Der Schatten der Wälder - C. T. Grinreet - E-Book

Der Schatten der Wälder E-Book

C. T. Grinreet

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Beschreibung

Nachdem der Waldläufer Andri und sein treuer Begleiter Puck eine bewusstlose Frau finden und ihr helfen, wird ihre Welt auf den Kopf gestellt. Schon bald sehen sie sich mit Zweifeln und Ängsten konfrontiert, die ihre Freundschaft auf eine harte Probe stellen.

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Seitenzahl: 223

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Der Schatten der Wälder

TitelseiteEine mysteriöse FrauIm LagerAuf der Suche nach DiúndrielNeue VerbündeteDie GrotteDie Häscher des FeldherrnKoalitionen knüpfenJadeDas Herz des RadhālIn Ezras PalastDie SchlachtGefangenschaftDie SklavenDie WandlungImpressum

DER SCHATTEN DER WÄLDER

C. T. Grinreet

Das Buch:

Nachdem der Waldläufer Andri und sein treuer Begleiter Puck eine bewusstlose Frau finden und ihr helfen, wird ihre Welt auf den Kopf gestellt. Schon bald sehen sie sich mit Zweifeln und Ängsten konfrontiert, die ihre Freundschaft auf eine harte Probe stellen.

Impressum:

© 2016 C. T. Grinreet

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN: 9783741277030

Herstellung und Verlag: BoD - Books on Demand, Norderstedt

Eine mysteriöse Frau

Durch das dichte Blätterdach des Waldes brachen vereinzelte Sonnenstrahlen, die Säulen aus Licht bildeten, welche aus der Dunkelheit herausbrachen. Über dem Wald lag ein Nebel der Stille, welcher nicht einmal durch das Zwitschern eines Vogels gestört wurde und den Wald gleich einer toten Geisterstadt erscheinen ließ. Das laute Rascheln des Laubes sowie das vehemente Schnüffeln eines Hundes brachen die beinahe unerträgliche Stille. Puck hatte einen Geruch gefunden, den er nicht zuordnen konnte. 

Den Geruch eines Fremden. 

Er hob den Kopf und blickte zurück in die Richtung, aus der er gekommen war. 

Andri war noch hinter ihm, jedoch musste Puck aufpassen, dass er nicht zu schnell weiterlief. Wie er wusste, konnten Menschen nicht besonders gut riechen und deswegen vertraute er auch nicht darauf, dass Andri den sorgfältig gesetzten Wegmarkierungen folgen würde. Als er etwas näher gekommen war, senkte Puck wieder seinen Kopf und folgte weiter der Fährte die seine Neugierde geweckt hatte. Der Geruch, den er in der Nase hatte, wurde stärker und er wusste, dass er seinem Ziel immer näher kam. Die Intensität des Geruches der von fremden Blut ausgestrahlt wurde und beinahe alle anderen Gerüche überdeckte, war inzwischen so stark geworden, dass nun auch Andri ihn wahrnehmen musste. 

„Es riecht nach Blut, Puck“, flüsterte Andri seinem Kameraden zu. „Komm her, wir sollten lieber vorsichtig sein. Puck, komm zurück!“

Aber Puck hörte nicht auf seinen Freund. Er wollte wissen, was passiert war. Darüber hinaus wusste er noch nicht, was für ein Wesen verletzt war. Es roch auf der einen Seite zwar nach einem Menschen, andererseits waren da aber auch Gerüche, die er noch nie zuvor gerochen hatte. Vielleicht handelte es sich um ein ihm unbekanntes Wesen, dass mit einem Menschen unterwegs war, genau wie er selbst. Er ließ sich von Andris Versuchen ihn zurück zu locken nicht beeindrucken und folgte neugierig weiter der Spur, bis er zu deren Ursprung kam.

Puck legte seinen Kopf schräg und zog die Stirn in Falten. Vor ihm lag eine durchaus menschliche Frau, deren einzige Bewegung aus dem gleichmäßigen, vom Atmen verursachten, Heben und Senken der Brust bestand. Es sah zwar so aus, als würde sie schlafen, doch Puck wusste, das dem nicht so war. Er roch das Blut, dass ihre Haare verklebte und mit diesen zu einem schwarzen Schatten auf den Steinen verschmolz, die sich unter ihrem Kopf langsam verfärbten. Wenn sie noch mehr Blut verlor würde sie sterben. 

Ein Jaulen, dass sämtliche Tiere in der Umgebung aufschreckte entwich aus Pucks Kehle und alarmierte Andri, der dabei war seinen Freund einzuholen. Als er nach Luft schnappend am Schauplatz eintrat wich seine Anspannung, nachdem er erkannte, dass Puck unversehrt war. Während er die Beine in die Hand genommen hatte um zu ihm zu gelangen, war er in seinem Kopf bereits vom Schlimmsten ausgegangen. Seine Erleichterung wich jedoch schnell wieder der Angespanntheit, als er die Frau sah, die ihr Haupt auf Steinen gebettet hatte, welche sich inzwischen in einem See aus ihrem Lebenselixier badeten.

Bereits ein kurzer Blick reichte Andri aus um festzustellen, dass diese Frau ohne seine Hilfe dem Tode geweiht war. Er tauschte einen raschen Blick mit Puck aus und war bereits im nächsten Augenblick über ihren Kopf gebeugt und untersuchte vorsichtig ihre Wunde. Seine Finger huschten in den kleinen Beutel, den er an seinem Gürtel trug und förderten einige Kräuter zu Tage, welche er auf die Wunde drückte um die Blutung zu stoppen. 

Puck beobachtete die Szenerie und achtete darauf, Andri nicht abzulenken. Er hatte am eigenen Leib erfahren, dass man Andri die Versorgung von Wunden anvertrauen konnte. Vor fünf Jahren, als er noch ein junger Welpe war, war er in eine Falle von Wilderern geraten, die ihm eine Fleischwunde gerissen hatte, sodass er dachte verbluten zu müssen. Doch das Schicksal meinte es gut mit ihm und hatte ihm Andri geschickt, der sich, ohne lange zu überlegen, um Puck gekümmert hatte. Die Wunde war innerhalb von ein paar Tagen verheilt gewesen und hatte keine Spuren hinterlassen. Das hätten auch die Elfen des Waldes nicht besser machen können, da war er sich sicher.

Die Blutung der Frau ebbte langsam ab und kam schließlich gänzlich zum stehen. Die Kräuter hatten ihre Wirkung erfüllt. Andri riss einen Streifen Stoff aus seiner Kleidung und fixierte damit die Heilkräuter an dem Kopf der Frau. Er wusste, dass er damit die Wunde verschmutzen konnte, jedoch musste er sie von hier wegbringen, da er sie nicht einfach hier zurücklassen konnte. In der Umgebung gab es Bären und Wölfe, die einen Bissen Menschenfleisch durchaus zu schätzen wüssten, wenn sie die bewusstlose Frau fänden. Er hob sie vorsichtig vom Boden auf, wobei er darauf achtete, ihren Kopf ruhig zu halten und machte sich auf den Weg zu seinem und Pucks Lager.

Im Lager

Noch bevor sie ihre Augen öffnete hörte Kaya das leise Plätschern von Wasser und das prasselnde Knistern eines Feuers. Sie konzentrierte sich darauf, weitere Geräusche wahrzunehmen, was angesichts ihres schmerzenden Kopfes zur Herausforderung wurde. Ganz in der Nähe raschelte Laub und wer oder was auch immer dieses Rascheln verursachte kam näher. Noch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte wer oder was sich ihr näherte, hörte sie ein weiteres Rascheln und bereits einen Augenblick später fühlte sie, wie eine große, weiche Zunge ihr über das Gesicht fuhr.

„Aus! Puck, was soll denn das? Lass sie doch erst mal zu sich kommen, bevor du sie begrüßt“, ertönte die Stimme eines Mannes, der seinen Hund tadelte. Da Kayas Gesicht bereits nach dieser kurzen Zeit zur Hälfte Nass geworden war, musste es sich um einen Hund handeln, der sich durchaus mit der Größe eines Kalbes messen konnte. Sie wusste nicht, wem die Stimme gehörte, jedoch vermutete sie, dass es sich bei jemanden, der einen Hund mit sich führte um einen Jäger handeln musste. Ob er wohl zu den Männern gehörte, die sie verfolgt hatten?

Kaya wusste nicht was sie tun sollte und so hielt sie ihre Augen zunächst geschlossen und gab vor, noch immer bewusstlos zu sein. Vielleicht würde sie so noch einige Hinweise darauf bekommen, wer der Mann war und ob sie ihm vertrauen konnte. Im Moment, so viel stand für sie fest,  konnte sie niemandem vertrauen. Sie hörte, wie der Mann sich wieder zurückzog, jedoch blieb der Hund in ihrer Nähe. Sie hörte wie er hechelte und roch sein Fell. Er war ihr sehr nahe. Noch bevor sie abschätzen konnte wie nah er ihr war, spürte sie, wie er sich zu ihr legte und sie mit seiner Nähe wärmte. Sein Atem pustete ihr ins Gesicht. 

Als sie blinzelte sah sie den Kopf eines Hundes, der ihre Nasenspitze beinahe mit der Schnauze berührte. Als er bemerkte, dass sie wach war, sprang er auf. Geifer tropfte von seinen Lefzen und er leckte ihr übermütig durch das Gesicht. Sie versuchte seinen Kopf von sich zu drücken, jedoch hatte sie keine Chance. Dennoch versuchte sie ihre Arme vor ihr Gesicht zu legen um sich vor den freudigen Attacken des Hundes zu schützen. 

Puck hingegen sah in ihren Gesten eine Aufforderung zum Spielen und so hüpfte er auf und ab, grunzte vor Vergnügen und wedelte aufgeregt mit dem Schwanz. Er versuchte immer wieder ihr über das Gesicht zu lecken und ihr durch sein Anstupsen, Grunzen und Quieken weitere Reaktionen zu entlocken. 

Andri bemerkte Pucks aufgeregtes Verhalten und eilte zu den beiden herüber. 

„Puck, was soll denn das? Hör auf! Lass sie in Ruhe“, schimpfte er und ließ Puck durch seinen Blick verstehen, dass er von dessen Verhalten enttäuscht war. „Du weißt genau, dass sie verletzt ist und Ruhe braucht. Außerdem weißt du doch gar nicht, ob sie mit dir spielen will, oder hat sie dir das etwa gesagt“, versuchte er Puck zu erklären. 

Puck schnaubte enttäuscht und ließ sich zu Boden fallen. Er hatte Andri nicht wütend machen wollen und er wollte der Frau ja auch gar nichts tun. Er hatte nur mit ihr spielen und ihr Freund werden wollen. Warum war Andri jetzt so enttäuscht von ihm? Mit Andri durfte er schließlich auch immer spielen, wieso also nicht mit der Frau? 

Unterdessen hatte sich Andri wieder der Frau zugewandt um nachzusehen ob Puck die Verbände beschädigt hatte. Seine Sorge löste sich in Luft auf, als er feststellte, dass Puck trotz seiner Spielereien nichts zerstört hatte. Sein Blick traf schließlich den der Frau, die sichtliche Probleme damit hatte, Andris Erscheinungsbild einzuordnen. Sie sah einen Mann vor sich, dessen Gesicht zum größten Teil von Haaren verdeckt wurde. Sein Kopfhaar reichte bis über seine Augen und sein Bart hatte ebenfalls eine vergleichbare Länge erreicht. Kurzum war er keine Erscheinung, die man in den Städten von ganz Shenmia antreffen würde. Höchstens die Bettler auf den Straßen der großen Städte kamen seinem Erscheinungsbild nahe. 

„Kannst du mich verstehen“, fragte Andri sie. Als sie ein leichtes Nicken andeutete fuhr er fort. „Mein Name ist Andri und das ist Puck. Es tut mir Leid, wenn er dir Angst eingejagt haben sollte, aber er scheint dich zu mögen und wollte sich nur mit dir anfreunden.“ Seine Gesichtszüge formten ein Lächeln und er winkte Puck zu sich. Dieser sprang auf und eilte zu den beiden Menschen in der Hoffnung endlich mit Kaya spielen zu dürfen, jedoch wurde seine Hoffnung enttäuscht als Andri ihm andeutete sich zu setzen.

„Puck hat dich in der Nähe der Höhle eines ziemlich mürrischen Braunbären gefunden. Du bist mit dem Kopf auf einen Stein gefallen und hast ziemlich viel Blut verloren, deswegen solltest du dich besser noch ein wenig ausruhen“, erklärte Andri. „Wie lautet dein Name? Und was hast du überhaupt in dieser Ecke des Waldes gesucht?“

„…ich heiße Kaya“, antwortete sie zögerlich und verstummte wieder. Sie musste nachdenken. Konnte sie diesem Mann wirklich vertrauen oder würde er sie bei ihren Verfolgern abliefern sobald er herausfand, dass sie aus der Gefangenschaft entflohen war? Die Wunde an ihrem Hinterkopf sendete einen erneuten Strahl der Schmerzen aus und legte ihr Gehirn lahm. Andri sah den Schmerz in ihrem Gesicht und sprang auf um einen Augenblick später mit einigen Kräutern wiederzukommen, die er in einem Mörser zu einem übel riechenden Brei zerstampfte und ihr einflößte. Sie verzog ihr Gesicht zu einer  angewiderten Grimasse.

„Ich weiß, es schmeckt nicht besonders gut, aber es wird deine Schmerzen lindern“, erklärte Andri. „Versuch ein wenig zu schlafen und dich auszuruhen, dann wird es dir bald wieder besser gehen. Ich werde in der Zwischenzeit etwas zu Essen suchen. Puck wird bei dir bleiben, es gibt wirklich keinen besseren Beschützer als ihn!“ Dann wandte er sich Puck zu und bat ihn auf Kaya aufzupassen, während er auf die Jagd ging. Noch während er mit Puck redete schlief Kaya ein.

Als sie wieder erwachte nahm Kaya den Geruch von gebratenem Fleisch wahr. Sie öffnete die Augen und sah, dass Puck noch immer neben ihr saß. Sabber floss ihm in strömen von den Lefzen und sein Blick war auf den Spieß über dem Lagerfeuer fixiert, über welchem ein Hase gebraten wurde. Das Knurren ihres Magens erinnerte sie daran, dass auch sie seit längerer Zeit nichts mehr gegessen hatte und nun lief auch ihr das Wasser im Munde zusammen. Andri nahm den Hasen vom Feuer und gesellte sich zu den beiden um den Hasen gerecht aufzuteilen. Puck schlang seinen Anteil mit wenigen Bissen gierig herunter und begann anschließend damit Andri und Kaya um einen Nachschlag anzubetteln. Allerdings hatte er mit diesen Versuchen keinerlei Erfolg. 

„Du siehst nicht aus wie jemand, der sich im Wald auskennt. Was hast du also so tief im Wald gemacht? Die meisten Menschen, die sich so weit in den Wald hineinwagen finden nicht wieder heraus.“ Andri war neugierig geworden, mit wem er es zu tun hatte. Er hatte nicht oft die Gelegenheit gehabt auf andere Menschen zu treffen.

„Warum bist du dann hier im Wald? Findest du den Weg auch nicht mehr heraus“, lenkte Kaya von seiner Frage ab.

„Ich bin hier in diesem Wald aufgewachsen und lebe hier. Das ist mein zu Hause und ich könnte mir keinen schöneren Ort vorstellen. Ich treffe hier allerdings nicht oft auf Menschen, nur auf Elfen. Also sag schon, was hat dich hierher geführt?“ Andris Augen begannen zu funkeln. Irgendetwas an seiner Art veranlasste Kaya dazu ihm zu vertrauen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass dieser Mann etwas Böses im Schilde führen könnte.

„Man hat mich und meine Familie gefangen genommen und uns als Sklaven verkauft. Ich konnte fliehen, wurde jedoch verfolgt und ich wusste einfach nicht wie ich ihnen entkommen sollte. Also bin ich in den Wald hineingerannt, wo ich sie abhängen konnte. Als ich mich umgedreht habe um nachzusehen ob sie noch hinter mir her waren muss ich wohl gestolpert sein. An mehr erinnere ich mich nicht.“ Als sie über ihre Familie sprach, erschlafften ihre Gesichtszüge ein wenig, jedoch schaffte sie es ihre Fassung zu bewahren.

Andri spürte ihre Traurigkeit und nahm sie in den Arm und auch Puck schien sie trösten zu wollen und stupste ihren Ellbogen zur Seite, sodass er seinen Kopf unter ihren Arm zwängen konnte um sich an sie zu schmiegen. In diesem Augenblick wusste sie, dass sie in den beiden Freunde gefunden hatten und so entschied sie sich dazu die beiden um Hilfe zu bitten.

Sie rannte und rannte. Ihre Lungen und Beine brannten, jedoch konnte sie nicht aufhören zu rennen. Würde sie auch nur für einen kurzen Moment innehalten, würde sie wieder in Gefangenschaft enden. Ihr stünden der Tod oder schlimmer noch die Folter bevor. Sie hielt sich ihr Schicksal vor Augen, wodurch sie in der Lage war über die Grenzen ihres Körpers hinauszuwachsen. Sie blieb nicht stehen.

Ein Blick über die Schulter. Waren sie noch hinter ihr? 

Sie spürte wie ihr Fuß etwas berührte und daran hängen blieb. Sie spürte den Zustand des Fallens wie in Zeitlupe ablaufen. War das ihr Ende? Sie spürte, wie ihr Kopf hart aufschlug und mit einem fremden Gegenstand eine Verbindung einging. Es wurde dunkel.

Keuchend schreckte Kaya aus ihren Träumen hoch. Sie fühlte die Feuchtigkeit des Schweißes, der ihren Körper benetzte. Neben ihr schnarchte Puck, der seit ihrer Ankunft nicht mehr von ihrer Seite gewichen war. Ihr Atem beruhigte sich wieder, als sie realisierte, dass sie hier in Sicherheit war. Sie strich sanft über Pucks Fell und spürte die beruhigende Wirkung seiner Wärme und seines gleichmäßigen Atmens. Puck spürte ihre Berührung und kuschelte sich dichter an sie heran. Er legte schützend seinen Kopf auf ihren Schoß, als wollte er ihr damit sagen, dass er über sie wachte. 

Etwas weiter von ihr entfernt hörte sie das leise Schnarchen Andris. Ansonsten lag über ihnen eine erdrückende Stille und Finsternis. Seufzend ließ sie sich auf den weichen Waldboden zurück sinken und versuchte erneut Schlaf zu finden. 

Es wollte ihr nicht gelingen.

Kayas Gedanken kreisten um ihre Gefangenschaft, ihre Eltern und die anderen Sklaven aus ihrem Dorf, die sie in ihrer Knechtschaft noch näher kennengelernt hatte. Niemand von ihnen hatte es verdient versklavt zu werden. Irgendwie musste sie zurückkehren und die anderen befreien. Jeder von ihnen hatte das Recht frei zu sein. Dafür würde sie mit allem kämpfen, was sie zu bieten hatte. Jedoch wusste sie auch, dass sie alleine keine Chance gegen die Soldaten hatte, die sie bewachten. Sie fragte sich ob Andri ihr helfen könnte und noch wichtiger, ob er ihr überhaupt zu helfen bereit war, immerhin schien er nicht sehr begierig darauf zu sein den Wald zu verlassen.

Als Andri erwachte war der Wald von den für die Umgebung typischen vereinzelten Lichtsäulen erhellt. Er blickt zu Puck, der zufriedene Geräusche von sich gab, während er sich von Kaya kraulen ließ. Auf Andris Gesicht bildete sich ein Lächeln, Puck hatte also eine neue Freundin gefunden. Von den beiden unbemerkt kümmerte er sich darum in der Umgebung nach Beeren und Wurzeln zu suchen, die er in ein nahrhaftes Frühstück verwandelte. Während er und Kaya aßen machte sich Puck auf die Suche nach etwas Besserem und kehrte mit einer Ratte zurück, die er gierig verschlang.

Schließlich brach Kaya das Schweigen um loszuwerden, was ihr seit der Nacht auf der Seele brannte. „Andri, du und Puck… ich… ich brauche eure Hilfe“, stammelte sie. Sie wusste nicht, wie sie die beiden hatte  fragen sollte und nun war es einfach aus ihr herausgeplatzt. 

Andri blickte zunächst fragend drein, lächelte sie dann aber warm an. „Keine Sorge, wir kümmern uns um dich, bis es dir wieder besser geht. Puck würde dich am liebsten gar nicht mehr gehen lassen“, erwiderte er freundlich.

„Das ist sehr freundlich von euch“, entgegnete Kaya. „Aber ich brauche eure Hilfe noch in einer anderen Angelegenheit. Es… es geht um meine Familie.“ Sie starrte zu Boden, wohl wissend, dass das was sie da von den beiden verlangte von einem Ausmaß war, für welches sie sich unmöglich revanchieren konnte. Andris Augen weiteten sich. 

„Hattest du nicht gesagt, dass deine Familie ebenfalls gefangen genommen worden ist? Ich… Puck… ich meine, wir können nicht… nicht einfach so aus dem Wald und in eine Stadt…“, stammelte er vor sich hin.  

„Stell dir vor sie hätten Puck gefangen genommen. Würdest du nicht versuchen ihn zu befreien?“ In Kayas Augen lag ein Ausdruck der Trauer und des Schmerzes. 

„Natürlich würde ich das“, antwortete Andri ohne lange zu überlegen. „Es ist nur so, dass ich noch nie in einer Stadt war, ich würde mich dort vermutlich nicht einmal zurechtfinden… Und außerdem bin ich kein Kämpfer, ich wäre wahrscheinlich keine große Hilfe“, fügte er leise hinzu. Aus Kayas Gesicht schwand die Hoffnung und es schmerzte ihn, zu sehen wie sie immer verzweifelter wurde. „Wir brauchen Diúndriel“, platze er nach kurzer Überlegung heraus.

„Diúndriel?“ Kaya sah ihn fragend an. Wer oder was war Diúndriel, sie hatte ein solches Wort noch nie zuvor gehört und konnte nicht sagen ob es sich um einen Namen für eine Pflanze, ein Tier oder einen Menschen handelte. 

„Diúndriel“, rief Andri freudestrahlend über seinen Einfall. „Warum bin ich da nicht eher drauf gekommen? Diúndriel kennt sich mit den Menschen aus! Sie hat schon viele Städte bereist und spricht sogar verschiedene Menschensprachen. Außerdem ist sie eine fantastische Kämpferin!“ Er lachte laut auf, sodass Puck erschrocken aufsprang und ihn ansah. 

„Und wo finden wir Diúndriel“, fragte Kaya, deren Gesicht sich wieder aufhellte. Sie hatte neue Hoffnung gesammelt. Wenn nicht nur Andri und Puck ihr helfen würden, sondern sogar noch jemand, der Erfahrung im Kampf hatte, bekam ihr Vorhaben tatsächlich eine realistische Chance. Vielleicht würden sie es sogar schaffen, Rache an dem Adligen zu nehmen, der sie von den Sklavenhändlern erstanden und so schlecht behandelt hatte. Sie schöpfte neuen Mut aus dieser Vorstellung, den Andri mit seiner prompten Antwort direkt wieder zerstörte: „Keine Ahnung!“ Er strahlte sie paradoxerweise mit einer Freude an, als hätte er Diúndriel bereits gefunden.

„Und wie sollen wir jemanden finden, wenn wir nicht wissen wo er ist“, fragte Kaya skeptisch, sie begann daran zu Zweifeln, ob es wirklich eine gute Idee war Andri um Hilfe zu bitten. Sein Geisteszustand schien in einem kritischen Zustand zu sein, vermutlich hatte ihm das Leben im Wald nicht gerade gut getan, schlussfolgerte sie.

„Naja, ich habe zwar keine Ahnung, wo sie ist, aber Gerindor weiß bestimmt, wo sie sich aufhält. Und wenn nicht, dann befragt er einfach die Bäume und den Wind“, erklärte Andri ohne sich darüber bewusst zu sein wie absurd das von ihm gesagte auf Kaya wirkte. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie jemand mit den Bäumen oder dem Wind reden konnte. So etwas war in der Welt der Menschen ein Ding der Unmöglichkeit und jeder der das Gegenteil behauptete wurde von der Allgemeinheit als geisteskrank eingestuft. 

„Am besten wir machen uns direkt auf den Weg, der große Baum ist einige Stunden von hier entfernt“, überlegte Andri. „Wenn wir uns jetzt auf den Weg machen, könnten wir es schaffen bevor es wieder Dunkel wird.“

„Der große Baum?“ Kayas Verwirrung wuchs immer mehr, was sollten sie denn bei einem Baum? Wie sollte ein großer Baum unter hunderten von Bäumen ihnen irgendwie weiterhelfen? 

Andri sah sie verdutzt an. „Was hast du denn gedacht wo wir Gerindor finden? Er ist nicht mehr so oft auf der Jagd, wie früher. Inzwischen kümmert er sich lieber um die Verehrung von Erdenmutter und Himmelsvater. Also wird er wahrscheinlich im großen Baum sein, wie die meisten aus der Sippe“, erklärte er ihr. Als er jedoch sah, dass ihre Verwirrung durch seine Erklärungen nicht gerade gemindert wurde, fiel ihm ein, dass Diúndriel ihm erzählt hatte, dass die meisten Menschen noch nie etwas mit Elfen zu tun hatten. „Alle Waldelfen haben einen großen Baum, den sie bewohnen. Gerindor ist einer von ihnen. Als ich noch ein Kind war, hat seine Sippe mich aufgenommen und sich um mich gekümmert“, fügte er hinzu.

„Elfen“, keuchte Kaya und riss ihre Augen so weit auf, dass sie aus den Höhlen zu fallen drohten. Als sie das Wort das erste Mal aus seinem Mund gehört hatte, hatte sie es noch auf ihre Verletzung geschoben, doch sein erneutes erwähnen dieser Rasse zeigte ihr, dass er es ernst meinte. Sie hatte zwar in Mythen und Legenden von Elfen gehört, jedoch hatte sie nie daran geglaubt, dass es sie wirklich gab und nun war sie selbst kurz davor welche mit eigenen Augen zu sehen. 

„Waldelfen, genau. Diúndriel ist übrigens eine Bergelfe, sonst wäre sie vermutlich nicht so viel unterwegs“, lachte Andri. „Waldelfen sind eher sesshaft, sie verlassen ihren Wald nur im äußersten Notfall. Bergelfen hingegen sind oft auf Wanderschaft, vermutlich alleine schon um den Zwergen und Drachen aus dem Weg zu gehen, mit denen sie ihre Heimat teilen. Aber wir haben schon viel zu viel Zeit verschwendet, bei deiner Verletzung wirst du nicht rennen können. Also sollten wir so schnell wie möglich losgehen, oder was meinst du Puck?“ Andris Enthusiasmus wirkte ansteckend und so war Puck bereits aufgesprungen und bellte zustimmend und voller Freude mit dem Schwanz wedelnd. Dann lief er los.

Kaya blieb nicht genügend Zeit um noch großartig über Sinn und Unsinn dieser Aktion nachzudenken. Wenn sie sich nicht gleich in Bewegung setzte würde sie die beiden verlieren, die ihr bereits ein gutes Stück voraus waren. Da sie alleine keine Chance hatte im Wald zu überleben, geschweige denn wieder hinauszufinden ging sie schnellen Schrittes hinter ihnen her und schloss zu ihnen auf. 

Während ihrem langen Marsch verschwand Andri ab und zu um mit einigen Beeren und anderen Waldfrüchten zurückzukehren, mit welchen er sich und Kaya versorgte. Wenn Andri nicht gerade fort war, verschwand Puck um auch für sein leibliches Wohl zu sorgen. Kaya hingegen war sich nicht sicher was sie davon halten sollte. Zum einen war sie zwar nie auf sich allein gestellt, zum anderen irritierte sie das wortlose Verschwinden der beiden jedoch auch, da sie nie genau sagen konnte ob und wann sie zurückkommen würden und was genau sie vor hatten. Dennoch fand sie sich nach einiger Zeit mit ihrem Verhalten ab und vertraute darauf, dass sie sie nicht im Stich lassen würden. 

Kaya schmerzte nach einiger Zeit nicht nur ihre Verletzung, sondern auch die Füße. Sie mussten bereits stundenlang unterwegs sein. Auch die Lichtsäulen die hier und da das dichte Laubdach des Waldes durchbrachen wurden schwächer. Andri bemerkte schließlich, dass Kaya durch das schwächer werdende Licht Probleme damit bekam, die Unebenheiten des Waldbodens zu erkennen. Aus diesem Grund entschied er, dass sie den Rest des Tages, sowie die Nacht über ein Lager aufschlagen und erst am nächsten Tag weiterziehen sollten, da noch ein beachtliches Stück Weg vor ihnen lag. 

Kaya nahm diesen Vorschlag dankend an und schlief bereits kurz nachdem Andri ein Feuer entfacht hatte ein. Sie erwachte schließlich, als sie Stimmen in einer fremden, nicht von dieser Welt zu stammen scheinenden Sprache reden hörte. Sie blinzelte verschlafen und versuchte ihre Augen an die ungewohnte Dunkelheit zu gewöhnen. Sie erkannte die Silhouette Andris und die einer weiteren, sehr schmalen und langen Person. Diese Person sprach, als würde sie mit mehreren Stimmen gleichzeitig sprechen und der Klang seiner Worte war für sie undefinierbar und dennoch hatte sie das Gefühl, dass dieser Klang sich perfekt in das Rauschen der Blätter einfügte.

Als Andri bemerkte, dass sie erwacht war, lief er freudestrahlend auf sie zu. „Kaya, wir haben Glück! Das ist Gerindor.“ 

Kaya richtete sich bedächtig auf und versuchte mehr von Gerindor zu erkennen, als nur seine Silhouette, jedoch vergeblich. „Darf ich mich ihm nähern“, fragte sie ehrfürchtig. Nie zuvor war sie einem Elfen so nah gewesen und nun, wo sie einen zumindest erahnen konnte, war das Licht zu schlecht um Details erkennen zu lassen.

„Aber natürlich“, antwortete Andri. „Allerdings wird er kein Wort von dem was du sagst verstehen, er spricht nur die Sprache der Elfen, der Tiere, der Bäume und des Windes.“ So wie Andri diese Worte aussprach klang es, als sei es das selbstverständlichste auf der Welt, diese Sprachen zu beherrschen. Kaya verschwendete jedoch keinen weiteren Gedanken an Andris Worte und ging mit langsamen Schritten auf Gerindor zu.

Auf der Suche nach Diúndriel

Es war schließlich Andris Stimme, die Kaya aus ihrer Trance befreite. Sie wandte sich in die Richtung aus der die Stimme zu hören war und sah, dass Andri mit Puck so eine Art Lagebesprechung zu führen schien. Bei diesem Anblick musste sie schmunzeln, er ging mit dem Hund um, als wäre dieser ein Mensch. Verständnislos schüttelte sie den Kopf, dieser Kerl wurde wirklich immer merkwürdiger. Nachdem sie die beiden eine Weile lang beobachtet hatte, gesellte sie sich schließlich zu ihnen. 

„Gerindor hat mir erzählt, dass Diúndriel vor einigen Tagen im großen Baum zu Gast war. So wie es aussieht, scheint sie irgendetwas in der näheren Umgebung zu suchen. Er erwähnte eine unterirdische Höhle oder etwas in der Art. Leider muss ich zugeben, dass ich von keiner Höhle in der näheren Umgebung weiß, die für sie interessant sein könnte. Die Bären- und die Wolfshöhle kennt sie bereits mitsamt ihren Bewohnern, also wird sie sich wohl kaum dort aufhalten. Ich habe mit Puck gesprochen und er wird versuchen ihre Spur zu finden, wenn wir dem großen Baum näher kommen“, weihte Andri sie in die Einzelheiten ein.

Kaya dachte einen Moment über seine Worte nach. Wenn sie wirklich hier irgendwo in der Nähe war, hätten sie vielleicht wirklich eine reelle Chance sie zu finden. „Traut Puck sich denn zu, dass er sie findet“, fragte sie skeptisch.

„Er ist der beste Fährtenleser weit und breit“, erwiderte Andri mit stolzgeschwellter Brust und tätschelte seinem Freund liebevoll den Kopf. Puck schmiegte seinerseits seinen Kopf in die Berührung und begann kurz darauf intensiv zu schnüffeln, als wollte er Kaya beweisen, dass er auch wirklich alles und jeden auffinden könnte. 

Als sie, wie Andri versicherte, dem großen Baum näher kamen schlug Puck plötzlich an. Er hatte Diúndriels Fährte gewittert. 

„Perfekt, er hat sie gefunden. Er hat ihre Spur gefunden! Ich sag doch, es gibt keinen besseren Spürhund als ihn“, quiekte Andri vergnügt. „Wartet einen Moment hier, dann werde ich schnell zur Baumquelle rennen und unseren Wasserschlauch auffüllen, es wäre nicht gut, wenn wir ohne Wasser daständen.“ Noch während er die Worte sprach hatte er sich auch schon in Bewegung gesetzt und rannte in einer hohen Geschwindigkeit davon. 

Kurze Zeit später kam Andri schnaufend zurück. Puck, der vor lauter Aufregung schon ungeduldig auf ihn gewartet hatte, grunzte ihn kurz wütend an und folgte eilig der Spur. Seine Schnauze durchwühlte gierig das Laub des Waldbodens und Geifer tropfte ihm von den Lefzen. Zwischendurch hob er immer wieder den Kopf um sich zu vergewissern, dass seine Freunde noch hinter ihm waren. 

Schließlich blieb Puck jedoch wild schnüffelnd stehen. Seine menschlichen Freunde holten ihn schließlich ein, doch er schnüffelte unbeirrt weiter. Andri legte seine Stirn in Falten und betrachtete den Hund nachdenklich.