Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Nach einem glücklichen Jahr im Norden kehrt der charismatische Ermittler Simon Tanner in sein Dorf zurück. Auf dem Bahnhof macht er Bekanntschaft mit einem etwas gehetzten jungen Mann in einem zu leichten Anzug, der in Spanien unschuldig im Gefängnis gesessen haben will. Eine Drogengeschichte. Sein Freund Serge Michel, Abteilung Leib und Leben, nimmt gleichzeitig einen Mordfall wieder auf, der seit dreissig Jahren ungelöst blieb. Die attraktive und ehrgeizige Lara Wille soll ihn übernehmen, er hofft, sie über den absehbaren Misserfolg loszuwerden. Schon bald kommt vieles in Bewegung. Der junge Mann und Lara Willes Fall scheinen auf rätselhafte Weise mit der seltsamen Sekte verstrickt, die in der Gegend ein ganzes Dorf bewohnt. Simon Tanner beginnt in seiner unnachahmlichen Art zu ermitteln ohne das erotische Abenteuer aus den Augen zu verlieren und stößt auf dunkle Vergangenheiten, die bis heute weiterleben.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 461
Veröffentlichungsjahr: 2012
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Urs Schaub, geboren 1951, arbeitete lange als Schauspielregisseur und war Schauspieldirektor in Darmstadt und Bern. Als Dozent arbeitete er an Theaterhochschulen in Zürich, Berlin und Salzburg. 2003–2008 leitete er das Theater- und Musikhaus Kaserne in Basel, 2006–2010 war er Kritiker im «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens. Nach «Tanner», «Das Gesetz des Wassers» und «Wintertauber Tod» ist «Der Salamander» der vierte Kriminalroman mit dem Ermittler Simon Tanner. Urs Schaub lebt in Basel.
URS SCHAUB
DER SALAMANDER
Ein Tanner-Kriminalroman
PROLOG
Der Zug bremste scharf und ohne Vorwarnung, die Räder kreischten, dann stand der Zug bockstill. Tanner fiel das schwere Buch, das er gerade zu lesen begonnen hatte, aus der Hand.
Schnell hob er es auf, wischte die beschlagene Fensterscheibe frei und bemerkte überrascht, dass er bereits am Ziel war. Im ersten Moment hatte er an eine Notbremsung gedacht, aber er erkannte durch den Nebel den trostlosen Bahnhof mit der merkwürdigen Buchstabenfolge im Ortsnamen.
Drei aufeinander folgende Vokale in einem Wort waren ungewöhnlich. Allerdings sprach man sie heutzutage wie einen einzigen aus. Früher war das anders. Und so klang der Name des Dorfes heute wie «fou», verrückt, geistesgestört, auch wenn er ursprünglich etwas ganz anderes meinte. Die eigentliche Bedeutung des Dorfnamens – im Wappen war dies erkennbar – bezeichnete das einzige Auge in der Vogelwelt, das nicht sehen konnte. Eine Art natürliches trompe-l’oeil.
Da Tanner außer seinem dunklen Wollmantel nur das Buch und eine Ledertasche bei sich hatte, war er blitzschnell an der Tür, öffnete sie und verließ stolpernd den Zug, der sich sofort wieder in Bewegung setzte. Das Buch fiel ihm dabei noch einmal aus der Hand, diesmal in eine tiefe Wasserpfütze. Es hatte sich geöffnet und lag mit den Schriftseiten nach unten komplett unter Wasser.
Idiot!
Tanner murmelte es wütend vor sich hin, ohne die Ironie zu bemerken, denn der Titel des Buches hieß ebenso und schimmerte in Goldprägung durch das trübe Wasser der Pfütze.
Das tropfende Buch in der Hand, eilte er unter das Vordach des kleinen Bahnhofs, ließ Mantel und Tasche auf die abgewetzte Wartebank fallen. Dem Ledereinband konnte das Wasser nicht viel anhaben, aber die Papierseiten begannen sich sofort zu wellen und klebten aneinander fest. Eine Dünndruckausgabe.
Tanner stöhnte.
Ausgerechnet das Buch, das sie ihm in letzter Minute zum Abschied in die Hand gedrückt hatte. Er hatte es praktisch die ganze Reise über in seinen Händen gehalten, ohne es aufzuschlagen. Die meiste Zeit hatte er gedöst oder vor sich hingeträumt, manchmal mit geschlossenen, häufig mit offenen Augen. Immerhin hatte er ziemlich genau vierundzwanzig Stunden in Zügen verbracht. Die verschiedenen Landschaften und Städte waren an ihm vorbei geflogen, ohne dass er besonders Notiz von ihnen genommen hätte. Er fühlte sich eher von etwas Unbenennbarem durchdrungen und seelisch sonderbar aufgeweicht durch die unzähligen Eindrücke, die er mehr unbewusst in sich aufgenommen hatte.
Er musste über das Wort aufgeweicht lächeln.
Das Buch in seinen Händen war es auf jeden Fall.
Erst nachdem er im Bezirksstädtchen mit der Ringmauer ein letztes Mal umgestiegen war, beschloss er, das Buch aufzuschlagen. Er schaffte gerade mal den ersten Satz, denn einerseits war die Distanz zwischen dem Bezirksstädtchen und dem Dorf, in dem er seit einiger Zeit wohnte, ziemlich kurz, und andererseits hatte er zuerst versucht, die Widmung zu entziffern, die ihr Vater für sie geschrieben hatte. Er hatte es nicht geschafft, er war sich nicht einmal sicher, in welcher Sprache die Widmung geschrieben war. Das Problem hatte sich nun sozusagen von selbst gelöst, sogar wahrhaft aufgelöst, denn durch das Bad in der Pfütze hatte sich die handschriftliche Widmung in eine türkise Tintenwolke verwandelt, die an einen Salamander erinnerte. An einen, der allerdings nur drei Beine hat.
Fröstelnd bemerkte er jetzt, wie kalt und feucht es war, und er zog den Mantel über.
Gegen die dicken Nebelschwaden hatte das Tageslicht große Mühe, sich durchzusetzen, obwohl es bereits mehr als neun Uhr war. Trotzdem beschloss er, noch einen Augenblick sitzen zu bleiben.
Er blinzelte durch das gelbe Licht des trüben Novembertages und versuchte, die dichten Nebelschwaden zu durchdringen, denn normalerweise waren von dieser Bank aus immerhin ein kleiner Ausschnitt des Sees und gleich dahinter sein geliebter sanfter Hügel, in noch weiterer Ferne die schneebedeckten Jurahöhen in Richtung Frankreich zu sehen. Davon existierte heute rein gar nichts, die ganze Welt schien wie von einem überdimensionierten Gummi ausradiert, der nichts als schmutziges Papier zurückgelassen hatte.
Dafür bemerkte Tanner jetzt, dass er offenbar nicht als einziger ausgestiegen war. Vielmehr tauchte aus dem Nebel eine Erscheinung auf, eine Gestalt, die leicht zu schwanken schien und sich mit langsamen, unsicheren Schritten näherte. Je näher sie kam, desto mehr Kontur gewann sie.
Es handelte sich um einen jungen Mann, der bloß einen dünnen dunkelgrauen Anzug trug, der ihm eindeutig zu weit war, dafür aber – wie zum Ausgleich – die Hosenbeine zu kurz. Er trug weder Schal noch Mantel, und seine schwarzen Halbschuhe schienen auch für wärmere Zeiten gedacht. Seine beiden Arme umklammerten vor der Brust einen kleinen Koffer, wie er schon lange nicht mehr in Mode war. Der junge Mann trug den Koffer so, als sei entweder der Inhalt des Koffers sehr wertvoll oder als solle er seine schmale Gestalt vor der feuchten Kälte schützen.
Tanner schätzte sein Alter auf etwa siebenundzwanzig, höchstens dreißig Jahre. Er war von mittlerer Größe, mit sehr hellem, dichtem Haar, eigenartig hohlen Wangen, unrasiert, was aber bei dem hellblonden Haar optisch kaum ins Gewicht fiel, außer dass sein Gesicht an möglicher Schärfe verlor und dadurch etwas Flüchtiges, etwas Ungefähres bekam. Seine Augen waren groß und sehr dunkel, fast schwarz. In ihrem Blick lag etwas Stilles, aber Bedrücktes. Tanner musste unwillkürlich an eine gewisse Art von Radiomeldungen aus seiner Jugendzeit denken, wo es um gesuchte Menschen ging, die irgendwie verloren gegangen waren und wo der Meldung am Ende wie das Amen in der Kirche jeweils diese Aufforderung folgte: Es wird um schonendes Anhalten gebeten.
Der junge Mann hatte jetzt Tanner bemerkt, und nach einem Moment des Zögerns lächelte er und kam direkt auf ihn zu. Sein Gang war holprig und unregelmäßig, als drücke ihn ein spitzer Stein im Schuh.
Guten Tag, äh … Entschuldigung … wenn ich Sie einfach so, äh … anspreche, aber ich kenne mich hier nicht aus. Sind Sie, äh … von hier?
Er sprach stockend und langsam, als ob er schon lange nicht mehr gesprochen hätte. Als ob er die Sprache vorsichtig tastend wieder finden müsste. Vielleicht hatte er sich auch länger in einer anderen Sprache ausgedrückt. Ein leichter Akzent war zu hören, den Tanner aber nach den paar Worten nicht zu lokalisieren imstande war.
Ich wohne zumindest hier. Womit kann ich Ihnen helfen?
Sind Sie auch gerade, hm … also, ich meine, hm … mit dem Zug angekommen?
Ja. Gerade eben.
Er schüttelte sich leicht. Den Koffer umklammerte er immer noch vor seiner Brust.
Es ist, äh … sehr kalt … und …
Er zuckte mit den Schultern, blickte sich um und lächelte erneut.
Sind Sie etwa aus einem wärmeren Land angereist?
Tanner fragte freundlich ins Ungefähre. Schonendes Anhalten!
Ja, ja. Ich komme direkt aus dem, äh … dem Ausland. Und ich wollte Sie fragen, hm …
Ja?
Ob Sie mir eine, hm … eine Unterkunft empfehlen könnten?
Ja, sicher. Hier im Dorf gibt es sowieso nur zwei Möglichkeiten.
Tanner überlegte, was er empfehlen sollte, eher den «Hirschen» oder …?
Wissen Sie was? Gehen Sie ins Restaurant Bahnhof. Die haben auch Zimmer.
Tanner stand auf und zeigte den Gleisen entlang.
Das Haus kann man heute wegen des dichten Nebels nicht sehen, aber wenn sie zweihundert Meter in diese Richtung gehen, werden Sie das Restaurant sofort erblicken.
Der Mann nickte freudig und machte die Andeutung einer Verbeugung.
Danke vielmals für die Auskunft. Kommen Sie, äh … auch aus dem Ausland?
Ja, ich komme soeben aus dem Ausland, aber ich war ganz im Norden, da war es auch kalt. Und Sie? Aus welchem warmen Land kommen Sie?
Der Mann lächelte und machte noch einmal diese etwas altmodisch anmutende Andeutung einer Verbeugung, drehte sich um und ging in die Richtung, die Tanner ihm gezeigt hatte. Die Frage hatte er entweder nicht verstanden oder einfach überhört. Nach wenigen Schritten schluckte der Nebel seine schmale Gestalt.
Tanner zuckte mit Schultern.
Er nahm Buch und Tasche und ging in die andere Richtung, die Straße hinauf.
Oben im Dorf war der Nebel etwas weniger dicht, aber die Stimmung war genau so trostlos. Er sah kein einziges Lebewesen, weder Mensch noch Tier. Das Dorf lag wie ausgestorben. Bald erblickte er das mächtige Dach des Maison Blanche. Er beschleunigte seine Schritte. Jetzt freute er sich doch, nach Hause zu kommen.
Er öffnete das schwere Tor zur Einfahrt. Der Brunnen plätscherte wie eh und je.
Er blickte sich um.
Alles war genau so, wie er das Haus verlassen hatte. Kaum zu glauben, dass er so lange weg gewesen war. Die gleiche Jahreszeit. Derselbe Zustand der Vegetation. Die Bäume kahl. Der Himmel grau. Der See wahrscheinlich auch. Wie Blei. Zu sehen war er nicht. Alles lag still. Ohne das Geräusch des fließenden Wassers hätte man mit Fug und Recht von einer Totenstille sprechen können.
Wie aus Trotz näherte sich im nächsten Augenblick ein Traktor und fuhr mit knatterndem Motor vorbei. Ein Mann, den Hut tief ins Gesicht gezogen, saß zusammengekauert und offensichtlich frierend auf dem altertümlichen Gefährt. Der Klang verlor sich überraschend schnell in der Ferne.
Als es wieder ganz still war, ging Tanner zur Haustür. Seine Schuhe knirschten auf dem Kies. In seiner Wohnung angekommen, zog er die Schuhe aus, den Mantel nicht, legte sich im Wohnzimmer aufs Sofa und schlief sofort ein.
EINS
Als er wieder aufwachte, fror er, und draußen war es bereits stockdunkel. Er tappte durch die Wohnung, schaltete die Heizung ein (das hatte er heute Morgen vergessen) und ging mit Todesverachtung unter die kalte Dusche, denn das warme Wasser hing mit der Heizung zusammen. Immerhin war ihm danach nicht mehr kalt.
Nachdem er sich frische Kleider angezogen hatte, beschloss er, ins Restaurant zu gehen. Sein Kühlschrank war leer. Außerdem hatte er kein Brot im Haus, und ein Essen ohne Brot war kein Essen.
Erst als er bereits auf der Straße war, gestand er sich ein, dass ihn in Wahrheit einzig und allein die Neugier nach dem Verbleib des jungen Mannes trieb, dem er heute Morgen den Rat gegeben hatte, sich ein Zimmer im Bahnhofsrestaurant zu nehmen. Er lächelte zufrieden und schritt kräftig aus.
Diesmal war er nicht allein auf der Straße. Auf der Höhe von Friedhof und Kirche traf er sogar auf einige Grüppchen von Menschen, die offenbar alle der Kirche zustrebten. Er nickte höflich, obwohl er niemanden speziell kannte, oder wenn, dann nur vom Sehen. Aber schließlich herrschte hier auf dem Lande die schöne Sitte, sich zu grüßen, auch wenn man sich nicht kannte. Dann bemerkte er, dass auf dem ganzen Friedhof kleine Lichter brannten. Er begriff, dass heute Allerseelen war und dass die Leute ihrer Toten gedachten. Der Nebel verwandelte die Lichter in kleine Wölkchen, die in Bodennähe schwebten.
Er vergrub fröstelnd seine Hände noch tiefer in seinem Mantel.
Beim Bahnhof war der Nebel immer noch genauso dicht wie heute Morgen. Kein Wunder, denn die Bahngleise befanden sich praktisch auf Seeniveau.
Die paar schiefen Straßenlichter, drei erleuchtete Weichenlaternen und einige farbige Eisenbahnsignallampen verwandel ten die Trostlosigkeit des Bahnhofs in ein surreales Bühnenbild von bestechender Schönheit.
Tanner bestaunte eine Weile diese Komposition, dann betrat er das Restaurant.
Kam man von der Straßenseite her, betrat der Gast zuerst eine dunkle, meist vollgequalmte Schankstube mit einigen altmodischen Wirtshaustischen auf schweren Eisenfüßen, mit robusten Stühlen, auf denen es sich gut stundenlang verweilen ließ. Die Stammgäste waren meist Arbeiter aus dem kleinen Gewerbequartier, das sich direkt hinter dem Bahnhof wie eine Flechte willkürlich wuchernd ausgebreitet hatte, und natürlich saß hier zu jeder Tages- oder Abendzeit eine Auswahl der obligaten Gelegenheitssäufer, meist Pensionierte, die endlose Stunden vor ihrem Wein oder ihrem Kaffee mit Schnaps verbrachten.
Als Tanner eintrat, verstummte die Runde keineswegs, nur Bodmer, der Wirt, erhob sich sofort zur Begrüßung und wies ihm den Weg in den gepflegteren, helleren Teil des Restaurants, wo man üblicherweise aß. Überdurchschnittlich gut aß, denn Frau Bodmer war eine ausgezeichnete Köchin. Normalerweise war es in der Gegend umgekehrt: der Mann war der Chef in der Küche, und die Frau war für die Gaststube zuständig. Auch in dieser Hinsicht war dieses Restaurant eine Ausnahmeerscheinung. Im Sommer saß man draußen unter einem herrlich schattigen Birnenspalier. Um einen schöneren zu finden, müsste man weit in der Weltgeschichte herumreisen, pflegte Bodmer stolz zu sagen. Und er hatte recht.
In der Gaststube saßen bereits zwei Männer, jeder für sich an einem Tisch. Den einen erkannte er sofort an seinen dichten blonden Haaren, obwohl er mit dem Rücken zum Eingang saß. Es war der junge Mann, der ihn heute Morgen nach einer Unterkunft gefragt hatte. Den anderen – offenkundig ein Geschäftsmann auf Durchreise –, mit schmalem Gesicht und in einen tadellos sitzenden Anzug gekleidet, kannte er nicht. Der Geschäftsmann hatte wohl schon gegessen, denn er saß vor einem Kaffee und zündete sich gerade eine Zigarre an. Der junge Mann, der am Fenster saß, wartete auf sein Essen und kaute eifrig an einem Stück Brot, was es in diesem Restaurant für jeden Gast reichlich gab.
Bodmer führte Tanner zu einem Tisch in der Ecke. Er setzte sich so, dass er den jungen Mann im Blickfeld hatte und den genussvoll rauchenden Mann halb schräg in seinem Rücken. In diesem Moment bemerkte der junge Mann den neuen Gast, erkannte ihn, lächelte mit vollem Mund und hob seine Linke zum Gruß. Mit seiner Rechten hatte er sich gerade ein neues Stück Brot geangelt.
Tanner grüßte zurück. Bodmer hielt ihm unterdessen die umfangreiche, in Leder gebundene Karte hin. Tanner lehnte lächelnd ab.
Ich esse das, was auf den Tisch kommt. Richten Sie Ihrer Frau einen lieben Gruß aus. Sie können ja sagen, Tanner sei zurück, und er habe großen Hunger.
Bodmer lachte.
Wie groß?
Bärenmäßig. Ich habe praktisch zwei Tage lang nichts Anständiges gegessen.
Gut. Ich verstehe. Und zum Trinken?
Tanner gab seine Bestellung auf, und Bodmer verschwand in Richtung Küche.
Der Mann hinter ihm räusperte sich.
Ja, so was kann man hier machen. Ich meine, essen, was auf den Tisch kommt.
Er wiegte seinen Oberkörper nach vorn, lachte kurz auf und wurde von einem heftigen Hustenanfall gepackt. Die brennende Zigarre fiel ihm aus der Hand. Als er sich nach ihr bückte, entwickelte sich der Husten zu einem Erstickungsanfall. Der junge Mann sprang auf, hob die Zigarre vom Boden auf und legte sie in den Aschenbecher.
Der Hustende dankte gestikulierend und rettete sich, in dem er die halbe Karaffe Wasser austrank, die auf seinem Tisch stand.
Danke. Danke, junger Mann. Das war sehr aufmerksam. Oje, oje!
Er schnäuzte sich kräftig und wandte sich dann wieder Tanner zu.
Gestatten Sie, mein Name ist Stauber. René Stauber. Das nenne ich persönliche Kundenbindung. In der Stadt können Sie das ja vergessen. Da lob ich mir die Landbeiz.
Da haben Sie ganz Recht, Herr Stauber. Ich heiße Tanner.
Stauber erhob sich kurz.
Sehr angenehm, Herr Tanner.
Tanner wandte sich dem jungen Mann zu.
Ich hoffe, Sie sind zufrieden mit ihrer Unterkunft.
Ja, ja. Sehr. Ich bedanke mich noch einmal für, hm … die gute Auskunft.
Stauber stutzte.
Aha. Man kennt sich?
Tanner wandte sich um.
Wir sind uns bloß heute Morgen auf dem Bahnhof begegnet.
In diesem Augenblick trat Bodmer ein und brachte das Essen für den jungen Mann. Er hatte Rösti mit Bauernbratwurst und brauner Zwiebelsauce bestellt.
Der junge Mann packte sofort Gabel und Messer und stürzte sich heißhungrig auf sein Essen. Auch Tanner lief das Wasser im Mund zusammen.
Ich wünsche Ihnen einen guten Appetit.
Danke sehr.
Der junge Mann lächelte zwar, aber seine dunklen Augen blieben ernst und bedrückt. Tanner überlegte, wie er mit ihm ins Gespräch kommen konnte.
Vorerst wollte er ihn aber in Ruhe essen lassen und schaute durch das Fenster in die dunkle Nacht. Der Nebel hatte sich offenbar etwas gelichtet, und man konnte immerhin bis zum Bahnhof sehen.
Der junge Mann räusperte sich, wischte sich den Mund ab und trank Wasser. Tanner blickte zu ihm hin. Dabei bemerkte er erst jetzt, dass er auch hier den etwas schäbigen Koffer mit dabei hatte, den er am Bahnhof mit seinen Armen so innig umklam mert hatte. Jetzt hielt er den Koffer unter dem Tisch zwischen seinen Beinen eingeklemmt.
War es eine Art zwanghafte Marotte (schonendes Anhalten …?) oder enthielt der Koffer tatsächlich etwas so Wertvolles, dass der junge Mann ihn keinen Augenblick allein lassen wollte? Nicht einmal in seinem Zimmer, das man abschließen konnte? Der Zimmerschlüssel lag sichtbar auf dem Tisch.
In diesem Augenblick erhob sich der Mann, der sich als René Stauber vorgestellt hatte, und ging in Richtung Toilette. Tanner guckte ihm nach, bis sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte. Dann traf sich sein Blick mit demjenigen des jungen Mannes.
Haben Sie eine weite Reise hinter sich? Sie haben mir am Bahnhof angedeutet, dass Sie direkt aus dem Ausland angereist waren, wo es offenbar weniger kalt war als hier.
Ja, ja. Das stimmt.
Er trank einen Schluck aus seinem Wasserglas.
Ich komme, äh … direkt aus dem Süden, hm … Spanien. Da war es natürlich auch nicht, äh … Sommer, aber bedeutend wärmer als hier war es schon. Ja, äh … wärmer. Und äh …
Bodmer kam mit Wein und Wasser, einem dampfenden Teller und einem großen Korb Brot. Er balancierte lachend das schwere Tablett zu Tanners Tisch. Der junge Mann wandte seine Aufmerksamkeit sofort wieder seinem Teller zu.
So. Schöne Grüße von der Chefin. Zufällig gibt es heute gerade Linsensuppe, und damit sollen Sie herzlich begrüßt sein.
Er lachte spitzbübisch.
Sie wissen ja … der verlorene Sohn und so. Sie waren ja eine Ewigkeit nicht mehr hier.
Tanner bedankte sich und sog den köstlichen Duft der Suppe ein.
Oh, die riecht fantastisch. Sagen Sie Ihrer Frau vielen Dank für die kluge Wahl.
Tanner sah, dass der junge Mann mit seiner Portion eben fertig wurde – was erstaunlich war, denn die Portionen waren hier großzügig –, die Reste der Sauce mit einem Stück Brot auftunkte und geradezu sehnsüchtig in Richtung Tanners Linsensuppe blickte.
Äh … Bodmer. Bringen Sie doch dem jungen Herrn auch einen Teller von dieser köstlichen Suppe. Auf meine Rechnung, bitte. Und ein Glas vom selben Wein.
Der junge Mann blickte sofort verwirrt auf den Tisch. Tanner hob beruhigend seine Hand.
Nehmen Sie bitte meine Einladung an. Ich hatte eben den Eindruck, dass Sie vielleicht noch hungrig sind. Schließlich sind wir heute Morgen beide von einer weiten Reise zurückgekommen.
Der junge Mann stand auf und verbeugte sich leicht. Genauso hatte er es auch schon auf dem Bahnhof gemacht.
Vielen Dank für die freundliche Einladung. Die Suppe nehme ich gerne an. Vergelts Gott. Aber Wein trinke ich nicht. Vielen Dank trotzdem. Ich bleibe lieber bei Wasser.
Bodmer nickte und ging in die Küche.
Vergelts Gott?
Diesen Ausdruck hatte Tanner zuletzt von seiner Großmutter gehört. Und das war jetzt schon eine gute Weile her. Aus dem Mund eines jungen Mannes klang es doch ziemlich fremdartig.
Die Tür ging wieder auf, und Bodmer brachte die zweite Suppe. Bodmer und Tanner wünschten gleichzeitig guten Appetit, und der junge Mann bedankte sich noch einmal. Eine Weile durchbrachen nur die Löffel, die an den Rand des Tellers stießen, die Stille.
Jetzt kam Stauber zurück. Die Zigarre hatte er offenbar auf der Toilette zu Ende geraucht und auch dort entsorgt. Er rieb sich die Hände und rief Bodmer, der auch sofort den Kopf durch die Tür streckte.
So. Jetzt leiste ich mir einen guten Cognac. Irgendetwas muss man ja gegen dieses Sauwetter unternehmen.
Bodmer nickte und verschwand wieder.
Stauber packte noch stehend eine neue Zigarre aus, verzichtete aber darauf, sie anzuzünden, denn es war ihm offensichtlich ein missbilligender Blick Tanners aufgefallen. Er seufzte und ließ sich auf den Stuhl fallen.
Aha. Der junge Mann fängt noch einmal von vorne an.
Tanner drehte sich um.
Das ist sehr zuvorkommend, Herr Stauber, dass Sie mit der Zigarre warten, bis wir mit dem Essen fertig sind. Der Geruch passt nicht so gut zu dem ausgezeichneten Essen.
Ist schon gut. Ich werde sie später rauchen, wenn es den Herren genehm ist.
Vielen Dank.
Der junge Mann war mit der Suppe schneller zu Ende als Tanner.
Vielen Dank, äh … die Suppe war wirklich köstlich. Ich habe schon lange nicht mehr so gut, hm … gege … gegessen.
Dann ist es ja gut. Waren Sie denn lange in Spanien? Ich meine, in Spanien kann man doch auch sehr gut essen, oder?
Ja, selbstverständlich, äh … Sie haben vollkommen Recht, hm … aber Sie müssen wissen, dass ich dort fünf Jahre im, äh … Gefängnis, äh … war, ja … im Gefängnis.
Der junge Mann lächelte dabei freundlich, als er dies ganz offen und treuherzig erzählte.
Und wissen Sie, im Gefängnis war das Essen eher ein, äh … eine Art hm …, also auf jeden Fall nicht sehr gut, wie Sie sich vielleicht vorstellen können.
Tanner schenkte sich ein Glas Wein ein und gab sich Mühe, es sich nicht vorzustellen. Er hatte vor längerer Zeit Gefängnisse in Marokko gesehen und auch im Süden von Spanien. Das waren Paradiese für Kakerlaken, aber keine Orte für Menschen.
Dann sind Sie sicher froh, dass Sie das überstanden haben.
Ja, ja, sehr froh. Natürlich. Obwohl jede Erfahrung, ähm … auch etwas, äh … Gutes hat.
Hat man Sie also auch gut behandelt?
Der junge Mann lächelte scheu und blieb stumm, als ob er sich das für einen Moment überlegen müsste. Tanner schwieg und schaute kurz zu Stauber zurück, der interessiert dem Gespräch gefolgt war.
Nein, das kann man so nicht sagen.
Tanner blickte wieder zum jungen Mann, hatte ihn aber nicht verstanden.
Ja, äh … Sie haben mich doch gefragt, ob ich auch gut behandelt wurde. Und ich habe gesagt: Nein, das kann man so nicht sagen.
Jetzt meldete sich Stauber zu Wort.
Ja, das ist sicher hart, so ein Aufenthalt im Gefängnis.
Er schüttelte sich.
Ich mags mir gar nicht vorstellen.
Dann lehnte er sich behaglich zurück.
Gut, ich meine, Strafe muss ja sein. Heute wird ja Gott sei Dank nichts mehr abgehackt oder so. Sogar Schwerverbrecher werden doch fair behandelt. Ich hatte letzthin Gelegenheit, ein Gefängnis zu besuchen. Das hatte ja schon beinahe Hotelcharakter.
Er nickte anerkennend.
Betten mit Qualitätsmatratzen. Mit genau so vielen Fernsehprogrammen, wie wir zuhause auch haben. Also, da kann man sich wirklich nicht beklagen. Gut. Die müssen dann ein paar Stunden in der Schreinerei arbeiten oder so, aber das ist doch zumutbar, oder?
Er drehte nervös an seiner Zigarre.
Irgendwie muss man doch die Verantwortung übernehmen für das, was man gemacht hat. Man kann die Leute, die sich nicht an die Gesetze halten, nicht auch noch belohnen. Und wir haben ja doch eigentlich vernünftige Gesetze. Wir sind ja keine Barbaren.
Er wandte sich direkt an den jungen Mann.
Wenn Sie sich etwas eingebrockt haben, dann müssen Sie es in Gottes Namen auch wieder auslöffeln. Sie sind ja noch jung und können ab jetzt ein sauberes Leben führen.
Jetzt meldete sich der junge Mann schüchtern zu Wort.
Aber ich kann Ihnen versichern, dass, äh …, dass ich gar nichts, äh … also gar nichts gemacht habe.
Jetzt lächelte Stauber milde.
Ja, ja, das habe ich auch schon gehört. Alle sitzen unschuldig im Knast.
Er nickte, sprach mehr zu sich selber und verdrehte dabei die Augen.
Die Gesellschaft ist schuld. Meine Eltern sind schuld. Die Umstände sind schuld. Ich wurde im Kindergarten von den anderen Kindern ganz schlimm behandelt. Also ich – ich kann eigentlich gar nichts dafür.
Tanner wandte sich an Stauber. Langsam ging er ihm auf die Nerven.
Herr Stauber, Sie haben ja sicher recht, so im Allgemeinen. Aber jetzt ist gut. Der junge Mann hat freiwillig und sehr offen erzählt, dass er fünf Jahre lang in Spanien im Gefängnis gewesen ist und dass er unschuldig gesessen hat. Wir haben keinen Grund, an seinen Worten zu zweifeln. Abgesehen davon …
Jetzt stand der junge Mann auf.
Streiten Sie bitte nicht meinetwegen, meine Herren. Das bin ich ja gar nicht, äh … also, ich meine, das bin ich nicht wert.
Zu Tanner gewandt.
Und der Herr hat recht, alle, die ich im, äh … im Gefängnis angetroffen habe, sind, äh … unschuldig, und sie beteuern es unentwegt. Ständig. Keiner hat je zugegeben, äh …, also, das habe ich gemacht, ähm … also muss ich jetzt büssen.
Jetzt lachte Stauber, stand ebenfalls auf, wandte sich an Tanner und zeigte mit der Zigarre auf den jungen Mann, als wollte er ihn aufspießen.
Na, na, sehen Sie! Er gibt es ja selbst zu. Also nur keine Aufregung.
Er wandte sich an den jungen Mann.
Okay, Sie saßen fünf Jahre unschuldig in Spanien in einem Gefängnis. Ist gut. Ich habe es verstanden. Entschuldigen Sie meine Bemerkung. Trinken Sie also auf meine Rechnung einen Kaffee, bitte.
Er wandte sich an Bodmer, der gerade mit einem Tablett mit dampfendem Teller und Schüsseln hereinkam.
Bodmer! Bringen Sie bitte dem jungen Mann einen Kaffee und ein Glas Cognac auf meine Rechnung.
Bodmer nickte, aber der junge Mann hob flehend die Hände.
Den Kaffee nehme ich gerne, aber Alkohol trinke ich keinen, bitte. Vielen Dank für die Einladung.
Gut, Bodmer, dann einen Cognac für mich und einen Kaffee für den jungen Mann.
Bodmer nickte und servierte Tanner Schweinefilet mit Speck und gedörrten Zwetschgen. Als Beilage Kartoffelgratin und Rosenkohl. Alle setzten sich wieder, und man wünschte Tanner einen guten Appetit.
Er begann zu essen. Die anderen schwiegen. Zwischendurch kam Bodmer und brachte den beiden ihren Kaffee.
Das Essen war ausgezeichnet und nach dem sich die allgemeine Atmosphäre wieder entspannt hatte, konnte Tanner die köstlich zubereiteten Speisen auch richtig genießen.
Als er zu Ende war, sich den Mund wischte und aus der Karaffe den Rest seines Weins ins Glas goss, entzündete Stauber zeitgleich ein Streichholz. Er hatte offensichtlich auf diesen Moment gelauert, hielt aber noch einmal inne, bevor er die Zigarre anzündete.
Ich darf doch jetzt? Oder gibt es irgendwelche Einwände?
Tanner machte eine einladende Geste mit der Hand, und der junge Mann nickte eifrig.
Na, da habe ich aber noch einmal Glück gehabt.
Jetzt hielt er das brennende Streichholz an die Spitze der Zigarre und zog so heftig daran, dass man das Knistern des brennenden Tabaks hören konnte.
Dann kam Bodmer, erkundigte sich bei Tanner, ob es geschmeckt hatte, und brachte eine gebrannte Creme mit Schlagsahne zum Dessert. Tanner bestellte einen Kaffee dazu.
Der junge Mann nestelte in seiner Jacke, brachte ein schmales Wachsbüchlein zum Vorschein und begann darin zu blättern. Offensichtlich suchte er eine bestimmte Stelle, und als er sie gefunden hatte, legte er den Finger darauf und blickte in die Runde.
Darf ich Ihnen kurz etwas vorlesen? Ich habe im Gefängnis versucht, ähm … alles aufzuschreiben, was ich im Laufe meines Lebens an, äh … schönen Gedanken, äh … gehört oder gelesen hatte. Verstehen Sie, aus meinem Gedächtnis. Vielleicht habe ich mich nicht in jedem Fall an alle Wörter korrekt erinnern können, aber … ähm …
Er zuckte mit den Schultern. Tanner lächelte ihm zu.
Ja, sicher, sehr gerne. Wir sind gespannt.
Auch Stauber nickte und blickte den jungen Mann erwartungsvoll an.
Also, hören Sie.
Er nahm das Büchlein in beide Hände. Dann las er mit leiser Stimme.
Ich hatte einen Traum, und es war nicht nur ein Traum. Die helle Sonne war erloschen, und die Sterne zogen verglimmend im ewigen Raum dahin.
Er richtete sich auf und schaute zu den beiden anderen.
Wissen Sie, wer das geschrieben hat?
Tanner schüttelte den Kopf.
Nein, aber es ist schön. Schrecklich traurig zwar, aber schön. Eine Art Endzeitstimmung.
Stauber hatte sich verschluckt und hustete.
Byron hat das geschrieben. Anfang Neunzehntes Jahrhundert.
Stauber hatte sich wieder beruhigt.
Die Sonne ist verschwunden und die Sterne? Wo und wann soll denn das gewesen sein?
Er lachte.
Wir haben zum Glück bloß ein Sauwetter, das ist auch alles.
Er schüttelte den Kopf.
So ein Unsinn!
Der junge Mann hob beschwichtigend seine Hände.
Erlauben Sie mir zu sagen, dass es persönliche Katastrophen gibt und solche, die die ganze Menschheit betreffen. Byron beschrieb eine objektive Situation in der Welt.
Wann soll denn die Sonne erloschen sein? Vielleicht als Sie ganz und gar unschuldig im Gefängnis hockten und den Staat eine Stange Geld gekostet haben.
Der junge Mann blieb geduldig und antwortete mit leiser Stimme?
Sie haben ganz recht. Deswegen habe ich diesen Text auch in mein kleines Büchlein geschrieben, denn zeitweise fühlte ich mich genauso. Sie haben das ganz genau verstanden. Aber Byron, äh … hatte eine wirkliche, äh … Angst beschrieben.
Aha? Ja, von mir aus. Vor was hatte er denn Angst, dieser Baron?
Am Anfang des Neunzehnten Jahrhunderts flog in Indonesien ein ganzer Berg in die Luft. Der Berg hieß Tambora und lag auf der Insel Sumbawa. Es war einer der größten Vulkanausbrüche auf der Welt. Es ging soviel Rauch und Asche in die Luft, dass sich die Sonne verdunkelte und die Erde sich abkühlte. Der Frühling blieb aus und es starben viele Menschen: am Vulkanausbruch selbst, bei den Überschwemmungen, aber auch weil in der Folge davon Hungersnöte auf der ganzen Welt ausbrachen.
Der junge Mann hatte jetzt gesprochen, ohne zu stocken.
Stauber wiegte immer noch skeptisch seinen Kopf.
Aha. Man lernt nie aus. Aber, haben Sie auch etwas Lustiges in Ihrem Büchlein?
Der junge Mann schaute etwas schuldbewusst in die Runde.
Nein, nicht wirklich. Ich muss mich, ähm … entschuldigen. Es gibt Sachen mit mehr, äh … Gefühl, aber lustig? Nein.
Tanner beugte sich vor.
Ich würde sehr gerne noch ein Beispiel hören.
Der junge Mann blätterte in seinem Büchlein. Dann hatte er es gefunden.
Er blickte zu Tanner.
Es ist aber ziemlich lang.
Tanner lehnte sich zurück.
Wir haben Zeit. Bitte.
Auch Stauber zeigte mit einer Geste großzügig seine Bereitschaft an.
Es ist eigentlich ein Lied. Es heißt: Da unten im Tale. Ich habe vergessen, wer es geschrieben hat.
Der junge Mann holte tief Luft.
Da unten im Tale, läuft’s Wasser so trüb. Und ich kann dir’s nit sagen, I hab’ di so lieb.
Er machte eine kleine Pause.
Sprichst allweil von Lieb’, sprichst allweil von Treu’. Und a bissele Falschheit is au wohl dabei.
Hier stockte der junge Mann ein wenig.
Und wenn i dir’s zehnmal sag’, dass i dir lieb, und du willst nit verstehen, muss i halt weitergehen.
Er blickte auf.
Jetzt kommt der letzte Vers.
Er holte noch einmal tief Luft.
Für die Zeit, wo du g’liebt mi hast, dank i dir schön, und i wünsch, dass dir’s anderswo besser mag gehen.
Er starrte weiter auf das Blatt, obwohl der Text offenkundig zu Ende war, dann blickte er zu Tanner. Tränen liefen ihm über seine Wangen. Er wischte sie weg und lächelte.
Das ist schön, oder?
Tanner seufzte.
Ja, das ist schön.
Stauber äußerte sich nicht und war mit seiner Zigarre beschäftigt. Dann erhob er sich.
So. Ich muss weiter. Die Herren entschuldigen mich. Herzlichen Dank für den beeindruckenden Vortrag, junger Mann. Ich wünsche Ihnen viel Glück in Ihrem neuen Lebensabschnitt. Bodmer, die Rechnung!
Er wandte sich an den jungen Mann und drohte spielerisch mit dem Finger.
Und – bleiben Sie sauber.
Dann holte er eine Geschäftskarte aus seinem Portemonnaie.
Hier meine Karte, falls sie eine Arbeit suchen. Ich habe ein Bauunternehmen.
Der junge Mann erhob sich überrascht.
Vielen Dank für das Angebot. Das ist sehr, äh … großmütig.
Stauber zog umständlich seinen Mantel an. Er blickte lächelnd zu Tanner.
Am Schluss kriegt man ja noch das heulende Elend.
Bodmer brachte auf einem kleinen Tablett die Rechnung. Der Geschäftsmann legte eine Note darauf.
Es ist dann recht so.
Er lachte in die Runde.
Nur nicht knausern, sage ich immer, nur nicht knausern.
Bodmer bedankte sich.
So. Meine Herren. Ich wünsche noch einen schönen Abend.
Stauber verließ mit Bodmer den Raum in Richtung Schankstube.
Wussten Sie, Bodmer, dass Ihr Gast direkt aus dem Gefängnis kommt? Ich würde Ihnen anraten, schließen Sie Ihre …
Der Rest seiner Worte ging im allgemeinen Stimmengewirr unter, und gleich darauf schnitt die Verbindungstür zur Schankstube alle Geräusche wieder ab.
Tanner blickte zum jungen Mann.
Machen Sie sich nichts draus. Sie haben ja gesehen …
Sie haben recht. Er ist sehr gefangen, äh … in seinen, mh … Sie verstehen, was ich meine, oder?
Ja, klar.
Beide schwiegen eine Weile.
Was hat man Ihnen denn in Spanien vorgeworfen? Sie müssen die Frage natürlich nicht beantworten.
Doch, doch. Das erzähle ich Ihnen gerne. Man hat bei der Einreise in meinem Gepäck für ungefähr zweihunderttausend Franken Drogen gefunden. Kokain. Das wars dann. Eine kurze, äh … Verhandlung am Gericht und ab in den Knast nach Salamanca.
Tanner pfiff durch die Zähne.
Und Sie haben natürlich keine Ahnung, wer Ihnen das Paket in Ihr Gepäck geschmuggelt haben könnte?
Der junge Mann blätterte eine Weile gedankenverloren in seinem Büchlein. Hatte er die Frage nicht verstanden? Plötzlich stand er auf und machte wieder diese kleine Verbeugung, die Tanner schon kannte.
Ich bedanke mich sehr für, äh die Suppe und die, ähm … ich meine, das Verständnis und die, äh … Anteilnahme, die ich bei Ihnen verspürt habe. Sie müssen mich jetzt entschuldigen, aber es wird Zeit für mich.
Er bückte sich, nahm seinen Koffer auf und ging quer durch den Raum. Kurz vor der Tür hielt er nochmals an, drehte sich aber nicht um.
Doch. Ich weiß, wer mir das angetan hat.
Er nickte noch zweimal mit seinem Kopf, wie zur Bestätigung, und dann ging er stumm durch die Tür.
ZWEI
Am anderen Morgen rief Bodmer an. Tanner schaute auf die Uhr. Es war kurz vor sechs. Draußen war es noch dunkel.
Es tut mir leid, dass ich so früh anrufe, aber die Sache ist mir nicht geheuer.
Tanner rieb sich die Augen.
Aha. Welche Sache denn?
Ja, eben … mit diesem Jean D’Arcy.
Wer soll denn das sein, Bodmer? Ach, so! Ist das der junge Mann, Ihr Gast?
Ganz genau. Kannten Sie seinen Namen nicht? Sie haben ihn doch zu mir geschickt, oder irre ich mich da?
Nein, ich kannte seinen Namen nicht. Ich habe ihn gestern Morgen am Bahnhof getroffen, das heißt, wir sind aus demselben Zug ausgestiegen. Er hatte mich nach einer Unterkunft gefragt.
Ach so.
Soll ich die Leute in Zukunft zur Konkurrenz schicken?
Bodmer lachte.
Nein, nein. So habe ich das nicht gemeint.
Tanner öffnete mit einer Hand ein Fenster und ließ die kalte Morgenluft herein.
Also, Bodmer, was ist Ihnen denn nicht geheuer?
Ja, wie soll ich sagen? Erstens haben wir in der Nacht merkwürdige Geräusche gehört, dann habe ich um halb sechs an seine Tür geklopft, und er antwortet nicht.
Was meinen Sie mit merkwürdigen Geräuschen? Und warum haben Sie denn um Gottes willen so früh an seine Tür geklopft?
Es klang irgendwie, als habe er die Möbel rumgeschoben.
Aha. Vielleicht wollte er in eine andere Richtung schlafen. Es gibt Menschen, die sind da sehr sensibel.
Ja, kann ja sein. Es klang aber irgendwie merkwürdig, auch der Zeitpunkt. Und wegen der frühen Stunde: Er hat mich gestern Abend darum gebeten! Ich sollte ihn am Morgen um diese Uhrzeit wecken.
Und jetzt antwortet er nicht? Und die Tür ist abgeschlossen, nehme ich an – und der Schlüssel steckt von innen, oder?
Genau so ist es.
Vielleicht hört er einfach Ihr Klopfen nicht? Vielleicht hat er ein starkes Schlafmittel eingenommen und schläft tief und selig. Könnte doch sein, oder?
Ja, könnte sein, aber ich glaube es nicht. Äh …, Tanner, könnten Sie nicht vielleicht auf einen Kaffee vorbeikommen? Mir ist einfach nicht wohl.
Hat dieses Unwohlsein vielleicht etwas damit zu tun, dass Ihnen gestern Abend der andere Gast gesteckt hat, dass D’Arcy im Gefängnis gewesen ist?
Woher wissen Sie …?
Es war ja indiskret genug, nicht wahr. Abgesehen davon: wieso rufen Sie eigentlich mich an? Wenn Sie sich wirklich Sorgen machen, müssten Sie doch die Polizei rufen.
Bodmer schnaufte durchs Telefon.
Ja … aber Sie sind doch … äh, nein, natürlich nicht, aber äh … ich dachte, Sie kennen diesen jungen Mann und …
Gut Bodmer, jetzt bin ich ja eh schon wach. Ich bin in einer Viertelstunde bei Ihnen, wenn es Sie beruhigt.
Bodmer stand an der Tür, als Tanner den Platz vor dem Restaurant überquerte. Er hatte kurzerhand die Abkürzung durch den Garten des Hauses genommen, den steilen Abhang hinunter zu den Bahngleisen.
Meine Frau hat Ihnen bereits einen Kaffee zubereitet. Danke, dass Sie kommen.
Bodmer führte ihn in die Wirtsstube. Seine Frau stand hinter der Theke. Tanner begrüßte sie und nahm den Kaffee in Empfang.
Darf ich mal den ausgefüllten Meldeschein sehen?
Frau Bodmer holte den Meldeblock aus einer Schublade hinter der Theke.
Hier.
Tanner studierte den Zettel.
Außer dem Namen konnte man seine Nationalität lesen und dass er gestern von Frankreich her kommend in das Land eingereist war. Bei Wohnort hatte er eine Wellenlinie gemacht. Die Rubriken Datum, Unterschrift und Passnummer waren ausgefüllt. Es war eine auffällig zarte Schrift mit kleinen, regelmäßigen Buchstaben, da und dort etwas zittrig. Aber es waren leider viel zu wenige Wörter, um sich wirklich ein Bild machen zu können.
Tanner blickte fragend zu Bodmer.
Haben Sie sich nicht gewundert, dass er keinen Wohnort angegeben hat?
Bodmer zuckte mit den Achseln.
Doch. Aber ich habe es erst nachträglich gesehen.
Tanner trank den Rest des Kaffees in einem Schluck.
Gut. Dann schauen wir jetzt mal, ob er immer noch schläft.
Bodmer ging voran.
Die fünf Gastzimmer befanden sich alle im ersten Stock. Zwei zur Straße, zwei zum See und eins im rückwärtigen Teil des Hauses. Genau genommen lag dieses eine Zimmer eigentlich schon außerhalb des Haupthauses, im ersten Stock eines angebauten Holzschopfs, war aber nur durch das Haupthaus erreichbar, über drei Treppen am Ende des Flurs. An der weiß gestrichenen Tür klebte, ein ganz klein wenig schief, die goldene Ziffer Fünf. Das war das Zimmer, in dem Jean D’Arcy schlief.
Bodmer zeigte stumm auf die Tür.
Tanner klopfte energisch. Dann rief er einige Male hintereinander den Namen.
Keine Reaktion.
Bodmer meinte in Zeichensprache, dass es vorher genau so gewesen sei.
Tanner legte sein Ohr an die Holztür.
Ich kann nichts hören.
Er versuchte durch das Schlüsselloch zu schauen, aber ergebnislos, ziemlich sicher steckte ja der Schlüssel.
Als letztes versuchte Tanner die Tür zu öffnen, aber sie war tatsächlich abgeschlossen.
Herr D’Arcy, wir machen uns Sorgen. Wenn Sie nicht antworten, müssen wir die Tür aufbrechen.
Tanner trat zurück.
Wie viele Fenster hat das Zimmer?
Nur ein einziges. Dafür ein großes.
Tanner nickte.
Ich möchte mir mal die Fassade von außen anschauen. Vielleicht ist das Fenster ja offen.
Bodmer nickte und ging voraus.
Mittlerweile dämmerte der Morgen. Der Nebel hatte sich offenbar über Nacht zum größten Teil gelichtet.
Hinter dem Haus befanden sich ein Obst-, ein Beeren- und ein großer Gemüsegarten. Frau Bodmer pflegte das alles sehr liebevoll. Das Obst, der Salat und das Gemüse kamen – je nach Saison – weitgehend aus eigener Produktion. Im Winter sahen die Gärten naturgemäß etwas trostlos aus.
Bodmer zeigte auf das Fenster.
Sehen Sie, es sieht so aus, als sei es geschlossen.
Tanner nickte und zeigte auf die ebenerdige Tür unterhalb des Fensters. Das Zimmer lag ja quasi im ersten Stock des Anbaus.
Was haben Sie denn im Schopf drin?
Gartenwerkzeuge. Holz. All die Tische und Stühle für die Sommerterrasse.
Tanner rief noch ein paar Mal den Namen zum Fenster hinauf. Dann wandte er sich zu Bodmer.
Gut. Ich denke, wir sollten die Polizei verständigen.
Muss das sein?
Ja, Bodmer. Das muss sein. Wenn wir die Tür aufbrechen, ist es einfach besser, wenn wir das nicht als Privatpersonen machen. Ich rufe jetzt einfach Michel an.
Bodmer nickte ergeben.
Ich geh dann mal zurück ins Restaurant und mach uns was zum Frühstück. Nehmen Sie auch ein Ei?
Tanner zückte sein Mobiltelefon.
Sehr gerne. Ich komme gleich nach.
Michel meldete sich sofort.
Ich glaub es ja nicht! Tanner ist zurück aus dem hohen Norden. Ich wollte eigentlich auch schon anrufen, nach dem ich gestern Nacht deine Nachricht gehört hatte. Aber ich hätte mich natürlich nie und nimmer getraut, den Herrn zu so einer unchristlich frühen Zeit zu stören. Na und? Wie war es? Bist du schon …
Entschuldige, wenn ich dich unterbreche. Ich werde dir alles erzählen. Ehrenwort. Aber jetzt rufe ich dich an, weil wir hier ein Problem haben.
Er fasste kurz die Situation zusammen. Michel stöhnte.
Natürlich schicke ich dir sofort einen Streifenwagen, aber gibt es wirklich solche Zufälle? Kaum tauchst du auf, schon gibt es wieder ein Problem in deinem Dörfchen.
Reg dich ab. Vielleicht ist es auch keins. Aber ich möchte nicht einfach so die Tür einbrechen, verstehst du?
Ja, ist ja klar. Ich guck mal, wer in der Nähe ist.
Tanner bedankte sich und beendete das Gespräch.
Er hatte gerade sein Ei gegessen, als der Streifenwagen vor der Tür hielt. Kurz darauf betrat eine uniformierte Polizeibeamtin die Wirtschaft.
Guten Tag.
Sie betrachtete die Frühstücksrunde und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Dann nickte sie Tanner zu.
Sie müssen Tanner sein. Kommissar Michel hat uns gebeten, bei Ihnen vorbeizuschauen. Wo ist das Problem?
Bodmer sprang auf.
Guten Tag, ich bin der Wirt. Wir haben einen Gast, den hätte ich um halb sechs wecken sollen, aber er antwortet nicht, und der Schlüssel steckt von innen.
Tanner hatte sich mittlerweile auch erhoben.
Ja. So ist es. Wir fänden es besser, wenn Sie dabei sind, wenn wir die Tür aufbrechen, Frau äh …
Wille. Mein Kollege Stoffel sitzt im Auto und telefoniert. Aber ich denke, wir schaffen das auch ohne ihn. Wo ist denn das Zimmer? Und wie heisst Ihr Gast?
D’Arcy. Jean D’Arcy. Das Zimmer liegt im oberen Stock. Ich gehe mal voraus.
Bodmer ging zur Treppe und nahm zwei Stufen aufs Mal.
Tanner und die Beamtin folgten. Bei der Treppe angekommen, wollte er ihr den Vortritt lassen.
Sie lächelte.
Bitte nach Ihnen. Sie wissen ja, bei Treppen und Restaurants geht der Mann vor.
Ach, ich wusste nicht, dass diese Regeln auch für Beamtinnen im Dienst gelten.
Er ging an ihr vorbei.
Jetzt lachte sie.
Darüber weiß ich nichts, aber Michel hat mich gewarnt.
Tanner blieb auf der Treppe stehen und wandte sich um.
Gewarnt. Vor was hat er Sie denn gewarnt?
Vor Ihnen, Tanner.
Er stutzte.
Machen Sie nicht so ein Gesicht. Gehen Sie bitte weiter. Wir werden erwartet.
Tanner seufzte und ging voraus, die Treppe hoch.
Tatsächlich – sie wurden erwartet. Bodmer stand mit hochrotem Kopf vor Jean D’Arcy, der sich verschlafen die Augen rieb – nur mit Leibchen und kurzer Hose bekleidet – und offenbar die Welt nicht verstand. Bodmer verstand sie offensichtlich auch nicht mehr und versuchte, sich wortreich zu entschuldigen, brachte aber nur unverständliche Laute zum Ausdruck. Erleichtert wandte er sich um, als er die Beamtin und Tanner bemerkte.
Schauen Sie! Das ist äh … Herr D’Arcy.
Ach ja? Was ist denn überhaupt passiert?
Die Beamtin fragte halb belustigt, halb verärgert.
Jetzt mischte sich Tanner ein.
Guten Tag, Herr D’Arcy. Verzeihen Sie die Störung, aber Herr Bodmer hat sich große Sorgen gemacht, da er Sie um halb sechs Uhr wecken sollte. Jetzt ist ja bereits acht Uhr vorbei, und bis vor kurzem haben Sie kein äh … also, auf unser Klopfen und Rufen nicht reagiert.
Tanner wollte zuerst Lebenszeichen sagen, vermied aber im letzten Augenblick das Wort.
Es tut mir leid, wenn ich Ihnen so viele Umstände mache. Aber schauen Sie, äh …
Er öffnete seine linke Hand. Da lagen zwei kleine, gelbe Wattebällchen.
Aus alter Gewohnheit hatte ich die in den Ohren. Sie müssen wissen, wo ich, äh … herkomme, konnte man ohne dieses Zeugs nicht schlafen.
Die letzten Worte sprach er zu Tanner und lächelte hilflos. Jetzt war auch sein Gesicht rot angelaufen.
Oh je, oh je. Und es ist bereits nach acht Uhr, sagen Sie?
Tanner nickte. Der junge Mann machte ein unglückliches Gesicht und hob hilflos die Schultern.
Na, dann werde ich mal …
Tanner drehte sich zu den anderen um.
Gut, ich schlage vor, wir ziehen uns zurück und lassen Herrn D’Arcy in Ruhe aufstehen.
Bodmer zog sich noch so gerne zurück, und die Beamtin nickte seufzend.
Als sie alle drei wieder in der Wirtsstube standen, ging Bodmer in Richtung Küche.
Ich muss mal kurz zu meiner Frau, sie wartet natürlich auf Bescheid. Sie entschuldigen mich.
Tanner nickte und wandte sich an die Polizistin.
Frau Wille, trinken Sie einen Kaffee?
Sie lachte und strich sich erneut schwungvoll eine Strähne aus dem Gesicht.
Wille genügt. Ich bin hier in offizieller Funktion. Egal ob Frau oder Mann, oder?
Dann trat sie an eines der Fenster.
Mein Kollege telefoniert immer noch. Also bitte, einen Kaffee.
Sie verdrehte die Augen und setzte sich an einen der Tische.
Seine Frau ist schwanger. Stoffel hat das Gefühl, das Kind könne jeden Moment auf die Welt kommen, obwohl es noch mindestens ein Monat bis zum Termin ist.
Tanner ging hinter die Theke zur mächtigen Kaffeemaschine und ließ zwei Tassen Kaffee heraus. Als er die beiden Tassen auf den Tisch stellte, lächelte sie.
Ich sehe, Sie bewegen sich hier wie zuhause, Tanner.
Er setzte sich.
Schließlich hat mich Bodmer um sechs Uhr aus dem Bett geklingelt und hier hergebeten, das gibt mir ein gewisses Recht auf selbständiges Handeln, zumal sich der Herr Wirt ja verflüchtigt hat.
Sie nickte und leerte das ganze Zuckersäckchen in den Kaffee. Die Sahne ließ sie stehen.
Was meinte der junge Mann eigentlich … da, wo ich herkomme?
Tanner nippte an seiner Tasse, bevor er antwortete.
Er hat fünf Jahre in einem Gefängnis in Salamanca verbracht.
Salamanca? Wo ist denn das?
Im Norden Spaniens. Ich habe ihn gestern Morgen auf dem Bahnhof kennengelernt. Er hatte mich nach einer Unterkunft im Dorf gefragt.
Sie rührte gedankenverloren in der Tasse.
Essen Sie oft hier?
Nicht sehr oft. Gestern Abend war ich hier, weil ich wie gesagt erst gerade von einer Reise zurückgekommen bin.
Sie nahm einen kleinen Schluck, dann spitzte sie ihren Mund, blies in den Kaffee, so dass sich die Oberfläche kräuselte.
Haben Sie nicht vielleicht gestern Abend hier gegessen, weil Sie sich für den jungen Mann interessieren?
Tanner lachte abfällig, insgeheim bewunderte er aber ihre Intuition.
Nein, nein. Mein Kühlschrank war leer. Ich bin ja erst gestern von einer längeren Reise zurückgekommen und …
Sie unterbrach ihn.
Das sagten Sie bereits. Was hatte er denn in Spanien verbrochen? Fünf Jahre sind ja kein Pappenstiel.
Es tut hier zwar nichts zur Sache, aber …
Ich tippe auf Drogen.
Tanner stutzte. Sie fixierte ihn.
Liege ich falsch? Es geht doch um Drogen?
Aha. Wie kommen Sie jetzt darauf?
Ja, das ist mein Problem. Andauernd kommen mir Sachen in den Sinn, und dann weiß ich gar nicht, woher die kommen. Zum Leidwesen meiner Umgebung treffe ich meist ins Schwarze.
Tanner dachte unwillkürlich, dass sie mit Umgebung wahrscheinlich ihren Freund meinte, möglicherweise eine ganze Reihe ihrer letzten Partner. Einen Ehering trug sie auf jeden Fall nicht.
Das nennt man im Allgemeinen Intuition. Und ich kann auch verstehen, dass es die Umgebung, wie Sie sich auszudrücken pflegen, nicht immer als ganz angenehm empfindet, wenn man Ihnen auf so irrationale Art und Weise auf die Spur kommt.
Sie legte ihre schöne Stirn in Falten. Tanner hob beschwichtigend die Hand.
Im Übrigen haben Sie auch in diesem Fall recht. Aber anders, als Sie denken. Irgendjemand hatte ihm die Drogen untergejubelt.
Woher wissen Sie das?
Tanner atmete tief durch.
Er hat es mir glaubhaft versichert.
Sie sah ihn lächelnd an.
So. So.
Tanner hielt ihrem Blick stand.
Ja. Ja. Genau so.
Sie trank die Tasse leer und stellte sie zurück auf den Unterteller. Tanner griff nach ihr.
Soll ich nachfüllen?
Ja. Gerne. Wenn es Ihnen nichts ausmacht.
Tanner erhob sich. In diesem Moment kam Bodmer zurück.
Entschuldigen Sie, dass ich Sie so lange allein ließ. Geben Sie her, Tanner. Ich mache das schon. Für Sie auch?
Tanner nickte und setzte sich wieder hin. Sie schwiegen, bis Bodmer die beiden Tassen brachten.
Wie gesagt, es tut mir leid, dass ich so hysterisch reagiert habe und Sie beide vergebens hierher gebeten habe …
Sie winkte ab.
Vergessen Sie’s. Ich schreibe ins Protokoll, dass ich mit dem berühmten Tanner einen Kaffee getrunken habe. Wir hätten uns sehr nett unterhalten, über Intuition und so …
Ich schulde Ihnen zum Dank für Ihre Bemühungen ein Nachtessen …
Er blickte von Tanner zur Beamtin und zurück.
… vielleicht passt Ihnen ja sogar ein gemeinsamer Termin?
Sie lachte.
Sie wissen aber, dass Kuppelei strafbar ist, oder?
Bodmer lachte.
Ich meinte ja nur, weil ihr im Grunde ja irgendwie – wie soll ich sagen? – Kollegen seid, oder? Immerhin war Tanner ja auch einmal …
Tanner winkte ab.
Geben Sie sich keine Mühe, Bodmer. Wir haben Sie verstanden. Wir danken Ihnen für Ihr Angebot. Wir werden darauf zurückkommen. Oder? Frau, äh … pardon, Kollegin wollte ich natürlich sagen.
Sie nickte lächelnd und erhob sich.
So. Jetzt muss ich aber.
Sie blickte zu Tanner.
Geben Sie Michel Bescheid?
Ja, ja. Das mach ich. Er wird mir zwar den Kopf abreißen, aber einmal mehr oder weniger, darauf kommt es auch nicht mehr an. Ich hoffe, man sieht sich wieder.
Sie hob die Hand zum Gruß.
DREI
Es war wie verhext. Am anderen Morgen erwachte Tanner wieder kurz vor sechs. Diesmal ohne Telefonanruf. Auf jeden Fall durch keinen realen. Er hatte noch unter der Dusche das vage Gefühl, dass er geträumt habe, Bodmer habe schon wieder angerufen und er deswegen um die gleiche Uhrzeit aufgewacht sei. Aber nach der Dusche war alles in seiner Erinnerung verblasst, und er wusste nicht mehr, ob er sich das bloß eingebildet hatte oder ob es wirklich ein Traum gewesen war.
Draußen herrschte noch tiefschwarze Nacht. Kein Mond und keine Sterne. Fröstelnd stand Tanner für einen Augenblick am offenen Fenster und zog die nasskalte Luft durch die Nase tief in seine Lunge. Immerhin klärte sich dadurch sein Kopf ein wenig. Plötzlich hatte er das Gefühl, er müsse irgendetwas tun, und sei es auch nur, die monatelang verwaiste Wohnung zu putzen. Er holte tief Atem und entschloss sich zu einer ausführlichen Putzaktion seiner nun monatelang verwaisten Wohnung. Gegen Mittag durchschritt er stolz und zufrieden sein auf Hochglanz poliertes Reich, und dachte, dass er jetzt wirklich angekommen sei. Das Reinigungsritual hatte ihn irgendwie erneut mit diesem Ort geerdet. Wie auf Verabredung klingelte in diesem Augenblick die Hausglocke.
Beschwingt trabte er hinunter, nahm zwei Stufen aufs Mal, und schloss die schwere Haustür auf.
Draußen stand, bibbernd vor Kälte, Jean D’Arcy. Immer noch bloß mit diesem dünnen grauen Anzug bekleidet. Den Koffer hielt er in der Hand.
Er hob linkisch die freie Hand zum Gruß und lächelte.
Guten Tag, Herr Tanner. Entschuldigen Sie bitte vielmals, äh … die Stör…
Tanner fasste ihn kurzerhand am Arm und unterbrach ihn.
Wissen Sie was? Sie kommen jetzt erst mal rein an die Wärme. Entschuldigen können Sie sich immer noch.
D’Arcy nickte und trat bereitwillig ins Haus. Tanner schloss die Tür und ging die Treppe hoch.
Kommen Sie. Ich gehe vor.
Setzen Sie sich einfach ins Wohnzimmer, ich mache uns einen Kaffee.
Als Tanner ins Wohnzimmer kam, saß D’Arcy am Tisch. Den Koffer hatte er am Boden zwischen die Beine gestellt.
Hier. Bitte bedienen Sie sich.
D’Arcy nahm Zucker und Milch. Seine Hand zitterte leicht. Dann atmete er mit geschlossenen Augen den Duft des Kaffees ein. Trank aber nicht.
Ja, äh … was ich sagen … ich meine, ähm … was ich Sie fragen wollte … es ist eine, äh … große Bitte.
D’Arcy blickte kurz zum Fenster und fuhr sich fahrig durch die blonden Haare.
Also, äh … vielleicht ist es schwer zu verstehen, aber …
Lieber Herr D’Arcy, sagen Sie mir einfach, was ich für Sie tun kann. Wenn es in meiner Macht steht, werde ich es tun.
D’Arcy blickte ihn mit großen Augen an.
Sie sind sehr liebenswürdig. Es tut mir leid, dass ich Sie störe, Sie haben sicher viel zu tun und äh …
Tanner fuhr mit der Hand durch die Luft.
Machen Sie sich keine Sorgen. Also, was kann ich für Sie tun?
D’Arcy griff unter den Tisch und brachte den Koffer zum Vorschein.
Darf ich Sie bitten, diesen, äh … Koffer für mich aufzubewahren? Es ist nur für ein paar Tage. Natürlich nur, ähm … wenn es Ihnen nichts ausmacht.
Tanner stand auf und wollte nach dem Koffer greifen. D’Arcy hielt ihn aber noch zurück.
Ich will Ihnen noch sagen, äh … dass in dem Koffer nichts ist, was äh … irgendwie illegal ist, verstehen Sie. Das schwöre ich bei meinem Leben. Und ich hoffe, Sie können mir glauben. Es ist etwas, was mir persönlich sehr wertvoll ist, aber ohne, ähm … materiellen Wert.
Dann überreichte er den Koffer. Tanner nahm ihn. Er war überraschend leicht.
Gut, ich glaube Ihnen. Wissen Sie was, D’Arcy? Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wo ich ihn aufbewahre. Nur für alle Fälle.
Tanner ging in eines der praktisch leeren Zimmer seiner großen Wohnung. Es war ein relativ schmaler Raum mit nur einem Fenster zur Straße hin. Auf der einen Längsseite bestand das Zimmer aus lauter eingebauten Wandschränken mit massiven Türen. Er öffnete einen der Schränke, stellte den Koffer hinein und schloss den Schrank. Den Schlüssel nahm er ab und bot ihn D’Arcy an.
Schauen Sie, D’Arcy. All diese Schränke sind leer. Ich brauche den Schrank nicht. Nehmen Sie den Schlüssel mit. Wenn Sie den Koffer holen, müssen Sie allerdings den Schlüssel wieder mitbringen.
D’Arcy nahm den Schlüssel mit beiden Händen entgegen, als empfange er eine heilige Reliquie.
Das ist sehr großzügig von Ihnen, Herr Tanner. Sie können sich nicht vorstellen, ähm … wie froh ich bin, ja, wie erleichtert und froh.
Sie setzten sich beide wieder an den Tisch, und D’Arcy rührte erneut in seinem Kaffee, trank aber nicht. Er sah dabei gedankenverloren zum Fenster hinaus.
Tanner räusperte sich.
Haben Sie Familie, Herr D’Arcy? Ich meine, haben Sie jemanden, zu dem Sie gehen können?
Er lächelte.
Ja, wissen Sie, an Familie herrscht an sich kein Mangel. Im Gegenteil.
Jetzt lachte er gequält.
Die gibts sogar im Überfluss, aber äh …, die haben mich schon länger abgeschrieben, wissen Sie.
Weil Sie im Gefängnis waren?
Nein, nein, das hat andere Gründe.
Er nahm den Kaffeelöffel in den Mund. Dann hielt er ihn wie einen kleinen Spiegel in Augenhöhe, als wolle er sein Gesicht darin beobachten.
Das hängt eher mit meiner, ähm … Lebenseinstellung zusammen. Zudem ist meine, äh … ganze Familie sehr katholisch, und ich – ich habe mich seit einiger Zeit davon losgesagt.
Tanner nickte.
Aha, ich verstehe.
D’Arcy hob jetzt die Tasse mit beiden Händen an seine Lippen und trank sie in einem Zug leer. Tanner blickte auf seine Uhr.
Herr D’Arcy, darf ich Sie zu einer kleinen Spazierfahrt einladen? Ich war seit über einem Jahr weg und hätte große Lust, ein bisschen übers Land zu fahren. Zudem will ich wissen, ob mein Auto überhaupt noch fährt.
D’Arcy lächelte und machte wieder diese Andeutung einer Verbeugung.
Ja, gut. Ich komme gerne mit. Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen. An dem Ort, von dem ich komme, habe ich oft davon geträumt, einfach übers Land zu fahren ohne Ziel und ohne Zeitdruck.
Tanner nickte ernst.
Diese Sehnsucht kann ich gut verstehen. Übrigens habe ich da noch einen sehr guten Mantel. Den können Sie sich gerne ausleihen, nicht dass Sie noch erfrieren.
Tanner wartete gar keine Antwort ab, sondern ging den grauen Fischgratmantel aus einem Schrank im hintersten Zimmer seiner weitläufigen Wohnung holen.
Als Tanner zurückkam, stand D’Arcy bereits unter der Wohnungstür. Tanner warf ihm den Mantel zu.
Er müsste Ihnen eigentlich perfekt passen. Als ich ihn gekauft habe, war ich noch etwas schlanker. Kommen Sie, D’Arcy, kommen Sie.
