Der Scharfrichter von Rothenburg - Georg Scheurlin - E-Book

Der Scharfrichter von Rothenburg E-Book

Georg Scheurlin

0,0

Beschreibung

"Das Malefizglöcklein!" — schauerte es durch die Runde. Schauerlich eindrucksvoll der Augenblick des Urteils. Eine entsetzlich missglückte Hinrichtung, die nur durch Geistesgegenwart ein schnelles Ende finden konnte. Das Buch gewährt Einblicke in das Seelenleben eines Henkers, sowie dessen Gewissenskonflikten seinem Sohn die fluchbeladene Position eines Scharfrichters zu übertragen. Kurz darauf werden die Ereignisse durch die gewaltsame Einnahme Rothenburgs überrollt. Die Eroberung der alten fränkischen Stadtfeste Rothenburg durch T'Serclaes von Tilly im Jahre 1631 war kein welterschütterndes Ereignis. Sie bildet keine Etappe in der Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs und die Besetzung der Freien Reichsstadt durch die Kaiserlichen hatte nur geringe strategische Bedeutung. In bewegenden Worten wird über die Belagerung berichtet. Nach der Eroberung Rothenburgs entschied ein Weinpokal über Leben oder Tod der hohen Ratsherren der Stadt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 174

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Der Scharfrichter von Rothenburg

Chronistische Erzählung

von

Georg Scheurlin

_________

 

Erstmals erschienen bei: Otto Janke, Berlin, 1855

__________

Vollständig überarbeitete Ausgabe.

Ungekürzte Fassung.

© 2017 Klarwelt-Verlag

ISBN: 978-3-96559-091-5

© Alle Rechte vorbehalten.

www.klarweltverlag.de

Inhaltsverzeichnis

 

Titel

Einleitung.

Erstes Kapitel: Der erste Mai des Jahres 1626.

Zweites Kapitel: Vater und Sohn.

Drittes Kapitel: Nachtstück.

Viertes Kapitel: Hedwig.

Fünftes Kapitel: Der Gerichtstag.

Sechstes Kapitel: Das dunkle Haus.

Siebentes Kapitel: Das Urteil.

Achtes Kapitel: Der Meisterstreich.

Neuntes Kapitel: Frieda.

Zehntes Kapitel: Die Herrentrinkstube.

Elftes Kapitel: Die Flucht.

Zwölftes Kapitel: Konrad Rinkenberg.

Dreizehntes Kapitel: Heimkehr.

Vierzehntes Kapitel: Der Parlamentär.

Fünfzehntes Kapitel: Herbstblumen.

Sechszehntes Kapitel: Die Belagerung.

Siebenzehntes Kapitel: Der Sturm.

Achtzehntes Kapitel: Am Johanniterhofe.

Neunzehntes Kapitel: Schulke.

Zwanzigstes Kapitel: Tilly.

Einundzwanzigstes Kapitel: Das Urteil.

Zweiundzwanzigstes Kapitel: Cristoph Meder.

Dreiundzwanzigstes Kapitel: Der beste Trunk.

Vierundzwanzigstes Kapitel: Schluss.

Einleitung.

Der Blick auf irgendein bedeutsames Blatt einer der Chroniken unserer deutschen Städte gleicht in seiner märchenhaften Wirkung oft der träumerischen Einkehr in unsere eigenen, wundersamen Jugend-Erinnerungen. Da wie dort treffen wir meist auf den Boden kindlich inniger und hinwiederum tiefernster Anschauungen, oft derb und Ungestüm in ihrer ungebrochenen Erscheinung, immer aber urkräftig und kerngesund an ihrer treibenden Wurzel. Wie tief bedauernd wir daher nicht selten in jenen schauerreichen Gedenkbüchern des deutschen Mittelalters, besonders aber des verheerendsten aller Religionskriege blättern: gleichwohl geschieht es mit dem Gefühle, dass auch jene trübe, ja schreckliche Zeit ihre notwendige Bestimmung erfüllt und uns mit dem Blute von hundert Schlachten und den Rauchsäulen von tausend Brandstätten die religiöse wie bürgerliche Freiheit erkämpft hat. So lässt sie nun den grauenvollen Zauber ihrer Charaktere und Erscheinungen umso mächtiger auf die Gegenwart wirken, je seltener diese jetzt noch ein großes ideales Element zur Geburt bringt, je mehr sie ins Ungemessene hinausstrebt und alle Höhen und Tiefen unserer Geschichte auf das Niveau der materiellen Interessen zu verflachen trachtet. In unbewusst großer, oft rauer und ungefüger Kraft schritten dortmals die Helden des Jahrhunderts über die Weltbühne, ihre Schatten zum Teil noch in den Vordergrund der Gegenwart werfend. Die Stimme des Wittenberger Doktors hatte Deutschland aus seiner kindlich naiven Selbstbeschauung aufgeschreckt und in das Bewusstsein seiner geistigen Reife sowie zur Prüfung seiner spirituellen Waffen gerufen. Die Frucht vom Baum der Erkenntnis war gepflückt; aber der Herr antwortete mit den Donnern eines dreißigjährigen Krieges und lagerte fortan den Engel mit dem Flammenschwerte zwischen Deutschland und das Eden seiner Kindheit. In schwachen und schwächeren Bebungen verhallten allmälig die Nachklänge väterlicher Art und Weise und lassen uns nur noch in geschichtlichen Überlieferungen oder bedeutungsvollen Sagen die Erinnerung jener Zeit zurück.

Auch die nachfolgende Erzählung versucht es, eines der Bilder aus jenem sturmbewegten Jahrhundert zu sinniger Beschauung einzurahmen. Der Leser findet den Schauplatz der Begebenheit in dem Theile des bayerischen Frankenlandes, welcher einem seiner kleineren aber höchst anmutigen Gewässer — der Tauber — den Ursprung gibt. Bald zwar verlässt sie dort ihre mütterliche Heimat, um dem benachbarten Württemberg zuzueilen; aber als könne der dankbare Fluss nicht ohne die zärtlichsten Erinnerungen von der trauten Stelle scheiden, so schlingt er noch seine Silberarme in den lieblichsten Windungen um den heimischen Boden und schmückt hier sein enges Rinnsal noch mit all der Anmut, all den Reizen, die nur immer innerhalb eines Tales sich zusammendrängen ließen, dessen obere Ränder sich über dem Bette des Gewässers fast die Arme reichen.

In der Tat wird nicht leicht eine Gegend des mittleren Deutschlands auf so kleinem Raume einen so lieblichen Wechsel von Berg- und Hügelland, von lachenden Ebenen und reizenden Talgewinden bieten, als dieser Fleck Erde, den die Natur zugleich mit allem Reichtum der Vegetation in Gärten, Feld und Wald gesegnet hat. Während dort über die weithin gedehnte Ebene der Blick durch üppige Fluren nach den Höhen schweift, welche der Steigerwald und die fränkische Höhe näher oder ferner an den Taubergrund heranlegen, und unter denen der Lug ins Land, der Franken- und hohe Landsberg ihre blaugrünen Häupter erheben, versenkt sich hier das Auge in einen schlangenhaft gewundenen Taleinschnitt voll Weingärten, lieblicher Wiesenflächen, dichter Gehege und Baumgruppen, freundlicher Dörfer, Mühlen und Gehöfte, nach welchen die tiefeingeschnittenen Talwände teils in kühnen, schroffen Felsenwürfen, teils in sanften, grünbestreuten Bogen sich hinabsenken. All diese Bilder ziehen an dem Wanderer vorüber, als töne ihm eine innerliche, sonst unhörbare Musik, oder als belausche er den Traum eines schlafenden Engels, oder er beträte das trauliche Brautgemach der jungfräulichen Natur, darin sie ihr sinniges Busengeschmeide zu sinniger Beschauung niedergelegt hat.

Hoch über diesem Talboden, zum Teil hart an den jählings abfallenden Felsenhalden erhebt sich im Schmuck zahlreicher Kirchen und ehrwürdiger Baudenkmale, sowie unter dem Schutze tiefer Gräben, mächtiger Mauern, stolzer Türme und gewaltiger Basteien eine Stadt, von deren bemoosten Zinnen herab die Schatten vergangener Jahrhunderte beredten Schweigens zu uns sprechen und uns erzählen von alter Herrlichkeit, Macht und Würde, von Zeiten und Geschlechtern, nach denen die Gegenwart nur mehr mit traumhafter Verwunderung zurückschaut.

Rothenburg’s Geschichte — der freundliche Leser hat diesen Namen längst erwartet — ist abgeschlossen; die ehemalige Reichsstadt „ob der Tauber“ zehrt heutigen Tages nur noch von ihren Erinnerungen. Einst aber schritten über diese stillen, friedlich begrasten Straßen und Plätze mächtige Grafengeschlechter; Kaiser und Könige des heiligen deutschen Reichs betteten hier — gern verweilend — ihre Häupter und verliehen der Stadt edle Rechte und Freiheiten, und eine ehrbare Bürgerschaft entfaltete unter schirmenden Privilegien, eine Reihe von Jahrhunderten hindurch, den ganzen Stolz und das Selbstgefühl reichsfreier Würde. — Inmitten der sich ewig verjüngenden Natur, umrauscht von den lauten, drängenden Stimmen einer hastenden Zeit liegt die ehrwürdige Stadt noch immer da wie der versteinerte Gedanke eines ihrer alten Senatoren, wie das verzauberte Schloss eines Elfenfürsten; die Gegenwart mit ihren ungestümen Weckungen und Mahnungen lagert vergeblich vor diesen mächtigen Gräben, Doppelmauern, Türmen und Basteien: — der greise Torwächter rührt die verrosteten Schlüssel noch immer nicht zum willfährigen Einlass, die alte Reichsstadt will nichts von Übergabe wissen.

Nirgends wohl ist tiefer und unverwischbarer als hier jenes Gefühl selbstgenügender Geltung in das Fleisch der Bürgerschaft gedrungen und schwerlich auch lebt in einer andern der vormaligen deutschen Reichsstädte die Geschichte ihrer Vergangenheit so verkörpert im Volksbewusstsein, in Mären und Sagen fort. Fast jedes dieser altersgrauen „Herrenhäuser“ bewahrt seine historischen Erinnerungen, Gedächtnisschriften, oder sonst eine Reliquie aus der Väter Zeit; das Kind lernt plaudernd die Namen der vormaligen Machthaber und Gesetzgeber seiner Vaterstadt und betrachtet sich täglich auf seinem Schulwege deren steinerne Chronik, ihr stattliches berühmtes Rathaus. —

 

Erstes Kapitel: Der erste Mai des Jahres 1626.

Das Rathaus, dies ehrwürdige Gebäude, jetzt noch eine der vornehmsten Zierden Rothenburgs wie einst der Mittelpunkt seiner Geschichte, erhebt sich auf dem Marktplatze, dessen ganze westliche Länge es bekleidet. Nicht ohne Stolz geht noch heute der Enkel an diesem Denkmal vorelterlicher Herrlichkeit, an den ehrwürdigen Hallen vorüber, in denen einst der ehrsame Rat das Steuer des kleinen Staatsschiffes handhabte. Über diese langen, steinernen Stufen, durch diese — nunmehr mit Kramladen besetzte Vorhalle schritten damals die Senatoren jene Wendeltreppe hinan, von deren Höhe noch immer der riesige Doppeladler wie schirmend herabsieht in den schönen altertümlichen Saal, dessen aus Stein gehauene Sitze rings an den Wänden der Südseite sie zu ernster Beratung einnahmen.

In diesem geräumigen Saale regte sieh alljährlich mit der frühesten Morgenstunde des ersten Maitages ein gar seltsamliches Leben. Der erste Mai, jener im deutschen Volksbewusstsein durch urdenkliche Erinnerungen gefeite Tag war für die Stadt Rothenburg zugleich der Zeitpunkt, an welchem sich noch vor dem ersten Morgengrauen Rat und Bürgerschaft versammelten, um die Wahl und die Verteilung der reichsstädtischen Ämter entweder zu bestätigen, oder zu erneuern und um sich sodann gegenseitig auf die Verfassung zu vereidigen.

Man schrieb den 1. Mai des Jahres 1626. Der Wächter des Rathausturmes hatte kaum mit seinem Hammer die zweite Stunde nach Mitternacht, oder nach der dortigen eigentümlichen Uhr „Drei gen Morgen“ geschlagen, als auch schon der schrille Ton seiner Glocke die gesamte wahlfähige oder mit irgend einem Dienste bekleidete Bürgerschaft zu jener wichtigen Feier in den Rathaussaal beschied.

Ernste Stille lag auf der zahlreichen Versammlung. Aller Augen waren dabei nach der Tiefe des Saales gerichtet, wo der edle Rat innerhalb eines kleineren Raumes, den ein steinernes Geländer einfasste, so eben die Verpflichtung der obersten reichsstädtischen Würden vornahm. Zwei der Ehrwürdigen fesselten dort allernächst die Aufmerksamkeit. Der Eine derselben, im Begriff, mit kurzen, schlichten Worten die Leitung des Staatsruders in die Hände seines zeitweiligen Nachfolgers niederzulegen, war ein Mann, an welchem die Natur dasjenige, was sie an ihm nach der Höhe hin auszubauen versäumt hatte, mehr und mehr in reichlich bemessener Rundung nachzuholen strebte. Diese Verkürzung seiner Person nach oben hin, vielleicht eben deshalb bemerklicher, weil sie zugleich mit einer so respektablen umkreislichen Ausdehnung zu konkurrieren hatte, suchte der brave Mann — sonderlich da, wo es seine bürgermeisterliche Würde zu vertreten galt, durch eine umso strengere Haltung des Oberleibes und vorzugsweise durch die möglichst emporgehobene Richtung seines Hauptes auszugleichen, — eine Stellung, die jedoch Niemand, der den freundlichen Herrn näher kannte, für Stolz nahm. Vielleicht zu demselben Zweck trug er sein dichtes, graulich gemischtes Haar aufwärts gesteift; und mit Zuhilfe all dieser Kunstmittel gelang es ihm denn auch, in seiner gesamten Figur. Einen Mann des stattlichsten Ansehens, einen vollkommen würdigen Repräsentanten des kleinen Freistaates darzustellen. Seine Augen, obgleich den Ausdruck gemütlichen Wohlbehagens nie verleugnend, belebten sich in dem gegenwärtigen feierlichen Momente mit dem Feuer eines schönen Selbstbewusstseins, welches sich dann auch weiter über das mannhaft gerundete Antlitz bis zum Knebelbart nieder und selbst in die ziemlich lebhaft vorstehende und etwas gerötete Nase ergoss.

Das war der Senator Georg Rasch, der heute die Regierung in die Hände seines Nachfolgers niederlegte, um seinerseits unter dem Ehrentitel eines Altbürgermeisters für die nächste Periode die Stelle eines Reichsrichters im innern Rat einzunehmen.

Im interessanten Gegensatz erhob sich neben ihm die Gestalt des neuen regierenden Bürgermeisters — Johann Bezold. Dem Anscheine nach ein angehender Sechziger von etwas mehr als mittlerer Größe ließ er in der leicht vorgesenkten Haltung seines Oberleibes und der schmächtigen Brust weder eine besondere körperliche, noch in den tief liegenden, zuweilen wie schlummernd sich schließenden Augen eine erhebliche geistige Kraft erkennen. Die weißen Haupthaare lagen dünn und schlicht gekämmt um eine hohe, so zu sagen trockne Stirn; selten verzog ein flüchtiges Lächeln die dünnen Lippen oder glättete die strengen Falten seines vergilbten Gesichtes. Es bedurfte eines mächtigeren Hebels als die alltäglichen Ereignisse, um die nur scheinbar versiegte Kraft in ihm zu voller Tätigkeit anzufachen, und diese Weckung fand er in allen Fragen, welche das Wohl und die Blüte des kleinen Freistaates oder aber das Gebiet seiner eignen religiösen Überzeugungen berührten. Dazu boten die damaligen Zeiten mehr als genügenden Anlass. Wie er sich stets mit Stolz bewusst blieb, dass sein Geschlecht von jeher eine der kräftigsten Stützen und Träger der protestantischen Interessen gewesen war, so hoffte er dereinst in seinem Namen der Geschichte seiner Vaterstadt ein ebenso leuchtendes Beispiel von Glaubenstreue und Glaubensmut hinterlassen zu können. Mit vorzugsweiser Teilnahme wandte er sich daher Denjenigen zu, die in jener Zeit harter religiöser Verfolgungen bei dem — der neuen Lehre zugetanen Freistaate gegen kirchliche Bedrückungen Schutz zu suchen kamen, und so wie er als ein Muster sittlicher Strenge gegen sich selbst gelten konnte, so machte er auch wie weit sein Arm reichte, bis zum Anschein von Härte die Reinhaltung seiner kirchlichen Grundsätze geltend. Wie Alle, die mit dem Ernst ihrer Glaubensansichten nicht auch die nötige Milde zu paaren vermögen, war er daher in den Augen seiner Mitbürger mehr ein hochgeachteter, gewissermaßen gefürchteter, als ein volkstümlich beliebter Mann.

Er also war es, der soeben die Vorstandschaft des innern Rats angetreten hatte.

Allgemeines Schweigen begleitete den wichtigen Staatsakt; erst nach einigen Augenblicken regte sich in einer Gruppe von Bürgern, die am Eingang des Saales der Verhandlung zusahen, ein äußerliches Zeichen der Teilnahme an dem, was vorgegangen.

„Es ist drum Schade“, flüsterte aus der Mitte der Umstehenden ein Mann von langer hagerer Figur nach seinem Nachbar, dem Grobschmied Klinger, indem er dabei die dunkelgebräunte Hand zur Dämpfung der Stimme nach den Lippen führte. „Es ist drum Schatze, dass unser nunmehriger Reichsrichter nicht noch eine Weile am Ruder geblieben. Aller Orten im Reiche Gefahr. und Not! Solche Zeiten erfordern einen Mann so fest und stattlich wie Herr Nusch,

„Ei, Vetter Thoms,“ entgegnete statt des Angeredeten die feine wisperne Stimme des Schneidermeisters und Zunftvorstehers Tobias Horn, seiner ausgezeichnet bedachten Nase wegen gewöhnlich Nashorn genannt — auch schon auf dem Platze, obgleich der Lammwirt erst vor wenig Stunden stille Nachtgeboten? — „Nichts für ungut“, dass ich dazwischenrede. Was aber eure Meinung von der Person des regierenden Bürgermeisters anbelangt, so bedünkt mich, dass Herr Senator Bezold, welchen heut die Reihe traf, keinem seiner Vorfahren an Würde, Klugheit und Erfahrung nachsteht; wenn ihm aber jener weidliche Umfang gebricht, den Dieser oder Jener voraus hat, so gereicht ihm dies am wenigsten zur Unehre. Ein christlicher Vorgesetzter hat der guten Bürgerschaft vor allem auch im rechten Maß von Speis und Trank und in Nüchternheit ein löblich Beispiel zu geben.“

Die letzten Worte betonte der Schneider etwas schärfer und nicht ohne einen stechenden Seitenblick auf seinen Nachbar linker Hand, indem er dabei, um mit den Augen über die etwas hinderliche Nase hinüber zukommen, mit seiner rechten Brauen eine merkwürdige Bewegung machte.

Derjenige, aus welchen sich ein wesentlicher Teil dieser Bemerkung zu beziehen schien, war ein Mann von mehr als gewöhnlichem Körpermaße. Unter seinem borstig emporstrebenden, kurz geschornen Haar dehnte sich eine niedrige, aber breit in die Quere gezogene Stirn aus, beschattet von waldig finstern Brauen, hinter denen die kleinen, von einem frisch genossenen Trunk Weines noch überschwänglich seligen Augen gleichsam Versteck spielten; denn sie schlossen sich nicht selten etwas länger als nötig gewesen wäre, um sich vor dem Glanze des gegenüber schimmernden Kronleuchters zu schützen. Nase und Kinn dieses Mannes rundeten sich zwar nach dem Maßstab andrer, ordinärer Gesichtsformen, verschwanden aber gegen ihre Umgebung allzu bescheiden hinter den aufgetriebenen Wangen und einem Doppelbarte, der mit dem kurzen, massenhaften Halse gleichsam in Eis zusammenschmolz. Offenbar hätte sein Geruchsorgan noch eines bedeutenden Zusatzes von dem bedurft, was der Schneider in so überflüssigem Vorrate besaß. Nur der Mund erschien in proportionierlicher Ausstattung, dabei aber geräumig genug, um die ganze weitläufige Lebensmaschine in gleichförmigem Gang zu erhalten. Diese schwerfällige Gestalt lehnte, gestützt auf umfangreichen Säulen — Beine genannt — an der Wand des Rathaussaales. Geschah dies, um den beiden milden Trägern des Oberleibes wohlwollend zu Hilfe zu kommen, oder um den möglichen Folgen einiger auffallend schwankenden Bewegungen des letzteren vorzubeugen, — genug, der vielleicht auch vom Dienst einer beschwerlichen Nachtwache etwas angegriffene Bürger-Wachtmeister und Grobschmied Konrad Klinger lehnte dort in einer Gemütsruhe und Behaglichkeit, in der er jetzt wohl die Würfel eines halben Weltgeschicks, sofern dies nur seine liebe Vaterstadt nicht berührte, gleichgültig aus der Hand geworfen hätte.

Nur unlieb fand sich daher der schlaftrunkene Wachtmeister durch seinen Schwager, jenen langen, hageren Rotgerber Thoms, aus den Himmeln seiner schlummersüßen Beschaulichkeit gerissen, und setzte sich erst mühsam ans den nur halb gehörten Bruchstücken der Anrede deren etwaigen Sinn zusammen, als ihm zu seinem Verdrusse der gesprächige Schneider mit der Antwort zuvorkam. Aufbrausende Heftigkeit war sonst nicht eben der Fehler des Grobschmieds, vielmehr eine gewisse friedgiebige Geduldsamkeit so bekannt an ihm, dass die bösen nachbarlichen Zungen ihm wohl gar eine übergroße Subordination gegen die Frau Wachtmeisterin andichteten. Er mochte also immerhin einer bedeutenden Anhäufung zündbaren Stoffes bedürfen, um in dieser korpulenten Masse das vulkanische Feuer des Zornes zum Ausbruch zu bringen; aber der Schneider hatte die verwundbare Ferse unsres Achilles getroffen. Sich mühsam zu einer Höhe ausrichtend, welche das Maß des kleinen Zunftvorstehers um die Hälfte überragte, und dabei die schwieligen Fäuste in die Hüften stemmend, trat er seinem Gegner so nahe, dass Meister Horn sich einen Schritt hinter den langen Gerber Thoms zurückzog, aus Besorgnis, der nahende Koloss möchte bei einem ungefähren Sturz ihn unter seiner Last begraben; und obwohl der zürnende Schmied sein raues Sprachorgan bis auf das schwächste Register dämpfte, so brummte dennoch ein so tiefes Donnerwetter über dem Haupte des Schneiders, dass man wenigstens die tiefste Saite eines Basses schnarren zu hören glaubte. „Was ficht es denn euch an“, begann er, „mein frommer Meister Nash —, wollt sagen Horn, wenn ein ehrbarer Mann nach des Tages Last und Hitze mit freudiger Danksagung eine erquickliche Gottesgabe genießt, anstatt wie ihr die erwucherten Taler unter Schloss und Riegel zu vergraben? — Allen Respekt vor Seiner Gestrengen dem Herrn Bürgermeister Bezold, der ein viel zu bekannter Ehrenmann ist, als dass er Eures Lobes bedürfte, aber —“

Ein missfälliges Gemurmel umher gemahnte jetzt den Sprecher auf die Ungebührlichkeit seiner Äußerung und lenkte seine Aufmerksamkeit wieder nach dem Akte, der droben am Tische des hohen Rates vorging.

Der neu beamtete Bürgermeister beschwor so eben die uralte Verfassung des kleinen Staates, und indem er deren Schutz und Aufrechtaltung mit Gut und Blut gelobte, ermahnte er in gleicher Weise die versammelten Bürger, die edlen Rechte und Freiheiten ihrer Stadt und das kostbare Gut ihres Glaubens in diesen Zeiten schwerer Prüfung und Läuterung zu hüten und zu wahren gegen alle Gewalt und List des Feindes. Als er sie aufforderte, das Gelübde der Treue und des Gehorsams mit Hand und Mund zu besiegeln, starrte augenblicklich ein Wald von Händen empor, ein brausendes Ja antwortete dem feierlichen Aufruf, und so einmütig und ehrlich war die Gesinnung der Schwörenden, dass selbst der beleidigte Grobschmied in begeisterter Aufwallung mit seiner kräftigen Faust oben in den Lüften die Hand seines Schwagers Thoms und zugleich die dürren Finger seines Gegners von vorhin zu einem derben Kleeblatt zusammenfasste. Das Bewusstsein, dass nur völlige Einigkeit und treues Zusammenhalten der Gemeinde, die in solcher gefahrvollen Zeit doppelt nötige Festigkeit und Stärke verleihen könne, drängte den Bürger an den Bürger und versöhnte in diesem Augenblicke selbst manche Gemüter, die einander weit feindseliger gegenüber standen als der Schmied Klinger und der Schneider Horn.

Nach der Eidesleistung des neuen regierenden Bürgermeisters erschienen nun auch in feierlichem Zuge die übrigen Würdenträger, Reichsrichter, Steurer u. s. w., um vor versammeltem Volke den Schwur gerechter und getreuer Amtsführung abzulegen. Mit der Verpflichtung der niedern reichsstädtischen Bediensteten schloss die Feierlichkeit. —

 

Zweites Kapitel: Vater und Sohn.

Der Saal begann sich allmälig zu leeren. Nur aus seiner dämmerig erleuchteten Tiefe tauchten noch zwei dunkle Gestalten in den Vordergrund auf. Ein ziemlich weiter Raum hatte sie bisher von den übrigen Bürgern getrennt; es« schien, als ob eine gewisse Absichtlichkeit, eine unheimliche Scheu sie in diese Zurückgezogenheit gebannt hätte. Die beiden Männer, dem Alter und den Verhältnissen nach — Vater und Sohn, glichen sich in Farbe und Schnitt ihrer Tracht. Ein dunkelgrünes Gewand von eigentümlichem Zuschnitt, an den Oberschenkeln wie an den Ärmeln rot ausgebauscht, lag eng anschließend um die runden, schwellenden Formen des jüngern, in weiterer, bequemerer Umkleidung aber um die Glieder des älteren Mannes.

Dieser Farbe und einer Waffe nach, die hirschfängerartig an der Seite des Alten hing, möchte man die Beiden für Försterleute angesehen haben, wenn nicht die scharlachrote Verbrämung ihrer Gewänder an Schlitzen und Enden eine andere dunklere Deutung aufgedrungen hätte.

Tiefen schweigsamen Ernst in den Zügen, war bisher der Alte dagestanden; — eine eigentümliche, fast ehrwürdige Gestalt. Die kahle Rinne seines Scheitels und das schimmernde Grau der dünnen Locken an Schläfen und Hinterhaupt, während noch volles glänzendes Schwarz um Kinn und Mund wucherte, ließen einen mittlern Sechziger vermuten, das warme sonnige Abendroth seiner Wangen bekundete Gesundheit und Zufriedenheit. Es war ein männlich schöner Greis. Die Ruhe seiner grauen Augen, die Unbeweglichkeit der geheimnisvollen Linien und Furchen auf der edel gehobenen Stirne, die Kälte dieser Lippen, welche ein kohlschwarzer Bart umschattete, möchten eine völlige Teilnahmslosigkeit an dem, was um die Beiden her vorging, verraten haben, hätte nicht der sanfte Druck, mit dem er die Hand seines jüngeren Gefährten erfasste, so oft dieser eine unruhige Bewegung zeigte, den schärferm Beobachter überzeugen müssen, dass nur die Oberfläche dieses Gemüts in überwachter Ruhe lag, während seine Tiefe in lebendig wogenden Wellen ging.

Stumm wie der Alte stand auch der Jüngling da; aber weit beredsamer wie bei jenem sprachen aus den Bebungen seiner Gesichtsmuskeln, aus der wechselnden Farbe seines Antlitzes und aus dem bald auflodernden, bald verglimmenden Feuer seiner Blicke die krampfhaften Bewegungen seiner Seele. Vielleicht zwei oder drei und zwanzig Jahre alt und bereits über das mittlere Maß der Mannsgröße hinaus — durfte man seinen Wuchs für abgeschlossen halten; die runden, kernigen Glieder schienen aber dafür in noch größere Fülle treten zu wollen. Die bereits ausgebildeten körperlichen Anlagen versprachen an ihm dereinst eine männliche Schönheit der edlern Art. Seine dichten braunen Locken waren aus dem Gesichte weg nach dem Hinterhaupte zu gestrichen, so dass die hohe kühne Stirn sich in ihrer ganzen freien Wölbung öffnen konnte. In unendlicher Weichheit bogen sich die trotzig süßen Brauen um die dunkelbraunen Augen, aus denen, wenn er sie forschend über die Versammlung hinwarf, auf flüchtige Augenblicke die Flammen eines herausfordenden Mutes, die Blitze einer entschlossenen Seele leuchteten, während wieder in andern Momenten ein träumerisches Halblicht, wie ein fliehender Mondstrahl über die dunkeln Rubinen streifte.