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Ein doppelter Adventskalender bildet die Form dieses poetischen Erinnerungsromans: 2 × 24 Miniaturen, die sich langsam zu einem flirrenden Mosaik fügen – eines, das leuchtet und schmerzt zugleich. Der Erzähler, genannt "der Türchenöffner", blickt dem Kind seiner eigenen Vergangenheit über die Schulter: "dem Buddli". Wie ein Kalender voller kleiner Offenbarungen öffnet sich Szene um Szene – Erinnerungs-Türchen, hinter denen sich ein Kindheitsuniversum auftut. Da liegen Hanns-Martin Schleyers Lippen wochenlang auf dem Fernsehschirm. Die Rote Armee Fraktion wirft ihren Schatten bis in die Innerschweiz. Ein Schüler wird zur Zielscheibe, weil er der Liebling der Lehrerin ist. Und irgendwo scheint Horw plötzlich an der Grenze zu Italien zu liegen. Der Türchenöffner sitzt mit dem Buddli auf der Tribüne beim Heimspiel des kleinen FC Luzern gegen das große GC, teilt mit ihm eine grüne Banane – und weint, als John Lennon stirbt. Er folgt Winnetous lautlosen Spuren, dem Rückzug des Buddli in die Falte eines Priestergewandes, dem erzwungenen Zugang zu Katjas Brust. Und dann ist da noch das Auto, das langsam durch die Waschanlage fährt, während innen alles in Bewegung gerät. „Der Schlaf hat einen Schlitz am Kopf“ ist ein Roman über das Flimmern von Erinnerung und das Echo von Verlust. Ein stilles, mutiges Debüt – vielschichtig, schmerzhaft genau und radikal persönlich.
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Seitenzahl: 192
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Beat Christen
Der Schlaf hat einen Schlitz am Kopf
Der Autor dankt der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia herzlich für den Werkbeitrag, der ihm die Niederschrift des Romans ermöglicht hat.
Im Anhang befinden sich ein Wörterbuch der schweizerdeutschen Wörter und Helvetismen sowie eine Übersetzung der schweizerdeutschen Passagen.
1. Auflage 2025
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4153 Reinach BL, Schweiz
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Korrektur, Layout & Satz: Buch&media GmbH, München
Umschlag: Riverfield Verlag GmbH
Umschlagmotiv: Reginella Mazzieri, Foto eines Graffitis an einer Hauswand in Pisa (Italien)
ISBN (Print) 978-3-907459-33-1
ISBN (E-Book): 978-3-907459-34-8
Das niederländische Wort Taal, das englische Tale und das deutsche Wort Zahl gehören wahrscheinlich zur indogermanischen Wurzel del, die spalten, kerben, schnitzen und behauen bedeutet. Früher kerbte man Merkstriche auf Holz und benutzte Kerbhölzer zum Zählen oder Abrechnen. Aus dem eingekerbten Merkzeichen wurde mit der Zeit Zahl und Zählen. Mit der Zeit Aufzählung und Erzählung. Mit der Zeit Rede und Sprache.
(verkürzt nach Duden Das Herkunftswörterbuch
Car je est un autre. Si le cuivre s’éveille clairon, il n’y a rien de sa faute. Cela m’est évident: j’assiste à l’éclosion de ma pensée: je la regarde, je l’écoute: je lance un coup d’archet: la symphonie fait son remuement dans les profondeurs, ou vient d’un bond sur la scène.
Arthur Rimbaud
Der Geist ist ein Leichenfledderer. Er gräbt alte Knochen aus der Vergangenheit aus und kaut auf ihnen herum.
H.W.L. Poonja
Im Auto fährt das Auto nicht. Das Mäuerchen fährt. Der Gartenhag fährt. Die Barriere fährt. Am Straßenrand fahren die Leute davon. An der Kreuzung fährt die Kreuzung davon. Straßenlaternen, Häuserreihen, ein Kirchturm, die Leitplanken fahren. Im Auto ist alles gleich. Es gibt Häuser, Straßen, Wiesen, Wälder und Abhänge. Wiesen und wieder Wiesen. Den roten Rand um die Zahl 60. Die Zahl 60 im roten Rand. Wald und wieder Wald. Häuser und wieder Häuser. Im Auto fährt das Auto nicht. Bäume fahren. Ein See fährt. Ein Dorf teilt sich in zwei Hälften und fährt links und rechts davon. Im Auto ist alles bleich und tot. Die Leitplanken flitzen davon. Im Auto schmelzen die Häuser. Wälder schmelzen. Die Straße ist ein Teppich am Eingang zu den Ferien. Der Teppich hat kein Ende. Der Eingang ist nicht zu sehen. Der Teppich ist dunkelgrau. Der Asphalt im Regen ist dunkelgrau. Niemand sagt etwas. Der Scheibenwischer stöhnt. Der Scheibenwischer versteht den Buddli.
Ein Berner! Schrill schreit meine Schwester auf, zückt ein Notizblöckchen oder ein Heftchen, beugt sich zu ihren Knien, wo sie mit einem Bleistift oder einem Kugelschreiber notiert, sich auf dem Rücksitz zackig wieder aufrichtet und überaus konzentriert durch das Seitenfenster, das Heckfenster oder die Windschutzscheibe blickt. Vor der roten Ampel greift sie hinter sich zu einem dicken Buch auf der Gepäckablage.
Das Buch ist dicker als der Winnetou, den mein Bruder liest. Die Buchstaben sind enger und kleiner gedruckt als auf diesen Seiten, auf denen der Buddli viele Jahre später nach nicht enden wollenden Worten über das Greenhorn oder einen Ausblick auf Felsen, Bäume und Büsche noch immer keinen Indianer, geschweige denn Winnetou sehen wird. Die Wörter fahren vorbei. Es passiert nichts. In VERBIER werden wir wandern. Beim Wandern passiert nichts. Nur beim Stundenhalt passiert etwas: Wir essen Tuttifrutti und trinken Tee. Der Buddli wartet darauf, dass sie ankommen. Solange sie nicht dort sind, passiert nichts. Der Wegrand gleitet wie eine schleimige Rossschnecke am Buddli vorbei. In diesem Wald ist Winnetou auch nicht. Es passiert nichts. Aber meinem Bruder passiert etwas. Das sieht der Buddli auf dem Gesicht von seinem Bruder. Der Buddli sieht, dass sein Bruder nicht mehr vor dem Buch, auf dem Winnetou steht, sitzt, weil er mit Old Shatterhand im Wilden Westen auf der Pirsch ist. Die Augen seines Bruders sehen etwas, das der Buddli nicht sieht.
Das Buch, das dicker als der Winnetou ist, liegt auf der Gepäckablage unter dem Heckfenster. Ein Berner! Seit sie von zu Hause abgefahren sind, hat meine Schwester neunundvierzigmal geschrien. »Es wird einen neuen Rekord geben«, sagt sie. Bald wird es passieren. So aufgeregt, schnell und hektisch bewegt sich meine Schwester sonst nur, wenn eine Wespe sie belästigt. Wespen machen meine Schwester und den Buddli unglücklich. Zum Glück sind im Auto keine Wespen. Dem Buddli schwant, dass bald etwas passieren wird. Ein Berner! Im Auto ist meine Schwester eine glückliche Wespe. Der Buddli versteht, dass er nicht versteht, warum seine Schwester eine glückliche Wespe ist. Der Buddli hält sich am Türgriff und schaut zum Fenster hinaus. Die Leitplanken, Abzweigungen, Bordsteine, Böschungen, Schlaufen, die runden, dreieckigen und viereckigen Verkehrsschilder sind brummige Wörter in einem nicht enden wollenden Satz, in dem der Buddli immerzu nur auf das Wort VERBIER oder ICOGNE oder SAASFEE wartet. Der Scheibenwischer stöhnt, dass sie noch immer nicht dort sind. Bis sie dort sind, wird nichts passieren.
Wenn das Auto an einer Ampel stehen bleiben wird oder wenn für eine Zeit die gleichen Autos vor und hinter uns fahren, weil es keine Verzweigungen gibt, auf der Gegenfahrbahn fast niemand fährt oder man nicht überholen kann, wird meine Schwester nach dem unheimlich dicken Buch greifen, zackig darin blättern und, sobald sie gefunden hat, was sie sucht, einen Namen neben die Nummer in dem kleinen Notizblöckchen oder Heftchen schreiben. Von den neunundvierzig Nummern hat sie für neunundzwanzig schon die Namen. Buddlis Kopf dreht sich wie eine Schallplatte mit einem Kratzer. Ein Berner! – spielt sie alle paar Sekunden. Das Rauschen der nassen Straße dazwischen. Ein Berner! Der Buddli schaut seine Schwester von der Seite an. Zurzeit schreit sie nicht. Zwei Berner heißen Gerber.
Gerbergalakäse mag der Buddli, aber einmal ist etwas passiert. Einmal hat der Buddli einen kleinen dreieckig-runden Gerbergalakäse ausgepackt, in den Mund gesteckt, ohne Brot kurz gekaut und runtergeschluckt und gestockt und es hat dem Buddli wie dem Bandit mit der Bleikugel im Bauch den Hals zugeschnürt, er erstickt an seinem Blut, das ihm die Speiseröhre hinauf zum Mund hinausfließt, bis die Mutter »Trink Milch!« sagt, der Buddli die Milch trinkt und das Stück Aluminium, das in seinem Hals steckengeblieben ist, herunterschluckt. Der Buddli legt seinen Kopf auf Mutters Schoß, hört ihren Magen gurgeln. Am Bandit sieht man nicht sicher, ob er noch lebt. »Doch, schau doch die Augen an«, sagt mein Bruder. An der Wärme, die er fühlt, fühlt der Buddli, dass er lebt.
Meine Schwester blättert im dicken Buch. »Das gibt es doch nicht: Der heißt Peter Reber!« »So ein Zufall«, meint meine Mutter. Der Buddli hört Peter. Peter heißt dem Buddli sein Onkel. Der Onkel Peter. Wenn meine Schwester Peter Reber sagt, scheint dem Buddli, dass Peter Reber der Onkel Peter von meiner Schwester ist. Die Schwester, die meine Schwester nie hatte, heißt Sue. Im Auto spricht jemand. Der Mann hat eine tiefe Stimme und nie Angst. Der Mann sagt, was in der Welt passiert. Meine Schwester muss sich beeilen, denn es kann jederzeit passieren. In VERBIER wird es passieren, denkt der Buddli. In VERBIER wird der Buddli hören, dass das Benzin unglaublich teuer ist und befürchten, dass sein Vater ganz unglücklich ist, weil die OPEC-Länder mit ihrem Öl eine hundstraurige Politik machen. Wir werden Benzin sparen müssen. Der Buddli wird nichts sagen. Das ist nicht gut für die Wirtschaft. Der Buddli ist für die OPEC. Eine tote Autobahn ist eine gute Autobahn. Auf der toten Autobahn fahren nicht die Leitplanken, die Bäume und die Häuser, sondern du. Die Autobahn ist die beste Unterlage für Rollschuhe. Die Rollschuhe fahren fast lautlos und rollen unheimlich schnell davon. Den autofreien Sonntag gibt es, weil wir Benzin sparen müssen. Auf der toten Autobahn wächst du. Du kannst die anderen Kinder schreien hören und ihre Schreie von dir wegrollen lassen. Du kannst dich wie die Babys im Kinderwagen fahren lassen, obwohl du kein Baby mehr bist. Du hörst den Stock der Großmutter auf dem Asphalt. Du überholst die Hüte der Väter und die Hüte der Mütter. Du fährst den Spaziergang mehrmals, rollst weit voraus und weit zurück zu Vater und Mutter. Den Weg, auf dem du fährst, werden die andern erst später machen. Du fährst zurück auf das Wegstück, das du schon gefahren bist.
Du rollst in die Vergangenheit und in die Zukunft. Du siehst das Schild SAASFEE. Du siehst das Schild ICOGNE. Du siehst das Schild VERBIER.
In VERBIER wird der Buddli sich in ein holländisches Mädchen verlieben, das im Ferienhaus nebenan wohnt und vielleicht Ciske oder Cindy heißt, sodass der Buddli nasse Augen haben wird, als Franz Beckenbauer Johan Cruyff im Strafraum zu Fall bringt und Johan Cruyff Holland eins zu null in Führung bringt, denn der Johan Cruyff ist ein Holländer und auch so ein Mägerlimucki wie der Buddli und trotzdem der Beste. Aber die Augen werden dann auch nass, als die BRD trotzdem gewinnt, und mein Bruder ist für die BRD, und umso schlimmer schlägt es den Buddli nieder, als in der hundertfünfzehnten Minute das Netz im holländischen Tor zum dritten Mal zappelt, unzählige kleine Papierfetzen über den blau-weiß gestreiften Trikots auf dem grünen Rasen tanzen, aber kalte Schneeflocken auf die orangen Trikots runterschneien und Holland in Argentinien den WM-Final auch wieder verliert. Dann wird der Buddli sich nicht mehr an Ciske oder Cindy erinnern.
Als meine Schwester schreit, schriller denn je, kann der Buddli sich noch nicht an das holländische Mädchen erinnern. Vielleicht weiß der Buddli noch nicht, woher Autos mit dem Zeichen NL kommen. Meinem Vater ist es nun doch zu laut. Aber das ist der Rekord! Der siebenundsiebzigste Berner. An einem Tag. Meine Schwester schreibt die Nummer des vorbeifahrenden Autos in ihr Notizblöckchen oder Heftchen. Sie blättert in dem dicken Buch. Ihre Stimme überschlägt sich. Stell das Radio lauter, bitte! Dann sei aber ein bisschen diskreter, bitte! Das ist eben der wahre Peter Reber! Ein Berner! Cindy, das kennst du doch. Das ist von dem. Dadlim. Dabadabadääädlim. Jetzt hört der Buddli, warum seine Schwester bei jedem vorbeifahrenden Berner eine Wespe wird. Dadlim. Dabadabadääädlim. Dieses Lied ist von einem Berner. Mein Bruder ist für die BRD. Meine Schwester ist für die Berner. Die Straße ist ein Teppich am Eingang zu den Ferien. Der Buddli hat vergessen, dass der Eingang nicht zu sehen ist. Auf dem dunkelgrauen Teppich blühen überall Berner. Der Buddli hört die Melodie auf dem Klavier. Der da vorhin in dem Auto ist aber nicht der Peter von »Peter Sue and Marc«, sagt meine Schwester. Dadlim. Dabadabadääädlim. Hörst du das Lied, ein verlorener Traum, damals warst du ein Kind, du erinnerst dich kaum, oh Cindy.
Es war einmal ein Buchhalter, der sich in eine Rezeptionistin verliebte. Es war einmal eine Rezeptionistin, die sich in einen Buchhalter verliebte. Gott, der Herr der Priester, verband sie zu Mann und Frau an jenem Tag, an dem eine Mauer den Zwischenraum zwischen Berlin und Berlin ausfüllte, damit die Leute nicht mehr von Osten nach Westen fliehen konnten, und der Mann beschloss mit seiner Frau, vier Kinder zu haben, das erste Kind, wenn Gott will, nach der Heirat, das zweite zwei Jahre nach dem ersten, das dritte zwei Jahre nach dem zweiten und das vierte zwei Jahre nach dem dritten, denn Gott war ein Mann und segnete sie und sprach zu ihnen: »Seid fruchtbar und mehret euch!« Gewiss, ließ der Herr in seiner Kirche wissen, wer nicht mehr so viel Kinder wie Apostel haben wollte, der durfte es verhüten, aber natürlich nur natürlich, und so kam es, dass die Frau durch das Jahr Buch über den Anfang und das Ende ihrer Blutungen führte, wodurch sie durch Subtraktion von achtzehn von ihrem kürzesten Zyklus den ersten fruchtbaren Tag ihres Zyklus und durch Subtraktion von elf von ihrem längsten Zyklus den letzten fruchtbaren Tag ihres Zyklus bestimmen konnte, und als sie dann wegen der Lebensfähigkeit der Spermien noch drei Tage vom Beginn ihrer fruchtbaren Zeit und wegen der Lebensfähigkeit der Eizelle noch einen Tag nach der fruchtbaren Zeit abzog, hatten die Frau und der Mann Zugang zum Zwischenraum, in dem sich ihre Liebe zärtlich erfüllen durfte, ohne dass sie sich vermehrten oder sodass sie sich vermehrten. In jenen Tagen aber geschah es, dass der Zwischenraum zu klein, die Freude an der Umarmung zu groß oder die Knaus-Ogino-Methode zu ungenau waren. So kam das dritte Kind schon dreizehn Monate nach dem zweiten Kind und darüber hinaus noch drei Wochen vor dem Geburtstermin zur Welt. Zu klein aber war der Zwischenraum zwischen der zweiten und der dritten Geburt. Er zog das Herz der Mutter und die Zahlenreihe der Geburten in Mitleidenschaft. Der Arzt riet von mehr Vermehrung ab und schickte Östrogen und Gestagen in den Körper der Frau, der glaubte, schwanger zu sein, und deshalb kein Ei mehr springen ließ. Im Zwischenraum zwischen der Harnblase und dem Enddarm sorgte das Gestagen dafür, dass sich der Schleimpfropf nicht mehr verflüssigte (womit der Zugang verschlossen blieb und den Spermien den Eintritt erschwerte), und dass die Schleimhaut sich nicht entwickelte, sodass ein befruchtetes Ei, falls sich nichtsdestotrotz doch eins entwickelte, sich nicht einrichten konnte. Die Vierzimmerwohnung, in der sich der Vater, die Mutter und die drei Kinder damals eingerichtet hatten, wurde nach und nach zu klein, sodass die Eltern, nachdem sie mit dem Geld, das der Buchhalter verdiente, ein Auto gekauft hatten, beschlossen, ein Haus zu bauen, und als das Haus im Bau stand, fuhren sie mit dem Auto öfters zum Bau, um zu kontrollieren, ob der Bau zeit- und fachgerecht vorwärts kam, denn im Baubereich herrscht leider Schlendrian. In jenen Tagen aber geschah es, dass der Mann und sein zweites und drittes Kind vor einem Erdhaufen vor dem Haus warteten, bis die Frau und ihr erstes Kind wieder zurückkamen, und weil es dem Mann und seinen Kindern beim Warten langweilig wurde und sie eine Einzäunung sahen, die das Land, wo ihr Haus gebaut wurde, vom Land daneben abgrenzte, sprach der Mann zu seinen Kindern: Es war einmal ein Lattenzaun mit Zwischenraum hindurchzuschaun, ein Architekt, der dieses sah, stand eines Abends einfach da – und nahm den Zwischenraum heraus, und baute draus ein großes Haus. Nicht wie die Latten ohne was herum dumm dastanden, sondern wie Schaun mit Raum und da mit sah zusammenklangen, hörte das dritte Kind. In jenen Tagen aber geschah es. Wenn eine dicke Latte oder ein heftiger Neid oder ein quicklebendiger Spielgefährte oder ein starker Puls im Bauch oder ein tiefer Wunsch seinen Unwillen hervorriefen, floh das dritte Kind in das große Haus: Auf einem Kiesel, inmitten Bachgeriesel, saß da ein Wiesel, nur um des Reimes Willen, im Mondenschimmer, im stillen Klang der Worte, vergaß das Kind seinen Unwillen.
Dein Oberarm schwabbelt in Mutters Händen, eine Hand unten eine Hand oben, dein Wadenbein schwabbelt in Mutters Händen, eine Hand unten eine Hand oben, Mutters Hände stoßen, ziehen und skandieren An-ke schto-sse An-ke schto-sse, wäle wäle wäle wäle wäle wäle wäle, in Ewigkeit aufgehoben, der Buddli als Butter bei Mutter.
Obwohl und weil er schon seit langen Minuten darauf wartet, dass es klopft, zuckt der Buddli, als es klopft, auf dem Sofa zusammen, so durchdringend klopft es, wuchtig schlägt sein Herz den Bimmel gegen die Rippen, der Buddli spürt die Wucht, aber hört nicht die Glocke, denn da prallt es Schlag um Schlag durch die Haustür in den Korridor auf die Stubenschwelle, da schlägt seine Rute oben und unten und rechts und links in den Türrahmen, schweift über den Boden, schlägt auf den Boden, an die Schränke der stockdunkle Schmotzli, seine Augen treffen dich rabenschwarz, sein großer Sack sagt dir schwabbelnd, dich nehm ich gleich mit, aber der Mann im langen roten Rock mit dem langen weißen Bart hebt die Hand, der Schmotzli haut noch eins auf ein Türchen am Büffet, hält endlich still, der Buddli hört den dumpfen Schlag in der Brust, der lange, lange weiße Bart unter dem hohen roten Hut setzt sich in den Sessel gegenüber, schlägt sein großes dickes Buch auf, blättert sorgsam, das Geräusch des Papiers und hie und da die Schellen des Schmotzlis zwicken leise an Buddlis Ohren, der lange weiße Bart spricht so langsam, dass der Buddli fast vergibelet, der hohe rote Hut spricht so sanft, dass Buddlis Glocke nach und nach an Schwung verliert, aber erst wirklich ruhiger schwingt, als der schwabbelnde Sack, die schlagende Rute und die blendend weißen Augen im schwarzen Gesicht nicht nur einen Stock, sondern zwei Stöcke höher als Echo gedämpft immer leiser nachhallen, so dass dem Buddli endlich der Buddli wieder zu Gehör kommt, der in die liebevollen Augen hinter dem weißen Bart schaut und versteht: Wenn schon der Samichlaus auf der Erde unten weiß, warum ich immer Bauchweh habe, wenn ich Geschirr abtrocknen soll, dann weiß der Liebgott im Himmel oben sicher alles!
Seiner Nase folgt er. Seine Nase zittert ständig. Hin und her streckt er die Nase, schubst an den Körnern, wühlt in den Körnern, in der Watte. Er schnuppert. Er bleibt nicht in der Hand, er kriecht gleich weiter, seine Krallen kitzeln, er kriecht unter den Pullover, er macht nichts, er macht Angst, er macht dir doch nichts, er will immer nur weiter. Weiter seiner Nase nach. Wühlt sich unter die Watte. Du schaust lange zu. Du wartest lange. Du bleibst vor dem Käfig. Er macht dir doch nichts, sagt es in Buddlis Kopf. Nimm ihn doch! Du wölbst beide Hände, er ist eingesperrt, du machst einen Spalt auf, du kannst ihn küssen, er kitzelt, er kratzt an deinen Fingern. Er ist herzig. Du bist so lieb, sagt der Buddli. Er hat zwei Backentaschen. Er zittert. »Im Käfig braucht der Hamster keine Vorräte«, sagt Papi. Wir geben ihm zu essen. Immerzu füllt er die Backentaschen voll. Lebt er frei draußen in der Natur, holt er seine Käfer und Getreidekörner in den Feldern. Er ist so groß wie Papis Hand. Das Brot auf dem Brotbrett wiegt ein Kilo. Hundert Kilo Essen bringt der mit seinen Backentaschen in seinen Bau. Im Käfig ist er klein. Frei ist er ein Riese.
Die Nase zwischen den Gitterstäben. Überall im Käfig liegen schwarze Reiskörner. Er ist nicht da. Wenn er da ist, hat der Buddli Angst, denn er bewegt sich nie so, wie der Buddli es erwartet. Wenn er da ist, hört er nicht auf, sich zu bewegen. Er ist nicht da. Hinter der kleinen Tür unter dem Dach: Watte. Ist er da? Den Käfig aufmachen macht Krach. Dem Buddli stockt der Atem. Das Dach abnehmen macht Krach. Der Buddli bewegt sich nicht. Die Stille stinkt. Überall hocken schwarze Reiskörner im Schnee. Am Schnee zupfen. In der Ecke ist der Schnee warm. Den Schnee wegzupfen. Schlofpelz! Der Schlaf hat kein Auge, aber einen Schlitz am Kopf. Der Hals zuckt. Der Schlafpelz bewegt sich, aber der Schlitz am Kopf bleibt. Er ist nicht da.
Zwischen den Schlafstäben, überall im Käfig, liegen Buddlikörner. Hinter der kleinen Tür unter dem Dach: Watte. Der Buddli nicht da. Überall hocken Buddlikörner im Schnee. Etwas zupft am Schnee. Unter der Decke ist der Schnee warm. Etwas rattert in die Wärme. Etwas knirscht auf dem Kissen. Es macht den Schlaf auf, wirft das Dach ab, zupft die Decke zur Seite, rattert dem Buddli zu. Das Rattern überall. Der Buddli buddelt den Kopf unter die Decke. Unter der Decke das Rattern weniger laut. Unter der Decke die Luft dick. Der Kopf kann nicht dableiben. Der Buddli buddelt den Kopf raus ins Rattern. Bangt. Das Rattern reißt am Buddli. Der Buddli: schwarze Watte. Der Buddli zittert. Etwas dreht sich. Der Buddli muss mitdrehen. Der Buddli rennt. Das Rattern rennt mit. Es dreht sich. Der Buddli rennt mit. Nur nicht aufhören zu rennen, sagt der Buddli, denn rennst du nicht, wirft es dich über den Haufen. Wieder und wieder, bei jeder Drehung, wirft es den Buddli hoch wie einen Klumpen lebloses Fleisch im Boden im Wald. Der Buddli rennt und rennt im Rad und buddelt durch die Ratterschichten einen Gedanken frei: Der Hamster! Das Rad rattert. Der Hamster rennt im Rad durch Buddlis Schlaf. Der Buddli denkt. Der Buddli ist gerettet.
Der Hamster ist krank. Der Hamster leidet. Der Hamster muss erlöst werden. In der Nacht, wenn wir Kinder schlafen, erledigen das die Männer. Mein Vater geht mit, aber macht es nicht. Der Buddli will wissen, wie Erlösung ist. Davon wollen wir jetzt nicht mehr reden. Wie wurde der Hamster erlöst? Es ging ganz schnell. Er hat nichts gespürt. Der befreundete Vater hat dem Hamster mit dem Hammer einen Schlag an die Schläfe gegeben. Im Wald haben die Männer ein schönes Grab gemacht. Davon wollen wir jetzt nicht mehr reden. Der Hamster hat nichts gespürt. Dem Hamster geht es jetzt gut. Der Buddli probiert den Hammer an seiner Schläfe aus. Der Hammer tut weh. Dem Buddli geht es jetzt nicht gut. Der Buddli liegt vergraben im Wald. Er erstickt in der Walderde. In der Nacht, wenn die Eltern schlafen, wird der Buddli erledigt.
