Der Schlüssel zur Treue - Hans Jellouschek - E-Book

Der Schlüssel zur Treue E-Book

Hans Jellouschek

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Beschreibung

Am Beginn jeder Partnerschaft steht das Treueversprechen, und das ist normalerweise von beiden Partnern ernst gemeint. Doch im Laufe der Jahre kommt jeder der Partner auch an den Punkt, wo ihm bewusst wird, dass er auch auf sich selbst achten muss, sich selbst nicht aus dem Blick verlieren darf innerhalb der Paarbeziehung. Der Anspruch auf Selbstverwirklichung kann eine Partnerschaft auf eine harte Probe stellen. Der erfahrende Paartherapeut Hans Jellouschek zeigt, wie wir die richtige Balance zwischen Paartnerschaft und unseren eigenen Ansprüchen finden. und er verdeutlicht auf dem Hintergrund zahlreicher Beispiele aus seinen Paartherapien, wie jedes Paar seinen Weg finden kann. Treueversprechen und Selbstverwirklichung müssen kein Widerspruch sein. In der gemeinsamen Entwicklung zur größeren Ganzheit bemerkt das Paar, dass es ein lohnendes Ziel vor Augen hat, das es immer aufs Neue zu justieren gilt. Dann wird Treue nicht als Mangel, sondern als Gewinn erlebt.

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Seitenzahl: 204

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© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2016

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Designbüro Gestaltungssaal

Umschlagmotiv: © nulinukas – shutterstock

E-Book-Konvertierung: Carsten Klein, München

ISBN (E-Book) 978-3-451-80735-0

ISBN (Buch) 978-3-451-61335-7

Inhalt

Impressum

Vorwort

Einleitung Treue in der heutigen Zeit

Teil I: Von Sinn und Unsinn eines Treueversprechens

1. Kapitel: Zwei Fälle von Untreue

Anne und Dominik

Nicola und Heinz

Die Geschichte der beiden Paare

2. Kapitel: Untreue – eine Entwicklungschance?

Anne und Dominik

Nicola und Heinz

3. Kapitel: Sinn eines Treueversprechens

Treue zu sich selbst und Treue zum anderen – ein Widerspruch?

Unsinn eines Treuegelöbnisses?

Vom Sinn eines Treueversprechens

Ein Blick zurück auf unsere beiden Paare

4. Kapitel: Wie Beziehungen erstarren

Die Grunddynamik in der Entwicklung von Paarbeziehungen

Polarität und Polarisierung

Ein Grundmodell von Paarentwicklung und Paarkonflikten

Andere Formen von Polarisierung

Grundbedürfnisse und Lebensthemen

5. Kapitel: Das Wesen von Paarkonflikten

Paarkonflikte sind Polarisierungsprozesse

Verhärtung an extremen Polen

Drei Typen von Konfliktentwicklung

6. Kapitel: Das Treueversprechen und die Paarkonflikte

Konflikte sind normal und notwendig

Nochmals ein Blick auf die beiden Paare

Sich füreinander entscheiden und sich aufeinander einlassen

Teil II: Das Treueversprechen im Alltag der Partnerschaft

7. Kapitel: Austausch untereinander

Worin besteht der Austausch?

Sachlicher und emotionaler Austausch

Wechselseitige Initiative – Bereitschaft, sich darauf einzulassen

Zurückgehen in die Vergangenheit der Beziehung

Zurückgehen zu früheren Beziehungs­erfahrungen

Zusammenhänge mit den Herkunftsfamilien

Ziele: Was mit dem Austausch erreicht werden soll

8. Kapitel: Kompromisse schließen – Balance erreichen

Positive Sichtweise

Was ist ein »konstruktiver Kompromiss«?

Das Ziel: Balance statt erstarrter Polarisierung

Vertrauen durch »Commitment«

Vollständiger werden

Verständnis füreinander und Toleranz

9. Kapitel: Bereitschaft, zu vergeben

Verletzungen sind unvermeidbar

Verletzungen gefährden die Treue

Nur Vergeben hilft

Schritte des Vergebens und der Versöhnung

Was es noch zu beachten gilt

Treue und Vergebung

10. Kapitel: Sexualität und Treue

Das Dilemma

Zwei Arten von Sexualität

Was die Sexualität der Zugehörigkeit braucht

11. Kapitel: Treue als gemeinsamer Prozess

Das Treueversprechen erneuern

Das Treueversprechen im Alltag einlösen

Wachsendes wechselseitiges Vertrauen

12. Kapitel: Treue und Trennung

Agnes und Marc

Dorothee und Klaus

Treue zu sich selbst und Treue zum anderen

13. Kapitel: Lob der Eifersucht

Fort mit der Eifersucht?

Zwei Arten von Eifersucht

Eifersucht – ein Bedrohungssignal

Wenn die Eifersucht ganz fehlt …

Schluss: »Das Ganze im Fragment«

Literatur

Informationen zum Autor

Vorwort

Als ich in der Zeit, in der ich dieses Buch verfasste, in einer Buchhandlung bei den einschlägigen Büchern stöberte, stellte ich fest: Zum Thema »Untreue« gab es jede Menge Literatur, zum Thema »Treue« war kaum etwas zu finden. Als ich die Buchhändlerin darauf ansprach, meinte sie: »Ja, wissen Sie, die Leute interessieren sich erst dafür, wenn es schiefgeht. Dann wird es hoch aktuell und sie fangen an, nach Hilfen zu suchen!«

Diese Aussage erinnerte mich an einen gesellschaftlichen Befund: Allen Umfragen zufolge legen die Menschen heute von ganz jung bis ganz alt größten Wert auf Treue in der Paarbeziehung. Sie entspricht dem eindeutigen Wunsch der allermeisten Menschen. Andererseits war aber die Untreue den Zahlen nach noch nie so weit verbreitet wie heute. Dabei wird sie als so schwerwiegend empfunden, dass sie sogar der häufigste Scheidungsgrund ist. Für die Menschen ist also Treue ein sehr hoher Wert. Warum kümmern sich dann so viel weniger vor der großen Krise darum?

Hier setze ich mit meinem Buch an: Was Treue bedeutet und wie sie in einer guten Weise aufrechterhalten und »genährt« werden kann, möchte ich meinen Leserinnen und Lesern schon vor der großen Krise deutlich machen, damit ihnen vielleicht viel unnötiges Leid erspart bleibt. Es geht mir auf den folgenden Seiten darum, deutlich zu machen, dass Treue nicht durch einen einmaligen Akt eines Treueversprechens festgelegt werden kann, sondern dass es sich dabei um einen Prozess handelt, der immer neu belebt werden muss. Wie das geht, und welche Einsichten und Verhaltensweisen dazu nötig sind, das möchte ich hier meinen Leserinnen und Lesern nahe bringen.

Dabei möchte ich vorausschicken: Eine sehr große Hilfe bei meiner eigenen Arbeit mit Paaren ist seit einiger Zeit ein Modell der Dynamik von Paarbeziehungen, das mein Schweizer Kollege, der Paartherapeut und Coach Christoph Thomann, entwickelt hat: Das sogenannten Polaritäten-Modell. Auch bei der Ausarbeitung der folgenden Darlegungen war dieses Modell für mich eine sehr große Unterstützung. Ich möchte ihm hier dafür meinen herzlichen Dank aussprechen. Er hat mich damit sehr unterstützt, das deutlich zu machen, was ich auf den nächsten Seiten darlegen werde.

Außerdem geht mein Dank an meine Frau Bettina. Leider hatte sie keine Zeit, um auch als Ko-Autorin mitzuwirken, wie dies bei den letzten Büchern der Fall war. Aber sie hat die Entstehung dieses Manuskripts begleitet und mir immer wieder sehr wertvolle Hinweise gegeben. Danken möchte ich schließlich auch meinem langjährigen Lektor Peter Raab, der mit Geduld, Toleranz und Hilfsbereitschaft das Werden dieses Buches begleitete.

Hans Jellouschek

Ammerbuch-Entringen im Frühjahr 2016

Einleitung: Treue in der heutigen Zeit

Treue zum Partner war als moralisches Gebot und darum als Verpflichtung in früheren Jahrzehnten selbstverständlich. Natürlich wurde diese Norm auch damals häufig verletzt, aber an ihrer Gültigkeit änderte sich dadurch nichts. Heute ist das dagegen anders geworden: Nicht nur, dass die Norm häufig, vielleicht noch häufiger als früher, verletzt wird. Viele zweifeln überhaupt daran, ob denn lebenslange Treue ein Ideal sein könne, und vor allem, ob man einander so etwas am Anfang einer Ehe versprechen soll und kann. Viele vermeiden sogar den Schritt zu einer formalen Eheschließung, ja sogar den Schritt, sich als »Paar« zu definieren, um mit dieser Frage erst gar nicht konfrontiert zu werden. Andere sehen jedenfalls in einem Treueversprechen »bis der Tod euch scheidet« keinen Sinn mehr: Man kann sich darauf doch nicht im Vorhinein festlegen – für ein ganzes Leben. Man weiß ja nie, was geschehen wird.

Verglichen mit früheren Jahrzehnten leben wir in einem Zeitalter des Individualismus und der Forderung nach individueller Glückserfüllung. Darum steht heute nicht die »Treue zum anderen«, sondern die »Treue zu mir selbst« ganz hoch im Kurs, und das bedeutet »Selbstverwirklichung«. Es ist deutlich, dass dieses Ideal der Treue zu sich selbst leicht in Widerspruch geraten kann zur Treue zu einem anderen. Darum werden derartige Festlegungen für eine Paarbeziehung immer häufiger vermieden: Man kann ja nie wissen. Es kann doch unerträglich werden in der Beziehung. Und es kann einem ja irgendwann einmal jemand begegnen, den man noch viel mehr liebt als den derzeitigen Partner ….

Das ist die eine Seite. Andererseits wird von Forschern und Therapeuten gerade in den letzten Jahren immer häufiger festgestellt: Es gibt unter jungen Leuten und jungen Paaren eine große Sehnsucht danach, dass der Partner/die Partnerin immer treu bleibt, dass er/sie unverbrüchlich zu einem steht, dass man sich ganz und gar auf seine/ihre Treue verlassen kann. Die traditionellen Werte von Ehe und Partnerliebe scheinen also auch wieder an Bedeutung zu gewinnen!

Wie steht es mit dieser »neuen« Sehnsucht nach Treue? Sollte man sich die nicht eher abgewöhnen? Ist sie nicht total unrealistisch? Gehört zur Reife nicht vielmehr der Verzicht auf dieses Ideal, jedenfalls im Sinne einer »Voraus-Verpflichtung«, wie sie in einem Treueversprechen gelobt wird? Oder besteht Reife in einer Paarbeziehung vielleicht gerade darin, an einem solchen Versprechen als Forderung festzuhalten und alles daran zu setzen, um Treue zum anderen zu realisieren, auch unter Verzicht auf die eigene Glückserfüllung? Ist Treue zum anderen gerade notwendiger Bestandteil eines reifen Zusammenlebens? Brauchen wir nicht aus tiefstem Bedürfnis Verbindlichkeit in der Partnerbeziehung, im Unterschied zu einem unsteten und letztlich unbefriedigenden »Mal da, mal dort«?

Um diese Fragen geht es in diesem Buch: Lassen sich »Treue zu mir selbst« und »Treue zum anderen« miteinander verbinden und finden wir nur darin unser Glück in der Beziehung oder ist dies ein völlig unrealistisches und aufzugebendes Vorhaben? Die Antwort, das sei vorweggenommen, wird kein einfaches »Ja« oder »Nein« sein, sondern ein »Es kommt darauf an!«. Auf den – zugegeben nicht ganz einfachen – Weg dahin lade ich Sie, meine Leserin/meinen Leser ein, mit mir zu kommen!

Teil I: Von Sinn und Unsinn eines Treueversprechens

1. Kapitel: Zwei Fälle von Untreue

Zu Beginn möchte ich von zwei sehr unterschiedlichen Paaren berichten, die ich in der Therapie kennen gelernt habe, bei denen Untreue eine wichtige, auch sehr schmerzhafte Rolle gespielt hat. Diese beiden Paare werden uns das Buch hindurch begleiten, weil uns an ihnen Sinn und Unsinn von Treue sehr deutlich werden kann.

Anne und Dominik

Anne und Dominik kennen sich seit fünf Jahren, und seit drei Jahren leben sie als Paar zusammen. Anne ist 25, Dominik 27, sie hat Wirtschaft studiert und arbeitet als Controlerin in einem Unternehmen, er ist IT-Fachmann und – obwohl noch nicht lang in diesem Beruf tätig – bereits ein Spezialist auf seinem Gebiet. Sie haben keine Kinder, obwohl sich der Wunsch danach im letzten Jahr bei Anne immer wieder mal gemeldet hat. Die Besonderheit der beiden: Sie haben miteinander eine »offene Beziehung« vereinbart, das heißt: Seitensprünge und Liebesabenteuer sollen möglich bleiben und erlaubt sein. Die Anregung dazu kam vor allem von ihm, sie war zwar etwas skeptisch, aber war damit einverstanden, auch damit die Beziehung, die ja beide wollten, zustande kommen konnte. Beide haben diese Freiheit auch genutzt, Dominik häufiger als Anne, aber auch sie tat es ab und zu mal. Seit einiger Zeit merkt sie allerdings, dass sie das eigentlich nicht mehr will und dass es sie immer mehr zu stören beginnt, ja auch verletzt, wenn Dominik wieder einmal »ein kleines Abenteuer« hatte. Das befremdet ihn, es widerspricht ja ihrer Abmachung, das sieht auch sie, aber es ändert nichts an ihren Gefühlen. Mit diesem Konflikt und wegen dieses Konflikts kommen sie jetzt in die Beratung.

Nicola und Heinz

Sehr anders liegen die Dinge bei Nicola und Heinz, schon allein von ihrem Alter her. Sie sind ein Paar Mitte fünfzig, Nicola etwas jünger als Heinz. Er ist Ingenieur in der Auto­branche, sie hat Pädagogik studiert, diesen Beruf aber lange Jahre nicht ausgeübt, weil sie mit den gemeinsamen Kindern Gregor, heute 31, und Franziska, heute 27, so beschäftigt war. Als die Kinder, auf die beide Eltern sehr stolz sind, größer wurden, hat Nicola nochmals ein Wirtschaftsstudium absolviert und arbeitet jetzt in der Fortbildungsabteilung einer Firma, wo sie nun beides, ihr Pädagogik- und ihr Wirtschaftsstudium gut miteinander verbinden kann. Das Paar ist 34 Jahre zusammen und seit 32 Jahren verheiratet. In die Beratung kommen sie, weil Nicola vor kurzem »durch Zufall«, wie sie sagt, die schockierende Entdeckung gemacht hat, dass Heinz ihr untreu geworden ist. Das ist für sie ein schwerer Schlag. Heinz ist sehr beschämt, und sogleich nach dieser Entdeckung bricht er die Außenbeziehung – seine bisher erste und einzige – zu seiner »Sportsfreundin« ab. Aber damit ist die Angelegenheit nicht erledigt. Es ist nichts mehr, wie es war. Nicola nimmt Heinz seine Untreue sehr übel und vor allem auch, dass er sein Fremdgehen vor ihr verheimlicht hat. Das verletzt sie so tief, dass eine Trennung für sie – trotz der langen Jahre – drohend am Horizont auftaucht und ihr kaum noch vermeidbar erscheint. Das ist der Grund, dass beide sich entschließen, eine Beratung in Anspruch zu nehmen.

Die Geschichte der beiden Paare

Wenn ein Konfliktthema wie Untreue zum Anlass einer Beratung wird, dann lohnt es sich immer, zu überlegen, was diesem Ereignis vorausging, denn sehr oft wird erst dadurch verständlich, wie es dazu gekommen ist.

Das junge Paar, Anne und Dominik, hat miteinander noch gar keine lange Geschichte. Als sie sich während des Studiums ineinander verliebten, lebten beide noch zu Hause. Kurz nach ihrem Auszug zogen beide zusammen in eine eigene Wohnung und verstanden sich somit »als Paar«. Beide hatten noch wenig Erfahrung mit anderen Männern und Frauen, ihrer beider Beziehung war die erste wirklich intensive. Das legte mir, dem Therapeuten, sofort eine Vermutung nahe: Ihre Beziehung hatte etwas mit der Ablösung beider vom Elternhaus zu tun. Ich fragte darum nach ihrer jeweiligen Rolle und Position in ihren Herkunftsfamilien. Dominik war das einzige Kind seiner Eltern. Er stand im Mittelpunkt, vor allem für seine Mutter. Sie vergötterte ihn förmlich und stand ihm bedingungslos für alle seine Bedürfnisse zur Verfügung. Weniger gut hatte es Anne. Als älteste Tochter mit zwei Geschwistern war sie vor allem die Unterstützerin ihrer Mutter. Und die brauchte sie auch sehr dringend, denn der Vater von Anne war seit mehreren Jahren leidend und bettlägerig. Annes Aufgabe war es vor allem, die Mutter bei der Pflege des Vaters zu entlasten. Deshalb war es für sie auch so wunderbar, in Dominik einen kerngesunden und tüchtigen Mann kennen gelernt zu haben, und Dominik wiederum fand es großartig, in Anne eine so liebevolle und fürsorgliche Partnerin gefunden zu haben. Fürsorge und die Fähigkeit, auf die Bedürfnisse anderer einzugehen, das hatte Anne ja gelernt und immer wieder geübt. Sie fand für die Beziehungskonstellation mit Dominik ein treffendes Bild: »Ich war für ihn immer der Flugzeugträger, von dem aus er seine Kampfeinsätze fliegen konnte. Wenn er davon zurückkam, war ich als Landeplatz immer da für ihn!« Hier fällt natürlich sofort auf: Beide nehmen in ihrer Beziehung ziemlich genau die Rollen ein, die sie schon in ihren Herkunftsfamilien spielten: Sie ist die Fürsorgliche, die immer für ihn da ist, wenn er es braucht, und er ist der große, bewunderte Star, der das auch ganz selbstverständlich findet. Das heißt aber, dass sie mit ihrer Beziehung nichts Neues kreierten. Sie wurde für ihn in etwa das, was seine Mutter für ihn war, und er zog, so wie ihr Vater, ihre Fürsorglichkeit auf sich. Hier eröffnete sich allmählich der Sinn und die Funktion ihrer wechselseitigen Abmachung eines toleranten Umgangs mit ihrer Untreue. Darauf werden wir später eingehen. Zunächst wenden wir uns wieder dem anderen, älteren Paar zu mit der Frage, was bei den beiden der Untreue vorausging.

Bei Nicola und Heinz stand aufgrund ihres weiter fortgeschrittenen Alters und der langen Dauer ihrer Beziehung (35 Jahre!) verständlicherweise der Bezug zu ihren jeweiligen Herkunftsfamilien nicht mehr so im Vordergrund. Die Beziehung wurde von beiden bis zur Entdeckung Nicolas als nicht sehr lebendig, aber recht stabil erlebt. Mit ihrer Kooperation bei der Erziehung der Kinder waren beide sogar hoch zufrieden, ja sie waren richtig stolz darauf, wie gut sie es mit denen »hingekriegt« hatten. Wirklich ernsthafte Konflikte zwischen ihnen hatte es bisher kaum gegeben. Das heißt aber wiederum nicht, dass sie rundum zufrieden mit ihrer Beziehung waren. Nicola hatte immer wieder vermisst, dass Heinz sich für ihre innere Befindlichkeit interessiert. »Er lebt in seiner Welt, wie es mir geht, das ist nicht interessant für ihn.« Das war für sie vor allem während ihres Zweitstudiums deutlich geworden, weil sie damals zeitweise arg unter Stress geraten war und seine Nachfrage und seinen Zuspruch dringend gebraucht hätte. Seine Antwort auf ihre Kritik war: »Du hast mir aber auch nie gezeigt, wie es dir ging. Du hast mir immer den Eindruck vermittelt, dass schon alles in Ordnung ist und du das alles gut schaffst.« Sie darauf: »Ja, und weißt du auch, warum? Wenn ich mal eine Bitte um Unterstützung geäußert habe, da hast du dich gleich manipuliert gefühlt und zurückgezogen. Du warst immer lieber draußen, bei deinen Kumpels und deinem Sport ….« Darauf wiederum er: »Da bist du aber nicht gerecht! Wie viel habe ich immer zu Hause gemacht! Alles, was zu reparieren war, habe ich übernommen. Finanzplanung, Hausbau und so weiter: Das war alles meine Sache!« Dem stimmte sie zu, aber: »Dabei bin ich als Person, wie es mir ging und was ich dachte oder fühlte, so gut wie nie vorgekommen!« So oder ähnlich verliefen immer wieder ihre Dialoge beim Rückblick auf ihre Beziehung. So überraschend und schockierend hier die Untreue empfunden wurde – übrigens nicht nur von Nicola, sondern im Grunde auch von Heinz –, auch hier eröffnete die Vorgeschichte dieses Ereignisses einen wichtigen Zugang zum Verständnis dieses Geschehens.

2. Kapitel: Untreue – eine Entwicklungschance?

Ein Treuegelöbnis zwischen Paaren bzw. dessen Einhaltung– diese These soll hier aufgestellt werden – ist in manchen Fällen fehl am Platz, es würde eine weitere Entwicklung der Partner und ihrer Beziehung unmöglich machen. Und nicht selten erweist sich das Brechen dieses Gelübdes im Nachhinein als hilfreich, ja sogar notwendig: Damit Entwicklung aus Stagnation und Erstarrung wieder in Gang kommt. Dies soll an unseren beiden Beispielpaaren auf den folgenden Seiten unter verschiedenen Blickwinkeln deutlich gemacht werden.

Anne und Dominik

Auf dem Hintergrund ihrer Herkunftsgeschichte wurde der Sinn ihrer »liberalen« Abmachung, sich gar nicht erst auf Treue im umfassenden, auch erotisch-sexuellen Sinn festzulegen, sehr bald klar, auch wenn zunächst den beiden dieser Sinn noch verborgen war. Um das zu verstehen, müssen wir etwas weiter ausholen.

Kleine Kinder brauchen in den ersten Jahren vor allem eine sichere Bindung bei Mutter und Vater. Wenn sie die erleben, fangen sie sehr bald an, sich auch nach außen zu wenden und ihre Umwelt zu erforschen. Das heißt: Sie beginnen, sich aus der ganz engen Bindung heraus auf den Weg zur individuellen Autonomie zu machen, indem sie anfangen, die Welt um sich herum zu erkunden. Zentral dabei ist aber die immer bereitstehende Möglichkeit, bei ängstigenden Erlebnissen wieder »kehrtzumachen« und zur Quelle ihrer Sicherheit bei Mama und Papa zurückzukehren, hier wieder Schutz zu suchen und Kraft für neue Erkundungen zu tanken. Dieser Prozess erreicht in der Zeit der Pubertät und Adoleszenz einen kritischen Punkt: Es geht hier um die allmähliche und schließlich vollständige Loslösung von einer kindlichen Bindung an die Eltern. Es geht um die ersten Schritte ins eigenständige Erwachsenenleben und um die Einübung eigenständiger, erwachsener Beziehungen, weil eine Rückkehr zur ursprünglichen Quelle der Sicherheit nicht mehr möglich ist und von den Heranwachsenden auch immer weniger gewollt wird. Das bringt viel Hin und Her mit sich: Auf die Eltern noch angewiesen sein, aber sich doch auf eigene Füße stellen wollen, sich selbst behaupten, aber es noch nicht können, weil die »eigenen Füße« noch nicht wirklich »tragen« …. Eltern Heranwachsender wissen davon ein Lied zu singen!

Allem Anschein nach war dieser Prozess von Anne und Dominik noch nicht wirklich vollzogen, als sie sich ineinander verliebten, ein Paar wurden und ein eigenständiges gemeinsames Leben beginnen wollten. Das wurde daran spürbar, dass Anne für Dominik die gleiche hingebungsvolle Rolle zu spielen begann, die Dominiks Mutter diesem gegenüber eingenommen hatte, und Dominik Annes gesamte Fürsorge auf sich zog, so wie ihr Vater in den letzten Jahren. Dominik nahm Anne für sich in Anspruch, wie es der bewunderte Liebling seiner Mutter immer ganz selbstverständlich getan hatte, und Anne nahm ihm gegenüber genauso selbstverständlich die Rolle der hingebungsvollen Tochter ein, die sie vorher ihrem Vater gegenüber gespielt hatte. Also »brauchten« sie gewissermaßen die wechselnden Außenbeziehungen, um immer wieder auch Distanz herzustellen, anstatt wieder die vollständig gebundene Kind-Rolle einzunehmen, die sie ihren Eltern gegenüber gespielt hatten.

Das ist ja die Funktion von erotischen und sexuellen Beziehungen in der Phase der Adoleszenz: Sie sind aufgrund ihrer emotionalen Intensität zum einen ein wichtiges Erfahrungsfeld für erwachsene Beziehungen, und deshalb zum anderen auch ein starker Motor zur Loslösung von den noch kindlichen Bindungen an die Eltern. Da Anne und Dominik wechselweise füreinander die Rollen ihrer Eltern übernommen hatten, brauchte es auch die Untreue, um immer wieder den nötigen Abstand zueinander herzustellen. Jeder der beiden »verschob« gewissermaßen seinen Ablöseprozess von den Eltern auf den anderen Partner. Das Problem war nur: Damit wurde ihre Beziehung nie zu einer Paarbeziehung auf gleicher Ebene, weil er ihr gegenüber die Vater- und sie ihm gegenüber die Mutter-Rolle einnahm. Dadurch versäumten es noch dazu beide, die anstehenden Lösungsprozesse jeweils mit der realen Mutter bzw. dem realen Vater zu vollziehen, die dadurch nicht wirklich ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit rückten.

Anne spürte das immer deutlicher, deshalb wollte sie mit diesem Arrangement auch Schluss machen. Sie spürte allmählich, dass mit ihrer Vereinbarung eigene Bedürfnisse unbefriedigt blieben. Irgendwann hatte sie darum genug von ihrer ursprünglichen Abmachung der Freizügigkeit. Sie war in ein neues Stadium ihrer Entwicklung getreten. Für sie war in der Beziehung zu Dominik etwas Neues dran. Aber der war noch an einer anderen Stelle. Die Außenbeziehungen waren für ihn immer noch der Versuch, sich von der mütterlichen Überfürsorge zu befreien, für die allerdings jetzt Anne stand, sodass seine Gebundenheit an die Mutter dadurch eher verdeckt als gelöst wurde.

Anne verstand diese Zusammenhänge im therapeutischen Prozess dagegen sehr schnell. Sie hatte in der letzten Zeit mehr zu sich selbst gefunden. Ihr Wunsch nach einem Kind, den sie – nicht zuletzt wegen ihres voranschreitenden Alters – immer deutlicher spürte, hatte diesen Prozess noch vorangetrieben. Sie fühlte immer deutlicher: Ich möchte eine verbindlichere Beziehung. Ich möchte vom anderen »ganz« gewollt sein, und ich habe meinerseits das Bedürfnis, ein »ganzes Ja« zum anderen zu sagen. Das Problem war, dass Dominik das von seiner Seite noch nicht nachvollziehen und darum seinerseits auch nicht wünschen konnte. Ihre Beziehungsvorstellungen waren zu diesem Zeitpunkt also nicht vereinbar, und so blieb ihnen nur der schmerzvolle Schritt der Trennung….

Dem entsprechend lautet mein Fazit zu diesem Prozess: Die Abmachung von Dominik und Anne, sich wechselseitig Außenbeziehungen zu erlauben, hatte anfangs ihren Sinn. Sie spürten beide, dass es für ein wechselseitiges Treueversprechen noch zu früh gewesen wäre. Dazu waren sie beide noch zu sehr in einer – allerdings etwas verspäteten – Phase einer adoleszenten Ablösung vom Elternhaus. Und in dieser Phase haben ja wechselnde, auch erotische und sexuelle Beziehungen ihren Sinn und ihre Wichtigkeit. Ein Treueversprechen wäre also zweifellos hier eine zu frühe Einengung und Festlegung gewesen. Beide brauchten – im Interesse ihrer individuellen Entwicklung – die Freiheit, sich auch noch in anderen Beziehungen zu erleben und zu erproben. Das Problem war allerdings, dass sie – mit ausgelöst durch ihr frühes Zusammenziehen – anfingen, ihre Vater- bzw. Mutter-Abhängigkeit auf den Partner zu übertragen, wodurch sie aneinander »abzuarbeiten« begannen, was sie hätten mit Vater bzw. Mutter vollziehen müssen. Das spürte Anne, und darum war für sie etwas Neues dran, worin Dominik ihr aber leider nicht folgen konnte.

Nicola und Heinz

Wie sind die Dinge nun bei unserem älteren Paar zu sehen? In dieser langjährigen Paarbeziehung spielten ja die wechselseitigen Elternbeziehungen – jedenfalls zunächst und im Vordergrund – keine Rolle mehr. Für die beiden war auch klar, dass Treue zu ihrer Beziehung eigentlich dazugehörte und für sie verbindlich war. Darum war die Untreue von Heinz nach so langen Jahren auch – und zwar für beide – ein regelrechter Schock. Kann man diese Untreue aus der oben geschilderten Entwicklung ihrer Beziehung dennoch verstehen? Und was sagt uns das über den Sinn von Treue oder Untreue? Die schnelle Erklärung: »Naja, die Frau, um die es da ging, war halt jünger und attraktiver als die Ehefrau, da hat den Heinz eben die Lust gepackt…« Diese Erklärung scheint uns jedoch zu wenig zu sein und nicht den Kern der Sache zu treffen.

Was sich im Laufe der Beziehung der beiden vollzog, scheint mir typisch für viele langjährige Beziehungen zu sein: Sie »leiern aus«. Es gab zwischen Nicola und Heinz gar keine besonders heftigen Konfliktpunkte, es gab – wie oben erwähnt – sogar Freude und Zufriedenheit mit dem, was sie in den gemeinsamen Jahren zustande gebracht hatten. Aber es hatte sich in der letzten Zeit auch eine gewisse Unzufriedenheit mit der Beziehungsqualität breit gemacht, und zwar auf beiden Seiten: Nicola fühlte sich von Heinz in ihren Bedürfnissen nicht wirklich gesehen, und Heinz fühlte sich von Nicola nicht selten manipuliert, das heißt zu Handlungsweisen und Entscheidungen gebracht, die er bei näherem Hinsehen eigentlich gar nicht gewollt hatte. Außerdem empfand er seinen Einsatz für die Familie in praktischen Dingen von Nicola nicht ausreichend gewürdigt. Dies auch zu äußern, damit tat er sich allerdings schwer. Er ging eher so damit um, dass er’s runterschluckte und sich immer öfter entspannenden Tätigkeiten außerhalb der Familie zuwandte, wie Training und Skatrunden mit Freunden. Anders seine Frau: Wenn es ihr zu viel wurde, stellte sie ihn in den ersten Jahren zur Rede. Aber dann gab es Streit. Dann begann Heinz sich zu verteidigen und Gegenvorwürfe zu machen: Der sattsam bekannte typische Teufelskreis entstand: A macht einen Vorwurf – B verteidigt sich – A verstärkt deshalb den Vorwurf – B begegnet dem mit Gegen-Vorwürfen – und schließlich tritt Schweigen ein, aber kein entspanntes, sondern eines, das aufgeladen ist mit allen möglichen negativen Gefühlen. Weil das immer wieder so lief und kein Ergebnis brachte, war die Konsequenz wie oft in ähnlichen Fällen folgende: Der unzufriedene Partner, häufig – wie in unserem Fall – die Frau verzichtet mehr und mehr darauf, sich zu äußern – »weil es ja ohnehin nichts bringt« – und lernt, damit »irgendwie zu leben«, ohne dadurch allerdings zufriedener zu werden.