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Ein verschlafenes Dorf im hessischen Norden, 1977. Ein verkappter Nazibanker mit NPD Verbindungen, zwei rechtsradikale Handwerker, ein junger Skinhead und ein Weltkriegsveteran beschließen während eines Besäufnisses, einen Trip auf eines der berühmtesten Schlachtfelder des ersten Weltkriegs zu unternehmen. Dort wollen sie bei Nacht und Nebel eine Siegesfeier für die Deutschen Soldaten abhalten. Die fünf grundverschiedenen Männer, die nur durch ihre rassistischen Ressentiments, ihre ideologische Verblendung und pure Gewohnheit zusammengehalten werden, glauben, dass der Erste Weltkrieg durch einen Sieg der Deutschen bei Verdun hätte gewonnen werden können. Deshalb wollen sie zur Krönung ihres "Kreuzugs" die Deutsche Reichskriegsflagge auf einem der am schwersten umkämpften Panzerforts, dem Fort Douaumont, hissen. Doch die Toten der Schlacht dulden keine Störung. Die Kräfte, die die ungeheure Gewalt und das Massensterben des Krieges hinterlassen haben, treiben die fünf Männer in wahnhafte Zustände. Wie wird diese Nacht auf dem Schlachtfeld enden? Eine rabenschwarze Novelle über sinnlose Kriegsfaszination, Gewalt von Rechts und das menschliche Vergessen.
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Seitenzahl: 65
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Christoph Hochberger
DER SCHLACHTFELDTRIP
Eine rabenschwarze Novelle
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Inhaltsverzeichnis
Titel
DER SCHLACHTFELDTRIP
Impressum neobooks
1977, irgendwo in Nordhessen.
Wilhelm Lage hob den Bierkrug und verkündete mit dröhnender Stimme: „Ein Hoch auf den Führer!“
„Ein Hoch auf den Führer!“ wiederholten die übrigen Männer am Tisch, bis auf einen.
Nachdem er den Krug abgesetzt und sich den Schaum vom Mund gewischt hatte, fuhr der bärbeißige Maurermeister fort: „Wenigstens halten wir Hitler die Treue.“ Er lachte laut. „Der müsste noch mal wiederkommen, wo `s hier doch von Linken und Kanaken nur so wimmelt!“
Dröhnendes Gelächter folgte seinen Worten.
„So ist es“, pflichtete ihm Jörg Nauman bei. Wilhelm Lage drehte sich zu seinem Polier um. „Stell dir mal vor, es gäbe keine Leute wie uns. Was sollte denn dann aus Deutschland werden?!“
„Die könnten einpacken“, sagte Jörg Nauman düster, „Prost!“
„Prost!“, riefen auch die übrigen, und stießen an. Lage grinste breit. Feine Schweißperlen standen auf seiner Stirn. „Und was sagen wir dazu?“ Er hob die rechte Hand zum Hitlergruß. Jörg Nauman, Ernst Harbusch und Tim Hauser lachten und riefen: „Sieg Heil!“, während Fred Allachs nur mit dem Kopf schüttelte.
„Nicht so laut“, drang die Stimme von Erna, der feisten Wirtin der Dorfkneipe, hinter der Theke hervor, „die anderen Gäste.“
Wilhelm Lage drehte sich zu ihr um, und rief: „Warum denn? Wenn hier nur echte Deutsche sind, kann das doch niemanden stören.“
Er stemmte seine kräftigen Arme in die Seiten und sah sich herausfordernd um. Auch Jörg Nauman suchte den Schankraum mit zu Schlitzen zusammengezogenen Augen nach Andersdenkenden ab. Eine Familie die zu dieser heißen Mittagsstunde Abkühlung im „Dorfkrug“ gesucht hatte, verließ fluchtartig die Kneipe. Lage rief ihnen hinterher: „Ja geht nur, euch verdammte Kaffer brauchen wir hier nicht.“
„Wilhelm!“
Erna kam heran und baute sich vor Lage auf. „Jetzt reicht` s aber. Ich will so was nicht mehr hören.“
„Ach Ernaschätzchen, mach` dich doch nicht verrückt“, sagte Lage und versuchte ein einnehmendes Lächeln auf sein aufgedunsenes Gesicht zu zaubern. Als er bemerkte, dass sein Charme bei Erna nicht wirkte, umarmte er sie und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Ernas Gesicht rötete sich. Energisch befreite sie sich aus seinem Griff. „Hör auf, Wilhelm. Da versteh` ich keinen Spaß, wenn ihr meine Gäste vergrault.“
Jetzt mischte sich Tim Hauser, der Jüngste am Tisch, ein: „Mensch Erna, außer der Kafferfamilie war doch niemand da.“ Er grinste, fuhr sich mit der Hand über seine frische geschorene Glatze und stieß lachend mit den anderen an. Doch Erna ließ sich nicht beirren. Ihre roten Wangen bebten. „Ich find` s schon schlimm genug, dass ihr eure Nazisprüche hier drinnen kloppt, dass ihr das aber auch tut, wenn andere Gäste da sind, geht nicht an.“
„Is jetzt gut Erna“, war eine schneidende Stimme zu vernehmen, „wir haben `s gehört.“
Erna schnaubte verächtlich und wandte sich ab. Alle drehten sich zu Jörg Nauman um. Wilhelm Lages Schatten, wie er von den übrigen Männern am Tisch heimlich genannt wurde, starrte ihr nach. „Die soll ma` nich so `ne große Klappe riskieren“, knurrte der Polier bösartig. Wilhelm Lage setzte sich. „Ach, du kennst sie doch. Immer nett zu jedem, und bloß keinen Ärger.“ Er schlug seinem Polier auf die Schulter und wollte ihn zum Anstoßen bewegen. „Komm`, trink.“
Doch Nauman schien ihn gar nicht zu hören. Er steigerte sich bereits in einen seiner bekannten Wutanfälle hinein. „Den bekommt sie aber bald, wenn sie nicht aufhört, uns Vorschriften zu machen.“
„Red` nich` so von Erna, sonst kriegst du gleich Ärger!“ drohte Lage. Nauman verbiss sich eine Antwort. Lage wandte sich an die Übrigen: „Ihr habt` s gehört. Ich will nich`, dass einer schlecht über meine Erna spricht, sonst hau` ich ihm die Zähne ein!“
Stille folgte seiner Drohung. Die Männer schauten in ihre Gläser und räusperten sich. Nauman hielt sein Glas so fest umklammert, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten. Die Lippen zuckten gefährlich. Wilhelm Lage sah ihn herausfordernd an. Er wusste, dass sich Jörg Nauman nicht gegen ihn auflehnen würde. Sein Untergebener war schon aus beruflichen Gründen zu klug, um sich mit ihm anzulegen; davon abgesehen, wussten beide, dass er ihm auch körperlich unterlegen war. Das Verhalten der Männer erinnerte an Rangkämpfe unter Wölfen.
„So, jetzt wollen wir uns alle erst einmal etwas beruhigen“, sagte Ernst Harbusch, der der Szene bisher still gefolgt war. Der aalglatte Banker strich über seinen vor Pomade starrenden altdeutschen Haarschnitt. „Bei der Hitze ist es ja nicht verwunderlich, dass man gereizt ist ... Erna, bring uns doch noch mal ein Tablett Korn.“
Die anderen sahen ihn auffordernd an.
„Äh, und natürlich auch noch ein Bier für jeden“, fügte er hastig hinzu. Die Männer nickten. Während die Gruppe auf die Getränke wartete, trat Stille ein. Tim Hauser versuchte die Situation zu entspannen. „Mensch Leute, wir woll` n uns doch wegen so `ner scheiß` Kanakerfamilie nicht streiten ... “
„Halt`s Maul, Saustift!“, fuhr ihn Nauman an. Die Wut, die der Polier gegen seinen Meister, Wilhelm Lage, hatte hinunterschlucken müssen, brach nun auf den Schwächsten der Gruppe los. Tim zuckte zusammen, als hätte er einen Schlag erhalten. Er ging bei Wilhelm Lage in die Maurerlehre, und das letzte, was er sich wünschte, war ein Zwist mit dem gefürchteten Schatten des Chefs. Der duldete ihn ohnehin nur an diesem Tisch, weil er nicht anders konnte. Wilhelm Lage mochte ihn. Nur aus diesem Grund durfte er hier sitzen.
Fred Allachs, der Älteste in der Runde, der bisher kein Wort gesagt hatte, schüttelte missbilligend den Kopf und zog an seinem Zigarillo. Seine achtundsechzig Jahre sah man ihm an. Die Überreste silbergrauer Haare umrahmten eine beachtliche Glatze, die mit Narben bedeckt war. Er saß üblicherweise still auf seinem Hocker, trank und lauschte den Gesprächen der anderen. Doch jetzt wurde es ihm zu viel. Er war kein Nazi. Wenn er es sich genau überlegte, konnte man ihn nicht einmal als Rechten bezeichnen. Denn er, der Einzige in der Runde, der das dritte Reich und den Krieg wirklich erlebt hatte, interessierte sich seither weder mehr für Politik, noch für das Geschwätz irgendwelcher Grünschnäbel. Wenn man ihn gefragt hätte, warum er dann an diesem Tisch saß, hätte er geantwortet, dass er eben in diesem kleinen Dorf groß geworden sei und lebe, und dass er, der einen Weltkrieg überlebt hatte, sich schon lange nicht mehr an den rechten Sprüchen der übrigen Dörfler störte. Darüber hinaus vertrat er die Ansicht, dass in den meisten französischen, englischen und russischen Ortskneipen ähnliche Gespräche stattfanden, mit dem Unterschied, dass dort anschließend eben auf Petain, Churchill oder Stalin angestoßen wurde, anstatt auf Hitler.
„Ernst und der Junge haben recht. Lasst euch das Bier schmecken und vergesst endlich den Streit.“
Ernst Harbusch lachte erfreut. „Sage ich doch, Prost Fred!“
