüttelte sie nur gemächlich den Kopf. Danach folgte für eine kurze Zeit Stille.

»Hast du denn schon Geschenke für die Drei besorgt?« wollte Anouk nun wissen um auf das letzte Thema zurückzukommen, als sie zusehen musste wie Floris Gesichtsausdruck immer trauriger wurde.

»Ja… Eine Kleinigkeit hab ich schon besorgt… Aber nur aus Aufmerksamkeit. Nicht weil ich mich auf Weihnachten freue.«

Sie rümpfte die Nase und nahm einen Schluck vom Kakao, der mittlerweile nur noch lauwarm war.

»Na bitte. Dann hat sich dein Problem ja schon fast von allein gelöst! Ich zum Beispiel hab noch kein einziges Geschenk besorgt und mach mich deswegen auch nicht verrückt! Also ich weiß nicht was du da für einen unnötigen Aufstand machst! Und jetzt lass uns über etwas Angenehmeres reden!«

Anouk schob ihr Getränk zur Seite, damit sie ihre Unterarme auf der Tischplatte auflegen konnte und grinste breit, sodass ihre Zähne wahrlich glänzten.

»Was macht dein Baby denn so?«

Nach dieser Frage zog es Flori seit langem wieder einmal ein Lächeln auf und sie rieb beschützend ihren Bauch. Ihre Augen strahlten vor Freude als sie sprach: »Alles Bestens! Ich hab sogar Fotos vom letzten Arztbesuch mit!«

»Was?! Zeig her!« forderte Anouk und griff gierig nach den Bildern, als Flori sie auch schon aus ihrer Tasche zog.

Als sie die Fotos von dem Kleinen betrachtete, verfiel ihre Stimme in eine hohe Tonlage, was immer dann geschah, wenn sie holländisch sprach oder etwas furchtbar niedlich fand.

»Wie süüüß! Jetzt erkennt man ja schon alles!«, quietschte sie vergnügt, »Oohh, sieh mal! Das süße Händchen!«

»Ja, besonders das Geschlecht kann man bereits gut erkennen. Es wird ein Junge werden.« verkündete die werdende Mutter stolz.

Wieder ließ die Holländerin diesen Quietschton erklingen und starrte weiterhin gebannt auf die Fotos.

»Hast du dir denn schon einen Namen überlegt?« war ihre nächste Frage und sie sah dabei nicht einmal von den Bildern auf.

Flori überlegte kurz. Natürlich hatte sie sich darüber schon in den letzten Wochen Gedanken gemacht und wollte ihrem Kind einen ehrwürdigen Namen geben. Mittlerweile war sie ja auch schon fündig geworden. Ihre Überlegung diente rein dazu, ob sie es Anouk bereits verraten sollte, oder nicht.

»Ähm… Klar, hab ich schon einen Namen.«

»Und? Worauf wartest du? Jetzt lass mich nicht so lange zappeln! Ich platze vor Neugier!«

Bevor das passieren konnte, entschied sich die werdende Mutter doch es ihr gleich mitzuteilen und sie sagte ohne weitere umschweife: »Kieran.«

Anouks naserümpfende Reaktion hatte sie bereits vorhergesehen und wunderte sie nicht besonders.

»Kieran? Was soll denn das für ein Name sein? Wie untypisch für ein deutschsprachiges Land!« Die Holländerin ließ von den Ultraschallbildern ab und trank den letzten Rest ihres Kakaos in einem Zug aus.

»Ich weiß, der Name passt nicht hierher… Aber das ist ja nicht der Sinn und Zweck, oder etwa nicht?« rechtfertigte Flori sich auch gleich über ihre Namensentscheidung, »„Kieran“ kommt aus dem Irischen und bedeutet „Der Schwarze.“«

Anouk sah sie noch einige Minuten ungläubig an, konnte aber dann den Zusammenhang mit seinem Vater erkennen und sie verstand ihre Entscheidung.

»Ach, so ist das also… Das macht natürlich Sinn, da muss ich dir Recht geben…«

Sie machte einen studierenden Eindruck als sie die Augen kurz zur Decke richtete und grübelte.

»Kieran… An diesen Namen muss ich mich wohl noch gewöhnen. Carola würde jetzt sicher…« Blitzartig brach sie ihre lauten Gedanken ab und erschrak selbst ein bisschen, als sie unerwartet die ehemalige Dritte im Bunde der Mädchen erwähnte.

Noch ehe Flori sie darauf hinweisen konnte, diesen Namen nicht mehr zu erwähnen, schlug Anouk auch schon ein anderes Thema an: »Ähm… Ach ja! Bevor ich es vergesse: Ich hab da was für dich!«

Blitzschnell zog sie eine kleine Geschenksbox aus ihrer Handtasche. Die Schachtel war mit einem hellgrünen Schleifchen versehen und deutete auf ein Geschenk für ein kleines Baby hin.

»Da wir uns höchstwahrscheinlich vor Weihnachten nicht mehr sehen werden, geb’ ich’s dir jetzt schon!«

Noch ehe ihre Freundin einen Einwand gegen das Geschenk verlautbaren konnte, schnitt ihr die Schwarzhaarige auch schon das Wort ab und hob drohend den Zeigefinger.

»Ah, ah! Keine Widerrede! Ich weiß wie du zu Geschenken stehst, aber dieses Geschenk ist ja auch eigentlich nicht für dich! Also nimm es ohne Widerrede an, klar?«

Flori biss sich auf die Lippen und zog danach den Mund lang wie ein Breitmaulfrosch dem das Sprechen verboten wurde. Nun öffnete sie das Präsent und entdeckte ein Paar orangefarbene Babyschuhe, die Glücksgefühle in ihr weckten.

»Ani, das währ doch nicht nötig gewesen!« sprach sie geschmeichelt und nahm die winzigen Schuhe aus der Schachtel.

»Doch, doch! Es war mir ein Anliegen!« Anouk befriedigte es immens, wie Flori sich mit den Babyschuhen beschäftigte – es bestätigte ihr, das perfekte Geschenk ausgesucht zu haben.

Die beiden genossen noch die wenigen Minuten ihrer gemeinsamen Zeit, ehe sie zahlten und für die nächsten Wochen und Weihnachtsfeiertage nichts voneinander hören würden.

8

Der 24. Dezember rückte mit jedem Tag näher und näher.

Mittlerweile konnte sich Flori mit dem Thema Weihnachten abfinden und mürrisch ihrer Mutter für ein Essen zu Heiligabend zusagen. Dabei war ihr Anouks Stimme im Hinterkopf geblieben und sie fügte sich ohne weiter darüber nachzudenken. Schließlich wäre sie vor einem Zahnarzttermin oder einem anderen unangenehmen Ereignis auch nicht drum herum gekommen.

Pünktlich wie verabredet fand sich Flori am besagten Abend vor der Haustür ihrer Mutter im Nachbarort ein und betätigte die Klingel. In der einen Hand hielt sie einen Plastiksack mit den Geschenken für ihre Familie bereit, mit der anderen zupfte sie an ihrem hellgrauen Kaschmirrollkragen herum, den sie zum feierlichen Anlass angelegt hatte.

Außerdem kaschierte er ihre leichte Wölbung, die sich mittlerweile unter ihrem Bauchnabel abzeichnete und womöglich ihr Geheimnis aufdecken konnte.

Den ganzen Tag lang verbrachte Flori damit sich mental auf das abendliche Zusammenkommen vorzubereiten – schließlich wollte sie heute mit der Wahrheit ans Licht rücken. Ja, endlich konnte sie genug Mut aufbringen um ihren Angehörigen vom Familienzuwachs zu erzählen – der heutige Abend war perfekt dafür.

Ihr mürrisches Gemüt verabschiedete sich auch gleich als Katrin die Tür auftat und sie freudig umarmte.

Lange Zeit hatte Flori den brünetten Lockenkopf nicht mehr gesehen, was die Freude nur noch verstärkte.

Noch heute tat es ihr leid, dass ihre Stiefschwester das Horrorszenario in der Hauptschule bei eigenem Leibe miterleben musste und noch lange Zeit danach von Alpträumen heimgesucht wurde. Zum Glück konnte die 11-Jährige dieses Trauma bis zum heutigen Tag gut verkraften und obwohl sie die angsteinflößende Begegnung mit dem Runenträger nicht vergessen konnte, war es ihr gelungen damit klar zu kommen.

Und darüber war ihre große Stiefschwester mehr als heilfroh. Auch jetzt machte das Mädchen den Eindruck, als wäre der Vorfall im Sommer spurlos an ihr vorübergegangen.

Die beiden traten ins Vorhaus ein und Flori entledigte sich ihren Schuhen während sie schon lautstark von ihrer Mutter aus der Küche begrüßt wurde.

»Flori mein Schatz! Schön, dass du da bist! Noch dazu so pünktlich!«

Silvia kam zu ihr in die Garderobe und umarmte sie herzlich bevor sie ihr die Geschenke abnahm um sie ins Wohnzimmer zu bringen. Sie hatte sich für den heutigen Abend richtig in Schale geworfen und trug ein umwerfendes Kostüm. Sogar ihre blonden, kurzen Haare sahen frisch gefärbt aus, als wäre sie heute noch beim Friseur gewesen – nur die befleckte Kochschürze ließ ihr Aussehen etwas minderwertiger erscheinen.

Als Flori ihr und Katrin ins Wohnzimmer folgte, hielt sie für einen kurzen Moment den Atem an um sich darauf vorzubereiten, was sie womöglich erwarten würde.

Sie trat ein und sah auch gleich in das Gesicht von Katrins Vater Harald, der bereits gemütlich auf der Couch saß und sie mit mürrischem Blick anstarrte

Sogleich sah er auf seine Armbanduhr und rümpfte die Nase.

»Naja… Pünktlich würde ich das nicht nennen! Ich bin am Verhungern!« maulte er auch gleich los als er feststellen musste, dass es bereits zehn nach acht Uhr war.

»Ja, ich freu mich auch immer wieder dich zu sehen, Harald.« gab Flori auch gleich mit einem verschmitzten Lächeln zur Antwort, da sie von dem Dauerjammerer nichts anderes erwartet hatte.

»Genug jetzt. Das Essen ist fertig!« rief Floris Mutter glückselig und entledigte sich ihrer Schürze.

Nachdem Katrin ihr in die Küche gefolgt war um Silvia beim Auftragen der Speisen behilflich zu sein, starrten sich Flori und Harald noch eine Weile lang an. Sie konnten sich gegenseitig nicht ausstehen – doch Silvia zuliebe würden sie sich am heutigen Abend zusammenreißen.

Langsam erhob sich das rundliche Familienoberhaupt um seinen Hintern am Esstisch zu platzieren. Der grüne Strickpullover mit dem riesigen Renntierkopf, den er zum feierlichen Anlass trug, sah in Floris Augen einfach nur dämlich aus. Doch sie verkniff sich ihr Kommentar. Er ließ den Mann nur noch dicker wirken, als er ohnehin schon war.

Nachdem der Miesepeter noch einige Male an seinem dunklen Schnauzbart gezupft hatte, nahm er endlich seinen Platz am Tisch ein um sich von seinen beiden Frauen im Haus bedienen zu lassen.

Silvia und Katrin servierten das Essen, was einem das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Es gab wie jedes Jahr Lungenbraten mit Kroketten und Nudeln, worauf sich sogar Flori freute – so etwas Bekömmliches gab es schließlich nur einmal im Jahr.

Nachdem das Essen eher schweigend verlaufen war, wurde im Nachhinein heftig über den ausbleibenden Schnee diskutiert, da sich bis zum heutigen Tag keine einzige Schneeflocke ins Tal verirrt hatte und die Weihnachtsstimmung im ganzen Land trübte.

Die Kälte war zwar ausreichend, doch vom Schnee fehlte weiterhin jede Spur. Das hatte selbst Flori in ihrem ganzen Leben noch nicht erlebt.

Die Familie machte es sich wieder im Wohnzimmer gemütlich, wo der festlich geschmückte Christbaum bereits auf sie wartete. Flori war der liebevoll aufgekranzte Baum im Vorhinein gar nicht aufgefallen. Umso mehr beäugelte sie nun den traditionellen Baum, der seit ihrer Kindheit noch immer gleich geschmückt wurde und ein vertrautes Gefühl von Vorfreude für die Geschenke in ihr auslöste.

Sie ließ sich in dem gemütlichen Armsessel gegenüber der Couch nieder und überlegte ihren nächsten Schritt. Obwohl sie mehr als satt war, griff sie nach einem der selbstgemachten Kekse, die von Silvia auf dem Wohnzimmertisch bereitgestellt worden waren. Sie wollte sich mit irgendetwas beschäftigen und dem dämlichen Blick von Harald ausweichen, der schon wieder an ihr haftete.

»Möchte jemand Sekt? Ich mach uns eine Flasche Sekt auf!« beschloss Floris Mutter kurzerhand und erhob sich auch gleich wieder nachdem sie sich neben Harald niedergelassen hatte.

Auch ihr war seit dem ersten Moment an die Anspannung zwischen Tochter und Lebensgefährte nicht entgangen, doch sie wollte die Wohlfühlatmosphäre im Zusammensein ihrer Liebsten nicht kippen und tat ihr Bestes um den Abend so schön wie möglich zu gestalten.

Noch ehe Flori etwas dagegensprechen konnte, was sie schon aufgesprungen und erneut in der Küche verschwunden.

Sogleich standen drei Sektflöten und ein Glas Orangensaft für Katrin am Tisch und nur wenige Minuten darauf wurde eine Flasche Champagner geköpft.

Ihre Tochter sah ihr in aller Ruhe beim Einschenken zu, obwohl sie spätestens jetzt ein Wort dagegensprechen hätte sollen.

-Das ist er… Der perfekte Zeitpunkt, auf den du solange gewartet hast! Los, Flori!-

Katrin war gerade dabei den Radiosender auf weihnachtliche Lieder einzustellen, während Silvia ihr Glas erhob und auf einen gemütlichen Heiligen Abend anstoßen wollte.

Harald nahm stumm die Sektflöte zur Hand und tat es ihr gleich - allein Flori starrte auf die prickelnden Perlen in ihrem Sekt, die unaufhörlich nach oben stiegen.

»Danke Mama… Aber ich möchte keinen Sekt. Schließlich… muss ich ja noch mit dem Auto heimfahren.«

»Ach, das bisschen Sekt macht dich doch nicht betrunken, mein Schatz! Du kannst ihn ruhig trinken!«

»Danke, ich möchte aber nicht.«

»Komm schon! Dann eben nur einen Schluck zum Anstoßen, in Ordnung?«

»Nein… Nicht einmal einen Schluck! Ich möchte nicht, verstanden?«