Der Schneeball - Brigid Brophy - E-Book

Der Schneeball E-Book

Brigid Brophy

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Beschreibung

Perücken ragen aus der tanzenden Menge, Schönheitspflaster kleben über Altersflecken, von der Decke regnet es Minzkonfekt, und am Rand beobachten Putten das ausgelassene Treiben: Mit einem opulenten Maskenball feiert die bessere Londoner Gesellschaft das neue Jahr. Als es Mitternacht schlägt, wird die als Donna Anna verkleidete Anna K. von einem mysteriösen Don Giovanni geküsst. Zuerst ergreift sie die Flucht, dann macht sie sich neugierig auf die Suche nach dem Unbekannten. Gleichzeitig führt die junge Ruth akribisch Aufzeichnungen über ihren ersten Ball – und erlebt draußen, im Bentley ihres Vaters, eine weitere Premiere. Das konventionelle Repertoire von Flirt und Erotik persiflierend, lässt Brophy ihre Figuren einander umtanzen, umwerben, umsäuseln und necken, bis man schließlich nicht mehr weiß, wer hier eigentlich wen verführt. In einer üppigen, kunstvollen Sprache erzählt sie die Geschichte einer Nacht voller Extravaganz und Exzesse – und von Menschen, die beim Versuch, sich hinter einer Maske zu verbergen, nur umso mehr von sich preisgeben. Zur Zeit seiner Veröffentlichung gleichermaßen Skandal wie literarische Sensation, ist Der Schneeball ein opulentes Fest für die Sinne. Ein schillernder Kultroman, der jede Generation von Leser:innen aufs Neue verführt.

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EPUB
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Seitenzahl: 197

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Brigid Brophy

Der Schneeball

Aus dem Englischen von Marianne Kalow und Mirjam Madlung

Schöffling & Co.

Inhalt

Widmung

Motto

Erster Teil

1

2

3

4

5

Zweiter Teil

6

7

8

9

10

11

12

Dritter Teil

13

14

15

16

17

18

Über die Autorin

Über die Übersetzerinnen

Für Charles Osborne

»Der Klatsch interessiert sich am meisten für die Frage: Hat Don Giovanni, wenn die Oper anhebt, Donna Anna soeben verführt, oder hat er es nur versucht? Darüber wird zweifellos noch in den kommenden zweihundert Jahren gestritten.«

Brigid Brophy, Mozart The Dramatist

 

»atque hoc evenit in labore atque in dolore, ut mors obrepat interim.«

[so kommt es, daß bei Müh’n und Schmerzen uns indeß der Tod beschleicht.]

Plautus, Pseudolus, 2. Akt, 3. Szene

Erster Teil

1

Die Flügeltüren am Ende des Ballsaals wurden aufgestoßen. Einige der Leute, die der Stoß in den Rücken traf, hielten unwillig einen Augenblick dagegen, dann begriffen sie und gaben den Weg frei. Platz entstand, und eine Stille breitete sich aus, als würde jeden Augenblick eine sehr wichtige oder sehr schwere Person eintreten, neben der nichts von geringerem Gewicht Aufmerksamkeit beanspruchen durfte. Endlich wurde im Laufschritt eine Sänfte hereingetragen.

Auf ihrem Dach, das schwarz und vermutlich geteert war, lagen einige Schneeflocken.

Als Anna das von oben sah – sie stand auf der Empore der Musiker –, hielt sie vor Entzücken den Atem an, bis die Flocken geschmolzen waren.

Die Sänfte wurde abgesetzt, die Leute umschlossen sie, wirbelten um sie herum, ihrerseits wie Schneeflocken, und machten es der Frau im Innern schwer, die Tür zu öffnen, als hätte sich wirklich eine Schneewehe davor aufgetürmt. Und alle lachten in der ausgelassenen Art von Leuten, die plötzlich entdecken, dass es geschneit hat.

Ein Mann ließ sich von der Strömung der Menge nicht mitziehen; er beachtete die Ankunft der Sänfte nicht, er war offensichtlich allein und suchte auch keine Begleitung. Er hatte einen dicken Bauch, darüber eine Weste aus schillernder chinesischer Seide, und Anna fand, dass er von oben wie ein gekochtes Ei auf einem Frühstückstisch aussah, ein gekochtes Ei in einem hübschen chinesischen Eierwärmer. Er hielt eine kleine Tasse Kaffee in Höhe seiner Schulter, und seine einzige Sorge schien zu sein, das Tässchen im Gedränge zu schützen.

Annas Hand strich prüfend über ihren langen Rock. Doch sie wartete noch einen Augenblick auf der Empore. Die Frau in der Sänfte lächelte weiter durch das Fenster, in gespielter Verzweiflung darüber, dass sie weder die Tür öffnen konnte noch den Fächer, den sie offenbar zu benutzen wünschte; ihr Gesicht war bereits gerötet. Der dickbäuchige Mann hatte mittlerweile beschlossen, es sei sicherer weiterzugehen, und wackelte zum Rand des Ballsaals, wo er einen leeren Platz auf einer Bank fand. Während er seinen Kaffee noch höher als zuvor hielt – tatsächlich über seinen Kopf –, ließ er sich langsam nieder. Er machte mit seiner freien Hand eine Bewegung, als wollte er die Hosen raffen, dann fiel ihm ein, dass er Kniehosen trug.

 

Anna schritt die breite Treppe hinab, wohl wissend, dass Voltaire und Lady Hamilton in der Menge unten auf sie warteten. Das Stimmengewirr, die Gerüche, selbst die Wärme der menschlichen Körper, die ihr entgegenschlugen, gehörten unverkennbar ins zwanzigste Jahrhundert. Eine auf der Empore montierte Filmkamera mit Rundumsicht hätte nicht einen Augenblick der Illusion eingefangen. Als Zuschauer hätte man lediglich geurteilt: Was für ein miserables Kostümfest, wie wenig Zeitempfinden, wie übertrieben das alles!

Sie tippte Lady Hamilton von hinten auf die Schulter.

»Hast du die Sänfte gesehen?«

»Nein.« Lady Hamilton spähte in die Richtung, in die Anna zeigte, in den Ballsaal, dessen Flügeltüren am anderen Ende die ganze Zeit offen gestanden hatten. Aber zu ebener Erde konnte man vor lauter Leuten nicht hinübersehen. Anna fürchtete, Lady Hamilton würde folgern, dass sie von oben heruntergeschaut hatte. Und wirklich fragte Lady Hamilton: »Wo warst du denn?«, aber Anna sagte rasch:

»Auf ihrem Dach lag Schnee.«

»Scheint zu schneien, draußen«, sagte Voltaire.

»Scheint so.«

»Scheint so.«

Über die Köpfe der Herren hätte man vielleicht hinwegschauen können, denn die meisten Männer wirkten an diesem Abend gestutzt; knapp sitzende, strenge Perücken schnitten ihre Gestalt oben ab, skalpierten sie fast. Aber die Damen waren umso stärker aufgestockt. Ihr hochgetürmtes Haar ließ vage an einen Fetischistenball denken, so als trügen sie hohe Hacken auf ihren Köpfen.

Man hörte die kratzenden, schabenden Geräusche von Stühlen und Geigenbögen. Offensichtlich hatte die Kapelle – die wegen der Enge dort nicht die Empore besetzte – ihren Platz auf einer niedrigen Bühne an der einen Seite des Ballsaals wieder eingenommen.

»Der erste Schnee des Jahres«, sagte Voltaire.

»Einerlei, welchen Jahres.«

»O nein«, erwiderte er, suchte auf seinem Handgelenk nach der Uhr und zog diese dann aus der Hosentasche, wohin er sie aus Gründen der Stiltreue gesteckt hatte, »es ist noch nicht …«

Eine Bewegung der Menge hinter ihnen hob Anna hinfort und setzte sie im Ballsaal nieder, wo Leute, die sie nicht kannte, ihr bedeuteten, sie müsse mitmachen, sonst würde sie das Spiel verderben, eine Ermahnung, die sie nicht verstand, bis das Gekratze der Kapelle in einen schottischen Tanz überging.

Sie begann, auf der Stelle zu hüpfen, das war alles, was man im Moment von ihr verlangte.

Laut Voltaire musste es auf Mitternacht zugehen, allerdings ging seine Uhr in der Hosentasche vielleicht langsamer; die Nähe der Mitternacht färbte bereits auf die Musik ab.

Anna kannte die Tanzfiguren nicht, aber sie nahm an, man würde ihr sagen, wann sie an der Reihe war, in die Mitte zu tanzen. Vorausgesetzt, es schlug nicht vorher zwölf.

Einmal im Jahr redete die eiserne Zunge der Mitternacht mit schottischem Akzent.

Sie war sich bewusst, dass sie nicht nur lächerlich wirkte, sondern dass es auch lächerlich war, hierbei mitzumachen. Mit zwanzig hätte sie die Nase gerümpft und sich geweigert, gute Miene zum dummen Spiel zu machen.

»Ich hasse Neujahrsfeiern«, sagte eine Männerstimme im Vorbeitanzen und stülpte eine höfliche und spaßhafte Miene über sein wahres Gefühl.

Der Mann in der Reihe gegenüber Anna trug einen Kilt, einen schwarzsamtenen Rock, und über der Brust hing ein weißes Spitzenjabot. Er war gedrungen und von den Jahren ausgehöhlt; seine Felltasche hüpfte hektisch, hüpfte atemlos auf und ab und kam doch mit der leichteren Spitze des Jabots nicht mit.

Annas Lächerlichkeit bestand darin, dass sie mitmachte, obwohl sie das Gesicht und die Trinkgewohnheiten einer Frau mittleren Alters besaß. Der unverdünnte Whisky, den sie getrunken hatte, ließ ihr das Herz nicht bis zum Hals schlagen, sondern, weit beschwerlicher, bis zum flachen Teil oberhalb ihrer Brust, genauer gesagt bis zum Schlüsselbein.

Selbst die traditionelle Musik, die eigentlich zeitlos hätte sein müssen, schien ihr so unverwechselbar aus dem zwanzigsten Jahrhundert zu stammen wie die Gesichter, die auf und nieder sprangen – einmal in Wirklichkeit und dann in Annas Vorstellung – und den Ball Lügen straften.

Jemandes Finger pikste sie unsanft, und sie eilte zur Mitte, um eine ihr unbekannte Pompadour nicht zu enttäuschen, die bereits an einem leeren Treffpunkt wartete. Mit in der Höhe verschränkten Händen trippelten sie um einen imaginären Maibaum herum, niemals ganz im Takt der Musik. Dabei waren sie selbst, hochfrisiert, steif und ungeübt, wie Maibäume.

Zu den Dingen, die man für übertrieben halten konnte, gehörten die Schönheitsflecken. Man hätte meinen können, sie wären in einem schwarzen Schneesturm freigebig auf die Gesichter der Frauen verteilt worden.

Nun waren zwei andere Frauen an der Reihe.

Vermutlich fühlte jede dieser Frauen das Gleiche wie Anna: Erschöpfung, ein Bewusstsein für die Lächerlichkeit des Alters und die Ankunft eines weiteren Jahres. Alle wurden sie in der Neujahrsnacht auf einmal ein Jahr älter, selbst die, die tags zuvor Geburtstag gehabt hatten. Sie versammelten sich, so befand Anna, zum Trost und trugen historische Kostüme, um dem Fortgang der Geschichte zu entgehen.

Nicht einmal das liebloseste Kostümfest hätte eine alternde Marie Antoinette der Lächerlichkeit ausgesetzt, zu einem Rendezvous trippeln zu müssen und dort eine andere alternde Marie Antoinette zu treffen.

Angenommen, die Filmkamera auf der Empore würde mit einer Tonspur auch Annas Gedanken aufnehmen. Nur unter großen Schwierigkeiten könnte die Kamera Anna unter den Damen überhaupt finden. Das Auge der Kamera müsste hinunterfahren, sich den Gesichtern nähern, sie abtasten; hier einen Schönheitsfleck prüfen, dort das schlaffe, hüpfende Wangenfleisch einer beliebigen Marie Antoinette untersuchen, die Linse in die Spirale jener über Schläfen fallenden Schillerlocken richten. Hier würde sie mit einer trunkenen Haarpracht rutschen, dort mit den Trägern eines Kleides hinabgleiten; sie würde stolpern und wieder hochkommen. Der Blick der Kamera würde sich in der alles schmelzenden Hitze allmählich auflösen, und indem er sich auf der Suche nach einem glitzernden, taumelnden, zu Boden kreiselnden Ohrring vorneigte, würde er, während die Edelsteine ihren Glanz verlören, in einem Schneegestöber von schwarzen Schönheitsflecken untergehen, die, vom Schweiß gelöst, stürmisch herabwirbelten …

Anna fing sich jedoch wieder, indem sie die entfernte Wand ansah, die, wie sie wusste, obgleich sie es nicht wahrnehmen konnte, nicht auf und nieder tanzte; sie brachte es fertig, ihren Ohrring wieder zu befestigen, der ihr bei jedem Hüpfer am Ohrläppchen riss; und als sie den Blick auf der Suche nach einem näheren Halt schweifen ließ, erkannte sie, dass der Tänzer gegenüber in dem schottischen Kostüm Rudy Blumenbaum war.

»Hallo! Wer sind Sie? Bonnie Prince Charlie?«

»Didum, didum«, rief er zurück und lachte laut, während er sich mit seiner Reihe drehte und sich tanzend von ihr wegbewegte. Er war außer Atem; sie war fast taub, so heftig pochte ihr das Blut in den Ohren.

»Ich kann nichts hören.«

»Didum …«

Ihre Reihe schloss sich, sie mitziehend, zu einem Kreis: eine Schlange, die sich selbst verschlingen will. Sie sah Rudys Schottenhemd vorbeifliegen wie einen breiten Streifen weißer Farbe auf einem düsteren Gemälde.

Sie glaubte zu wissen, was alle im Saal dachten. Es war unmöglich, am Silvesterabend nicht an den nahenden Tod zu denken.

Der Kreis streckte sich wieder, Rudy erschien abermals, unerwartet nah. »Wer, sagten Sie, sind Sie?«

»Rabbi Burns«, schrie er, tanzte schon wieder von ihr fort und hinterließ gellend ein schottisch-jüdisches Gelächter, einen Laut wie Eulen, Dudelsäcke und rituelle Klage zusammen.

Als gehorchte sie der Gedankenverbindung, brach die Kapelle ab, setzte drei Geigenstriche unter ihre bisherige Leistung und begann nach einem förmlichen, getragenen Präludium »Auld Lang Syne« zu spielen. Einige der Tänzer begriffen nicht sogleich oder konnten nicht aufhören. Selbst Anna, froh, dass dieser Tanz ein Ende hatte, war bekümmert, als sie sich in der falschen Reihe wiederfand, bis ihr einfiel, dass es nach Mitternacht nicht zählte. Ihre Arme waren schmerzlich vor der Brust gekreuzt, passend zur Haltung eines Märtyrers. Rudy zu ihrer Rechten ergriff ihre linke Hand, dass es schmerzte, denn mit der pumpenden Bewegung trieb sein Siegelring ihr den Ehering ins Fleisch. Ein maskierter Fremder in schwarzem Kostüm hielt ihre rechte Hand. Sie sang, ohne den Text zu kennen, verlegen, weil sie in aller Öffentlichkeit sang. Nach der Ballettfarce nun die Opernfarce. Der Gesang pflanzte sich lärmend fort. Niemand kannte den Text. Die Gäste begannen, einander zu küssen, um so den Glockenschlag der alljährlichen Mitternacht zu feiern oder zu erleichtern, der jeden in Aschenputtel verwandelte. Rudy hatte sich von ihr ab- und der Frau auf seiner anderen Seite zugewandt. Anna erkannte seine Frau. Sie sah weg und versuchte, von der Tanzfläche zu kommen. Der maskierte Mann in schwarzem Kostüm begann sie zu küssen, nicht etwa auf die Wangen, sondern auf den Mund, erst sanft und sinnlich, dann lustvoll und unruhig und schließlich heftig und leidenschaftlich forschend.

Als er von ihr abließ, blieb sie vor ihm stehen und starrte tief in die Augenschlitze seiner Maske. Die Maske hatte sich bei der Umarmung nicht verschoben.

»Wer sind Sie?«

»Ich bin Don Giovanni. Wer sind Sie?«

Sie schaute ihn unverwandt an, obgleich die Gäste jetzt zu schwärmen begannen, mit allen und jedem Küsse tauschten, in Tröten bliesen, tänzelten, Arm in Arm, streunende Reihen zu dritt oder viert.

»Wer sind Sie?«, wiederholte er.

»Ich bin in Sicherheit, solange ich es Ihnen nicht verrate.«

»In Sicherheit?«

Ein Sturm von Luftballons wurde von der Decke herab entfesselt. Ein grüner Ballon fiel zwischen sie und Don Giovanni. Keiner von ihnen bewegte sich. Der Ballon berührte beide und sank dann langsam zu Boden. Der Mann tippte sich kurz an den Nasenrücken und prüfte, ob die Maske noch saß.

»Ich bin Donna Anna«, sagte sie.

Sie hob eine Hand zum Hinterkopf, um den hohen spanischen Kamm und den kurzen Fall schwarzer Spitze, die er dort hielt, wieder festzustecken. Sie hatte ein Dutzend Pailletten an die schwarze Spitze genäht; und als ihre Hand daran rührte, hörte oder vielmehr fühlte sie ein winziges Stückchen davon zu Boden fallen.

2

Kleine Knaben auf Barockgemälden und in Rokokodekorationen schienen die Reinheit und Süße von überaus begehrenswertem Zucker zu verkörpern. Gemalt, modelliert, geschnitzt; ob weltliche Putten oder fast gänzlich verweltlichte Engel – das machte keinen Unterschied –, und in diesem Haus gab es Hunderte davon … Sie schwärmten in zarter Flucht über die Zimmerdecken und landeten, wo sich ihnen eine Säulenplatte oder Zinne bot; sie waren der Geist des Hauses.

An der Decke der Halle, auf einer von Stuckfrüchten umgebenen ovalen Leinwand trug eine reichlich orangefarbene Gruppe eine Wolke. Eine Putte sah fast bösartig vom Rand einer Laibung herab. Schaute man beim Verlassen des Ballsaals arglos auf, begegnete man ihrem bösen Blick. Drei jagten einander aus unbekannten Gründen die Salonwände hinauf und umflatterten eine in Trompe-l’œil-Manier gemalte Säule: Das Ganze, der Säulenstumpf und die Cupido-Reste – einem von ihnen fehlte ein Zentimeter an der geflügelten Ferse –, war das gerettete und hierher übertragene Stückwerk eines zerstörten Freskos.

Auf den Fresken hatten die Putten die Zuckrigkeit von Baisers; mit ihren Hintern wie aus geschlagenem Eiweiß schienen sie der Vorstellung eines Zuckerbäckers zu entspringen. Ihre leicht staubige Oberfläche ließ vermuten, dass ein kräftiger Finger sie wegwischen könnte. Und doch deutete die feinkörnige Struktur an, dass sie durch das Eiweiß, gebunden durch unzerstörbare Luftbläschen, fest zusammengehalten wurden. In anderen Teilen des Hauses bestanden sie aus Stuck oder – wie der große Cupido, der von der breiten Treppe heruntersah – aus Holz, oder auch, diesmal geschrumpft, aus Porzellan. Als Porzellan waren sie alabastern, halb durchsichtig wie feuchter Zucker. Diese Halbdurchsichtigkeit war ein Hinweis, so wie Halbnacktheit: Sie deutete an, dass etwas unwiderstehlich Begehrenswertes im Begriff war, auf der Zunge zu zergehen.

Dabei waren sie, schaute man näher hin, im ganzen Haus scheußlich. Aus der Nähe betrachtet, war ihre Duftigkeit nichts als Nachlässigkeit: ein ungelenker Hieb von der Hand eines Schnitzers, der unbeholfene Daumendruck eines Bildhauers, ein ausgerutschter verklebter Pinsel.

Sie waren nichts als kleine Monster.

Derber als derb, hatten sie rosige Hinterbacken als Wangen, ausdruckslose oder boshafte Tupfer als Augen, Nasen, die entweder angepappt waren, oft nicht einmal mittig und abstehend wie Karnevalsnasen, oder gar keine Nasen, nur die Andeutung eines scheußlich großen schwarzen Nasenlochs.

Anna erkannte ohne Bedauern, dass ihr eigenes Gesicht von derselben Art war – vielleicht kam es ihr deshalb so vor, als wäre sie mehr als alle anderen Gäste in diesem Haus willkommen. Sie warf dem Monster von Cupido in der Nische über der breiten Treppe im Vorbeigehen einen fast schwesterlichen Gruß zu.

Das hieß nicht, dass sie keine attraktive Frau war, wie es ja auch nicht bedeutete, dass die dekorativen Putten ihrer Gesichter wegen nicht dekorativ gewirkt hätten. Es war eine Frage des Geschmacks, des Stils. Wer vorhatte, in nähere Beziehung zu diesem Gesicht zu treten, musste sich fragen, ob es nach seinem Geschmack war, und wenn ja, ob man bereit war, diesen Geschmack zu pflegen. Es hieß, dass man mit all seinen Sinnen darin eintauchen, sich dem Gesicht mehr und mehr aussetzen musste, bis man irgendwie abgehärtet war. Das Gesicht strahlte sinnliche Lust aus: aber nur für den, der sich zuvor einer asketischen Selbstdisziplin unterworfen hatte. Man musste sich wappnen, um ein tragisches Gesicht auszuhalten, dessen Tragik in halb geformten, babyhaften Gesichtszügen lag, die einzeln hingeschmiert und dann zusammengedrückt waren, schließlich seitlich wegglitten oder -rollten und so den Eindruck erweckten, ein unsterbliches Barockbaby hätte den Anschein, neugeboren und von der Geburt noch verknautscht zu sein, dreist ins mittlere Alter hinübergerettet.

Annas Antwort auf diese Frage hieß seit Langem: Ja, sie konnte es aushalten, und sie stand zu ihrem Gesicht und kümmerte sich darum, ohne Mitleid oder besondere Fürsorge. Sie wusste, dass seine verhinderte Schönheit für das liebende Auge winzige, aber wiederkehrende erotische Hinweise enthielt, wie die Vorstellung von einer Nonne ohne Tracht. Im Auge der Eigenliebe, dem Spiegel, fand sie seine grenzenlose Rokokovielfalt unendlich interessant. Ein schönes Gesicht mag den, der es sich vorstellt, in einen Tagtraum hineingleiten lassen, so leicht wie an der Schwelle zum Schlaf. Annas Gesicht dagegen konnte jemanden aus dem Schlaf aufschrecken, wie jene Riesenechsen, die man Drachen nennt, so grob widersprach es jeglicher Traumbefriedigung. Und doch regte es die Fantasie an; es war ein Flug der Fantasie wie von Putten, die eine Wolke tragen; fantastisch war das Wort, das einem einfiel.

Anna mochte ihr Gesicht besonders dann, wenn sie sich schminkte. Ihre Sympathie war nicht die eines Therapeuten, der glaubt, das missratene Ding erst mühsam aufbauen zu müssen, ehe er es unter seinesgleichen zeigen kann, sondern eher die eines brillanten Handwerkers, der sich an der organischen Beschaffenheit des Materials erfreut, an der Struktur, an den Zufällen, die in berechenbare Ordnung gebracht werden können. Als sie von der Tanzfläche floh, entschuldigte sie sich mit ihrem Gesicht, es habe durch Tanzen und Trinken gelitten und müsse zurechtgemacht werden. Es war nur ein Vorwand, nicht der wahre Grund. Nicht das Gesicht floh zur Reparatur, sondern Anna zu ihrer liebsten Zuflucht: Zwiesprache, Anregung, Neuschöpfung, Arbeit, alles gegenüber ihrem Gesicht.

Sie wusste, diese Zwiesprache konnte sie nicht in dem überfüllten Damenzimmer im ersten Stock halten, wo sie vor einem der Spiegel an der Wand, die für diesen Abend wie die Ehrengarde auf einer Hochzeit aufgestellt waren, ihr Gesicht betrachten müsste und sich dabei real oder surreal hinter den nackten Schultern einer anderen Dame auftauchen sähe. Sie ging nur rasch in die Wärme, Zoogeschnatter, das wie hingeworfene und zertretene Nussschalen klang, Pudergeruch, um ihren Make-up-Koffer zu holen; dann bahnte sie sich ihren Weg wieder hinaus, zwischen warmen nackten Schultern hindurch, die wie Tiere im Stall nach einem Rennen dampften. Wurde sie im Vorbeigehen im Spiegel erkannt, reagierten sie wie Tiere auf eine vertraute Hand. Auf dem Flur war das Gewühl nicht so dicht und weniger nackt, da sich dort Damen und Herren mischten. Sie hatte den anderen Gästen voraus, das Haus zu kennen, und so erhob sie sich aus dem Gewühl in den zweiten Stock über die Treppe mit den hohen schmalen Stufen aus gewöhnlichem Holz, entfernte sich stufenweise aus dem Festlärm, wie man aus einem Petticoat steigt, weiter hinauf mit ihrem kleinen Koffer, als ginge sie auf das Dach zu einem einsamen Picknick im Schnee: zwei Stockwerke, vier Treppen – wie reich man im zwanzigsten Jahrhundert sein musste, um in den Dienstbotenzimmern eines Hauses aus dem achtzehnten Jahrhundert schlafen zu können – hinauf zum Schlafzimmer ihrer Gastgeberin.

Sie öffnete vorsichtig die Tür, falls jemand dort war. Aber das Zimmer war dunkel. Sie ließ es dunkel, damit nicht irgendein Gast, der aus Neugier oder versehentlich heraufgekommen war, meinte, er könne eintreten. Als sie die Tür hinter sich schloss, verstummten alle Festgeräusche. Anna fand sich vom Dunkel umfangen, in der Wärme der Zentralheizung, deren Trockenheit ihr verriet, dass außer ihr niemand da war, umfangen von der berechneten Wirkung des Zimmers, in dem man, ohne zu sehen, die Polsterung spürte, und in der Gewissheit, dass sie in diesem Zimmer stets willkommen war.

Sie machte Licht, das Siamkätzchen in der Mitte des weißen Betts hob den Kopf, schüttelte ihn – so heftig, dass seine Ohren wie wütend schlagende Schwanenflügel wirkten – und rollte sich wieder zum Schlaf zusammen.

Das Zimmer war ganz in Weiß gehalten – ein Zimmer aus Schnee –, aber warm: ein Iglu.

Es hatte kein Bewusstsein von sich selbst, das es auf Anna hätte richten können. Es konnte ihr nur gestatten einzudringen, um sie dann, wenn sie eingetreten war, einzuhüllen, sie einzuschließen in der völligen Übereinstimmung seines und ihres Stils. Es war, als bestünde zwischen ihnen eine erblich bedingte Ähnlichkeit, sozusagen eine Abstammungslinie: als wäre das Zimmer ein Bauch, in den sie, ein soeben geborener, vierzigjähriger Engel, jederzeit zurückkriechen könne.

Die Aufnahmebereitschaft des Zimmers gründete sich auf das Wesen der Frau, die diesem Zimmer den Stempel ihrer Persönlichkeit aufgedrückt hatte. Wie Anna lange wusste, bestand zwischen ihnen ein Verhältnis wie zwischen Mutter und Adoptivtochter: eine Frau in den Fünfzigern, die eine Frau in den Vierzigern adoptiert hat.

Wohl nie hatte sich eine weniger jungfräuliche Frau ein weißes Schlafzimmer geschaffen – ein ganz und gar nicht jungfräuliches, sondern höchst bräutliches. Sie war zum vierten Mal verheiratet, aber erst in diesem vierten Heim hatte sie ihrem Hang zu Weiß bis zum Exzess frönen können und das ganze Schlafzimmer verkleidet – in der Folge schäumte das Zimmer vor reinem Satin, beinahe schreiend, und statt rein wirkte es schwelgerisch, sinnlich und schamlos, weiß wie Flieder.

Der Reichtum ihres Mannes hatte sie mit einem vollkommenen kleinen Kubus zum Spielen ausgestattet – wie ein Kind ein Bauklötzchen bekommt, nur insofern verdreht, als die Spielerin jetzt in dem ausgehöhlten Bauklötzchen saß und es erfinderisch gerundet hatte: vielleicht weil sie selbst eine rundliche kleine Frau war; vielleicht um die Verwandlung vom Dienstboten- zum Herrinnenzimmer zu unterstreichen; vielleicht aus Perversion, dem reinen Geist des Rokoko. Sie hatte die geraden Wände mit kostbarem weißem, aufgerautem Material verkleidet und abgerundet, der Stoff wirkte nicht wie eine Tapete, obgleich er aus Papier sein mochte, jedenfalls was die Reichen für Papier hielten. Der weiße Teppich war mit runden Fellen belegt, die ebenfalls weiß, aber von gröberer Struktur waren. Die gedrechselte Frisiertoilette war wie das Bett weiß gepolstert. Das Bett, der Form seiner Herrin angepasst, war oval, vielleicht wusste man deshalb nicht, ob es ein Einzel- oder Doppelbett war. Das Geheimnis reicher Ehen: Es gab immer getrennte Schlafzimmer. Trotzdem wäre Anna nicht so selbstsicher hereingekommen, wenn dies auch das Zimmer des Hausherrn gewesen wäre.

Manchmal, wenn sie ihren psychologischen Fähigkeiten träumerisch nachhing, fragte sich Anna, ob sie das Kind eines der Ehemänner ihrer Adoptivmutter hätte sein können. Aber sie hatte von keinem auch nur einen Zug. Jene wiederum hatten eigentlich nichts gemeinsam als Reichtum und Ehefrau. Bei dieser Adoption war Anna allein das Kind der Mutter.

Da sie zufällig den gleichen Namen trug, lag der Gedanke an Adoption nahe: Sie hießen beide Anne. Die Jüngere hatte aus Höflichkeit auf ihren Namen verzichtet und sich Anna genannt (was ihr für das Fest die Idee eingegeben hatte, als Donna Anna zu kommen). Sie war nicht für alle Leute Anna, nur für die, die beide Annes kannten – was, ex officio, Annes Ehemann einschloss, der sich Anna gegenüber neutral verhielt, sie weniger als Person denn als das Faible seiner Frau behandelte. Anne heiratete ausschließlich Männer, die es sich leisten konnten, ihre Faibles zu ertragen: Als sie ihre Verlobung mit dem vierten Vermögen bekannt gab, sagte sie zu Anna: »Du siehst mich misstrauisch an, mein Liebes. Ich glaube, du hältst mich für jemand, der nicht gut, aber zu reich liebt.« Alle ihre Ehemänner hatten ihre Vorliebe für ein reinweißes Schlafzimmer geduldet, und wenn es erst jetzt vollständig weiß geworden war, so musste das gefühlsmäßige, nicht wirtschaftliche Gründe haben.