2,99 €
Die Storys spielen in Berlin, aber auch in Barcelona, Kairo, sogar in Kassel und sind zwischen dem Fall des Eisernen Vorhangs und der fernen Zukunft angesiedelt. Welche Kräfte lassen das Tempelhofer Feld sich zu einem Zauberberg erheben? Wie begegnet man einem Schamanen-Schwiegersohn aus Sibirien? Wer geht als Sieger hervor beim Rivalisieren mit dem Hund der One-Night-Stand-Kandidatin um den Platz in ihrem Bett? Welche dubiosen Verdienstmöglichkeiten ergeben sich für den darbenden Berliner Slawisten im Moskau der Perestrojka? Wie wehrt man sich als alte Frau gegen die Räuber im heimischen Park? Und welche Rolle spielen die Chinesen bei der Entwicklung der Metropole Berlin? Mit Galgenhumor und skurrilem Spin lässt der Autor seine Helden agieren, sie in tragisch-komische Situationen geraten, ihre Ziele immer wieder verfehlen und so zu Anti-Helden werden. Der Wagemannsche Kosmos bewegt sich zwischen Phantastik und modernem Märchen. Die unvorhersehbaren Wendungen und Pointen machen diese Storys zu einem kurzweiligen Lesevergnügen, nicht nur für Berlin-Kenner.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 215
Veröffentlichungsjahr: 2019
Der Autor
Mitte des vergangenen Jahrhunderts in der nordhessischen Karpfenfängerstadt Hessisch-Lichtenau zur Welt gekommen. Nach dem Abitur 1969 Studium der Russistik, Anglistik und Politikwissenschaft in Göttingen, Berlin und Bochum. Jobs als Bibliothekar in der Universität Göttingen, als Taxifahrer und Gitarrenlehrer. 1978 Referendariat für das Höhere Lehramt in Braunschweig, Russischlehrer an Schule und Universität, daneben freier Übersetzer. Seit 1989 in Berlin freier Radiojournalist, Dokumentarfilmautor und Schriftsteller. Durch langjährigen Aufenthalt in Barcelona um die Jahrtausendwende inspiriert zur Steinbildhauerei und Objektkunst. Seit 2013, zusammen mit seiner Frau, der Fotografin Ingrid Sturm, Arbeit an figürlichen Objekten mit High Heels (www.dass-tiletto-projekt.de).
www.paulalbertwagemann.de
Paul-Albert Wagemann
Der Schamane kommt
Schräge Storysaus Berlinund anderen Provinzen
© 2019 Paul-Albert Wagemann
Umschlag, Fotografie: Ingrid Sturm
Lektorat, Korrektorat: Ingrid Sturm
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7497-2657-8
Hardcover:
978-3-7497-2658-5
e-Book:
978-3-7497-2659-2
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Für Paul, Emma und Karl
Phantastisches
Der Schamane kommt
Der grüne Mensch von Kassel
Der Zauberberg von Tempelhof
All you can eat auf Chinesisch
Berlin Spezial
Schaum des Westens
Augenblicke
Was in unserer kleinen Straße los ist
Ave-Maria
Die Bärenfalle
Jenseits von Berlin
Anekdote vom Strand
Reise zu Nofretete
Wie Tau von weißen Äpfeln
Die letzte Scholle
Das Ferienhaus
Helene
Närrische Alte
Römisches Omelett
Rauslassen
Goldene Strümpfe
Malwines Traum
Hertas Widerstand
Phantastisches
Der Schamane kommt
Wie würden wohl andere Eltern reagieren, wenn ihnen ihre Tochter mitteilte, daß sie von einem Ethnologie-Auslandsprojekt mit einem Mann im Schlepptau zurückzukommen gedenke? Und daß es sich bei diesem Mann nicht etwa um einen Kollegen, einen Doktoranden mit Aussicht auf eine Professur, sondern um einen echten Schamanen handle?
Zugegeben, Hanna und ich wußten beide nicht, was genau einen Schamanen ausmacht. Nach einer Kurzrecherche im Internet fürchteten wir, daß es eine Steigerung sein könnte zu dem, was uns unsere Tochter bisher geboten hatte. Bei ihren zurückliegenden ethnologischen Feldforschungen hatte sich Mareike, eine Zickzackbewegung von Süden nach Norden vollziehend, in einen Amazonas-Indianer-Häuptling, einen Massai-Löwentöter und einen Tuareg-Kamelhändler verliebt. Der Unterschied war dieses Mal, daß sie uns nicht Fotos von vergangenen Amouren zeigen, sondern ihren Liebhaber in Person aus einem sibirischen Randgebiet fernab der Zivilisation mit nach Berlin bringen würde. Und das konnte bei ihrer chronischen Mittelknappheit nichts anderes bedeuten, als daß sie zunächst zusammen mit ihrem Schamanen wieder bei uns wohnen müßte.
Die Abbildungen im Internet waren faszinierend bis erschreckend.
„Hauptsache, er hat nicht eine durchstoßene Nasenscheidewand mit so Knochen drin wie der Amazonas-Häuptling“, meinte Hanna.
Bis zu Mareikes Ankunft blieb uns noch eine Woche. Hanna schlug einen runden Tisch vor, was bei zwei Personen nicht ganz einfach ist. Wir versuchten es trotzdem. An einem dieser kleinen runden Marmortische bei unserem Italiener um die Ecke hielten wir eine Krisensitzung ab. Ich schlug vor, mit Hilfe einer Mindmap unsere Möglichkeiten auszuloten.
„Na, dann schreib mal auf“, sagte Hanna, die meine Vorliebe für die in Mode gekommenen Grafiken gerne belächelte: „Kanarische Inseln, Hotel am Stadtrand, schwere und ansteckende Krankheit…“
Ich schrieb in die Mitte: „Der Schamane kommt“, zog meine runden Kreise und trug ein, was mir Hanna sagte. Als weitere Möglichkeiten setzte ich hinzu: Unbekannt verzogen. Telefon abmelden. Durchgreifen.
„Was meinst du mit Durchgreifen?“ Hanna sah mich argwöhnisch an.
„Durchgreifen halt, sich nicht mehr alles bieten lassen, Schluß mit der Scheißliberalität. Du siehst ja, wohin uns unser Verständnis gebracht hat.“
„Das hat nichts mit unserem Verständnis zu tun, es liegt an unserer Zeit“, protestierte Hanna. „Das ist die Globalisierung. Die Liebe ist heute grenzenlos.“
„Anstatt sich in der ganzen Welt herumzutreiben, hätte sie lieber die Ethnien Berlins studieren sollen. In manchen Bezirken gibt es mehr unbekannte Völker als in Transsibirien.“
„Nun wirst du aber unsachlich“, sagte Hanna.
„Die Liebe mag hinfallen, wo sie will, wenn ich es nicht am Ende bezahlen muß“, sagte ich. „Irgendwann muß mal Schluß sein mit der Abhängigkeit.“
„Gehen wir doch mal alles durch“, sagte Hanna.
Das Fazit war ernüchternd.
Drei Monate Kanarische Inseln konnten wir uns natürlich überhaupt nicht leisten, eine Billigpension am Stadtrand ließ mein Stolz nicht zu, das Telefon abzumelden, wäre ein Eigentor.
Hanna neigte zum Pragmatismus, was wie immer nichts anderes als nachgeben bedeuten konnte: „Laß sie doch erstmal kommen, dann sehen wir weiter. Vielleicht ist der Schamane ja sozialhilfeberechtigt oder bekommt politisches Asyl. Mareike kennt sich mit so was aus. Die hat immer irgendwie sozialnah gearbeitet.“
Vielleicht benutzt er sie auch nur als Stullendampfer und hat ganz andere Pläne, dachte ich.
Schließlich machten wir das, was nicht in meiner Mindmap stand: Standhalten, statt zu flüchten. Wir räumten unser Multifunktionszimmer, in dem Mareikes Sachen sich bis unter die Decke türmten, so gut es ging auf, brachten das unserer Meinung nach Überflüssige in den Keller, liehen einen breiten Futon von Freunden und harrten der Dinge, die da kommen sollten.
Natürlich arbeitete das Thema in mir weiter, ich konnte nichts dagegen tun. Was konnte so einen Schamanen veranlassen, auch wenn man in Rechnung stellt, daß die Liebe eine große, treibende wie ziehende Kraft ist, sein Land, seinen Stamm zu verlassen? Gehen den Schamanen zu Hause die Kunden aus, hat sich ein weiteres Volk dieser Erde auf den Weg nach Westen gemacht? Oder geht es dem Schamanismus am Ende wie der Kunst, die bekanntlich nach Brot geht? Und welche Überlebenschancen hat so ein Schamane in einer Großstadt wie Berlin? Wenn er nicht ständig an Mareikes Seite bleibt, wird er schon bald vom nächstbesten radfahrenden Hochgeschwindigkeitspsychopathen in den Asphalt genietet, er wird, einmal in die Ringbahn geraten, ewig im Kreise fahrend, verrückt werden und frühzeitig in die ewigen Jagdgründe zurückkehren.
„Wir sollten uns nicht zu viele Gedanken machen“, sagte Hanna, die mein Mienenspiel mal wieder richtig deutete, „wir sollten auf dem Teppich bleiben.“
„Apropos Teppich“, fügte sie hinzu, „wir müssen doch so etwas wie ein Empfangsessen bieten, und wie sollen wir sitzen? Der Schamane hat womöglich noch nie an einem Tisch gesessen. Ich glaube, wir sollten unserem Gast entgegenkommen. Wir können den Tisch entfernen und auf dem Teppich essen. Was das Essen angeht, ich habe mit Evelyn telefoniert, die ist Ernährungsexpertin. Sie hat mir geraten, in einen Laden mit makrobiotischen Produkten zu gehen. Hirsebrei, Bohnen, Reis, getrocknete Pilze, Algen, eine große Auswahl an rohem Fisch, alkoholfreies Bier, naturtrübe Säfte, Sesamgebäck. Zum Nachtisch Tundra-Moosbeeren mit Schneeziegenkäse von einem asiatischen Lebensmittelhändler.“
Hanna steigerte sich in die Sache hinein, wurde immer begeisterter, ich immer schweigsamer, aus Mangel an Alternativen fügte ich mich.
Die Vorbereitungen waren fast abgeschlossen, Hanna hatte im Wohnzimmer sogar die Decke abgehängt mit einem Hirtentuch, damit der Eindruck von einem Zelt entstünde, Kerzen waren überall aufgestellt, Räucherstäbchen warteten auf den Moment des Angezündet-Werdens, dann erreichte uns die Nachricht: „Ankunft verspätet sich auf unbestimmte Zeit wegen Notlandung hinter dem Ural.“
„Ich hoffe, sie sind nicht mit einem Flugzeug dieser mittelasiatischen Airlines unterwegs“, seufzte Hanna, „die haben eine Pannenwahrscheinlichkeit von über fünfzig Prozent.“
Wir beschlossen, das Abendessen mit Freunden zu zelebrieren, um die kostbaren Lebensmittel nicht verderben zu lassen. Dafür kamen natürlich nur wenige Bekannte in Frage, die meisten hatten Knie- oder Rückenprobleme und fielen schon deshalb aus. Unsere Wahl fiel auf Evelyn und Harry. Logischerweise. Sie war eben jene Ernährungsexpertin und Reinkarnationstherapeutin, von der wir den Tip mit den makrobiotischen Lebensmitteln bekommen hatten. Harry arbeitete als Anlageberater für Esoterikunternehmen und nebenberuflich als Börsen-Astrologe. Evelyn brachte uns ein Gastgeschenk mit dem Titel: „Der Schamanismus als Chance“.
Für wen oder was soll das bloß eine Chance sein, dachte ich.
Unsere Gäste waren ebenso hingerissen von unserer Dekoration wie neugierig, was es mit unserem zukünftigen Schwiegersohn auf sich hatte. Von Räucherstäbchen eingenebelt und mit einem Algencocktail in der Hand, landeten wir sogleich beim Thema. Auch Harry schien recherchiert zu haben: „Ihr seid Glückspilze! Wißt Ihr, daß es in Berlin noch keinen niedergelassenen Schamanen gibt? Damit hätte euer Schamanen-Schwiegersohn in spe ein exzellentes Alleinstellungsmerkmal!“
„Wie meinst du das?“
Harry lachte. „Der könnte hier richtig gut Geld machen, absahnen!“
„Ohne Arbeitserlaubnis?“
„Weißt Du, wie viele tausend Menschen in Berlin ohne Arbeitserlaubnis schuften? Er kann hier bei Euch in diesem gemütlichen Zimmer arbeiten, zumindest am Anfang, bis er genug Geld hat für eine eigene Praxis.“
O Gott, dachte ich, wenn der anfängt, hier in unserer Wohnung Rituale zu zelebrieren, kriegen wir Ärger mit dem Ordnungsamt.
Evelyn sah uns offenbar schon als Schamanen-Familienbetrieb:
„Ich kann euch gerne ein paar Klienten verschaffen, es gibt immer wieder Fälle, wo ich nicht weiterkomme. Da sind Synergien möglich. Ich habe da zum Beispiel eine Frau, die glaubt, ihr Mann wäre ihr Hund. Bisher bin ich da nicht richtig durchgestiegen, doch ich kann mir vorstellen, daß so ein Schamane da durchblickt. Die können ja in Trance mit Tieren auf einer höheren Ebene Kontakt aufnehmen.“
Auf einmal klopfte es.
„Du, das klopft am Fenster!“, sagte Hanna.
„Wer soll denn hier ans Fenster klopfen? Wir wohnen im fünften Stock!“
Doch da ertönte es wieder: Klack, klack, so als schlüge jemand leicht gegen die Scheibe.
„Was soll der Quatsch!“, rief ich und riß das Fenster auf.
Obwohl es Sommer war, drückte ein kalter Zug herein, und es ertönte eine zarte Stimme: „Nicht erschrecken, wir sind’s!“
Das war Mareikes Stimme! Sie klang höher als sonst, aber es war deutlich ihre Stimme.
„Mareike, bist du das? Wo bist du?“, rief Hanna.
„Ich bin hier bei euch im Wohnzimmer, und Enak ist auch da!“
„Wo denn? Wo denn? Ich sehe nichts!“
„Kannst du auch nicht. Es ist nur unser Geist. Unsere Körper kommen nach. Der Pilot wollte uns drei Tage lang nicht aussteigen lassen, da hat mein Freund Enak Gebrauch gemacht von seiner Magie.“ Es ertönten gutturale Laute. Das war wohl seine Stimme. So hatte ich mir unsere erste Begegnung nicht vorgestellt.
„Das ist ja phantastisch“, rief Harry aus. „Das ist ganz große Klasse, genau solche Leute brauchen wir hier. Leute mit übernatürlichen Fähigkeiten, die uns helfen, unser Berlin aus dem Schlamassel zu ziehen! Herzlich willkommen in der Hauptstadt!“
Der grüne Mensch von Kassel
Keine Ahnung, warum sie mich ausgewählt hatten. Werbetexter gab es viele. Vielleicht, weil ich nebenbei auch Sachbücher geschrieben hatte mit hohen Auflagen, vielleicht, weil die Chinesen meine Idee realisiert hatten, den Transrapid von Berlin an die Ostsee fahren zu lassen, oder weil meine Vorfahren aus Nordhessen stammten? Vielleicht war sonst niemand bereit gewesen, für diesen Auftrag drei bis vier Monate nach Kassel zu gehen. Vier Monate Kassel, der Hauptstadt von Hessisch-Sibirien, Zentrum einer ausgebluteten Region, wo es mehr Waschbären geben sollte als Menschen.
Was man von Nordhessen zu hören oder zu lesen bekam, war meist negativ: Aussterbende Gemeinden, Überalterung, immer härtere und längere Winter, Arbeitslosigkeit, pleite gegangene und abziehende Firmen, und Kassel selbst – wohl eine Art großes Altenheim, so stellte ich es mir vor. Selbst die Documenta war schon lange weitergezogen. Sie fand nun in Dubai statt.
Ins Gespräch war Nordhessen gekommen, als chinesische Investoren, die bereits das entvölkerte Mecklenburg auf 99 Jahre gepachtet hatten, ihr Interesse an der Region bekundeten. Die Chinesen wollten ähnlich dem 1898 von Kaiser Wilhelm II. mit dem Chinesischen Kaiser geschlossenen Tsingtao Pachtvertrag Nordhessen in den Grenzen von 1798 mit Ausnahme der Region Hanau pachten. Während es in Mecklenburg kein Volk mehr gegeben hatte, das hätte abstimmen können, scheiterte dieses Vorhaben in Nordhessen an einem Volksentscheid. Die Kasseler, Kasselaner und allerletzten Kasseläner waren vehement dagegen gewesen.
Nun sollte es einen Neuanfang geben mit einem innovativen Produkt, eine Art Rollback gegen den endgültigen Niedergang, und ich sollte dabei helfen. Gegen gutes Geld, versteht sich.
Der Flug von Berlin nach Kassel war kurz, die Maschine erstaunlich voll. Es war erst Anfang Oktober, doch auf dem Meißner, dessen Sendemasten ich aus dem Bullauge unschwer erkennen konnte, lag schon Schnee. Der Flughafen Kassel-Calden war ausgebaut, sogar mit einer Landebahn für Großraummaschinen, und hatte, wie der elektronische Flugbegleiter darüber hinaus informierte, eine beheizbare Landebahn. Kassel, so schien es, setzte nun aufs Ganze.
Ich wurde abgeholt. Es gab zwei Ausgänge. Über dem einen stand: Transfer Fridericianum, an dem anderen wartete eine junge Dame mit einem Schild in der Hand, auf dem Mr. Dotzhauer stand. Sie trug eine Pelzmütze mit einem Waschbärenschwanz, wie man sie von Fallenstellern aus Kanada und Sibirien kannte.
„Ich bin Ellen“, sagte sie. „Vom Kasseler Institut für innovativen Schlaf. Herzlich willkommen in der nordhessischen Hauptstadt! Wenn Sie einverstanden sind, fahren wir erst zu unserem Info-Center auf dem Friedrichsplatz, dann zeige ich Ihnen Ihre Wohnung.“
Ich war einverstanden, vor allem neugierig. Sie brachte mich zu einem Auto, auf dem ein Logo ihres Instituts mit einem zusammengerollten Waschbären zu sehen war.
„Sie werben mit dem Waschbären?“
„Ohne ihn wären wir vielleicht nicht da, wo wir heute sind“, sagte sie, ohne das näher zu erklären.
Während wir langsam durch die schwach befahrenen Straßen über eine schöne, im Herbstlaub stehende Eichenallee nach Kassel hineinglitten, erfuhr ich von meiner Begleiterin einiges über den Unterschied des Winterschlafs von Groß- und Kleinbären, nebenbei verwies sie auf Sehenswürdigkeiten.
Ich fragte sie nach dem Zusammenhang zwischen Waschbär und innovativer Schlafforschung, und so erfuhr ich ihre Geschichte.
„Wir wohnten in der Nähe von Schloß Wilhelmshöhe“, fing sie an, „da waren wir immer von Waschbären umgeben. Und meine Mutter war Biologin, sie hat sich beruflich für die Tiere interessiert. Zum Schluß gelang es ihr, das Genom für den Scheinwinterschlaf der Waschbären zu entschlüsseln, die bei uns wochenlang in der Nähe unseres Hauses ruhten.“
Offensichtlich war Ellen in ihrem Element.
„Und Sie selber, was haben Sie persönlich mit dem Thema zu tun?“
„Das Interesse für Biologie liegt bei uns sozusagen in den Genen. Meine Mutter hat mich auf diese Fährte gesetzt. Ich bin aber weitergegangen und habe dann die Winterruhe beim Waschbären mit der Kältestarre beim Dsungarischen Steppenhamster verglichen. Das Hochinteressante ist nun, daß der Steppenhamster dabei nicht altert. Die Telomere, die Schutzkappen am Ende der Chromosomen, erneuern sich bei ihm, wenn er bei Kälte erstarrt.“
„Was hat das mit Kassel und meinem Auftrag zu tun?“
„Es ist uns jetzt am Kasseler Institut für innovativen Schlaf gelungen, diese Erkenntnisse beim Menschen anzuwenden. Wissen Sie, was das bedeutet?“
„Wenn man aufwacht, ist man jünger als vorher, oder?“
„Indirekt ja. Man hat drei Monate geschlafen, ist aber nicht gealtert.“
„Ein starkes Argument“, sagte ich, „denn je länger man schläft…“
„Unser Winterschlafkonzept wird Zukunft haben“, fuhr sie fort. „Und wir in Kassel sind da ganz vorn. Es ist ja auch ökologisch zwingend. Ich will Ihnen jetzt nichts vorrechnen, aber ein Mensch, der monatelang bei niedrigen Temperaturen ruht, nichts konsumiert, nichts ißt, nichts trinkt, nichts ausscheidet, seine Gesundheit dabei behält, nicht altert – was glauben Sie, was der für eine fantastische Kohlendioxyd-, um nicht zu sagen Ökobilanz hat?“
„Das ist beinahe der ideale grüne Mensch“, sagte ich.
Wir waren unterdessen im Zentrum angekommen, Ellen fuhr in ein riesiges unterirdisches Parkhaus.
„Wenn es Ihnen recht ist, nehmen wir einen Kaffee im Info-Café, dann machen wir einen Rundgang durch unsere Schaustelle.“
Ich war seit meiner Kindheit nicht mehr in Kassel gewesen, aber ich konnte mich noch an den großen Friedrichsplatz erinnern. Als Info-Center hatte ich mir einen Containerpavillon vorgestellt. Doch das, was sich da in der Mitte des Friedrichsplatzes erhob, war ein gläserner, sechseckiger Turm mit mehreren Stockwerken.
Im Foyer entschuldigte sich meine Begleiterin, sie müsse noch Unterlagen zum Gespräch holen, und schickte mich mit dem Aufzug zur obersten Etage. Als sich die Aufzugtür öffnete, bot sich mir ein herrlicher Blick auf den Wald, die Altstadt und das Fridericianum. Nicht weit vom Glasturm befand sich ein Rondell aus Feldsteinen.
Das Café war gut besucht, das Publikum war wider Erwarten erstaunlich jung. Ich suchte mir einen Fensterplatz und ließ meinen Blick schweifen, er blieb an dem Rondell hängen. Vor meinem inneren Auge sah ich eine Zeremonie, doch wurde ich von Ellen unterbrochen, die mich nicht lange warten ließ. Sie legte ihre Mütze mit dem Waschbärenschwanz nebst einer Mappe auf den Tisch. Wir bestellten Kaffee, sie empfahl mir Waschbärtorte.
„Waschbärtorte?“, sagte ich. „Ich bin Vegetarier.“
„Es ist eine Creme-Schichttorte“, erklärte Ellen, „der Struktur des Waschbärenschwanzes nachempfunden“, dabei strich sie über ihre Pelzmütze.
„Da haben Sie aber ein schönes Totem.“
„Totem?“ Ellen schaute mich fragend an.
„Na ja“, sagte ich, „als ich hier allein saß, fiel mir das steinerne Rondell auf. Ein idealer Ort, um ein Ritual zu zelebrieren.“
„Das klingt ja interessant“, sagte Ellen, dann öffnete sie die Mappe und ließ mich eine Geheimhaltungserklärung unterschreiben. Dabei erklärte sie mir, wie man den Winterschlafimpuls beim Menschen auslösen und ihn kontrolliert steuern und begleiten könne. Erst in ferner Zukunft sei es vielleicht möglich, daß jeder Mensch seinen Schlaf zu Hause halten könne. Vorläufig müsse man die Menschen noch in großen Schlafräumen kameraüberwacht begleiten.
„In großen Schlafräumen? Sagen Sie, an wie viele Menschen denken Sie?“
„Wir denken global, wir sehen, daß sich die Chinesen derzeit in Mecklenburg stark ausbreiten. Kassel ist ein idealer Standort. In unserer Region stehen Fabrikgebäude leer, Kasernen, Turnhallen, Feuerwehrgebäude, Schulen, Krankenhäuser, ja ganze Städte. Kommen Sie, gehen wir zur Schaustelle.“
Sie zahlte und ging voraus. Vom Turm lenkte sie ihre Schritte in Richtung Fridericianum. Wir passierten eine Ausweiskontrolle, dann eine Hygieneschranke, wo wir automatisch desinfiziert wurden und die Körpertemperatur gemessen wurde. Meine Daten erschienen auf einem Monitor, Gewicht, Größe, Puls, Körpertemperatur. Fieber hatte ich nicht, ich war aber aufgeregt.
Ein junger Mann lächelte und drückte auf einen Knopf. Eine Tür ging auf. Es herrschte ein bläuliches Dämmerlicht. Ich sah erst einmal nicht viel. Zu erkennen war, dass man das Innere des Gebäudes komplett entkernt zu haben schien. Zwischen hohen Glaswänden verliefen schmale Gänge. Rechts und links sah man Sechser-Kojen-Verbände, die sich im Zeitlupentempo wie an einem Spieß drehten.
„Liegt man auf Waschbärfellen?“, fragte ich.
„Nein, auf Kunstfellen.“
„Wie viele Menschen schlafen hier?“
„Das Fridericianum ist ausgelastet. Es sind Hunderte. Sie haben sich freiwillig als Testpersonen gemeldet. Leute ohne Wohnung, feste Arbeit, Studenten, Rentner, Neugierige, alles im Prinzip. Sie brauchen übrigens nicht zu flüstern. Hier ist alles schallisoliert.“
„Kann man die Menschen sehen?“
„Ja, aber nur über eine Kamera. Kommen Sie, gehen wir in den Kontrollraum.“
Wir liefen langsam durch das, was ein Hauptgang zu sein schien: Rechts und links, über und unter uns drehten sich äußerst langsam Kojen im bläulichen Licht. Eine Installation, dachte ich, die Chancen bei der Documenta gehabt hätte.
„Da sind wir“, sagte Ellen.
Sie drückte einen Nummerncode, und wir betraten den Kontrollraum. Ich war einmal in Berlin in der zentralen Verkehrsleitstelle der Polizei gewesen, doch dieser Kontrollraum hier war gigantisch. Er schien nur aus Monitoren zu bestehen. Auf einem sah man den Menschen in seiner Koje, auf den beiden anderen waren Tabellen, offensichtlich mit den jeweils aktuellen Messwerten, zu sehen. Davor saßen junge Menschen, die Vorgänge auf den Monitoren beobachtend. An einem der Monitore blieb mein Blick hängen.
„Was ist, Herr Dotzhauer?“
„Nichts, ich dachte, ich kenne jemanden. Er sieht einem abgetauchten Verleger ähnlich, der mir ein Honorar schuldet. Wie heißt der Mann?“
„Tut mir leid. Datenschutz.“
„Und was ist, wenn man während des Winterschlafs stirbt?“
„Diese Frage wird uns natürlich besonders häufig von älteren Menschen gestellt. Wir können auch nicht ausschließen, daß sich jemand mit dieser stillen Hoffnung bei uns anmeldet, denn für immer einzuschlafen, das ist sicher eine Wunschvorstellung von vielen. Erstens, wir kontrollieren ja den Schlaf, jede Veränderung sehen wir am Monitor. Außerdem haben wir eine Winterschlafverfügung entwickelt, da kann jeder detailliert bestimmen, wann und unter welchen Umständen er notfalls geweckt werden möchte und wann nicht. – Herr Dotzhauer, hätten Sie nicht auch Lust, sich für den Winterschlaf anzumelden? Sie könnten dann noch fundierter über das Projekt schreiben!“
Ich war auf alles Mögliche vorbereitet, auf viel Arbeit, auf einsame Abende in einem Kasseler Appartement, aber nicht auf einen totalen Blackout von drei Monaten.
„Na ja, Sie haben erst einmal einen ersten Eindruck. Sie können darüber noch nachdenken. Es ist Zeit, Ihnen Ihr Appartement zu zeigen.“
Als wir das Fridericianum verließen, dämmerte es.
Eine Frage mußte ich noch loswerden, sie ging mir nicht mehr aus dem Kopf: „Ich hatte mir Kassel viel älter vorgestellt. Aber bisher habe ich nur junge Leute gesehen.“
„Die Alten sind alle im Winterschlaf.“
Ellen lachte, und schaute mich an, als wolle sie mein Alter taxieren.
„Und wer zahlt das alles?“
Dabei dachte ich an das Riesenhonorar, das sie mir angeboten hatte.
„Wir werden unterstützt von der WHO, von der UNO, von der UNESCO, der Weltbank und dem IWF. Die Welt hat ein Interesse an Winterschlaf, es ist die Möglichkeit, den Verbrauch zu reduzieren und das Klima zu schützen. Und wir stehen unmittelbar vor der kommerziellen Phase.“
„Ich hätte da schon eine Idee“, sagte ich. „Sie laden ein zu einer großen Winterschlafparty hier auf dem Friedrichsplatz, an deren Ende ein Schamane das Einschlafritual um einen Waschbär-Totem-Pfahl herum zelebriert.“
„Sehr gute Idee“, rief Ellen aus. „Jetzt fehlt uns dazu nur noch ein Slogan.“
„Kein Problem“, sagte ich: „Winterschlaf in Kassel zum Sensationspreis – Schamanen-Ritual inklusive.“
Der Zauberberg von Tempelhof
Die Geschichte vom Berliner Zauberberg und seinen fliegenden Teppichen war bereits bis an unser Paläontologisches Institut in Somerville, Massachusetts, vorgedrungen, als ehemalige Kollegen der Freien Universität Berlin mir eine als dringend markierte Mail schickten mit der Frage, ob ich als Experte für Geo-Paläontologie nicht nach Berlin kommen könne, um bei der Ursachenforschung dieses außergewöhnlichen tektonischen Phänomens Unterstützung zu leisten:
Seit geraumer Zeit erhob sich auf dem Gelände des ehemaligen Tempelhofer Flughafens im Zyklus der Mondentwicklung ein Berg, der bei Mondfinsternis wieder abnahm, um dann erneut anzuwachsen. Wohl in unmittelbarem Zusammenhang damit stand das Rätsel der fliegenden Teppiche, die bei Vollmond über dieser im Volksmund Zauberberg genannten Erhebung schwebten und die angeblich auch touristisch genutzt wurden.
Also machte ich mich frei, um mit meiner Frau Rebecca, die früher lange in Berlin gelebt hatte, den Ozean zu überqueren. Als Märchenforscherin mit Schwerpunkt Orientalistik war sie besonders begierig, die fliegenden Teppiche zu sehen, wenn möglich, auch darauf zu fliegen.
Als wir die Reise buchen wollten, stellten wir fest, daß es bis auf weiteres keine Direktflüge nach Berlin gab. Nicht nur von Washington oder New York aus, sondern von nirgendwo auf der Welt. Der neue Großflughafen habe geschlossen werden müssen, mehr war von den Airlines nicht zu erfahren. Die Schließung schien jedoch im Zusammenhang zu stehen mit den unterirdischen Bewegungen des Zauberbergs, dessen Aktivitäten bis nach Schönefeld ausstrahlten.
In den mir zugesandten Unterlagen gab es unterschiedliche in den Berliner Medien gehandelte Erklärungsversuche, die uns teilweise sehr amüsierten, die jedoch keine Aussicht auf Abhilfe boten.
Eine dieser Erklärungen führte die zyklische Erhebung des Geländes zurück auf eine esoterische Trommelaktion. Diese hatten Tausende von Trommlern in einer Vollmondnacht auf dem Tempelhofer Flugfeld durchgeführt, angeblich, um Erd- und Luftgeister zu beschwören. Man hatte von diesen ein Zeichen über die Verwendung des alten Flughafens erwartet. Die Anhänger dieser Theorie sahen sich durch die Bergerhebungen in ihrer umstrittenen Auffassung bestärkt, das Tempelhofer Feld unbebaut zu lassen. Eine wissenschaftlich interessantere Theorie schätzte die Erdbewegungen als Reaktion auf die Schwingungen der von eben diesen Tausenden von Trommeln erzeugten Schallwellen ein, die tief liegende tektonische Spannungen ausgelöst hätten.
Dann gab es natürlich den politischen Witz, der in der Erhebung des Berges das Symbol der von der Berliner Politik unter den Teppich gekehrten Probleme sah und die verspätete Rache für umstrittene Entscheidungen und Versprechen, die sich als reine Märchen entpuppt hatten.
Was die fliegenden Teppiche anging, so galt als gesicherte Erkenntnis, daß sie das entschärfte Abfallprodukt der militärischen Forschung des Iran waren, die vergeblich nach einer eigenen islamischen Antwort auf die vom Pentagon entwickelten Drohnen gesucht und auf die Idee mit Bombenteppichen gekommen waren. In Berlin hatte man sie nun offenbar zu touristischen Zwecken umfunktioniert.
Es hatte diverse Versuche gegeben, den Berg zu beseitigen. In einer kollektiven Anstrengung der Städtischen Reinigungsbetriebe, des Technischen Hilfswerks sowie des Militärs und von Freiwilligen, die den Geist der historischen Trümmerfrauen beschworen, war man dem Berg zu Leibe gerückt, nur um nach vier Wochen festzustellen, dass die Bemühungen umsonst gewesen waren.
Der Berliner Senat bereitete uns einen herzlichen Empfang. Man brachte uns in einem efeuumrankten Gästehaus der Universität in Dahlem unter und spendierte uns eine individuelle Stadtrundfahrt durch das neue Berlin im Taxi mit einem versierten Historiker.
Wir konnten es kaum erwarten, die Vollmondnacht zu erleben. Vor allem Rebecca war begierig darauf, denn sie hatte sich viele Jahre literaturtheoretisch mit fliegenden Teppichen, Pantoffeln und Zauberumhängen beschäftigt.
Es war eine herrliche wolkenlose Sommernacht Ende August. Noch vor Einbruch der Dunkelheit begaben wir uns zur U-Bahn, um rechtzeitig zum Mondaufgang vor Ort zu sein. Rebecca schaute abwechselnd auf ihren digitalen Stadtplan und in die Tempelhof-Broschüre, ich setzte mir die Kopfhörer des Audio-Guide auf und lauschte:
Auf unserer Tour durch das magische Berlin kommen wir jetzt zur U-Bahn-Station Platz der Luftbrücke. Der Tempelhofer Zauberberg mit seiner vegetationslosen Oberfläche und an eine Mondhalde erinnernden Gestalt gilt als eines der neuen Weltwunder. Aufgrund seiner relativen Instabilität kann er nicht erwandert werden. Man kann ihn jedoch anstrengungslos und sicher auf fliegenden Teppichen bei Vollmond umfliegen. Diese Kelims werden in Berlin von den Mulahüzin aus dem anatolischen Konya verkauft. Mit seinen bis zu 65 Metern stellt der Zauberberg bei Vollmond die höchste Erhebung des Bezirks dar.
„Hier“, sagte ich zu Rebecca, und reichte ihr die Kopfhörer: „Hör mal rein.“
Da erklang bereits die Durchsage: Nächster Halt – Platz der Luftbrücke.
„Den südlichen Ausgang, da, siehst du das Schild To the Mountain?“, sagte ich. Und dann standen wir auf dem Vorplatz des ehemaligen Flugfeldes. Als wir uns dem seitlich gelegenen Eingang näherten, sahen wir ihn: Der Berg stieg im Osten flach an wie eine Welle, um sich dann zur Mitte des alten Flugfelds zu seinem Höhepunkt aufzutürmen. Nach Westen hin besaß er eine Abrißkante, so als wäre eine Welle in ihrer Bewegung vor dem Umkippen erstarrt.
„Wow!“, sagte Rebecca. „Sieht er nicht aus wie eine gewaltige Schanze? Da, schau, da kommt gleich der Mond.“
Ein junger Mann sprach uns an: „Hallo, Leute, heute, nur heute Nacht, Vollmondnacht, fliegende Teppische, halbe Stunde 10 Euro, eine Stunde 15 Euro, drei Stunden 20 Euro, isch mache gute Preis für eusch.“
