Der Säbeltänzer - Erhard Regener - E-Book

Der Säbeltänzer E-Book

Erhard Regener

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Beschreibung

Der Roman beginnt mit seinem Ende. Großtante Anna enthüllt Atsche auf ihrem Totenbett ein wohlgehütetes Geheimnis: Als junges Mädchen hat ihr im entscheidenden Moment der Mut gefehlt, auf ihr Herz zu hören. Ihr gesamtes restliches Dasein erscheint dadurch schlagartig sinnlos. Atsche bekommt panische Angst. Wird es ihm in seinen letzten Minuten ebenso ergehen - und das alles nur wegen dieser einen, seiner bisher einzigen Feigheit? Rückblende ans Ende der siebziger Jahre. Von prüder Jugend und DDR-Volksarmee in jeder Hinsicht ausgehungert stürzt sich Atsche kopfüber in das studentische Lotterleben, um endlich das Leben in vollen Zügen zu genießen und jeder Art von Verpflichtung aus dem Weg zu gehen. Hier findet er das Paradies in einem Bad aus Alkohol, Tollheiten, Sex und Romanen. Für sich selbst stellte er nur eine einzige Regel auf: nie zweimal mit der gleichen Frau zu schlafen. Aus Atsches Bekanntschaft zu Rosana, einer kolumbianischen Studentin, entwickelt sich eine intime Vertrautheit ohne Körperlichkeiten. Rosana entführt ihn in eine andere unbekannte Welt, weit hinter dem Eisernen Vorhang. Eine gemeinsame Zukunft ist für die beiden in dieser Welt undenkbar, daher versuchen sie, mehr oder weniger erfolgreich, emotional Abstand zu halten. Intelligent und egozentrisch gelingt ihm das Kunststück: Erotik, Zärtlichkeit und platonische Liebe sauber zu trennen und auf verschiedene Personen zu verteilen. Doch diese Scheinwelt bröckelt Stück für Stück, bis er vor einer Entscheidung steht, die seinen eingeengten Horizont überfordert. Eine Liebesgeschichte, wie sie nur der Kalte Krieg schreiben kann. Ein humorvolles und subtiles Sittenbild über das Studentenleben im "System" - voller überraschender Wendungen.

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Seitenzahl: 492

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Der Säbeltänzer

von

Erhard Regener

I M P R E S S U M

Copyright © 2021 Erhard Regener

Alle Rechte vorbehalten.

Autor: Dr. Erhard Regener

Außerkreith 20, 6162 Mutters, Österreich

+49 152 5434 5497

[email protected]

Lektorat: Dr. Gregor Ohlerich, Berlin

Auch als Printausgabe erhältlich.

www.erhard-regener.de

Dies ist die Geschichte eines Feiglings. Sie hat ihre Aufgabe erfüllt, Wenn sie den Zweifelnden Mut macht, auf ihr Herz zu hören.

1. Tante Anna

Vergangene Woche hatte Atsche den letzten Brief von Rosana erhalten, den allerletzten. Nach zwei Jahren, in denen sie nichts weiter voneinander gehabt hatten als ihre regelmäßigen Briefe; zwei Jahre, in denen er keine andere Frau auch nur sehnsüchtig angesehen, geschweige denn angefasst hatte. Nach zwei Jahren, in denen er immer noch die sinnlose Hoffnung gehegt hatte, sie würde eines Tages zu ihm zurückkehren können, brach Rosana den Kontakt nun ab.

"Atsche, ich kann nicht mehr! Ich weiß, ich werde nie wieder so geliebt werden, wie du mich geliebt hast, aber es ist eine Illusion ohne jede Perspektive. Verschwende dein Leben nicht! Du wirst in meinem Herzen bleiben - für immer."

Was sollte Atsche dazu sagen? ER war es schließlich gewesen, der sie hatte widerstandslos ziehen lassen. ER hatte tatenlos zugesehen, wie sich der Vorhang langsam gesenkt hatte, bis er endgültig gefallen war - der Eiserne Vorhang zwischen ihnen.

Atsche war für ein paar Tage zu seinen Eltern nach Schnelleben gefahren. Nach dem Abschluss seines Studiums waren die Besuche immer seltener geworden. Nicht dass er sich von den Eltern Trost erhoffte. Über Rosana hatten sie nie wieder gesprochen. Seit ihrer Abreise war das Thema in diesem Hause tabu. Aber die Abende in der Natur zu verbringen, brachte ihm immerhin etwas Ablenkung.

Bei seiner Ankunft erzählte ihm seine Mutter, dass es Tante Anna sehr schlecht ginge und sie in Kürze das Schlimmste erwarten müssten. Tante Anna war eine Großtante von Atsche. Sie hatte immer in Schnelleben gewohnt und sich nie weit von diesem Dorf entfernt. In ihrer Jugend war Anna ein hübsches Mädchen gewesen. Nun wird dies, wohl aus Freundlichkeit und Mangel an gegenteiligen Beweisen, gemeinhin fast jeder alternden Frau nachgesagt. Doch ließen Annas nachkolorierte Jugendfotos aus dem Familienalbum jeden Zweifler verstummen. Die wenigen jungen Burschen im Dorf hatten ihr alle den Hof gemacht. Und obwohl Anna ihren Freundinnen gegenüber immer wieder beteuert, ja fast geschworen hatte, den Otto würde sie niemals heiraten - am Ende machte doch Otto, mit seiner den Wagners eigenen Beharrlichkeit, das Rennen.

Atsche erinnerte sich gern an Onkel Ottos hintergründigen Humor. Oft hatten sie vor der Gartenlaube gemeinsam Kaffee getrunken, während Onkel Otto seine billigen Stumpen rauchte. Atsche lauschte dabei gespannt den Geschichten, die der Onkel zu erzählen hatte: Geschichten einer Generation, die noch Originale zuhauf hervorgebracht hatte, trocken gewürzt durch Ottos obligates Plattdeutsch. Die Vertrautheit zwischen Tante Anna und Onkel Otto strahlte eine wohltuende Ruhe und Harmonie aus, die durch ihre gegenseitigen Sticheleien eher noch bestätigt wurde.

Nachdem Onkel Otto vor etlichen Jahren gestorben war, wirkte Tante Anna etwas hilflos. In der Folge übernahm Atsche die anstrengenden körperlichen Arbeiten in ihrem Garten, wie einst ihr Mann. Den Kaffee vor der Laube tranken sie nun zu zweit. Anstelle des Zigarrenqualms bildete fortan ein Gläschen Likör den Abschluss des Rituals, wobei Tante Anna kein einziges Mal die Bemerkung "ausnahmsweise" ausließ. Und allmählich wurde sie wie eine zweite Großmutter für Atsche. Doch nun ging es mit Tante Anna unweigerlich dem Ende entgegen.

"Ich war gestern Abend bei Anna. Gehst du heute allein zu ihr? Es ist besser, wenn wir uns alle abwechseln.", sagte die Mutter. Atsche trank einen letzten Schluck Tee und erhob sich. Im Flur zog er den Lodenmantel über und pflückte im Garten ein paar Blumen. Die einzigen Blumen, die jetzt noch blühten, waren die letzten Herbstastern. Er mochte Astern, es waren für ihn die Nelken des Herbstes. Die zehn Minuten zum Haus von Tante Anna ging er zu Fuß. Oben im Treppenhaus an ihrer Wohnungstür angekommen, klopfte er leise und trat ein. In der Wohnstube war nur seine Großmutter, offenbar im Aufbruch begriffen.

"Grüß dich, Oma.", Atsche küsste sie zur Begrüßung auf den Mund und half ihr darauf in den Mantel.

"Richard. Gut, dass du kommst. Dann brauche ich Anna nicht allein lassen. Ich muss erstmal nach Hause, nach den Hühnern sehen und eine Kleinigkeit essen."

"Geht es dir wenigstens gut?"

"Ja, ja, mir schon, ja. Aber ..., na du wirst es selbst sehen. Sie liegt in der Schlafstube. Richard, ich muss los."

Im Schlafzimmer roch es nach Kampfer und alter Frau. Tante Anna hatte ein weißes langärmliges Nachthemd an, die Bettdecke war bis zur Brust hochgezogen und ihre Arme lagen seitlich neben ihr, fast so als gehörten sie nicht zu ihr. Von ihrer ehemals leichten Korpulenz war nichts geblieben, sie sah eingefallen aus und hatte einen gelben Schimmer auf der Haut.

"Hallo Tante Anna. Hier, ich habe dir ein paar frische Astern mitgebracht.", Atsche strich ihr über die kalte, schweißnasse Stirn. Die Blumen registrierte sie nicht.

"Richard, dass ich dich noch einmal sehen würde."

"Aber, aber, ich bin doch nicht aus der Welt. Wir werden uns noch oft sehen."

"Das glaube ich nicht, mein Junge. Mit mir geht es zu Ende."

"Nun, es geht dir im Moment nicht gut. Aber wir wollen doch im Frühjahr wieder in deiner Laube gemütlich Kaffee trinken, Omas berühmten Hefekuchen essen und ein Likörchen nehmen, oder nicht? Hoffnung gibt es immer."

"Nicht mehr für mich.", sie ließ den Kopf, den sie bis dahin noch mühsam, aus einer Art Höflichkeit, leicht angehoben hatte, auf das Kissen zurücksinken und sah mit leeren Augen an die Decke.

"Ich habe letztens die Rosen in deinem Garten zurückgeschnitten und mit Mist abgedeckt. Das ist zwar noch etwas früh, aber nun kann der Winter kommen.", Atsche zog einen Stuhl heran und setzte sich zu ihr.

"Richard, wie alt bist du jetzt?"

"Siebenundzwanzig."

"Doch schon. Sag, hast du immer noch keine Freundin? So ein ansehnlicher Junge wie du.", für ihren besorgniserregenden körperlichen Zustand konnte sie verhältnismäßig deutlich sprechen, wenn auch langsam.

"Damit habe ich es nicht eilig."

"Oder hast du noch nicht die Richtige gefunden?", genau über dieses Thema wollte Atsche am Allerwenigsten reden. Schon suchte er nach einer ausweichenden Antwort, doch als er in Tante Annas müde Augen sah, schämte er sich für sein Vorhaben, jetzt und hier nicht ehrlich zu sein. Seit Jahren hatte er mit niemandem darüber gesprochen, selbst mit seinen besten Freunden nicht.

"Doch, ja. Ich hatte die Richtige gefunden."

"Das ist aber schön, Richard. Wer ist sie? Du hast sie uns noch nicht vorgestellt."

"Ich, ähm, ... ich habe sie gehen lassen."

"Aber warum?"

"Mir hat der Mut gefehlt."

"Das ist schade, mein Junge, sehr schade. Und, fehlt sie dir?", Tante Anna hüstelte leicht.

"Ich bin noch jung, es wird wieder vergehen. Die Zeit heilt alle Wunden.", wie altklug er sich anhörte.

"Das hoffe ich, das hoffe ich sehr für dich."

"Keine Sorge, das wird wieder."

"Ach, Jungchen. Du kannst das noch nicht wissen: Die Zeit heilt nur die kleinen Wunden."

"Du meinst den Krieg?"

"Nein, ... das Herz."

"Ja, der gute Onkel Otto. Jedes Mal, wenn ich im Schrebergarten bin, fallen mir seine Geschichten ein.", Anna machte Anstalten, als wollte sie sich etwas aufrichten. Atsche rückte ihr das Kissen zurecht, damit ihr Kopf etwas höher lag.

"Ist deine Oma noch da?"

"Nein, wir sind ganz allein. Aber ich bleibe noch eine Weile.", Anna nickte kaum wahrnehmbar in Richtung ihrer Bettkante, was er als Aufforderung verstand, dichter an sie heranzurücken.

"Als ich ein junges Mädchen war, da hatte ich noch nicht mit Otto angebändelt ..., hier auf dem Gut war eine Kompanie Kavallerie für ein paar Monate einquartiert. Das war eine Aufregung im Dorf, sage ich dir.", sie lächelte, wie jemand, dem eine schöne Erinnerung ins Hirn schießt. "Die einfachen Soldaten durften natürlich abends nicht ausgehen. Viel war hier auch nicht los. Aber die drei Offiziere sind abends immer im Dorf auf und ab geritten und auch mal in der Kneipe eingekehrt. Die Offiziere waren noch blutjung und sehr schneidig in ihren akkuraten Uniformen - einer ganz besonders. Ja, und dann war das Erntefest und der Gutsbesitzer hat auch die Offiziere dazu eingeladen. Ein Offizier hat mir immer heimliche Blicke zugeworfen. Aber wir haben den ganzen Abend nicht miteinander geredet. Nur am Ende hat er mir einen Zettel zugesteckt. Er hieß Herwarth. Wir haben uns immer heimlich getroffen, das war nicht so einfach in so einem kleinen Dorf, zwei Monate lang. Dann musste die Kompanie weiter.", Tante Anna leckte sich ihre trockenen Lippen. Mit dem Kopf deutete sie auf die Tasse auf ihrem Nachttisch und Atsche gab ihr etwas von dem inzwischen kalten Kamillentee zu trinken.

"Herwarth wollte mich mitnehmen. Er wollte, dass wir heiraten. Er hatte schon alles geplant - er war in allem sehr korrekt. Aber, ich konnte doch meine Mutter nicht allein lassen. Und so weit weg von hier. Das hat mir Angst gemacht. Ich habe ihm gesagt, dass ich das nicht kann.", ihre Stimme war zum Ende hin immer leiser geworden. Nach einer kurzen Pause, in der sie nicht zu atmen schien, holte sie tief Luft und fuhr fort: "Und dann waren sie weg. Ich habe wochenlang geweint, ... ja, und heute? ... bis heute habe ich ihn nicht vergessen. Manchmal träume ich noch von ihm, wie er an meinem Fenster vorbeireitet. Nein, er kommt mich nicht holen, er reitet nur vorbei und ich kann nicht mit. Es ist immer das Gleiche: Er reitet vorbei, winkt mir zu und ich kann mich nicht bewegen. Ach, hätte ich damals doch nur den Herwarth genommen, ... dann wäre alles anders gekommen. Ganz anders.", diese Sätze hatten sie viel Kraft gekostet und sie schloss die Augen. Ihr schwerer Atem ließ erkennen, dass sie nicht schlief.

Atsche war schockiert! Es erschien ihm völlig absurd, dass zwei Monate im Leben so lange und so intensiv nachwirken können. Niemand in der ganzen Verwandtschaft hatte davon gewusst. Da hatte diese Frau zwei Kriege überstanden, zwei Kinder großgezogen, war scheinbar zufrieden mit sich und der Welt, um nun auf dem Totenbett eine Mutlosigkeit zu bereuen, die ihr gesamtes Leben schlagartig sinnlos erscheinen lässt? Das machte Atsche panische Angst. Sollte es ihm in seinen letzten Minuten ebenso ergehen? Würde auch für ihn alles Erlebte wertlos werden? Und das alles nur wegen dieser einen, seiner bisher einzigen, Feigheit?

Tante Anna starb zwei Tage später, friedlich eingeschlafen, wie man beschwichtigend sagt, obwohl weder der Friede noch der Schlaf das Geringste mit dem Endresultat gemein haben - der absoluten Leere.

Atsche saß mit seinen Eltern am Frühstückstisch. Das Telefon klingelte, seine Mutter nahm ab. Es war ein kurzes Gespräch.

"Hans.", sagte sie zum Vater. "Der Leichenbestatter ist bei Tante Anna. Sein Kollege ist ausgefallen und er kann sie nicht allein die Treppe heruntertragen. Gehst du mal helfen?", der Vater fuhr erschrocken herum.

"Ich? Nein."

"Hans!"

"Nein, ... nein, sowas kann ich nicht."

"Aber irgendjemand muss helfen."

"Schon gut, ich gehe.", sagte Atsche ruhig und stellte seine Teetasse beiseite. Er ging in den Flur, zog seinen Mantel über und verließ das Haus. Dieses Mal fiel das Blumenpflücken aus.

Tante Anna wohnte im ersten Stock, es ging eine schmale Treppe und eine enge Kehre hinauf. Im Schlafzimmer wartete der Bestatter mit herabhängenden Armen. Die Bettdecke war zur Seite geschlagen, Anna Wagner hatte noch immer ihr weißes Nachthemd an. Bei Atsches letztem Besuch hatte er nur ihr Gesicht und ihre Arme gesehen, ihr Körper war unter dem schweren Federbett kaum zu erahnen gewesen. Dass sie jetzt so unfassbar schmal war, hatte Atsche nicht erwartet. Er war über sich selbst erstaunt: Er hatte keinerlei Empfindung. Das war nicht mehr Tante Anna. Zu oft hatte er bei Tieren gesehen, wie von einem Moment auf den anderen das Licht ausging und dann blieb nur ein seelenloser Berg Fleisch. Was hier lag, war weniger: ein Bündel aus Haut und Knochen. Wenn ein Verstorbener noch warm ist, ist es etwas anderes. Man kann seine warme Hand halten, man kann ihn streicheln und küssen, als würde die Seele sich Zeit lassen und erst in ein paar Stunden nach und nach entweichen. Das ist ein langsamer Abschied, auch wenn man weiß, dass hinter diesem Gesicht niemand mehr zuhört, wie bei einem Schlafenden. Aber hier lag die Sache anders. Anna war steinkalt und nur noch ein Haufen Materie, mehr nicht - auch wenn dieser Haufen in seinem Aussehen entfernt an Tante Anna erinnerte.

"Wollen wir?", fragte der Bestatter.

"Ja, klar.", antwortete Atsche, als handele es ich um ein Möbelstück. Es gab keine Trage oder ein anderes, dem Umstand angemessenes Behältnis. Sie trugen Anna im Bettlaken die enge Treppe hinunter. Anna war so leicht, dass Atsche sich fragte, warum der Bestatter überhaupt seine Hilfe gebraucht hatte. Unten angekommen legten sie sie auf eine Bahre und schoben sie in den Leichenwagen. Der Bestatter schloss die Wagentür.

Atsche glaubte nicht an ein Leben nach dem Tode. Das machte ihm mitunter selbst Angst, aber jetzt tröstete es ihn. Tante Anna musste also nicht diese unsinnige Bürde, die sie ein Leben lang gequält hatte, mit hinübernehmen. Es war vorbei.

2. Die alte und die neue Welt

Der zehnte September war ein sonniger, windstiller Spätsommertag und ein Sonntag obendrein. Für Atsche ein denkwürdiges Datum: Endlich war er Student. Ein völlig neuer Abschnitt in seinem Leben begann: kein Gefängnis wie bei der Armee, kein Eingesperrtsein im Internat, keine Abhängigkeit vom elterlichen Haushalt. Er fühlte sich erstmals in seinem Leben unabhängig und ja, das darf man so sagen: Frei! In den kommenden fünf Jahren würde er nichts weiter zu tun haben, als die Prüfungen recht oder schlecht zu bestehen und einigen Formalitäten zu genügen. Das erschien ihm lächerlich wenig. Darüber hinaus könnte er tun und lassen, was er wollte. Von vielen Älteren hatte er gehört, dass das Studium die schönste Zeit ihres Lebens gewesen sei, und wenn er sich etwas fest vorgenommen hatte, dann, dass auch er dies einmal sagen würde.

Allerdings erwischte ihn eine der Formalitäten ausgerechnet heute: der studentische Kontrolldienst, kurz SKD. Jedes Wohnheim hatte am Eingang eine Art Pförtnerbude, in der zwei Studenten Wache schieben mussten. Ungesehen kam also weder jemand hinein noch hinaus. "Kontrolldienst" trifft es aber nicht einmal annähernd, da niemals jemand kontrolliert wurde. Letzte Woche hatte Atsche einen Brief von der Uni erhalten:

"Sehr geehrter Herr Wagner, ... sind Sie zum SKD am 10.09.1978 von 14:00 bis 22:00 Uhr eingeteilt. ... Die Einweisung erfolgt um 13:30. Sie werden den Dienst gemeinsam mit Thorsten Heckenbauer versehen. ... "

So eine gottverdammte Scheiße! Während alle anderen rabiat feiern würden, müsste er in dieser öden Bude sitzen. Heckenbauer hieß sein Spannemann also. Für einen Nachnamen wie Heckenbauer kann man sich doch glatt erschießen. Hecken kann man pflanzen, schneiden oder auch vollpinkeln, aber doch nicht bauen. Und all seine Nachkommen wären ein Leben lang mit diesem peinlichen Namen bestraft.

Atsche kam geradewegs vom Bahnhof, hatte seinen Rucksack geschultert, die Gitarre in der Hand und war im Laufschritt auf dem Weg zum Wohnheim. Eine alte Frau, so um die vierzig, gab auf dem Flur einem Burschen mit Brille, ordentlich gekämmten Haaren, weißem Hemd, Jackett und lederner Aktentasche ihre Anweisungen. Die unterwiesene, hagere Gestalt konnte nur dieser Heckenbauer sein. Gerade sagte sie mit Blick auf seine prall gefüllte Aktentasche:

"Oha. Herr Heckenbauer, sie haben sich heute Abend aber viel vorgenommen."

"Ja, Wissenschaft ist schwer. Das sind alles Bücher. Ich will den Dienst nutzen, und mich noch ein wenig vorbereiten.", Atsche hatte es geahnt: ein Streber.

"Tach. Ich bin Richard Wagner, heute zum SKD eingeteilt.", brachte er etwas pustlos hervor.

"Sie sind zehn Minuten zu spät, Herr Wagner."

"Tut mir leid. Sie wissen ja, diese Langsamfahrstrecken überall. Ich habe meinen Anschluss in Leipzig verpasst.", sofort brodelte es in Atsche. Er verspürte nicht die geringste Lust, sich für irgendetwas zu entschuldigen, schon gar nicht vor dieser runzligen Harpyie.

"Natürlich weiß ich das. Aber die Genossen von der Reichsbahn arbeiten mit Hochdruck an der Lösung dieses Problems. Man kann eben nicht immer alles auf die Minute genau planen. Vielleicht nehmen Sie das nächste Mal einfach einen Zug früher. Sie haben hier schließlich eine Aufgabe!"

Die Einweisung war eine Farce. Ein Zettel mit allen wichtigen Punkten, die er ohnehin nicht beachten würde (am wenigsten das Alkoholverbot), wäre völlig ausreichend gewesen. Also, da saß er nun mit diesem fein herausgeputzten Heckenpisser, wieder eingesperrt, diesmal im SKD-Verschlag.

"Hallo. Ich bin Thorsten, aber alle nennen mich Hecki.", versuchte diese Frohnatur eine Konversation anzubändeln und streckte Atsche seine Hand entgegen. Atsche ahnte, dass es wenig Sinn machen würde, hier einen auf beleidigt zu spielen. Hecki trug schließlich keine Schuld an dem Dilemma des ersten Abends.

"Hecki, nimm es nicht persönlich, mit diesem Scheißdienst haben sie mir gleich den ersten Abend versaut, aber gründlich. Na ja, wir werden es schon überstehen.", Atsche stellte die Gitarre beiseite und setzte den Rucksack ab. Dabei gab es ein klirrendes Geräusch. Er öffnete den Rucksack und kramte zwei Flaschen Pils hervor, nestelte aus seiner Hosentasche einen Dreikantschlüssel und öffnete damit die beiden Flaschen.

"Ähm, Hecki: Ich weiß, du willst heute noch lernen. Möchtest du vielleicht trotzdem ein Bier?", Hecki rutsche etwas unsicher auf seinem Stuhl hin und her und rückte seine Brille gerade.

"Ich weiß nicht. Wenn ich ein Schluck Bier trinke, kann ich mich danach immer schlecht konzentrieren."

"Ach, komm Junge, das ist der erste Tag und in dieser Woche läuft eh nicht viel.", Hecki nahm zögernd die Flasche, hielt sie weit von sich und betrachtete mit zusammengekniffenen Augen das Etikett, als würde er so etwas zum ersten Mal sehen.

"Prost Hecki.", hielt ihm Atsche seine Flasche entgegen, Hecki stieß mit ihm an, klock, setzte die Flasche vorsichtig an seine gespitzten Lippen und nippelte daran wie ein Mädchen.

"Na, war das so schlimm?"

"Nein, nein. Was ist das?"

"Luxator, das beste Bier aus Magdeburg.", sie unterhielten sich artig über Familie, Schule, Armee und das bevorstehende Studium. Leider würden sie, wie sich schnell herausstellte, in der gleichen Seminargruppe sein. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte Hecki endlich die seinige Flasche Bier vollständig geleert. Atsche beherrschte sich aus Höflichkeit, in der gleichen Zeit nicht drei Bier hinterzukippen.

Immer wieder gingen diverse Studenten an ihrer Loge vorbei, die einen hinein, die anderen hinaus. Schon vorhin hatten sie sich über zwei vermeintlich deutsche Bewohner gewundert, die sich aber in einer völlig unbekannten Sprache unterhielten. Und was war das jetzt? Ein schüchterner, dunkelhäutiger Junge passierte ihr Fenster und nickte ihnen freundlich zu.

"Was macht der denn hier? Ist das ein Kubaner?"

"Nee, eher Inder oder so was."

"Ich dachte, wir sind hier nur unter uns."

"Das habe ich auch nicht gewusst. Das ist ja wie bei den Weltfestpielen. Toll.", und bei den eben taxierten Balten und dem Pakistani blieb es nicht. Neben deutschen war eine bunte Mischung ausländischer Studenten mit ihnen immatrikuliert worden: Russen, Osteuropäer und Kaukasen, zierliche Asiaten, muskulöse Schwarzafrikaner, Araber, quirlige Mulatten aus der Karibik, hispanische Kreolen und gedrungene Indios aus Südamerika, sogar eine Griechin. Die beiden Jungs hatten bisher kaum Ausländer zu Gesicht bekommen. Und wenn nun einer von diesen Exoten hereinkam, betrachteten sie diesen neugierig, wie in einem Zoo - nur mit dem Unterschied, dass Hecki und Atsche diejenigen waren, die hier im Käfig saßen.

"Du meine Güte, wie sollen wir das in diesem Kerker nur so lange aushalten? Der einzige Trost ist, dass mein Rucksack voller Bier ist. Aber vom Bier muss man immer so viel pinkeln. Ein kleiner Schnaps wäre jetzt das Angemessene.", Atsche sagte dies in der Gewissheit, dass Herr Heckenbauer für derartige Bedürfnisse keinerlei Verständnis haben würde.

"Ein Wissenschaftler findet für jedes Problem eine Lösung."

"Das ist kein wissenschaftliches Problem, sondern ein ganz profanes, Herr Professor.", Hecki ließ sich von dem sarkastischen Unterton nicht beeindrucken. Er nahm seine dicke Aktentasche auf den Schoß und fing in aller Ruhe an, darin herumzuwühlen. Gleich würde dieser Brillen-Heini eines seiner fetten Fachbücher auspacken und darin nach einer Lösung suchen. Aber nein, die Tasche entpuppte sich als wahre Wundertüte. Erst landeten ein paar Strümpfe auf dem Tisch, dann eine Zahnbürste, ein Berg Tütensuppen und zu guter Letzt zog Hecki eine große Flasche mit einem glasklaren Inhalt hervor.

"Na, da ist er ja, mein Kleiner.", seine Augen leuchteten.

"Was ist das?"

"Blauer Würger."

"Was in aller Welt ist denn Blauer Würger?"

"Das ist der billigste Korn überhaupt. Mein Vater hatte ein paar Flaschen 'rumstehen. Und ich dachte mir, bevor er davon zum Säufer wird, nehme ich von dem Zeug was mit."

"Na dann wird das Gelumpe wohl auch nach billig schmecken."

"Schlimmer. Aber 'nem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, oder?", jetzt war alles klar, so klar wie der Fusel in der schmucklosen Flasche.

"Hecki, du mieser Hund! Du hast mich auf den Arm genommen."

"Und du bist darauf reingefallen! Huh, huh.", dieser Drahtwurm amüsierte sich köstlich und musste die Brille abnehmen, um sich die Augen zu wischen. Atsche war es mehr als recht, entpuppte sich Hecki letztlich doch als Mensch.

"Und was ist sonst noch in deiner Schatztasche?"

"Noch eine Flasche Blauer Würger und ein paar Kriminalromane. Das mit den Büchern war also nicht gelogen."

"Hecki, soll ich dir mal was sagen?"

"Sag es."

"Ich glaube, das ist der Beginn einer langen Freundschaft."

"Na dann. Prost Atsche."

"Prost Hecki."

Der Nachteil ihres Dienstes entpuppte sich langsam als Vorteil: Alle, die hier wohnen würden, mussten an ihnen vorbei, wobei das Interesse der Wachhabenden vorerst nur dem weiblichen Anteil der Karawane galt. Beide kamen frisch von der Armee und waren in einer bestimmten Beziehung verdammt ausgehungert. Und das Material, das sich hier präsentierte, gab ihrer Fantasie ausreichend Spielraum. Gerade kamen drei Mädels durch, von denen jeder von ihnen jede Einzelne sofort auf seine Favoritenliste setzte. Die Grazien grüßten freundlich und waren in aufgeräumter Stimmung.

"Ich werd' nicht wieder. Wenn das so weiter geht, krieg' ich'n Koller.", und es ging so weiter. Beide mussten sich Mühe geben, den Mund nicht offen zu behalten.

Aber was sie jetzt da draußen im Schein der Abendsonne in einem leichten Sommerkleid, bei jedem Schritt wippend, auf sich zukommen sahen, ließ sie vollends verstummen: ein Mädchen mit langen gewellten schwarzen Haaren, einem natürlich braunen Teint, feinen schwarzen Brauen, einem Profil wie eine Inka-Prinzessin und Augen wie ein Reh: eine Latina wie gemalt! So etwas kannte Atsche nur aus dem Fernsehen. Bisher hatte er stets auf einen festen, strukturierten Kussmund gestanden und daran würde sich auch nichts ändern. Allein bei diesem Mädchen revidierte er seine Meinung radikal und vollständig: Kein anderer Mund würde besser zu ihr passen als ihre weichen, konturlosen, rosafarbenen Lippen. Klack, klack, klack machten ihre Absätze auf dem Steinfußboden des Flurs, als sie an ihnen vorbeispazierte. Sie lächelte den beiden staunenden Gestalten hinter der albernen Pförtnerklappe zu, als würden sie sich schon lange kennen, winkte freundlich, sagte "Hola" und schon war sie an ihnen vorbei. Atsche hielt es nicht mehr auf seinem Stuhl. Entgegen seiner angeborenen Scheu gegenüber dem anderen Geschlecht schnellte er hoch, riss die Tür ihres Verhaus auf und passte das Mädchen, Hecki im Nacken, gerade noch auf dem Flur ab.

"Hallo, wer bist du denn?"

"Ich heiße Rosana, ihr könnt auch Rosa zu mir sagen."

"Ich heiße Richard, aber alle nennen mich nur Atsche."

"Ja, das kann ich mir gut merken. Im Spanischen buchstabieren wir das 'H' wie 'atsche'.", Hecki drängte sich an Atsche vorbei.

"Hallo Rosa, ich bin Hecki. In welcher Seminargruppe bist du denn?"

"Ich bin in Seminargruppe 7."

"Na, wenn das kein gutes Zeichen ist. Dann sind wir drei in derselben Seminargruppe. Was machst du heute noch?", kam Hecki gleich zur Sache.

"Ich weiß nicht, ich kenne ja niemanden."

"Wenn du weiter nichts vorhast, kannst du uns ein bisschen Gesellschaft leisten. Wir müssen noch bis zehn hier sitzen.", Hecki hatte Atsche wohl doch einiges voraus.

"Ja, das wäre nett. Aber ich muss erstmal auf mein Zimmer, meine deutsche Zimmerkollegin kennenlernen. Vielleicht komme ich nachher bei euch vorbei. Also dann, chau.", sie winkte wie ein Schulkind und weg war sie. Die beiden Diensthabenden standen eine Weile wortlos nebeneinander und sahen auf die Ecke, hinter der Rosana eben verschwunden war, so als ob sie dort gleich wieder zum Vorschein kommen würde. Als Atsche wiedererwachte, fasste er Hecki bei beiden Schultern und schüttelte ihn:

"Mann, hast du das gesehen? Das ist doch der Hammer!"

"Die kommt heute nicht wieder."

"Sie hat doch 'vielleicht' gesagt."

"Dieses 'vielleicht' kenne ich. Mensch Junge, bleib ruhig. Wir sind in derselben Seminargruppe, die sehen wir jeden Tag."

"Sag mal Hecki. Ich habe da eine eher philosophische Frage."

"Oh fein. Ich gebe auch gern philosophische Antworten."

"Glaubst du, hier fällt auch für einen Trottel wie mich etwas ab?"

"Junge, bist du blind? Hast du nicht geschnallt, was hier vorbeigelaufen ist? Wir werden vögeln, was das Zeug hält."

"Meinst du echt?"

"Aber sicher. Und wir werden noch heute damit anfangen, gleich nach dem Dienst."

"Wie soll das denn gehen?"

"Ich habe für nachher eine Spontanfete auf meinem Zimmer organisiert."

"Ey, sauber. Das nenn' ich mal Mitdenken."

"Das sehe ich auch so. Na, ich denke, das ist ein würdiger Anlass, noch einen gehörigen Schluck zu nehmen.", der Würger wurde wieder hin- und hergereicht.

"Ähm, ... , da wir gerade beim Thema sind: Wann war denn dein erstes Mal?"

"Boah, das war überirdisch, mit vierzehn.", Hecki machte in der Erinnerung daran jetzt noch große Augen.

"Mit vierzehn? Das gibt es nicht! In dem Alter habe ich gerade mal angefangen, mir einen runterzuholen - in der Badewanne."

"Und wie lange ist es bei der Badewanne geblieben?"

"Bis ich achtzehn war. Aber erzähl mal, wie war das bei dir?"

"Im Ferienlager. Da war so'ne kleine süße Schnecke, weiß nicht, was die an mir gefressen hat. Jedenfalls waren nachmittags alle am Strand und wir beide hatten uns verabredet, Unwohlsein vorzutäuschen. Ich hätte im Leben nicht geglaubt, dass da wirklich was läuft, maximal ein bisschen küssen. Aber die Kleine war für ihr Alter schon, wie soll ich sagen, nicht unbeleckt. Lange Rede kurzer Sinn. Mit einem Mal lag ich drauf und die Post ging ab. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah. Ich weiß nur noch, dass ich von Anfang an geschwitzt habe wie ein Schwein. Das war klasse."

"Hast du ein Glück. Das hätte mir auch gefallen. Ich war einfach immer zu blöd."

"Wie war denn nun dein erstes Mal?"

"Wie gesagt, erst mit achtzehn. Feier im Internat. Die Feier war um halb zehn Schluss, Zapfenstreich war immer um zehn. Auf der Fete war eine Siebzehnjährige, die wollte angeblich noch was in Physik von mir erklärt haben, bevor Nachtruhe war. Wir beide auf mein Zimmer, da war nicht mehr viel mit Physik. Ich mache das Licht aus, da liegt sie schon im Bett. Ich rauf auf die Mutti, mir nur die Hose aufgeknöpft und ihr den Rock hochgeschoben. Da geht das Licht wieder an - Seppel, mein Mitbewohner kommt rein: 'Atsche, bist du verrückt. Die alte Hexe ist schon auf dem Flur'. Die 'Hexe' war die Internatsleiterin, die gleich alle Zimmer kontrollieren würde. Es wurde ein Wettlauf mit der Zeit. Seppel aufgepasst, wie weit die 'Hexe' ist, aus dem Zimmer rausgeguckt, reingeguckt: 'Beeil dich.', rausgeguckt, reingeguckt: 'Verdammt, nur noch zwei Zimmer.', ich rammele weiter, und das alles bei Festbeleuchtung. Dann ist mir endlich einer abgegangen. Wir beide sofort raus aus dem Bett, die Klamotten hochgezogen und gleich am Schreibtisch einen auf Physik lernen gespielt, total verschwitzt. Das war's, das war alles. Ich war dermaßen enttäuscht. Irgendwie hatte ich mir das epochaler vorgestellt. Dabei war es nicht viel anders als Wichsen, nur wärmer. Aber egal, jetzt war ich endlich ein Mann und konnte mitreden."

"Und danach? Wann war das nächste Mal?"

"In den Ferien habe ich gearbeitet."

"Aber an den Wochenenden."

"Habe ich meinen Jagdschein gemacht. Und dann kam die Armeezeit."

"Aber bis zum Studium war ein halbes Jahr Zeit."

"Habe ich wieder als Traktorist gearbeitet."

"Doch nicht die ganze Woche."

"In der Ernte wird auch an den Wochenenden gearbeitet, und wenn nicht ..., Mensch Hecki, ich wohne auf einem winzigen Dorf."

"Also danach war gar nix mehr?", Atsche sparte sich die Antwort. Eine Stunde mussten sie noch überstehen. Da klopfte es an der Budentür und ohne das "Herein" abzuwarten, lugte doch tatsächlich das neugierige Gesicht von Rosana hinter der Tür vor.

"Komm her Mädel. Willst du ein Bier?"

"Ja, gerne.", das hatten sie nicht erwartet.

"Wo kommst du her?"

"Colombia."

"Kolumbien also, aus Bogotá?", meist landet man mit der Hauptstadt einen Treffer.

"Nein, aus Cartagena. Das liegt an der karibischen Küste."

"Gabriel García Márquez?"

"Hey, woher kennst du ihn?"

"Ich kenne ihn natürlich nicht. Ich habe 'Hundert Jahre Einsamkeit' von ihm gelesen."

"Ah ja, cien años de soledad. Ja, das ist sehr bekannt. Und wie fandest du es?"

"Grottenlangweilig. Alle hatten die gleichen Namen und ein derartiges Durcheinander. Es war die reinste Qual."

"Warum hast du es gelesen weiter?"

"Ich lese jedes Buch, das ich einmal angefangen habe, bis zum Schluss."

"Wirklich jedes?"

"Sogar die Bibel."

"Que masoquista!"

"Sag mal, Rosa. Das ist ja irre, wie gut du Deutsch sprichst. Hast du das vorher in Kolumbien gelernt?"

"Dios mio, ihr habt Vorstellungen!", lachte sie. "In Lateinamerika kann fast niemand eine Fremdsprache, nicht einmal Englisch. Wozu auch? Alle Nachbarländer sprechen Spanisch. Nein, die ausländischen Studenten, alle hier, mussten vorher ein Jahr auf das Herder-Institut in Leipzig. Ein Jahr lang Deutsch intensiv, jeden Tag, von morgens bis abends, auch samstags. Ich kann also nichts dafür. Aber bitte, nicht so schnell sprechen, ja? ", bettelte sie mit zusammengefalteten Händen.

"Der Wahnsinn. Mal was anderes Rosa: Wie heißt du mit Nachnamen?", wollte Hecki wissen.

"Mein voller Name ist Rosana Eva Jiménez Navarro.", boah, hatte das einen Klang.

"Also kurz Rosana Navarro?"

"Nein, wenn schon kurz, dann Rosana Jiménez. Der letzte Teil ist immer der Nachname der Mutter.", Fragen nach dem woher, wohin, Schule, Eltern, Geschwister, Vorlieben, politische Anschauungen usw. gingen hin und her. Hier trafen zwei völlig verschiedene Welten aufeinander und dabei war das Klima noch der geringste Unterschied. Rosana wollte so viel von den beiden wissen, und die beiden von ihr. Wenn Rosana erzählte, dann immer mit Händen und Füßen. Als wäre Deutsch die Sprache eines Urvolkes, bei der das gesprochene Wort erst einen Sinn ergibt, wenn man die zugehörige Handbewegung sieht, musste sie jede Bemerkung mit einer Geste verbinden. Etwas Besonderes wurde durch einen Kuss auf ihre zusammengepressten Daumen und Zeigefinger untermalt, bei heiklen Dingen "ui, jui, jui" schüttelte sie ihre Hand, als wäre diese eingeschlafen. Das Logische kam nicht ohne nach außen gekehrte Handflächen aus, bei jeder Redepause strich sie mit dem kleinen Finger das Haar hinter ihr Ohr. Sprachen die Jungs für ihr Verständnis zu schnell, hob sie beide Hände, als wollte sie sich ergeben. Zählte sie mit gewichtiger Miene Dinge auf, 1-2-3, dann verwendete sie dazu nicht wie jeder normale Mensch Daumen, Zeige- und Mittelfinger, sondern hob erst den kleinen Finger, dann den Ringfinger und schließlich den Mittelfinger. Atsche versuchte dies hinter seinem Rücken nachzumachen, es wollte ihm nicht gelingen.

Wenn Rosana ihnen zuhörte, dann immer mit großen Augen und einem erwartungsvollen Lächeln auf dem Gesicht, wie ein kleines Kind, das staunend den Geschichten der Erwachsenen lauscht, als hätte sie derartige Dinge noch nie gehört. Was Atsche nicht vermutet hätte: Hier waren er und Hecki die Exoten für sie. War Rosana von irgendeiner Bemerkung besonders beeindruckt, legte sie wie selbstvergessen ihre Hand auf das Knie oder den Unterarm ihres Gegenübers und hörte gespannt zu, oder sie rüttelte gar mit ihren dünnen, braunen Ärmchen an seiner Schulter: "Erzähl weiter.". Atsche war von so viel Temperament und Offenherzigkeit überfordert und er wusste nicht, wie er dies deuten und noch weniger, wie er darauf reagieren sollte. Bei einem deutschen Mädchen hätte er ein derartiges Verhalten anders und eindeutig interpretiert. Aber ein innerer Instinkt gebot es ihm, auf Rosanas selbstverständlich erscheinende körperliche Berührungen nicht in gleicher Weise zu reagieren.

3. Das Paradies im Nebel

Als Atsche am nächsten Morgen erwachte, brummte ihm gehörig der Schädel. Einstweilen hielt er die Augen noch geschlossen und kramte aus seinem Gedächtnis hervor, was an Erinnerung vom letzten Abend hängengeblieben war. Umgehend stellte sich ein zufriedenes Gefühl bei ihm ein. Der gestrige Einstieg in sein neues Leben als Student war vollends nach seinem Geschmack verlaufen. Nun blinzelte er etwas, öffnete erst das linke, dann das rechte Auge und blickte an sich hinunter. Er sah sich in voller Kampfmontur auf dem Bett liegen, hatte noch all seine Sachen am Leibe und die Schuhe an den Füßen. Etwas hilflos orientierte er sich in der neuen, viel zu hellen Umgebung. Die Gitarre lag neben seinem Schrank, das arme Stück hatte er gestern also auch noch gequält. Seine beiden Mitbewohner waren verschwunden, ihre Betten gewissenhaft gemacht und ihre Hauslatschen in Reih und Glied. Die Streber waren doch tatsächlich zu der banalen Begrüßungsveranstaltung gegangen. Nicht ganz zu ihrem ordentlichen Abgang wollte der Umstand passen, dass die Tür sperrangelweit offenstand und Holzsplitter auf dem Boden lagen. Oh ja, langsam erinnerte er sich wieder. Es musste jetzt gegen zehn sein. Seine Klamotten stanken bestialisch nach Rauch, und er selbst? Er schnüffelte unter seinen Achseln: Der eigene Geruch ist leicht zu ertragen, aber vielleicht sollte er ausnahmsweise etwas Wasser an seinem Körper lassen.

Mühsam erhob er sich, ging die zwei Schritte zum Schrank und kramte aus seinem Rucksack Handtuch, Seife und Zahnbürste hervor. Gestern war einfach keine Zeit gewesen, alles auszupacken. Also los jetzt, ab in die Waschkaue. Mit seinen Hygieneartikeln unterm Arm trat er entschlossen vor die Tür: er sah auf einen langen Gang, beidseitig von Zimmertüren gesäumt. Wo ist die Dusche? Gibt es hier überhaupt eine Dusche oder musste er sich in einem primitiven Waschraum der Ganzkörperwäsche unterziehen, wie bei der Armee? Zuerst ging er nach rechts. Das Wohnheim hatte seine besten Zeiten bereits hinter sich. Obwohl an Jahren noch nicht alt, machte es einen vernachlässigten Eindruck. Selbst bei Tageslicht war es auf den Gängen dunkel. In der gewählten Richtung fand Atsche nur die Gemeinschaftsküche. Er machte kehrt. Auch auf der anderen Seite nichts weiter als Zimmertüren. Am Treppenaufgang angekommen gab es wieder zwei Möglichkeiten: nach oben oder nach unten? In den oberen Geschossen würde es sicher genau so aussehen wie hier, also stieg er die Treppe hinab. Im Kellergang führten dicke, isolierte Rohre an der Decke entlang, an den Wänden platzte die Farbe in handtellergroßen Fladen ab. Eine einzige Lampe spendete trübes Licht. Modriger, feuchter Geruch hing in der Luft. Das war für Atsche das Signal, dass er hier auf der richtigen Fährte war. Seiner Nase folgend gelangte er an eine offenstehende Tür. Drinnen hörte er es plätschern, warmer Dampf schlug ihm entgegen. Kein Hinweis "Dusche", kein Männlein/Weiblein-Schild wie auf Toiletten. Er ging hinein. An der Wand stand eine lange Holzbank, darauf ein Häuflein Kleidungsstücke und eine Kulturtasche, offenbar von dem Studenten, der gerade duschte. Er zog sich aus und warf seine Sachen auf die Bank. Die Duschreihe selbst war nicht zu erkennen, dichter Nebel nahm die Sicht. Es war viel zu heiß, wie überall ließ sich wohl auch hier die Heizung nicht abstellen. Mit einem Stück Seife in der Hand tastete er sich in Richtung des Geräusches einer Dusche und als er auf wenige Meter etwas erkennen konnte, stand vor ihm Katrin - splitternackt! An ihren Namen erinnerte er sich tatsächlich noch, sie hatten sich gestern auf der Feier kennengelernt. Er war verwirrt. Noch nie hatte er ein erwachsenes Mädchen nackt gesehen. Bei seinem ersten und bisher einzigen Sex hatte er der Willigen gerade mal den Rock hochgeschoben.

"Hey Atsche. Auch nicht aus den Federn gekommen?", begrüßte sie ihn beiläufig, als würden sie sich lange kennen und zufällig auf der Straße begegnen. Sie schlug nicht, wie er erwartet hätte, die Arme vor der Brust zusammen, um ihren Busen zu verdecken. Sie hielt nicht schreckensbleich eine Hand vor ihre Muschi, während er selbst schon die Intension hatte, sein Gemächt und die riesige, hässliche Narbe von einer verpfuschten Operation an seinem Bauch zu bedecken. Nein, sie lächelte ihn einfach nur an und fuhr mit ihrer Körperpflege fort, ohne ihn weiter zu beachten. Sie seifte sich am ganzen Körper ein, als wäre sie allein auf der Welt. Ihre langen braunen Haare hatte sie hochgesteckt. Nur einige kürzere Strähnen, die von der Spange nicht erfasst wurden, formten in ihrem Nacken einen feinen Kranz, der ein unartiges spielerisches Gegenstück zu dem strengen Knoten bildete. Instantamente verspürte Atsche das animalische Verlangen, ihre Schultern zu packen und sich in diesem nun bloßgelegten Hals festzubeißen. Ihre Brüste waren gerade so groß, dass eine davon genau in seine Hand passen würde und sie schienen so fest, als wären sie ein Produkt der Stahlindustrie. Das Mädchen hatte eine nur spärliche Schambehaarung, und da in jenen Zeiten niemand nichts von der körpereigenen Behaarung kürzte, das Haupthaar ausgenommen, war dies der natürliche Zustand, den sie freimütig preisgab. Vor Atsche stand hier nicht irgendetwas, das war ein perfekter Körper, eine achtzehnjährige Puppe aus Fleisch und Blut - und das ganz und gar nackt! Er versuchte, sich zusammenzunehmen.

"Katrin, tut mir leid, ich wusste nicht, dass das hier die Mädchendusche ist.", nichts tat ihm leid.

"Hast du gestern nicht geduscht? Das hier ist nicht die Frauendusche. Es ist auch nicht die Männerdusche. Es ist die einzige Dusche, für alle.", gnädiger Gott, dachte Atsche, ich danke dir! Das hieße, er würde ALLE Mädels aus diesem Wohnheim früher oder später nackt sehen, und irgendwann auch die rassige Rosana! Das war sensationell, einfach unglaublich.

Mit Mühe fand Atsche seine Fassung wieder. Er überlegte, ob er sich aus Anstand weit von ihr entfernt postieren sollte, verwarf diesen Gedanken aber sofort und stellte sich direkt neben Katrin unter den nächsten Duschkopf.

"Du willst dir deine Haare doch wohl nicht mit Seife waschen?", sagte Katrin mit Blick auf Atsches mittellange, blonde Haare und das Stück Seife in seiner Hand.

"Ich habe bei der Abfahrt so eilig gepackt, da ist etliches liegengeblieben."

"Willst du mein Shampoo?"

"Himmel nein, dann rieche ich ja wie ein Mädchen.", natürlich wollte er das Shampoo.

"Ach was, hier nimm!", sie streckte ihm ihren Arm entgegen, das Shampoo in der Hand. Da brach der Schalk in seinem Gemüt durch.

"Geh mir mit dem Zeug vom Leibe.", er drehte seinen Duschkopf auf Strahl, stellte auf kaltes Wasser um und spritzte Katrin damit von oben bis unten voll, besonders an den Stellen, die er am liebsten mit seinen Händen berührt hätte. Sie schrie auf, wollte erst weglaufen, besann sich aber und tat es ihm gleich. Beide bespritzten sich wie kleine Kinder, versuchten auszuweichen und selbst Treffer zu landen. Wirres Geschrei und Gelächter hallte durch den Dunst.

Als Atsche sich abtrocknete, Katrin war schon gegangen, konnte er es immer noch nicht fassen - er hatte das Paradies gesehen! Das Paradies im Nebel. Nur eins irritierte ihn: Er hatte während der ganzen Zeit keinen Ständer bekommen.

4. Abgeschlossen

Hecki stürmte zur Tür herein, stoppte aber, kaum, dass er im Zimmer war und drehte sich um.

"Sag mal Atsche, warum steht denn die Tür offen?"

"Sie geht nicht mehr zu."

"Ist sie kaputt?"

"Ich habe sie eingetreten."

"WAS? Warum das denn?"

"Als ich heute früh rein wollte, war sie abgeschlossen."

"Ja, na und? Du hättest klopfen können, damit dir deine Spannemänner aufmachen."

"Also ich wiederhole mich: Die Tür war abgeschlossen! Hecki, begreifst du denn nicht? Wer macht denn sowas? Stell dir vor: Die schließen ab, bevor die wichtigste Person anwesend ist. Hier musste ein Exempel statuiert werden, damit diese Knallfrösche begreifen, dass es bei mir gewisse Grenzen gibt. Und überhaupt, was soll der Unsinn? Was kann man denn hier klauen, meine durchgekaute Zahnbürste? Ich habe noch nie und nirgends abgeschlossen. Ich bin ohne Abschließen aufgewachsen, bei meinen Eltern, im Internat, bei der Armee. Und ich werde jetzt nicht damit anfangen. Abschließen tabu! Ich meine, rein hypothetisch: Ein Mädel überlegt es sich doch noch und will nachts zu mir in die Kiste hüpfen - und dann ist die Tür abgeschlossen. Was soll das?"

"Junge, träum weiter. Wenn ich sehe, wie du dich gestern angestellt hast: Du bekommst doch bei den Mirzen nicht das Mindeste auf die Reihe. Aber dein Optimismus ist beeindruckend."

"Und stell dir nur vor, Wolfi schleppt ständig ein riesiges Schlüsselbund mit sich rum, das ist so groß wie ein Kohlrabi, das passt kaum in die Hosentasche. Was sind das nur für Menschen? Ich begreife das nicht."

"Verstehe. Das alles ist dir also durch den Kopf gegangen, als du völlig zugedröhnt das Brett eingetrampelt hast? Sag mal, hast DU denn kein Schlüsselbund?"

"Nein. Nur einen Dietrich, damit lassen sich alle einfachen Schlösser knacken. Na ja, und noch einen Dreikantschlüssel für die Erste-Klasse-Abteile in der Bahn, die warum auch immer für den Pöbel zugesperrt werden."

"Und wenn du zu deinen Eltern fährst, wie kommst du ins Haus?"

"Der Schlüssel hängt hinter dem Torpfosten. Das weiß auch die Postfrau, meine Freunde, Verwandte."

"Also das ganze Dorf."

"Kann man so sagen."

"Hast du nicht gesagt, du bist Jäger. Dann müsst ihr doch einen Waffenschrank haben."

"Der Schlüssel hängt neben dem Waffenschrank. Es gibt nur den einen Schlüssel."

"Und der Autoschlüssel?"

"Steckt."

"Und was ist jetzt mit der Tür?"

"Ach, das ist so'n primitiver Scheiß. Es ist fast nichts kaputt. Wenn man genau unter der Türklinke gegen das Brett tritt, springt gleich das Sicherungsblech aus der Zarge. Das muss ich nur wieder anschrauben."

"Und die Holzsplitter?"

"Wo gehobelt wird, fallen Späne. Dann muss ich eben größere Schrauben nehmen."

"Ihr vom Lande seid schon ein bisschen eigenartig."

"Wie viele vom Dorf kennst du denn?"

"Ach komm, jetzt mal zur Sache du alter Säbeltänzer. Wie geht es dir heute?"

"Beschissen. Dein letzter Würger gestern war zu viel. Was meinst du mit Säbeltänzer?"

"Das weißt du nicht mehr? Rosana hat dich genervt, dass du auch mal tanzen sollst und nicht immer nur saufen. Im Radio lief gerade der 'Säbeltanz'."

"Der aus dem Ballett von Chatschaturjan? Danach kann man doch nicht tanzen."

"Genau, jedenfalls nicht mit einem Mädel. Darum haben wir beide getanzt, Oberkörper frei, jeder ein langes Brotmesser, wir sind da rumgehüpft wie zwei Rumpelstilzchen. Das Ballett vom Bolschoi-Theater hatte es nicht besser machen können. Ein Wunder, dass keiner eine Schramme abgekriegt hat, und damit meine ich vor allem die Umstehenden."

"Ja, jetzt wo du es sagst, dämmert es langsam."

"Ach Junge, das sind doch Kinkerlitzchen. Du glaubst ja gar nicht, was gestern sonst noch passiert ist."

"Du glaubst ja nicht, was heute früh passiert ist.", Atsche war sich sicher, die bessere Geschichte auf Lager zu haben.

"Okay, dann du zuerst."

"Hecki, warst du hier schon duschen?"

"Wozu? Ich gehe jeden Sonnabend in die Badewanne. Außerdem weiß ich gar nicht, wo die Dusche ist."

"Das wusste ich bis vor einer Stunde auch nicht. Junge, da hast du was verpasst. Es gibt nur eine einzige Dusche für Männer und Weiber - nur eine einzige Dusche! Das ist so fetzig. Ich sage nur: Ich habe das Paradies gesehen."

"Eine einzige Dusche für alle? Das nenne ich mal eine architektonische Meisterleistung. Was hast du genau gesehen?"

"Katrin!"

"Wer ist das denn?"

"Na, die war gestern auch auf der Feier: lange gewellte braune Haare, knackige Möpse."

"Da klingelt nichts. Hast du die gestern noch gepimpert?"

"Nein, du Trollo. Ich habe sie heute früh in der Dusche gesehen – nackt, splitternackt!"

"Und dann hast du sie in der Dusche gepimpert?"

"Nein Mann. Wir haben uns mit kaltem Wasser vollgespritzt."

"Ich lach mich tot. Sag mal Asche, wie alt bist du?", Atsche sah ein, dass er hier nicht punkten konnte.

"Okay, und du, was war bei dir gestern Abend noch?"

"Das glaubst DU jetzt aber nicht, ich glaube es selber kaum.", Hecki zitterte vor Gier, es endlich zu erzählen.

"Na was?"

"Erinnerst du dich an die kleine Schlanke, mit den kurzen brünetten Haaren?"

"Keinen Dunst. Es waren so viele und ein ständiges Kommen und Gehen."

"Hirni, das war die Einzige mit einem roten Hemd."

"Ach du meinst die Spindeldürre, mit den fast nicht vorhandenen Titten."

"Na endlich zündelt der Zunder bei dir."

"Ja und? Du willst mir doch nicht erzählen, dass du die noch gehupert hast?"

"Nein und Ja."

"Also was nun, hast du sie oder nicht?"

"Nein."

"Und wozu dann die ganze Aufregung? Geschichten, bei denen ich NICHT gevögelt habe, habe ich selber genug. Vielen Dank für die Information."

"Mann, aber die wollte! Wir waren fast die Letzten bei der Fete, dann sind wir auf den Flur raus und haben uns begrabbelt. Ich wollte sie mit auf mein Zimmer nehmen, da sagt sie mir, dass sie ihre Tage hat."

"Also doch nichts. Hecki, komm zur Sache oder lass es ganz sein."

"Wir sind dann in den Keller, da hat sie mir die Hose aufgemacht - und hat doch tatsächlich mein Ding in den Mund genommen. Ist das denn zu glauben?"

"Nein, das ist nicht zu glauben. Das habe ich noch nie gehört, von keinem."

"Doch, ja! Und die alte Drecksau hat das ganze Zeug runtergeschluckt. Ist das denn zu fassen? Das würde ich nicht mal mit meinem eigenen Zeug machen."

"Nein! Das ist unfassbar, absolut und in jeder Hinsicht unfassbar. Und wie war's?"

"Unfassbar! Absolut unfassbar!"

"Mann, du Glückspilz. Und das gleich am ersten Tag. Warum kann mir sowas nicht passieren?"

"Weil du vom Dorf bist, ein Bauer eben. Und weil du Trottel nur Augen für diese Rosana hattest. Dabei hättest du gleich bei irgendeiner von den anderen zuschlagen können. Hast du denn nicht geschnallt, wie die Klunten auf dich reflektiert haben, als du mit deiner Gitarre einen auf Troubadour gemacht hast? Darauf stehen doch alle Weiber. Mensch, Atsche, dir kann man einfach nicht helfen."

"Ja, scheiße, vielleicht hast du recht. Aber Rosa hat doch Klasse, oder?"

"Vergiss es, Mann. Eine nette kleine Kohle, ja. Aber bei der landest du nie. Die sind da unten alle katholisch, genau wie die Polen. Eine Polin kriegst du auch nur ins Bett, wenn du ihr die Hochzeit versprichst. Ich habe es versucht: Aufwand und Nutzen stehen in keinem Verhältnis, glaube mir. Nee Mensch, konzentrier dich auf das Machbare. Sonst bleibst du ewig auf deiner bisher einzigen Nummer im Leben sitzen."

"Hecki, wollen wir ein Abkommen schließen?"

"Das kommt auf das Abkommen an."

"Ich kann die Zeichen, die die Mirzen aussenden, einfach nicht deuten. Du musst mir dabei helfen, mich unterrichten."

"Weißt du eigentlich, was ein Abkommen ist? Das ist etwas Reaktives, ein Einvernehmen zum beiderseitigen Vorteil. Dieses Agreement hier hilft nur dir, ausschließlich dir. Ich habe nichts als Arbeit damit und ..., und ich kann mich nicht mehr auf meine eigenen Kampfziele konzentrieren. Warum also sollte ich das tun?"

"Um mir zu helfen."

"Okay, überredet."

"Ich danke dir."

"Na ja, einen Tipp hätte ich da gleich für dich."

"Ich bitte darum."

"Wenn du bei einem Mädel landen willst, solltest du besser nicht einschlafen, während sie mit dir redet."

"Wie bitte?"

"Huh, huh, huh ...,", Hecki kicherte in sich hinein und krümmte sich dabei.

"Ja, du und Rosa, ihr habt nebeneinander auf dem Bett gesessen. Du wolltest sie die ganze Zeit mit deinen rudimentären Spanischkenntnissen beeindrucken. Das hätte auch fast funktioniert. Aber dann hat sie dich irgendetwas gefragt. Und anstatt zu antworten hast du nur behindert mit den Armen gefuchtelt und bist ohne jede Vorwarnung nach hinten gekippt, einfach so - und hast dich nicht mehr gerührt, bis zum Schluss nicht. Junge, du bist mir eine Kanone, ich meine: echt zum Schießen."

"Verdammte Scheiße! Und was hat sie gesagt?"

"Ach, nu' mach dir mal nicht ins Hemd, gelacht hat sie. Was ist, gehen wir zur Einschreibung?"

"Das wird sich nicht vermeiden lassen, wenn wir in Neustadt bleiben wollen."

"Und das wollen wir."

"Auf jeden Fall!"

Hecki und Atsche schlenderten Richtung Hauptgebäude und sondierten in Ruhe das Gelände. Die Universität von Neustadt an der Plage war perfekt zugeschnitten. Während bei anderen Unis Hörsäle, Seminarräume, Sportplätze und Wohnheime oft über das gesamte Stadtgebiet verteilt sind, war in Neustadt alles auf einem einzigen Campus-Gelände zusammengefasst, bis hin zu den vielen Studentenclubs. Es gab Fußballplätze, eine große Mensa, drei Kneipen, eine Speisegaststätte, einen Lebensmittelladen, einen Getränkemarkt, ein Russenmagazin, eine Post, ein Münztelefon: also alles, was man zum Leben braucht, und alles war fußläufig in Minuten erreichbar. Fünftausend Studenten in einem Tiegel von zwei Quadratkilometern zusammengepresst. Und das Beste daran: mehr weibliche als männliche Kommilitonen.

Der große Hörsaal war fast voll. Atsche hatte sich auf das Studium auch deswegen gefreut, weil er viel vom freien Geist und der offenen Diskussionskultur an den Universitäten gelesen hatte. Der Zahn wurde ihm bei dieser Veranstaltung recht schnell gezogen. Es war wie überall: Die politischen Dogmen dominierten auch hier alles. Das fing bereits mit der "sozialen Herkunft" an, ein wichtiges Auswahlkriterium bei der Zulassung zum Studium. Ein gewisser Prozentsatz an Arbeiterkindern musste erfüllt sein. Die geringsten Chancen auf einen Studienplatz hatte man als Abkömmling der Intelligenz. Die Crux bei der Sache, dass eben diese Arbeiterkinder und deren Nachkommen später selbst zur minderprivilegierten Intelligenz gehören würden, sprang offenbar niemandem ins Auge. Gemeinhin stellt man sich unter "Herkunft" etwas Unabänderliches vor, fix wie die DNA. Aber Atsche selbst war das beste Beispiel für die Variabilität dieses Merkmals, das in den Papieren festgehalten wurde wie in anderen Ländern die Religionszugehörigkeit. Sein Vater hatte Schmied gelernt, was Atsche bei seiner Geburt zum Arbeiterkind qualifizierte. Nach einem Fernstudium stieg der Vater zum Ingenieur auf und die soziale Herkunft seines Sohnes wurde auf "Intelligenz" herabgestuft. Und schließlich wurde mit dem Wechsel des Seniors in die Landwirtschaft aus dem zwanzigjährigen Atsche im Handumdrehen und offiziell ein Bauernkind.

In den vor ihnen liegenden Fragebögen wurde folgerichtig die soziale Herkunft abgefragt.

"Ich habe mal eine Frage.", meldete er sich artig.

"Ja bitte.", die Dame, die die Veranstaltung leitete, erteilte ihm lächelnd und scheinbar hilfsbereit das Wort.

"Wir sind doch ein Arbeiter- und Bauern-Staat, oder?", das Gesicht der freundlichen Dame erstarrte. Im besten Falle mimte dieser vorwitzige Neuling hier den Klassenkasper. Andernfalls konnte sich hinter seiner satirisch anmutenden Suggestivfrage nur eine blasphemische, konterrevolutionäre Grundgesinnung verbergen. So etwas konnte sie ausgerechnet bei dieser initialen Veranstaltung nicht gebrauchen.

"Was soll die Frage? Ja natürlich sind wir das."

"Bei der sozialen Herkunft kann man hier nur Arbeiter oder Intelligenz ankreuzen."

"Und Angestellter.", ergänzte die korrekte Dame.

"Ja, aber ich bin doch ein Bauer!", der ganze Saal brüllte.

5. Fettbach, Phenol und Vietnamesen

Der "Fettbach" war einer der diversen Studentenclubs in Neustadt, doch keineswegs nur einer von vielen. Der Fettbach war eine Institution, hatte aber einen gewichtigen Nachteil: die Entfernung. Es war der einzige Club, der nicht auf dem Campus lag, sondern im Stadtzentrum von Neustadt - mit den entsprechenden Konsequenzen. Für den Fußweg vom Fettbach ins Wohnheim benötigte man eine halbe Stunde, vorausgesetzt man war im Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Kräfte. Andernfalls dauerte es entsprechend länger, was die Regel war. Während man die Distanz von einem Studentenclub auf dem Campus bis ins eigene Bett im Ernstfall auf allen vieren in schicklicher Zeit bewältigen konnte, war Gleiches beim Fettbach praktisch ausgeschlossen. Und der Rückweg vom Fettbach hatte noch eine andere unangenehme Besonderheit: Die Wahrscheinlichkeit, zu nächtlicher Stunde von einer Polizeistreife angehalten zu werden, war im Stadtgebiet überdurchschnittlich hoch. Das galt in besonderem Maße für diese frechen Studenten. Ihr stets ausgelassenes, lautes Benehmen wurde von den freudlosen Volkspolizisten als überheblich wahrgenommen. In gewissen Einzelfällen lagen sie damit nicht so weit daneben.

Mittwoch, ihr dritter Tag beim Studium. Hecki und Atsche hatten sich mit vier Mädels verabredet, heute das erste Mal in den Fettbach zu gehen. Und dann war da noch ein gewisser Zerowitsch, genannt Zero. Hecki hatte den Burschen angeschleppt und war von ihm begeistert, erzählte andauernd von ihm und fand ihn supercool. Das konnte nur an Heckis Brille liegen, Atsche sah das anders: ein weichlicher Schönling, ein selbstverliebter Schwätzer vor dem Herrn, kurzum ein arrogantes, überhebliches Arschloch. Aber eins musste selbst Atsche zugeben: ein sehr gescheites überhebliches Arschloch. Zu allem Überfluss standen die Mädels auf Zero. Dabei hatte er eine eher weiche Figur, dicke Lippen und Hände wie ein Mädchen. Aber Atsche wollte sich dadurch seine gute Laune nicht verderben lassen.

Beim Eintreten empfing sie ein originelles Kellergewölbe mit einer famosen Raumaufteilung: Die einzelnen Abteilungen waren ringförmig angeordnet und so konnte der gelangweilte Besucher im Kreis wandern und kam überall vorbei: am Hauptraum mit den Tischen der Gäste, an der Bar, am Biertresen, an einem Korridor mit Stehtischen, an der Tanzfläche, an der Sitzreihe aus alten Fässern und dann wieder von vorn. Heute spielte ein vietnamesisches Duo klassische Gitarrenstücke. Atsche, der selbst an dem Anspruch, Bourrée von Johann Sebastian Bach auch nur ein einziges Mal fehlerfrei auf seiner Gitarre zu Ende zu bringen, immer wieder erbärmlich scheiterte, war vollkommen aus dem Häuschen. Unglaublich, was die beiden schmalen Jungs da aus den Saiten zauberten. Unglaublich gut war auch die Stimmung ihrer kleinen Gruppe, die Mädels waren unkompliziert und selbst Zero wirkte inzwischen nicht mehr so störend. Nicht minder atemberaubend war die Geschwindigkeit, mit der einer nach dem anderen eine neue Runde von der Bar holte.

Der Rückweg vom Fettbach zum Campus führte unweigerlich um den Teufelsteich, von der Größe her eher ein kleiner See, umsäumt von Trauerweiden mit einem Springbrunnen in der Mitte und einer großen Eisdiele direkt am Ufer. Es gab sogar einen Bootsverleih, natürlich nur tagsüber. Die Stadtverwaltung hatte hier um den Teich mit dem anschließenden Park ein Kleinod geschaffen, das sich angenehm von der Tristesse der restlichen Umgebung abhob. Als ihre kleine laute Schar am Teufelsteich anlangte und auf das andere Ufer hinüberschaute, wurde sich Hecki der Tatsache bewusst, wie lange sie noch laufen müssten, um endlich im Wohnheim anzukommen.

"Hört mal, es gibt jetzt zwei Möglichkeiten: entweder den Umweg, also den langen Drum-Herum-Weg oder den direkten Weg, den Geradeaus-Weg."

"Ich bin dabei. Etwas Erfrischung kann ich jetzt gebrauchen.", meldete sich Atsche. Zero schloss seine Teilnahme umgehend und kategorisch aus. Auch von den Mädels war keine einzige zu bewegen, sie bei der Querung des Großen Wassers zu begleiten. Das lag aber nicht daran, dass sie sich dafür hätten entkleiden müssen. Erstens war es dunkel und zweitens waren sie, ebenso wie die Jungs, durch die Schule der Gemeinschaftsdusche gegangen. Die anfängliche Scham, sich nackt vor dem jeweils anderen Geschlecht zu zeigen, war bei allen nach kurzer Zeit verflogen, vollständig. Aber sie hatten ein Argument, das nicht ganz von der Hand zu weisen war:

"Seid ihr verrückt, ihr wollt in diese Kloake steigen? Hautausschlag ist das Mindeste, was ihr euch dabei aufsackt.", in der Tat war der Teufelsteich der Zielhafen von Substanzen, die in der Natur eher selten vorkommen. In den Chemie-Labors der Uni wanderten alle Rückstände in den Ausguss: Benzol, Phenol, Toluol, Säuren, Chlor; Cadmium-, Blei- und andere Schwermetallsalze bis hin zu Arsen. Der Abfluss führte in einen Bach, der Bach sammelte in seinem Verlauf beiläufig die ungeklärten Abwässer eines Chemiebetriebes auf und mündete schlussendlich im Teufelsteich.

Seinen Namen hatte der Teufelsteich aus abergläubischen Zeiten: Der Sage nach spukte es hier um Mitternacht, wenn der Neumond auf einen Mittwoch fiel. Heute war Mittwoch, bis zum Neumond fehlten aber noch drei Tage. Die industrielle Gegenwart hatte eine plausiblere Deutung für die Namensgebung nachgeliefert: Jetzt war das Wasser schwarz wie Pech und leblos wie das Tote Meer. Auf den bunten, in der Eisdiele erhältlichen Ansichtskarten sah der Teich wie jeder andere, ja fast idyllisch aus. Schwäne, zahme Wildgänse, Blässrallen und etliche Arten, zum Teil exotischer, Wildenten hatten hier eine Heimstatt gefunden. Dennoch wedelte in seinen Wassern nicht ein einziger Fisch mit seiner Schwanzflosse. Wundersamerweise schien das Wasserfedervieh keinen körperlichen Schäden davonzutragen. Womöglich lag es daran, dass sie keine Wasserpflanzen vom Grund holten und dann verspeisten: Es gab hier keine Wasserpflanzen, schon lange nicht mehr.

"Weiber!", sagte Hecki und begann, sich auszuziehen.

"Weichei!", sagte Atsche in Richtung Zero, zog sich splitterfasernackt aus und reichte Gabi seine Sachen samt Unterhose.

"Wir sehen uns am anderen Ufer.", und die beiden Helden stürzten sich in die Fluten. Zumindest war das der Plan gewesen. Aber was am Rand wie eine normale Wasseroberfläche aussah, entpuppte sich als eine nur handbreit hohe Schicht einer undurchsichtigen Flüssigkeit, die der unvoreingenommene Beobachter für Wasser halten würde, darunter knietiefer Schlamm. Nach dreißig Metern bekamen sie endlich die Beine wieder frei, eine Handbreit Wasser unterm Kiel und konnten schwimmen. Obwohl ihre Sinne schon leicht getrübt waren, spürten sie den penetranten, unnatürlichen Geruch der gräulichen Brühe. Nach jedem Atemzug versuchten sie, diesen Gestank von sich wegzupusten. Im Licht der Gehweglaternen konnten sie die Enten und anderen Wasservögel erkennen, durch die sie sich den Weg bahnten. Die Tiere zeigten keine Scheu.

"Hecki, weißt du, dass die Warzenente die einzige Hausente ist, die aus Südamerika stammt?"

"Is' mir egal. Aber boah, die schmecken sooo gut.", Hecki hätte sich die Lippen geleckt, wenn er nicht gerade wieder den Mief vor sich wegpusten müsste.

"Hecki. Weißt du, dass es gar nicht gut ist, wenn es viel mehr Erpel als Enten gibt?"

"Kann ich mir denken, bei Menschen ist das ähnlich."

"Ja, aber bei Enten ist das fatal. Wenn fünf Erpel andauernd ein und dieselbe Ente begatten wollen, dann hat die Ente so viel Stress, dass sie sogar sterben kann. In der Natur verrecken die meisten Enten im Frühjahr, in der Paarungszeit, wenn man eigentlich denkt, der Winter ist vorbei und alles wird gut."

"Das ist echt 'n Ding. Und ich dachte immer, Frauen mögen es, wenn viele Männer um sie herum sind."

"Junge, sieh dir das nur an. Hier sind viel mehr Erpel als Enten auf dem Teich, viel mehr."

"Das ist nicht gut für die Enten, oder? Kann man denn gar nichts für die armen Enten tun?"

"Du meinst, so etwas wie eine gute Tat zum Wohle der Natur?"

Morgens kam Hecki in Atsches Zimmer gestürmt.

"Junge, ich kann das einfach nicht glauben."

"Was? Was kannst du nicht glauben?", Atsche war gerade dabei, sich anzukleiden.

"Na, dass wir in der Nacht noch diese fette, verseuchte Phenol-Ente vollständig aufgefressen haben!"

"Das war ein fetter Warzen-Erpel."

"Mann, was haben die Weiber geschimpft, als du mit diesem Viech in der Hand nackend aus dem Wasser gekommen bist."

"Bloß gut, dass wir den Schwan wieder haben laufen lassen. Dann hätten diese Mimosen noch mehr Alarm geschlagen. Aber mitgefuttert haben am Ende doch alle, und wie."

"Ey, das hat aber auch geschmeckt. Gut gekocht Atsche, wirklich gut gekocht."

"Gebraten, Meiner, gut gebraten."

"Und was hat Gabi erst gezetert, dass sie nicht einen Happen davon essen würde."

"Hör mir bloß auf mit Gabi. Die Klaferze hat von allen das meiste in sich reingeschlungen und am Ende auch noch die Knochen einzeln AB-GE-LECKT."

"Ach komm! Du bist doch nur sauer auf Gabi, weil sie in deiner alabaster-weißen Unterhose eine Bremsspur gefunden hat."

"WAS hat sie?"

"Tja, mein Lieber. Da würde ich mal sagen, bei Gabi hast du verschissen.", und nach einer genüsslichen Pause: "... im wahrsten Sinne des Wortes.", jetzt brach es aus Hecki heraus und er schlug sich vor Lachen auf die Knie.

"Es gibt genügend andere.", Atsche sah es gelassen, vorerst. Doch Hecki hatte Blut geleckt.

"Junge, was soll das denn jetzt? Du warst total scharf auf Gabi. Erst baggerst du sie im Fettbach die ganze Zeit dilettantisch an und dann erhebst du sie zu deiner Intim-Wäsche-Verwalterin. Aber, was dein Verhältnis zu Gabi angeht: Da war wohl gestern die Kacke mächtig am Dampfen, was?"

"Halt die Klappe, Heckenbauer."

"Oh Mann, Atsche. Langsam wird mir klar, warum du nie zum Schuss kommst. Übrigens hat Zero sie danach abgeschleppt. Kann ich auch irgendwie verstehen. Wahrscheinlich hat ihr die Sache mir dir am Ende doch zu sehr gestunken."