Der Schatten Fausts - Fito Rodriguez - E-Book

Der Schatten Fausts E-Book

Fito Rodriguez

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Beschreibung

Der essayistische Briefroman „Der Schatten Fausts“ handelt von einem finnischen Austauschstudenten in San Sebastián, dem kulturellen Herzen des Baskenlandes, der sich mit jahrhundertealten Briefen der beiden Brüder und Wissenschaftler Juan José und Fausto Elhuyar beschäftigt. In einem Videoblog sinniert der Student über seine eigene Herkunft, über die Geschichte der Basken als auch über die Geschichte Lapplands. Der Leser erfährt Erstaunliches über diese beiden Kulturen und findet sich aufgrund der Brisanz der Briefe plötzlich in einem Machtkampf zwischen Staat, Kirche und Wissenschaft zur Zeit der spanischen Inquisition wieder.

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Seitenzahl: 168

Veröffentlichungsjahr: 2016

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„La sombra de Fausto“„Faustoren Itzala”

Mit einem Vorwort von Alfonso SastreAus dem Spanischen von Samuel Tannhäuser

“An alle, die die Sonne selbst in derdunkelsten Nacht sehen können.“

Inhaltsverzeichnis

Anstelle des Prologs: Ein Roman als Essay

20. Januar, 2002: Das Haus meines Vaters

1

4. Mai, 2002: HYVÄÄ PÄIVÄÁ

10. Mai, 2002: EN OSAA PUHUA SUOMEA

12. Mai, 2002: NEJ, PÅ VENSTRE SIDEN

13. Mai, 2002: RIKSMÅL ODER LANDSMÅL

15. Mai, 2002: MITA KULUU?

27. Mai, 2002: UM OLHAR SOBRE EDUCAÇAO E CULTURA

16. Juni, 2002: IT IS WORTH STATING AT THIS POINT THAT…

11. Juli, 2002: Der Pakt mit Mephisto

Archiv

Der Autor

Der Übersetzer

Anstelle des Prologs:

Ein Roman als Essay

Da ist etwas Rätselhaftes an diesem Roman – denn es ist tatsächlich ein Roman, obwohl mit reichen biografischen und historischen Aspekten, sowie mit tiefem Gedankengut – von Fito Rodríguez -gespickt. Ausgerechnet das, was es von diesem Enigmatischen hat, ist das, was ich als Roman verstehe, obwohl viele der Seiten außerhalb ihres romanhaften Kontext gelesen, nach der Sprache der theoretischen Bücher und der Essays über Linguistik oder über Soziologie klingen. Wenn wir das Buch rein zufällig auf dieser oder jener Seite aufschlagen, ohne vorherige Mitteilung des Erzählers, könnten wir glauben, dass wir gerade keinen Roman lesen, sondern dass dieser interessante Hauptdarsteller, der, wenn wir es so nennen wollen, eine Art fehlplatzierter Same zu sein scheint, mit einem unsteten und sprunghaften Charakter, dann wegen seiner Art zu schreiben und wegen der Dinge, die er sagt, und wegen seines nicht literarischen Schreibstils, der nicht romanhafte Autor dieses Buches, das wir hier in Händen halten, das zwischen Theoretischem und Autobiographischem schwankt, sein könnte. Am Ende überlagert sich auf gewisse Weise Fito Rodríguez‘ Persönlichkeit mit der Imaginären seiner Figur. Aber wenn wir die narrativen Abschnitte lesen, dann entwickelt sich das Rätsel immer weiter, was wohl das Fiktive und was das Historische an dieser Geschichte sei.

Und was hat das eigentlich mit Faust zu tun? – oder zumindest mit Goethes Faust? – in dieser Geschichte, die sich scheinbar in der Obhut dieser „faustischen“ Heraufbeschwörung verbirgt? Nun, es geht dabei nicht nur darum, dass einer der beiden Elhuyar-Brüder, von dessen Leben, Werk und Unglück die Hälfte des narrativen Prozesses handelt, und sich im achtzehnten Jahrhundert abspielt, sich eben „Fausto“ nennt, oder dass der Same des aktuellen Erzählfadens (zu Beginn des 21. Jahrhunderts) „Werther“ heißt, sondern dass in der Erzählung dieses „Werthers“, der Autor Fito Rodríguez den „faustischen“ Geist jener Epoche ins Leben ruft, den er mit folgenden Umschreibungen schmückt: Huldigung der Jugend, Romantik, Hinwendung an den Selbstmord, Aufklärung, Moderne.

Diese Erinnerung ruft uns das komplexe Bild jener Zeit der Lichter ins Gedächtnis, als sich neben denen der Vernunft, auch die Mechanismen der Sehnsucht aktivierten, der Wunsch, die Realität der Natur kennenzulernen, und es wurden Gesetze und Mineralien entdeckt, Geheimnisse und Vögel, medizinische Pflanzen und hübsche Blumen, und das im Zeichen ganzer Gesellschaften von eifrig Studierenden, Gesellschaften zu ebendiesem Zwecke geschaffen. Zu der Zeit, als der aus Cádiz stammende José Celestino Mutis das Chinin zur therapeutischen Anwendung entdeckte und seine große botanische Expedition in Amerika, mit Basis in Kolumbien, unternahm, oder als die beiden Basken Fausto und Juan José Elhuyar das Element Wolfram entdeckten, vor allem zur Verwendung im militärischen Bereich: für die Panzerung von Stahl im Krieg.

Fito Rodríguez greift sehr treffend auf narrative Methoden zurück, die während der Romantik und seitdem verwendet wurden:

Diejenigen, die wir „memorial“ nennen könnten, in denen der Roman in Form von Erinnerungen wiedergegeben wird, und die „epistolaren“, in denen die Romanstruktur sich als eine Sammlung von Briefen zeigt.

Die beiden historischen Ebenen, die der Autor darstellt und die eine Differenz von zwei Jahrhunderten zwischen sich liegen haben, vereinigen sich durch eine, von vielen Autoren geschätzte Vorgehensweise, die vor allem im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert entwickelt wurde: ein Brief des achtzehnten Jahrhunderts fällt einem Leser aus dem zwanzigsten oder einundzwanzigsten Jahrhundert in die Hände. (Das können auch Manuskripte sein, die in einer Flasche gefunden werden, oder in Zaragoza: eine Stimme, die aus der Vergangenheit kommt, in diesem Fall die Stimme Juan José Elhuyars, der einen langen Brief an seinen weit entfernten Bruder Fausto schreibt; ein Brief, der durch das väterliche Erbe, via der Universität von Uppsala, unserem guten Samen in die Hände fällt. Ist das nun ein Roman oder nicht?)

Alles andere ist wirklich die Handlung des Romans, die das Rätselhafte hervorhebt und ja, einige Ideen in eine erzählte Handlung verwandelt. Über uns, sowie über den Lesern vieler heutiger Erzählungen kreisen auch die Gespenster einer geheimen Gesellschaft, die hier die Freimaurerei ist, obwohl diese von Juan José ungenannt bleibt. Diese Gesellschaft hatte, wie man weiß, einen großen Einfluss auf die Aufklärer jener Zeit, und darum auch einen großen Einfluss auf die historischen Fakten; ist demnach also ein durch die Intellektuellen beglaubigtes Mysterium. Die nicht überprüfbaren Daten beziehen sich auf einige hier dargestellte Ideen und auf einige der mutmaßlichen Fakten, erzählt vom Samen „Werther“ - oder von Fito Rodríguez? -. Die Beziehung der Mittäterschaft im unsichtbaren Dreieck aus Freimaurerei, der Gesellschaft der Freunde des Baskenlandes und dem königlichen Seminar von Bergara (das die Basis für die Entdeckung Wolframs war); und ja, das Paradox trifft zu, dass zumindest einige der Gesellschaften der Freunde des Landes unter dem Einfluss der Freimaurer operierten, so wie sie es machten, gegen die spanische Monarchie und letzten Endes für die Befreiung ihrer Kolonien.

Wir können noch hinzufügen, dass verschiedene Wissenschaftler beispielsweise um das Team von Celestino Mutis in Kolumbien ihr Leben verloren, hingerichtet von den Spaniern. (Und wer ermordete Juan José Elhuyar und warum? Gehört das nun auch zum Feld des Enigmatischen oder nicht?)

Rätselhaftes gibt guten Lesestoff, und der Gedanke, der das Unerklärliche begleitet, ist eine notwendige Zutat, dafür, dass das Mysterium nicht nur eine anekdotische Merkwürdigkeit bleibt.

Aber, wie läuft die Handlung hier ab? Unser guter Same versucht den Briefwechsel zu verkaufen, den er von seinem Vater geerbt hat, und es passiert… nun, die Leserin oder der Leser wird sehen, was passiert, wenn sie oder er den „Schatten Fausts“ liest. Ich für meinen Teil, verbiete mir an dieser Stelle weiterzumachen, denn, wie schon gesagt, handelt es sich hier ganz klar um einen Roman, und ein Kunstwerk auseinanderzunehmen ist eine Todsünde.

Alfonso SastreHondarribia, 31. August 2005.

Der Schatten Fausts

Ihr beiden, die ihr mir so oftIn Noth und Trübsal beigestanden,Sagt, was ihr wohl in deutschen LandenVon unsrer Unternehmung hofft?

Vorspiel aus FaustJohann Wolfgang Goethe

Bogotá,

Neugranada

21. September 1790

Geliebter Bruder:

Seit sieben Jahren bin ich nun schon hier. Dieser verfluchte Auslieferungsbefehl von Karl III. trägt das Datum 31. September, 1783. Das Gesetz zwingt mich auf diesen Befehl hin weiter hier in den Minen zu arbeiten.

Nahezu jede Woche treffe ich mich mit dem Vizekönig José de Ezpeleta, aber es nützt nichts. Diese ganze Sache macht mich wütend. Es scheint, als ob ich mich auf irgendeine Weise daran gewöhne, mit der Strafe, die sie mir auferlegt haben, zu leben. So wie damals, als sie uns in Logroño und Oion den christlichen Glauben einprägten, so erhoffe ich mir nun auch hier Erbarmen. Aber es fällt mir immer schwerer, genug Selbstvertrauen aufzubringen, um unter diesen Bedingungen weiter zu leben.

Das, was an diesem Weihnachtsfest passiert ist, war nicht gerade leicht für mich. Trotz meiner vielen verschiedenen Reisen, bleiben die Neujahrstage in meinem Gedächtnis immer mit dem Schnee verbunden. Kindliche Gedanken, ja, aber hier in diesem Teil der Erde finde ich nichts außer drückender Hitze und indianischem Heidentum. All das verschlimmert sich dadurch, dass mich der furchterregende, wie auch beleidigende Schatten der Inquisition nicht loslässt. Ich kann es nur dir sagen: Ich habe Angst.

In unserem Land herrscht jetzt gerade große Freude. Doch wir, ja wir litten trotzdem Vertreibung, Trauer und Melancholie durch das, was wir getan haben. Denn wir mussten es tun. Zu all dem müssen wir den Schrecken hinzufügen, der unsere außergewöhnlich missliche Lage noch verschärft. Bald wird mich der Kuss des Todes ereilen (oder sollte ich gar sagen mein Mörder?) und ich erwarte diesen Moment schon fast mit Ruhe.

Dieser letzte Satz könnte wohl den Inhalt meines Briefes zusammenfassen. Vielleicht liegt es an der Epoche und dem Ort, an welchem es uns auferlegt ist, diese Bedrohung zu durchleben. Aber es ist mir jetzt klarer als je zuvor: diese Zeilen könnten eine der letzten Möglichkeiten sein, Informationen auszutauschen. Hüte auch du dich Fausto. Wir wissen zu viel und in dieser Welt, in unserer Umgebung, gibt es zu viel Ignoranz, vor allem hier in diesen Ländern Südamerikas… und das ist allzu gefährlich.

20. Januar, 2002

Das Haus meines Vaters1

Der alte Brief von Juan José Elhuyar war ein Teil des Nachlasses meines Vaters. Damals, als er noch Student in Uppsala war, kam der Brief in seinen Besitz. Auf welche Weise er zu dem Brief kam, blieb mir allerdings unklar. Als er davon erfuhr, dass ich mich in die baskische Sprache einzuarbeiten begann, übergab er mir den Brief.

„Schau, mein Sohn, dieses Dokument habe ich in meinen alten Unterlagen gefunden. Um die Wahrheit zu sagen, ich habe keine Ahnung, in welcher Sprache es geschrieben ist. Und vor allem, frage ich mich, was dieser Brief im Labor hier in Uppsala zu suchen hatte? Aber da dir ja diese außergewöhnlichen sprachlichen Themen so gut gefallen, bin ich mir sicher, dass du mit diesem Brief etwas anfangen kannst…“

Jetzt befinde ich mich in San Sebastián. Es ist der Feiertag des Stadtpatrons. Weit entfernt von meiner Heimat. Die ganze Stadt ist betrunken und meine Laune könnte nicht besser sein. Diese Erlebnisse würden die kulturellen Vorurteile und Mutmaßungen jeglicher angeblicher Experten bezüglich des Themas der „baskischen Lage“ sicher verändern. Die Stimmung von Spontanität, die man hier pur einatmet, die geradezu elektrisierend ansteckend ist, könnte man höchstens mit der unaufhaltsamen Verbreitung einer Plage vergleichen. Aber auch wenn man in Betracht zieht, dass das alles eigentlich nur der unkontrollierte Ausdruck einer riesigen Welle alkoholischer Berauschtheit ist, die über die Stadt hinweg schwappt, sollte man vielleicht weniger von einem Virus, weniger von einer Krankheit, sondern eher von einer sozialen Situation reden, die nicht nur so vorbereitet und beschlossen, sondern auch erhofft und erwartet wurde. Mit gefülltem Bauch und baumelnder Seele kann ich mich in diesem Hexensabbat2 einfach nicht fremd fühlen. Vielmehr fühle ich mich durch das pausenlose Donnern der Trommler an das Trinkgelage gerufen. Ich bin gerade zu Hause. Es würde mir gefallen, hier zu bleiben und zwar für immer. Warum sollte ich es nicht sagen? Es würde mir gefallen, Baske zu sein und das auch unter dem Einfluss all diesen Alkohols. Vielleicht ja auch gerade weil ich so betrunken bin und das auch bleiben möchte. Doch jeder Trunkenheit folgt ihr Kater. Die Zeit ist nichts Messbares und Objektives. Wer kann dem einen Preis geben? Nun, ich würde dem einen Preis geben. Ich würde mein Leben dafür hergeben, öfters das zu fühlen, was ich hier in diesem Tumult in San Sebastián fühle. Ich zu sein, so wie jetzt gerade, für immer.

Als ich die Chronik von Juan Josés Tod (Mord?) in der Zeitschrift Elhuyar las, erschütterte mich diese Nachricht tief. Dabei handelte es sich nur um einen historischen Bericht. Jener Elhuyar, welcher nicht sehr alt werden würde, war sich von Anfang an der Gefahr bewusst, die sein Schicksal bestimmen sollte. Aber es scheint, als ob ihm diese Vorahnung nicht half, dem zu entgehen. Es scheint sogar so, als sei es umgekehrt gewesen, soll heißen, dass es während seiner letzten Tage eben genau dieses Schicksal war, welches sich seiner weisen Vorhersage unerbittlich aufdrängte. Als er seinen Bruder Fausto über die Gefahren, die er bestreiten musste und die schreckliche Geheimnisse verbargen, aufklären wollte, tauchte etwas Sonderbares in all seinen Worten immer wieder auf: der Versuch, sich gegen dieses Schicksal zu wehren. Aber dennoch waren es genau diese Geschicke, die Juan Josés Leben ohne Mitleid und Erbarmen überrollten. Das Rad des Schicksals ist ein schrecklicher Feind, ein Feind ohne Vergebung.

Es kam eine neue Welt zum Vorschein, als der Ältere der Elhuyar-Brüder, von Amerika aus, an seinen jüngeren Bruder nach Europa schrieb. Von der neuen Welt zum alten Kontinent. Es waren die Ursprünge der Moderne. Die Ursprünge, die unser Leben später bestimmen sollten. Die Epoche des Untergangs der Tradition. Das alte Regime verfiel. Der faustische Geist ergriff auch Fausto.

Es war zu der Zeit als J. W. Goethe seine romantischen Schriften veröffentlichte, die jugendlichen Werte preisend, als Juan José vom werdenden Kontinent schrieb. Er wollte die Veränderungen einer wissenschaftlichen Entdeckung mitteilen, die ihm das Leben kosten würde, die aber auch das Periodensystem der chemischen Elemente vervollständigen würde.

In den literarischen Erfolgen des frühen Goethe sind die Protagonisten immer Heranwachsende. Das führt zu den Problemen des Studenten Wilhelm Meister, als auch zu den Leiden jenes Heranwachsenden, der meinen Namen trug, Werther… Aufgrund ihrer Jugend waren sie nicht in der Lage, ihre Gefühle zu kontrollieren. Aber aus den Augen der Sturm-und-Drang-Bewegung gesehen, formte dieser Zustand, der eigentlich ein Mangel in der Chronologie ihres Lebens war, den Schlüssel zu ihrer Schönheit und musste zurückgefordert werden. Für sie sollte die jugendliche Egozentrik die Grundlage ihrer Entscheidungen werden und später sogar zu einem ethischen Imperativ für die Handlungsweise der Romantiker heranreifen.

Jung sterben wollen an sich, das ist der Grund, der Goethes Charaktere in den verfrühten Selbstmord treibt. Die Zurückforderung des Individuellen, die Rechtfertigung des Jugendlichen, die Möglichkeit in den Tag hineinzuleben und die lateinische Maxime „Carpe Diem“ wieder aufleben zu lassen, all das begründet die Aufforderung des frühen Goethe.

Diese ursprünglich einleitenden Vorschläge werden sich allerdings noch mit der Reife des deutschen Schriftstellers abmildern. Sein Faust wird sich ewig jung erhalten und unsterblich bleiben, obwohl er nur eine fiktive Figur in Goethes bekanntestem Drama ist. Die Gebote der modernen Aufklärung haben uns nicht durch Werthers Briefe erreicht, sondern in Theater umgeformt, durch die Wörter jenes Fausts, welcher seine Jugend für immer erhalten konnte. Dies war sein Erfolg, doch auch darin finden wir das Verlogene in seinem Vorschlag. Der sogenannte Mefistopakt, die Verfälschung eines unmöglichen Wunsches, die ewige Jugend. Die große Lüge. Es mag Leute geben, die behaupten, die Zeit wäre nichts ohne Erinnerung. Faust ist nichts ohne Darstellung.

Und dennoch, die mathematische und logische Strukturierung des Denkens, von der Renaissance ererbt und in der Klassik ihren heiligen Höhepunkt erreichend, erhob die Figur Faust in solcher Weise, dass sie das Maß der Zeit, das sie übersteigen wollte, auch tatsächlich bezwang. Die moderne Vernunft wollte aus diesem Wunsch eine Realität machen und den Menschen zum Weltmaß erheben. Vielleicht war Voltaires Candide der erste literarische Protagonist in dieser Entelechie. All das, was nicht in diesem Vernunftmaß existierte, musste sterben. Deswegen war jener Mörder des Lichtes dazu verdammt, seine letzten Tage in dunklen Kerkern zu verbringen.

Das ist also der sich widersprechende Ursprung unseres heutigen Lebens. Auf der einen Seite wird kein anderes Maß als der Mensch, mit all seinem Egoismus, anerkannt, aber gleichzeitig wird jedwede menschliche Interferenz bei der rationalen Vermessung der Welt verneint. Goethes Vorschlag, von Faust ausgesprochen, war dazu gedacht, diesen Widerspruch zu überwinden, jung zu bleiben, ohne Selbstmord begehen zu müssen. Die Zeit vergehen zu lassen, während weiterhin Seite an Seite mit der Moderne geschritten wird. Ein immer junges Individuum. Mit dieser Erwartung wollte der klassische Goethe seinen Zielpunkt festlegen. Sein Vorschlag war trotz allem nicht mehr als Theater. Zweimal versuchte der deutsche Schriftsteller der Welt einen solchen Faust zu präsentieren. Einen Faust, an den die Nachwelt glauben konnte. Zweimal scheiterte er. Der Zauber in diesem Vorschlag liegt sicherlich darin, dass er bis zu unserer Zeit angedauert hat.

Die Ästhetik, ebenso wie die Ethik und die Politik in unserer aktuellen Welt, sind gekennzeichnet durch das Entstehen dieses Geistes des Aktivismus, der als faustisch charakterisiert werden kann. Diese Art, Dinge zu tun, deren einzige Hoffnung darauf gründet, sie eben selbst zu tun. In einer Aktivität, die Aktion ist, welche nicht aufgehalten wird, sich aber ständig wiederholt. Im Stil des Mythos der Penelope ist die Unsere, eine Zivilisation, die sich nicht in ihrer Aktion aufhalten lässt, sondern die ihre Achse im Nicht-vollenden, in der ständigen Suche nach Perfektion hat. Dieses Modell der Unreife, das zugleich die Rückforderung der Jugend ist, sei also die Bestimmung des prometheischen Tuns unserer Zivilisation. Faust reflektiert das alles, das Bild des jungen Mannes, der niemals stirbt, diese falsche Hoffnung, dieses Drama… diese Lüge.

Die individuellen Versuche, die dieses Modell der Jugend küren, der kindliche Peter Pan, in vitales Objekt umgewandelt, können die Beschaffenheit einer alten Gesellschaft nicht verstehen und müssen sie überwinden. Diese Form des Tuns und des Lebens benötigt einen Wechsel und eine Umformung der Tradition, sie braucht die Moderne, sie braucht den faustischen Geist.

All diese zusammengeschmolzenen Ideen ohne sichtbare Ordnung kamen mir in den Kopf, als ich einen Brief meines Vaters erhielt, in welchem er mich Teilhaber einer Entdeckung in Uppsala werden ließ.

„Es ist beeindruckend. Ein jahrelang verstecktes Geheimnis ist mir zu Händen gekommen, nachdem es an einem unbekannten Ort Jahrhunderte überdauert hat…“

Im Stil des frühen Goethe wollte der junge Elhuyar sein Geheimnis der ewigen Jugend erklären. Es lag in meiner Macht, eine historische Information von unschätzbarem Wert zu veröffentlichen. Ich dachte, das würde mein Leben verändern. Und tatsächlich, das tat es, obwohl auf anderer Art und Weise als gedacht. In meiner Naivität dachte auch ich, dass man bis hin zur Geschichte der Wissenschaft alles aus einer anderen Sicht lesen könnte, wenn ich den Stoff dieser Briefe erst einmal den richtigen Experten teilhaben ließ. Genau dies tat ich also und wie gesagt; ja, meine Geschichte änderte sich brüsk. Sie änderte sich auf grausame und zugleich komische Weise, obwohl weder Spaß noch Humor darin zu finden ist, wenn auch nicht unbedingt Leid und Schmerz. Doch um das zu verstehen, bedarf es einer längeren Erklärung. Denn das, was mir aufgrund dieser Briefe passiert ist, setzt mir auch jetzt immer noch zu. Darum werde ich die Geschichte erzählen.

1 Anmerkung des Übersetzers: Der Titel bezieht sich auf ein bekanntes Gedicht „Defenderé la casa de mí padre” (Ich werde das Haus meines Vaters beschützen) von Gabriel Aresti; der Originaltitel dieses Kapitels heißt auf Spanisch: „Definiré la casa de mí padre” (Ich werde das Haus meines Vaters beschreiben).

2 im Original: „akelarre” (auch Hexensabbat), welches eines der wenigen baskischen Wörter ist, die auch in der spanischen Sprache verwendet werden

Wenn der Blüten Frühlingsregenüber alle schwebend sinkt,Wenn der Felder grüner SegenAllen Erdgebornen blinkt,Kleiner Elfen GeistergrößeEilet, wo sie helfen kann,Ob er heilig, ob er böse,Jammert sie der Unglücksmann.

Faust

(Erster Akt des zweiten Teils der Tragödie)

Faust II. Erster Teil

Bogotá,

Neugranada

28. September, 1796

Geliebter Bruder, immer noch erinnere ich mich an die Jahre, die wir in Bordeaux verbrachten, an das Glück und auch die Missgeschicke dieser Weihnachtstage. Wein und Frauen. Bordeaux ist ein Bordell. Die jesuitischen Mönche fanden nie etwas über unsere Streifzüge heraus. Und wahrscheinlich hat uns all das gerade solche Freude bereitet, eben weil die Jesuiten nie dahinter kamen. Wir konnten aber nicht wissen, dass unsere Freunde dieser damaligen Abenteuer, Alatxa, Munibe oder Egia sich in unseren Judas verwandeln würden. Teufel! Wir hätten das vorhersehen können. Doch wir blieben blind. Ich erinnere mich auch an das Theaterstück, das Peñaflorida schon vor 30 Jahren schrieb und leitete: El borracho burlado (der verlachte Betrunkene). Ich war genauso wie er. Obwohl in diesem Werk ohne Unterscheidung spanisch und baskisch benutzt wurde, war es ein wahrhaftes Vergnügen. Von all dem habe ich in meinen Gedanken vor allem noch eine Person präsent: Manuel de Vicuna. In Wahrheit war der zwar bloß ein Assistent Peñafloridas, aber noch heute steht er mir tapfer bei. Ich muss dir unter anderem mitteilen, dass sich unsere geliebte Schwester momentan wieder zu Hause befindet, und den Umständen entsprechend ist das nicht wenig.