DER SCHATTEN DES CHARON - Amelie Bitar - E-Book

DER SCHATTEN DES CHARON E-Book

Amelie Bitar

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Beschreibung

Das vorliegende Buch knüpft an Buch 1: Vater an. Darin erzählt Anandalal die Geschichte ihres Lebens weiter, ergänzt durch die Sicht anderer. Aus der jungen Prinzessin von Thale ist eine Magierin, Ehefrau und Mutter geworden, die sich in der Fremde behaupten muss. Aber wie in der Prophezeiung vorhergesagt, kommt der Tag, an dem der Himmel Feuer speit, und ihre Welt wird auf den Kopf gestellt. Nicht nur die äußere Welt, auch die innere wird hier immer wieder infrage gestellt: Was ist gut, was ist böse? Was ist, wenn man realisiert, dass man das Böse selbst verkörpert? Die Gegensätzlichkeit wird aufgehoben, wohnt dem einen doch das andere inne.

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Seitenzahl: 608

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Amelie Bitar

Der Schatten des Charon

Buch 2: Sohn

Gewidmet

Ville Valo

Impressum:

© 2020 Amelie Bitar

Lektorat, Satz u. Umschlaggestaltung

Angelika Fleckenstein, Spotsrock

Umschlagbild: Freek van den Beukel

ISBN

978-3-374-01109-0 Paperback

978-3-374-01110-6 Hardcover

978-3-374-01111-3 e-Book

Verlag und Druck:

tredition GmbH

Halenreie 40–44

22359 Hamburg

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

AMELIE BITAR

DER SCHATTENDESCHARON

BUCH 2: SOHN

Inhalt

Siebenbergen

Eklipse

Arcadia

Melisander

Bethel

Nicholas

Kunti

Incubus

Lothunder

Das Hohelied

Loki

Thale

The second coming

Der Reigen

Epilog

I am me and I am I

I am yours and I am thine

I’m every woman, it’s all in me

For He gave me heart and destiny.

The Lord is my shepherd, so I was told

For ages past I’m searching in the cold

Material world of which I’m part

I never gathered the strength of heart

To conqer myself and egotistic desire

I’m seeking advice and inquire, inquire

I’m restless and battered and longing so deep

For the aged old wine my soul was to heed.

BUCH ZWEI:SOHN

Es ist kalt.

Der Schnee knirscht unter meinen schweren Schritten, scheint meinem Gewicht nicht nachgeben zu wollen. Eiskristalle sammeln sich in meinem Schal, mein Atem geht schwer und langsam. Dampf steigt auf von meiner Kleidung, vereint sich in kleinen Wölkchen mit meinem Atem, aufsteigend wie lebende Gestalten, Geister, die fordernd Zutritt zu meinen Gedanken verlangen, unermüdlich pochend und stampfend wie mein Herz. Ich höre es überlaut tief in meinem Inneren pulsieren, höre das warme Blut rauschen, fließen wie der eiskalte, reißende Fluss an meiner Seite. Sein Glucksen vermischt sich mit dem Geräusch meiner Schritte zum einzigen hörbaren Laut in einer Welt aus Eis und Schnee. Das Wasser scheint zu murmeln, tiefe, unergründbare Geheimnisse vor sich hin zu wispern, während es über steinhart gefrorene Wurzeln und Gräser springt. Mein Weg führt in ein tiefes, gleißendes Weiß, das das Licht der Sonne absorbiert zu haben scheint, zu einem prachtvollen, blendenden Palast ohne Ende, ohne Unterschiede zwischen Weg und Wald, Himmel und Erde, Farben, Lauten und Wesen.

Der Wald wirkt verzaubert, fast erwarte ich, Märchengestalten auftauchen zu sehen, Feen, die auf Lichtungen tanzen, mit zarten fremdartigen Antlitzen und Schleiern wie aus einem Atemhauch; oder Elfen mit goldenen Haaren und sanften Flügelschlägen, die zwischen den Bäumen umherhuschen. Doch keine Bewegung erreicht meine Sinne außer dem stetigen Wallen des Dampfes, der sich überall von dem Fluss aus über den steinharten Boden erhebt und sich zu Nebel verdichtet. Wie der Giebel einer Kathedrale erheben sich die Baumwipfel weit über mir in heiliger Stille. Es ist so klirrend kalt, dass sich kein Blatt zu regen vermag, die Luft schneidet in meine Haut, scheint durch meine Kleider in meine Knochen zu kriechen wie etwas Kaltes, Besitzergreifendes. Die Luft riecht nach Schnee und Kälte und Reinheit.

Ich bleibe stehen und halte den Atem an, mein Inneres scheint sein Echo in der absoluten Stille außerhalb zu finden. Bin ich das einzige lebende Wesen in einer Welt aus Kälte und glanzvollem Funkeln? Der Wald hat von mir Besitz ergriffen, ich spüre, was in ihm passiert, fühle seine Ausdehnung, unendlich, alles, was zählt. Ich wachse über meine körperlichen Grenzen, bin der Wipfel über mir, sich erstreckend in einen stahlblauen, klaren Himmel und bin der Stein zu meinen Füßen, rundgeschliffen von der Zeit. Ich brauche eine Ewigkeit, um mich wiederzufinden. Mein eigenes Herz hallt echogebend im Wald wider, gibt ihm Leben und Farbe.

Ich setze mich nieder und lasse meine starren Hände in meinem Schoß ruhen, letzte Lichtstrahlen, die ihren Weg durch das Astgewirr gefunden haben, tanzen vor meinen müden Augen, spiegeln sich millionenfach in den Membranen jedes einzelnen Schneekristalls, springen von Ast zu Ast, werden zurückgespiegelt in einem ewigen Kreislauf. Der kalte, harte Boden unter mir drängt meine Wärme zurück, die Kälte beißt in meinen Leib. Mein Kopf sinkt zurück, und durch halb geschlossene Lider schwebt der dichte Nebel in meine Gedanken, dick und greifbar, wie eine mitleidige Mauer des Vergessens, des Trostes und des Schlafes.

Ich kann die Bäume mir gegenüber nicht mehr von ihrer Umgebung unterscheiden. Schleier wehen und tanzen einen einzigartigen Reigen, und ich weiß, er ist für mich. Mir ist, als höre ich einen Klang von ferne, wie die süßen Glocken einer Fee. Oder war es zart und so lieblich wie eine Engelsharfe, mal lockend und verspielt, mal traurig, klagend? Ich sehe den Mond in meinem Blickwinkel, wenn ich den Kopf drehe, er hängt voll und hell über der glitzernden Szenerie und erleuchtet das einsame Bild. Die altbekannte Melodie steigt auf aus allen Richtungen, einzelne Töne wie verlorene Träume, fragend, zerbrechlich, zum alles verschlingenden Mond. Ich merke, dass mein Atem flach wird. Der Schlaf übermannt mich. Nichts regt sich mehr. Die sanfte Stimme eines Engels ist an meinem Ohr, und die Nebel bemächtigen sich meiner, und meine Seele tanzt und singt in die Höhe bis in alle Ewigkeit.

Siebenbergen

„Cain”

Tiamat

Anandalal, die frisch gekrönte Prinzessin von Siebenbergen, kehrte gemächlich zurück in ihre neue Heimat, die sie eiligst nach ihrer Hochzeit mit dem Prinzen verlassen hatte. Diesmal jedoch trieb keinerlei Hast sie auf ihrer Reise. Sie ritt tagsüber auf ihrem treuen Schimmel und rastete in den Nächten in den Gaststätten am Wegesrand. Es war ihr ein Leichtes, die Spuren ihres Pferdes, ebenso wie die in den Köpfen und Gedanken derer, denen sie begegnete, hinter sich zu verwischen, und sie tat es fast selbstverständlich, ohne viel darüber nachzudenken. Die meiste Zeit war sie in tiefe Gedanken versunken und sprach mit keinem Menschen auf dem Weg, wo es sich vermeiden ließ. Sie hätte ohne viel Aufwand verschwinden können, irgendwo in das karge Niemandsland abseits des Weges, das zwischen Siebenbergen und Hallaughglen lag. Es wäre nicht schwierig gewesen, und niemand aus ihrer Familie hätte sie gerade hier zu suchen vermocht. Sie hätten nie herausfinden können, wo sich ihre Spur verlor. Doch diesen Gedanken verfolgte sie nicht weiter. Was wäre das für ein Leben, im Schatten und weit weg von allen Menschen, die sie liebte? Sie dachte nur lange darüber nach, was alles geschehen war in letzter Zeit, wie sehr sich ihr Leben verändert hatte. Sie befand sich in keiner schlechten Lage, wie oft sie auch darüber nachdachte und alles vor ihrem geistigen Auge drehte und wendete und obwohl sie absolut unfreiwillig in diese Situation hineingeraten war.

Ihr Vater hatte sie gezwungen, zu heiraten, ihn, den groben Prinzen von Siebenbergen, gegen ihren Willen. Aber er hatte wahrscheinlich das Beste für sie gewollt und letztendlich auch für Thale, ihre geliebte Heimat. Nach allem, was sie über die Feindschaft der beiden Länder wusste, war sie selbst das Blutpfand, das nun den Frieden garantierte. So wie damals der arme Priom, dem es noch viel schlimmer ergangen war, den man als Friedensbringer weggab zu den Feinden, als er noch ein Baby war. Gut, dass er nichts davon zu wissen schien.

Lal konnte Liam nicht wirklich grollen. Außer, dass er ihr niemals Rede und Antwort gestanden hatte, darüber, was damals mit ihrer Mutter tatsächlich passiert war. Er hätte von Anfang an die ganze Geschichte ihrer Mutter mit ihr teilen sollen: mit der Magie, die außer Kontrolle geriet, und dem tragischen Selbstmord. Das hätte sie vorbereitet auf das, was später passiert war. Aber er hatte ihr nicht vertraut, oder darauf gehofft, dass sie die Magie verlieren würde, wenn er nur nicht darüber redete. Nun, das war etwas, dass sie ihm nicht wirklich verzeihen konnte. Er selbst hatte sie in die Lage gebracht, in der sie jetzt war, in der sie sich jemandem hatte anvertrauen müssen, der alles wusste von ihrer Familie, ihrer Geschichte, ihrer Magie. Dem Sohn des Königs der Hölle.

Hatte er sie damit letztendlich in seine Arme getrieben? Nichtsdestotrotz schien es ihr, dass es das Beste war, das ihr hatte passieren können. Musste sie ihrem Vater dafür nicht sogar dankbar sein? Liam wäre sehr ungehalten, wenn sie ihm so etwas ins Gesicht sagen würde. Zum Glück wusste er ja wohl bis heute nichts Genaues von dem Umgang seiner Tochter mit Dyonisos. Was Liam wohl tun würde, käme er dahinter? Hasste er Dyonisos nur, weil er Lal von der Magie erzählen könnte? Oder hasste er ihn, weil er das Böse verkörperte? Aber was wusste ihr Vater vom Bösen in der Welt? Was verstand er von den Dingen und Lektionen, von denen ihr der sogenannte Böse erzählt hatte?

Von allen Menschen und Wesen, die ihr bisher begegnet waren, war Dyonisos wahrhaft der Mysteriöseste. Aber auch der Interessanteste. Er hatte ihr niemals Böses angetan. Er hatte ihr Böses gewollt, ganz am Anfang, das hatte er zugegeben, getan hatte er ihr aber nichts. Ganz im Gegenteil. Er war es, der dafür gesorgt hatte, dass sie heil und unbeschadet von all ihren Reisen nach Thale zurückkehrte. Er hatte für ihre Sicherheit gesorgt, teilweise zu seinem eigenen Nachteil. Und er hatte ihr bis ganz zuletzt ehrenhaft und gradlinig die Wahl gelassen. Nein, er war ehrlich und fair zu ihr gewesen. Wenn der Satan ehrlich und fair war, wer war dann sein Gegenspieler?

In ihrem Kopf folgte ein Gedanke dem nächsten. Sie fühlte sich ausgeruht und entspannt, während sie so vor sich hin sinnierte. Sie wusste nicht genau, wo es herkam, aber das Blut sang in ihren Adern, ihr Kopf war klar und frei. Sie spürte eine kribbelnde, lebendige Energie in sich kreisen, die sie voller Kraft und Magie in die Welt ausstrahlte, sodass sie manchmal aus voller Kehle vor sich hin sang, wenn sie sich allein dünkte, während sie ruhig auf dem Pferderücken gemächlich des Weges ritt.

Einige dunkle Wahrheiten hatte sie über sich und ihre Familie erfahren. Und auch wenn sie sich diese anders gewünscht hätte, gab ihr das Wissen eine innere Ruhe und Frieden. Noch etwas spürte sie tief in sich drinnen. Eine schwache Präsenz, die das Original spiegelte, aber das musste sie sich wohl einbilden, es war doch noch viel zu früh. Vielleicht waren es auch irgendwelche Schutzzauber, die er, der Sohn des Satan und der Vater ihres ungeborenen Kindes, das sie spürte, ihr ohne Zweifel auferlegt haben musste, um das Ungeborene zu schützen, bevor er sie zu ihrem weltlichen Ehemann zurückgehen ließ. Aber war das alles?

Lal spürte an sich selbst eine tiefgreifende geistige Veränderung, die sie nicht anders fassen konnte, eine neue Tiefe, oder war es Erfahrung, Weisheit gar? Sie konnte es nicht genau beschreiben, aber es fühlte sich an, als wäre sie ihren Lebensweg ein Stück weiter in die richtige, vom Schicksal vorhergesehene, Richtung gegangen, als ob Jiva eine besondere Frucht gekostet hatte, die Ishvara erfreute.

Oh, er hatte sie erst gehen lassen, als er fertig mit ihr war. Als sie fertig mit ihm war, aber das war ganz offensichtlich früher gewesen. Eine lebendige Röte stieg ihr ins Gesicht, wenn sie an die paar Tage dachte, die sie mit Dyonisos tief unter der Erde in Thanatos verbracht hatte. Es waren doch nur ein paar Tage gewesen, oder? Es war schwierig, die Zeit abzuschätzen, wenn immer absolute Dunkelheit herrschte und kein Laut an das Ohr drang, außer jenen, die man selbst verursachte.

Es war ihr wie ein Rausch vorgekommen, ein nicht enden wollender wunderbarer Traum, bei dem man Angst hatte, dass man zuletzt doch erwachen und feststellen musste, dass er nicht der Realität entsprach. Nicht zuletzt wunderbar, weil sie den perfekten Liebhaber ganz allein für sich gehabt hatte, so lange, und so oft sie gewollt hatte. Zumindest für sie war er der perfekte Liebhaber. Doch wie sollte sie die überhaupt vergleichen können? Immer und immer wieder kehrte sie in Gedanken zu diesem kleinen privaten Ort der Erfüllung zurück, malte sich alle Einzelheiten innerlich aus und weidete sich daran. Es war wie eine Insel außerhalb der Zeit gewesen, und sie hatte alles andere vergessen, inklusive der Zeit. Ihre eigene kleine private Insel, ihre eigene kleine … Hölle? Sie waren, wenn man es genau betrachtete, auf deren Boden gewesen. Wenn das die Hölle war für sie, würde sie sofort sterben wollen.

Die Prinzessin grinste vor sich hin. Ihre eigenen inneren Koordinaten von Gut und Böse, Himmel und Hölle waren ganz schön durcheinander geraten.

Die sieben Berge, die ihrer neuen Heimat ihren Namen gaben, tauchten schon bald wieder fern am Horizont auf, sobald sie die weitläufige karge Hochebene der Kälte hinter sich gelassen hatte, die nur von vereinzelten, verkrüppelten Bäumen unterbrochen wurde, und die die Grenze zu Thanatos markierte. Als sie die letzten steilen, trockenen Wege in das grüne Tal zu ihren Füßen hinter sich gelassen hatte, wäre sie fast automatisch auf den Weg der Küste entlang nach Süden, nach Thale, eingeschwenkt. Ihre Familie würde sich dort nicht schlecht wundern, wenn sie so plötzlich und unerwartet in ihrer alten Heimat, dem Stammsitz ihrer Väter, auftauchen würde.

Wie es wohl ihrer Schwester, Prinzessin Cecilé, ging? Nach den hässlichen Eröffnungen ihres Vaters über ihre Mutter kurz vor Lals Hochzeit, die sie mit angehört hatte, musste Cecilé wohl ziemlich geschockt gewesen sein. Sie hatte gar keine Ahnung von diesen Dingen gehabt, nicht von dem Suizid ihrer Mutter, auch nicht um die magischen Fähigkeiten ihrer Familie. Lal hatte nicht bei ihr sein können, um ihr zu helfen und mit ihr darüber zu reden, wie früher. Sie hoffte, Priom, ihr persönlicher Krieger der Garde, den sie hatte zurücklassen müssen, würde derjenige sein, der sie nun an ihrer Statt an die Hand nehmen und ihr helfen würde. Sie hatte ihn zumindest darum gebeten.

Die Hügel und Wiesen im Tal um sie herum standen noch in vollem Grün, besonders im Vergleich zu der kargen Landschaft, durch die sie zuvor geritten war. Nun kam sie auch an einigen kleinen Ortschaften vorbei, und Siedlungen zeugten von der Anwesenheit von Menschen. An einigen Orten, durch die sie auf ihrem einsamen Weg ritt, sah sie in der Ferne, dass man allmählich mit der Ernte begann, und mit ihr die großen Feiern des Jahres voller Dankbarkeit an die große Göttin der Fruchtbarkeit für ihre Gaben einleitete. Einige Bauern ließen Reisende freigiebig an ihrem kärglichen Mahl teilhaben, und Lal belohnte die Gastfreundschaft jedes Mal reichlich mit Gold oder was immer ihre Gastgeber begehrten. Es herzuzaubern bedeutete für sie keinen großen Aufwand mehr, und die Freude, die sie diesen Menschen damit machte, war ihr es wert. Sie bedauerte jedoch, dass sie immer, bevor sie am Morgen wieder verschwand, die Erinnerung an sich in den Köpfen ihrer Gastgeber mit einer beiläufigen Bewegung ihrer Hand löschen musste. Das Erstaunen in ihren Gesichtern über die Goldmünzen und Geschenke, die dann scheinbar aus dem blauen Himmel für sie kamen, konnte Lal leider nicht mehr sehen. Sie wollte nicht, dass ihre Schritte für jemanden nachvollziehbar wurden, und so musste sie dies tun. Auch diese Fähigkeit der Manipulation von Gedanken stand nun in einer Klarheit vor ihr, die sie vorher vermisst hatte, so sehr sie auch geübt hatte. Die geistige Realität, Gedanken, Wünsche und Hoffnungen dieser einfachen Menschen lagen klar vor ihrem geistigen Auge, ohne dass sie sich anstrengen musste. Sie spürte die Eigenschaft des Elementes der Luft, das sie benutzte, um geistige Erinnerungen zu verändern, welches ihr vorher einmal so viel Mühe bereitet hatte. Sie hatte eine fabelhafte Gedächtnisstütze: Das innere Bildnis der lange zurückliegenden Nacht in den schneebedeckten Bergen des Guten Weges bei Thale mit Dyonisos, wo er ihr die eigentümlich dampfenden Schwefelquellen gezeigt hatte. Lal benutzte sie und erweckte diese Schwingung der Luft in ihr jedes Mal mit Leichtigkeit. Er war wahrhaft ein fabelhafter Lehrer gewesen, ein Meister seiner Zunft.

Nach einigen Tagen ritt Lal durch die letzten nördlichen Ausläufer der Wälder des tausendjährigen Friedens, ließ die Berge hinter dichten Baumkronen im Norden neben sich liegen, und sah nach einem weiteren Tagesritt das fremde Schloss Siebenbergen auf einem bewaldeten Hügel in der Ferne auftauchen. Richtig, es stand ja mitten im Wald, und nicht, wie sie gewohnt war, an einem Strand, direkt an den geliebten Wogen des Meeres, das sie ihr ganzes Leben bislang begleitet hatte. Seine Mauern waren massiv und strahlend weiß, widerscheinend in der Ferne, wie es sich für das Volk der Elben gehörte. Die Zinnen glänzten rotgolden in der Abendsonne, so machte es einen friedlichen, edlen Eindruck. Man sagte, dass die Elben sich vor langer Zeit von den Menschen abspalten wollten und jahrhundertelang nur untereinander geheiratet hätten. Es gab Geschichten über Verbindungen von Elben mit Feen und Naturgeistern im Wald des tausendjährigen Friedens, aber nach allem, was Lal gehört hatte, stammten die wohl eher aus dem Reich der Sagen und Märchen. Einen märchenhaften Eindruck machte der Anblick des filigranen Schlosses aber definitiv, wie ein verwunschenes Schloss mitten im dichten Wald es nur tun konnte. Außer der hektischen Nacht ihrer Ankunft mit dem Prinzen von Siebenbergen war sie noch niemals zuvor hier gewesen, hatte nur Geschichten und Legenden gehört, und die Königsfamilie dieses Reiches zu Festen daheim im Schloss von Thale empfangen. Seltsam schien es nun in der Rückschau, warum die Königsfamilie von Siebenbergen immer nach Thale, aber niemals umgekehrt eingeladen schien.

Die Wachen des Schlosses hatten sie schon längst entdeckt, als sie langsam durch die sich lichtenden Bäume näher ritt und schließlich eine weitläufige Lichtung betrat, die sich um die Schlossmauern herum in einem weiten Bogen ausbreitete. Sie hießen sie mit hoch erhobenen Fanfaren und Wimpeln auf den Schlossmauern schon von weitem willkommen, schienen genau zu wissen, wen sie da im unscheinbaren Umhang zwischen den Bäumen auf dem einzelnen weißen Pferd vor sich hatten.

In gewisser Weise kam sie also nach Hause und war willkommen, versuchte sie sich selbst Mut zuzusprechen. Die ehernen Stadtmauern von Siebenbergen waren aus der Nähe ebenfalls massiv und weiß, schimmerten gleißend in der Abendsonne, dass man sie kaum anblicken konnte, ohne die Augen schützen zu müssen. Das eingeschlossene Stadtgebiet überstreckte sich über eine ganze Reihe von immer noch gut bewaldeten Hügeln mit vielen einzelnen Häusern, Ställen und Einrichtungen darin, in denen Lal geschäftiges Treiben ausmachte. Drum herum, innerhalb der Lichtung, erblickte sie wenige kleinere Felder, weitere vereinzelte Ställe und einen Fluss, der an der ihr zugewandten Seite der Stadt lieblich glucksend vorbeiführte.

Das letzte und einzige Mal, dass sie bisher an diesem Ort gewesen war, fand während einer tiefen und schwarzen Nacht statt, und sie hatte keine Einzelheiten erkennen können, noch wirklich wollen. Nichts war damals in ihrem Geist dringender gewesen, als der Gedanke, so schnell wie möglich wieder von hier wegzukommen. Jetzt schaute sie sich neugierig in aller Ruhe und Gelassenheit in ihrem neuen künftigen Zuhause um, während sie langsam näher ritt. Schließlich ritt sie ein in die Stadt der Elben, durch das vor ihr sich weit öffnende erste Stadttor mit dem Wappen von Siebenbergen, dem grünen Ahornblatt gerahmt von zwei weißen Einhörnern mit goldenen Hörnern. Der Gedanke an ein anderes Stadttor, das sie vor kurzem ebenfalls ganz allein durchschritten hatte, durchkreuzte ihre Gedanken. Wie sehr die Verzierungen und Aufmachungen des ersten Eindruckes einer Stadt über die Bewohner und Gegebenheiten des Landes Auskunft zu geben imstande sind, dachte sie bei sich. Dieses hier war massiv, dick und schwerfällig und reichte auf beiden Seiten bis drei Meter in die Höhe. Es war mit einer Art goldenem Metall beschlagen, auf dem szenenartige Figuren des Waldes geschnitzt waren in sorgsam gezogenen Rechtecken, immer zwei nebeneinander.

Drinnen eröffneten sich enge kopfsteingepflasterte Gassen mit Marktleuten und Bürgern und Bauern vor Lal. Sie liefen herum, trieben ihr Vieh vor sich her oder waren mit dem Handel von allerlei Dingen des täglichen Bedarfes beschäftigt. Die Wachen taten nichts, um sie zu führen, oder ihr den Weg zu weisen, so ließ sie ihr Pferd locker vorwärts traben. Sie erspähte auch seltene Dinge, wie exotische Vögel und edle, glänzende Stoffe, die Isfahan alle Ehre gemacht hätten, auf ihrem Ritt in Richtung auf das alles überragende Schloss im Mittelpunkt zu. Es thronte mächtig, blendend weiß in der Abendsonne und geradezu erhaben auf dem höchsten Punkt der innerstädtischen Befestigung, und alle Gassen schienen in Kurven letztendlich zu ihm hinauf zu führen.

Niemand kümmerte sich um Lal, man ließ sie gewähren und nickte ihr höchstens mit in den Nacken gelegtem Kopf freundlich und erkennend zu. Einige Kinder winkten ihr fröhlich zu und kicherten. Alle schienen allerdings sofort zu wissen, wer sie war, denn sie sah eindeutige Verbeugungen und Ehrerbietung von allen Seiten, wenn man ihr den Weg freimachte, um sie vorbei zu lassen.

Auch dieses innere Schlosstor war mit fein gearbeitetem Silber belegt, ähnlich wie zuvor das äußere Stadttor mit Gold. Es war mit ziselierten Figuren verziert, hier wieder zumeist mit Tieren des Waldes und Fabelwesen, und öffnete sich ebenfalls sofort vor ihren Schritten.

Die Wachen zu beiden Seiten dahinter musterten sie unbewegt und deutlich weniger freundlich als die Bürger von Siebenbergen und schlossen das Tor sogleich hinter ihr. Lal sprang von ihrem erschöpften Pferd und ging ein paar Schritte zu den Ställen, die sie an einer Seite des stillen, ebenen Innenhofes entdeckte. Ein Knappe eilte ihr entgegen, verbeugte sich tief und nahm ihr wortlos das Halfter aus den Händen, bevor er mit dem schwitzenden Pferd verschwand. Lal zog ihre Handschuhe aus und drehte sich um ihre eigene Achse. Die Aussicht über die Wälder um das Schloss, die sich von dieser Erhöhung aus bot, war fantastisch.

Prinzessin Sahi stand plötzlich wie hergezaubert vor ihr in einem durchscheinenden Kleid aus weißer und silberner Seide. Ihre Figur war zerbrechlich, fast kindlich noch und klein. Sie war einen ganzen Kopf kleiner als Lal.

Obwohl sie ungefähr in meinem Alter sein müsste, überlegte Lal. Wenn sie sie so aus der Nähe sah, wunderte sie sich wieder, wie durchschimmernd weiß die Haut der Prinzessin wirkte, selbst ihre blonden Haare waren eine Spur heller als erwartet, nicht gelblich, sondern fast weiß, in einem langen Zopf geflochten, der ihr über den Rücken fiel. Vielleicht stammte das Gerücht, die Mitglieder der Königsfamilie der Elben seien Abkömmlinge von Feen und Menschen, daher, dass sie aussahen wie Sahi. Lal würde es ihr jedenfalls ohne Zweifel abnehmen, wenngleich sie sich nicht wirklich vorstellen konnte, wie Feen aussahen. Aber so wie Sahi vor ihr stand, würde sie sich eine Fee vorstellen.

„Wo seid Ihr gewesen, Schwester?“ Sahis Stimme war lieblich und sanft. Genauso, wie sie es von ihrem Aussehen erwartet hatte. Sahi kam einen Schritt auf sie zu. „Ich wollte Euch schon vor Tagen in unserem Reich willkommen heißen und Euch alles zeigen. Mein Bruder sagte, Ihr hattet wichtige Dinge zu erledigen?“ Die Frage klang in ihrer Stimme mit, die so hoch und glockenhell war, wie es ihrem kindlichen Körper angepasst schien. Ihre Augen waren wasserklar und hellblau, und das Gesicht ebenso fein und durchsichtig gezeichnet wie der Rest von ihr.

Unwillkürlich schaute Lal, ob Sahis Ohren spitz zuliefen, wie sie es in Märchenbüchern gesehen hatte.

„Es tut mir leid, dass ich Euch nicht sofort zur Verfügung stehen konnte. Es gab wichtige Dinge, die meiner Aufmerksamkeit bedurften. Nun bin ich aber ganz in Siebenbergen angekommen.“

Lal wusste nicht recht, was sie von Sahi halten sollte. Sie erschien freundlich und zuvorkommend, und wenn dies ihre neue Heimat sein sollte, musste sie sich Mühe geben, eine neue Freundin in der jungen Prinzessin zu finden. Bisher hatte sie kaum mehr als drei Worte mit ihr gewechselt. Sie fragte sich wieder, wie alt die jüngere Schwester von Casimir sein mochte. So, wie sie vor ihr stand, könnte man sie für eine Zwölfjährige halten, fand Lal.

Sahis wasserhelle Augen musterten sie für einen Moment, dann drehte sie sich wortlos um und ging voran, auf das Schloss zu, und führte Lal durch das große Eingangsportal hinein, um ihr die verschiedenen Räume zu zeigen. Sie gingen weiter die schnurgeraden strahlendweißen Gänge des Schlosses von Siebenbergen entlang, die allein von goldenen und silbernen Bordüren am Boden und um die Türen, einem dunkelroten Teppich, auf dem sie liefen, sowie Unmengen an Spiegeln an den Wänden unterbrochen wurden. Wer immer der Architekt der Anlage gewesen war, er mochte glitzernde, edle Dinge, und Silber und Gold, das stand außer Frage. Keine andere Farbe stahl sich neben dem tiefen Rot, auf dem sie standen, und das sie erdete, in die weiße, goldene und silberne Pracht um sie herum. Erstaunlicherweise sahen sie auch kein anderes menschliches Wesen, nahmen nicht einmal einen Laut oder den Beweis einer menschlichen Regung um sie herum wahr, alles lag still und unbewegt vor ihnen.

„Verzeiht mir, Schwester, seid Ihr müde? Beanspruche ich Euch zu sehr nach der langen Reise?“, fragte Sahi nach einer Weile, als sie eine Art riesigen Spiegelsaal erreichten, in dem sie sich kindlich vergnügt um die eigene Achse drehte, bis ihr Blick den von Lal fing. Ihre Stimme klang ehrlich besorgt.

„Vielleicht zeige ich Euch doch als Erstes Euer eigenes Reich, das Ihr mit meinem Bruder bewohnen werdet. Kommt.“ Ihr schamhaftes, kindliches Lachen klang wie ein kleines Silberglöckchen, als sie voranging, auf die riesige weiße Haupttreppe in der Mitte des Schlosses zu, die schließlich nach oben bis auf den zweiten Absatz führte. Hier fehlte der rote Teppich, er war stattdessen auch weiß, und es schien, man schritt inmitten von Wolken, irgendwo weit oben im Himmel. Von oben strahlte helles Licht in die Mitte des Schlosses, und Lal wurde gewahr, dass es dort durch geschickte Architektur unterbrochene Mauern gab, die das Tageslicht mithilfe von Spiegeln hineinließen, ohne das Innere des Schlosses zu sehr Regen und Sturm auszusetzen. Das Spiel von Licht und Silber und Gold war wahrhaft prachtvoll.

Lal schaute aufmerksam umher. Sie gingen durch einen Torbogen am Ende eines besonders weiten Ganges im zweiten Stock, der aus reinem Gold geschnitzt schien, wiederum verziert und geschnitzt mit kleinen Figuren und Ornamenten. Die ersten lebenden Wesen waren strahlend weiß gekleidete Knappen, die ihnen schwungvoll die Türen öffneten. Ein weiterer großer Saal mit massiven Liegestühlen, golden gewobenen Vorhängen und weiteren Spiegeln öffnete sich vor ihnen. Am Boden lag zur Wohltat von Lals Augen wieder ein dicker, blutroter Teppich, der dem Eintretenden Grund und Halt zu geben schien in dieser sonst vergeistigt weißen, luftigen Umgebung. Einige Kleidungsstücke lagen achtlos umhergeworfen auf den vereinzelt stehenden Möbelstücken, und Lal sah anhand der Zeichen menschlicher Betriebsamkeit, dass dieser Raum augenscheinlich bewohnt war. Sie schritt neben den Möbeln auf die Stirnseite des Saales zu, an die sich ein breiter, natürlich ebenfalls weißer Balkon anschloss. Die Türen öffneten sich knarrend, und Lal trat in die wunderbar frische, angenehm würzige Waldluft hinaus. So weit sie schauen konnte, erstreckten sich grüne, saftige Baumwipfel unter ihr in allen vier Himmelsrichtungen, und der Fluss, der sich wie ein silbernes, glitzerndes Band dazwischen bewegte.

„Das ist unser geliebtes Reich. Voller Bäume und Naturgeister. Nun ist es auch Eures.“ Sahi war neben ihr auf den Balkon getreten und atmete die frische Luft tief ein.

Lal schaute überrascht auf. Glaubte Sahi an diese Dinge? Oder war das für ein Waldvolk nur natürlich? So viel musste sie lernen über ihr neues Volk. Sahi schaute sie mit ihren großen kindlichen Augen von unten an. Doch die Augen selbst schienen gar nicht kindlich, als sie sie so anblickten, sondern alt und weise, tief und wissend. Verwirrt wandte Lal ihre eigenen Augen ab.

Hinter ihnen raschelte es mit einem Mal, und Prinz Casimir trat auf den Balkon. Er trug ein weißes Gewand, eine Art Tunika, durchzogen von Stickereien, die natürlich in strahlendem Gold gehalten waren. Lal fragte sich flüchtig, ob sie von nun an als Prinzessin der Elben ebenfalls in der Farbenwahl ihrer Gewänder so beschränkt sein würde.

„Meine Königin ist zurückgekehrt. Welche Freude.“ Seine Stimme klang eher wie das Gegenteil, leicht gereizt. Der raue Unterton klang, als habe er in der Nacht zuvor zu viel getrunken.

Sahi drehte sich rasch zu ihm um und verschwand, mit einem einzigen Seitenblick auf ihren Bruder, katzengleich ohne weiteren Kommentar lautlos vom Balkon.

Casimir stellte sich nun neben Lal und blickte über sein Reich.

„Wie war Eure Reise?“ Er klang beiläufig.

„Gut. Danke.“ Sie wusste nicht, was sie noch sagen sollte. Sie vermied seinen Blick.

„Ich hoffe, du hast alles erledigt, was du erledigen wolltest, denn ich würde es nicht schätzen, wenn du so bald wieder verschwändest.“ Seine klaren blauen Augen blickten nun stechend in ihre, seine hellbraunen Haare waren frisch und sehr kurz geschoren. Die Tunika stand eine Spur offen und ließ den Blick frei auf seine dicht behaarte, braungebrannte Brust, von der sich der weiße Stoff deutlich abhob. Muskeln wölbten sich darunter. Wieder kreuzte der Gedanke auf, wie unterschiedlich dieses Geschwisterpaar war.

„Es gibt keinen Grund mehr, zu verschwinden, so, wie ich es Euch gesagt habe. Ich gab Euch mein Wort, und seht, ich bin zurückgekehrt.“ Ihre Stimme klang tonlos, als sie sich zu ihm umdrehte.

„Wisst Ihr, Ihr hättet es anders haben können. Meine Schwester war vernarrt in Euch gewesen.“ Kaum hatte sie dies gesagt, biss sie sich auf die Zunge. Warum hatte sie dies nur laut von sich gegeben?

Casimir trat ganz nahe an sie heran. Er überragte Lal um mindestens einen halben Kopf. Er roch nach Pferd und nach frischem Schweiß. Nicht unangenehm.

„Was geschehen ist, ist geschehen. Mir ist es gleich, welche von euch beiden mir meine Söhne gebärt. Wie du weißt, ist es Wille unserer Väter, unsere Völker zu vereinen. Es ist nicht meine Idee gewesen.“ Er drückte seinen Rücken gerade und wandte sich wieder von ihr weg. „Willst du mich weiter so förmlich anreden, oder soll ich dich daran erinnern, dass ich dein Ehemann bin?“

„Weißt du überhaupt, warum? Warum der Krieg, die Feindschaft zwischen unseren Völkern herrscht?“, fragte sie, und dieses Mal wollte sie ehrlich seine Meinung hören. Und sie war es leid, ihn weiter förmlich anzureden, wenn er ganz offensichtlich bei dem ‚du’ angelangt war. Sie waren ja verheiratet. Was für eine Vorstellung! Daran würde sie sich gewöhnen müssen.

Casimir zuckte mit den Achseln und schaute sie nicht an. „Ich weiß es nicht. Es ist althergebrachter Aberglaube, dass unsere Völker nicht zusammenpassen können, dass wir zu unterschiedlich sind. Mein Vater und dein Vater hassen sich. Das ist zu offensichtlich. Jede Bewegung des anderen wird verfolgt und interpretiert. So war das schon immer.“

„Meinst du nicht, dass man das ändern kann?“

Er schaute sie nun schelmisch an, die Augen gegen die letzten Sonnenstrahlen zusammenkneifend. „Natürlich meine ich das. Daher habe ich eingewilligt, eine eurer Prinzessinnen von Thale zu heiraten. Warum denkst du, würde ich das sonst tun?“

„Reine Berechnung war das also, keine Liebe, die du Cecilé vorgegaukelt hast.“ So hatte sie sich das vorgestellt. „Meine Schwester hat anderes verdient.“

„Und du?“ Er schaute sie fast ein wenig überrascht an. „Du nimmst diese Bürde für deine Schwester. Bist du so edelmütig, oder was ist dein Beweggrund? Du hättest selbst jetzt fliehen können auf dem Weg zurück zu mir. Oder habe ich etwa dein Herz gewonnen?“ Er entblößte seine blendend weißen Zähne im sonnengebräunten Gesicht, als habe er einen Scherz gemacht.

„Ich bin die Kronprinzessin. Ich nehme das an, was das Beste ist für mein Land. Für Thale. Mit meiner Flucht hätte es Krieg gegeben.“ Kaum hatte sie dies gesagt, fragte sie sich selbst, ob sie nicht heuchelte. Tat sie dies wirklich? Das Beste für Thale? Was war das Beste für Thale? Sich zu verkaufen?

Casimir nickte beifällig. „Du wirst bald Königin meines Landes sein. Meine Königin. Du kannst nicht gleichzeitig Herrscherin zweier Länder sein. Aus diesem Grund war Cecilé die erste Wahl unserer Väter. Nun muss sie selbst über Thale herrschen. Du dagegen bleibst hier.“

Das hätte sie eigentlich wissen müssen. Trotzdem, als er ihr das so klar sagte, traf es sie wie ein Pfeil mitten ins Herz. Sie würde von nun an eine Fremde sein in Thale. Niemals mehr die Prinzessin oder gar die Königin ihres geliebten Volkes. Das war wahrlich ein hoher persönlicher Preis für den Frieden. Ihr stockte der Atem, wenn sie darüber nachdachte. Und noch eines fiel ihr auf: Für Liam war sie, Lal, wohl die bessere Wahl als Königin für Thale gewesen, denn er hatte Cecilé nach Siebenbergen schicken wollen, nicht sie. Hätte er die Ältere schicken wollen, hätte ihm das keiner verübelt, heirateten doch meistens die Erstgeborenen vor den Jüngeren. Dennoch hatte er nicht Lal schicken wollen, er wurde durch die Umstände dazu gezwungen. So hatte sie das noch nie gesehen.

„Wir werden miteinander eine oder mehrere Abmachungen treffen müssen, und mein Einverständnis, deine dringenden Angelegenheiten zu erledigen, war Teil meines Zeichens, dass ich dir wohlgesonnen bin. Ich habe kein Interesse daran, dich zu bekämpfen oder dich ständig zur Raison bringen zu müssen. Aber ich werde es tun, wenn es nötig sein sollte.“ Casimir hatte drohend sein Kinn in die Höhe gestreckt.

„Also lass uns einen Weg finden, wie das Ganze für uns beide funktioniert. Wir haben eine Abmachung, die wir beide einhalten müssen. Mach mich zum Gespött der Leute, und du wirst eine andere Seite von mir kennenlernen, die du nicht sehen möchtest. Spiel deinen Part in diesem Spiel, sei eine Königin von Siebenbergen, die dem Volk Ehrfurcht gebietet, und zu der sie aufschauen können, und du wirst ein gutes Leben an meiner Seite haben. So einfach ist das. Haben wir das geklärt?“

Lal nickte stumm.

„So, da du nun zurückgekehrt bist, wirst du mir ab jetzt eine Ehefrau sein, wie du versprochen hast.“ Es war keine Frage. Er zeigte wieder seine Zähne in einem bübischen Grinsen, von dem sie wusste, dass es damals ihre Schwester bezirzt hatte. Sein Blick senkte sich von ihren Augen und wanderte betont langsam und bedächtig auf ihre Brust und ihren ganzen Körper entlang, als wolle er sie auf der Stelle mit Blicken ausziehen.

Unwillkürlich schüttelte es sie, und sie wich einen Schritt von ihm zurück, während sie die Zähne fest aufeinander presste. Er beobachtete sie genau.

„Das habe ich befürchtet. Ich habe da eine Idee“, sagte er.

Lals Augen weiteten sich, und sie schaute ihn aufmerksam an. Was würde jetzt wohl kommen?

„Nun, meine Königin, ich habe ein Spiel vor mit dir: Du bist hier in meinem Reich, und deswegen ist alles, was du zu dir nimmst, bis zu der Luft, die du atmest, mein Eigentum. Ich mache dir nun folgenden Vorschlag. Du sollst köstliche Mahlzeiten von meinen Bediensteten aufgetragen bekommen mit allem, was das Herz begehrt. Früchte, Nüsse, Fisch, Fleisch und Wurzeln, was immer mein Land hergibt, aber keinen Tropfen Wasser. Auch keinen Wein, Saft oder ähnliche Dinge. Auch in der Nacht und heimlich darfst du dich nicht am frischen Nass laben. So du dies tust, habe ich im Austausch ein Anrecht auf dich freiwillig in meinem königlichen Bett. Wollen wir sehen, wer sich länger unter Kontrolle hat?“ Er schaute ihr herausfordernd in die Augen.

„Im Übrigen mag ich solche Spiele. Wenn du es gut mit mir haben willst, magst du dir solche Dinge gerne ausdenken. Es sei denn, du bist zu wohlerzogen für so etwas.“ Er grinste spöttisch.

Lal schaute ihn ungläubig an. Wieso tat er so etwas? War das nur eines seiner verrückten Spiele? Er musste doch wissen, dass er nach allem geltenden Recht einfach in der Lage war, sie zu sich zu nehmen. Niemandem war er Rechenschaft darüber schuldig, was er mit ihr tat, nicht einmal mehr ihrem eigenen Vater, nachdem er sie aus dessen Hand empfangen hatte. Diese neue Rolle kommt fast einer Versklavung gleich, dachte sie. Aber vielleicht will er, dass ich verliere, damit er seinen Lohn einfordern kann? Doch vermutlich machte es die Sache für ihn einfach nur spannender. Dabei war doch von vornherein klar, dass sie irgendwann würde Wasser trinken müssen … schon wegen des Ungeborenen, das sie in sich trug. Andernfalls konnte es nicht überleben. So nickte sie stumm und schlug die Augen nieder. Er schaute sie zufrieden an.

Die Schatten unter den Bäumen im Hof wichen mehr und mehr der Dunkelheit der einbrechenden Nacht, und Casimir wandte sich ohne ein weiteres Wort von ihr ab und ging in den hell erleuchteten Saal hinter ihnen zurück.

Auf der Schwelle drehte er sich zögernd noch einmal halb zu ihr um und sagte über die Schulter: „Übrigens, dein Bediensteter, dieser Arcadier, ist bei den anderen Dienern. Ich schätze es nicht, männliche Bedienstete in der Nähe meiner Königin schlafen zu haben.“ Sprach’s und ging von ihr.

Lal stützte sich schwer mit den Ellbogen auf das niedrige Geländer und schaute versonnen in die Ferne. Die Sonne war schon nicht mehr zu sehen, ihr Licht strahlte über den Rand des Horizonts herüber und färbte den Himmel leuchtend rot und gelb, sodass die grünen Wipfel der Bäume noch zu erkennen waren. Nicht als einzelne Bäume, aber als große, grüne, dunkle Masse.

Suchend blickte sie sich um. Wo war sie, wenn sie sich orientieren musste? Ein dichtes Wolkenband bedeckte den Himmel auf der anderen Seite. Ob dort der Norden war? War sie von dort hergekommen?

Lal fühlte die Müdigkeit in ihren Gliedern. Eigentlich wollte sie nur noch schlafen. In den Saal hinter sich zurückgekehrt schaute sie sich um. Mehrere Türen führten zu kleineren Gemächern, eines davon war das königliche Schlafgemach mit einem riesigen, natürlich schneeweißen Himmelbett, vor dem sie Casimirs Reitstiefel stehen sah. In einer Ecke dahinter sah sie ihre eigenen Reisesachen, die sie aus Thale mitgebracht hatte, mit ihren Kleidern und Habseligkeiten sorgsam aufgeschichtet. So war sie hier also richtig. Lang, wie sie war, legte sie sich auf das einladende Bett, streckte sich aus und war eingeschlafen, bevor sie sich auch nur umdrehen konnte. Sie wachte nur irgendwann kurz auf, als Casimir sich ebenfalls neben ihr schlafen legte. Schnell schloss sie die Augen wieder fest und tat so, als hätte sie ihn nicht gehört. Er beachtete sie nicht, drehte sich auf die Seite und fing schnell an, neben ihr zu schnarchen.

Den nächsten Tag verbrachte Lal damit, in Begleitung von Prinzessin Sahi die verbliebenden Säle und Räume des riesigen, luftigen Schlosses zu erkunden. Nach dem, was ihr Sahi erklärte, befanden sich die königlichen Gemächer des eigentlichen Herrscherpaares im dritten und höchsten Stock des Schlosses. Auf ihrem Rundgang begrüßten sie im Thronsaal den herrschenden Elbenkönig Mudros und seine Königin Asvite, die Lal einsilbig und distanziert begegneten. Mehr als ein Nicken von Casimirs Eltern in ihre Richtung war nicht zu sehen, aber sie waren mit Gästen beschäftigt.

Sahi und Lal gingen anschließend gemeinsam im Lustgarten im Innenhof des Schlosses spazieren. Lal fragte sich, ob sie Prinzessin Sahi über die Königsfamilie ausfragen sollte und entschied sich dagegen. Sie hatte sowieso alle Zeit der Welt zum Erkunden, so wie die Dinge lagen. So sehr sie sich auch bemühte, sie sah auch rein gar nichts vor ihrem geistigen Auge, was immer diese Familie betraf, so sehr sie auch die Elemente Luft und Wasser hervorrief, ihr zu helfen. Wo sie üblicherweise in Farben und Formen das geistige und emotionale Abbild eines menschlichen Wesens sah, war die Elbenfamilie eine weiße, eisige Wolke, die sie einhüllte und beschützte vor ihrem forschendem, magischen Blick. Besonders Asvite und Sahi waren nichts außer undurchdringliches Weiß. Mudros und Casimir hatten dagegen deutlich farbigere Wellen, die von ihnen ausgingen, die aber ebenfalls meistens verdeckt wurden durch das Weiß der Elben. Interessanterweise entsprach das geistige Abbild exakt dem, das die Elbenfamilie ihr nach außen gab. Lal sinnierte darüber und fragte sich schwach, warum Sahi so zuvorkommend war zu ihr, entschloss sich dann aber, das nicht weiter zu hinterfragen, sondern einfach nur dankbar zu sein für ihre Freundlichkeit.

Wie es ihrer Abmachung entsprach, aß sie am Morgen mit der Prinzessin und Casimir in ihrem blühenden, grünen Garten in der Schlossmitte, eingerahmt von weißen Säulen, trank aber weder Tee noch Saft noch Wein. Sahi schien dies nicht zu bemerken, oder ihr Bruder hatte sie eingeweiht, denn sie bot ihr nichts Flüssiges an. Das wäre schon ungewöhnlich. Ein Lächeln stahl sich bei diesem Gedanken auf Lals Gesicht. Sahis helle Augen ruhten auf ihrem Bruder und in ihren, und instinktiv fragte sich Lal, wie viel Sahi wirklich wusste. Sie hätte sich Wasser auf magische Art und Weise beschaffen können, aber sie wollte sich dem seltsamen kleinen Spiel ihres Gatten beugen. Ihr war sowieso klar, dass sie auf Dauer keine große Wahl in der Sache hatte. Bis zum Festmahl am Abend hatte sie in der Sonne einen kräftigen Durst aufgebaut. Sie labte sich an Gurken, Melonen und Orangen, während Casimir sie aus aufmerksamen Augen und leicht grinsend beobachtete. Das Spiel schien ihm Freude zu bereiten.

Der Arcadier war im Laufe des Tages an ihrer Seite aufgetaucht, still wie eh und je, wich er nicht von ihr. Er hatte seine nackte Brust bedeckt mit einem grauen Mantel aus Schafswolle, darunter blitzte sein bekannter silberner Anhänger mit türkisfarbenem Stein. Nur wenn man genau schaute, sah man auf seiner Brust Spuren der Narben, die sie ihm vor so langer Zeit zugefügt hatte. Es schien ihr so ewig her, aber es waren nur wenige Wochen dazwischen gelegen, und man konnte froh sein, dass die Wunden so sauber verheilt waren. Keine Freude, kein Erkennen war in seinen Zügen, und kein Ton kam über seine Lippen; nur seine dunklen Augen blitzten. Sie wusste, er konnte reden, wenn er wollte, aber so beachtete sie ihn nicht weiter, als er auf ihr Nicken nicht einging.

Dieses ganze Schloss schien einen seltsamen Einfluss auf seine Bewohner zu haben, dachte sie. Eine gewisse Schwermut und Stille schienen hier vorzuherrschen im Vergleich zu Thale, und ganz besonders im Vergleich zu Isfahan. Mit Mühe überredete sie Casimir, dass der Arcadier vor ihrer Tür auf dem Boden auf einem Lager schlafen durfte. Es würde ihr ein Gefühl der Sicherheit und des Vertrauten geben, argumentierte sie. Er, ausgerechnet er, war der einzige ihrer Bediensteten, den sie aus Thale hatte mitnehmen dürfen, auf Wirken ihrer Tante hin. Er, der die kürzeste Zeit bei ihr gewesen war, und dessen Leben sie selbst in Gefahr gebracht hatte. Casimir stimmte nur widerwillig zu. Lal wurde klar, dass sie diesen Mann, den Arcadier, erst vor wenigen Wochen mit ihren eigenen Händen fast umgebracht hatte. Wie sehr konnte sie sich eigentlich seiner Loyalität wirklich gewiss sein? Ob er ihr verziehen hatte? Vielleicht war vor der Tür die bessere Alternative als neben ihr auf dem Boden.

Wie sie es von zu Hause her kannte, zog Lal sich am Abend einen Mantel um und wollte sich in der Stadt ein wenig umschauen, ihre neue Heimat außerhalb des Schlosses kennenlernen. Als sie die schwere weiße Tür zu ihrem Schlafgemach öffnen wollte, schwang sie plötzlich von außen wie von selbst auf, und vor ihr standen zwei große bärtige Wächter, die sie mürrisch musterten und ihr den Weg versperrten. In ihrem Gürtel erblickte Lal mehrere Messer und ein kurzes Schwert. Erschrocken wich sie ein paar Schritte zurück in ihr Zimmer. Die Tür schloss sich wie von selbst vor den beiden Gestalten. Das hatte sie nicht erwartet. Fragend blickte sie sich um zum Arcadier. Der zuckte mit den Achseln. Seine Stimme klang tief.

„Sie sind zu Eurem Schutz hier, Mylady. Ich bin sicher, dass Ihr hinausgehen könnt.“

Nachdem sie sich von dem Schreck erholt hatte, machte sie einen erneuten Anlauf zur Tür. Als diese wiederum von den beiden Wächtern vor ihr geöffnet wurden, die sich vor ihr aufbauten, verlangte sie Ausgang. Die beiden schüttelten wortlos den Kopf und deuteten mit dem Kopf auf den Nebenraum, in dem der Prinz wohnte, wenn er allein sein wollte oder seinen geschäftlichen Dingen nachging. Entschlossen trat Lal an den beiden Wächtern vorbei und klopfte an die bezeichnete Tür. Als keine Antwort kam, trat sie einfach ein. Richtig, der Prinz saß hinter seinem Schreibtisch, als er aufschaute und sie fragend musterte. Seine kurzen Haare standen etwas wirr von seinem Kopf, als habe er sich gerade wörtlich die Haare gerauft.

„Mein Prinz.“ Sie adressierte ihn förmlich, wegen der Anwesenheit seiner Garde. „Ich möchte mir die Stadt anschauen. Habt Ihr etwas dagegen?“

Er stand von seinem Schreibtisch auf. „Zu dieser späten Stunde? Warum gehst du nicht morgen, wenn es hell ist?“

„Weil ich den Abend und die frühen Nachtstunden mag. Ich werde zurückkehren, bevor es spät wird.“ Damit wollte sie sich schon zum Gehen wenden, als er scharf dazwischen fuhr: „Wer geht mit dir?“

Erstaunt drehte sich Lal wieder um. Bis jetzt war sie in Thale so oft nachts unterwegs gewesen, ohne dass auch nur jemand gewusst hatte, wo genau sie war, ja, dass sie überhaupt fehlte. Wieso sollte sich das jetzt ändern? Weil sie verheiratet war, antwortete sie sich selbst. Die Dinge würden sich ab jetzt ändern, so oder so. Die Worte ihres Vaters hallten in ihrem Kopf nach: ‚Jetzt wird ein anderer dafür sorgen, dass du keinen Unsinn machst!’ Sie sah allerdings schnell ein, dass sie Casimir etwas zur Besänftigung anbieten sollte, das sah sie in seinem Blick.

Nach kurzem Überlegen meinte sie: „Der Arcadier wird mich begleiten. Er ist ein Krieger, er kann auf mich aufpassen.“

Der Prinz schien das abzuwägen. Er musterte den fremden Krieger hinter ihr. Dann beugte er sich vor zu ihr, legte er den Kopf schräg und zischte leise, sodass nur sie es hören konnte: „Du kennst unsere Abmachung. Mach mich zum Gespött der Leute, und wir werden miteinander ein Problem haben. Ich gebe dir alle Freiheit der Welt, wenn du dich dementsprechend verhältst. Missbrauchst du sie, wirst du im Schloss bleiben müssen.“

Zum Arcadier gerichtet sagte er: „Du bist mir für mein Weib verantwortlich. Geschieht ihr etwas, ist dein Leben verwirkt, Fremder.“ Damit drehte er sich um, und das Problem war für ihn erledigt. Er wandte sich wieder den Papieren zu, die vor ihm lagen. Lal entfernte sich rasch und winkte dem Arcadier, mit ihr zu kommen.

Sie huschten schnell die unbewohnten, hellen Gänge entlang und Lal versuchte, die Haupttreppe zu vermeiden. Sie wollte nicht dem nächsten Mitglied der königlichen Familie Rede und Antwort stehen müssen, darüber, dass sie bei Einbruch der Dunkelheit das Schloss verlassen wollte. Das Schloss ihrer Heimat Thale war größer, trutziger als das nur leicht mit weiß gefärbtem Holz verkleidete Schloss von Siebenbergen, und es waren weitaus weniger Bedienstete zu sehen als zu Hause. Unmengen an weißem Stein und Spiegelglas mussten hier verbaut worden sein, und Lal fragte sich unwillkürlich, ob dieser spezielle weiße Stein von irgendwo aus der Nähe stammte. Sie ließ ihre Hand darüber fahren, er war glatt und eben und mit einer feinen Maserung. Die Erbauer würden ihn kaum von weit her mühsam angeschleppt haben. Überhaupt war es stiller auf den Gängen, als sie es gewohnt war. Kein Lachen und Geschwätz drangen an ihr Ohr, wie aus dem Wirtschaftsraum in Thale.

Sie fanden einen Eingang zum Innenhof und verschwanden schnell in den Schatten der gegenüberliegenden Wand, der Arcadier immer geschmeidig, lautlos wie eine Katze, und dicht hinter ihr. Wie sollten sie unbehelligt durch das Schlosstor kommen? Aber auf der anderen Seite hatte sie ihren Ehemann gefragt, und sie hatte die Erlaubnis, in die Stadt zu gehen, warum musste sie sich also verstecken? Der Arcadier blieb weiterhin dicht hinter ihr, als sie raschen Schrittes in die Richtung des großen silbernen Tores gingen. Sie erkannte schnell, dass ihre Sorge umsonst gewesen war, denn es stand weit offen und mehrere Männer, der Kleidung nach als Soldaten in weißer Rüstung zu erkennen, spazierten ein und aus, während Händler mit Karren in den Schlosshof hinein fuhren. Niemand wurde genauer kontrolliert.

Zwischen zwei dieser Karren gingen Lal und der Arcadier, beide hatten ihre Kapuzen tief in das Gesicht gezogen, unbehelligt die grob gepflasterte Straße entlang, die in einem leichten Abhang vom Schloss weg führte. Trotz der vorgerückten Stunde herrschte geschäftiges Treiben in der Stadt, ähnlich dem Tag, als die Prinzessin nach langem Ritt angekommen war. Mit großen Augen lief Lal zwischen den fremdartigen Gerüchen, Tüchern und allerlei Getier hindurch, während der Krieger ihr immer schweigend und wie ein Schatten dicht auf den Fersen folgte.

Schließlich blieb sie vor einem hölzernen Karren stehen, auf dem allerlei Kräuter, getrocknete Beeren, verschiedene Harze und andere Flüssigkeiten in Schalen angeboten wurden. Die verrunzelte kleine Frau dahinter lächelte sie mit zahnlosem Mund an, die weißen Haare ebenfalls unter einer Kapuze verborgen. Die dunkle, lederartige Haut, die sich über ihre Gesichtsknochen spannte, erinnerte Lal an die Rinden der Bäume, die sie hinter sich aufgespannt und zum Verkauf feil geboten hatte.

„Ist das Wacholder?“ Die kleinen schwarzen Beeren waren eine Seltenheit in ihrer Heimat. Lal ergriff sich eine Fingerspitze voll, rieb sie neugierig zwischen ihren Fingern und sog den säuerlichen Geruch in die Nase.

„Oh ja, eine besonders starke Unterart.“ Die alte Frau lächelte sie gütig an. „Der wächst in den Wäldern hier zuhauf zu dieser Jahreszeit. Ihr könnt ihn an den nassen Rändern der Lichtungen finden, besonders stark ist er, wenn er neben Pilzen steht. Und natürlich, wenn er in einer Vollmondnacht geerntet wird. Wir in Siebenbergen nennen ihn Thuja. Ein vielseitiges Gewächs. Genauso wie der Rainfarn. Kennt Ihr den Rainfarn, Mylady?“

Die alte Dame hob ein Stück feines hellgrünes Farn hoch, das so dünn war, dass es wie Gras ausschaute. Erst aus der Nähe erblickte Lal die leicht geriffelte Struktur der Farngewächse.

„Was sind seine Eigenschaften?“

„Der Thuja ist purgatorisch. Er vertreibt böse Blicke und gespaltene Zungen. Er löst Brechreiz aus und Durchfall und reinigt dadurch die Innereien. In kleinster Menge macht er ein Mahl vollmundig. Zusammen mit dem Rainfarn aber, der eine Spezialität aus diesem Teil der Wälder ist, ist es das stärkste Mittel zur Verhinderung einer Empfängnis. Aber bei Euch ist das ja nicht mehr nötig.“ Ihr Blick streifte weich auf Lals Bauch, und ein Lächeln umspielte ihren zahnlosen Mund.

Erschrocken blickte Lal auf. „Woher wisst Ihr das?“

„Wir Halb-Feen haben das zweite Gesicht. Wir leben mit einem Fuß immer in der Welt des Geistes. So ist sie für uns offen.“

Bevor Lal es verhindern konnte, erhob sich ein loderndes Feuer ihres eigenen Geistes um sie herum, dessen Intensität sie selbst fast erschreckte. Wie dumm von ihr, sich ohne ihren geistigen Schutz in dieser fremden Stadt zu bewegen! Die alte Dame öffnete vor Überraschung den Mund, und Lal meinte, in ihren Augen den Widerschein ihres eigenen geistigen Feuers zu sehen. Erstaunt drehte sie sich um, ob hinter ihr vielleicht ein Feuer war, aber es herrschte reine Dunkelheit. In den schwarzen Augen der alten Frau sah sie zudem Erkenntnis und Anerkennung, aber keine Furcht. Die Brauen zogen sich ein wenig zusammen in der Mitte des alten runzligen Gesichtes. Der Arcadier hinter ihr trat von einem Fuß auf den anderen. Er hatte alles gehört, dachte Lal.

Die alte Frau sprach weiter mit zahnlosem Mund, nachdem sie sich ein wenig von ihrer Überraschung erholt hatte.

„Ihr habt von mir nichts zu befürchten, Mylady. Euer Geheimnis ist bei mir sicher. Ihr habt mehr als das zweite Gesicht, und Ihr kennt keinen Rainfarn und erkennt nicht eine der Feen, wenn sie vor Euch steht? Wer um alles in der Welt seid Ihr?“

„Mütterchen, ich komme von weit her. Ich weiß nicht viel von diesem Teil der Erde. Wollt Ihr mir nicht erzählen, was Ihr von den Feen wisst? Oder von Siebenbergen? Ich denke, Ihr würdet mir sehr helfen. Was das Rainfarn angeht …“ Lal deutete auf verschiedene andere Säckchen mit grünem oder braunem Inhalt. „… so bitte ich Euch, mir mehrere Garben von verschiedenen Gewächsen fertig zu machen. Ich würde gerne mehr über die hier wachsenden Kräuter erfahren.“

Die Augen der alten Frau leuchteten auf, ob durch ihr Feuer oder das Geschäft, das sie nun machen würde, oder auch nur, weil sie jemand gebeten hatte, zu erzählen, war Lal nicht ganz klar. Sie setzte sich neben der Verkäuferin auf deren kleinen hölzernen Schemel. Der Arcadier blieb neben ihr im Schatten stehen. Während die alte Dame in aller Seelenruhe verschiedene Schächtelchen und Beutelchen bepackte, fing sie an, langsam zu erzählen.

„Nun, ich weiß nicht, was Ihr von Siebenbergen wisst. Es ist jedenfalls alt. Gegründet wurde es, so die Sage, durch zwei Brüder aus dem Volk der Menschen, die mit ihren Anhängern von weither kamen. Sie wollten die perfekte Stadt im Einklang mit der Natur bilden, denn die Wälder sind so nah und dicht hier, dass sie sie kaum fällen wollten. Die Ureinwohner, die Elben, konnten sich vermischen mit den Feen, denn Elben sind aus Feen und Menschen hervorgegangen. Die Menschen vermischten sich auch bald mit beiden Völkern, um ein Neues zu bilden. Die beiden Brüder wollten eine menschliche Siedlung ohne Schaden an der Natur, denn es hieß, sie konnten mit den Tieren reden und hatten die Gabe, mit den Feen und Naturgeistern zu kommunizieren. Natürlich würde so jemand, der diese Gabe besaß, viel eher den Versuch unternehmen, das Gehölz nicht abzureißen als jemand ohne solche Einsichten.“ Die Säckchen stapelten sich auf dem Tisch und noch immer nahm die alten Dame weitere Beutel mit winzigen Schaufeln und füllte winzige getrocknete Blüten in ein Leintuch.

„Es kam, wie es kommen musste, und der Streit entbrannte zwischen den Brüdern. Es gibt verschiede Geschichten darüber, was der Grund des Streites war. Einige behaupten, es waren die unterschiedlichen magischen Fähigkeiten, die der eine dem anderen neidete. Andere sagen, dem Älteren reichten die natürlichen Reichtümer des Landes hier nicht. Nach jahrelangem Frieden drohte der eine dem anderen, und das Ergebnis war, dass einer der beiden Siebenbergen verlassen musste. Die Stadt sei zu klein für zwei Könige, sagte ihnen der Rat der Feen und Menschen. Es hieß, der Ältere wandte Siebenbergen den Rücken und ging bis zur Küste, wo er eine andere Stadt nach seinen eigenen Vorstellungen gründete.“

„Wie hieß diese Stadt?“

„Thurnangen, das heutige Thale.“

Lal schaute gebannt mit offenen Augen. „Das gleiche Blut gründete Siebenbergen und Thale?“

„Die beiden hatten sich aber so zerstritten, dass der jüngere Bruder, der hier in Siebenbergen geblieben ist, nichts mehr mit seinem älteren Bruder zu tun haben wollte, und so beschloss er, sich mit den Feen zusammenzutun und weiter eine naturnahe Gesellschaft aufzubauen. Jahrhundertelang hatten wir keinen Kontakt zur Außenwelt und wollten für uns bleiben. Diejenigen, die sich mit den Feen vermischten, mehrten das Volk der Elben, Halb- und Teilblütler, die sich von dem ursprünglichen Blut entfernten. Erst viele, viele Jahrhunderte später kam ein Nachfahr der beiden Brüder in Thale auf die Idee, den uralten Weg zwischen den beiden Ländern wieder zu beschreiten und bis zu den sieben Bergspitzen vorzudringen, um zu sehen, was aus dem Volk des Bruders seines Ahnen geworden war. Weil es ein Weg der Verbrüderung zweier entzweiter Länder und Völker war, nannte man diesen Weg von nun an den ‚Guten Weg’. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Leider auch nicht an der Verfeindung dieser zweier Städte und Länder, denn sie ist leider so aktuell wie eh und je.“ Die alte Frau begann, ein Stück Papier mit altmodischer Handschrift mit den Namen der jeweiligen Kräuter, die sie bereit gemacht hatte, zu beschriften.

Was die Alte berichtete, konnte Lal aus eigener Erfahrung bestätigen. Sie seufzte. Deshalb war sie hier. „Was ist mit den Feen? Gibt es sie demnach wirklich? Wie können sie sich mischen mit den Menschen?“

„Oh, sie sind nah genug mit dem Menschen verwandt, um sich mit ihnen zu mischen. Dies ist das ursprüngliche Land der Feen. Sie waren zuerst hier, sie haben die älteren Rechte. Ihr könnt sie sehen, wenn Ihr in den Wald geht und wartet. Sie hassen Lärm, wenn Ihr still seid und geduldig, werdet Ihr sie sehen. Sie sind nur scheu, wenn sie spüren, dass man sie nicht mag oder nicht an sie glaubt. Kennt Ihr den alten Spruch, dass, wenn man den Satz sagt, dass man nicht an Feen glaubt, in diesem Moment eine Fee stirbt? Das ist kein Scherz.“ Die Augen der alten Frau blickten nun beschwörend in die von Lal, und sie hatte in ihrem Schreiben innegehalten.

Als die alte Dame sich sicher war, dass die Ernsthaftigkeit ihrer Aussage ihr Gegenüber erreicht hatte, sprach sie weiter: „Mein eigener Vater war eine Fee. Das ist so bei den Feen, die Kinder bleiben meistens bei den Müttern. Wenn eine Feenfrau ein Halbblut gebärt, bleibt es oft beim Volk der Feen, bis es ausgewachsen ist, sich zwischen den Welten zu entscheiden. Umgekehrt, wenn die Mutter ein Mensch ist, wie bei mir, bleibt man bei den Menschen und nur selten wählt man den Weg der Feen später, denn so anders und seltsam mutet er uns an, die wir nicht mit ihnen aufwuchsen.“

„Sie leben im Wald? In Häusern?“ Lal konnte kaum glauben, was sie hörte. All die Geschichten in den Märchenbüchern ihrer Kindheit hatten mehr als ein Körnchen Wahrheit, so schien es.

Die alte Frau lachte auf. „Oh, nein. Sie brauchen keine Häuser. Sie leben auf den Lichtungen des Waldes. Sie tanzen im Morgengrauen und in der Abenddämmerung. Sie singen, wenn man genau hört, zu diesen Zeiten. Sogar als Halbblut habe ich die Fähigkeit, zu sehen, sie noch viel mehr. Sie sind Sehen, Gefühl, nicht wirklich und doch wirklich genug. Sie ergreifen die Seele des Betrachters, kommunizieren ohne Worte, gehen direkt in das Innere des Herzens.“ Jetzt war das Gesicht der alten Frau von einem inneren Licht erwärmt.

„Was ist, wenn sie jemanden nicht mögen? Können sie einem etwas tun?“ Lal wollte nur sichergehen.

„Wer würde sie nicht mögen? Wer würde Musik nicht mögen? Oder Gesang? Die Liebe und das Leben selbst? Nein, sie tun niemandem etwas zuleide. Sie sind einfach nicht da, wenn man sie nicht mag, sie zeigen sich Euch nicht, das ist alles.“ Die alte Frau musterte sie nun misstrauisch, als habe sie gerade einen Mord gestanden.

Lal griff nach ihrem Sammelsurium von Säckchen, das sorgsam abgepackt vor ihr stand, zusammen mit dem Papier, auf dem untereinander eine Reihe von fremden Namen stand, und reichte eine Goldmünze aus ihrer Manteltasche. Die alte Dame ergriff sie und lächelte wieder zahnlos, sodass sich ihr Gesicht in tausend Lachfalten legte.

„Ich danke Euch von Herzen für diese Lehrstunde. Ihr habt mir sehr geholfen. Vielen, vielen Dank. Sei die Göttin mit Euch.“ Sie hatte es noch nicht ganz ausgesprochen, als ihr einfiel, dass diese Menschen hier die große Göttin gar nicht verehrten, zumindest nicht in dieser Form, die sie von zu Hause her kannte. Sie glaubten an die Natur, die laut Mahavira ja auch Ausdruck der großen Göttin war. Ohne Namen jedoch, der dazugehörte. Die Augen der alten Frau schauten ihr gütig in das Gesicht.

„Lebt wohl, Thalerin.“ Sie lächelte wissend.

Hastig verabschiedete Lal sich, verstaute ihren Einkauf in den Falten ihres Gewandes und ging den Weg nachdenklich zurück zum Schloss, der Arcadier ihr immer stumm auf den Fersen. Sie vermied seinen Blick.

Am folgenden Abend wurde ein großes Festmahl für die ganze Stadt Siebenbergen abgehalten, auf dem die zukünftige Königin dem Volk und den Würdenträgern des Landes vorgestellt wurde. Sahi hatte ihr ein weißes, mit goldenen und silbernen Fäden besticktes Kleid gereicht, ihre Vermutung bestätigend, dass sie in der Farbenwahl ihrer zukünftigen Garderobe tatsächlich eher eingeschränkt sein würde. Lal stand auf der Empore der inneren Schlosshalle und beobachtete schweigend die Versammlung um sich der ebenfalls komplett weiß gekleideten, teilweise mit fremdartigen Zügen ausgestatteten Menschen. Oder Elben? Vielleicht gar mit mehr Feen- als Menschenblut? Sie wusste nicht, woher sie das bestimmen konnte. Jetzt wünschte sie sich, sie hätte in ihren Geschichtsstunden besser aufgepasst.

Insgesamt waren es sehr viel weniger Gäste, als sich bei einem ähnlichen Anlass in Thale eingefunden hätten, fand Lal. Fast familiär und freundlich wirkte die Begrüßung der meisten Neuankömmlinge mit dem Königspaar und den beiden Königskindern. Viele hatten helle, fast weiße Haare, obwohl sie nicht sehr alt schienen, einige hatten tatsächlich fremdartig spitze Ohren und langgezogene Augen, die ebenfalls wasserhell erschienen, einige zeigten die gleiche bleiche, charakteristische Haut wie Prinzessin Sahi. Die Bewegungen der Elben waren fein und elegant, sie konnten gar nicht grob und klotzig wirken, so schien es, selbst wenn sie es wollten. Vielleicht wirkten sie auch nur so, weil sie fast alle sehr groß waren, fast linkisch, alle, bis auf Sahi, die kindlich klein wirkte.

Lal sprach mit niemandem mehr als zwei Worte der Höflichkeit und setzte sich still neben Casimir, während sie ihre neue Umgebung genau beobachtete. Dies lenkte sie ab von ihrem Durst, der über diesen Tag hinweg stärker und stärker geworden war. Noch hatte sie der Versuchung des Wassers nicht nachgeben müssen. Sie hatte fast nur Früchte und wasserhaltige Dinge zu sich genommen, wusste aber, allein ihrer Gesundheit zuliebe, würde es nicht mehr lange so weitergehen können. So bereitete sie sich innerlich auf das Unausweichliche vor, betrachtete Casimir von der Seite aus den Augenwinkeln und versuchte, in seiner männlichen Ausstrahlung Attraktivität zu finden. Was hatte Cecilé nur in ihm gesehen?