Der Schatten des Fotografen - Joko Sander - E-Book

Der Schatten des Fotografen E-Book

Joko Sander

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Beschreibung

Anfang des 20. Jahrhunderts in Nordamerika: ein autoverrückter Bischof rast mit seinem Pierce Arrow durch Texas. Irgendwo in der Wüste findet ein Konzert für den Banditen Pancho Villa statt, während ihm General Pershing (der, nach dem Jahre später eine Rakete benannt werden sollte) auf den Fersen ist. Ein blinder Sänger verliert seinen Job im Bordell, singt für den lieben Gott und wird für ein Plattenlabel entdeckt. Im Glockenturm der Kathedrale von Dallas hängt ein Toter. Mittendrin der junge Deutsche Joseph Keller, der seine Heimat wegen einer Frau verlassen hat und sich auf die Suche nach Gott begibt. Über Rotterdam und New York reist er nach St. Louis, wo er ein Priesterseminar besucht. Nach der Priesterweihe wird Joseph nach Texas geschickt. An der Grenze zu Neu Mexiko betreut er nun deutsche Auswanderer und deren mexikanische Arbeiter, die auf den Baumwollfeldern für einen Hungerlohn schuften. Nach Ansicht der Farmer kümmert sich der junge Priester jedoch zu sehr um die Mexikaner. Eifersüchtige Mitglieder seiner Gemeinde verraten ihn und bald haben die Farmer einen grausamen Verbündeten auch der KuKluxKlan ist auf Joseph aufmerksam geworden. Der ahnt nichts von alledem und verstrickt sich immer tiefer in einem Netz aus Hass und Intrigen. Man will den Störenfried loswerden. Ein paar Männer schmieden schließlich einen mörderischen Plan... In dieser Geschichte geht es um Liebe, Hass, Freundschaft und Eifersucht. Es geht um Intolleranz und Verrat, um die Magie kubanischer Zigarren und die eisige Kälte in der texanischen Wüste, um Talentscouts für den lieben Gott und die Plattenindustrie. Es geht aber auch um den verführerischen Duft von Liebe, Havannas und Rosinenbrötchen.

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Seitenzahl: 326

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Joko Sander wuchs in einem Dorf in Norddeutschland auf. An der Hochschule für bildende Künste, Berlin, studierte er Grafik-Design. Nach dem Studium arbeitete er zunächst als Art Director in verschiedenen Unternehmen, bevor er in München eine Werbeagentur gründete. Für seine Arbeiten wurde er mit etlichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet. Joko Sander lebt heute in einem alten Farmhaus in der Nähe von Kapstadt. “Der Schatten des Fotografen” ist sein erster Roman.

Joko Sander

Der Schatten des Fotografen

ROMAN

©2011 CommuniCape

Autor: Joko Sander

Umschlaggestaltung: R·M·E, Roland Eschlbeck,

unter Verwendung einer Fotografie von Joseph Keller,

© The Joseph Keller Collection

Abdruck des Auzugs aus “Easy Rider Blues” von Blind Lemon Jefferson

mit freundlicher Genehmigung von Milestone Records LTD, London

Copyright ©1992 Milestone Records, Tenth & Parker, Berkely, CA

Verlag: tredition GmbH

ISBN: 978-3-86850-935-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Your easy rider died on the road.

Man, the easy rider died on the road.

I’m a poor boy here and ain’t got nowhere to go.

Blind Lemon Jefferson, Easy Rider Blues

Für Susanne – mein Glück

Prolog

Im Schutz der Dunkelheit hatte Joseph Keller sein Haus verlassen. Um die Männer vom KuKluxKlan zu täuschen, war er zunächst nach Süden geflohen. In einem weiten Bogen lief er aber zurück zur Stadt und erreichte mit großer Mühe die Santa Fe Station von Slaton, wo er unbemerkt einen Zug Richtung Norden bestieg. In Amarillo brach er zusammen, mexikanische Baumwollpflücker brachten ihn zum dortigen St. Antonius Krankenhaus. Sein Körper war mit Brandblasen überzogen, die sich entzündet hatten. Sein Rücken, gezeichnet von furchtbaren Schlägen, war Blut unterlaufen. Joseph Keller rang mit dem Tod. Niemand wußte, was geschehen war, erst ein Artikel im San Antonio Express sorgte für Aufklärung.

Katholischer Priester in Slaton geteert und gefedert

Associated Press, 5. März

Joseph M. Keller, ein katholischer Priester aus Slaton, Texas, geriet an einem entlegenen Ort im Norden der Stadt in einen Hinterhalt. Er wurde überfallen und von einer Bande ver- mummter Männer zusammengeschlagen, geteert und gefedert. Motor Chapel St. Peter wurde bei dem Überfall zerstört und brannte völlig aus. Die Männer nannten keine Gründe für ihre Tat, aber Pfarrer Keller wurde aufgefordert, die Stadt zu verlassen. Die Schläger hätten ihm gegenüber behauptet, dass sie nicht vom KuKluxKlan seien, erklärte seine Haushälterin.

6. März 1922, San Antonio Express

San Antonio, Texas

Die Zeitungen von Slaton berichteten weder an diesem noch an den nächsten Tagen über den Vorfall. Die aufstrebende Stadt an der Eisenbahnlinie hatte viele Deutsche angelockt, die hier Arbeit gefunden hatten und so verbreitete sich die Nachricht über das Verbrechen an Pfarrer Keller trotzdem in Windeseile. Zwei Wochen später erschien ein weiterer Bericht über den brutalen Überfall. Auf der Titelseite des Southern Messenger konnte man folgendes lesen:

Priester geteert und gefedert

4. März 1922

Der deutsche Priester Joseph Keller wurde in der Nacht zum Sonntag von einer Bande vermummter Männer überfallen. An einer entlegenen Stelle, nördlich der Stadt (Slaton, Texas), wurde er geteert und gefedert. Motor Chapel St. Peter brannte bei dem Überfall aus. Pfarrer Keller wurde von den Klansmännern unmissverständlich aufgefordert, die Stadt zu verlassen. Er ist seit dieser Nacht wie vom Erdboden verschluckt. Nach Meinung der Berichterstatter sind die Ausschreitungen auf Vorwürfe zurückzuführen, Keller sei ein Spion gewesen und habe sich während des Weltkrieges pro-deutsch verhalten.

16. März 1922, Southern Messenger,

San Antonio und Dallas, Texas

In Slaton war niemand an der Aufklärung des Verbrechens interessiert. Die Ermittlungen wurden verschleppt, die ausgesetzte Belohnung von 2.500 Dollar führte nicht weiter und die Täter wurden nie ermittelt. Der unbequeme Priester war weg und seine Pfarrgemeinde versuchte ihn schnell zu vergessen – Gras wuchs über die Sache. Die Jahre vergingen. Das Auto trat seinen Siegeszug an und verdrängte die Eisenbahn fast vollständig aus dem Bild amerikanischer Städte. Unrentable Strecken wurden eingestellt und auch der Bahnhof von Slaton wurde geschlossen. Die einst so pulsierende Stadt versank in der Bedeutungslosigkeit.

Im Herbst 1976 sorgte das längst in Vergessenheit geratene Verbrechen jedoch noch einmal für Aufregung in Slaton.

Pfarrer Peter Morsch richtete das Wort an seine Gemeinde.

“Lasst uns für die Verstorbenen beten! Lasst uns besonders unseres verstorbenen Bruders Joseph Keller gedenken, der mein Vorgänger war und dem in Slaton so viel Unrecht getan wurde.

Lasset uns beten! Kyrie eleison! Herr erbarme Dich!”

Ein Rumoren ging durch das Kirchenschiff, es wurde unruhig, Pfarrer Morsch aber betete unbeirrt weiter.

“Lasst uns auch für die Männer beten, die an diesem Verbrechen beteiligt waren. Lasset uns beten! Kyrie eleison!”

Ratlos sahen sich die Gläubigen an. Nur wenige hatten etwas von den Ereignissen vor über 50 Jahren gehört – und von ihnen wollte keiner wieder daran erinnert werden.

Die Blicke zweier alter Männer kreuzten sich. Unmerklich nickte der ältere der beiden dem anderen zu. Nach dem Gottesdienst standen die Gemeindemitglieder in kleinen Gruppen vor der St. Peter’s Kirche von Slaton. Heftig redeten sie auf ihren Pfarrer ein. Nur die beiden alten Männer machten sich schnell davon. Sie stiegen in einen klapprigen Dodge und fuhren in Richtung Zentrum. Wortlos saßen sie eine Weile nebeneinander. Als der Ältere etwas sagen wollte, fiel ihm der andere ins Wort.

“Halt’s Maul, wir sind gleich da!”

Er parkte den Wagen vor einer heruntergekommenen Kneipe. In Debbie’s Saloon war die Hölle los, wie jeden Sonntag. Die Stimme von Willie Nelson quakte aus einer verbeulten Rock O’ La. Dichter Tabakrauch hing über den Tischen. Im Nebenraum wurde Billard gespielt. Die beiden Alten setzten sich an die Theke. Sie schienen das Treiben um sich herum gar nicht wahrzunehmen.

“Wie immer?” Debbie erhielt keine Antwort, fragte nicht weiter und zapfte zwei große Bier.

Tief über sein Glas gebeugt stierte der Ältere ins Nichts.

Tränen rollten über sein zerfurchtes Gesicht. Dann richtete er sich plötzlich auf und begann ganz leise, mit zerbrechlicher Stimme zu reden. Nur sein Begleiter hörte, was er sagte. Er sah, dass der Alte am ganzen Körper zitterte.

“Ich hab das nicht gewollt, Gerd”, weiter kam der alte Mann nicht. Unwirsch fuhr ihn der Jüngere an. “Was hast du? Ist doch alles okay so! Trink endlich aus und halt dein Maul! Ich weiß nicht, wovon du redest.”

Doch er wusste sehr wohl, wovon die Rede war.

Priester in Slaton TX, geteert und gefedert -1922 -

“Banden des KuKluxKlan verübten nach dem Ersten Weltkrieg schwere Verbrechen gegen Priester in West Texas.

Das erste Opfer war Pfarrer Joseph Keller aus Slaton, der in der Diözese von Dallas für die Deutschen Gemeinden angestellt war. Keller verfing sich in einem Netz von Intrigen und Verleumdungen. Der Erste Weltkrieg wütete in Europa und der Herausgeber des Slaton Journal stellte die Deutschen in seinen Artikeln als Barbaren dar. Pfarrer Keller wehrte sich vehement dagegen. Bald bezichtigte man ihn der Spionage für den deutschen Kaiser, dann auch noch des Ehebruchs. Nachdem der Pfarrer auch noch einen schwarzen Musiker bei sich aufnahm, wurde er von Mitgliedern seiner eigenen Kirchengemeinde an den KuKluxKlan verraten…”

31. Oktober 1976, The West Texas Catholic

Amarillo, Texas

Die Wochenzeitung berichtete ausführlich über die Vorfälle vom Frühjahr 1922. Bis auf die beiden alten Männer konnte sich jedoch niemand mehr an das Verbrechen erinnern. Gerd Koppen, der jüngere von beiden war damals dreiundachtzig, Gustav Feldhaus neunundachtzig Jahre alt. An diesem Sonntag hatte sie die Geschichte wieder eingeholt.

Kapitel 1

Nordwestlich vom geschäftigen Stadtzentrum von St. Louis, dort wo die 19. Straße auf die Cass Avenue traf, lag das Kenrick Seminar.

Das weitläufige Areal war von einer mehr als mannshohen Mauer aus rotem Backstein umgeben und verwehrte dem Vorbeieilenden beinah jeden Blick auf den ausgedehnten Park und die Seminargebäude. Die zwei nach oben abgerundeten Flügel eines mächtigen Eisentores überragten die Mauer an der Cass Avenue um einen ganzen Meter. Dieses Tor teilte die Mauer genau in zwei Hälften und blieb immer verschlossen. Von der Parkseite wurde es zusätzlich durch eine schwere Eisenkette gesichert und niemand konnte sich daran erinnern, es jemals offen gesehen zu haben. Eine gepflasterte Auffahrt lief von hier geradewegs auf das Haupthaus zu. Auch die Auffahrt wurde schon seit Jahren nicht mehr genutzt, dickes Unkraut wucherte zwischen den gewaltigen Steinplatten.

Versteckt am hinteren Teil der Parkmauer gab es einen Zugang zum Konvent, den man über einen staubigen Pfad erreichte, der zwischen dem Priesterseminar und den angrenzenden Grundstücken verlief. Wenn die Priester und Seminaristen das Gelände verlassen oder wenn sie es betreten wollten, schlüpften sie jedoch durch eine unscheinbare, tannengrün lackierte Eisenpforte, die sich verschämt in den Abschnitt der Mauer duckte, der parallel zur 19. Straße verlief.

Richard F. Brennon, der Dekan des Seminars und sein Freund, Patrick J. Fynch, Bischof von Dallas, zogen aus Gewohnheit ihre Köpfe ein. Auch sie betraten den Garten des Seminars durch die kleine grüne Pforte. Üppiges Efeu überwucherte das Mauerwerk an dieser Stelle. Der niedrige Einschlupf fiel einem Aussenstehenden nicht weiter auf.

Die Männer kamen vom Nachbargrundstück. Sie hatten sich Clemens House angesehen, da die Räumlichkeiten des Kenrick Seminars schon lange nicht mehr für die ständig wachsende Zahl der Studenten ausreichten. Der Wohntrakt platzte aus allen Nähten, doch die Gebäude waren auch veraltet und alle Einrichtungen des Seminars erwiesen sich immer mehr als unzureichend. Bischof Brennon war von seiner Diözese beauftragt worden, das Priesterseminar zu erweitern.

Clemens House schottete sich ebenfalls zur Straße und zu den Nachbargrundstücken durch eine hohe Mauer ab. Mark Twain, der mit richtigem Namen Samuel Clemens hieß, hatte eine Zeit lang hier im Haus seines Onkels gelebt und Reiseberichte für Zeitungen geschrieben. Jetzt wohnte aber niemand mehr dort und das Anwesen stand zum Verkauf.

Die beiden Männer verschlossen die grüne Pforte hinter sich. Dann gingen sie an der Kirche des Konvents vorbei, deren Eingang geschützt unter einer Veranda lag. Der weiß getünchte Vorbau erinnerte an das Portal eines griechischen Tempels. Sein Dach in Form eines stumpfen Dreiecks wurde von vier schlanken Säulen getragen und das Medaillon in seiner Mitte zeigte Maria mit dem Kind. Alle Gebäude des Konvents waren aus den gleichen roten Ziegelsteinen errichtet worden wie die Mauer, die sie umgab. Die Männer gingen am Verwaltungsgebäude und dem Wohntrakt des Klosters entlang in den hinteren Teil des Parks. Dort setzten sie sich auf eine altersschwache Bank aus verblichenem Teakholz, auf der sie schon als Seminaristen stundenlang diskutiert hatten. Der Dekan des Seminars, Richard F. Brennon, war schlank, hatte dunkle, fast schwarze Haare und sah blendend aus. Er war vielleicht eins-fünfundsiebzig groß und wirkte fast zierlich neben seinem Freund, Patrick J. Fynch. Der Bischof von Dallas war mit seinen einsachtundneunzig ein wahrer Hüne. Er hatte rotblonde Haare und die Figur eines Baseballspielers.

Von hier hatte man einen ungehinderten Blick durch den Garten. Niemand war zu sehen, denn die meisten Studenten nutzten den freien Nachmittag für einen Besuch in der Stadt.

Der mächtige Ahorn über der Bank trug noch viele Blätter, und alle hatten schon die prachtvollen Farben des nahenden Abschieds angelegt. Es war Anfang November, der Herbst gab die gespeicherte Wärme des Sommers zurück. Letzte Blüten einer üppigen Trompetenblume leuchteten jasperrot im Schutz der wärmenden Mauer.

“Ich glaube, du mußt dich gar nicht weiter umsehen, Richard.” Patrick Fynch war von der Idee, Clemens House zu kaufen, begeistert. Er sprach mit hochrotem Kopf und es sprudelte nur so aus ihm heraus. “Das ist die Lösung, glaub mir. Die Idee ist so einfach, deshalb ist sie auch so genial. Das Grundstück ist riesig, hätte ich gar nicht gedacht, und wir hätten auf lange Sicht Ruhe. Und wenn es nicht anders geht, könnten wir die alten Gebäude hier ja abreißen.” Patrick Fynch war gar nicht zu bremsen. “Weißt du schon, was das Ganze kosten soll?”

Richard Brennon wußte es nicht, doch er war, anders als sein Freund, ein besonnener Kopf und er war ein kühler Rechner. “Du hast ja Recht, Patrick”, antwortete er. “Es wäre zu schön, aber so einfach ist die Sache nicht, ich weiß nicht mal, ob die Clemens-Erben das Grundstück wirklich verkaufen wollen und wenn ja, zu welchem Preis. Wir müssen jetzt auch gar nicht weiter diskutieren. Nächste Woche fahre ich nach Hannibal und wenn ich zurück bin, weiß ich mehr. Okay?”

Damit war das Thema für Richard Brennon beendet und sein Freund lenkte ein. Sie kannten sich wirklich schon sehr lange. “Ist ja gut, ich bin auch noch aus einem anderen Grund nach St. Louis gekommen, das weißt du ja.” Ohne Umschweife kam er auf den Punkt. “Ich brauche dringend noch einen Priester für den Westen meiner Diözese.” Er sah seinen Freund an. “Komm schon! Einen!”, hakte er nach. Und wenn man die zwei da so auf der Parkbank sitzen sah, hätte man meinen können, dass der Manager eines Baseballteams mit seinem Baseman über die Strategie für das nächste Auswärtsspiel stritt. “Wie macht sich denn eigentlich der Deutsche, von dem du mir erzählt hast?”

Richard Brennon dachte einen Moment nach.

“Wir werden schon noch etwas Geduld mit ihm haben müssen. Er ist ja auch noch gar nicht so lange hier. Aber wenn du schon nach ihm fragst, solltest du auch ein paar Dinge über ihn wissen.”

“So spannend?” Patrick Fynch sah ihn erstaunt an.

Richard Brennon zuckte mit den Achseln.

“Wie man‘s nimmt. Was willst du zuerst hören, die gute oder die schlechte Nachricht. Oder anders gefragt, was ist dir lieber, die offizielle Version oder die Wahrheit?”

“Dann zuerst die offizielle Version!”

“Er habe sein Studium in Deutschland fast beendet, doch dann hätten sie ihn kurz vor der Ordination entlassen.”

Patrick Fynch zuckte zusammen, unterbrach seinen Freund aber nicht und hörte weiter zu.

“Er hat ein Seminar irgendwo in der Nähe von Kassel besucht, so viel steht fest. Doch wenige Monate vor der Weihe habe er eine Lungenentzündung bekommen und wäre fast gestorben. Er hat überlebt, wie wir wissen, und als es ihm dann besser gegangen sei, so der Abt, habe man ihn nach Hause schicken müssen, denn das Risiko sei einfach zu groß gewesen und man habe ihn in ihrem Orden nicht aufnehmen können.”

“Das ist also die offizielle Version, aber das war doch nicht der wirkliche Grund, oder?” Patrick Fynch wurde ungeduldig und starrte seinen Kollegen an. “Was soll das, Richard? Offizielle Version? Wahrheit? Ich versteh nicht! Weswegen erzählst du mir das alles? Mach’s nicht so spannend!”

“Wart’s doch ab! Das Kloster hat die Geschichte genau so bestätigt, wie ich sie dir gerade erzählt habe, verstehst du? Für die ist Amerika weit weg! Stimmt ja auch. Der Abt hat mich jedenfalls wissen lassen, sie könnten nur gesunde Priester in die Mission senden.”

Nein, Patrick Fynch verstand gar nichts und das ärgerte ihn. Puterrot im Gesicht fluchte er so laut und lästerlich, wie er es von seinem Vater, einem irischen Einwanderer, gelernt hatte.

“Sesselfurzer! Alle! Du auch!” Herausfordernd sah er Richard Brennon an, so, als wolle er seinen Freund zum Ringkampf auffordern, und dann schimpfte er weiter. “Offizielle Version! Wahrheit! Jetzt erzähl endlich, was los ist!”, blaffte er. Es hatte ihn nicht länger auf der Bank gehalten, aufgebracht stampfte er auf und ab.

Richard Brennon beobachtete den Ausbruch gelassen. Sie kannten sich wirklich schon lange.

Nur ein paar Vögel flatterten verschreckt davon.

“Reg dich nicht auf, setz dich wieder!”, sagte er und wies mit der flachen Hand auf den Platz neben sich. “Gut, dass dich hier niemand sieht. Wir sind nicht auf dem Rummelplatz! Bischof von Dallas? Ich glaub es ja nicht!”

Und dann erzählte er Patrick Fynch alles, was er von Joseph erfahren hatte.

“…aber er will unbedingt Priester werden und nach Hause schicken lassen wird der sich nicht noch mal, da bin ich ganz sicher. Doch in vielen Dingen benimmt er sich ungeschickt und undiplomatisch, nur weil er das Gefühl hat, dass er einen Fehler gemacht hat. Und dann kommt noch etwas dazu, er ist ein Hitzkopf.” Richard Brennon lächelte. “So wie du. Aber er ist auch sensibel und ein sehr musischer Mensch. Spielt wunderbar Klavier und hat uns während der Messe schon auf der Orgel begleitet. Solltest du dir anhören! Nur sein Englisch, sein Englisch…”, fuhr er fort. “…ist wirklich eine Katastrophe! Das ist wirklich ein Problem. Ich habe ihm zwar Martin Hellriegel als Tutor zur Seite gestellt, doch ob der ihm helfen kann? Na, das Nötigste wird er ihm vielleicht beibringen. Ich glaube, die beiden verstehen sich ganz gut.”

Richard Brennon streckte seine Beine von sich, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und sah seinen Freund an. “Das war’s, mein Lieber. Na, was sagst du?”

“Ich muss mit ihm sprechen, John!”, antwortete Patrick Fynch. “Jetzt weiß ich auch, warum du mich solange hast zappeln lassen, du Gauner.” Nichts hielt ihn noch auf der wackligen Bank. “Vielleicht geht’s ja morgen, nach dem Hochamt? Wenn das alles stimmt, ist er genau der Richtige für meine deutschen Schäfchen da unten. Denkst du doch auch, oder? Deshalb hast du mich also kommen lassen!”, sagte Patrick Fynch mit breitem Grinsen. “Ja, ich brauche so einen Typen, einen der mit beiden Beinen im Leben steht! Englisch ist da gar nicht so wichtig! Spanisch schon eher! Und das Klima im Westen ist perfekt. Da hat er so viel zu tun, er wird gar keine Zeit haben, an seine Lungen oder sonstwas zu denken.”

Die beiden Seminaristen waren eilig die Cass Avenue hinunter gegangen. Sie freuten sich auf ihren freien Nachmittag.

“Einen Moment, ich bin gleich zurück”, sagte Joseph und verschwand hinter den schweren Mauern aus hellgrauem Granit. Martin wartete derweil vor dem trutzigen Gebäude der Pulaski Bank und genoß die letzten Strahlen der Herbstsonne. Es war nicht viel los in der großen Schalterhalle, schon nach wenigen Minuten öffnete sich die stählerne Eingangstür und Joseph stieg triumphierend die Stufen hinunter. Stolz schwenkte er seine Brieftasche.

“Harte Dollars! Das wird hoffentlich reichen für heute”, sagte er.

Gut gelaunt überquerten die zwei die Straße und warteten an der Haltestelle Hadley Street auf die nächste Straßenbahn in Richtung Zentrum.

“Und was machen wir mit dem ganzen Zaster?”, fragte Martin lachend.

“Ich muß noch ein paar Sachen im Nickel & Dime besorgen, aber sonst”, Joseph zuckte mit den Achseln. “Sonst… ach ich weiß nicht, vielleicht zeigst du mir die Stadt. Zeit haben wir genug und vielleicht kommen wir ja an einem Zigarrenladen vorbei.”

Als Martin ihm antworten wollte, bremste die Straßenbahn mit einem solch markdurchdringenden Quietschen vor ihnen, dass sie zuerst einmal einstiegen und sich setzten. Dann zuckelte die Bahn weiter.

“Zweimal Pine Street, bitte!” Martin bezahlte und reichte Joseph die Fahrkarte. “Ich denke, als erstes gehen wir mal zu Mr. Bertie”, schlug er vor. Er wußte von Josephs Leidenschaft. “Der Laden wird dir gefallen und wenn wir die Zigarren haben, seh’n wir weiter.”

Sie fuhren an der Lafayette Brauerei vorbei. Brinckwirth, Griesedieck & Nolker. Joseph las die verblasste Zeile am Sudhaus und hing seinen Gedanken nach – nur für einen Augenblick tauchten vage Bilder aus der Heimat auf: Maria, seine Schwester, seine Mutter, doch dann stieg ihm plötzlich dieser unverwechselbare, süßlich-herbe Duft von frischer Maische in die Nase. “Nicht schlecht! Riecht vielversprechend, oder?” Er steckte seinen Kopf aus dem offenen Wagen und schnüffelte am würzigen Fahrtwind. Seit langem hatte er sich nicht mehr so wohl gefühlt. “Wenn du mir die Stadt zeigst, lade ich dich hinterher auf ein Bier ein, abgemacht?”

“Okay, abgemacht!”

Rumpelnd bog die Bahn in die 7. Straße ein. Sie näherten sich unübersehbar dem Zentrum, die Häuser standen hier viel enger zusammen als im Brewery District und die Zahl ihrer Stockwerke nahm zu. Die Geschäfte zur Rechten und Linken warben mit riesigen Tafeln um Kundschaft. Kutschen preschten vorüber. Die Fahrgäste reckten die Hälse, wenn sie eines der atemberaubenden Automobile erspähten, die neuerdings die Straßen von St. Louis unsicher machten und als in Höhe des Union Market ein Studebaker stadtauswärts raste, hielten auf dem breiten Trottoir geschäftige Männer mit ihren eleganten Strohhüten und blank geputzten Schuhen für einen Augenblick inne, schauten sehnsüchtig dem knatternden Gefährt nach, dann hasteten sie weiter, wichtigen Terminen entgegen. Eine Allee von Strommasten säumte die Straße. Die Masten schienen zu ächzen unter der gewaltigen Last der Kabel, die man wie Saiten eines Musikinstruments zwischen ihren gleichförmigen Armen verspannt hatte.

Die Straßenbahn verlangsamte ihre Fahrt.

“Pine Street, hier müssen wir raus, Joe!”

Martin war lang aufgeschossen und überragte Joseph noch um einen halben Kopf. Die beiden bummelten die belebte Straße entlang. Die Auslagen der meisten Geschäfte interessierten sie nicht sonderlich. Dann blieben sie jedoch wie gebannt vor dem Schaufenster eines Fordhändlers stehen. Sie trauten sich nicht hinein in den Verkaufsraum und rätselten, wer so viel Geld für ein Automobil aufbringen könnte, die 575 Dollar für das ausgestellte T-Modell lagen jenseits ihrer Vorstellungskraft.

“Also ein paar Dollar hätten wir ja. Vielleicht beim nächsten Mal!” Joseph gluckste vergnügt in sich hinein und gab Martin einen freundschaftlichen Schubs. “Laß uns gehen, eh ich’s mir noch anders überlege!”

Sie zogen weiter.

Paare flanierten in Richtung der nahen Uferpromenade. Den Mississippi konnte man nicht sehen, aber eine unternehmungslustige Brise war zu spüren, die von dem gewaltigen Strom aufgebrochen war, um an diesem Nachmittag durch die Gassen der Stadt zu streichen.

Bertie Peitz jun. war vertieft in ein Gespräch. Als er für einen Augenblick durch das Schaufenster nach draußen schaute, sah er zwei junge Männer die Straße überqueren und geradewegs auf seinen Laden zukommen. Den hochaufgeschossenen, wohl etwas jüngeren der beiden, kannte er. Ein Lächeln huschte über Berties Gesicht.

Im Haus Nr. 210, direkt neben Steiners Ticket Office, hatte Franz Hubert Peitz sen. im Jahr 1887 ein Tabakgeschäft eröffnet.

“Mr. Bertie” nannten ihn seine Kunden mit großem Respekt, denn so stand es auch über seinem Schaufenster.

* BERTIE’S * * EXCLUSIVE CIGARS & TOBACCO *

Nach dem Tod des Vaters führte der Junior das Geschäft erfolgreich weiter und wenn er im Laden stand, trug er stets ein blütenweißes Hemd und darüber eine Weste aus feinster Seide – an jedem Tag der Woche eine andere. Streifenmuster in hellen, freundlichen Farben bevorzugte er, aber er mochte auch die verschwenderischen Paisleys.

Er strahlte seine Kunden, die er über alles schätzte, mit einem gewinnenden Lächeln und freundlichen blauen Augen an. Seine kurzen, rötlich blonden Haare standen wie feinste Borsten eines Pinsels von seinem rundlichen Kopf. Niemand verließ sein Geschäft je mit leeren Händen.

Ein freundlicher Gehilfe mit einer dunkelbraunen Schürze öffnete den beiden die Tür und führte sie in den Verkaufsraum.

“Wenn Sie bitte einen Augenblick Geduld haben, ich bin gleich bei Ihnen, meine Herren. Schauen Sie sich nur in Ruhe um!”, bat Bertie die beiden und wandte sich wieder seinem Kunden zu.

Joseph ahnte, dass dies ein besonderer Laden war, aber er hätte nicht auf Anhieb sagen können, warum. Mit großen Augen musterte er den Inhalt der Schränke und Vitrinen. Reich verzierte Humidore, Zigarrenetuis aus Silber und Elfenbein fanden sich genauso wie Aschenbecher aus kostbarem Porzellan und Tabakdosen aus Fayence. Hier gab es Zigarrenschneider in jeder Form und feinste Zündhölzer und auf den ersten Blick war auch alles da, nur die Zigarren fehlten, er konnte sie riechen, doch er fand nicht eine in der Auslage.

Nichts zu sehen! Er hatte Martin gerade fragen wollen, aber in diesem Augenblick kam Mr. Bertie auch schon auf sie zu und Joseph traute sich nicht mehr.

Und Martin? Der lächelte wissend.

“Hallo Martin, schön, dass Sie sich wieder mal sehen lassen. Und Sie haben jemanden mitgebracht”, begrüßte Bertie Peitz die jungen Männer und Martin stellte ihm Joseph vor.

“Kommen Sie!”, sagte Bertie und ging mit einer einladenden Armbewegung voraus, ohne sich nach ihren Wünschen erkundigt zu haben. Martin folgte ihm bereitwillig.

Hier geht’s also lang!, dachte Joseph. Über eine schmale Steintreppe, die ihm zuvor nicht aufgefallen war, gelangte er als letzter in das kühle Kellergewölbe. Hier unten wurde das Geheimnis des Hauses gehütet. Mr. Bertie strahlte. Martin gab Joseph einen leichten Schubs in die Seite, als wolle er sagen, “Na, da staunst Du, was!” Joseph wollte seinen Augen nicht trauen, denn hier unten standen sieben raumhohe herrlich duftende Schränke, ausgekleidet mit spanischem Zedernholz und alle waren bis an den Rand gefüllt mit Zigarren.

Das niedrige Gewölbe war erfüllt von einer einzigen würzigen Wolke. Der Raum war gerade mal zwei Meter hoch und Joseph hatte das Gefühl, mit seinem Kopf an die Decke zu reichen. Die wenigen Lampen sorgten für ein weiches Licht. Das war der schönste Platz, den Joseph sich vorstellen konnte.

“Dann wollen wir mal seh’n, was ich für Sie habe.” An jedem Schrank stand der Name einer berühmten Zigarrenmarke und Bertie Peitz wußte zu jeder eine Geschichte zu erzählen. Er wies die beiden ein in die Geheimnisse der Zigarren-Familien und zeigte ihnen, welche Formate in seinen Schränken reiften, was die Hermoso von einer Robusto unterschied und er schwärmte von der außergewöhnlichen Fingerfertigkeit der Torcedores, den meist weiblichen Zigarrenrollern. Bertie Peitz beschrieb eine atemberaubende, fremde Welt und es bereitete ihm sichtlich Vergnügen.

Und die zwei jungen Männer hörten ihm fasziniert zu.

“Von Kuba kommen wohl die besten Zigarren überhaupt…”

Bertie rollte verzückt mit den Augen, “…und die schönsten Frauen der Welt.” Für einen Moment schweifte sein Blick ins Leere, dann fuhr er fort. “Die Zigarren haben eine weite Reise hinter sich, bis ich sie unten im Hafen abholen kann. Allein die Raddampfer brauchen zwei Wochen von New Orleans den Fluß hinauf. Ein beschwerlicher Weg, glauben Sie mir!”

“Sie sind also schon mal dagewesen?”, fragte Joseph. “In Havanna?”

Bertie Peitz nickte.

“Gewiss, ja! Doch in New Orleans habe ich noch häufiger zu tun”, erwiderte Bertie. “Eine aufregende Stadt, voller Musik, voller Liebe!”

“Aber Kuba, wie ist Kuba?”, hakte Joseph nach.

Bertie tat so, als müsse er überlegen.

“Kuba! Havanna!” Seine Augen glänzten. “Ja, ich bin oft dort gewesen. Schwer, dafür die richtigen Worte zu finden.” Bertie musste wohl an die Frauen denken, an die Nächte mit ihnen und wie sie getanzt hatten in den Bars. “Davon erzähle ich Ihnen ein anderes Mal”, sagte er verschmitzt. “Wenn Sie wiederkommen! Sie kommen doch wieder?”

“Oh ja”, strahlte Joseph und schaute Martin an.

“Wenn wir dürfen.”

Martin nickte. Er freute sich, dass es Joseph hier gefiel.

Die beiden verbrachten den ganzen Nachmittag in dem Gewölbe und es fiel ihnen schwer, sich aus dem duftenden Paradies zu verabschieden. Bertie machte ihnen einen anständigen Preis, doch Joseph zuckte zusammen, als er die Havannas bezahlte. Nicht mal in New York hatte er so viel für Zigarren ausgegeben. “Wenn das so weitergeht, bin ich bald pleite. Heute Mittag hatte ich die Taschen noch voller Geld.” Joseph zuckte die Achseln. “Was soll’s, ich glaube, die Stadt sehen wir uns lieber beim nächsten Mal an. Was meinst Du? Ich hab einen Mordsdurst”, sagte er, als sie draußen auf der Straße standen. “Danke, Martin, dein Bier hast du dir wirklich verdient.”

Sie gingen hinunter zum Mississippi. Nur für einen Moment verharrten sie an der Levee, der sonst so belebten Uferpromenade, und schauten auf den träge gen Süden treibenden Fluß. Ein kalter Wind strich über den Damm, ungemütlich war es geworden, draußen war wenig los, und auch sie sahen zu, dass sie in eines der gemütlichen Wirtshäuser kamen.

Es schüttete seit den frühen Morgenstunden. Von der Wärme der Vortage war nichts mehr zu spüren, der Sommer hatte sich endgültig verabschiedet und ein unbarmherziger Wind entführte Schwärme schillernder Blätter zu ihrer letzten, flüchtigen Reise. Dicke, bleierne Regentropfen prasselten unaufhörlich auf das Dach der Veranda und übertönten den Schlußgesang.

Die Messe war aus. Schweigend verließen Seminaristen und Priester das Gotteshaus, hielten kurz unter dem schützenden Vordach inne, dann eilten sie beherzt an Patrick Fynch vorbei, durch peitschenden Regen, dem Wohntrakt zu.

Das Revers seiner Jacke schützend hochgeschlagen wartete der Bischof am Eingang der Kirche auf Joseph. Die typische Form seines schwarzen Hutes verriet, dass er aus Texas kam. Der goldene Ring an seiner rechten Hand, mit einem länglichen, dunklen Rubin geschmückt, wies ihn als Bischof aus. In Baltimore hatte er zuerst Theologie und später Jura studiert. Nach seiner Studienzeit hatte er als Rechtsanwalt in einem Vorort von Chicago gearbeitet, bis er eines Tages den Bischof von Dallas traf und durch dessen Einfluß seinen Beruf aufgab, um das Kenrick Seminar zu besuchen. Vor zwölf Jahren erst war Patrick Fynch hier in der kleinen Kirche des Konvents zum Priester geweiht worden – und als jüngster Bischof der Vereinigten Staaten war er vor wenigen Tagen zurückgekehrt.

Seine Diözese umfaßte ein Territorium von unvorstellbarer Weite. Im Westen reichte sie bis nach Mexico, im Norden bis Oklahoma und im Osten wurde sie vom Mississippi begrenzt. Schnell war ihm klar geworden, dass er dringend neue Priester einstellen mußte, um die stetig wachsende Zahl der Katholiken in Texas nur halbwegs angemessen betreuen zu können. Doch so einfach war das nicht, es gab nicht genügend Nachwuchs, und die Idee seines Freundes, Richard Brennon, Priester in Europa anzuwerben, brachte nicht den ersehnten schnellen Erfolg.

Patrick Fynch ließ seinen Blick durch den Park schweifen, in dem er jeden Baum, jeden Busch kannte. Und er kannte auch die Melodie der Jahreszeiten – er mochte das Trommeln der Regentropfen.

“Exzellenz!” Joseph kniete nieder und verneigte sich, aber als er den Ring des Bischofs küssen wollte, wehrte der ab und zog Joseph schnell wieder hoch.

“Nicht! Was soll das? Kommen Sie!”

Patrick Fynch, der wirklich ein Hüne war, sprang wie ein Athlet die Veranda hinunter, ohne die Stufen im Geringsten zu beachten und rannte auf das Haupthaus zu. Vor Energie und Selbstvertrauen strotzend stürmte er durch den peitschenden Regen und das schien ihm großen Spaß zu bereiten, keine Pfütze ließ er aus.

Joseph war so verblüfft, dass er Mühe hatte, dem Bischof zu folgen. Küster und Ministranten, die als Letzte die Kirche verließen, sahen den beiden von trockener Warte aus ungläubig nach und schüttelten die Köpfe.

Feixend blieben sie stehen.

“Der Erste muß der neue Bischof von Dallas sein”, sagte ein rundlicher Kaplan mit sehr hoher Stimme und sehr dicken Brillengläsern.

“Aber laufen tut er wie Big Ed von den Cardinals”, fügte einer der Messdiener lachend hinzu.

Außer Atem klopften sich der Bischof und Joseph in der Eingangshalle ihre durchnässten Jacketts aus. Dann führte Patrick Fynch Joseph, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, über die geschwungene Holztreppe hoch in den ersten Stock, vorbei an einem Gemälde, das den Gründer des Seminars, Peter Kenrick, zeigte. Sie betraten das Arbeitszimmer seines Nachfolgers, Richard Brennon, der bereits auf dem Weg nach Hannibal war, um über den Verkauf des Clemensgrundstücks zu verhandeln. In der Früh hatte der Dekan einen freundlichen Helfer gebeten, für Feuer im Kamin zu sorgen.

Die beiden machten es sich in Ohrensesseln bequem, die schon etwas in die Jahre gekommen waren und deren cognacfarbenes Leder speckig glänzte. Vor dem Kamin war es wohlig warm und die glimmenden Holzscheite summten ihr Lied. Die Scheiben der Fenster, aus denen man sonst einen herrlichen Blick über den Park hatte, waren beschlagen.

Joseph spürte sein Herz rasen. Nervös rutschte er auf dem glatten Leder hin und her. Richard Brennon hatte ihm in der Hektik vor seiner Abreise nicht viel gesagt, nun wartete Joseph ge-spannt, was sein Gegenüber von ihm wollte. Doch er wußte, dass es um seine Anstellung ging. Endlich!, dachte er. Und es ging um Texas, soviel hatte er verstanden.

Nach seiner Ankunft im Seminar war ihm schnell klar geworden, dass es mit seinen Englischkenntnissen nicht weit her war. Immer noch hatte er ein schlechtes Gewissen, weil er während der Überfahrt nicht ein einziges Mal in seine Bücher gesehen hatte. Während der praktischen Übungen fiel das nicht so auf, dachte er. Er machte genau das, was die anderen machten. Doch er verstand nicht alles und das blieb nicht unbemerkt.

Gespannt sah er den Bischof an.

Endlich ist es so weit!, dachte er.

“Bischof Brennon hat mir von Ihnen erzählt”, sagte Patrick Fynch und kam gleich auf den Punkt. “Wir haben uns lange über Sie unterhalten und wenn wir beide uns einigen, würde ich Sie gern mit in meine Diözese holen.”

“Nach Texas?”, fragte Joseph aufgeregt. “Heute?”

“Nein, nein, mein Lieber.”

Etwas ungeduldig, der junge Mann. Genau wie Richard ihn mir beschrieben hat, dachte Patrick Fynch, er lächelte nachsichtig.

“Nein, nicht heute! So schnell wird’s nicht gehen, wir müssen Ihre Weihe wohl noch abwarten, oder? Ist ja nicht mehr so lange bis dahin! Ich verspreche Ihnen aber, dass ich alles dafür tun werde, damit Sie so bald wie möglich nach Texas kommen. Im Sommer, spätestens im Herbst werden Sie soweit sein, hat mir mein Freund Brennon erzählt.” Patryck Fynch sagte das nicht ganz uneigennützig. Er hatte große Probleme, überall in seiner weitläufigen Diözese bildeten sich neue Gemeinden, doch die Gläubigen drohten ihm in Scharen davonzulaufen, denn es gab nicht genug Priester und Gotteshäuser. Er brauchte dringend neue Seelsorger.

“Unsere Gemeinden liegen zum Teil sehr weit auseinander, müssen Sie wissen, besonders die im äußersten Westen. Manche Orte erreichen wir aber schon mit der Eisenbahn. Sie haben bestimmt davon gehört, dass es in den letzten Jahren immer mehr Menschen nach Texas zieht.”

Er bemerkte ein leichtes Funkeln in Josephs Augen, doch bevor dieser etwas erwidern konnte, fuhr der Bischof fort.

“Bestimmt keine einfache Aufgabe, glauben Sie mir. Wir haben viel vor, wir müssen Schulen, Kirchen, oder wenigstens Kapellen bauen, das braucht alles seine Zeit. Die Menschen suchen die Nähe zu Gott, doch wenn wir sie zu lange allein lassen… “ Er zuckte mit den Achseln. “…ja, dann schließen sie sich eben einer anderen Gemeinschaft an und ich kann es ihnen nicht einmal verdenken. Wir müssen dringend etwas unternehmen! Verstehen Sie, die Konkurrenz ist groß. Amerika ist ein freies Land, jeder kann hier eine Kirche gründen. Manchmal wundere ich mich darüber, wer da alles im Namen unseres Herrn spricht.” Patrick Fynch richtete sich auf. “Jammern bringt uns aber nicht weiter, wir müssen eben besser sein als die anderen.” Er hielt einen Augenblick inne, bevor er fragte: “Wollen Sie mir helfen? Trauen Sie sich das zu?”

Joseph schaute den jungen Bischof verblüfft an. Was sollte die Frage? Ob gerade ich der Richtige bin? Ich bin selbst auf der Suche nach Gott, ging es ihm durch den Kopf.

Die Frage irritierte ihn.

“Exzellenz, ich kann Kirchen bauen!”, antwortete Joseph und zögerte einen Moment bis er weitersprach. “Während meines Studiums habe bei einem Ehepaar gewohnt. Mein Vermieter war Architekt, aber auch Baumeister und Zimmermann. Nächtelang haben wir über seinen Plänen gesessen. Er hat mir alles gezeigt und manchmal hat er mich auf seine Baustellen mitgenommen. Ich hab mir eine Menge von ihm abgeschaut.” Joseph hatte keine Ahnung von Texas, doch er spürte, dass er unbedingt dorthin wollte. Sein Ziel war in greifbare Nähe gerückt. Endlich!

“Bis zur Weihe spreche ich auch ein ordentliches Englisch, Sie werden sehen!”

Patrick Fynch hatte ihm aufmerksam zugehört und ihn genau beobachtet. Dich nehme ich mit nach Texas!, dachte er. Ja, er war sich jetzt sicher. Entspannt lehnte er sich zurück und zog ein ledernes Zigarrenetui aus der Jackentasche.

Joseph hatte den Bischof nicht einen Moment aus den Augen gelassen und kam ihm zuvor. “Fynch geht auch zu Bertie, wenn er in der Stadt ist!”, hatte ihm Martin verraten.

Joseph bot dem Bischof eine von seinen Zigarren an, die er am Morgen eingesteckt hatte. Danke, Martin!

“Partagás! Wo haben Sie die her?”, fragte Patrick Fynch, musterte die Havanna, drehte sie gekonnt zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger und führte sie an seine große Nase. “Köstlich!” Verzückt schloß er die Augen.

Joseph beobachtete die Zeremonie und wartete geduldig, bis sein Gegenüber anerkennend nickte.

“Sie waren bei Bertie’s! Stimmt’s?”, sagte der Bischof. “Toller Laden!”, schwärmte er und wies auf die Zigarren in Josephs Hand.

“Und Sie? Na, machen Sie schon, nehmen Sie auch eine! Allein schmeckt’s mir nicht.”

Blauer Rauch erfüllte das Zimmer. Die zwei waren sich einig.

Joseph war glücklich. Bischof Fynch hatte ihm das Gefühl gegeben, dass er gebraucht wurde und Joseph hatte ein Ziel vor Augen: Texas. Viel Zeit war allerdings nicht mehr, nur wenige Monate noch bis zur Weihe. Wie besessen büffelte er nun, um sein Englisch zu verbessern, und die Rechnung von Richard Brennon ging auf, Martin half ihm so gut er konnte.

Vor sechs Jahren war Martin Hellriegel nach Amerika gekommen. Als Fünfzehnjähriger hatte er seine Eltern monatelang bekniet, ihn mit seinem Onkel, der Priester in Starkenburg, Missouri, war, nach Amerika gehen zu lassen. Die Eltern gaben schließlich nach und Martin reiste mit seinem Onkel über den Hafen von Cherbourg, im Norden Frankreichs, nach NewYork. Heute konnte er darüber lachen, aber damals war seine Enttäuschung riesengroß. Was hatte er für ein langes Gesicht gemacht, als bei seiner Ankunft in NewYork keine Indianer hinter Büschen lauerten, die er hätte bekehren können. Es gab nicht besonders viele Büsche in dieser Stadt, und schon lange keine Indianer mehr, dafür aber jede Menge Wolkenkratzer. So hatte Martin sich Amerika nicht vorgestellt. Aber er war darüber hinweggekommen, hatte das Internat von Starkenburg, Missouri, besucht und schon nach zwei Jahren das Abitur mit Auszeichnung bestanden. Martin war kein Streber, aber ein außergewöhnlich guter Schüler, er lernte einfach schnell. Das Lernen bereitete ihm großes Vergnügen und er sprach längst fließend Englisch.

Jeden Tag paukten die zwei zusammen.

“Amerika hatte ich mir immer ganz anders vorgestellt”, sagte Martin eines Nachmittags. “Zuhause habe ich die Romane von Karl May nur so verschlungen, ich hab das alles für bare Münze genommen, und dann laufen wir endlich im Hafen von NewYork ein und ich sehe dort nichts als diese verdammten Hochhäuser. Kein Indianer weit und breit.”

“Da hab ich die Stadt aber anders in Erinnerung”, antwortete Joseph. “Ich hatte ja nur diesen einen Tag in NewYork, bevor es weiter ging und wollte Bekannte treffen, die ich während der Überfahrt kennengelernt hatte. Um es kurz zu machen, irgendwo unterwegs in Manhattan stand da plötzlich ein total verknitterter Indianer vor mir, mit einem prachtvollem Federschmuck auf dem Kopf. Der bewachte mit versteinerter Miene den Eingang eines Zigarrenladens. Ich weiß, nur ein Indianer, aber ein Häuptling!”

Kapitel 2

Helen Walchshauser bereitete mit ihren Töchtern in der Küche den Tee vor. Wie jeden Sonntag hatte sie auch an diesem ihre köstlichen Milchbrötchen gebacken. Und wie immer hatten die Mädels dabei zugesehen und waren ihrer Mutter zur Hand gegangen.

Die drei liebten es, am Nachmittag allein mit Helen in der Küche zu sitzen, denn ohne die Hausmädchen, die ihren freien Tag hatten, konnten sie sich ungestört erzählen, was während der Woche geschehen war. Helen erfuhr von den kleinen und großen Nöten der Mädchen und manchmal vertrauten sie ihr auch ein Geheimnis an – es war die schönste Zeit des Sonntags und während sie sich unterhielten, zog der süße Duft warmer Brötchen und Rosinen durch das ganze Haus.

“Die Weggen sind fertig!”

“Ach, schade, Mama!”, sagte Margaret Mary, die Jüngste. Sie war gerade fünfzehn geworden, mit ihren rotblonden Haaren, die zu einem dicken Zopf geflochten waren und den lustigen Sommersprossen über der Nase saß sie unbekümmert auf dem mächtigen Küchentisch und ließ ihre dünnen Beine herunterbaumeln.

“Komm da runter!”, befahl Helen.

“Du riechst so lecker.”, antwortete Maggie. Sie sah ihre Mutter mit großen Augen an und fiel ihr um den Hals. Helen wurde ganz verlegen, doch viel Zeit dazu blieb ihr nicht, denn unversehens hingen alle drei Mädels wie eine Traube an ihr und sie hielt sie liebevoll umschlungen, drückte sie an sich und küßte sie nacheinander auf die Stirn.

“Kommt jetzt, Kinder, der Tee ist fertig. Mal seh’n, was unsere Männer machen.”