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Die Journalistin Nevra Tuna steckt in einer privaten und beruflichen Krise. Ihre ganze Hoffnung setzt sie auf ein Interview mit der inhaftierten kurdischen Politikerin Zelha Bora, das ihre Karriere retten soll. Doch zwischen den beiden Frauen, deren Lebensverhältnisse unterschiedlicher nicht sein könnten, stehen nur Vorurteile und Vorwürfe. Kurz bevor das Gespräch zu scheitern droht, entdecken sie: In ihrer Kindheit waren die beiden engste Freundinnen. Nun versuchen sie, die vergangenen Jahre heraufzubeschwören und ungelöste Rätsel zu lösen. Letzten Endes ist es die wiedergefundene Freundschaft der beiden Frauen, die politische Gräben überbrückt.
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Seitenzahl: 415
Veröffentlichungsjahr: 2016
Die Journalistin Nevra Tuna steckt in einer privaten und beruflichen Krise. Ihre ganze Hoffnung setzt sie auf ein Interview mit der inhaftierten kurdischen Politikerin Zelha Bora, das ihre Karriere retten soll. Doch zwischen den beiden Frauen stehen nur Vorurteile und Vorwürfe. Dann entdecken sie: In ihrer Kindheit waren die beiden engste Freundinnen.
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Ayse Kulin (*1941) studierte Literaturwissenschaften. In den Achtzigerjahren arbeitete sie als Redakteurin und Reporterin für diverse türkische Zeitungen und Zeitschriften. Einige Male wurde sie als »Autorin des Jahres« ausgezeichnet. Seit 2007 ist sie ehrenamtliche UNICEF-Botschafterin.
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Angelika Hoch (*1969) studierte zunächst Kunstgeschichte und ließ darauf ein Turkologie-Studium folgen, das sie im Jahr 2002 abschloss. Seitdem ist sie u. a. als freie Übersetzerin aus dem Türkischen tätig.
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Angelika Gillitz-Acar (*1958) studierte erst Sozialpädagogik, dann Geschichte und Kultur des Nahen Orients sowie Turkologie und Pädagogik. Sie arbeitet als Übersetzerin und in Projekten zur Integration junger Ausländer.
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Ayşe Kulin
Der schmale Pfad
Nachwort von Jens Peter Laut
Roman
Aus dem Türkischen von Angelika Gillitz-Acar und Angelika Hoch
Türkische Bibliothek
E-Book-Ausgabe
Mit 2 Bonus-Dokumenten im Anhang
Unionsverlag
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Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel Bir Gün bei Everest Yayınları, Istanbul.
Originaltitel: Bir Gün (2005)
© by Ayşe Kulin 2005
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Nezaket Ekici, Performance Umgestülpt (Motiv);Briz Albrecht (Foto)
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30220-4
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Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
Unsere Angebote für Sie
Inhaltsverzeichnis
DER SCHMALE PFAD
Nevra Tuna – Zeliha BoraNevo und ZeloZelhaNevraDer GroßvaterCengizNevra und ZelhaNachwortZur Aussprache des TürkischenUmschlagmotivMehr über dieses Buch
Türkische Stimmen zu »Der schmale Pfad«
Ein Buch, das für Wirbel sorgt
Über Ayşe Kulin
Über Angelika Hoch
Über Angelika Gillitz-Acar
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Der Herrscher sehnt sich nach dem Scheich,
der Scheich nach dem Herrscher
So waren sie getrennt und doch eins.
Trotz der warmen Luft aus dem Gebläse der Autoheizung ist mir, als krieche die trockene Kälte von draußen in mich hinein, als dringe sie mir tief ins Mark. Meine Hände und Füße fühlen sich an wie Eiszapfen, ich sitze kerzengerade und steif da, starre ins Leere, ohne das Geringste wahrzunehmen. Wortlos legen wir unseren Weg zurück, beide aufs Äußerste angespannt. Er bricht das Schweigen: »Wir sind gleich da! Es wäre gut, wenn du dich allmählich fertig machen würdest!«
Ich lege mir das große schwarze Kopftuch um und schiebe es bis zu den Augenbrauen herunter, dann ziehe ich es an den Enden zu und befestige es mit einer Sicherheitsnadel, sodass es knapp unter der Nase sitzt. Hasan Bey muss lachen: »Zieh dein Kopftuch doch weiter nach oben, sonst kannst du ja nichts sehen!« Unbeholfen zupfe ich daran herum, irgendwann sagt er dann: »Ja, so ist es gut! Steht dir sogar! Es hebt die Schönheit deiner Augen hervor.« »Ich kann mir überhaupt niemanden vorstellen, dem so ein Kopftuch stehen könnte.« »Ach, ich schon. Frauen mit schönen Augen und einer hässlichen Nase steht es ganz ausgezeichnet.« »Herzlichen Dank!« »Du weißt genauso gut wie ich, dass deine Nase nicht hässlich ist. Jetzt also bitte kein ›fishing for compliments‹ so früh am Morgen!«
Insgeheim bin ich zwar stinksauer, sage aber nichts mehr, weil ich es für unangebracht halte, mich mit einem Mann herumzustreiten, der mein Vater sein könnte und sich bemüht, mir zu helfen. Der Nebel, der in den frühen Morgenstunden besonders dicht war, löst sich allmählich auf. Mit dem Zipfel meines Kopftuches wische ich die beschlagene Scheibe auf meiner Seite ab. Wir fahren noch immer. »Mir gehts nicht gut, ich kriege keine Luft!« »Wieso, du hast dir doch nicht die Nase zugebunden?« »Ja, ja, trotzdem ersticke ich fast. Sicher seelisch bedingt. Könnten Sie bitte das Fenster ein bisschen aufmachen, damit frische Luft hereinkommt!« Er drückt einen Knopf und lässt die Scheibe halb herunter. Nun frösteln wir beide in der trockenen Kälte dieses winterlichen Morgens. »Sollen wir das Ganze noch einmal durchspielen?«, fragt Hasan Bey. »Ich stelle meine Fragen zügig und schweife nicht ab. Was ich mir nicht notieren kann, merke ich mir und schreibe es sofort in mein Heft, sobald ich wieder draußen bin. Sollten wir Hunger bekommen, essen wir die Kekse, die ich in meiner Tasche habe. Das Interview muss vor fünf beendet sein. Wenn irgendetwas schiefgeht, gebe ich niemandem irgendeine Erklärung und rufe Sie sofort auf dem Handy an.«
»Bedauerlicherweise wird das nicht möglich sein. Handys sind nicht erlaubt.« »Nicht doch! Und wenn etwas passiert?« »Es passiert schon nichts. Aber wenn doch, dann wendest du dich an Dilaver Bey!« »Und wer ist das?« »Ein alter Freund von mir. Von drinnen. Ich gebe dich in seine Obhut.« »Kann man ihm vertrauen?« »Hundertprozentig!« »Dann ist ja gut!« »Aber Kindchen, das Wichtigste hast du vergessen!« »Gewiss nicht. Niemand, aber auch absolut niemand darf von diesem Treffen wissen, außer Ihnen, mir und diesem – wie war doch gleich sein Name – Dilaver Bey?« »Richtig, sehr gut!« »Hasan Bey, ich werde nie vergessen, was Sie da für mich tun! Vielen, vielen Dank!« »Bete dafür, dass wir keinen Ärger bekommen!« »Es wird schon gut gehen … Es weiß ja keiner davon … außer uns.« »Die Wände haben Ohren!«, mahnt Hasan Bey besorgt. »Wenn das herauskommt, geht es dem Gefängnisdirektor an den Kragen.« »Keiner erfährt etwas davon«, entgegne ich und bemühe mich, dass meine Stimme nichts von meiner inneren Unruhe verrät. »Glauben Sie mir, diese Sache heute geht über die Bühne, ohne dass auch nur eine Menschenseele etwas davon mitbekommt.« »Hoffentlich!« »Was ist mit dem Diktiergerät?« »Hol es aus deiner Tasche und gib es mir. Man sollte es nicht bei dir finden. Ich werde mir schon was einfallen lassen.« »Es ist nicht in meiner Tasche. Ich habe es in eine Tüte gesteckt, sie liegt hinten auf der Rückbank. Es wäre gut, wenn ich es dabeihätte, ich kann ja nicht alles im Gedächtnis behalten, und wenn ich mitschreibe, kostet mich das zu viel Zeit.« »Du solltest dankbar sein, dass wir überhaupt so weit gekommen sind!« »Aber das bin ich doch auch! Ich bin Ihnen sogar sehr dankbar. Wenn Sie nicht gewesen wären …« Ich kann sie selbst schon nicht mehr hören, diese ewig gleichen Dankesworte, die ich wahrscheinlich schon zum hundertsten Mal wiederholt habe, und verstumme mitten im Satz.
An der nächsten Kreuzung biegt Hasan Bey rechts ab. Wir fahren noch eine ganze Weile weiter und schweigen wieder. Jeder von uns ist in seine eigenen Gedanken versunken. Später einmal biegen wir links ab, dann fahren wir noch ein kurzes Stückchen weiter, und plötzlich taucht die stacheldrahtbewehrte Betonmauer des Gefängnisses vor uns auf. Mir wird beklommen zumute, ich greife nach meiner Tasche auf der Rückbank, stelle sie auf meinen Schoß und durchwühle sie. Ich kann sie nicht ausstehen, diese Taschen mit ihren Abgründen. Alles, was man darin sucht, verkriecht sich in einer Ecke und ist verschwunden, vor allem dann, wenn man es eilig hat. Ich krame und krame, ertaste mein Asthmaspray und hole es heraus. Ganz fest umklammere ich die Spraydose in meiner Hand. »Nanu! Was hast du denn?«, fragt Hasan Bey. »Wahrscheinlich die Aufregung. Mir ist, als würde ich keine Luft bekommen.« »Ich wusste ja gar nicht, dass du Asthmatikerin bist. Eine Allergie? Reagierst du empfindlich auf Pollen?« »Nein, nein, es ist keine Pollenallergie. Vielleicht tut mir die Luftfeuchtigkeit nicht gut.« »Aber hier im Auto ist es doch gar nicht feucht. Du bist nervös. Sollen wir das Ganze abbrechen?« »Auf keinen Fall!« Der Wagen wird langsamer und kommt vor dem eisernen Tor zum Stehen. Hasan Bey steigt aus, geht zum Tor und betritt sogleich das Wachhäuschen daneben. Ich drücke auf die Spraydose und atme den Strahl ein-, zweimal hastig ein. Hasan Bey kommt zurück und fordert mich auf: »Steig aus und warte hier auf mich! Ich parke das Auto und bin gleich wieder da.«
Ich steige aus dem Auto und warte auf dem Gehsteig. Starr wie eine Statue stehe ich da, gehüllt in ein Kopftuch, das mir vom Scheitel bis zur Taille reicht, und eingeengt in diesen knöchellangen, grauen Mantel. Was für ein schreckliches Gefühl das ist! Als wäre man in einer Festung eingesperrt. Wie kann sich ein Mensch freiwillig hinter solch einer Bastion aus Stoff einkerkern lassen? Warum lassen meine Religionsgenossinnen sich das so geduldig gefallen? Ganz langsam mache ich einen Schritt … dann noch einen und noch einen. Anscheinend kann man sich darin doch vorwärtsbewegen. Nun gehe ich ganz schnell … zwanzig Schritte an der Mauer entlang und zwanzig zurück, immer wieder hin und her, in diesem Aufzug, an den ich mich einfach nicht gewöhnen kann. Der stocksteife Wachtposten beobachtet mich verwundert. Aus dem Tor tritt ein Mann in dunkelblauem Anzug, den Hasan Bey vom Parkplatz aus per Handy über unsere Ankunft informiert haben muss, und begrüßt uns. Ich bin immer noch nicht ganz dahintergekommen, warum alle Beamten, die einen blauen Anzug tragen, sich gleichen wie ein Ei dem anderen. Genau wie all die religiösen Eiferer mit ihren typischen Bärten, ihren runden Gesichtern und ihren listigen Äuglein einander so ähnlich sehen oder die Fußballer mit ihren muskulösen Säbelbeinen und ihren markanten, angespannten Gesichtern oder auch die Abgeordneten mit ihren bürstenartigen Schnauzern. Dieses schmächtige, blassgesichtige Männlein wirkt, als habe es genug von seinem trübsinnigen Dasein als Mitglied der Kaste der Geringverdiener. Mit gleichbleibend unglücklicher Miene spricht der Beamte mit dem Wachmann, der in seinem Häuschen neben dem Eisentor sitzt, und hält ihm einen Zettel hin. Der Wachmann streckt seine Hand durch das kleine Fenster, nimmt unsere Ausweise und gibt uns Identitätskarten zum Anstecken. Der andere Wachmann im Freien öffnet lustlos das Tor. Wir gelangen in einen weitläufigen Innenhof. Ein Areal, wie leer gefegt, ohne einen einzigen Baum, ohne Menschen. Etwas ratlos blicke ich in der Gegend umher. Hasan Bey zieht mich am Ärmel: »Komm, Mädchen!« Während wir uns weiter vom Wachtposten am Tor entfernen, beugt sich Hasan Bey zu dem Mann hinüber und flüstert ihm etwas ins Ohr. Der Beamte in der blauen Uniform nickt immer wieder, schweigt aber. Im Eilschritt passieren wir die Tür des Gebäudes vor uns. Hier befindet sich ein Kontrollpunkt wie an Flughäfen. »Legen Sie Ihre Hand auf das Lesegerät!«, befiehlt ein Beamter. Als er meinen staunenden Blick sieht, ergreift der Mann im blauen Anzug meine Hand und legt sie auf den Scanner. Nach mir lässt auch Hasan Bey seine Hand einlesen. Ich scherze: »Wenn dieses Gerät nun schon mal unsere Hände gelesen hat, dann soll es uns doch auch gleich die Zukunft voraussagen!« Keiner lacht. Hasan Bey tut sogar so, als habe er mich nicht gehört. Hier hat man also stets ernst und traurig zu sein. Ich lege meine Tasche aufs Laufband und möchte den Kontrollpunkt passieren, da werde ich sogleich ermahnt: »Schuhe ausziehen!« Hasan Bey und ich folgen dem Befehl. In Strümpfen gehen wir durch den Kontrollpunkt. Ein Beamter nimmt die Schuhe, untersucht sie innen und unter der Sohle, dann gibt er sie uns zurück. Sowie ich meine Tasche wieder an mich nehme, fragt ein anderer Beamter, der vor dem Durchleuchtungsgerät sitzt, nach meinem Handy. Ich hole es heraus und reiche es ihm. »Das bleibt hier! Wenn Sie wieder gehen, bekommen Sie es zurück!« Eine ziemlich dicke Frau in Uniform, die auf der anderen Seite des Kontrollpunkts wartet, führt mich in eine Kabine. Ich ziehe Kopftuch und Mantel aus und lege beides auf einen Stuhl in der Ecke. Ihre kurzen, dicken Finger gleiten über meinen ganzen Körper. Nachdem sie mir ihre Hand auch zwischen die Beine geschoben hat, sagt sie: »Sie können sich anziehen!« »Die hat mich gar nicht erkannt«, denke ich, während ich das Kopftuch wieder anlege. Dann muss ich innerlich darüber lachen, dass ich mich selbst für so wichtig halte. Warum sollte sie mich denn kennen? Selbst wenn sie die Zeitung lesen würde, für die ich schreibe – das klitzekleine Foto über meiner Kolumne wurde vor fast zehn Jahren aufgenommen. Die jüngsten Fotos von mir haben mir nämlich nicht gefallen, und deshalb gab ich der Zeitung eines, das schon ein paar Jahre alt war. Im Zeitungsdruck kommen zudem meine Haare so dunkel heraus, dass man mich für brünett halten könnte. Aber auch wenn ich so aussehen würde wie auf dem Bild – wie viele Menschen in diesem Land lesen denn schon eine linksgerichtete Zeitung mit dem abschreckenden Namen Synthese, in der neunmalkluge Autoren ihre Kolumnen schreiben? Wie unglaublich naiv, zu befürchten, es könnten mich Leute außerhalb der Zeitung und meines überschaubaren Bekanntenkreises erkennen! Warum nur habe ich Hasan Beys Rat befolgt und mich in diese bizarren Gewänder gehüllt, für den Fall, dass jemand auftaucht, der mich erkennen könnte? Warum?
Weil er alles von mir hätte verlangen können, wenn er nur dieses Treffen arrangiert. Deshalb! Ich hätte jede Art von Kleidung angezogen, ich hätte jeden Preis bezahlt, nur damit er mich hier einschleust und ich mein Interview machen kann. Ich will die Erste sein, die mit dieser politischen Gefangenen spricht, wozu noch niemand vorher Gelegenheit hatte. Ich will ihr entlocken, wie sie fühlt und was sie denkt, will alles über ihren Werdegang erfahren, den Schleier heben, der verbirgt, wie sie privat lebt, will jeden einzelnen Kilometer des Schicksalsweges, der sie bis hierher geführt hat, mit ihr gemeinsam abschreiten. Danach werde ich mich an meinen Computer setzen und den bedeutendsten Artikel meines Lebens schreiben, gespickt mit Liebe, Hoffnung und sogar Sehnsucht. Nur ich allein werde das tun können, aus Gründen, die tief in mir verborgen liegen. Das traue ich mir ohne Weiteres zu, und nebenbei hege ich die kleine Hoffnung, dass ich vielleicht, wer weiß, nach dieser Reportage endlich türkeiweit als Journalistin bekannt werde.
Durch die nächste Tür gelangen wir auf einen Korridor. Der Mann in Blau geht voraus und schließt eine Tür an der rechten Seite auf. Der Raum dahinter sieht aus wie ein Wartezimmer. Wir treten ein und setzen uns einander gegenüber auf Plastikstühle. »Keine Sorge, es wird alles glatt gehen!«, beruhigt mich Hasan Bey und versucht, die leichte Unruhe in seiner Stimme zu überspielen. »Dilaver Bey wird während des Treffens nicht anwesend sein. Du kannst deine Reportage ganz alleine durchziehen. Dagegen spricht doch nichts, oder?« »Natürlich nicht!« Ich kann kaum das Lächeln verbergen, das sich auf meinem Gesicht ausbreiten möchte. Es wäre mir nicht im Traum eingefallen, dass bei diesem Treffen möglicherweise noch eine dritte Person anwesend sein könnte. Du großer Gott, da hatte ich ja noch mal ungeahntes Glück! Was hätte ich bloß gemacht, wenn dieser Dritte, oder auch Hasan Bey, darauf beharrt hätte, während der gesamten Besuchszeit anwesend zu sein, obwohl sie doch gar nicht in diese Welt hineinpassen, die sich nur zwei Menschen gemeinsam erschaffen können? Meine Hoffnung auf diese Zauberwelt wäre sicherlich zerbrochen. »Hasan Bey, machen Sie sich keine Gedanken! So ist es viel besser.« Als ich merke, wie erstaunt er über meine Freude ist, füge ich noch hinzu: »Das ist doch viel intimer, so von Frau zu Frau.« Diesmal tritt einer mit einem grauen Anzug ein. Er und Hasan Bey schütteln sich die Hände und erkundigen sich gegenseitig nach ihrem Befinden. Nach dem Austausch der üblichen Höflichkeitsfloskeln erhebt sich Hasan Bey und legt seine Hand auf meine Schulter. »Ich muss jetzt gehen. Ich übergebe dich Dilaver Bey.« Dieser Mann mit dem feinen, langen, kummervollen Gesicht, der in seinem grauen Anzug wirkt wie eine traurige Regenwolke, nimmt das ihm anvertraute Gut wortlos mit einem Nicken in seine Obhut. Hasan Bey muntert mich noch auf: »Also dann, viel Erfolg, mein Mädchen! Ach, und noch etwas, diese Sache mit dem Diktiergerät habe ich geregelt, sie werden es dir bringen. Um fünf Uhr werde ich wieder am Tor sein, um dich abzuholen. Wenn du früher fertig bist, dann ruf mich einfach an!« Als er mit Dilaver Bey den Raum verlässt, zwinkert Hasan Bey mir noch zu, als wolle er sagen: »Wird schon klappen!« Ich aber bleibe mutterseelenallein in dieser Gefängniszelle zurück. Der kalte Schweiß läuft mir über den Rücken. Glücklicherweise bin ich nicht lange allein, denn kurze Zeit später erscheint Dilaver Bey wieder in der Tür und fordert mich auf: »Bitte folgen Sie mir!« In aller Eile hetze ich in meinen langen Kleidern, die sich mir um die Beine wickeln, hinter diesem Fremden durch den steingepflasterten Korridor des Gefängnisses und höre nichts weiter als meinen Herzschlag und meine Schritte. Und ich habe Angst. Jetzt bin ich doch beunruhigt wegen dieses Treffens, in das ich mich Hals über Kopf gestürzt habe, ohne zu bedenken, was mir alles zustoßen könnte, und ohne auf diejenigen gehört zu haben, die mir davon abrieten. Meine Knie zittern leicht, und ich schwitze unter meinem dicken Mantel. Wir, der Mann in Grau vorneweg und ich dahinter, haben uns auf eine ewig währende Reise durch einen langen, farblosen, steinernen Gang begeben, der kein Ende zu nehmen scheint; so gehen wir dahin, einer hinter dem anderen … weiter, weiter und immer weiter … Mir ist, als hörte ich Hümeyra, wie sie Aşık Veysels Verse singt: »Ich bin auf einem schmalen Pfad … weiß nicht, wie es um mich steht!« Über ausgetretene steinerne Treppenstufen steigen wir ein Stockwerk höher. Dann gehen wir durch einen weiteren, von Lampen erhellten Korridor. Plötzlich bleibt Dilaver Bey stehen und steckt einen Messingschlüssel, den er aus seiner Tasche geholt hat, in das Schloss einer der Türen auf der linken Seite.
Als er den Schlüssel herumdreht, springt die Tür auf. Er lässt mich eintreten und bittet mich zu warten. Ich möchte so vieles fragen, aber Hasan Bey hat mir eingeschärft, so wenig wie möglich, am besten gar nichts zu sagen, also halte ich mich zurück. »Hier wird Sie niemand stören«, sagt Dilaver Bey. Er legt mein Diktiergerät, das er aus seiner Tasche gezogen hat, auf den Tisch und weist mich an: »Stecken Sie das vorläufig noch ein. Später, wenn Sie es brauchen, können Sie es benutzen!« »In Ordnung«, entgegne ich und werfe das Gerät hastig in meine Tasche. Dilaver Bey geht hinaus und macht die Tür hinter sich zu. Ich hoffe, dass er mich nicht eingeschlossen hat. Erst möchte ich aufstehen und es überprüfen, lasse es dann aber doch sein, damit mich nicht der Schlag trifft, wenn er doch abgesperrt haben sollte.
Der kleine Raum ist so gut wie leer. In der Mitte steht ein hölzerner Tisch mit vier Stühlen. Die von der Decke baumelnde nackte Glühbirne wirft einen fahlen Lichtschein auf den Tisch. Ich ziehe das Tuch vom Kopf, richte mir das Haar und ziehe auch den langen Mantel aus, bleibe in Rollkragenpulli und Rock. Ach, was für ein gutes Gefühl, endlich wieder man selbst zu sein! Meine Angst lässt allmählich nach. Ich lege das schwarze Kopftuch zusammen, stecke es in die Tasche und ziehe mein Heft und die Stifte heraus. Außerdem lege ich noch die Zigaretten auf den Tisch, die ich in den Tiefen der Tasche in einer Plastiktüte verstaut hatte. An jeder Tischseite steht ein Stuhl, und ich setze mich auf den, von dem aus ich die Tür im Blick habe. Ich warte.
Die Warterei zieht sich hin. Jede Sekunde kommt mir wie eine Stunde vor. Die Zeit vergeht einfach nicht. Hier drinnen ist nicht der geringste Laut zu hören. Eine unerträgliche Stille. Jenseits der dicken Gefängnismauern fließt das Leben weiter – in diesem kleinen Raum gibt es nur einen Tisch, vier Stühle und die stehen gebliebene, erstarrte Zeit, sonst nichts. Man hört keinen Wind, keinen Regen, keinen Straßenlärm. Außer meinem Atem keine Spur von Leben. In dieser Gefängniszelle wäre es nicht einmal möglich, den Flügelschlag eines Vogels zu hören, der sich auf einem Fenstersims niederlässt, denn hier gibt es überhaupt kein Fenster. Auf dem Korridor geht entweder niemand, oder man kann auch die Schritte von hier drinnen nicht wahrnehmen. Ich versteige mich in das Gefühl, dass man mich mit unendlicher, heimtückischer Stille bestraft, da ich auf nicht ganz legale Art und Weise hier hereingekommen bin, und denke: »So also fühlt man sich in Gefangenschaft.«
Gefangenschaft – an einem Ort festzusitzen, wo das Leben stockt, die Zeit erstarrt und die Farben verblasst sind. Wie bedeutsam für mein Leben doch der nervtötende Lärm ist, der mich sonst immer in den Wahnsinn treibt! Ich wünschte, ein Kind würde kreischen, irgendeiner würde mit Türen schlagen, das Radio würde rauschen, die Straßenhändler ihre ohrenbetäubenden Rufe durch die Gegend schreien oder ungeduldige Autofahrer gestresst auf ihre Hupen drücken. Wenn nur irgendwo eine Waschmaschine brummen, eine Wasserleitung quietschen oder ein undichter Hahn tropfen würde! Könnte denn jetzt nicht meine Putzfrau hier auftauchen und mir von den Rückenschmerzen ihrer Schwiegermutter oder ihren absurden Träumen erzählen, die mich eigentlich nicht im Geringsten interessieren? Anscheinend bleibt die Zeit stehen, sobald die alltägliche Klangkulisse ausbleibt, an die ich mich gewöhnt habe, ohne sie bewusst wahrzunehmen, und ohne die sich der Raum rasend schnell auf zwei Dimensionen reduziert. Wie betäubt warte ich in diesem beklemmenden Raum, erstarrt in der still stehenden Zeit.
Draußen sind Schritte zu hören. Ich spitze meine Ohren wie ein Hund und lausche. Jemand macht die Tür auf, steckt den Kopf herein und sieht zu mir herüber, dann zieht er die Tür wortlos wieder zu und geht davon. Also war die Tür nicht abgeschlossen! Mir ist etwas wohler. Die Schritte entfernen sich. Wieder umfängt diese absolute, undurchdringliche Stille den Raum. Kein Laut, keine Farbe, nichts rührt sich. Ich bleibe in meinen beigefarbenen Kleidern reglos auf dem Stuhl sitzen, so als wäre ich nicht lebendig, sondern auf eine Fotografie gebannt. Plötzlich dröhnt mir mein Magenknurren wie Donnergrollen in den Ohren. Ah, ein Lebenszeichen! Erfreut lege ich die Hand auf meine Brust und verfolge aufmerksam meinen Herzschlag. Ob ich wohl auch fühlen könnte, wie das Blut durch meine Adern strömt, wenn ich nur ganz genau darauf achte? Bisher war mir gar nicht bewusst, welch schwere, unerträgliche Last es für den Menschen sein kann, mit sich selbst allein zu sein. Mein Gott, bin ich, indem ich freiwillig hier hereingestapft bin, jetzt selbst zur Gefangenen geworden? Hat man, trotz aller Vorsicht und Diskretion, doch herausgefunden, dass ich hier in diesem Zimmer eine politische Gefangene treffe, und mich nun auch inhaftiert zwischen diesen Steinmauern? Nimmt denn dieses Warten nie ein Ende?
Ich starre auf die Tür und überlege, ob sie sich vielleicht nur von außen, aber nicht von innen öffnen lässt. Wieder erfasst mich Panik. Ich springe von meinem Platz hinüber und hantiere am Türknauf. Die Tür springt auf. Ich glotze in den langen, vollkommen leeren Korridor und kehre wieder an den Tisch zurück. Eingesperrt bin ich also nicht! Obwohl ich erleichtert bin, kommt es mir immer noch so vor, als würde mir eine unsichtbare Hand die Kehle zudrücken. Ich habe Angst, schließe meine Augen, atme tief durch und bete still: »Lieber Gott, bitte steh mir bei!«, denn ich weiß, dass dies meine letzte Chance ist. Wenn ich dieses Interview nicht zustande bringe, verliere ich möglicherweise meinen Job. Es ist die letzte Chance, mir meine Kolumne auf der Seite fünf meiner Zeitung nicht von diesen langhaarigen und langbeinigen jungen Frauen entreißen zu lassen, die von ihren Laufstegen abtreten und von Bildschirmen hüpfen und wie ein Sturm in die Zeitungslandschaft einbrechen. Auch ich war einmal so eine langbeinige, langhaarige Blondine, aber bedauerlicherweise waren diese Magazin- und Zeitungsspalten damals ausschließlich den renommierten Autoren vorbehalten, die sie bereits Jahre zuvor unter sich aufgeteilt hatten. Allesamt Männer, die eine spitze Feder hatten und nie die Zeitung wechselten. Um sich in einer dieser Kolumnen einnisten zu können, musste man ein Mann sein, und man musste warten, bis der Inhaber einer Kolumne starb. Zu der Zeit, als die Kolumnisten diese Privilegien verloren, bröckelte bei mir allmählich der Lack ab. Und siehe da, das ungerechte Schicksal wollte es, dass gerade, als es mir gelungen war, mir als Autorin einen Namen zu machen, die Zeitungsspalten plötzlich den raffinierten und hübschen Dingern offenstanden. Deshalb muss ich den Stier bei den Hörnern packen, um meinen Platz halten zu können. Und eben deswegen bin ich hier, um den Stier bei den Hörnern zu packen. Einzig und allein aus diesem Grund habe ich mich seit Monaten schier zerrissen vor Eifer, um dieses Treffen zu arrangieren. Ich habe alles Mögliche in Kauf genommen, habe alle Fäden gezogen und Hasan Beys Vertrauen gewonnen, der ein Schwager des Gefängnisdirektors und selbst auch pensionierter Polizeibeamter ist. Ich bin mir darüber im Klaren, dass es ganz unabdingbar ist, etwas Besonderes zu leisten, um meine Position halten zu können. Denn meine Arbeit zu verlieren, würde ich nicht verkraften. Ist das alles? Geht es wirklich nur darum, ein interessantes und schwieriges Interview zu führen? Nein, da gibt es ja noch einen anderen Grund, warum ich hier bin, einen Grund, der rein gar nichts mit materiellen oder beruflichen Dingen zu tun hat.
Aber wenn sie nicht kommt, wenn sie das Ganze sausen lässt? Ein eisiger Schauer läuft mir über den Rücken. Nein, nein, sie wird schon kommen. Mit Sicherheit, und diese Begegnung wird ein Wendepunkt für mich sein. Wie ein Stern werde ich strahlen. Alle Welt wird über diese Reportage sprechen. Im kommenden Jahr wird man mir wahrscheinlich den Journalistenpreis verleihen. Vielleicht eröffnet mir diese Artikelserie ja auch ein neues Jobangebot. Irgendwie, irgendwo und irgendwann muss sich doch mein düsteres Schicksal einmal zum Besseren wenden. Wenn ich nach Hause komme, möchte ich nicht wieder im Spiegel in mein unglückliches, müdes Gesicht sehen und sagen müssen: »Wieder nichts, auch das hast du nicht geschafft, Nevra!« Denn ich habe meine Erfolglosigkeit endgültig satt, habe genug davon, eine Versagerin zu sein. Ich bin eine Idiotin, die mutwillig ihre Ehe zerstört hat, die aufgrund eigener Fehler erst ihren Mann, dann ihren Traumjob und schließlich auch noch ihr Kind verloren hat. Eine Versagerin, die nichts zu Ende bringen kann, eine total Bekloppte, die es nicht schafft, einen Mann, ja nicht einmal einen Geliebten zu haben. Wenn ich die Sache heute vermassle, wenn ich aus diesem Interview, für das ich tausend Saltos geschlagen und wer weiß wie viele Strippen gezogen habe, wieder nichts mache, wenn ich dann gezwungen sein werde, meinen Computer abzubauen, meine wenigen persönlichen Habseligkeiten zusammenzupacken und auszuziehen aus meinem Büro im siebten Stock des lang gestreckten Gebäudes an der Istanbuler TEM-Autobahn, das zu den ohne Baugenehmigung hochgezogenen Apartmenthäusern hinausgeht, also mit Aussicht auf die »türkische Realität« – werde ich dann nicht zu guter Letzt die einzige Verbindung kappen, die mich im letzten Jahr am Leben gehalten hat? Was bleibt mir dann noch, woran ich mich festhalten könnte? Was? Mein Gott, hilf, dass dieses ostanatolische Dorfmädchen, das heute von den einen als Terroristin geschmäht, von anderen als Heilige verehrt wird, weil es, durch die politischen Umstände in eine bedeutende Rolle gedrängt, zum Star der letzten Jahre geworden ist, zu mir kommt und mit mir spricht. Mit mir spricht und mein Schicksal verändert.
Warum kommt sie denn nicht? Warum verspätet sie sich so? Hat sie das Recht, meine Zeit so zu vergeuden, da doch jede Sekunde so wertvoll ist wie Gold, ja sogar wie ein Brillant? Kurz zuvor habe ich mich noch beklagt, dass die Zeit nicht vergeht, und als wolle sie mich nun verhöhnen, rast sie mir plötzlich davon. Mit aller Macht möchte ich sie nun gerne aufhalten. Ich befürchte, dass die Zeit nicht ausreichen wird für all die Fragen, die ich seit Tagen vorbereitet habe, und die Antworten darauf. Dann reicht sie eben nicht, ich gebe jedenfalls mein Bestes. Ich werde so viel Zeit herausschlagen wie möglich, denn mir ist klar, dass ich nicht noch einmal hier hereinkommen werde. Wenn sie nur endlich käme! Sie soll jetzt kommen! Aber sie kommt einfach nicht. Großer Gott, hat sie womöglich einen Rückzieher gemacht? Warum taucht sie denn nicht auf?
Als ich, um meine Aufregung zu unterdrücken, mit schnellen Schritten um den Tisch herumgehe und versuche, in Gedanken meine Fragen zu sortieren, keimt eine weitere Befürchtung in mir auf: Was, wenn sie zwar kommt, aber ich das Gespräch nicht so steuern kann, wie ich möchte? Oder wenn sie auf meine Fragen nicht antwortet oder abweisend reagiert? Oder noch schlimmer: Sie ist abweisend, ich lasse meine Rollläden herunter und ziehe mich zurück, so wie immer, wenn ich sauer bin. Oder es kommt der Moment, in dem ich es so satthabe, mich zu beherrschen oder nachzugeben, dass ich mich, ohne es zu wollen, dazu verleiten lasse, zu sagen: »Ganz wie du willst, Zeliha Bora, bis hierher und nicht weiter, mir reichts!« Denn bei mir ist alles möglich, das ist alles schon mal vorgekommen. Und wie oft schon … Wenn mir das Blut in den Kopf steigt, kann ich nicht mehr dafür garantieren, was ich von mir gebe.
»Huch!« Vom Öffnen der Tür überrascht, fahre ich hoch. In der Tür erscheint Zeliha Bora mit tiefschwarzen Augen, einem dunkelbraunen, leicht ins Rötliche spielenden Pagenkopf, in erschöpfter, aber würdevoller Haltung. Hinter ihr steht Dilaver Bey. Erst mache ich eine unwillkürliche Bewegung, die Gefangene zu umarmen, habe mich aber gleich wieder im Griff. »Haben wir Sie erschreckt?«, fragt Dilaver Bey.
Als wäre ich hier die Gastgeberin, strecke ich die Hand aus und sage zu Zeliha Bora: »Herzlich willkommen!« Wie bescheuert von mir!
»ICH heiße SIE herzlich willkommen!« Zeliha Boras Stimme klingt heiser, als wäre sie erkältet. Ich habe eine höhere Stimme erwartet. Jetzt liegt ihre Hand in meiner. Sie hält meine Hand fest umschlungen, genau wie ich die ihre. Das ist gut. Ich mag die Leute nicht, die einem nur mit den Fingerspitzen lasch die Hand geben. Wir stehen einander gegenüber und mustern uns gegenseitig. Sie scheint wesentlich ruhiger zu sein als ich. Obwohl ich ganz flache Schuhe angezogen habe, bin ich einen Kopf größer als sie. Erstaunlich!
»Vielen Dank, dass Sie bereit sind, mit mir zu sprechen.« »Die Zeit ist reif dafür, mich mit jemandem zu unterhalten.« Während sie sich setzt, bietet sie mir mit einer Geste auch einen Platz an. Ich setze mich ihr gegenüber. Bevor Dilaver Bey den Raum verlässt, sagt er noch: »Ich bin in der Nähe, für den Fall, dass Sie irgendetwas brauchen.« »Danke!« Der Mann geht hinaus. Wir sehen uns an, zwei annähernd gleichaltrige Frauen, Zeliha Bora und Nevra Tuna, die einander an einem Tisch gegenübersitzen.
»Ich lese gerne Ihre Artikel«, meint sie lächelnd. »Danke sehr.« Zeliha Bora hat einen leicht ostanatolischen Akzent und einen kaum wahrnehmbaren geringschätzigen Zug um den Mund. Weil wir beide nicht wissen, was wir sagen sollen, schweigen wir erst einmal. »Über die Haftbedingungen haben Sie sich nicht zu beschweren, oder?«, frage ich dann, nur damit etwas gesagt ist. Kaum sind die Worte über die Lippen, bereue ich es auch schon. Was für eine blödsinnige Frage! Was könnte ich schon tun, wenn sie sich tatsächlich beschweren würde. »Nein«, antwortet sie. Ich spreche weiter: »Bis gestern Abend war noch nicht eindeutig klar, ob diese Unterredung wirklich stattfinden kann. Erst spätnachts hat Hasan Bey dann angerufen, sonst wäre ich nicht mit leeren Händen zu Ihnen gekommen. Wenn Sie irgendetwas brauchen, werde ich mich bemühen, es Ihnen zu bringen!« »Danke, aber ich brauche nichts. Ich will hier nur so schnell wie möglich raus.« »Das wird auch geschehen. Schon bald, sehr bald.« »Hoffentlich …« »Sie wissen doch, dass dafür mit großer Anstrengung gekämpft wird. Es werden Unterschriften gesammelt und Briefe geschrieben.« »Das habe ich gehört.« »Damit kann man bestimmt etwas erreichen.« »Wir wollen es hoffen.« »Zeliha Hanım, da unsere Zeit sehr begrenzt ist … Sie wissen doch, dass unser Treffen von einer sehr einflussreichen Persönlichkeit arrangiert wurde … Wir werden uns wahrscheinlich kein zweites Mal treffen …« »Ich weiß.« »Wollen Sie gleich anfangen zu erzählen? Vielleicht beginnend mit Ihrer Kindheit, Ihrem Dorf, Ihrem Stamm …« »Wenn wir so weit zurückgehen, dann werden wir wahrscheinlich nicht mehr zu dem Grund kommen, warum ich hier drin bin.« »In diesem Artikel soll auch Ihr Werdegang zur Sprache kommen, es soll kein Text sein, der nur voller politischer Botschaften steckt.« »Meine politischen Ansichten sind es aber, die mich zu dem machen, was ich bin.« »Aber zweifelsohne spielt auch Ihre Lebensgeschichte eine Rolle dabei, wie Sie zu dieser politischen Identität gekommen sind.« «Da unsere Zeit so kurz bemessen ist, halte ich es für reine Zeitverschwendung, Ihnen von meiner Kindheit zu erzählen. Diese Informationen können Sie sich auch ohne Weiteres von anderen beschaffen.« »Ich würde sie aber gern von Ihnen selbst hören. Zum Beispiel was für ein Gefühl es ist, ein Kind zu sein, das mit drei verschiedenen Müttern aufwuchs, oder welchen Einfluss die Stammestraditionen auf Sie hatten. Das kann mir doch kein anderer vermitteln.« »Sie haben Ihre Hausaufgaben gut gemacht. Wenn Sie das alles herausgefunden haben, wissen Sie doch sowieso über meine Kindheit Bescheid.« »Ja, ich weiß, dass Sie als Mädchen eines Stammes in einer kinderreichen Großfamilie ohne Vater, aber mit drei Müttern groß geworden sind.« »Na also, wenn Sie das auch schon wissen, dann können wir das Kapitel Kindheit doch überspringen.«
Ich spüre, dass ich gegen ihren Widerstand nichts ausrichten kann. Dabei sind es gerade ihre Kindheitserinnerungen, die ich aus ihrem Mund hören wollte. Vielleicht kann ich ihr später dazu noch etwas entlocken. »Also gut, überspringen wir die Kindheit, kommen wir zu Ihrer Jugend. Sie haben sehr jung geheiratet. Ich glaube, es war jemand, den Ihre Familie nicht akzeptiert hat. Später haben Sie sich von Ihrem ersten Mann getrennt und einen Mann geheiratet, der wesentlich älter ist als Sie. Warum haben Sie sich von Ihrem ersten Mann scheiden lassen? Wollte Ihre Familie die Scheidung?« »Nein. Ich hatte meinen Fehler eingesehen und kehrte nach Hause zurück.« »Oder hat Sie etwa Ihr Stamm dazu gezwungen?« »Ich habe doch gerade gesagt, dass mich niemand dazu gezwungen hat. Ich bin freiwillig zurückgegangen. Ich habe mich nicht mit ihm verstanden.« »Wer hat Ihren jetzigen Ehemann für Sie ausgesucht?« »Die Familie hielt ihn für den Richtigen.« »Um Sie zu bestrafen? Wegen Ihrer ersten Ehe?« »Das ist eine schwere Beleidigung für meinen Mann. Ich war immer stolz darauf, seine Frau zu sein.« »Aber zwischen Ihnen beiden besteht ein gewaltiger Altersunterschied.« »Na wenn schon. Er war gut zu mir und hat mich glücklich gemacht.« »Aber es war keine Liebesheirat …« »In der Liebesheirat habe ich nicht das finden können, was ich suchte. Bei arrangierten Ehen entwickelt sich die Liebe mit der Zeit und wird viel stabiler.« »Zeliha Hanım, ich bin hierhergekommen, um Sie in allen Ihren Facetten kennenzulernen und zu beschreiben. Das ist auch nicht ganz ungefährlich für mich …« Als ich bemerke, wie sie mich ansieht, höre ich mitten im Satz auf zu sprechen. Meine Güte, ich kann doch einer Frau, die seit Jahren im Gefängnis sitzt, nicht vorhalten, dass ich mich für ein Interview von ein paar Stunden irgendwelchen Gefahren aussetze. Ich räuspere mich und sage: »Ich möchte, dass wir ohne Hintergedanken, ganz frei von der Leber weg miteinander sprechen. Lassen Sie uns einmal die Gründe, die uns hier zusammengeführt haben, genauer unter die Lupe nehmen. Lassen Sie uns das, was offiziell nicht gelöst werden kann, unter uns zwei Frauen lösen. Und diese Lösung wollen wir in unserem Artikel aufscheinen lassen …« »So, wir sollen also die Welt retten?« »Die Welt nicht, aber vielleicht uns, das Land, unser Volk.« »Sie glaubens wohl wirklich!« »Ich glaube fest daran, dass sich jedes Problem durch unsere Kommunikation und gegenseitige Annäherung lösen lässt.« »Wenn sich doch nur jedes Problem allein durch gegenseitige Annäherung lösen ließe!« »Ich bin nur eine gewöhnliche Journalistin, aber es gibt Millionen von Menschen in diesem Land, die genauso denken wie ich. Menschen, die keinen Krieg und keinen Streit wollen, die gegen das Töten und die Unterdrückung sind und die dafür sind, dass, wer will, seine Muttersprache frei sprechen und in Radio und Fernsehen hören kann. Zu diesen Menschen zähle ich auch, und ich werde für sie zum Sprachrohr.« »Und wohin gehen diese Millionen von Menschen, wenn Wahlen sind? Warum werden wir immer nur von denjenigen regiert, die nicht für eine Lösung sind? Warum bringt die Nation immer diejenigen an die Macht, die für Krieg und Streit sind?« »Zeliha Hanım, ihr habt doch eine große Chance bekommen, eure Probleme im Parlament ohne Krieg und ohne Streit zu lösen. Es war euer Fehler, sie nicht zu nutzen …Was ich damit sagen will, ist, dass es auf beiden Seiten Leute gibt, die Fehler machen.« »Sie stimmen mir also darin zu, dass wir in zwei Lager geteilt sind, oder nicht?« »Ich glaube an den Einheitsstaat. Sprache und Religion in diesem Einheitsstaat können differieren, so wie es ja auch in Amerika ist. Aber ich kann nicht akzeptieren, dass sich die Menschen in diesem Land gegenseitig als Feinde betrachten, und nie und nimmer, dass sie sich bekriegen.« »Aber sie stehen sich weiterhin feindlich gegenüber, und Krieg gibt es auch, nicht wahr? In Häusern finden Razzien statt, ganze Dörfer werden entvölkert, Menschen werden erniedrigt und gefoltert oder finden einen gewaltsamen Tod, und manche werden in ihren Hotelzimmern abgefackelt. Für all das gibt es Beweise.« »Stimmt, Zeliha Hanım, ich gebe Ihnen recht, und ich schäme mich dafür, habe selbst Gewissensbisse. Aber genau wie Sie kann auch ich davon berichten, dass Dörfer überfallen und Männer an die Wand gestellt werden, Häuser mit Alten und Kindern darin in Brand gesteckt werden, Straßen vermint und unschuldige junge Männer beschossen werden, die nur ihren Wehrdienst ableisten. Baumaschinen, die in diese Region kommen, um Straßen und Gebäude zu errichten, werden in die Luft gesprengt und Lehrer umgebracht. Und Menschen, die sich an solchen fürchterlichen Aktionen nicht beteiligen, werden von ihren eigenen Leuten gefoltert. Ist es nicht so? Auch ich kann das alles mit Dokumenten und Fotos beweisen. Um es auf den Punkt zu bringen: Keiner hat eine weiße Weste. Deshalb sollten wir, wenn Sie damit einverstanden sind, gar nicht erst mit all diesen Schuldzuweisungen beginnen. Lassen Sie uns lieber nach vorne schauen, was meinen Sie?« »Wenn man für die Unabhängigkeit kämpft, gehören doch kriegerische Auseinandersetzungen, Gewalt und Tod dazu.« »Aber wenn sich ein Staat dagegen wehrt, dann ist das alles nicht normal, oder wie?« »Das schon. Aber Menschen ihre eigene Scheiße fressen zu lassen, so etwas ist nicht hinnehmbar, auch nicht, wenn es sich um den schrecklichsten Feind handeln würde. Eine Gesellschaft, die mit so etwas einverstanden ist, hat kein Fünkchen Ehre und Gewissen mehr. « »Lasten Sie die individuellen Praktiken einiger Perverser doch nicht der gesamten Gesellschaft an, Zeliha Hanım. Jeder vernünftige Mensch und sämtliche Institutionen haben das, was Sie da vorbringen, entschieden abgelehnt. Wenn man von gesellschaftlicher Moral spricht, darf man nicht mit zweierlei Maß messen. Gibt es denn Ihrer Meinung nach noch ein Gewissen in einer Gesellschaft, in der sich unter den zig anwesenden Händlern kein einziger Augenzeuge findet, wenn ein Polizist vor den Augen seines eigenen Kindes mitten auf dem Marktplatz umgebracht wird? Ich weiß nicht, ob Sie sich erinnern – am Fuße des Berges Cudi wurden Kinder getötet. Meine Zeitung ließ mich die Bildunterschriften für das Foto von ihren Leichen verfassen. Wissen Sie, wie alt diese Kinder waren? Eines der Mädchen war acht, das andere neun und der kleine Junge drei Jahre alt. Beim Überfall auf das Dorf B. beispielsweise reihte man die Männer vor der Mauer der Moschee auf und mähte sie vor den Augen ihrer Kinder, Frauen und Mütter nieder. Nannten Sie so etwas nicht gerade eben noch ›Unabhängigkeitskampf‹?« Zeliha Bora bekommt einen feindseligen Gesichtsausdruck, und ihre schwarzen Augen blitzen auf. »Darf ich Sie etwas fragen?« »Nur zu!« »Wer hat Sie geschickt?« »Wie bitte?« »In wessen Auftrag sollen Sie mich treffen? Für wen werden Sie in Ihrer Kolumne bellen?« Nun ist passiert, wovor ich Angst hatte. Am Glühen meiner Ohren und am Zucken meines rechten Auges merke ich, wie mir das Blut in den Kopf steigt. Ab jetzt, das ist mir klar, kann ich für nichts mehr garantieren, was aus meinem Mund kommt. Der Dämon, der in mich fährt, wird eine Schimpfkanonade von sich geben, und bald darauf werde ich mich auf dem Gang wiederfinden und auf die Ausgangstür zuhasten – ohne Reportage!
»Hören Sie mal gut zu! Niemand hat mich geschickt. Ich mache auch für niemanden den Berichterstatter oder den Hund. Ich bin Journalistin, und ich möchte Ihre Lebensgeschichte zu Papier bringen. Ich habe gedacht, bei dieser Gelegenheit könnten wir uns zusammensetzen und mit weiblichem Einfühlungsvermögen nach einer Lösung für die Probleme zwischen Türken und Kurden suchen. Ich bin aus eigenem Antrieb hierhergekommen. Ich könnte nicht einmal behaupten, dass die Zeitung hinter mir steht. Das Einzige, was ich dafür bekomme, wenn ich diese Reportage mache und sie gedruckt werden sollte, ist ein bisschen Geld. Ich bin nicht so ein kämpferischer Mensch wie Sie, sondern lediglich eine Journalistin, die recherchiert. Und obwohl Sie so krampfhaft an der Unterscheidung von ›wir‹ und ›ihr‹ festhalten, habe ich aus persönlichen Gründen Zuneigung für ›euch‹, ja, ich respektiere sogar ›euren‹ Kampf. Was mich aber von ›euch‹ unterscheidet, ist, dass ich unabhängig bin. Deswegen kann ich die Vorgänge objektiv betrachten.« Meine innere Stimme mahnt: »Komm wieder runter, Nevra, verpatze die Sache nicht!« Aber wie immer dringt mein Verstand nicht bis zu meinem Mundwerk durch. Werde ich denn nie Vernunft annehmen, nie etwas dazulernen? Zeliha Hanım fällt mir ins Wort: »Also, weil Sie unseren Kampf achten und uns mögen, regen Sie sich jetzt so auf und klagen uns an?«
Ihr allmählich härter werdender ostanatolischer Akzent sagt mir, dass auch sie nun gereizt ist. Dieser Akzent, der ihr Unbehagen zeigt, wirkt auf mich entspannend, beruhigend, und ich antworte ihr: »Sie glauben also nicht, dass ich es gut meine? Schade! Wer hat euch so aufgehetzt, auf wen seid ihr hereingefallen, und warum musste es so weit kommen, wenn es doch möglich wäre, sich zu verständigen? Ach, wenn ihr doch einsehen würdet, dass wir keine anderen Freunde haben als uns selbst. Wenn wir keine Verständigung hinkriegen, verlieren wir beide Seiten.« »Machen wir uns doch nichts vor, Frau Journalistin. Etwas, wie ein ›wir‹ gibt es nicht. Wir wissen doch beide, wer wir sind und was wir wollen. Und wir wissen beide, was unser Auftrag ist.« Da unterbreche ich sie: »Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich keinen Auftrag habe im Gegensatz zu Ihnen. Sie können die Last auf Ihren Schultern nicht so einfach ablegen. Sie können gar nicht so frei sein wie ich, können nicht sagen, was Ihnen auf dem Herzen liegt. Ich habe ja ganz vergessen, dass Sie immer noch gezwungen sind, für jedes Wort Rechenschaft abzulegen, das Sie irgendjemandem gegenüber fallen lassen. Entschuldigen Sie bitte, ich sollte Sie nicht nötigen, immerhin haben Sie eine Mission.« »Ja, aber sicher.« »Dann erläutern Sie mir doch bitte diese Mission!« »Die Freiheit meines Volkes …« »Halten Sie es für richtig, das Volk zu trennen‚ in die ›euren‹ und die ›unseren‹? Wer von uns, der gesunden Menschenverstand hat, will denn nicht die Freiheit für jeden, der innerhalb unserer Landesgrenzen lebt?« »Mich interessiert in erster Linie mein eigenes Volk.« »Ist dieses Volk etwa nicht auch mein Volk? Leben wir nicht auf ein und demselben Boden?« »Dass ich nicht lache!« »Wir mögen verschiedene Muttersprachen haben, aber wenn wir seit Jahrhunderten eng miteinander zusammenleben konnten, Zelha… äh … Zeliha … darf ich Sie Zeliha nennen?« »Das dürfen Sie, meine liebe Nevra Hanım, gerade weil Sie ›uns‹ doch so sehr lieben.«
Ich tue so, als hätte ich ihren Spott nicht verstanden, und sage: »Wollen Sie nicht auch das förmliche Hanım einfach beiseitelassen?« Als keine Antwort kommt, fahre ich fort: »Wenn wir doch untereinander heiraten konnten, Nachbarn sein konnten, engste Freunde werden konnten …« »So? Waren wir das denn je?«, fragt sie spöttisch. »Etwa nicht?« »Nein.« »Im Befreiungskrieg haben wir doch Schulter an Schulter gekämpft.« »Ach, das erkennen Sie an!« »Aber natürlich. Wenn wir guten Willens sind, dann können wir im Laufe der Zeit alles nach und nach bewältigen. Wir sind ja ohnehin schon dabei.« »Tatsächlich, meine Liebe?« »Doch.« »Was zum Beispiel ist denn schon bewältigt?« »Das Sprachproblem steht vor der Lösung.« »Nachdem wir so viele Jahre für das Sprechen unserer Sprache drangsaliert worden sind.« »Erst letzte Woche war ich in Ostanatolien. Die Dörfer waren voll von Frauen und Kindern, die kein Türkisch sprachen. In manchen Dörfern fand sich kein Einziger, der Türkisch kann. Wie unterhalten die sich miteinander, was meinen Sie?« »Nevra Hanım, wollen Sie mich auf den Arm nehmen? Sie wissen sehr gut, was ich sagen will, Sie wissen sehr gut, dass ich von unseren Kulturrechten spreche. Aber ihr seid doch alle gleich. Ihr habt euch daran gewöhnt, wie Olivenöl immer oben zu schwimmen.« »Wir haben Fehler gemacht. Richtig. Aber jetzt versuchen wir unsere Fehler zu korrigieren.« »Nicht mal unsere Namen habt ihr in Ruhe gelassen. Über Jahre durften wir unseren Kindern nicht die Namen geben, die wir wollten. Der Name in meinem Personalausweis zum Beispiel ist nicht der Name, den mir meine Eltern gegeben haben, sondern der, den der Standesbeamte für passend hielt.«
Ein leichtes Herzstechen durchzuckt mich, ich mache einen kurzen Ausflug in meine Kindheit, ganz schnell, wie ein kurzer Schwindel nur. «Eine sehr unsinnige Vorgehensweise. Aber das ist alles Vergangenheit.« »Nur weil Europa Druck gemacht hat. Wenn ihr diesen Traum nicht hättet, in die EU einzutreten, dann wäre noch keines der Probleme gelöst worden.« »Aufs Ergebnis kommt es an. In diesem Land gibt es Menschen, Gruppierungen, Organisationen und Parteien, die sich im Namen der Demokratie gegen das, was bisher erreicht wurde, auflehnen. Dennoch können wir über solche Dinge jetzt frei sprechen. Sagt das nichts?« »Natürlich tut es das, aber nach so viel Zerstörung …« »Habt ihr an dieser Zerstörung etwa keinen Anteil?« »Sind wir jetzt also wieder am Anfang?«, schreit sie mich wütend an. »Es liegt nicht in meiner Absicht zu streiten, aber es führt doch zu keiner Lösung, die Dinge nur einseitig zu betrachten. Ruft man denn in dem Land, in dem man lebt und dessen Teil man ist, pausenlos zur Revolte auf? Ist nicht der Staat zu seinem eigenen Schutz dazu gezwungen, Maßnahmen gegen irgendwelche Leute zu ergreifen, die auf diese gottlosen ›Giaurenstaaten‹ hören und ständig Verrat begehen? Oder liege ich da falsch?« »Sie sagen ›Giaurenstaaten‹, aber leider sind es die Einzigen, die uns beschützen und die für unsere Freiheit kämpfen.« »Da haben Sie recht, doch ich möchte Sie an etwas erinnern … Vorher aber möchte ich mich für den Begriff ›Giauren‹ entschuldigen. Das ist ein Wort, das man aus Gewohnheit in den Mund nimmt, aber ich meine das nicht im religiösen Sinn. Lassen Sie mich statt ›Giaurenstaaten‹ lieber ›westliche Mächte‹ sagen. Diese Länder tun keinem Menschen Gutes nur wegen seiner schönen schwarzen Augen und Augenbrauen. Wenn die euch jetzt beschirmen und beschützen, dann nur aus Eigeninteresse. Was sie euch heute mit dem Löffel geben, versuchen sie morgen mit der Kelle zurückzuholen. Vertrauen Sie ihnen nicht allzu sehr, Zeliha Hanım.« »Wem soll ich denn dann vertrauen?« »Vertrauen Sie Ihren Landsleuten, die sich dafür einsetzen, die Demokratie zu festigen.« »Meine Landsleute haben mich hier eingelocht.« »Zu Fehlentscheidungen kommt es in jedem Land. Es genügt, wenn man seine Irrtümer revidieren kann.« »Soll ich also weiter hier sitzen und darauf warten, bis ihr gute Laune habt?« »Nicht darauf, dass irgendwer gute Laune hat, das hat natürlich keinen Sinn, aber man sollte abwarten, wie der Prozess weiter verläuft.« »Und Sie sind also angeblich nicht gekommen, um sich mit mir zu streiten oder mir zu drohen.« »Ich habe Ihnen doch nicht gedroht.« »Das haben Sie.« »Nein, habe ich nicht.« »Sie benehmen sich aber so, als wollten Sie mich einschüchtern. Was Sie mir eigentlich sagen wollen, ist doch Folgendes: Wenn ihr aufsässig seid und nicht macht, was wir wollen, dann führen wir eben wieder unsere Verbote ein.« »Wer bin ich schon, dass ich solch eine Drohung ausstoßen könnte? Darf ich Sie einmal fragen, wie Sie zu dieser Auffassung kommen?«, und dabei denke ich insgeheim, dass die Bevölkerung in diesem Land schon eine ganz schöne Portion Paranoia mitbekommen hat, ganz unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit. »Wenn ich wüsste, für wen Sie arbeiten, dann würde ich es Ihnen sagen.« »Seid ihr alle so misstrauisch?« »Ja, denn wir haben schon viel gelitten.« »In diesem Land hat jeder viel erlitten oder leidet noch. Mir ging es nur darum, das freundschaftliche Verhältnis zwischen uns zu festigen, nicht die Feindschaft.« »Bestand denn jemals Freundschaft zwischen uns?« Ich belasse es bei einem Lächeln. »Lächeln Sie nur! Das steht Ihnen zu, natürlich nicht mir. Ich bin ja das Opfer und der Sträfling. Sie dagegen sind ungerecht, stark und frei.« Ich ärgere mich, dass sie mein Lächeln missverstanden hat, werde sogar zornig darüber. »Dass Sie das Opfer sind, beweist nicht, dass Sie zu hundert Prozent im Recht sind, Zeliha Bora.«
