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Dieser Roman erzählt, was noch kein anderer vor ihm getan hat: vom Leben palästinensischer Flüchtlinge in einem Haus im jüdischen Viertel von Damaskus. Im Schamaya-Palast, einst eines der luxuriösesten Gebäude des jüdischen Viertels in der Altstadt von Damaskus, wird Ahmad mit seiner Familie untergebracht, palästinensische Flüchtlinge, die sich von da an mit knapp fünfzig weiteren Familien den Palast als Flüchtlingsunterkunft teilen. Aus dem prachtvollen Anwesen wird ein Labyrinth aus mit Mauern abgetrennter Wohnungen, aus Gerüchen und Geräuschen. In George, einem christlichen Palästinenser, findet Ahmad einen guten Freund, gemeinsam tauchen sie in das Leben in Damaskus ein und gehen den menschlichen Beziehungen in der Altstadt von Damaskus mit all ihrer religiösen und ethnischen Vielfalt nach, aber auch denen des unmittelbaren Umfelds im Palast selbst – bis Ahmad eines Tages verschwindet und die große Politik das Leben der beiden einholt. Der Roman erzählt vom Elend der palästinensischen Flüchtlinge, von der Lage der syrischen Juden nach der Gründung Israels, vom alltäglichen Leben der Leute in Damaskus und von Liebesgeschichten zwischen Flüchtlingen und jüdischen Frauen. Ali Al-Kurdi gibt mit seinem Roman einen detaillierten Einblick in das Leben in Damaskus der 50er und 60er Jahre.
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Seitenzahl: 193
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Ali Al-Kurdi
Der Schamaya-Palast
Roman
Aus dem Arabischen von Larissa Bender
Wallstein Verlag
Umschlag
Titel
Der Schamaya-Palast
Impressum
»Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.«
William Faulkner
»Stadtplan« war das Lieblingsspiel unserer Kindheit im jüdischen Viertel von Damaskus. Wir teilten uns in zwei Gruppen auf. Die erste Gruppe begab sich außer Sichtweite, während die zweite Gruppe mit Kreide die miteinander verflochtenen Gassen des Viertels auf den Boden zeichnete, um das Areal einzugrenzen, innerhalb dessen wir uns bewegen würden. Dann zogen die Mitglieder dieser zweiten Gruppe los, um sich im Labyrinth der von ihnen aufgemalten Gassen zu verstecken. Die andere Mannschaft studierte den »Stadtplan« und begab sich dann auf die Suche nach den Jungen, die sich versteckt hatten. Sinn des Spiels war, die Mitglieder der zweiten Gruppe zu fangen, bevor sie innerhalb einer festgelegten Zeit zurückkehren und die Spuren des »Stadtplans« verwischen konnten.
Bei diesem spannenden Spiel mussten wir laufen, auf der Hut sein, manövrieren, taktieren, uns verstecken und dadurch der Gefahr aus dem Weg gehen, geschnappt zu werden.
Weder mir noch irgendeinem meiner kleinen Freunde wäre es damals in der Aufregung dieses Spiels in den Sinn gekommen, dass wir in einem Teil der Stadt lebten, dessen vielfältiges mosaikartiges Gewebe ein Sammelbecken unterschiedlicher Religionen, Ethnien und Kulturen darstellte. Während wir die Windungen der engen Gassen und die eigentümlichen Labyrinthe mit Kreide auf den Boden malten, dachten wir nicht darüber nach, dass wir uns an einem Ort befanden, der jahrtausendealte Spuren der Menschheit barg. Und weder mir noch einem anderen der palästinensischen Flüchtlingskinder war das große Leid unserer Familien bewusst, die sich nach den Qualen ihrer Odyssee im Jahr 1948 in diesem Teil der Stadt niedergelassen und damit der Vielfalt noch einen weiteren Bestandteil hinzugefügt hatten. Dort angekommen, begannen sie zunächst, sich neu zu entdecken und neu zu erschaffen, um zu erfahren, welches ihre Rechte und Pflichten waren.
Meine Familie hatte, wie Hunderte andere Flüchtlingsfamilien auch, von dem Erlass der syrischen Regierung Anfang der fünfziger Jahre profitiert, nach dem Flüchtlinge in den Häusern der abwesenden syrischen Juden untergebracht werden sollten. Und wir hatten das Glück, dass uns eines der weiträumigen hellen Zimmer im Schamaya-Palast zugeteilt wurde, ein schönes Damaszener Haus, das der reiche Jude Schamaya Efendi im Jahr 1865 hatte erbauen lassen. Da seine Erben Syrien damals zusammen mit den anderen Angehörigen ihrer Religionsgemeinschaft verlassen hatten, wurde das Haus als Besitz abwesender Juden registriert und genau wie andere verschlossene Häuser für einige palästinensische Flüchtlinge geöffnet, die zur damaligen Zeit noch in Moscheen, auf Schuldächern und in Zelten hausten.
Nach und nach fand ich heraus, dass wir uns in vielen Dingen von unserer Umgebung unterschieden: Der Klang unserer Dialekte, den wir von unseren Vätern geerbt hatten, war anders; unsere Schule, die der UNRWA unterstand, unterschied sich von den staatlichen oder privaten Schulen für die Kinder der Einheimischen; und nur wir, die wir als Flüchtlinge bezeichnet wurden, gingen am Ende des Monats zum Zentrum für die Verteilung von Hilfsleistungen, um Lebensmittel zu erhalten. Und nur wir hatten eine kostenlose Krankenstation mit dem blauen UNRWA-Logo und ein Zentrum für die Verteilung von Milch, auf dem das gleiche Logo prangte.
Ich weiß nicht, warum ich seit meiner frühesten Kindheit einen starken Widerwillen gegen alles verspürte, was mit der UNRWA zu tun hatte; vielleicht weil diese Organisation unser Elend bezeugte. Ich hasste die blaue »Karte«, weil meine Mutter mich meistens frühmorgens zwang, damit zur Krankenstation zu gehen, um für sie oder eines meiner Geschwister eine »Nummer« zu ziehen, die man brauchte, um die Praxis zu betreten. Ich stand dann mit Frauen, Männern und Kindern in einer langen Schlange, bis ich die »Nummer« endlich in den Händen hielt, und jeden Tag stritt ich mich mit meinem jüngeren Bruder darüber, wer von uns unseren Milch-Anteil von der UNRWA abholen sollte.
Der Unterschied zwischen uns und den anderen Bewohnern von Damaskus beschränkte sich allerdings nicht auf diese Äußerlichkeiten. Es gab viele Vorfälle und Ereignisse, die mich in innere Konflikte stürzten und die ich mir damals nicht erklären konnte. Warum zum Beispiel trugen nur wir allein, die Kinder der Flüchtlingsfamilien, den Teig für die Fladenbrote, den unsere Mütter zu Hause aus dem Mehl der Agency geknetet hatten, auf unseren Köpfen zum öffentlichen Backofen, damit das Brot dort für uns gebacken wurde? Ich nahm die verstohlenen Blicke der anderen wahr, wenn ich mit dem Backblech voller Teig auf dem Kopf zum Ofen ging oder mit den fertigen Broten von dort zurückkam, argwöhnische Blicke voller Mitleid oder Verwunderung, die mich den Unterschied spüren ließen. Damals verstand ich nicht, was das Wort »Identität« bedeutete, und vielleicht waren es diese argwöhnischen Blicke, die so viele Fragen in mir aufwarfen. Was hieß eigentlich Flucht, was war »die palästinensische Sache«, was bedeutete Zugehörigkeit und was brachte es mit sich, dass wir eine Gruppe von palästinensischen Flüchtlingen waren, die inmitten des komplexen Gewebes der Altstadt von Damaskus lebten? Wir waren gewissermaßen etwas Besonderes, denn wir unterschieden uns von den übrigen Flüchtlingsgemeinschaften, die innerhalb ihrer Flüchtlingslager eine gewisse Homogenität aufwiesen.
Schon allein der Schamaya-Palast war ein einzigartiges Gefüge, das sich von den übrigen – bescheideneren – Häusern der Juden abhob, in denen gleichfalls Flüchtlinge untergebracht waren. Und wenn dies – zumindest anfänglich – von Vorteil gewesen sein mochte, so entwickelte sich diese Besonderheit im Laufe der Zeit zu einer Tragödie für seine Bewohner. Denn die bescheideneren Häuser hatten eine begrenzte Anzahl von Flüchtlingsfamilien aufgenommen, weshalb sie auch nur mit einer begrenzten Anzahl von Problemen konfrontiert waren. Im Schamaya-Palast hingegen, der über zwei offene Höfe mit einer Synagoge in der Mitte verfügte, wohnten in der oberen und der unteren Etage mehr als fünfzig Familien, die jeweils ein einziges Zimmer zugesprochen bekommen hatten. Und weil einige Räume des Palastes große Säle waren – mit Pflanzenmustern und wunderschönen Verzierungen an den Wänden und einem Fußboden aus buntem italienischem Marmor –, hatte man diese durch Holzwände unterteilt, damit mehrere Flüchtlingsfamilien dort wohnen konnten, die nun Gerüche und Geräusche, Streitereien sowie nächtliches Stöhnen und Flüstern miteinander teilten.
Ich kann mich noch genau daran erinnern, was von der Schönheit des Schamaya-Palastes in meiner Kindheit übriggeblieben war: die Pomeranzen-, Zitrus- und Granatapfelbäume, der Brunnen in der Mitte des Hofes, die Verzierungen und Muster an den Wänden und das Ziegeldach … Aber wie sollte dieses einzigartige Gebäude diese Massen von Menschen verkraften?
Es war uns erlaubt, das Dach der Synagoge zum Aufhängen der Wäsche zu nutzen. Einige Zimmer der oberen Etage hatten Glasfenster, durch die wir in das Innere der Synagoge blicken konnten. Dazu gehörte auch unser Zimmer. Meine Geschwister und ich fanden es aufregend, neugierig und mit Ehrfurcht im Herzen unsere jüdischen Nachbarn zu beäugen, wenn sie samstags und an jüdischen Feiertagen ihre Gebete verrichteten. Männer und Jungen trudelten früh am Morgen ein, setzten die kleine Kippa auf, dann erhoben sich zwischen zwei Augenblicken der Stille die Stimmen, die die Bücher des Alten Testaments in einer Sprache rezitierten, die wir nicht verstanden. Das machte uns Angst, und das Rätselhafte der Situation ließ in unseren kleinen Köpfen zahlreiche Fragen über diese Rituale aufkommen, ohne dass wir eindeutige Antworten darauf fanden. Denn das hier waren Juden, die in unserem unmittelbaren Umfeld lebten: Nachbarn und Menschen wie wir. Sie waren überall hier, in unserer unmittelbaren Nähe, und sprachen die gleiche Sprache wie wir, auch wenn sie das Arabische ein bisschen in die Länge zogen, was der Sprache etwas Weiches verlieh. Da war Abu Jaques, der jüdische Eiergroßhändler, der die typische weite Hose und die traditionelle Weste trug. Um den Hängebauch hatte er einen Gürtel geschnallt, und auf dem Kopf saß ihm ein roter Fes, so dass man ihn kaum von irgendeinem der anderen alten, traditionell gekleideten Männer aus dem Altstadtviertel Schaghour unterscheiden konnte. Er belegte einen Nebenraum der Synagoge, in dem er seine Eier sortierte, bevor er sie an die Lebensmittelläden in der Nachbarschaft verteilte. Manchmal rief er zu meiner Mutter herüber: »Hallo Nachbarin, schick mir mal den Jungen! Ich kann euch ein paar angebrochene Eier zu einem niedrigen Preis verkaufen!«
Wenn ich den Teller mit den angebrochenen Eiern in den Händen hielt, fragte ich mich: Ähneln eigentlich die Juden hier den Juden dort? Diese Frage drängte sich mir in meiner Kindheit immer wieder auf, und ich verspürte eine tiefe Verunsicherung angesichts dieses Rätsels: Wir waren Flüchtlinge, denen die Juden ihr Land weggenommen hatten. Und diese hier waren auch Juden und sehr enge und gleichzeitig sehr weit entfernte Nachbarn von uns. Es gab also eine unfassbare Kluft, die uns aus irgendeinem Grund von ihnen trennte, dessen Kern zu verstehen mir schwerfiel.
Das jüdische Viertel in Damaskus, in dem sie und wir ansässig waren, blieb bis zum Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ein Viertel voller Vielfalt und Betriebsamkeit und zeichnete sich durch die Einzigartigkeit seiner verschiedenen Bewohner aus. Es grenzte an das Amin-Viertel mit einer schiitischen Mehrheit, an das sunnitische Schaghour-Viertel und im Norden und Westen an das christliche Viertel Bab Touma. Und als wir Flüchtlinge auch noch Teil dieser pluralistischen Bevölkerungsstruktur wurden, war dies einer der seltsamsten Widersprüche der damaligen Zeit.
Wenn ich frühmorgens loszog, um den uns zustehenden Anteil an Milch von der UNRWA zu holen, traf ich manchmal zufällig einen der Juden, und samstags konnte es passieren, dass einer mich bat, das Licht für ihn anzuschalten oder den Gasofen anzuzünden. So etwa unser alter Nachbar Rafoul, der sich die meiste Zeit über das Lärmen und Streiten der Kinder im Viertel zu ärgern schien. Ich hatte furchtbare Angst, wenn ich Rafouls Haus betrat oder auch das anderer jüdischer Nachbarn. Vielleicht wegen der Ruhe und Stille, die ihre weitläufigen Häuser umhüllte. Oder vielleicht auch wegen des Mysteriösen, das ich angesichts der Erzählungen empfand, die wir von den Alten über ihre seltsamen Bräuche hörten. Trotzdem siegte der Anreiz, eine Lira für das Anschalten des Lichts zu erhalten, über meine Angst und Verunsicherung. Und ich war immer wieder erstaunt, wie wunderschön und weitläufig ihre Häuser innen waren. Eine jüdische Familie, deren Anzahl womöglich nicht die Finger einer Hand überstieg, lebte in aller Ruhe allein in einem Haus, das unserem Palast glich, wir aber waren eingepfercht in einem einzigen der vielen voll belegten Zimmer des Palastes, weshalb wir morgens eine Ewigkeit darauf warten mussten, bis wir endlich an der Reihe waren, unser Bedürfnis zu verrichten.
Wenn ich auf dem Weg zu unserer im kolonialistischen Stil erbauten Alliance-Schule war, die der UNRWA unterstand, erregte der Anblick der alten jüdischen Frauen, die vor ihren von Pflanzen und Blumen eingerahmten Häusern hockten und ihren Morgenkaffee tranken, meine Neugier. Ich empfand diese Andersartigkeit dann umso stärker, und dieses Gefühl vertiefte sich mit der Zeit immer mehr. Ich beobachtete gerne Sitt Wedad mit ihrem französischen Haarschnitt und dem glänzenden Pony. Und die Frau des stets wütenden alten Rafoul und die dicke alte Umm Jaques, die ständig lachte, so dass ihr einzig verbliebener Zahn in einer Ecke ihres Mundes aufblitzte. Die entzückenden schicken jüdischen Mädchen hingegen machten sich morgens auf den Weg in die vielen Nähwerkstätten im Viertel, die meisten von ihnen noch ledig, und arbeiteten den ganzen Tag, um für die Mitgift für den erwarteten Bräutigam zu sparen.
Wir Flüchtlinge lebten in ihrer Nähe und mit ihnen. Und wir erlebten gemeinsam die einschneidenden Entwicklungen und Veränderungen der damaligen Zeit. Wir begingen Hochzeiten und Trauerfeiern. Wir malten die Landkarte Palästinas auf die Mauern der Synagoge im Schamaya-Palast und schrieben in breiten Buchstaben darunter: »Wir kehren zurück«. Und später hängten wir die ersten Mitteilungen über Operationen der Fedajin und die Fotos der Getöteten auf. Und in der Alliance-Schule trichterte man uns Flüchtlingskindern mit den ersten Buchstaben auch den »Traum von der Rückkehr« nach Palästina ein, in unser heiliges Land, das wir im Herzen trugen: ein magischer Talisman, der ein bisschen Zuversicht in unsere aufgewühlten Seelen einließ, die die Hoffnung auf Rückkehr in unsere Häuser noch nicht verloren hatten. Doch auch wenn die Erinnerung an sie noch immer im Gedächtnis unserer Väter haftete, so verblassten die Bilder, je älter die Träume wurden, immer mehr.
Das Besondere an jenem Viertel war, dass es einem Laboratorium glich, in dem die Unterschiede zwischen uns – trotz unserer Dialekte und Bräuche, die wir aus unseren ursprünglichen Dörfern und Städten mitgebracht hatten – immer mehr verschmolzen. Für unsere Damaszener Nachbarn verschiedener Konfessionen und Religionszugehörigkeiten war es allerdings schwierig, diese Differenzen auszumachen, während wir uns unserer Zugehörigkeit zu unserem Dorf oder unserer Stadt rühmten und diese für den Nabel der Welt hielten.
Auf diese Weise war es uns Flüchtlingskindern vergönnt, Geschichten aus allen palästinensischen Städten und Ortschaften kennenzulernen und die mannigfaltigen Lieder, Dabke-Tänze und Bräuche in allen nur erdenklichen Facetten in unserem Gedächtnis zu speichern.
Vielleicht läge noch immer der Staub des Vergessens über den Ereignissen jener wichtigen Phase meines Lebens, wäre nicht das Schicksal eine Verbindung mit den Erinnerungen eingegangen, die mich dazu veranlassten, mir die Konturen jener Zeit ins Gedächtnis zu rufen. Vielleicht haben mich sogar die Geschehnisse des 11. September dazu bewogen, mich heute, fünfzig Jahre später, an jene wirkmächtigen Augenblicke zu erinnern, die mein Leben bestimmen sollten. Diese Begebenheiten drängten an die Oberfläche meines Gedächtnisses, als hätte ich sie gerade erst erlebt, und ich konnte kaum glauben, dass diese attraktive und rätselhafte Frau, die stets Freude um sich herum verbreitete, zwei so gegensätzliche Söhne in die Welt setzen würde.
Mir war, als schnupperte ich den Duft ihrer Weiblichkeit, während sie zwischen Esszimmer und Küche hin und her lief, um liebevoll die verschiedensten Leckereien für uns zuzubereiten, denen sie ihre ganz eigene Note verlieh. Wir Kinder saßen in jenen Damaszener Sommernächten zu Beginn der sechziger Jahre wie versteinert vor dem Bildschirm dieses merkwürdigen Fernsehapparats, der in diesen Tagen in den Häusern Einzug gehalten hatte. Mit großer Verwunderung und Begeisterung starrten wir auf die beweglichen Schwarz-Weiß-Bilder, die uns auf ihren Flügeln in weit entfernte Welten trugen, voller fantasiereicher Geschichten, Träume und Wunderlichkeiten.
Raschas Familie hatte ihre Odyssee begonnen wie jede andere palästinensische Flüchtlingsfamilie auch, die unter dem Elend der Entwurzelung litt. Zuerst hatten sie auf dem Dach der Alliance-Schule im jüdischen Viertel gelebt, dann zogen sie in ein bescheidenes Zimmer im Schamaya-Palast.
Diese Familie hatte aus zehn Personen bestanden, vier Jungen und vier Mädchen sowie den Eltern. Rascha war die Jüngste gewesen, ein hübsches Küken von damals sechs Jahren. Ihr älterer Bruder Salim fand dank seiner Englischkenntnisse gleich in einem der großen Hotels der Stadt Arbeit, während seine jüngeren Brüder in der Khumasiya-Textilfabrik eine Anstellung fanden. Dies war immerhin ein ermutigender Anfang für eine Flüchtlingsfamilie, die alle ihre Rechte und Pflichten verloren hatte.
Und weil der Werdegang der Menschen nicht an einem bestimmten Punkt endet, stellte ein zufälliges Ereignis das Leben der Familie auf den Kopf. Der älteste Sohn Salim wurde nämlich alsbald von der Staatssicherheit gesucht, und diese Begebenheit markierte einen Wendepunkt im Leben der Familie, der ihrem Elend ein Ende setzen sollte. Nachdem Salim über zwei Jahre lang spurlos verschwunden gewesen war, erhielt die Familie eines Tages einen kurzen Brief, in dem er mitteilte, nun in Katar zu leben, einem Staat am arabischen Golf, der infolge der Entdeckung des Erdöls einen umfassenden architektonischen Aufbruch erlebt hatte. Kurz darauf schickte Salim seinen Brüdern Arbeitsvisa, und so machten sie sich einer nach dem anderen dorthin auf den Weg. Innerhalb kürzester Zeit gelang der Familie ein dauerhafter Aufstieg, der sie aus dem Elend des Zimmers im Schamaya-Palast in eine große Wohnung im neuen Asbakiya-Viertel katapultierte, während die Familie ihres Onkels mütterlicherseits, also meines Vaters Salih Al-Scheich Talib, in ihrer Not versunken blieb, weiterhin träumte und Gott anflehte, sich ihrer anzunehmen und sie ihren Lebensunterhalt verdienen zu lassen, weil er der Großzügige und Mächtige sei und um die Nöte seiner Diener wisse.
Durch den Aufstieg war es Raschas Familie vergönnt, ein weitaus besseres Leben zu führen als wir. Trotzdem blieben unsere beiden Familien eng miteinander verbunden, aber die bittere und offensichtliche finanzielle Kluft zwischen uns hinterließ tiefe Verletzungen in meiner Seele, die mich prägten und mir in den folgenden Jahren heftig zusetzen sollten.
Rascha war ein paar Jahre älter als ich. Viele gemeinsame Erlebnisse, die ihre Spuren in mir hinterlassen sollten, kamen mir nun sehr deutlich in den Sinn und trieben an die Oberfläche meines Gedächtnisses, mit all ihren Details aus jenen Tagen, mit ihren erfreulichen und traurigen Momenten und mit frühen Entdeckungen, die in der Dunkelheit meiner langen Nächte wie Lichtpunkte leuchten.
Von Zeit zu Zeit quälte mich der zärtliche und warme Blick Raschas, die ganz ohne es zu wollen allen durch ihre Schönheit eine gewisse Autorität aufzwang, insbesondere wenn sie ihr klingendes Lachen hören ließ: gleichsam wie eine Musik, die Freude und Glück verbreitet, oder wie die Töne einer Flöte, die das Verlangen anregen. Dann verwandelte sich der Zehnjährige, der ich war, in ein anderes Wesen, verzaubert von diesen verlockenden Schwingungen, die ich nur schwerlich erklären konnte. In jenen berauschenden Augenblicken wünschte ich mir ob meiner Verlegenheit und Verunsicherung, dass sich die Erde auftue und mich verschlinge. Ich wünschte mir, dass mir Flügel wüchsen und ich weit fortfliegen könnte, auf der Flucht vor diesen Emotionen, die widersprüchlich, intensiv, angenehm und quälend zugleich waren. Jedes Mal saß ich wie versteinert auf meinem Platz und flüchtete mich in mein Schweigen, ohne dass sie etwas bemerkte, sondern stattdessen weiter nach einem wohlbekannten Ritual den Tisch deckte. Wenn sie fertig war, schaute sie uns mit ihrem zauberhaften Lächeln an, und mit einer eleganten tänzerischen Bewegung ihrer weichen Hand sagte sie: »Bitte schön, werte Herren, das Abendessen steht bereit.«
Wie hatte ich, der strauchelnde, wehrlose, schüchterne Junge, in jenen Tagen all diese magische Liebenswürdigkeit ertragen können? Das Schicksal hatte mir auferlegt, zwischen den beiden Ufern zweier so offensichtlich gegensätzlicher Welten zu leben, der Welt unseres bescheidenen Zimmers im jüdischen Viertel und der ihres wundervollen Hauses in dem besseren Asbakiya-Viertel.
Mein Vater arbeitete als Bügler. Er hatte in der Nähe des Hauses meiner Tante, Raschas Mutter, einen Laden gemietet. Wenn ich in den Schulferien mit ihm dorthin ging, wollte er die Strecke meist zu Fuß zurücklegen, während ich darauf drängte, den Midhat-Pascha-Bus zu nehmen, um auf dem Weg die Aussicht zu genießen. Stets erstaunte und verwirrte es mich, wenn der Bus bei Bab Scharqi durch das bogenförmige enge Stadttor hindurchfuhr. Es war das einzige sichtbare Tor damals und nur um einige wenige Zentimeter breiter als der Bus. Das andere – breitere – Tor wurde erst später bei Ausgrabungen entdeckt. Während nun der Fahrer langsam und bedächtig versuchte, den Bus durch das Tor zu bugsieren, ohne es zu beschädigen oder die Busfenster zu demolieren, brüllte der Schaffner: »Arme rein!« Dann, nach wenigen Sekunden, war dieser aufregende Moment schon wieder vorbei, und ich verspürte nach der Anspannung ein Glücksgefühl, als wären wir gerade einem Abenteuer mit unbekanntem Ausgang entkommen.
Ich zwängte mich jedes Mal neben meinem Vater vorbei ans Fenster, um fasziniert die Straßen, Plätze und Gebäude zu betrachten, besonders wenn der Bus am Scheich-Raslan-Friedhof entlangfuhr, der damals noch nicht eingezäunt gewesen war. Wie ein dichter Wald standen die Grabsteine, so weit das Auge reichte. Der Anblick der Gräber konfrontierte mich mit dem Schrecken des Todes und seinem erhabenen Schweigen. Wenn der Bus nach Qassaa einbog, färbte sich die Szene ein, das monotone Läuten der Kirchenglocken drang an mein Ohr, das stets große Neugier in mir weckte und mich die kindliche Frage nach der Bedeutung dieser Bräuche stellen ließ.
Ich war allerdings nicht weniger glücklich, wenn ich meinen Vater zu Fuß zu seinem Geschäft begleitete. Wenn die Stadt an einem neuen Morgen erwachte, stieg die ehrfurchtsvolle Koranrezitation von Scheich Abdelbasit Abdelsamad oder die von Abu Al-Anin Al-Schaischa aus den Rundfunkgeräten in den Läden des Suks auf, während die Ladenbesitzer ihre Waren sortierten und das Areal vor ihrem Geschäft kehrten, um sich auf den Empfang der Kunden vorzubereiten.
Wir gingen vom jüdischen Viertel über das Qaimariya-Viertel und durch das innere Amara-Viertel hindurch, dann kamen wir in der Nähe der Pilgerstätte von Sayyida Ruqaiya vorbei, wo ich mich neben meinen Vater stellte, um demütig die Eröffnungssure des Korans für ihre reine Seele zu beten. Dann setzten wir unseren Weg fort in Richtung des äußeren Amara-Viertels, und wenn wir am Dahdah-Friedhof ankamen, blieb ich vor den schönen Marmorgräbern der Märtyrer stehen, die sich von den anderen Gräbern unterschieden. Und wieder wurde meine Fantasie beflügelt, und ich stellte mir die Märtyrer als Lichtengel vor, die glücklich durch das Paradies wandelten, selig über ihr ewiges Leben. Danach gingen wir Richtung Diwaniya und dann bogen wir schließlich zum Laden meines Vaters im neuen Asbakiya-Viertel ab. Wenn ich diese ruhigen eleganten Gebäude betrachtete, von denen der Duft des Damaszener Jasmins aufstieg, musste ich zwangsläufig an unser verfallenes Zimmer im Schamaya-Palast denken. Dann würgte ich an der Bitterkeit und träumte davon, ein starker reicher Mann zu sein, der eines der luxuriösen Apartments in diesen modernen Gebäuden besaß.
Das Wichtigste an diesem morgendlichen Spaziergang aber war die Portion heißer Sahlab mit dem länglichen Weißbrot, das mit Sesam und Schwarzkümmel geknetet war. Dieser Moment war der schönste und aufregendste überhaupt. Ich war immer ganz vertieft in die Beobachtung des Sahlab-Verkäufers, der hinter dem Kupferkessel stand und mit raschen Bewegungen die Bestellungen abarbeitete. Er goss den Sahlab in chinesische Schüsselchen und goss Orangenblütenwasser aus einem metallenen Fläschchen und ein wenig Zimt darauf und überreichte es seinen Kunden.
Statt den Löffel zu benutzen, berührte ich mit meinen Lippen den Rand des Schüsselchens, und wenn ich zu schlürfen begann, umwehte mich der berauschende Wohlgeruch von Zimt und Orangenblütenwasser. Im Hochgefühl dieses Glücks betrachtete ich die gütigen Gesichtszüge meines sechzigjährigen Vaters und seine Gestalt, und er kam mir elegant vor in seinem immergleichen grauen Anzug, von dem er keinen zweiten besaß. Auf dem Kopf trug er eine Kufiya mit Aqal, die seinem Aussehen eine gewisse Würde verlieh, und es wäre mir niemals in den Sinn gekommen, dass dieses Kopftuch und die dicke schwarze Kordel später einmal ein Symbol werden und eine Identität ausdrücken sollten.
Die Zeit verstrich träge im Laden meines Vaters, und ich wartete sehnlichst auf den Nachmittag, wenn ich zu meiner Tante Umm Rascha gehen und dort in den Fernsehapparat starren konnte. Dieser Kasten wurde zu meiner magischen Welt, die nicht weniger attraktiv war als die angenehme Atmosphäre, die Rascha und die Kinder ihrer älteren Schwester verbreiteten. Ich konnte dort im Garten ihres Hauses spielen und einen Luxus genießen, von dem ich nur träumen konnte, denn sie besaßen Elektrospielzeug und ein Fahrrad, eine Schaukel und Kinderbücher. Alles in dem Haus faszinierte mich, aber es erinnerte mich gleichzeitig an die chronische Not meiner eigenen Armut.
Rascha behandelte mich jedoch nicht nur äußerst liebenswürdig, sondern sie verlieh mir auch das Gefühl, zuhause zu sein, was mein Glück und meine Verunsicherung noch steigerte. Das Gleiche galt für meine Tante, eine zärtliche Frau. Sie würdigte die Situation ihres Bruders sehr, der stolz jedes Hilfsangebot von ihr mit den Worten ablehnte: »Gott sei Dank, wir brauchen nichts, es ist alles in Ordnung.«
Rascha machte Abitur und begann Englische Literatur zu studieren. Sie war eine junge Frau voller Lebensfreude, die Gedichte las und über die neueste Mode informiert war, die das Kino liebte und Ausflüge mit ihren Freundinnen und Freunden aus der Universität unternahm. Sie hatte einen dunklen Teint, war attraktiv, hoch aufgeschossen, trug ihr Haar offen und war von größter Klarheit und Feinheit.
