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Die keltischen Stämme der britischen Inseln liegen seit Jahrhunderten miteinander im Krieg. Vor allem der Clan des Selgovaterhäuptlings, Toromic, der nahe der Grenze zu Caledonien siedelt, bildet eine Schutzmacht gegen das im Norden siedelnde Volk der Vacomager. Der Spätherbst legt bereits seinen eisigen Mantel über die Wildnis und die Clans bereiten sich auf den Winter vor. Doch dann endet eine Jagd unter mysteriösen Umständen. Toromic bittet seinen Bruder, den Seher des Clans, mit dem ihn ein düsteres Geheimnis verbindet, die Runen zu lesen. Als dieser während der Zeremonie zusammenbricht, glaubt Toromic sich und die Seinen verflucht. Um den Bann zu brechen, treibt er seinen Clan in einem aberwitzigen Kriegszug gegen die Caledonier und ahnt nicht, welches Unheil er damit heraufbeschwört. Denn in der froststarren Wildnis stellt sich ihm ein unbekannter, übermächtiger Feind entgegen. Die schlimmsten Mythen seiner Götterwelt scheinen wahr zu werden. Kann ihm das junge, mit magischen Fähigkeiten beseelte Mädchen, Boudina, helfen, das Rätsel zu lösen? Und wo sind die Druiden, deren Hilfe man so dringend bedarf? Eine fantastische Reise durch die mythische Welt der frühen Kelten, in einer Zeit, in der der Glaube an die Götter das Leben der Menschen regiert und düstere Legenden wahr werden
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Seitenzahl: 541
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Christoph Hochberger
DER KELTISCHE FLUCH
Finsternis über Albion
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhalt
Prolog
Im Land der Selgovater
Mahr
Morgengrauen
Die Versammlung
Der Hieb des Druiden
Wenn die Runen sprechen
Die Forderung des Häuptlings
Novoronix
Reiter im Morgengrauen
Anderswelt
Tod den Caledoniern
Opfer für die Götter
Aus weiter Ferne
Abschied
Boudinas Entscheidung
2. Teil
Der Bote
Rast
Allein in der Wildnis
Reiter
Wilde Hatz
Die Saat des Hasses
Feindesland
In den Wäldern
Nachtlager
3. Teil
Die verborgene Insel
Wilde See
Zwiespalt
Die Siedlung
Der Späher
Vor dem Morgengrauen
Môn
Rückzug
Conndonbar und Medwen
Rast
Wahrheit
Geständnis
Wölfe und Bären
Die Prüfung
Der Sprung
Die Bitte des Häuptlings
Der Preis der Weisheit
Tarcics Weg
Schatten im Forst
Kalte Nacht
Helweds Traum
Der Ruf der Hörner
Die Brut
Heimkehr
Fomor
Nant
Kalter Tod
Die Tapferen
Das letzte Aufgebot
Der Spruch des Cainte
Der Wechselbalg
EPILOG
Impressum neobooks
Der hohe Norden Britanniens, lange vor Christi Geburt.
Die keltischen Stämme der britischen Inseln liegen seit Jahrhunderten miteinander im Krieg. Vor allem die Clans der Selgovater, unter ihrem Häuptling Toromic, bilden gemeinsam mit den verbündeten südlichen Stämmen eine Schutzmacht gegen die im Norden siedelnden caledonischen Vacomager.
Der Spätherbst legt bereits seinen eisigen Mantel über die Wildnis und die Clans stellen, wie jedes Jahr zu dieser Zeit, dieFeindseligkeiten ein. Doch dann endet eine Jagd unter mysteriösen Umständen. Toromic bittet seinen Bruder, den Seher des Clans, mit dem ihn ein düsteres Geheimnis verbindet, die Runen zu lesen. Als dieser während der Zeremonie zusammenbricht, glaubt Toromic sich und die Seinen verflucht.
Um die Gnade seiner Götter wiederzuerlangen treibt er seinen Clan in einen aberwitzigen Kriegszug gegen die Vacomager und ahnt nicht, welches Unheil er damit heraufbeschwört. Denn in der froststarren Wildnis stellt sich ihm ein unbekannter, übermächtiger Feind entgegen. Die schlimmsten Mythen seiner Götterwelt scheinen wahr zu werden. Kann ihm das junge, mit magischen Kräften beseelte Mädchen Boudina helfen, das Rätsel zu lösen? Und wo sind die Druiden, deren Hilfe man so dringend bedarf?
Eine fantastische Reise durch die mythische Welt der frühen Kelten, in einer Zeit, in der der Glaube an die Götter das Leben der Menschen regiert und düstere Legenden wahr werden.
„Der ganze Volksstamm ist kriegerisch und mutig und rasch zum Kampfe. Wer sie reizt, wann und wo und unter welchem zufälligen Vorwande er will, der befindet sich bereits zur Gefahr, ohne dass sie außer Kraft und Kühnheit etwas haben.“
(Strabon, Erdbeschreibung – 1.Jh. v. Chr.)
„Die Köpfe der gefallenen Feinde hauen sie ab und binden sie ihren Pferden auf den Hals; die blutige Rüstung geben sie ihren Dienern und lassen sie unter Jubelgeschrei und Siegesliedern zur Schau tragen. Zu Hause nageln sie dann diese Ehrenzeichen an die Wand, gerade als hätten sie auf der Jagd ein Wild erlegt.“
(Diodorus Siculus)
„Ferner gibt es Philosophen, die der Götterlehre kundig sind und in sehr hohem Ansehen stehen; man nennt sie Druiden. Auch hat man Wahrsager, denen man ebenfalls viel Ehre erweist.“
(Diodorus Siculus)
Frühjahr des Jahres 413 vor Christus,
Südwestbritannien.
Skathach gae Bulga, Hochkönig des edlen Skotengeschlechts der Fion Do, Herr über viele hundert Krieger und absoluter Patriarch seines Stammes, rannte um sein Leben.
Vor wenigen Tagen hatte er mit sechs Booten über die Meerenge gesetzt, die seine Insel, Hibernia, von dem großen, geteilten Eiland der Britannier und Caledonier, welches Albion genannt wurde, trennte. Dort hatte er sich reichlich Beute versprochen, da sich die Stämme der Silurer und Ordoviker, an deren Gestaden er zu landen vorhatte, wieder einmal befehdeten. Er und sein Stamm hatten schon oft die Gelegenheit genutzt, um blitzschnell zuzuschlagen, Beute zu machen und wieder zu verschwinden.
Doch dieses Mal waren ihnen die Götter nicht wohlgesonnen.
Ein fürchterlicher Sturm überraschte sie kurz vor der feindlichen Küste und zerschlug all ihre Boote. Nur er und einige wenige seiner Krieger erreichten lebend das fremde Ufer. Schon nach kurzer Zeit wurden sie von Spähtrupps der Ordoviker aufgegriffen und gefangen genommen.
Das bedeutete das Ende für sie alle. Denn mit Gefangenen, dazu noch einem Hochedlen wie ihm, verfuhren Caledonier, Britannier und Skoten gleichermaßen. Entweder wurde ein immenses Lösegeld für die Geiseln verlangt, oder aber sie wurden bei einer der vielen religiösen Zeremonien, die alle Stämme auf ihre Art begingen, den Göttern geopfert.
Als sie in das Dorf der Feinde gebracht wurden, stellten sie fest, dass etwas Großes im Gange war. Angehörige aller Clans der Ordoviker und ungewöhnlich viele Druiden bevölkerten die Gassen zwischen den riedgedeckten Hütten.
Nach wenigen Tagen der Gefangenschaft zerrten feindliche Krieger sie aus ihrem Gefängnis und banden sie auf bereitgestellte Opferwagen. Unter den Schmährufen der versammelten Volksmassen wurden sie zu einem Berghügel gekarrt, der von einem Eichenhain umgeben war. Die Kuppe des Hügels wurde von einem Steinkreis eingezirkelt, in dessen Zentrum ein einzelner, gewaltiger Menhir wie ein Mahnmal der Götter aufragte.
Sie sahen Dutzende anderer Todgeweihter, die ebenfalls auf Karren gebunden waren und auf ihr Schicksal warteten. Sie befanden sich in Trance, denn sie hatten von den Speisen der Druiden gekostet, die die Versenkung vor dem Gang in die Anderswelt erleichtern sollten. Skathach gae Bulga und seine Mannen jedoch hatten sich standhaft geweigert, von den Tränken und Speisen etwas zu sich zu nehmen, denn sie wollten wachen Geistes bleiben.
Während ein Gefangener nach dem anderen zu dem finsteren Steinkoloss gezerrt wurde, der das Ende des Lebens in dieser Welt bedeutete, suchten der Hochkönig der Fion Do und seine Männer verzweifelt nach einer Möglichkeit zu entkommen. Denn eines hatten sie sich während ihrer Gefangenschaft geschworen: Wenn es zum Schlimmsten kommen sollte, wollten sie sich entweder gegenseitig umbringen oder aber durch die Waffe eines keltischen Kriegers ihr Leben lassen. Keinesfalls wollten sie ihr Leben den fremden Göttern schenken.
Doch die anderen Gefangenen hauchten, ohne sich zu wehren, ihr Leben aus, und nichts schien Skathach gae Bulga und seine Gefolgsleute retten zu können. Während hunderte Ordoviker in Raserei verfielen, wilde Tänze und Gesänge zelebrierten, und die Druiden in sakrale Beschwörungen vertieft waren, verfärbte sich der morgendliche Himmel. Das Licht der Sonne wurde schwächer, ein unheimliches Grau begann langsam den Horizont zu verdüstern.
Skathach blickte entsetzt nach oben und fühlte, wie die seltsame Stimmung, in der sich die Ordoviker und die übrigen Gefangenen befanden, auch von ihm Besitz zu ergreifen drohte. Er biss sich auf die Zunge, um wach zu bleiben. Als die Druiden den ersten seiner Männer losketteten, begann dieser wie von selbst auf den blutüberströmten Opferstein zuzuwanken.
Skathach sah verstohlen zu seinem ersten Mann und Waffenträger Oisin hinüber und erkannte, dass sich dieser bisher, genau wie er selbst, der Wirkung der Beschwörung hatte entziehen können. Zwar tat Oisin benommen, doch unter halbgesenkten Liedern warf er Skathach verschwörerische Blicke zu. Auch die Krieger der Leibwache stellten sich lediglich schläfrig.
Der Hochkönig bemerkte, dass sich die Druiden und das ganze anwesende Volk der Ordoviker vollkommen im Rausch der Zeremonie befanden. Es musste ihm und seinen Männern einfach gelingen, einen der Priester zu überrumpeln, sobald ihnen diese Bastarde erst einmal die Ketten abgenommen hatten. Wenn ihm dann die Krieger seiner Leibwache den Rücken freihielten, hatte er vielleicht eine Chance zu entkommen!
Mehrere Druiden kamen singend auf ihn zu und banden ihn los.
Der Hochkönig gab seinem ersten Mann mit den Augen zu verstehen, dass die Zeit gekommen war. Oisin nickte unmerklich. Auch die übrigen Krieger seiner Leibgarde bekamen nun von den Eichenkundigen die Ketten abgenommen. Offenbar sollten sie alle, als Höhepunkt der Zeremonie, gemeinsam getötet werden.
Langsam wurden sie auf den Opferstein zugeführt, und während sie so taten, als befänden sie sich in vollkommener Trance, spähte in Wahrheit ein jeder von ihnen einen Bewaffneten aus, den er überrumpeln konnte.
Während sich die Gesänge dem Höhepunkt näherten und Skathach auf seinem letzten Weg von den Druiden mit Mistelzweigen beworfen wurde, verdüsterte sich der Himmel so stark, dass der große Opferstein wie ein drohender, unheilverheißender Schatten vor der Kulisse der alten Eichen aufragte.
„Beim Schädel des Goll und den Mächten der Fir Bolg, gebt mir Kraft, meine Götter!“ presste Skathach zwischen den Zähnen hindurch, dann hatte er den Stein erreicht.
Zu seinen Füßen türmten sich die Leichen der vorherigen Opfer.
Kalter Schweiß brach ihm aus.
Zwei Druiden malten mit blutnassen Fingern seltsame Zeichen auf seine Stirn, während ihn zwei weitere mit dem Rücken gegen den Opferfelsen drückten.
Mit weit aufgerissenen Augen starrte Skathach gae Bulga zu Oisin und seiner Leibwache hinüber, die sich nur wenige Schritte von ihm entfernt in den Armen ihrer Bewacher wanden.
Einer der beiden greisen Druiden hob jetzt ein reich verziertes Opferbeil über seinen Schädel und rief in der fremdartigen Sprache der Britannier: „Balor!“
In diesem Augenblick überschlugen sich die Ereignisse.
Oisin entriss einer der Wachen den Speer und rammte ihn dem Druiden in den Rücken, der Skathach töten wollte. Gleichzeitig griffen auch die übrigen Krieger von Skathachs Leibwache mit dem Mut der Verzweiflung ihre Bewacher an und entrissen ihnen die Waffen.
Die Druiden erstarrten, als sie einen der ihren stöhnend zu Boden sinken sahen. Auch die Krieger der Ordoviker waren vollkommen überrascht und vom tagelangen Genuss des Mets und betörender Kräuter offenbar zu berauscht, um reagieren zu können.
Skathach gae Bulga und seine Männer nutzten die Gunst des Augenblicks und kämpften sich hauend und stechend durch die Reihen ihrer Feinde.
Schwarze Wolken ballten sich am Himmel zusammen, rote Blitze zuckten über das Firmament, Donnerschläge ließen die Erde erbeben. Während die Menschenmasse in Panik geriet und Chaos den Kultplatz erfasste, erwachten die Krieger der Ordoviker aus ihrer Starre. Mit wilden Schlachtrufen setzten sie den fliehenden Skoten nach, und eine Hetzjagd, den Hügel des Heiligtums hinunter, bis in die angrenzenden Wälder hinein begann.
Als Skathach und Oisin den schutzversprechenden Saum des Waldes erreichten, waren die meisten ihrer Männer bereits den rachsüchtigen Horden der Gegner zum Opfer gefallen.
Keuchend brachen sie durch das Unterholz, taub für den Schmerz der Wunden, die ihnen zugefügt worden waren. Sie rannten, bis ihre Lungen zu platzen drohten, doch sie waren Fremde in einem fremden Land, und sie rannten gegen Hunderte.
Als Oisin über einen umgestürzten Baumstamm sprang, zertrümmerte ihm ein Schleudergeschoß den Schenkel, fast gleichzeitig fuhr ihm ein Speer durch den Hals. Die Hände um den Schaft der Waffe gekrallt, brach er hinter dem Stamm zusammen.
Skathach sah seinen letzten Mann fallen und wusste, dass das Ende gekommen war. Er blieb stehen, wandte sich mit bebendem Brustkorb in Richtung der Verfolger. „Mögen euch die Götter verfluchen, dass ihr es wagt, einen Hochkönig zu ermorden“, presste er hervor. Dann hob er das Schwert, mit dem er sich den Weg freigekämpft hatte, stolz über den Kopf.
„Ihr Bastarde!“, brüllte er den ihm entgegenkommenden Mördern seiner Untertanen zu.
Sekunden später hatten ihn die Feinde erreicht. Das Schwert nutzte ihm nichts mehr, als er von den Kriegern der Ordoviker überrannt wurde. Das Letzte, was der Hochkönig der Fion Do in seinem Leben erblickte, waren die gnadenlosen Augen eines keltischen Streiters, bevor dieser mit aller Macht sein Schwert auf ihn niederfahren ließ.
Spätherbst desselben Jahres, im hohen Norden
Britanniens,an der Grenze zu Kaledonien.
Rau fegte der Wind über die Wipfel der mächtigen Bäume. Noch war kein Schnee gefallen, doch die Nächte waren schon bitterkalt. Wolkenfetzen zogen am Mond vorbei und tauchten die Landschaft abwechselnd in eisiges Licht oder bedrückende Schatten. Der Herbst hatte Einzug gehalten im Land der Selgovater, und es konnte nicht mehr lange dauern, bis die ersten Winterstürme jeden Kontakt zwischen den Clans einfrieren ließen. Die Hügel und Wälder waren bereits von einer dicken Rauhreifschicht überzogen, die nur tagsüber für kurze Zeit verschwand, wenn sich die Sonne am Himmel blicken ließ.
Das Dorf des keltischen Clans der Selgovater lag gut geschützt in einer Senke des Misteltals. Die Siedlung, die von einem mächtigen Holzpalisadenwall umspannt wurde, war fast vollständig von Wald umgeben. Nur auf der Seite des Haupttores, das aus zwei mächtigen Flügeln zusammengezimmerter Eichenbohlen bestand, fiel ein grasbewachsener Hang zum Fluss hin ab, der das Tal durchzog.
Der Rauch mehrerer großer Feuer, die in den Hütten brannten, stieg in den Himmel und vermischte sich mit dem Schwarz der Nacht. Vereinzelt standen Krieger auf dem Wall und hielten Wache.
Kein menschliches Wesen hielt sich zu dieser Stunde im Wald auf. Nicht einmal die Krieger der Caledonier, Todfeinde der Selgovater und der übrigen britannischen Stämme seit Jahrhunderten, waren auf Beutezug. Die Geister des Waldes und die Götter des Sturmes wollte niemand herausfordern - nicht in einer solchen Nacht.
Toromic starrte ins Feuer.
Wie würde die Antwort seines Bruders wohl ausfallen, fragte er sich missmutig. Der Clanführer der Selgovater kratzte sich abwesend im Gesicht. Er mochte es nicht, tatenlos darauf warten zu müssen, dass ein anderer etwas entschied, doch hatte er in diesem Fall keine Wahl.
Seine Frau Shana und die Kinder schliefen, in dicke Felle gehüllt und vom Nachtmahl gesättigt, auf ihren Lagern im hinteren Bereich der Hütte. Toromic gegenüber saß sein jüngerer Bruder Tarcic, der Seher des Clans. Draußen begann sich der Mond schon wieder dem Horizont zu nähern, und die Kälte der Nacht, die so kurz vor Morgengrauen noch einmal zunahm, ließ die Wachen auf dem Wall ihre Mäntel enger um die Schultern ziehen.
Die Spuren einer langen Nacht standen den Brüdern in die Gesichter geschrieben. Eine unheilschwangere Atmosphäre lastete zwischen ihnen. Ab und an tranken sie aus ihren verzierten Trinkhörnern, ohne den anderen dabei aus den Augen zu lassen.
Eigentlich, dachte Toromic, hatte der Tag gut begonnen. Er und einige seiner Krieger waren auf der Jagd gewesen und hatten einen stattlichen Hirsch zur Strecke gebracht. Unter normalen Umständen wäre das ein guter Jagderfolg gewesen und man hätte reichlich Fleisch für Tage und Fell für den Winter gehabt. Außerdem waren sie auf einen Trupp von Brigantern, ihrem großen, weiter südlich siedelnden Bruderstamm, gestoßen, die ihnen mitteilten, dass seit langem keine Caledonier mehr gesehen worden waren.
Was den Clanführer der Selgovater beschäftigte, waren die Geschehnisse der Jagd. Er nahm noch einen tiefen Schluck des süßlichen Hefebieres, welches die Mundschenke seines Clans vorzüglich zu brauen verstanden, ließ das dickflüssige Getränk seine Kehle hinunterrinnen und fixierte dann seinen Bruder.
Tarcic starrte zurück. Seine mit heiligen Runen verzierte Brustplatte reflektierte matt den Schein des Feuers. Die Stirn des Sehers lag in tiefen Falten, was, durch den Schein der Flammen beleuchtet, besonders die riesige Narbe hervorhob, die sich von seinem Schädeldach über die Schläfen und den Hals bis hinunter zum Brustkorb zog.
Plötzlich antwortete er mit rauer Stimme: „Fordere es nicht von mir.“
Toromic verspannte sich. Seine Stimme wurde eindringlich, als er es noch einmal versuchte: „Du weißt, dass ich dich schonen würde, wenn ich könnte, doch wir müssen wissen, ob die Götter erzürnt sind, ob es ein böses Omen ist.“
Tarcic hielt seinem Blick kurz stand, blickte dann aber ins Feuer und ließ sich mit einer Antwort Zeit. Toromic bemerkte den dünnen Schweißfilm auf der Stirn seines Bruders, und wusste, dass der Jüngere Angst hatte. Tarcic kippte den letzten Rest seines Trinkhornes in einem Zug herunter, warf es dann mit fahriger Gebärde neben sich und erwiderte: „Es ist nicht gut, die Runen zu befragen. Es kostet viel Kraft und könnte die Aufmerksamkeit der Götter auf uns lenken.“
Toromic schüttelte den Kopf. „Wir müssen erfahren, was es mit dieser Sache auf sich hat. Mir scheint, dass dich die lange Zeit, in der niemand unsere Frevel bemerkte, dazu verleitet, dich sicher zu fühlen. Doch solange wir leben, werden wir auf der Hut sein müssen.“
„Verdammt sei das zweite Gesicht!“, fluchte Tarcic. Mit zitternden Händen nahm er sein Horn wieder auf und schenkte sich aus dem Rindslederbeutel nach, der neben ihm auf dem Boden lag. Toromic beugte sich vor. „Es muss einen Grund dafür geben, dass uns die Götter bisher noch nicht bestraft haben...“
„Sei still! Du weißt ja nicht, was du da sagst“, rief Tarcic erregt.
So unbeherrscht hatte Toromic seinen Bruder schon lange nicht mehr erlebt. „Etwas leiser,Vates, meine Familie schläft“, sagte er ruhig, aber bestimmt. Doch auch die Nennung seines Ehrentitels, des Sehers des Clans, konnte Tarcic nicht beruhigen. „Hätte die Axt doch einen anderen getroffen“, knirschte er durch die Zähne, „ich wünschte, die Kraft würde von mir weichen!“
Toromics Züge wurden starr, und seine Stimme bekam einen drohenden Unterton. „Beherrsche dich endlich. Nur wir beide und Shana wissen die Wahrheit. Hätte einer der übrigen Krieger während der Schlacht bemerkt, dass dein Gegner ein Druide war ... , du wärest des Todes gewesen.“ Jetzt bebte seine Stimme vor Erregung, denn die Erinnerung an die große Schlacht gegen die Caledonier spielte sich wieder vor seinem geistigen Auge ab. „Keiner der Unsrigen sah, dass der Caledone unter dem Wolfsfell die Tätowierungen der Derwydd trug.Ichschlug ihm den Kopf ab,ichwarf meinen Mantel über dich und trug dich fort, aus der Schlacht! Und seit du genesen bist, hast du diese Kraft. Die Anderen glauben, du seist von einem normalen Krieger geschlagen worden. Bedenke: sie akzeptieren deine Fähigkeit ... keiner weiß, wie du sie empfangen hast.“
Tarcic starrte eine Weile mit leerem Blick ins Feuer. Der Nachtwind heulte um die Hütte und zerrte an dem riedgedeckten Dach. Plötzlich straffte sich seine Gestalt, und Entschlossenheit kehrte in seine Augen zurück. „Du hast Recht, Bruder, ich stehe auf immer in deiner Schuld, auch ohne die Blutsbande. Bitte vergiss`, dass ich so weibisch tat. Der Wille der Götter ist oft schwer zu verstehen, doch soll es das letzte Mal gewesen sein, dass ich mich dagegen sträube, sie anzurufen. Berufe für morgen die Versammlung ein, ich werde die Runen lesen.“
Toromic atmete auf und nickte feierlich. Nur mit der Hilfe seines Bruders konnte er Klarheit darüber erlangen, was die seltsamen Umstände der Jagd zu bedeuten hatten, denn die Druiden hatten schon lange nicht mehr sein Land bereist.
Er stand auf und zeigte so an, dass die Unterredung beendet war.
„Ich bin dir dankbar, Bruder“, sagte er in gemessenem Ton. „Mögen dir die Götter einen ruhigen Schlaf schenken.“
Tarcic nickte müde. „Ich muss mich auf die Zeremonie vorbereiten.“
Die Brüder umfassten ihre Unterarme und drückten fest zu.
„Friede deinem Schlaf, Bruder, wir sehen uns am morgigen Tage“, verabschiedete sich Tarcic. Toromic folgte ihm zum Ausgang. Er sah Tarcic nach, bis er zwischen den Schatten der umstehenden Hütten verschwunden war, und ging anschließend zurück zum Feuer.
Als er sich gerade niedergelassen hatte, fegte ein besonders heftiger Windstoß über sein Heim und ließ sogar die im Boden verankerten Tragebalken leicht erzittern. Toromic hob sein Trinkhorn an die Lippen, bemerkte, dass es bereits leer war, und schenkte sich nach.
Er war ein großer Mann. Einen guten Kopf größer als die meisten Krieger seines Clans. Sein muskulöser Körper wurde von zahlreichen Tätowierungen überzogen, die schlangenförmig über alle Gliedmaßen verliefen, sich um Hals, Hände und Füße wanden und dort schließlich endeten. Er hatte langes, mittelblondes Haar, das ihm lose über die Schultern fiel, und tiefblaue Augen, deren wachsamen Blicken nichts zu entgehen schien. Seine Wangen waren glatt rasiert, wohingegen er den Oberlippenbart, nach Sitte der Vorväter, lang und dicht trug.
Der Häuptling der Selgovater hatte noch keine sechsundzwanzig Winter erlebt, doch die Unbefangenheit der Jugend war bereits aus seinem Gesicht gewichen. Um die Augen herum hatten sich Falten eingegraben, die seinem Antlitz den Ausdruck von Erfahrung und Strenge verliehen. Wer ihn kannte, wusste, dass er kein böser Mensch war, doch Fremde erschraken nicht selten beim Anblick der rauen, unbeweglichen Züge und dem stechenden Blick seiner blauen Augen.
Er und Tarcic waren die Söhne Tolurics, eines großen selgovatischen Clanführers. Ihr Vater hatte unter den Häuptlingen der übrigen Selgovaterclans ein solch hohes Ansehen genossen, dass sie ihn Ri nannten, was König bedeutete. Toluric war vor Jahren in einer Schlacht gegen die weiter südlich siedelnden Cornovier gefallen. Danach hatte Toromic, als ältester Sohn, seine Nachfolge angetreten. Auch er durfte sich nun Zeit seines Lebens Ri nennen, denn dieser Titel war erblich.
Zwischen Tarcic und ihm hatte es nie, wie es sonst häufig vorkam, Streitigkeiten um die Nachfolge des Häuptlingsthrons gegeben. Die beiden Brüder hatten sich seit ihrer Kindheit gut verstanden. Immerhin waren sie die einzigen männlichen Überlebenden ihrer Familie.
Fünf Kinder hatte ihre Mutter Enid dem stolzen Toluric geboren, drei Söhne und zwei Töchter. Die einzige noch lebende Schwester, Lunicca, war schon während ihres vierzehnten Winters nach Melavoc, dem Königssitz der Briganter, verheiratet worden und kam nur selten zu Besuch. Der zweitgeborene, Tarugus, hatte den ersten Winter nicht überlebt. Nach ihm waren im Abstand von nur einem Jahr Toromic und Tarcic geboren worden und drei weitere Jahre später dann die zarte Iriann. Doch die zweite Tochter der Familie war den Härten des Lebens nicht gewachsen gewesen und früh gestorben. Tarcic ähnelte Toromic sehr. Er war nicht so groß und kräftig wie dieser, dafür sehnig und schnell. An Intelligenz stand er seinem Bruder in nichts nach. Er hatte helles Haar, das er nicht ganz so lang trug wie Toromic, und hellere Augen. Er war einer der tapfersten Edlen des Clans gewesen, bis zu der für ihn alles verändernden Schlacht.
Es ist hart für dich, die Runen zu lesen, Bruder, das weiß ich,dachte Toromic,doch wie sollen wir anders erfahren, was geschehen soll? Du bist der Einzige, der um die Rituale und Beschwörungen weiß.
Ein jeder, der sich berufen fühlte, Künstler, Barde oder Seher zu werden, konnte zu den Druiden gehen und sich dort unterweisen lassen - wenn sie ihn akzeptierten. Tarcic hatte nie ein Druide werden wollen. Seit der Schlacht besaß er die Gabe des Sehens, doch er hasste sie, denn sie hatte ihm sein vorheriges Leben genommen.
Toromic setzte abermals das Trinkhorn an die Lippen, als ihn Shanas Stimme aus seinen Gedanken riss. „Toromic, komm zu mir. Die Gestirne werden schon bald verblassen.“
Er lächelte. Wie gut war es, Shana zu haben. Wie gut, dass er hier drinnen am warmen Feuer saß, während draußen die kalten Nordwinde alles gefrieren ließen. Wie gut war es zu wissen, dass auf den Wällen Krieger Wache hielten, um den Schlaf des Clans zu beschützen. Während er sich trunken und müde erhob, ging ihm durch den Kopf, dass solche Gedanken, laut vor seinen Kriegern ausgesprochen, als blanke Feigheit gegolten hätten.
„Bei Lug“, murmelte er vor sich hin, „in mein Innerstes kann niemand blicken.“
Manchmal hasste er die strengen Sitten, die das Leben der Clans bestimmten. Bedeutete das Eingeständnis von Angst in der Öffentlichkeit für einen normalen Krieger Schande, so war eine solche Gefühlsäußerung für einen Häuptling völlig undenkbar. Er hatte ein leuchtendes Vorbild zu sein, zu dem der Rest der Gemeinschaft emporblicken konnte. Gerade in Zeiten des Krieges war ein energischer und tapferer Häuptling Garant für die blinde Gefolgschaft der übrigen Anführer des Clans. Und Krieg führten die Clans und Stämme auf den Inseln ständig. Toromic lächelte bitter. Wann hatte es in seinem Leben Zeiten gegeben, in denen nicht gekämpft wurde? Da drang abermals Shanas Stimme an sein Ohr. „Wie lange willst du noch deinen Gedanken nachhängen? Komm` zu mir.“
Während er auf das Ehelager zuwankte, streifte er seine Kleidung ab und lächelte vor sich hin. Shana hob das Fell für ihn. Dankbar schlüpfte er in die Wärme darunter.
„Beunruhige dich nicht zu sehr, mein großer Krieger“, flüsterte sie, während sie ihn umarmte und ihren Körper an ihn schmiegte, „erst bei Morgengrauen wird der neue Tag geboren, und erst dann wirst du wieder Entscheidungen treffen müssen.“
„Wollen wir hoffen, dass die Runen nichts Schlechtes prophezeien“, murmelte er und küsste sie liebevoll.
„Wollen wir hoffen, dass dir Jagen, Fressen, Saufen und die Unterredung mit Tarcic nicht die letzte Manneskraft geraubt haben“, antwortete sie leise kichernd. Er kniff sie zärtlich in die Seite und schnaubte: „Ho, Weib, das wird sich sogleich herausstellen.“
Sie kuschelten und schmusten eine Weile, doch wie so oft behielt Shana recht. Der Tag war für Toromic mehr als anstrengend gewesen, und nach kurzer Zeit war der Clanführer der Selgovater tief eingeschlafen.
Shana hielt ihn fest umarmt. Sie blickte zum Dach der Hütte empor, das vom Widerschein des ausglühenden Feuers in rotes Licht getaucht wurde, und lauschte seinem schweren Atem. Shana liebte ihren Gemahl innig und war ihm wegen seiner Müdigkeit nicht böse. Sie war die ganze Zeit über wach gewesen und hatte die Unterhaltung der Brüder verfolgt. Toromic tat das ihrer Meinung nach einzig Richtige. Sie kuschelte sich noch enger an den warmen Leib ihres Gatten und schloss die Augen.
Der Wind fegte heulend um die Hütte und erzählte Geschichten von tiefen Wäldern und Seen, unter deren nebelüberfluteten Oberfläche die Sidhe lebten. Langsam schlief sie ein ...
Tarcic stöhnte im Schlaf. Schweißnass klebten die Haare an Stirn und Hals des Sehers. Seine Augenlider zuckten heftig und den Lippen entfuhren immer wieder undeutliche Worte. Unruhig wälzte er sich auf seinem Lager hin und her. Keine Frau lag neben ihm, die ihn hätte wecken und beruhigen können, denn er hatte sich schon lange nicht mehr vermählen lassen.
Plötzlich fuhr er schreiend hoch, die Hände zu Fäusten verkrampft, die Augen weit aufgerissen. Einen Augenblick saß er so, dann kehrten seine Sinne zurück. Verwirrt blickte er sich um. Als er begriff, dass er nur geträumt hatte, ging sein schwerer Atem in ein erleichtertes Schluchzen über.
Nachdem er sich etwas beruhigt hatte, warf er das Schlaffell beiseite und erhob sich von seinem schweißdurchtränkten Lager. Sein Blick fiel auf das Trinkhorn, das auf einem Tischchen neben der Feuerstelle in seiner Halterung steckte. Seine Kehle fühlte sich an, als würde sie verbrennen.
Er eilte auf das Horn zu und ergriff es, doch seine Hände zitterten so stark, dass es zu Boden fiel. Fluchend packte er einige Scheite Feuerholz und warf sie auf die ausglimmenden Reste des Vorabends. Anschließend pustete er so heftig in die Glut, dass das Feuer mit einem prasselnden Schlag wieder aufflammte. Nun wagte er einen zweiten Versuch. Er bückte sich, nahm mit zittrigen Fingern das Horn vom Boden auf, füllte es mit Met und kippte es in einem Zug herunter. Anschließend ließ er sich auf die Sitzfelle fallen, die überall um die Feuerstelle herum lagen, und goss sich das Horn erneut voll. Er leerte das Gefäß abermals, ohne abzusetzen, bis auf den Grund. Einen Augenblick lang saß er mit geschlossenen Lidern da und atmete tief durch, dann füllte er das Horn ein drittes Mal.
„Bei allen Göttern!“, stöhnte er.
Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und versuchte sich an die Träume zu erinnern, doch was ihn eben noch in nackte Angst versetzt hatte, zog sich nun in die dunklen Regionen seines Unterbewusstseins zurück.
Er erhob sich und schritt zum Ausgang seiner Hütte. Er warf einen Umhang über, schob die Felle, die den Eingang verschlossen, beiseite und trat nach draußen. Eiskalte Luft schlug ihm entgegen. Noch war es dunkel, und das Dorf lag in tiefem Schlaf, doch am östlichen Himmelsrand kündigte sich bereits der kommende Tag an. Vom Dach des Versammlungshauses zogen Rauchschwaden gen Himmel. Dort drinnen brannte wie immer das große Feuer, an dem sich die Wachen, die auf den Stegen des Holzwalls, der das Dorf umgab, Wache hielten, zwischendurch aufwärmen konnten. Er sah nach oben. Die Wolken zogen schnell und gaben nur ab und an einen Blick auf den sichelförmigen Mond preis.
Warum ich?,dachte er.
Die Götter schwiegen.
Im Morgengrauen erhob sich Toromic leise. Shana schlief noch, und auch der kleine Bormic und sein Schwesterchen Nadsil schnarchten friedlich vor sich hin.
Toromics Leibsklave, Salunar, betrat die Hütte und half seinem Herrn beim Ankleiden. Toromic stieg in eine Wildlederhose, die er in der kalten Jahreszeit den bunten Braccae vorzog, die er während des Sommers zu tragen pflegte. Die gewebten Röhrenhosen waren für den Winter nicht geeignet. Anschließend warf er ein langärmeliges Hemd über und schlüpfte in seine Gamaschenstiefel. Er steckte das Hemd in die Hose und legte einen eisernen Gürtel an, während Salunar die Stiefel schnürte. Nachdem die Kleidung angelegt war, gingen Herr und Sklave zu dem Waffenpodest, das in einer Ecke der Hütte stand. Toromic ließ sich sein Hiebschwert reichen und seinen Wintermantel umhängen. Es war ein edles Stück, über und über mit bunten Karomustern bestickt, die Ränder goldverstärkt und rund um die Schulterpartie feinstes Biberfell genäht. Zusammengehalten wurde er von zwei mächtigen, goldenen Fibeln, die vor der Brust zusammengesteckt wurden. Er warf einen letzten Blick zu Shana und den Kindern hinüber, sah, dass sie noch immer schliefen, und verließ die Hütte.
Ein grauer Morgen empfing ihn.
Während er durch die Gassen der Siedlung auf das Versammlungshaus zuschritt, erwachte um ihn herum das Dorf zum Leben: Sklaven begannen, Holz zu schlagen, während Unfreie, meist Handwerker oder Viehzüchter, das Vieh aus den Ställen zum Fluss hinunter trieben, wo die kurzhornigen Rinder Auslauf hatten und unter Aufsicht grasten. Schweine und Ziegen wurden gefüttert, und einige Frauen brachen gerade die Lehmversiegelung eines Vorratsschachtes auf, um ihm das unter der luftdicht abschließenden Tonschicht haltbar gemachte Getreide zu entnehmen. Von den Hüttendächern stieg Rauch auf, was auf die Zubereitung der ersten Mahlzeiten hindeutete. Toromic grüßte eine Gruppe von Kriegern, die gerade von der Wachablösung kamen, und lächelte über andere, die beim gestrigen Gelage offensichtlich kein Ende gefunden hatten und mit aufgedunsenen Gesichtern ihren Vorhaben nachgingen.
An einem Holzgestell neben dem Versammlungshaus hing, kopfüber und mit heraushängender Zunge, der Grund von Toromics Sorgen. Der Häuptling blieb stehen und besah sich den Fang der gestrigen Jagd eingehend: Der Hirsch war im besten Alter. Ein kräftiges Tier, mit stattlichem Geweih und robustem Knochenbau. An Toromics innerem Auge zogen noch einmal die Geschehnisse des vorherigen Tages vorüber. Kurz fragte er sich, ob die Jagdgemeinschaft nicht etwas zu ängstlich reagiert hatte. Doch dann schüttelte er entschieden den Kopf. Nein, eine solche Anzahl von Treffern konnte kein normales Tier überleben, unmöglich! Tarcic würde herausfinden, was es mit der Sache auf sich hatte.
Er wandte sich von dem toten Tier ab und ging auf den Eingang des Versammlungshauses zu. Zufrieden sah er an seinem Herrschersitz empor. Er war sein ganzer Stolz. Nachdem er die Nachfolge seines Vaters angetreten hatte, war seine erste Amtshandlung der Bau eines neuen, größeren Versammlungshauses gewesen. Die Abordnungen anderer Stämme mochten wissen, wie groß seine Rinderherde war, und seine Tapferkeit auf dem Schlachtfeld wurde gepriesen, doch das Versammlungshaus - sein Regierungssitz - kündete weithin sichtbar von der Macht, die er innehatte.
Noch einmal wanderte sein Blick zu dem kuppelförmigen Dach empor. Wie lange es wohl stehen würde? Ob sein Sohn, Bormic, eines Tages ein noch Größeres würde bauen lassen?
Er schüttelte die Gedanken ab. Es gab Wichtigeres zu tun. Er betrat das Versammlungshaus durch einen kurzen Vorgang. Nachdem er ihn durchschritten hatte, tat sich vor ihm das hallenartige Innere des Gebäudes auf. Sein Blick fiel zuerst auf die große Feuerstelle, die in der Mitte des Rondells eingelassen war. Hinter dieser befand sich, zur Rückseite des Gebäudes hin, der Häuptlingssitz. Sein Thron, ein aus dunklem Holz gezimmerter, mit Bärenfellen bedeckter Stuhl, dessen Armlehnen in filigran gearbeitetem Kupferblech eingefasst waren, und dessen Lehne ein stilisierter Widderkopf krönte, war die einzige erhobene Sitzgelegenheit im ganzen Gebäude. Alle übrigen Clanangehörigen saßen bei Versammlungen, je nach Rang, auf Fellen oder mussten an den Wänden des Gebäudes stehen.
Toromics Blick wanderte von der Feuerstelle aus über den festgestampften Boden bis zu den dunklen, lehmverputzten Wänden, die nach beiden Seiten hin zurückzuweichen schienen. Sie ragten einige Meter empor. Schräg über sie hinweg, nach innen auf die Kuppel zu, verlief das riedgedeckte Dach, unter dem sich ein großes Holzgestell befand. An diesem hingen, zum Beweis der Tapferkeit und Kampfkraft der Krieger des Clans, die Schädel getöteter Feinde.
Ein wachhabender Krieger kam herbei.
„Sei gegrüßt, Carduc, gibt es etwas zu berichten?“ fragte Toromic.
„Es ist nichts vorgefallen, es war eine ruhige Nacht, mein Ri.“
„Gut. Begib dich zu den Edlen und teile ihnen mit, dass Tarcic in den frühen Abendstunden die Runen befragen wird. Ich berufe hiermit die Versammlung ein.“
„Ja, mein Ri“, antwortete Carduc und eilte davon.
Toromic blickte ihm nach. Carduc war von der Order nicht überrascht gewesen. Der Häuptling wusste, dass die Teilnehmer der gestrigen Jagd, beim Gelage und später bei ihren Familien von der Jagd erzählt haben mussten. Nach großen Mengen Met und Bier lösten sich immer die Zungen. Dann machten Sagen und Legenden die Runde und bald auch Spekulationen.
Doch damit war nun Schluss. Jetzt würde bekannt werden, dass Tarcic, der Bruder des Ri, der in der großen Schlacht gegen die Caledonier so schwer verwundet worden war und nach seiner Genesung von den Göttern die Gabe des Sehens empfangen hatte, die Runen befragen musste.
Toromic hätte alles getan, um die Zeremonie zu vermeiden. Doch nach diesem Zeichen, blieb ihm keine Wahl. Wo, bei den Göttern, waren nur die Eichenkundigen?
Nach außen hin verlief der Tag im Dorf wie jeder andere, doch unter der ruhigen Fassade brodelte es. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht von der bevorstehenden Kulthandlung verbreitet, war von Mund zu Mund gegangen und hatte schließlich auch noch die Unwissendsten erreicht. Die Clanangehörigen fieberten der Zusammenkunft entgegen.
Als sich der späte Nachmittag allmählich über das Land senkte, trieben die Unfreien das Vieh in die Ställe zurück, die Tagarbeiten wurden beendet, und in allen Hütten herrschte rege Betriebsamkeit. Die Krieger und Frauen putzten sich, aufgeregt schwatzend, für den großen Anlass heraus. Die Männer legten ihre Kriegstracht an, bemalten ihre Gesichter mit schaurigen Ornamenten und putzten ihre Torques, die metallenen Halsringe, die ihren Stand und Besitz demonstrierten, auf Hochglanz. Viele wuschen ihre Haare nach Art ihrer Väter mit einer Mischung aus Wasser, Kalk und Rinderfett und kämmten sie anschließend gegen den Hinterkopf hoch. Das ergab eine Stachelfrisur, die ihre Wildheit unterstreichen und den Feinden bei der Schlacht Angst einjagen sollte. Doch erfreute sich diese Frisur auch bei feierlichen Anlässen großer Beliebtheit. Die Oberkörper rieben sie mit Fett ein, um später, in der Wärme des Versammlungshauses, ihre Tätowierungen und Muskeln besser zur Schau stellen zu können. Die Frauen legten ihren edelsten Schmuck an. Fein gearbeitete Ketten aus Muschelperlen und goldene Reife zierten Arme und Hälse der reichen Frauen, während die weniger wohlhabenden mit bronzenen und ehernen Ringen Vorlieb nehmen mussten. Die älteren Frauen, vor allem die der Edlen, trugen karierte Wickelröcke, die mit bunten Karomustern verziert waren. Seit Stunden schafften die Sklaven Unmengen an Nahrungsmitteln, Met und Bier ins Versammlungshaus, denn meist arteten Zeremonien in große Gelage aus.
Ein wenig abseits der übrigen Hütten, in einer kleinen, windschiefen Kate, warf Helwed eine Handvoll Kräuter ins Feuer. Zischend verbrannte das gräulich schimmernde Pulver. Ein betäubender Geruch breitete sich im Raum aus. „Siehst du, jetzt brauchst du nur noch zu warten, bis es wirkt.“ Sie wandte sich ihrer Tochter zu. Boudina sah sie zweifelnd an. Helwed verzog das Gesicht. „Du musst natürlich daran glauben, ansonsten werden dir die Geister nicht helfen.“
Boudina schüttelte den Kopf. „Ich weiß, dass du es gut meinst, Mutter, aber bisher hat noch keines deiner Kräuter irgendetwas bei ihm bewirkt.“
Helwed warf ihre ergrauenden Haare zurück und lächelte. „Die Liebe eines Mannes zu gewinnen, ist ein schwieriges Unterfangen. Selbst den Geistern fällt es schwer, solches zu vollbringen.“
Boudina stand ruckartig auf und stemmte ihre Arme in die schlanken Hüften. „Die Geister, die Geister! Ich will nicht mehr auf ihre Hilfe warten und auch nicht mehr auf die Wirkung deiner Kräuter. Es hilft nichts, ich muss ihn ansprechen.“
„Ihn ansprechen?!“ Helweds Stimme hatte ihren wohlmeinenden Klang verloren. Entsetzt sah sie Boudina an. „Das kannst du nicht wirklich vorhaben.“
Boudina verzog trotzig ihr hübsches Gesicht. „Und ob ich das vorhabe. Ich habe lange genug versucht, ihn mit Hilfe deiner Künste auf mich aufmerksam zu machen. Da dies jedoch offensichtlich nicht gelingt, muss ich nun eben die Sitten etwas verändern.“
„Die Sitten verändern?!“ Helwed fuchtelte hektisch mit den Armen. „Kind, du wirst dich mit deinem Sturkopf noch einmal unglücklich machen. Eine Frau spricht niemals einen Mann an! „Wo kämen wir denn hin, wenn wir uns auch noch an sie heranwerfen müssten“, murmelte sie leise vor sich hin.
„Dann bin ich eben die erste, die so etwas tut“, entgegnete Boudina trotzig.
„Wenn er dich bisher nicht beachtet hat, so liegt es daran, dass er ein gestandener Mann ist“, sagte Helwed in milderem Tonfall. Sie legte ihre feingliedrige Hand auf die Schulter ihrer Tochter. „Er ist der Bruder des Häuptlings, ein Edler und ein Seher noch dazu. Was bildest du dir ein? Du bist die Tochter eines einfachen Kriegers. Glaubst du denn wirklich, dass er dich ehelichen würde, eine aus niederem Stand?“
Boudina neigte den Kopf zur Seite und strich sich aufreizend durch ihre rotblonde Mähne. Gleichzeitig machte sie einen Schmollmund und zwinkerte mit ihren grünen Augen. „Diesem Anblick kann er bestimmt nicht widerstehen.“
Helwed atmete tief durch. Sie durfte Boudina nicht merken lassen, dass sie die Liebe zu dem Bruder des Häuptlings ablehnte, und dass nur aus diesem Grund ihre Kräuter nie gewirkt hatten. Von Tarcic ging, ganz abgesehen von den Vorbehalten, die sie ihrer Tochter gegenüber geäußert hatte, etwas Seltsames aus. Helwed sprach niemals mit Boudina darüber, doch sie besaß eine besondere Fähigkeit. Sie war als junge Frau, nachdem ihr geliebter Mann im Kampf gefallen war, zu den Matrae, den Dienerinnen Anus, gegangen, um sich unterweisen zu lassen und ihr Leben fortan der großen Muttergöttin zu weihen. Sie hatte nicht noch einmal heiraten und kurze Zeit später abermals den Schmerz des Verlustes eines geliebten Menschen ertragen wollen, denn die Männer führten ständig Krieg. Von den großen Müttern hatte sie die Kunst der Kräuterkunde erlernt. Doch nach einer Zeit der Reinigung und der Trauer, hatten die Matrae sie wieder nach Hause geschickt. Sie sei nicht für diesen Weg bestimmt, hatten sie ihr gesagt, ein anderes Schicksal erwarte sie. Schweren Herzens hatte sich Helwed wieder nach Hause begeben, nur um bald darauf festzustellen, dass sie schwanger war. Sie war überrascht gewesen, denn sie konnte sich nicht erklären, wie ihr dies hatte widerfahren können, doch sie akzeptierte ihren Zustand als ein Geschenk der Götter. Nach einer Zeit freudiger Erwartung stand die Geburt bevor. Während der schmerzhaften Entbindung schließlich geschah das Unglaubliche; Helweds Geist verließ ihren Körper. Sie sah sich selbst auf der Bettstatt liegen, ihren Säugling gebärend, und fühlte im selben Augenblick eine Verbindung zu der Seele des Kindes aufflammen, die heißer war als Feuer und beständiger als der stärkste Stahl. Nach dieser Erfahrung, war sie nicht mehr dieselbe. Sie spürte, dass ihrem Kinde Großes bevorstand, ein Schicksal, jenseits des normalen Lebens.
Während ihre kleine Boudina - diesen Namen gab sie ihrem Mädchen - heranwuchs, übte sich Helwed in den Fähigkeiten, die die Götter ihr verliehen hatten. Sie akzeptierte, dass es eine Gabe war. Mit der Zeit wurde sie immer sensibler und konnte die Aura ihrer Mitmenschen schließlich sogar fühlen, ohne sich in Trance versetzen zu müssen. Ihr Mädchen war über die Wanderung der Gestirne, über Sommer und Winterwechsel zu einem rechten Wildfang herangewachsen. Nun zählte sie sechzehn Winter und hatte die Reife zur Frau durchgemacht.
Als Boudina im letzten Winter auf einmal begonnen hatte, von Tarcic zu schwärmen, hatte Helwed dies als blanke Kinderei abgetan. Doch nachdem sich ihre Tochter immer mehr in ihre Idee verrannte, hatte sie ihre Fähigkeiten angewandt, um herauszufinden, was für ein Mensch der Häuptlingsbruder und Seher des Clans war. Ihre empfindlichen Sinne verrieten ihr bald, dass Tarcic eine seltsame Aura umgab. Ob diese Ausstrahlung guter oder böser Natur war, wusste sie nicht, doch ihre Tochter - ihr einziger Lebenssinn - sollte nicht an einen Mann geraten, den solch mysteriöse Dinge umgaben.
„Du wirst ihn nicht ansprechen“, sagte sie bestimmt. „Du kannst weiterhin versuchen, seine Aufmerksamkeit mit Hilfe meiner Magie zu erregen, und du kannst versuchen, dich ihm bemerkbar zu machen, doch ansprechen wirst du ihn nicht.“
Boudinas Gesicht lief vor Zorn hochrot an. „Mutter, ich bin sechzehn Winter auf dieser Welt, im besten Alter! Wenn ich ihn nicht bald erobere, werde ich als alte Jungfer enden, denn ich will keinen anderen.“
Helwed musste sich ein Lächeln verkneifen. Mühsam gelang es ihr, sich die Belustigung über die forschen Worte ihrer Tochter nicht anmerken zu lassen. Schon ein freundliches Gesicht hätte Boudina dazu verleiten können, ihre Anordnung nicht ernst zu nehmen.
Die Arme in die Seiten gestemmt standen sich Mutter und Tochter gegenüber. Helweds Blick wanderte über Boudinas Antlitz: Das schmale Gesicht mit den runden Wangenknochen, das von einer rotblonden Haarmähne eingerahmt wurde, erinnerte sie immer wieder an ihren toten Gatten. Durch die Augen ihrer Tochter, die tiefgrün schimmerten, wie die Seen im Wald, wenn es Sommer war, schien ihr geliebter Aragus sie anzublicken. Doch er war weit weg. Irgendwo in der Anderswelt, für sie nicht erreichbar. Auf dem Weg in ein neues Leben, ein Leben ohne sie ...
Boudinas volle Lippen schürzten sich, und auf ihrer Stirn bildeten sich ungeduldige Falten. Helwed bemerkte, dass sie in Erinnerungen versunken war und gab sich Mühe, ihre Gefühle zu verbergen. Sie schüttelte den Kopf. Sie würde nicht nachgeben.
Doch Boudina kam ihr zuvor. „Ich werde zur Versammlung gehen, danach offenbare ich mich ihm.“
Sie wandte sich einfach ab und begann sich im hinteren Teil der Hütte anzukleiden. Helwed war überrascht. Doch schon einen Augenblick später musste sie sich zähneknirschend eingestehen, dass ihr Kind nicht nur stur war, sondern auch einen starken Willen besaß. Schon als kleines Kind hatte Boudina ihren eigenen Kopf besessen, und selten das getan, was man von ihr verlangte. Sie besaß die Schönheit ihrer Mutter und den Dickkopf ihres Vaters.
Helwed versuchte es noch einmal: „Wenn du gehst, dann brauchst du nicht hierher zurückzukommen.“ Sie wandte sich von Boudina ab und starrte die Eingangstür an. „Ich werde mit einer solchen Schande nicht leben.“
Plötzlich spürte sie die zarte Hand ihrer Tochter auf ihrer Schulter. Boudinas Stimme war mitfühlend, aber auch bestimmt, als sie sagte: „Mutter, ich will dir keine Schande bereiten, aber ich muss meinem Herzen folgen.“
Als Helwed keine Anstalten machte zu reagieren, wandte sich Boudina seufzend ab. Während ihre Tochter den Rest ihrer Kleidung anlegte, stand Helwed unverändert auf ihrem Platz. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Boudina mit Gewalt hindern? Selbst mit zur Versammlung gehen? Nein, das kam nicht in Frage. Gewalt war kein Mittel ihrer Tochter gegenüber. Und aus genau demselben Grund wollte sie auch nicht zur Versammlung. Gewalt. Sie hatte früher, als Aragus noch gelebt hatte, genug von diesen Versammlungen miterlebt. Es wurde stundenlang hin- und her geredet, und am Ende kam doch immer dasselbe dabei heraus: Rache, Raubzug, Krieg.
Helwed machte das Wesen ihrer Mitmenschen für den Tod ihres Mannes verantwortlich und wollte mit deren Angelegenheiten nichts mehr zu schaffen haben. Das war eine lange Zeit gut gegangen, doch nun wandte sich ihr Prinzip gegen sie.
Boudina kam heran und sah sie mit einer Mischung aus Mitgefühl und schlechtem Gewissen an, dann wandte sie sich dem Ausgang zu. Als sie gerade die Eingangsfelle beiseite schlagen wollte, erklang Helweds Stimme: „Bitte bleib.“
Boudina schüttelte den Kopf. „Verzeih`, Mutter“, sagte sie leise, dann verließ sie die Hütte.
Fluchend wandte sich Helwed ab. War ihr Leben denn eine einzige Strafe? Mit schnellen Schritten durchmaß sie die Hütte. Sie musste sich in Trance versetzen. Sie musste erfahren, wie der Versuch ihrer Tochter ausgehen würde! Mit bebenden Händen durchwühlte sie ihre Kräutervorräte. Wo waren denn nur der Stechwurz und die Birkenrinde? Auch der zerstoßene Fliegenpilz war nicht auffindbar.
„Bei Anu, warum tut sie mir das an?“, stieß sie hervor. Dann lehnte sie sich zurück und begann zu weinen.
Boudina stapfte durch die Gassen des Dorfes auf das Versammlungshaus zu. Sie hatte ihrer Mutter wegen ein fürchterlich schlechtes Gewissen, doch andererseits hielt sie es vor freudiger Erwartung kaum aus. Endlich würde sie Tarcic wieder sehen, und endlich würde sie dem Versteckspiel ein Ende bereiten. Doch ihre freudige Erwartung trübte sich, als abermals das sorgenvolle Gesicht ihrer Mutter vor ihrem geistigen Auge aufstieg. Helwed ängstigte sich im Augenblick sicher zu Tode. Seufzend strich Boudina eine Haarsträhne beiseite, die ihr der scharfe Wind ins Gesicht wehte, und stieß einen Laut des Unmuts aus. Sie liebte ihre Mutter und wollte sie nicht verletzen, aber darauf konnte sie im Augenblick keine Rücksicht nehmen. Sie wollte Tarcic, denn sie liebte ihn.
Das Versammlungshaus kam näher. Es mussten sich bereits die meisten Clanangehörigen eingefunden haben, denn das Gewirr vieler Stimmen war bis hierher zu vernehmen. Boudina lief schneller und kam keuchend am Eingang des Rundbaus an. Die beiden wachhabenden Krieger warfen ihr gleichgültige Blicke zu, denn jeder Clanangehörige, ob jung oder alt, hatte das Recht, an einer Versammlung teilzunehmen.
Boudina durchquerte den kurzen Vorgang. Als sie das Innere des Baus betrat, verschlug es ihr fast den Atem: Die Ausdünstungen hunderter von Menschen, der Duft gebratenen Fleisches und honigsüßen Mets, verbanden sich mit dem Qualm der Feuerstelle und dem durchdringenden Geruch von Fett und Öl. Ein schwer erträglicher Brodem.
Sie sah sich um. Nicht weit von ihr drängte sich eine Gruppe junger Mädchen, die sie kannte. Sie reckten die Hälse, um mehr von dem mitzubekommen, was sich vorne abspielte.
Boudina zuckte verächtlich die Achseln.Bleibt nur, wo ihr seid, dachte sie,ich suche mir einen besseren Platz.Forsch balancierte sie durch die Reihen der am Boden sitzenden Clanangehörigen, vorbei an den niederen Kasten, bis sie ihr Temperament schließlich an einem der großen Tragepfosten des Gebäudes zügelte. Weiter durfte sie sich nicht vorwagen, ohne in Gefahr zu geraten, ernsthafte Schwierigkeiten zu bekommen. Denn sie befand sich nicht mehr weit hinter den Reihen der Krieger. Die bösen Blicke anderer Clanangehöriger ignorierte sie geflissentlich.
Eigentlich gab es eine strenge Sitzordnung, doch Boudina, die ohne Vater aufgewachsen war, hatte früh gelernt, forsch aufzutreten. Die übrigen Dorfbewohner waren ihrer Mutter und ihr gegenüber ohnehin sehr zurückhaltend, denn dass Helwed bei den Matrae in die Kunst der Kräuterheilkunde unterwiesen worden war, wussten alle und hatten Respekt. Außerdem trauten sie dem schweigsamen Weib noch ganz anderes zu.
Boudina wusste, dass ihre Grenzen erreicht waren.
Sie blickte nach vorn: Dort saßen die Häuptlingsbrüder.
Zuvorderst, auf dem Sitz des Häuptlings, thronte Toromic. Neben ihm hatten Tarcic und die wichtigsten und wohlhabendsten Männer des Clans Platz genommen. Sie bildeten den innersten Zirkel der Sitzordnung. Je wohlhabender und wichtiger einer der Edlen und Unterführer war, desto näher durften er und sein Gefolge dem Häuptling im Kreis der Anführer sitzen.
Boudina starrte Tarcic an: Er schien ein fremdes Wesen zu sein. Der Bruder des Toromic hatte sein ohnehin helles Haar mit Kalk gewaschen. Schlohweiß glänzte es im Schein des Feuers. Es war straff über den Schädel zurückgekämmt und am Hinterkopf zu mehreren Zöpfen geflochten. Über Tarcics schmales Gesicht verliefen geschwungene schwarze Striche abwärts. Diese Bemalung verblasste jedoch bei dem Anblick, den seine gigantische Narbe bot. Tarcic hatte sie, von der Stirn bis zum Hals hinunter, mit rotem Ocker eingefärbt. Sie prangte wie ein Brandzeichen auf seinem Gesicht und lenkte die Blicke aller Anwesenden auf sich. Der edle, mit Rabenfedern besetzte Umhang, den er sich um seinen nackten Oberkörper geschlungen hatte, sein mächtiger goldener Halsring und auch seine Brustplatte - all diese Zeichen von Macht und Würde erschienen bedeutungslos beim Anblick dieser Narbe. Boudina war entsetzt. Er sah völlig anders aus, als sie ihn kannte, so fremd und kalt. Einen Augenblick benötigte sie, um den Schrecken zu überwinden, dann schalt sie sich eine Närrin. Natürlich sah Tarcic anders aus als bei helllichtem Tage, wenn er durch die Siedlung schritt oder auf einem der das Dorf umgebenden Hügel stand und in die Ferne sah. Jetzt war er eine mystische Figur, ein Mittler zwischen der Anderswelt und dem Diesseits, ein heiliger Mann.
Da im Augenblick weder Tarcic noch Toromic Anstalten machten, mit der Zeremonie zu beginnen, nutzte Boudina die Zeit, um die übrigen Männer in ihrer Nähe in Augenschein zu nehmen.
Wann kam sie den Hohen des Clans schon einmal so nahe?
Ihr Blick blieb an den Vertrauten des Häuptlings hängen - an den Kriegern Borix und Turumir. Diese beiden hätten vom Aussehen her nicht unterschiedlicher sein können. Borix, der hinter Toromic saß, war eine beeindruckende Erscheinung. Sein kahlgeschorener Schädel saß auf breiten muskelbepackten Schultern. Mächtige, mit blauen Tätowierungen verzierte Arme ließen keinen Zweifel an der Kraft ihres Besitzers. Auf den ersten Blick erschien er grob und einfach, doch wer genauer hinsah, die wachsamen Augen unter den buschigen Brauen und die geschmeidigen Bewegungen dieses Mannes beobachtete, erkannte, dass sich unter der Fassade des tumben Rohlings noch anderes verbergen mochte. Wegen seines dürftigen Haupthaares als Junge oft verspottet, trug er seit seiner ersten Schlacht den Schädel kahlrasiert. Zum Ausgleich für diesen Nachteil - die Männer aller Stämme waren stolz auf ihre Haarpracht - ließ er seinen Schnauzbart über beide Mundwinkel bis zum Kinn hinunter wachsen. Boudinas Blick wanderte zu dem Krieger, der hinter Tarcic saß. Turumir war hochgewachsen, intelligent und hatte rotblondes Haar, genau wie sie. Er war seit seiner Jugendzeit der Freund und Vertraute Tarcics gewesen, sein erster Mann. Doch seit Tarcic über die Gabe des Sehens verfügte, gab es nicht mehr viele Situationen, die einen Beschützer erforderlich machten. Von den Beschwörungen und Ritualen, die Tarcic durchführte, verstand Turumir nichts, und mehr als ein wenig freundschaftliche Zuneigung ließ der Bruder des Häuptlings schon lange nicht mehr zu. So diente Turumir nach außen hin Tarcic, während er in Wirklichkeit längst Toromics zweiter Mann geworden war.
Da noch immer nichts geschah, ließ Boudina ihre Blicke durch den Rundbau schweifen. Hinter der ersten Riege des Clans hatten die Krieger in Gefolge aufgeteilt Platz genommen. Sie machten einen Großteil der Anwesenden aus. Nach ihnen kamen die Frauen, die mit ihren Kindern, Müttern, Schwestern, Cousinen und Tanten, je nach Verwandtschaftsgrad, in Gruppen zusammen saßen. An der Außenwand des Gebäudes standen die Gemeinen, Unfreien und Sklaven, an denen sich Boudina eben vorbeigedrückt hatte. Während die Gemeinen und Unfreien, meist Handwerker oder Viehzüchter, einiges Ansehen genossen, da ihnen in Kriegszeiten das Recht zustand, Waffen zu tragen, bildeten die Sklaven die unterste Schicht der Gemeinschaft. Sie waren meist Gefangene anderer Stämme oder aber Menschen, die die strengen Gesetze der Clans gebrochen hatten. Bis auf die Elite der Leibsklaven der Edlen und Hohen ging es ihnen schlecht. Sie waren rechtlos und ihr Leben zählte nicht viel.
Schwatzen und Raunen erfüllte das Innere des Rundbaus, ab und zu plärrte ein Kind. Die Krieger saßen stolz schweigend und ließen sich von der Unruhe in den hinteren Reihen nicht anstecken. Goldene, bronzene und eiserne Torques - aus mehrfach ineinander verschlungenen Strängen gefertigte Halsringe - die den Rang und den Wohlstand ihrer Besitzer symbolisierten, glänzten im Schein des Feuers. Versteinerte Gesichter und starre Körperhaltung bewirkten den Eindruck von Unnahbarkeit. Die reichsten Männer, die Edlen, trugen mit Bronze und Goldlegierungen verzierte Helme. Zum Zeichen ihres Ruhms hatten die Krieger ihre besten Waffen und wertvollsten Trophäen mitgebracht. Diese lagen auf ihren Schilden neben ihnen. Die Trophäen waren die einbalsamierten Schädel der tapfersten Feinde, gegen die sie gekämpft und gesiegt hatten. Die Kraft des Feindes, seine Numina, floss auf denjenigen über, der seinen Schädel nahm. Boudina wurde es unheimlich, als ihr Blick auf die seltsam entstellten Gesichter der mumifizierten Schädel fiel. Die meisten sahen wächsern und tot aus, gar nicht so, als hätten sie einmal gelebt - doch es gab auch welche, denen der Schrecken in die Züge gegraben war, den sie empfunden haben mussten, als sie getötet wurden.
Boudina schüttelte sich. Sie hatte nie einen Vater nach einem Kriegszug mit erbeuteten Schädeln heimkehren sehen. Dieser Brauch war ihr nicht geheuer.
Sie hielt wieder nach dem Ziel ihrer Sehnsüchte Ausschau.
Tarcic saß ruhig da.
Boudina bemerkte, dass Toromic seinen Bruder misstrauisch beäugte. Sie reckte den Hals ...
Toromic blickte unauffällig zu Tarcic hinüber. Was er sah, gefiel ihm nicht. Sein Bruder war, wie die übrigen Clanangehörigen, mächtig herausgeputzt, doch konnten all seine Würdezeichen und Bemalungen nicht den dichten Schweißfilm verbergen, der seine Stirn bedeckte. Er war eindeutig betrunken. Toromic wusste, dass sein Bruder vor einer Zeremonie große Mengen Met trank, um den Übergang seines Geistes in die Anderswelt, das Reich der Geister und Ahnen, zu erleichtern, doch heute schien es zu viel gewesen zu sein. Tarcic hielt dem Druck, den die Rituale auf ihn ausübten, offensichtlich nicht mehr stand. Toromic bis sich auf die Lippen. Nach diesem Tag würde er Tarcic schonen, doch zuerst musste er wissen, ob die Ereignisse der Jagd als schlechtes Omen zu deuten waren.
Cassatr, ein Angehöriger seines Gefolges, betrat den vordersten Kreis. Er hatte die Ehre, dem Häuptling und den Edlen den Eröffnungstrunk zu reichen. Die Männer nahmen die Hörner nacheinander an und tranken sie in einem Zug leer. Inzwischen war es sehr still im Versammlungshaus geworden. Boudinas Haltung verspannte sich. Endlich ging es los!
Toromic erhob sich und wandte sich der Menge zu. Das Feuer warf den Schatten seiner hünenhaften Gestalt überlebensgroß an die Rückwand des Versammlungshauses.
„Edle und Krieger, Frauen und Unfreie, Clan der Selgovater, ich eröffne die Versammlung.“
Cassatr trat vor und rief: „Der Ri wird uns berichten.“
Toromic wartete, bis sich Cassatr gesetzt hatte, dann begann er: „Letzten Mond befand ich mich mit einigen meiner tüchtigsten Männer auf der Jagd. Wir streiften lange durch das Land, ohne eine Fährte ausfindig machen zu können, doch schließlich war uns das Jagdglück doch noch zugetan. Ein mächtiger Hirsch wurde von den Hunden aus dem Wald getrieben.“
Toromic wusste, dass die Geschichte bereits die Runde gemacht hatte, doch zum einen sollte jeder Clanangehörige wissen, worum es ging, zum anderen war es Brauch, die Ereignisse, über die in der Versammlung entschieden werden sollte, zu Beginn vorzutragen. Er fuhr fort: „Die Hunde stürzten sich auf ihn, doch er war ein starker Gegner. Er nahm einen meiner besten Wolfshunde aufs Geweih und trat einen anderen zuschanden, bevor es Beluc und Turumir gelang, ihm jeweils einen Pfeil in den Leib zu schießen. Beluc traf mitten in den Brustkorb, Turumir durchschoss den Hals. Das Tier stob in blinder Panik davon.“
Anerkennendes Raunen lief durch den Saal. Toromic hob gewichtig die Hände. „Ihr alle wisst, dass Wild noch eine ganze Strecke weit fliehen kann, wenn man es nicht genau in Herz oder Auge trifft. Erst nach einer Weile wird es schwach und verendet schließlich. Wir machten uns also, der Beute gewiss, an die Verfolgung. Wir hätten die Jagdhunde gar nicht mehr gebraucht, denn die Blutspur war so offensichtlich, dass ihr ein kleines Kind hätte folgen können. Es verstrich eine ganze Weile, und nichts deutete darauf hin, dass wir ihm näher kamen. Also begannen wir das Treiben zu beschleunigen. Über die westlichen Hügel, durchs dunkle Moor, bis hin zum Tal der Steine verfolgten wir den Hirsch, bis wir ihn schließlich auf einer Bergkuppe, oberhalb des Tals, stehen sahen.“
Toromic stemmte die Arme in die Seiten und starrte die Anwesenden an.
„Ja, ich sage stehen! Er hatte sich nicht etwa in ein Gebüsch verkrochen, um dort zu verenden, wie es üblich ist, nein - dieser Hirsch stand! Zwar hatte er blutigen Geifer vorm Maul, und seine Flanken zitterten erbärmlich, doch er mochte sich nicht zum Sterben hinlegen. Im Gegenteil, ich hatte den Eindruck, als erwarte er uns förmlich, als wolle er sich uns stellen!“
Die Menschen steckten die Köpfe zusammen und flüsterten aufgeregt. Es war ein unheimliches Geschehnis, von dem der Häuptling da berichtete.
„Es war, als wäre Cernunnos, der Gehörnte, in ihn gefahren und hätte ihm diese Kraft verliehen!“
Bei der Nennung des Namens des hochverehrten Jagd- und Kriegsgottes der Stämme ging ängstliches Wispern durch den Saal.
„Um ein Ende zu machen, schoss Beluc zwei weitere Pfeile aus nächster Nähe in sein Herz, und jetzt endlich brach er zusammen.“
Toromic zögerte.
„Die Hunde, die noch einen Augenblick zuvor wie toll an ihren Leinen gerissen hatten, zogen plötzlich die Schwänze ein, winselten und machten keinerlei Anstalten mehr, sich der Beute zu nähern. Sie schienen große Angst zu haben.“
Man konnte den Wind um das Versammlungshaus fauchen hören, und das Knistern des Feuers schien überlaut zu sein, so vollkommen war das Schweigen, das seinen Worten folgte. Boudina hielt den Atem an.
„Als wir ihn aufbrechen wollten, begann er auf einmal auszuschlagen und versuchte sich wieder aufzurichten!“ fuhr der Häuptling fort. „Es war, als sei sein Geist noch einmal in seinen Leib zurückgekehrt. Da zog Borix sein Schwert und hieb ihm den Kopf ab. Nun war das Tier tot.“
Toromic erwähnte nicht, dass außer ihm selbst Borix der einzige unter den Männern gewesen war, der sich noch an das Tier herangewagt hatte. Die übrigen Jäger hatten mit von abergläubischer Furcht gezeichneten Gesichtern um den Kadaver herumgestanden. Er erhob die Stimme und breitete seine Arme aus: „Ich halte die Vorgänge für ein schlechtes Omen!“
Unruhe machte sich breit. Viele Krieger schlugen vor ihre Brustplatten, das Abwehrzeichen gegen böse Geister. Heftige Diskussionen setzten ein.
Boudina war aufgeregt. Schwer atmend stand sie an den Pfosten gelehnt, von dem aus sie die Ereignisse verfolgt hatte, und sah sich hektisch um. Die Erzählung Toromics ängstigte sie, vor allem aber zerrte die allgemeine Unruhe an ihren Nerven. Während ihr Blick wieder zu Toromic wanderte, der ihr mittlerweile wie ein düsterer Bote des Unheils erschien, glaubte sie plötzlich etwas Seltsames zu hören; etwas, dass wie ein weit entferntes Rauschen klang. Sie riss die Augen auf. Was war das? Da, wieder! Wie das ferne Dröhnen eines Wasserfalls klang es in ihrem Kopf. Sie schüttelte sich, als müsse sie wach werden, doch das Geräusch blieb und deckte langsam den Lärm der Umgebung zu. Plötzlich hatte sie das Gefühl, als würde sich eine Hand auf ihren Hinterkopf legen, ganz sachte, doch deutlich fühlbar. Boudina fuhr herum, aber es stand niemand hinter ihr. Panik beschlich sie. Ihr Atem ging heftig und sie glaubte keine Luft mehr zu bekommen. Ihre Finger krallten sich in den Balken, an dem sie bis eben noch gelehnt hatte. Mühsam versuchte die Tochter Helweds ihren Atem unter Kontrolle zu bringen.Was geschieht mit mir?fragte sie sich entsetzt …
... In der heimischen Hütte gab Helwed ein überraschtes Keuchen von sich. Der Raum war in eine Wolke gräulichen Rauchs gehüllt, den nur die Flammen der Feuerstelle geisterhaft durchglühten. Es stank nach verbranntem Fliegenpilz und Stechwurz. Helwed kniete vornübergebeugt auf dem Boden. Sie schien zu beten, doch ihr Geist befand sich nicht hier. Sie hatte schließlich die Kräuter gefunden, die sie für eine Trance benötigte, und sofort begonnen, mit der Anderswelt, der Welt der Ahnen, Kontakt aufzunehmen. Ihr Geist hatte ihren Körper verlassen und war durch die Gefilde zwischen den Welten gewandert, um ein Ziel in dieser Welt zu erreichen. Sie wollte wissen, wie es Boudina erging. Doch etwas stimmte nicht. Üblicherweise tauchte sie in den Verstand eines sensiblen Menschen ein, um mit dessen Sinnen ihre Umgebung wahrnehmen zu können. Dabei musste sie unendlich behutsam vorgehen, denn in diesem Stadium der Suche wusste sie nie, wessen Körper sie betrat. Erst wenn sie in den Geist eines Menschen eingedrungen war, konnte sie dessen Gedanken fühlen und durch seine Augen sehen. Vorher blieb ihr nur blindes Tasten. Es gab Menschen, in die einzudringen, einfach war, und andere, bei denen es sich als fürchterlich schwer erwies. Doch ganz gleich, zu welcher Sorte der Erwählte zählte - ein Mensch der ihre Anwesenheit bemerkte, geriet meist außer sich und konnte ernsthaften Schaden erleiden. Gerade hatte sie einen Impuls gespürt, der eindeutig von Boudina kam. Sie musste ungewollt ihren Geist berührt haben, und Boudina hatte es bemerkt. Bei den Göttern! So besaß ihre Tochter diese Fähigkeit ebenfalls. Helweds Leib zuckte, während ihr Geist ihre Gedanken konzentrierte. Unendlich sachte gab sie den Impuls an Boudina zurück ...
... Boudina riss die Augen auf. Ihre Knie zitterten.
„Mutter?!“
Plötzlich war sie sich ganz sicher, dass ihre Mutter in der Nähe war. Ihr fiel auf, dass sie laut gesprochen hatte, doch in dem sie umgebenden Durcheinander wild geführter Diskussionen hatte niemand ihr seltsames Verhalten bemerkt. Mit sanfter Klarheit wurde ihr auf einmal bewusst, dass ihre Mutter tatsächlich hier war, dass sie sie in ihrem Geist wahrnahm. Schwer atmend, die Augen geschlossen, mit vor Konzentration verzogenem Gesicht lauschte sie in sich hinein. Wellen von Wärme und Geborgenheit durchfluteten sie, ein Gefühl, so tief, dass alle Angst von ihr abfiel und sie vor Glück am liebsten aufgelacht hätte. Ihre Mutter war in ihr! Als sie die Augen öffnete, wusste sie, dass Helwed alles sehen konnte was sie sah ...
Toromic brachte die Anwesenden mit einer Geste zum Schweigen. „Da zurzeit keine Derwydd unser Land bereisen, müssen wir auf den einzigen setzen, der die Gabe besitzt, das Zukünftige zu schauen - meinen Bruder Tarcic.“
Zustimmende Rufe wurden laut.
„Ja, lasst Tarcic die Runen befragen!“
„Der Seher soll es uns zeigen!“
Toromic wandte sich an Tarcic. „Wirst du die Runen für uns befragen, Vates?“
Tarcic erhob sich schwerfällig. „Für unsere Sicherheit, die Sicherheit des Clans der Selgovater, will ich versuchen, die Zeichen der Götter zu lesen“, verkündete er mit schwerer Zunge. Toromic nickte und setzte sich. Nun musste sein Bruder die Angelegenheit in die Hand nehmen und alle weiteren Weisungen erteilen.
„
