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Michael Weinmeister, Mitte 30, ist Werbetexter, fährt einen Alfa Romeo und hasst Radfahrer. Er arbeitet viel, verdient gut und kompensiert die Tatsache, dass er das, was er da tut, durchaus nicht als unproblematisch empfindet, mit Ironie und Sarkasmus. Auch seine Frau Christine, literarische Übersetzerin, steht der Konsumgesellschaft eher kritisch gegenüber und findet außerdem, dass Micha sich mit seinem in ihren Augen übertriebenen beruflichen Engagement kaputt macht. Eines Tages verlässt sie ihn. Micha ist nicht bereit, die Trennung als definitiv zu akzeptieren. Er hofft auf eine Rückkehr Christines. Daher kommt es für ihn auch nicht in Frage, die gemeinsame Wohnung aufzugeben, obwohl die Miete hoch ist und ihm auch das Haus nicht sonderlich zusagt, zu dessen übrigen Bewohnern er keinerlei Kontakt hat. Seinen Job in der Werbeagentur könnte er unter diesen Umständen selbst dann nicht hinschmeißen, wenn er es wollte. Er braucht das Geld. Auch mehr als ein Jahr nach Christines Auszug hat sich an der Situation der Beiden nicht allzu viel geändert. Man sieht sich alle paar Wochen – zu häufigeren Treffen ist Christine nicht bereit -, geht dabei durchaus freundschaftlich miteinander um, isst und trinkt zusammen, unterhält sich über die kleinen Begebenheiten des Alltags und wahrt ansonsten – vor allem körperlich – Distanz, weil Christine dies so möchte. Micha hat seine Hoffnungen zwar immer noch nicht begraben – nicht zuletzt, weil ihm scheint, dass Christine noch keine neue Beziehung eingegangen ist – aber er weiß auch nicht, wie er sie dazu bringen könnte, es noch einmal mit ihm zu versuchen. In dieser festgefahrenen Lage – zumindest ist sie das aus der Sicht des Mannes – erhält Micha eines Tages unangekündigten Besuch. Und nun kommt mit einem Mal ziemlich viel Bewegung in das Leben aller Beteiligten.
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Seitenzahl: 290
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Martin Frech
Der Schatten ihres Hündchens
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
Ich hätte einfach nur irgendwann einmal akzeptieren müssen, dass ich ein paar Wochen lang aussehe wie frisch geohrfeigt. Nach einiger Zeit hätte sich meine Gesichtshaut ganz sicher an den neuen Apparat gewöhnt gehabt, und alles wäre gut gewesen. Ich hätte beim Rasieren endlich nicht mehr dieses rasenmäherähnliche Knattern im Ohr gehabt, sondern nur noch ein kaum hörbares, sanftes Summen und wäre während der allmorgendlichen Prozedur nicht mehr akustisch von meiner Umwelt abgeschnitten gewesen. Dann hätte ich auch das Telefonklingeln gehört am späten Morgen des Tages, an dem Christine aus Paris zurückkehrte. Ich hätte Jeremy gesagt, dass ich abends leider nicht mehr in Berlin sein würde, dass in zwei Stunden – oder in drei oder vier – meine Maschine nach Mailand starte – oder nach Sankt Petersburg oder Kuala Lumpur – und dass ich erst wieder in einem Monat zurückkäme. Ich hätte lebhaft bedauert, ihn nicht treffen und kennenlernen zu können, aber die Termine stünden schon seit langem fest, und eine Änderung sei jetzt, in allerletzter Minute sozusagen, niemandem zuzumuten, was er ja sicher verstehen werde. Er hätte es verstanden, und ich hätte abends dann ganz in Ruhe mit Christine den Hahn gegessen, den ich tags zuvor auf dem Markt gekauft hatte. Wir hätten uns gut unterhalten, diskutiert wie in den alten Zeiten, und wie der Abend dann geendet hätte, das wissen die Götter. (Wahrscheinlich nicht viel anders, als er tatsächlich geendet hat. Wahrscheinlich. Fast sicher. Aber eben nur fast.)
Mit meinem alten Rasierer, an den sich meine Haut schon lange gewöhnt hat und auf dem sie sozusagen besteht, hatte ich keine Chance.
Ich hatte mir extra frei genommen an diesem Tag, hatte ausgeschlafen, um etwas weniger abgehalftert auszusehen, hatte die Wohnung in Ordnung gebracht und alles vorbereitet. Ich hatte später auch den Radfahrer Martin-Luther- Ecke Hohenstaufenstraße nicht umgefahren, obwohl er das offensichtlich angestrebt hatte, so, wie er sich vor den Kühler meines Alfa schob, und obwohl ich ihm sehr gerne den Gefallen getan hätte. Ich mochte damals Radfahrer noch nicht besonders, und ich hatte auch nie das Gefühl, dass einer von ihnen mich mochte. Aber ich wollte rechtzeitig am Flughafen sein, und ich war rechtzeitig am Flughafen.
Christine sah wunderbar aus, als sie in die Halle herauskam. Sie wusste nicht, dass ich sie abholte, sah mich zunächst auch nicht, und ich ließ sie einige Schritte gehen und folgte ihr mit den Augen. Sie wirkte überhaupt nicht müde und bewegte sich sofort zielstrebig auf den Ausgang zu. Ich habe ihr immer gerne beim Gehen zugeschaut. Besonders, wenn sie etwas schneller geht, schwingen ihre Arme auf eine Art nach hinten aus, die sie sehr weiblich und sehr begehrenswert macht. In diesem Moment vollführte allerdings nur der linke Arm diese Bewegung, und so beeilte ich mich schließlich doch, ein paar Schritte auf sie zu zu machen, um ihre Rechte von dem Koffer zu befreien. Der Moment war schön, als sie mich bemerkte, die Überraschung und auch die Freude, die sie zeigte. Sie freute sich wirklich. Sie blieb abrupt stehen, einen Moment lang stand ihr Mund offen, ohne dass ein Wort herauskam, dann sagte sie nur meinen Namen, dann fiel ihr Blick auf die Rosen, die ich in der Hand hatte – zugegeben ein ziemlich dicker Strauß, ich hatte alle genommen, die der Händler von dieser Sorte da gehabt hatte, weil ich wusste, dass sie sie mochte – schließlich schaute sie wieder mich an, lächelte und schüttelte leicht den Kopf. Sie sei doch gerade einmal zwei Wochen weg gewesen, sagte sie, und ich verbesserte sie und sagte, es seien zweieinhalb gewesen. Als wir im Freien waren, stöhnte sie, es sei ja noch genau so heiß wie bei ihrer Abreise, und ich fragte, ob es denn in Paris angenehmer gewesen sei und öffnete das Verdeck. Im Gegenteil, sagte sie, es sei noch schlimmer gewesen als hier, weil es ja kaum Bäume gebe in den Straßen. Sogar Raymond habe über die Hitze geklagt, obwohl für ihn als Katalanen ja diese Sommertemperaturen von Kindheit an Normalität gewesen seien. Er habe nur noch in den Jardindu Luxembourg gehen wollen, wenn sie zwischendurch einmal einen kleinen Spaziergang gemacht hätten, das sei der einzige Ort, habe er gesagt, wo man noch die Chance habe, ein bisschen Wind um die Nase zu bekommen.
„Raymond?“, sagte ich.
„Raymond, ja.“ Sie schaute mich forschend an. „Bist du gerade ein bisschen geistesabwesend?“
Ich spürte, wie sich schlagartig in meiner Magengrube Ärger entwickelte und hochstieg. Ich hasste dieses Sich-ahnungslos-Stellen von ihr, und sie wusste es und tat es immer wieder. Wenn ich dann nachfragte, ganz direkt, und ihr keine Ausweichmöglichkeit mehr ließ, war sie es, die wütend wurde. Ich verkniff es mir also, eine Bemerkung dazu zu machen, dass sie und dieser Pellotier sich jetzt offensichtlich duzten und sagte etwas, was auf jeden Fall nicht besser war: „Und was habt ihr sonst noch so gemacht?“
„Gearbeitet.“ Ihre Stimme klang mit einem Mal ziemlich kühl.
Ich schwieg und fuhr los. Sie schwieg auch. Wir fuhren den Saatwinkler Damm hinunter, Richtung Moabit. Es hätte so schön sein können. In den Kleingärten zu unserer Rechten blühten Hortensien, Dahlien und Gladiolen, und in der zittrigen Luft über dem Grasstreifen zwischen Straße und Hohenzollernkanal schwankten Kohlweißlinge und Zitronenfalter. Wir aber schwiegen. Ich merkte, wie Christine mich von der Seite anschaute.
„Du bist doch nicht etwa eifersüchtig!?“
Ich sagte, dazu hätte ich ja wohl kein Recht.
Sie fuhr fort, mich anzuschauen. Ich schaute auf die Straße.
„Raymond ist 72“, sagte sie schließlich, in einem Ton, als würde das jede weitere Erklärung überflüssig machen.
Ich sagte: „Goethe hat mit 73 noch Ulrike von Levetzow angebaggert. Da war sie gerade mal 18.“
„Er hat sie aber nicht gekriegt.“
Wir hatten vor ziemlich langer Zeit einmal beide an einem Hauptseminar mit dem Titel „Goethes Frauen in Leben und Werk“ teilgenommen. Davon zehrten wir heute noch. Im Übrigen klang Christines letzte Bemerkung so, als sei dieses Thema damit für sie beendet. Für mich war es das keineswegs.
„Und Raymond?“, fragte ich weiter und wusste im selben Moment, dass dies eine Frage zu viel gewesen war. Ich hätte viel dafür gegeben, sie wieder zurücknehmen, auslöschen zu können, so, wie ich auch immer wieder Worte und Sätze auf dem Bildschirm auslösche, aber was gesagt ist, ist gesagt, und was gehört ist, ist gehört, und jetzt würde alles umsonst gewesen sein: der freigenommene Tag, die Aufräumaktion zu Hause, der Hahn, die sorgfältige Rasur, das Hetzen zum Flughafen im Berufsverkehr, alles. Christine würde jetzt schreien, toben, explodieren, würde mich sofort anhalten lassen und ihren Koffer aus dem Kofferraum zerren, und den Rest des Tages würde ich dann nach Belieben verbringen können, aber auf jeden Fall ohne sie. Dies alles wurde mir im selben Moment klar. Und letztlich ging diese Reaktion ja auch in Ordnung. Ich hatte nicht das Recht, sie nach solchen Dingen zu fragen oder sogar irgendwelche Geständnisse von ihr zu fordern. Wir waren getrennt, schon seit mehr als einem Jahr, und keiner hatte Ansprüche an den andern zu haben, und ich hatte ja auch keine. Aber ich hatte Wünsche und Sehnsüchte und Hoffnungen, ich war voller Begehren und auch voller Gier danach, sie zu sehen, sie zu berühren – was ich nicht durfte –, sie zu besitzen – was natürlich vollkommen unmöglich war. Ich war dumm, keinen Schlussstrich zu ziehen, ich war dumm, etwas immer noch für möglich zu halten, was schon lange nicht mehr möglich war, und ich war dumm, sie nicht ernst zu nehmen, wenn sie mir genau das sagte.
Der erwartete Ausbruch kam nicht. Nichts kam, kein Wort. Ich drehte mich zu ihr hin, und sie lächelte mir direkt ins Gesicht. In ihrem Lächeln lag Enttäuschung und Verachtung und Überdruss.
„Dafür hast du mich also abgeholt“, sagte sie endlich mit ganz ruhiger Stimme, „um mich zu verhören“. Dann wandte sie sich ab, ihr Lächeln verschwand allmählich, und sie schaute nur noch vor sich hin. Ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf die Straße und wusste, dass das nicht alles gewesen sein konnte. Kurz vor der Schleuse brach es dann endlich aus ihr heraus, laut und roh: „Ich will mich aber nicht verhören lassen! Und deinen Rosenbusch will ich auch nicht!“ Sie drehte sich um, packte den Strauß, der mich immerhin an die hundert Euro gekostet hatte, und stieß ihn auf die Straße.
Noch bevor sie mich auffordern konnte, auf der Stelle anzuhalten und sie aussteigen zu lassen, trat ich auf die Bremse, gab aber sofort wieder Gas, weil fast im selben Moment die Reifen meines Hintermannes quietschten und seine Hupe die Sommerluft zerschnitt, schlüpfte etwa zwanzig Meter weiter in eine Lücke auf der Parkspur, stürzte aus dem Auto und rannte zurück zu dem Blumenstrauß, der mitten auf der Gegenfahrbahn lag. Das heißt, ich wollte zurückrennen. Ich hatte höchstens zwei oder drei Schritte gemacht, als ein Lastwagen mit Anhänger das Bouquet überrollte, es in ein Knäuel aus zerbrochenen Stielen, zerfetzten Blättern und zerquetschten Blüten verwandelte – und damit die Situation rettete. Denn was hätte ich getan mit dem Busch, wie Christine den Strauß zu nennen beliebte, wenn ich zu seiner Rettung nicht mindestens mein Leben riskiert gehabt hätte? Wie ein Trottel hätte ich damit vor ihr gestanden und hätte nichts geerntet als Verachtung. So aber taten ihr die grausam zugerichteten Rosen leid, und das kleine Sträußchen aus Schafgarbe, Taubnesseln und Hirtentäschel, das ich ihr als Ersatz geistesgegenwärtig auf dem Grünstreifen neben dem Kanal pflückte, rührte sie, und sie holte ihren Koffer nicht aus dem Kofferraum, sondern entschuldigte sich sogar und lächelte mich wieder an, ein bisschen jedenfalls, und ich durfte sie vollends nach Hause fahren.
Sogar meine Einladung zum Essen am Abend nahm sie an!
„Ich bin ausgezogen. Christine.“
Der Zettel, ein Blatt unseres Tagesabreißkalenders, auf dessen rechten Rand die wenigen Worte gekritzelt waren, lag auf meinem Bett und enthielt keine weiteren Mitteilungen. Ich betrachtete mir kurz das Bild darauf, ein Gemälde von Camille Pissaro, das eine Ansicht des Pont-Neuf in Paris zeigte, dann zog ich mich aus und legte mich hin. Ich machte mir keine Gedanken darüber, ob Christine nur einfach einen Spaß hatte machen wollen oder ob sie wirklich verärgert war. Es war mir egal. Wir hatten zwei Tage später eine Präsentation, an der auch eine große Hamburger und eine Düsseldorfer Agentur teilnahmen, es war ein lohnender Etat, und wir mussten einfach etwas tun, wenn wir eine Chance haben wollten. Sie wusste das, und wenn sie trotzdem der Meinung war, mir zeigen zu müssen, dass sie mit meinem späten Nachhausekommen nicht einverstanden war: bitte! Ich stellte den Radiowecker auf elf Uhr, überlegte es mir aber noch einmal anders, drückte erneut auf das Einstellknöpfchen und machte aus der zweiten Eins eine Zwei. Fünf Stunden Schlaf hatte ich mir verdient nach fast zwanzig Stunden Arbeit.
Pünktlich um zwölf, mit dem letzten Ton des Zeitzeichens, schaltete sich das Radio ein, und die Mittagsnachrichten verscheuchten ziemlich schnell das Gefühl der Bedrückung, das ich unmittelbar nach dem Aufwachen noch empfunden hatte. Nicht, dass mich die Meldungen über einen Flugzeugabsturz vor der Westküste Afrikas, die Stolpersteine, die der Irak UN-Rüstungsinspektoren in den Weg legte oder die in bestimmten Teilen der SPD geführten Diskussionen über die Anhebung des Spitzensteuersatzes in besonders gute Stimmung versetzt hätten. Aber sie waren immer noch viel besser – oder sagen wir: ein bisschen besser – als der Alptraum, den ich wieder einmal gehabt haben musste und an dessen Einzelheiten ich mich, wie meistens, nicht mehr erinnern konnte. Christine sagte immer, ich sei gut im Verdrängen, und das sagte sie so, als ob das ein Makel wäre oder doch zumindest eine Schwäche, die man bestrebt sein müsse, so schnell und so gut wie möglich zu beheben. Ich hatte ihr einmal geantwortet, dass die Fähigkeit zu verdrängen von der Natur in uns angelegt worden sei, um die Welt besser ertragen zu können, und dass es jede Menge Dinge gebe, die man besser nicht dauernd mit sich herumschleppe, aber sie behauptete, dass einen die Monster dann eben im Schlaf überfielen, wie die Tatsache, dass ich ständig von Alpträumen heimgesucht würde, ja beweise. Wir diskutierten oft so lange, bis Christine sagte, wir seien eben sehr verschieden und passten eigentlich gar nicht zusammen, und irgendwann würden wir uns wohl doch trennen müssen. Ich sagte dann, sich zu trennen, weil der eine Alpträume habe und der andere sich beim Aufwachen nicht mehr erinnere, selbst auch welche gehabt zu haben – „ich habe keine“, pflegte Christine mich an dieser Stelle zu unterbrechen – sei doch ziemlich originell, und Christine giftete zurück, ich wisse genau, dass es nicht das sei, sondern meine Art, mit Dingen umzugehen, die ich selber als falsch und schädlich erkannt hätte und trotzdem täte, weil es nun einmal das Bequemste für mich sei, und ich würde einfach den Gedanken an das Falsche und Schädliche meines Tuns beiseiteschieben und fröhlich weitermachen. Dabei war ich im allgemeinen gar nicht sehr fröhlich, wenn ich an meinem Mac saß und sogenannte Fließtexte für Folder und Broschüren fabrizierte – denn das meinte sie mit dem „falschen“ und „schädlichen“ Treiben, das sie mir vorwarf. Ich galt in unserer Agentur als Spezialist für Texte, die aus mehr als zwei kurzen Sätzen bestanden und in denen womöglich sogar noch hier und da ein Komma oder, ganz exotisch, ein Strichpunkt unterzubringen war: Fließtexte eben. Günter und Robert, die beiden anderen Texter, die in schöner Regelmäßigkeit darauf verwiesen, dass sie eher fürs Creative zuständig seien, nämlich für Slogans und Headlines, Günter und Robert schoben mir so oft wie möglich die entsprechenden Jobs zu. Ich war im Übrigen beim Abfassen meiner Texte auch nicht unfröhlich, obwohl ich vielleicht ab und zu so aussah, sondern einfach konzentriert, weil es nun einmal ein gewisses Maß an Konzentration erfordert, die beworbenen Produkte so zu präsentieren, als wären sie mindestens perfekt, ohne dabei den Eindruck zu machen, zu dick aufzutragen oder gar zu lügen. Womit wir wieder bei Christines Vorwurf wären, ich würde die Leute „verarschen“ – auch das ein Wort aus ihrem Mund –, dies auch eigentlich nicht gut finden, aber des Geldes wegen damit weitermachen. Mit anderen Worten: ich würde mich verkaufen, weswegen sie sich auch dazu berechtigt fühlte, von meiner Arbeit als einem „Hurenjob“ zu sprechen. Dass auch sie jahrelang von meinem Hurenlohn lebte, weil sie mit ihren tatsächlich in keinerlei Hinsicht zu beanstandenden Literaturübersetzungen einfach nicht genug verdiente, um ohne Magenknurren die Zeit zwischen einer Honorarzahlung und der nächsten zu überstehen – von anderen Annehmlichkeiten wie Auto, gut gestalteten Möbeln oder Urlaubsreisen ganz zu schweigen – schien sie dagegen kaum anzufechten. Als sie mich eines Tages in Zusammenhang mit meiner Arbeit als Werbetexter mit dem guten alten Satz konfrontierte, es gebe kein richtiges Leben im falschen, gab ich ihr genau dies zu bedenken: dass, wer sein eigenes Leben auf dasjenige von jemandem stütze, der seines „falsch“ – was auch immer das bedeuten möge – führe oder organisiere oder gestalte, dass dieser Mensch auch selbst kaum als jemand bezeichnet werden könne, der seinerseits ein „richtiges“ Leben führe, ganz gleich, wie gut und schön und tadellos – natürlich alles Begriffe, die hinterfragt und definiert werden müssten – dieses Leben auch aussehe oder letztlich sogar tatsächlich „sei“. Erstens. Und zweitens – denn schließlich lag es nicht in meiner Absicht, sie von meiner Seite oder gar aus meinem Leben zu vertreiben, und schon von daher musste es diesen zweiten Punkt geben, aber natürlich auch und zuallererst aus Gründen der Logik – zweitens also könne man den Satz auch noch ein bisschen erweitern und sagen, es gebe kein richtiges Leben in der falschen Gesellschaft, und dann werde es wirklich problematisch. Denn einerseits müsse man wohl nicht lange erläutern, dass unsere Gesellschaft der Konsumgeilheit – „für die du mitverantwortlich bist!“, warf Christine sofort ein, was ich in diesem Moment keine große Lust hatte zu bestätigen, weshalb ich einfach mit meiner Aufzählung fortfuhr –, der Kinderpornos, der Berge von Verkehrstoten und der gnadenlosen Verdummung durch die Medien nicht die „richtige“ sein könne. Doch andererseits: Solle man deswegen weggehen und wenn ja, wohin bitte? Wo hielten wir es denn überhaupt aus, so, wie wir zu leben gewohnt seien? In welcher ganz anderen Umgebung – und ganz anders müsse sie schon sein, wenn sie nicht ganz so falsch sein solle wie diejenige, in der wir lebten – in welcher ganz anders gearteten und organisierten Umgebung würden wir denn nicht sofort zugrunde gehen oder jedenfalls binnen kürzester Zeit? Und „nicht ganz so falsch“ sei ja noch nicht einmal ausreichend – „richtig“ müsse sie sein! Wo gebe es sie denn, diese Gesellschaft? Wo? Wir einigten uns schließlich auf das, was wir ohnehin schon gewusst hatten, nämlich dass ein solches Gemeinwesen nicht existiere und man daher genauso gut hier bleiben könne, um sich hier schuldig zu machen. Wir einigten uns weiterhin darauf, dass alles relativ sei – was uns ebenfalls schon bekannt gewesen war -, dass man also auch nur ein relativ richtiges Leben führen könne, was Christine auch tue, dass ich hingegen ein relativ falsches Leben führte, aber immerhin kein ganz falsches, da ich ihr ja mit meinem relativ falschen Leben ihr relativ richtiges ermöglichte. „Du bist also kein ganz großes Schwein, sondern nur ein mittleres“, schloss Christine unsere Diskussion ab, und da ich spürte, dass mehr für mich an diesem Tag nicht drin war, ließ ich den Satz so stehen. Erschöpft von den Auseinandersetzungen begaben wir uns ins Schlafzimmer, wo wir uns jedoch schon bald wieder auf der neuen Umgebung angemessene Art gegenseitig provozierten, gemeinsam außer Atem kamen und endlich ermattet und befriedigt den Tag beschlossen.
Schon seit längerer Zeit diskutierten wir nicht mehr so oft, in den letzten Monaten sogar fast gar nicht mehr. Vielleicht lag es daran, dass Harry und Theo, meine Chefs, unbedingt in die Top 100 der deutschen Agenturen vorstoßen wollten und ich öfter als in den vorangegangenen Jahren bis spät abends blieb und manchmal sogar – aber selten, wirklich nur in Ausnahmefällen –, wie auch in der vorangegangenen Nacht geschehen, bis in die ersten Stunden des nächsten Tages hinein.
„Wie viele Liter Kaffee hast du heute Nacht getrunken?“, hatte mich Christine vor etwa einem viertel Jahr einmal gefragt, kurz nachdem ich morgens um halb sechs vorsichtig das Schlafzimmer betreten hatte und nach einem prüfenden Blick auf ihre Seite des Bettes davon überzeugt gewesen war, dass sie noch tief und fest schlafe, und ich hatte gesagt, ich wisse es nicht.
„Und wie viele Zigaretten hast du geraucht?“
Das wusste ich natürlich genauso wenig, und auch auf ihre letzte Frage: „Was glaubst du, wie lange du noch lebst, wenn du so weitermachst?“ konnte ich ihr keine zufriedenstellende Antwort geben.
Sie hatte sich inzwischen in ihrem Bett aufgesetzt und machte einen sehr wachen und sehr unzufriedenen Eindruck. Sie sagte, dass sie es als Zumutung ansehe, mit jemandem zusammenleben zu sollen, der nicht nur jeden Moment tot umfallen könne, sondern auch noch Lust an diesem „Spiel“, wie sie es nannte, empfinde. Sie sagte, meine Lebensführung sei nichts anderes als Russisches Roulette, und irgendwann werde mein Herz stehen bleiben, irgendwann nachts um halb drei oder um halb vier, während ich gerade einen idiotischen Slogan für eine neue idiotische Dauerwurst oder ein beschissenes Abführmittel formulierte. Ich sagte nicht, dass für idiotische Slogans Günter und Robert zuständig seien, und ich wies sie auch nicht darauf hin, dass sie gerade „beschissenes Abführmittel“ gesagt hatte – man muss sich diese Formulierung einmal auf der Zunge zergehen lassen! – und dass man so schnell nun auch wieder nicht tot umfalle. Aber ich hätte sie gerne gefragt, ob es ihr vielleicht lieber wäre, wenn ich, statt zu nächtlicher Stunde am Schreibtisch, morgens beim gemeinsamen Frühstück mit einem letzten Röcheln vom Stuhl sänke oder mich vielleicht sogar am Steuer meines Alfa von der Welt und von ihr verabschiedete – denn sie müsste natürlich dabei sein! –, sagen wir einmal, irgendwo auf der Küstenstraße zwischen Collioure und Port Bou, wo man stellenweise nicht allzu weit von der Fahrbahn abkommen muss, um sich einige Momente später und achtzig oder auch hundertzwanzig Meter tiefer im blauen Mittelmeer wiederzufinden.
Nach dem Wetterbericht machte ich das Weckerradio aus. Ich blieb noch einige Momente liegen, und dann hörte ich im Flur die Dielen knarren. Christine war also wieder da! Ich spürte die Freude darüber in mir hochsteigen und wollte schon aufstehen, um sie zu begrüßen, als mich der Gedanke daran, dass sie mich mit ihrer Abwesenheit und dem Zettel hatte ärgern wollen, zurückhielt. Sie sollte nicht sehen, dass ihr Nachhausekommen mir gute Gefühle machte! Ich wartete also noch einige Momente, bis ich glaubte, mich so weit beherrschen zu können, dass meine zur Schau gestellte coolness überzeugend sein würde, dann stand ich endgültig auf. Da nichts mehr zu hören war, nahm ich an, dass sie in ihrem Arbeitszimmer saß. Wenn sie hören würde, dass die Schlafzimmertür sich öffnete, würde sie sicher erwarten, dass ich gleich zu ihr hereinkäme. Sollte sie! Ich ging in die Küche, setzte Kaffeewasser auf, holte mehr oder weniger geräuschvoll Geschirr und Besteck aus dem Schrank und wartete meinerseits auf ihr Erscheinen. Aber auch sie tat mir den Gefallen nicht. Was sollte ich tun? Ich entschloss mich zu einem Kompromiss. Ich machte Kaffee für uns beide, und so könnte sie sich, wenn sie käme, gleich mit an den Tisch setzen und hätte gleichzeitig ein Zeichen dafür, dass ich an sie gedacht hatte, und ich könnte ja auch noch, je nachdem, wie ihr Gesichtsausdruck sein würde, sagen, dass ich sie nicht hätte stören wollen.
Sie ließ sich aber nicht blicken.
Ich aß eine Scheibe Toast mit Schinken, eine weitere mit Käse, schenkte mir Kaffee nach, rauchte zum Abschluss eine Zigarette und hatte schließlich keinen Grund mehr, noch länger in der Küche zu bleiben. Also gut. Ende des Spiels. Ich ging zu ihrem Arbeitszimmer, klopfte und trat, ohne ihre Antwort abzuwarten, ein.
Sie war nicht da.
Ich hatte in der Küche gehockt und auf sie gewartet, und sie war überhaupt nicht da! Ich kam mir vor wie ein Idiot. Trotzdem machte ich noch einen Schritt ins Zimmer und schaute hinter die Tür. Dabei kam ich mir noch mehr vor wie ein Idiot. Ich wusste, dass sie nicht dahinter stehen würde. Aber ich musste schauen. Natürlich stand sie nicht dahinter. Ich ging zu ihrem Schreibtisch. Der Computer war ausgeschaltet und der Monitor vollkommen kalt. Ich ließ ein letztes Mal meinen Blick durch das Zimmer schweifen. Es gab keinen Gegenstand, hinter dem sie sich hätte verbergen können. Ich ging wieder hinaus.
Ich schaute im Wohnzimmer nach, in meinem Arbeitszimmer, im Bad und in der Gästetoilette. Ich ging noch einmal ins Schlafzimmer, obwohl ich wusste, dass Christine niemals so ein Versteckspiel mit mir gemacht hätte. Und schließlich ging ich auch noch zu dem einzigen Ort in der Wohnung, an dem ich noch nicht gewesen war: der Loggia. Auch hier war sie nicht. Was hätte sie auch hier draußen tun sollen? Ich beugte mich über die Brüstung und sah hinunter. Sie lag nicht auf dem Bürgersteig, und es gab auch keinen Blutfleck oder einen anderen Anhaltspunkt dafür, dass sie hinuntergefallen sein könnte.
Ich ging zurück in die Küche. Ich schenkte mir noch einmal eine Tasse Kaffee ein. Christine, für die er eigentlich vorgesehen gewesen war, würde ihn ja wohl kaum trinken. Er war nur noch lauwarm. Ich steckte mir eine weitere Zigarette an. Das Knarren der Dielen musste aus der Wohnung über uns gekommen sein. Ich hatte mich schon öfter davon täuschen lassen. Aber heute war ich mir absolut sicher gewesen. Wahrscheinlich hatte ich einfach nur gewollt, dass sie zurück sei.
Ich holte das Kalenderblatt aus dem Schlafzimmer. „Ich bin ausgezogen. Christine.“ Mehr stand immer noch nicht darauf.
Eine Minute später hatte ich sie am Telefon. Sie war bei ihrer Freundin Barbara. Das „Ja?“, mit dem sie sich meldete, klang, als hingen Eiszapfen daran. Ich fragte sie, ob sie inzwischen wieder angezogen sei. Sie sagte nichts. Wahrscheinlich verstand sie den kleinen Scherz gar nicht. Ich wartete. Sie legte auf.
Am liebsten wäre ich einfach wieder zur Arbeit gefahren, ohne mich weiter um dieses Spielchen meiner Ehefrau zu kümmern, das anfing, mir auf die Nerven zu gehen. Stattdessen drückte ich die Wahlwiederholungstaste, wartete geduldig, bis am anderen Ende ungefähr nach dem elften Freizeichen endlich abgenommen wurde – und hielt erschrocken den Hörer ein Stück von meinem Ohr weg.
„Es ist aus, Micha, hörst du, es ist aus! Ich will nicht mehr, und ich kann auch nicht mehr, such dir meinetwegen eine andere, es ist mir egal, mach was du willst!“ Alle Kälte war aus Christines Stimme gewichen. Wie Donnerschläge eines Tropengewitters gingen ihre Worte und Sätze auf mich nieder. „... und bilde dir bloß nicht ein, ich werde nochmal schwach!“ Im selben Moment war die Verbindung erneut zu Ende.
Ich drückte die Wahlwiederholungstaste nicht mehr.
Ich saß einfach nur da.
Diese Geschichte – der Zettel auf dem Bett, die lautstarke Aufkündigung unserer Beziehung am Telefon ein paar Stunden später und die wenige Tage darauf erfolgte Abholung verschiedener persönlicher Utensilien aus der gemeinsamen Wohnung – lag inzwischen ein gutes Jahr zurück. Vielleicht sollte ich eher sagen: ein schlechtes Jahr. Besonders die erste Zeit danach war schwer gewesen. Christine hatte sich wochenlang nicht nur geweigert, mich zu treffen, sondern es auch abgelehnt, am Telefon mit mir zu sprechen. Sie brauche jetzt erst einmal ein bisschen Zeit, um zu sich selbst zu kommen und herauszufinden, wo in der Welt sie stehe und wo sie hinwolle. Als ich sie fragte, ob es ihr möglich sei, ein kleines bisschen konkreter zu werden, sagte sie, das sei doch schon sehr konkret, und man könne sich mit ein wenig gutem Willen genug darunter vorstellen. Genau das war mein Problem. Ich hatte eine sehr große Menge guten Willens, und wenn ich gewollt hätte, hätte ich mir tage- und nächtelang irgendwelche Dinge vorstellen können, darunter ziemlich viele, die mir schon nicht gefielen, bevor ich überhaupt mit dem Vorstellen begann. Alleine an dem Wörtchen „herausfinden“ konnte sich meine Phantasie aufs Schauerlichste entzünden, was freilich nicht in meinem Interesse lag. Ich wollte nicht vermuten, ich wollte nicht raten, und ich wollte mir auch nicht vorstellen. Ich wollte wissen! Zum Beispiel, ob es einen anderen Mann gab und wenn ja – bei diesem Gedanken spürte ich schon, wie mir das Blut aus dem Gehirn wich –, also, wenn ja, wie der Stand der Dinge war. Aber mir war klar, dass es keinen Zweck hatte, weiter in sie zu dringen. Ich konnte nichts anderes tun als warten.
Ein Trost immerhin war, dass sie nicht sehr viel mehr als einige Bücher und ihre persönlichen Sachen mitgenommen hatte, was sie damit begründete, dass ja alles von meinem Geld angeschafft worden sei. Damit verletzte sie mich zwar einerseits, weil ich uns immer als Einheit empfunden hatte, was, meiner Meinung nach, eigentlich auch zur Folge hätte haben müssen, dass, was wir uns für den gemeinsamen Haushalt zulegten, uns gehörte und nicht dem einen oder dem anderen. Ich war davon ausgegangen, dass das auch ihre Sichtweise sei. Nun kam es mir so vor, als sei ihr Hinweis bezüglich der Eigentumsverhältnisse eine nachträgliche Aufkündigung dieser Einheit oder gar, als wollte sie mir zu verstehen geben, dass es so eine Einheit nie gegeben habe. Andererseits aber machte mir diese Zurückhaltung beim Mitnehmen doch wieder ein bisschen Mut, weil man es ja auch so interpretieren konnte, dass sie die bestehende Form der Wohnung, unserer Wohnung, die wir gemeinsam gesucht und gemeinsam eingerichtet hatten, nicht zu zerstören wünschte, weil sie sie als für unser Zusammenleben zentralen Ort betrachtete und diesen erhalten wollte, woraus man wiederum folgern konnte, dass für sie unsere Beziehung doch noch nicht endgültig gescheitert war oder zumindest von ihr nicht als nicht wiederherstellbar angesehen wurde.
Meine Tätigkeiten außerhalb der Agentur beschränkten sich in diesen Wochen weitestgehend auf das, was jede mittelmäßige Film- oder Romanfigur in einer entsprechenden Situation getan hätte und was ich aufgrund meiner Sympathie für nicht wenige dieser traurigen Gestalten fast schon als so etwas wie meine Pflicht betrachtete: Rauchen (Gauloises), Trinken (Scotch) und Grübeln (endlos und quälend). Immer wieder versuchte ich zu rekonstruieren, was gewesen war und dieses Gewesene zu analysieren, aber meistens kam ich nicht allzu weit damit, weil mich der ständig steigende Alkoholpegel bald daran hinderte, noch einen einigermaßen klaren Gedanken zu fassen. Die Düsterkeit und die Ausweglosigkeit und der Whisky ermüdeten mich schließlich so sehr, dass mir die Augen zufielen. Am nächsten Abend fing alles wieder von vorne an.
Es dauerte nicht lange, bis gewisse Veränderungen vor allem in meinem Gesicht unübersehbar waren: Ich bekam so etwas wie Bäckchen, die aber leider nichts Frisches, Gesundes hatten; die Haut wurde blasser, unter den Augen entwickelte sich eine zuerst zarte, aber an Intensität schnell zunehmende blau-violette Tönung, und über das Weiß der Augäpfel legte sich ein Netz rötlich schimmernder Äderchen, dessen Maschen immer enger wurden. Auch mein Haar schien allmählich stumpfer zu werden, was mich veranlasste, ihm nach dem morgendlichen Duschen etwas Gel zuzusetzen.
Auf der Arbeit stellte dies alles erst einmal kein Problem dar. Dort gab es immer wieder solche Fälle, und solange man funktionierte, durfte man auch etwas angenagt aussehen – die Kleidung selbstverständlich ausgenommen. Christine aber, die sich etwa vier Wochen nach ihrem Auszug endlich wieder meldete und mit der ich mich einige Tage später in einer Pizzeria traf – zu mir nach Hause kommen wollte sie nicht, weil, wie sie sagte, unsere Situation sich geändert habe und einen anderen als den vertrauten Rahmen nötig mache, der einen, womit sie natürlich sagen wollte: mich, am Ende nur auf die Idee bringe, es sei möglich, da weiterzumachen, wo wir aufgehört hätten - wir! -, und ich wiederum wollte mich nicht mit ihr in der Wohnung, die sie inzwischen gefunden hatte, treffen, weil das nichts anderes gewesen wäre als ein deutliches Zeichen dafür, dass ich mich mit den von ihr geschaffenen Tatsachen doch abzufinden bereit war und ein Schritt in Richtung Anerkennung einer Situation als normal, die ja weder normal war noch es werden sollte – Christine gelang es nicht, sich der Wirkung meines Säuferantlitzes zu entziehen. Zwar glaubte sie mit der Frage, ob ich jetzt den Kaffee durch Schnaps ersetzt hätte, zeigen zu können, wie unbeeindruckt sie war, aber ich merkte genau, wie sie erschrak, als sie mich erblickte, und es tat mir gut!
Ansonsten sah es immerhin nicht so aus, als sei schon ein anderer an meinen Platz getreten oder zumindest auf dem Weg dorthin, wenn sie es auch ablehnte, sich deutlich zu diesbezüglichen Fragen zu äußern. Mein Eindruck war, dass sie vor allem deshalb eine klare Aussage zu diesem Thema verweigerte, weil sie mir nicht das Gefühl geben wollte, ich hätte ein Recht auf solche Fragen – was ja wiederum Rückschlüsse auf eine gewisse Qualität unserer Beziehung zugelassen hätte.
An einem lauen Sommerabend wurde ich dann doch schwach. Christine hatte mir erlaubt, sie ins Petit Escargot zum Essen einzuladen, wir hatten eine Flasche Châteauneuf du Pape dazu getrunken, waren noch ein bisschen spazieren gegangen, und als sie schon im Begriff war, vor ihrem Haus aus meinem Auto zu steigen, fragte sie mich, ob ich nicht Lust hätte, noch auf einen Schluck mit nach oben zu kommen. Ich stufte kurzerhand mein Prinzip, ihre Wohnung nicht zu betreten, als nicht mehr dem Stand der Entwicklung gemäß ein und ging mit, obwohl mir klar war, dass ein oder zwei Cognac und später vier Abschiedsküsschen – zwei auf die linke und zwei auf die rechte Backe – alles waren, was ich zu erwarten hatte. Natürlich würde dieser Schritt immer noch die sozusagen „offizielle“ Anerkennung dieser Wohnung als der ihren bedeuten und damit auch in gewisser Weise die Anerkennung unseres Getrenntseins. Doch was würde ein Beharren auf meiner Verweigerungshaltung bewirken? Womöglich genau das Gegenteil dessen, was mein Ziel war, nämlich eine weitere Entfernung voneinander dadurch, dass gerade die privatesten Orte als Treffpunkte ausgeschlossen blieben. Daneben konnte man Christines Angebot durchaus auch als Vertrauensbeweis betrachten, als Zeichen dafür, dass sie nicht befürchtete, von mir, sobald der Schutz der Öffentlichkeit nicht mehr bestand, begrapscht oder befummelt zu werden. Dass ich es gerne getan hätte, wusste sie, ebenso wie ich wusste, dass dies das Ende gewesen wäre. Und schließlich würde mein Betreten ihrer Wohnung es ihr erleichtern, auch wieder zu mir nach Hause zu kommen, in unsere Wohnung, denn unsere Wohnung war es nach wie vor, nicht nur aus formalrechtlichen Gründen oder weil ich das so empfand, sondern nicht zuletzt auch, weil ihr Erscheinungsbild immer noch weitestgehend das gleiche war wie zu den Zeiten, als wir sie tatsächlich gemeinsam bewohnt hatten.
Christine freute sich sichtlich, als sie das Licht einschaltete und die Worte „das ist mein Arbeitszimmer“ aussprach. Mir versetzte, was ich sah, einen Stich, und ich bereute fast, mitgekommen zu sein. Es war gut! Das Zimmer war schön renoviert, die Holzdielen abgezogen, die Möblierung sparsam, aber nicht so, dass man den Eindruck hatte, es fehle etwas. Mir wurde mit einem Schlag klar, wie unrecht ich damit hatte, die Tatsache, dass fast alle ihre Bücher noch bei mir standen, nur als Zögern ihrerseits zu interpretieren, vollständig und damit in gewisser Weise endgültig auszuziehen, was ja auch der Trennung noch einmal ein ganz anderes Gewicht verleihen würde. Dieses Zurücklassen der Bücher, das Sich-Beschränken auf das, was sie für ihre Arbeit brauchte, nämlich vor allem Wörterbücher und Lexika, konnte, ebenso wie der Verzicht auf viele andere Dinge, die noch bei mir herumstanden, auch als Abwerfen von Last verstanden werden, von Unnützem, Platzraubendem, einem den Weg und den Blick Verstellendem, und sei es auch nur den Blick auf eine weiße Wand, der das Auge und damit das Gehirn ja in viel geringerem Maß festlegt als der Blick auf Bücher und Möbel. Eine weiße Wand, das hat etwas Leichtes, der Phantasie Raum Lassendes und damit Möglichkeiten Eröffnendes – und haben Möglichkeiten nicht etwas mit Zukunft zu tun? Dieses Zimmer atmete beides, Möglichkeiten und Zukunft, es hatte etwas von einer Studentenbude auf hohem Niveau, dabei das Offene, Schlichte mit Geschmack und einem Sinn für Ausgewogenheit verbindend. Es erlaubte durchaus mehr, als es hatte, aber es brauchte nicht mehr. So gesehen spiegelte es wahrscheinlich perfekt die momentane Gefühlssituation Christines wider. Es machte mich traurig.
Sie lächelte mich an. „Gefällt es dir nicht?“
