Der Schneeflockenfänger - Michael Pannes - E-Book

Der Schneeflockenfänger E-Book

Michael Pannes

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Beschreibung

Der unscheinbare Max inspiriert die Fotografin Vivien zu einer neuen Ausstellung. Seine Mutter Ursula hält den Jungen spätestens seit der Vernissage für hochbegabt. Sein Lehrer Jerry hingegen sieht in ihm nur einen introvertierten Experten für griechische Mythologie. Warum in aller Welt will ausgerechnet dieser Junge im Schultheater mitspielen? Erst nach Jahren darf Max seine Bühnenpremiere feiern - als Laterne. Für die wortkargen Rollen gilt er fortan als gesetzt, bald auch als Statist am städtischen Theater. Hier ist er ein stiller Sonderling, dessen Bühnenspiel von einer seltenen Begabung zeugt: Max kann normal sein! Umgeben von talentierten Darstellern und Selbstdarstellern wird er zu einer Provokation und zum Opfer eines demütigenden Scherzes. Für Max wird es Zeit, die Diskretion einer Laterne abzulegen. Aber wie? Ein sarkastischer und zugleich liebevoller Roman über den bürgerlichen Kulturbetrieb, das Erwachsenwerden und die Sehnsucht nach Bedeutung und Normalität.

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EPUB
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Seitenzahl: 440

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Michael Pannes

Der Schneeflockenfänger

Roman

2. Auflage 2017

© 2016 Michael Pannes

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

Lektorat: Jonas-Philipp Dallmann

Covergestaltung: René Blättermann

ISBN

Paperback:

978-3-7345-9656-8

Hardcover:

978-3-7345-9657-5

e-Book:

978-3-7345-9658-2

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Ich empfinde das Lachen im Theater als ein Zeichen der Zuneigung, ein Ausdruck der Liebe für die Charaktere, dass man ihnen nicht einfach in höflichem Schweigen zusieht.

Alan Ayckbourn

I

Vivien

1 Premierenfeier

Vivien beobachtete den Jungen schon seit einer ganzen Weile. Sie hatte sich mit ihrem Teller und einem Glas Prosecco in eine Ecke des Foyers zurückgezogen. Gedankenverloren hatte sie, ohne bislang viel gegessen zu haben, in ihren Antipasti herumgestochert. Irgendwann musste sie auf diesen Jungen aufmerksam geworden sein, denn ihre Augen hafteten noch immer auf ihm, als hätte sie etwas entdeckt, das von Bedeutung gewesen wäre. Vivien nahm einen Happen von der Lachspastete und trank einen Schluck Prosecco. Sie langweilte sich. Wie nach jeder Premiere hatte sie auch heute gehadert, ob sie zur anschließenden Feier bleiben oder nach Hause gehen sollte.

Warum tat sie sich das immer wieder an? Vivien ließ den Blick über das Meer aus Abendkleidern und dunklen Anzügen schweifen. Sie hatte sich angewöhnt, nicht mehr allzu genau hinzuschauen. Sie wusste, dass sie zur Menschenverachtung neigte, wenn sie in den teuren Garderoben eitler Damen das Gewöhnliche erkannte. Und sie konnte unentwegt lästern, wenn sie an akkuraten Herrenhosen abwärts schauend ausgetretene und gummibesohlte Straßenschuhe entdeckte. Meist bestätigte sich dann ihr Verdacht, dass am oberen Ende des feinen Zwirns nahezu kahle Köpfe heraustraten, auf denen die letzten Haare aus Verzweiflung zu einer peinlichen Frisur gelegt worden waren. Vivien mochte aber nicht mehr lästern. Sie mochte auch nicht mehr nach den graumelierten, ganz in Schwarz gekleideten Männern Ausschau halten, die sich mit ihren locker umgelegten Schals bemühten, intellektuell und kunstbeflissen zu wirken. Heute war es ihr unerklärlich, wie sie früher auf so etwas hatte reinfallen können.

Drüben an der Theke standen einige Blechbläser. Sie hatten noch nicht ihre Fracks abgelegt, damit sie in aller Gemächlichkeit ihre Stammplätze in der Nähe des Zapfhahns einnehmen konnten, ein Territorium, das sie Viviens Erfahrung nach in den nächsten Stunden hart verteidigen würden.

Sie schaute wieder zu dem Jungen, der reglos inmitten einer Menschentraube stand, die sich um das Buffet drängte. Ab und an ging er einen Schritt vor. Es war erstaunlich, dass er überhaupt vorankam und nicht längst von einem unachtsamen Erwachsenen überrannt worden war.

Applaus setzte ein. Vivien wandte den Blick nach rechts, wo gerade der Dirigent mit den Solisten und dem Regisseur auftrat, um die Ovationen des Publikums entgegenzunehmen. Gleich würde wieder eine dieser unsäglich schmalzigen Reden des Intendanten folgen. Vivien ahnte schon, was sie erwartete: Wie immer wird er mit einer devoten Lobhudelei an die Künstler beginnen und dann mit einer Anekdote aus dem eigenen Leben ausschweifend werden. Vermutlich wird er erzählen, wie er gemeinsam mit dem Regisseur und dem Dirigenten – seinen Freunden, wie er betonen wird – in einer legendären Nacht den großen Wurf der Inszenierung erdacht habe, um schließlich hinzuzufügen, dass sein eigener Beitrag an diesem Musikgeschichte schreibenden Ereignis bescheiden gewesen sei. Zugleich wird er natürlich hoffen, dass nach seiner Rede Lucien und Kenneth, wie er sie nennen wird, das Wort ergreifen werden, um ihm zu widersprechen und seine visionäre Kraft und seinen Mut zu preisen.

Vivien schüttelte sich bei ihren Gedanken, aber kaum war einer von ihr abgefallen, entstand der nächste, dies so lange, bis sie den Intendanten in der Toskana wähnte, wo dieser selbstverliebt vor seinem Rustico ein Glas Rotwein trank, natürlich schwarz gekleidet und mit einem lächerlichen Schal.

Am Buffet hatten inzwischen die Damen und Herren des Chores die Gunst des Augenblicks genutzt, um diejenigen Premierengäste an der vordersten Buffetkante abzulösen, die jetzt ihre Chance witterten, die Opernstars aus nächster Nähe inhalieren zu können. Hartnäckig geblieben war eine groß gewachsene, stämmige Frau, die gleich zwei Teller mit allem vollschaufelte, was sie kriegen konnte. Das war eine ganze Menge, doch offensichtlich nicht genug, denn gekrönt werden sollten die Berge mit möglichst vielen Oliven, für die sie jetzt ihre Nachbarin zurückschob und sich gefährlich weit vorlehnte, pausenlos mit wem auch immer redend. Der Junge ging derweil wieder einen Schritt vor. Seltsamer Junge, dachte sich Vivien.

Ein Chortenor – Vivien mochte den Kerl – blies am Buffettisch das Gesicht auf, weitete die Augen, breitete die Arme aus und reckte sich vor, als wolle er bäuchlings auf den Tisch rutschen, ähnlich wie Falstaff eben noch am Ende des dritten Aktes. Er machte das wirklich komisch und fand seine Lacher, während der Intendant bereits bei seiner Anekdote angelangt war und überschwänglich ausgerechnet jenes Festmahl lobte. Was für ein fulminantes Finale, jubelte er durch die knarzende Lautsprecheranlage. Ein Geniestreich, müsse er sagen, und seine Entstehung beim Italiener eine Geschichte wert. „Weißt du noch, Lucien? Und danach dieser Grappa …?“

Vivien verdrehte die Augen, mochte sich aber nicht länger über den armseligen Intendanten aufregen, sondern lieber gleich über den gesamten Opernbetrieb: Warum endete fast jede Oper mit einem Festmahl, das seine dramaturgisch völlig unsinnige Doppelung dann bei der Premierenfeier fand? Der Chortenor hätte springen sollen. Mit seinem putzigen Schnauzbart voran wäre er auf seinem runden Bäuchlein robbengleich über den Tisch geglitten, hätte der Dame die Oliven weggeschnappt, mit lautem Getöse die Silbertabletts vom Tisch gerissen, die ölige Rede des Intendanten beendet und Falstaff klar in den Schatten gestellt ... Vivien musste unwillkürlich auf die großformatigen Szenenbilder der Oper schauen, welche die Wände des Foyers schmückten. Es waren ihre Aufnahmen. Falstaff im Sturzflug auf das gedeckte Festmahl war nicht dabei – zum Glück. Die Großaufnahmen waren gelungen, fand Vivien, sich selbst lobend. Ja, die Szenen sprühten vor Tempo.

Paradoxerweise fiel ihr bei diesem Gedanken wieder der Junge ein. Er stand da, wo sie ihn vermutete. Vielleicht hatte er sich einen Schritt nach vorn bewegt, mehr aber auch nicht. Doch nun kam Bewegung in das Schauspiel. Die doppeltbetellerte Frau vom Buffet hatte ihre Olivengarnitur augenscheinlich nur noch mit zwei großen, gefüllten Tomaten beschweren können und hielt den einen der Teller jetzt dem Jungen hin, der ihn anstandslos ergriff und sich selbst zu füttern begann, als wäre er sein eigenes Kind. Er war aber wohl eher das Kind dieser Frau, die nach wie vor ohne Pause redete. Der Junge wirkte völlig durchnässt von ihrem Redeschwall, dachte Vivien. War sie wirklich seine Mutter? Sie konnte nicht die geringste Ähnlichkeit zwischen beiden entdecken. Vivien versuchte, an ihrem Gebaren abzulesen, was die Frau wohl zu dem Jungen sagte. Offenbar forderte sie ihn gerade auf, tüchtig zu essen. Aber der Junge aß schon tüchtig. Die Frau musste seine Mutter sein.

Applaus ertönte. Der Intendant hatte seine Rede beendet und wartete nun, als hätte Vivien das Drehbuch geschrieben, auf die Dankesworte des Dirigenten. In der Erwartung, dass der Dank zu einem entscheidenden Teil ihm gelten werde, korrigierte er noch einmal seine Pose. Der kleine Mann rang um Größe und hoffte zugleich, dies vor dem Publikum mit falscher Bescheidenheit tarnen zu können. Wie peinlich, dachte Vivien und schob ihren Teller zur Seite. Der Appetit war ihr vergangen. Sie wollte gerade gehen, als sie wahrnahm, wie sich die mutmaßliche Mutter des stummen Jungen mit ihrem Teller quasselnd durch die Menschenmenge drängelte, um jedes „Danke!“ des Dirigenten hautnah kommentieren zu können. Aber wo war der Junge? Intuitiv schaute Vivien dorthin, wo er ihrer Voraussicht nach noch immer stehen müsste. Ja! Er war noch da.

Vivien fühlte eine Erleichterung, die sie überraschte. Was kümmerte sie dieser Junge? Steht dort allein in seinem eigenen Universum, den Blick ins Unendliche gerichtet, allein mit seinem noch halbvollen Teller, von dem er sich gerade, so gut es eben geht, mit der Gabel eine große gefüllte Tomate aufspießt. Für die Dauer eines Schnappschusses sieht Vivien einen Jungen, der auf einem Jahrmarkt einen Paradiesapfel in der Hand hält, das Bild in schwarz-weiß, nur der Apfel ist rot. Doch als der Junge zubeißt, ist es wieder eine Tomate, die nun nach allen Seiten ihren roten Saft verspritzt. Vivien kann sich ein Grinsen kaum verkneifen. Was für eine Bildsequenz!

Und wieder Applaus. Er hätte diesen Jungen feiern sollen, doch galt er der Rede des Dirigenten, die, wie erwartet, mit dem Dank und ein paar verbalen Streicheleinheiten für den Intendanten geendet haben musste, denn dieser platzte jetzt schier vor Stolz und schüttelte aufgeregt die Hand des Redners. Man muss sein Licht ja nicht unbedingt unter einen Scheffel stellen, dachte sich die Fotografin, aber anstrahlen sollte man so kleine Lichter auch nicht. Wie winzig der jetzt aussieht, spöttelte sie.

Der Junge hatte seine opulente Tomate mittlerweile erledigt. Er warf sich Oliven ein und schluckte sie samt ihrer Kerne hinunter. Das hatte nur sie gesehen, da war Vivien sich sicher. Der Regisseur redete derweil von einer magischen Nacht. Eine Bedienstete ergriff ihren beiseitegeschobenen Teller, während Vivien über die Oliven sinnierte. Ja, sie hatten ganz sicher Kerne. Verrückter Junge, steht noch immer an derselben Stelle. Jetzt mit einem leeren Teller in der Hand, den ihm die Bedienung im Vorbeigehen wie selbstverständlich nicht abnimmt. Der Junge ist unsichtbar. Spätestens seit er die rote Paradiesapfeltomate verputzt hat, ist der Junge unsichtbar. Aber warum?

Die Mutter des Jungen kam angerauscht. Sie wedelte mit einem Bündel Autogrammkarten und hatte bereits wieder das Buffet im Blick. Vivien hatte kaum mitbekommen, dass die Reden geendet hatten und die Schlacht am Autogrammtisch der Solisten tobte. Die Geschwindigkeit, mit der die Dame ihre Karten erobert hatte, war erstaunlich. Vivien mutmaßte, dass sie sich mit ihrem riesigen Busen schon vor Beginn des Kampfes auf den ersten Platz geschoben hatte. Wie sonst hätte sie so schnell ihren leergefressenen Teller gegen die signierten Konterfeis der Künstler tauschen können? Vivien spürte, wie sie aggressiv wurde.

Die Frau hatte sich wieder mit zwei Tellern bewaffnet und lud Nachspeisen auf, während der Junge erneut der Dinge harrte, die auf ihn warteten. Er stand plötzlich wieder weiter hinten im Raum und setzte nur ab und an einen Fuß vor den anderen. Da sich jetzt aber weitaus weniger Gäste um das Buffet scharten, begriff Vivien die Ursache dieses seltsamen Verhaltens: Der Junge folgte nur seiner Mutter, die zwei Meter weiter links schrittweise das Buffet abarbeitete. Eine Szene, die komischer aussah als Parallelschwimmen oder Dressurreiten. Dieser Junge wird der Protagonist meiner nächsten Ausstellung, schwor sich Vivien.

Ohne zu zögern, stand sie auf, ging zum Buffet, nahm sich einen Teller und begann, ihn ohne ihren sonst üblichen Blick für Details mit Konfekt und Torten vollzuladen, während ihre Gedanken an dem ersten Satz arbeiteten, mit dem sie die Mutter ansprechen konnte. Da sie nicht mit zwei Tellern arbeitete, näherte sie sich der Frau recht zügig. Das beiderseitige Kennenlernen sollte jedoch schneller und auch vor ihrem ersten Satz beginnen, denn die anvisierte Dame wandte sich plötzlich um, tippelte drei weitere Gäste umkurvend auf Vivien zu, drängelte sich zwischen sie und das Buffet und reckte sich nach dem letzten noch verbliebenen gelierten Erdbeertörtchen.

„Das hat mich eben schon so angelacht. Wenn ich hier gerade mal ... Ich stand eben schon hier ... also nicht, dass Sie denken, ich drängle mich vor.“

„Nein, nein, ganz und gar nicht.“

„Jetzt müsste ich nur noch mal an die Sahne.“

Die Frau reckte sich noch ein wenig weiter vor. Auch wenn es sich bereits erübrigt hatte, entfuhr Vivien noch ein „Bitte sehr“.

„Ich sage immer, ein Erdbeertörtchen ohne Schlagsahne ist doch kein Erdbeertörtchen.“ Sie nahm energisch einen großen Löffel und richtete sich wieder auf.

„Ein phantastisches Buffet, nicht wahr“, sagte Vivien, weil ihr nichts Besseres einfiel.

„Nun ja. So ganz korrekt ist das ja nicht, Erdbeeren in dieser Jahreszeit ... Aber wo sie nun mal da sind, kann man sie ja auch nicht stehen lassen, finden Sie nicht? Also, kaufen würde ich mir jetzt natürlich keine. Man muss schließlich auch an die Umwelt denken. Schrecklich teuer sind sie außerdem noch. Alles Importware, müssen Sie wissen. Aber hier hat man ja quasi schon bezahlt, ich sogar doppelt. Mein Mann konnte allerdings nicht mitkommen. Er hat so eine entsetzliche Gastritis. Das wäre dann nichts hier für ihn. Nun ja, da habe ich an seiner Stelle meinen Jungen mitgekommen.“

Sie unterbrach sich selbst, da die Erwähnung ihres Kindes sie daran erinnerte, weshalb sie nicht mit nur einem, sondern zwei Tellern voller Süßspeisen in der Hand sich hatte vom Essen ablenken lassen. „Ach, mein Junge!“, sagte sie zu ihrem Sohn, der in einem Sicherheitsabstand von zwei Metern ins Unendliche guckte, „hier, iss, mein Junge!“

Vivien registrierte, wie die Frau ihrem Sohn zunächst den Teller mit dem Erdbeersahnetörtchentopping hinstreckte, sogleich aber ihren Fauxpas bemerkte und ihn noch rechtzeitig, bevor er zugriff, zurückzog und dem Kind den anderen gab.

„War gar nicht so leicht, hier einen Kinderteller zusammenzustellen. Aber ich weiß ja, was meinem Jungen schmeckt, nicht wahr?“

Der Junge griff sich als erstes eine der vier Rumkugel und aß sie mit der gleichen Technik wie zuvor die Oliven: Er warf sie ein und schluckte sie umstandslos hinunter.

„Und dass du mir nichts verkommen lässt! Ich hoffe, du weißt, dass eine solche Premierenfeier etwas ganz Besonderes ist.“ Die Frau aß nun ihrerseits, was sie allerdings nicht daran hinderte weiterzureden.

„Schau mal, Junge, die zwei da reden Englisch. Verstehst du schon was? Da siehst du einmal, wie wichtig es ist, Fremdsprachen zu lernen. Nice party here!“ Sie winkte mit ihrer Gabel dem fremden Paar zu, dessen Englisch sie so glücklich gemacht hatte.

„Es wurde ja auch mal Zeit, dass in unserer Stadt internationales Flair einzieht. Oh, I like it! It’s ... äh ... it’s einfach ...“

„Wonderful?“, ergänzte Vivien. Ihr schmeckte es im Grunde nicht, wie sie sich dieser Frau als Souffleuse anbiederte, nur weil ihr der Spleen in den Sinn gekommen war, langweilige, unscheinbare Kinder fotografieren zu wollen.

„Wonderful!“, wiederholte die Frau, die sich jetzt mit einem verklärten Grinsen Vivien zuwandte. „Genießen Sie auch die Atmosphäre hier? Also eben der nette Kontakt zu den Ausländern, und davor dieses ganz besondere Gespräch mit Kenneth Dalton! Er spricht ja ein außerordentlich gutes Deutsch, finde ich. Ich hatte ihm gesagt, wie begeistert ich von der Oper bin, und ich glaube, er war sehr geschmeichelt von meinem Lob. Er sagte, ich dürfe ihn gerne Ken nennen. Ein toller Mann. Und dieses Strahlen! Finden Sie nicht auch, dass er ein besonderes Strahlen hat? Ken Dalton! Der Name passt wirklich sehr gut zu ihm. Das habe ich ihm dann auch gesagt. Und da hat er mir doch tatsächlich ein Foto geschenkt und ein ganz großesHerzlichen Dankdarauf geschrieben. Warten Sie, ich zeige es Ihnen!“ Sie fingerte an ihrer Handtasche herum. „Ach, können Sie mir bitte kurz meinen Teller halten, dann habe ich es gleich.“

Unversehens hatte nun Vivien einen zweiten Teller in der Hand, den sie zu allem Überfluss ausgerechnet dort griff, wo die Schlagsahne vom Erdbeertörtchen schwappte und über den Tellerrand lief. Sie schaute kurz zu dem Jungen, der still vor sich hin aß, kein Wort redete, weder Deutsch noch Englisch. Ein Held, der diese Mutter erträgt, sagte sie sich. Sie wusste, wen sie als Vorbild brauchte, als die Frau aufgeregt ihre Lieblingsautogrammkarte mit dem dankbaren Ken vorzeigte.

„Sehen Sie hier:Herzlichen Dank.“

Vivien warf einen Blick auf die Karte. Vor dem kernig lachenden Kenneth Dalton erkannte sie jedoch nicht mehr als dessen schwungvolle Signatur. Jetzt nur keine Träume zerstören, ermahnte sie sich. „Nett“, sagte sie, „wirklich nett.“

„Möchten Sie sich nicht auch eine holen?“

„Ach, das muss jetzt nicht sein.“

„Ich sehe doch an ihrem Lächeln, dass sie auch gern eine hätten.“

„Nein, das ist wirklich nicht nötig. Wenn ich mich vorstellen darf: Ich bin die Hausfotografin der Oper. Und gewissermaßen die Urheberin Ihrer Fotosammlung.“ Vivien glitt der Satz mit einer charmanten Arroganz über die Lippen, die genau den Ton traf, den die Autogrammjägerin brauchte, um euphorisch zu entflammen.

„Nein, wirklich? Das ist ja aufregend! Heißt das, Sie kennen die Künstler sogar persönlich? Kennen Sie etwa auch noch andere Prominente, die man so kennt?“

Vivien begriff, dass in dieser naiven Bewunderung die Chance lag, zügig auf ihr Anliegen zu kommen.

„Nun ja, die Arbeit mit prominenten Künstlern ist mein Alltagsgeschäft. Und natürlich kenne ich viele auch als Menschen recht gut.“ Was für eine abgenutzte Phrase, dachte Vivien, redete aber tapfer weiter: „Um authentische Fotos zu machen, ist es wichtig herauszufinden, was den Menschen hinter der Person beschäftigt.“ Noch so ein abgedroschener Satz und verlogen obendrein. Bei solch blöden Künstlerportraits ging Vivien nie tiefschürfend vor. Hier ging es niemandem um Authentizität. Hier ging es um den Schein des Besonderen, der als echt verkauft werden sollte.

„Interessant“, sagte die Frau, die Viviens Worte jetzt förmlich aufsaugte. „Sicher haben Sie ein sehr gutes Gespür, an die Menschen heranzukommen. Was erzählen die denn so, also zum Beispiel Kenneth Dalton? Lassen Sie mich raten: Es ist alles völlig anders, als man denkt, nicht wahr? Aber sagen Sie nichts. Ich finde es selbst heraus!“

Sie starrte äußerst engagiert auf die Autogrammkarte und kam sogleich zu einer Entdeckung, die sie stolz machte. „Ich hab´s! Irgendwie haben seine Augen etwas Diabolisches, finden sie nicht? Ich spüre, dass da noch etwas anderes ist. Das haben Sie wirklich hervorragend hingekriegt. Wirklich, eine tolle Arbeit. Oder kann man da überhaupt von Arbeit reden? Ich meine, wer Fotos von Kenneth Dalton und solchen Leuten macht und dabei so richtig an deren Menschsein rankommt, wie Sie so schön gesagt haben, der geht doch wohl eher einer Leidenschaft nach als einer Arbeit, oder?“

Sie lachte verzückt auf. Vivien war froh, dass zwischen ihr und der Frau dank des unvollendeten Nachtisches wenigstens noch ein Zwei-Teller-Abstand gewahrt blieb. Trotzdem erhöhte sie das Risiko.

„Möchten Sie nicht noch Ihr Erdbeertörtchen essen?“

„Wie aufmerksam von Ihnen!“

Sie übernahm endlich wieder ihren Teller und machte sich unverzüglich über ihr Törtchen her, während Vivien ihren aus der Schlagsahne befreiten Daumen unbeobachtet an einer Tischdecke hinter ihrem Rücken abwischte.

„Wir redeten von Leidenschaft“, sagte die Frau mit vollem Mund.

„Wie bitte?“

„Das Fotografieren.“

„Ach, so – ja, es ist durchaus beides: Arbeit und Leidenschaft. Meine Leidenschaft ist die Suche nach neuen Motiven. Dadurch erklärt sich auch, warum Prominente nicht zu meinen Leidenschaften zählen. Prominente sind Arbeit. Ihre Bekanntheit macht sie zu abgegriffenen Motiven, die mich eher langweilen.“

„Langweilen? Ich meine, es hat ja eine gewisse Logik, was Sie da sagen, aber wenn ich mir vorstelle, ich wäre allein in einem Studio mit Kenneth Dalton, das wäre doch aufregend!“

„Für mich wäre es, ehrlich gesagt, wesentlich aufregender, Ihren Sohn zu fotografieren.“

Die Frau guckte sie entgeistert an, so entgeistert, dass Vivien unsicher wurde, ob ihr Vergleich diskreditierend, anzüglich, unmoralisch oder einfach nur dumm gewirkt hat. Belustigend schien er jedenfalls nicht gewesen zu sein.

„Das meinen Sie aber jetzt nicht im Ernst? Das sagen Sie jetzt sicher nur, um mir zu schmeicheln.“

„Nein, nein“, antwortete Vivien, erleichtert, dass keine ihrer Befürchtungen zutraf. „Darum geht es mir nicht. Mein Beruf ist nicht das Schmeicheln, sondern das Beobachten.“

„Ich verstehe Sie nicht recht.“

„Ich beobachte Menschen. Ich beobachte den ganzen Tag Menschen, immer auf der Suche nach aufregenden Motiven. Wir redeten doch von meiner Leidenschaft.“

„Ja, und dann?“

„Wenn ich Glück habe, treffe ich auf Personen wie Sie.“

„Sie meinen, ich ...? Nun, hätte ich das gewusst. Ach, mir wird ganz heiß! Ich hätte ja noch ein anderes Kleid gehabt, ein luftiges. Ich glaube, es hätte auch besser zu meiner Frisur gepasst, aber das lässt sich ja alles noch ändern … Ach, wissen Sie, ich glaube, es sollte einfach so sein, dass wir uns hier kennenlernen. Wir haben uns ja noch gar nicht vorgestellt. Bauer. Ursula Bauer.“

„Vivien Mandelbaum.“

„Spannend, wie Sie das eben beschrieben haben mit dem Beobachten und der Leidenschaft! Ich beobachte ja auch gern andere Menschen. Mich interessiert immer, was wie wirkt, wenn Sie verstehen, was ich meine. Körpersprache, sage ich nur. Wissen Sie, ich bin Anwältin. Da bringt es schon eine Menge, wenn man Körpersprache einsetzt. Nicht irgendwie, sondern bewusst. Bewusst!“

Vivien musste nun zusehen, wie Ursula Bauer ihren immer weiter ausufernden Redeschwall mit ihrem wallenden Körper untermalte. Warum, in Gottes Namen, musste sie jetzt auch noch mit ihrem Körper sprechen? Während Frau Bauer sich anschickte, das Maximale aus sich herauszuholen, reduzierte sich der Junge neben ihr auf sein Wesentliches. Der Junge, der noch immer keinen Namen hatte, sondern einfach nur der Junge war, der nur da stand, atmete und aus leeren Augen in das Nichts schaute.

„Frau Bauer“, fuhr Vivien energisch dazwischen, „ich würde gerne einige Aufnahmen von Ihrem Sohn machen.“

Ursula Bauer verstummte. Nur ihr Körper sprach noch. Unbewusst.

 

2 Weiß

Endlich Stille. Es hatte eine gefühlte Stunde gedauert, bis Ursula Bauer das Studio verlassen hatte. Wortlos saß der Junge vor Vivien auf einem Stuhl und starrte sie an. Oder sah er durch sie hindurch? Vivien war sich da nicht so sicher. Ihr war auch nicht klar, ob der Junge seine Mutter vermisste oder nur auf seine eigentümliche Art die Ruhe genoss. Vielleicht war ihm Ruhe aber auch unheimlich, weil sie ihm fremd war? Die verbalen Amokläufe seiner Mutter mussten ihm seit pränatalen Zeiten vertraut sein. Was hatte sie sich eben noch lautstark echauffiert, bevor sie die Tür des Ateliers hinter sich zugeschlagen hatte! Vivien hatte darauf bestanden, mit dem Jungen allein zu arbeiten. Dass Frau Bauer trotz ihrer Verärgerung endlich abgerauscht war und ihren Sohn zurückgelassen hatte, lag, da machte Vivien sich nichts vor, weniger an ihrer Überzeugungskraft als am Ehrgeiz einer Mutter, die ihre eigene unerfüllte Sehnsucht nach Anerkennung nicht anders zu stillen wusste als mit der Hoffnung auf ein paar süße Bilderchen von ihrem Jungen, ihrem Küken, ihrem unter der Muttergluckenlast zerquetschten kükigen Jungen.

Wirklich geschickt war sie ja nicht mit Frau Bauers Traumwelt umgegangen, das musste Vivien sich eingestehen. Was hätte es sie gekostet, vorneweg noch schnell ein paar Aufnahmen von ihr zu machen und dabei ihre in Haarspray zementierte neue Frisur zu loben, die sie sich nicht zufällig heute früh beim teuersten Friseur der Stadt hatte hochföhnen lassen, um sie, kombiniert mit einem gewagten Minirock aus Studienzeiten und diversen Kostproben ihrer Körpersprache, zum Objekt von Viviens Kamera zu machen? Ihr Posieren erschöpfte sich jedoch in so plumpen Nachahmungen erotischer Klischees, dass Vivien sich außerstande sah, auf den Auslöser zu drücken. Als schließlich auch Frau Bauer begriffen hatte, dass an diesem Nachmittag ihre Karriere als Fotomodell nicht beginnen würde, eruptierte sie mit Ratschlägen für ihren Sohn, der vor allem mehr lächeln solle, und Anmerkungen zur Farbgestaltung des Studios, das doch „sehr weiß“ gehalten sei. Das sei ja fast wie Schnee, hatte sie gesagt und sogleich von ihren gelungenen Aufnahmen aus dem letzten Winter erzählt. Sowohl der Junge als auch der Schneemann seien so farbenfroh und kontrastreich gewesen, Vivien solle daher unbedingt auch die Blende ein wenig weiter öffnen. „5,6“ waren ihre letzten Worte, bevor Vivien die Contenance verloren und Frau Bauer aus dem Studio geworfen hatte.

Wunderbar, diese Ruhe! Vivien atmete tief durch und bekam das Gefühl, die Wände und Möbel des Studios täten es ihr nach. Der ganze Raum atmete tief durch und weitete sich. Hatte sie gesagt, sie wäre in zwei Stunden wieder hier? Sie schaute den auf dem Stuhl zusammengesunkenen Jungen an. „Atme!“, wollte sie ihm zurufen.

„Möchtest du einen Kakao?“, fragte sie ihn aber.

Der Junge zuckte mit den Schultern. Vivien lächelte.

„Naja, ich mache dann mal einen.“

Sie holte Milch aus dem Kühlschrank, füllte sie in einen kleinen Topf und stellte ihn auf den Herd.

„Du kannst dich hier gern umschauen.“

Vivien hatte bisher selten mit Kindern zu tun gehabt, eigentlich nie. Der Junge schaute sich wie notgedrungen ein wenig um. Er stand sogar zögernd wieder auf, blieb aber bei seinem Stuhl. Vivien nahm ihre kleine Nikon, die neben dem Herd lag, und machte ein Foto. Wenn sie portraitierte, fing sie immer so an: Sie griff sich spontan die nächstliegende Kamera und machte beiläufig ein Bild. Ihr wäre es lieber gewesen, der Junge wäre jetzt ein bisschen herumgegangen, aber das tat er nicht. Er blieb vor seinem Stuhl stehen. Also machte Vivien ein Foto von einem Jungen, der vor einem Stuhl stand.

Beklommenheit lag im Raum. Meist gelang es Vivien, aufkommende Peinlichkeit durch die Beiläufigkeit des ersten Fotos im Keim zu ersticken. Sie machte noch ein Foto. Und noch eins. Sie spürte eine stärker werdende Verspannung in der Brust, begriff aber nicht, dass sie es war, die schon eine Weile die Luft anhielt, während der Junge völlig normal atmete. Sie schämte sich, als sie das nächste Foto machte. Das passierte ihr sonst nie. Was mutete sie dem Kind zu? Eingesperrt in ein kahles, weißes Zimmer, allein mit einer Fotografin, die ihn angaffte und mit ihrer Kamera malträtierte.

„Hast du auch schon mal fotografiert?“

Der Junge schüttelte den Kopf.

„Du redest nicht viel, kann das sein?“

Der Junge zuckte mit den Achseln. Jetzt wurde er doch verlegen.

„Weißt du, ich rede auch nicht besonders viel. Ich brauche nicht viele Worte. Für jedes unnötige Wort mache ich lieber ein Foto.“

Sie drückte erneut den Auslöser. Die Kamera hielt sie dabei wie nebensächlich vor ihrem Bauch. „Das habe ich mir so angewöhnt: wenig Worte, aber viele Bilder. Bilder sagen mehr als Worte, verstehst du, was ich meine?“

Der Junge guckte Vivien an. Sie knipste erneut.

„Siehst du. Jetzt hast du mir etwas gesagt, und es ist hier drin. Aber lass uns lieber Kakao trinken. Such dir schon mal einen Becher aus.“

Während Vivien die Milch umrührte, damit sie nicht anbrannte, holte sich der Junge einen Becher aus dem Regal und stand plötzlich dicht neben ihr. Vivien war überrascht. Für einen Augenblick berührten sich ihre Arme.

„Ich heiße Maximilian.“

„Ich ...“, begann Vivien. Sie schlug sich die Hände vors Gesicht und rang nach Worten. „Das ist mir jetzt ja so peinlich. Ich habe dich nie nach deinem Namen gefragt.“

„Ich weiß.“

„Oh! Das tut mir leid! Wie konnte ich nur ... So was tut man nicht. Entschuldige bitte. Ich ...“

„Ist schon gut.“

„Oh nein. Ich rede mit deiner Mutter über dich, lade dich ein, sehe dich heute schon zum zweiten Mal und frage nie nach deinem Namen.“

„Es fragt nie jemand nach meinem Namen. Die Milch kocht.“

Die Milch kochte! Gerade noch rechtzeitig vor dem Überkochen riss Vivien den Topf vom Herd. Keiner fragt den Jungen nach seinem Namen. Sie auch nicht. Auch sie redete in ihren Gedanken immer nur vondem Jungen.

Auf der Milch hatte sich Haut gebildet.

„Lass uns rausgehen, Maximilian.“

„Und der Kakao?“

„Ich lade dich in ein Café ein. Wir feiern jetzt erst mal unser Kennenlernen.“

„Gibt es in einem Café denn auch Kakao?“

„Aber sicher. Wenn du magst, sogar mit ganz fett Schlagsahne. Ich bin übrigens Vivien.“

„Ich weiß“, antwortete Maximilian.

Vivien lächelte ihn an und reichte ihm seinen Anorak.

Dann warf sie sich ihre Jacke über, wählte aus der Vitrine die passende Kamera mit einem lichtstarken kleinen Zoom und verließ mit Maximilian das Studio.

Es war ein sonniger Tag im Spätherbst. Eigentlich ideal, um unterwegs Fotos zu machen. Noch vor ein paar Tagen hatte Vivien, wenn ihr die geplante Ausstellung durch den Kopf ging, ausschließlich Bilder vor Augen, die den Jungen in tristem Novemberwetter zeigten: farbloser Vordergrund mit farblosem Hintergrund. Jetzt lief sie mit Maximilian die Allee Richtung Park hinunter und wartete mit dem Fotografieren so lange, bis sie sicher war, dass kein Auto und kein kahler Ast, kein Schmutz und kein Schatten die Aufnahme trüben konnten und dass Maximilian nur in den wärmsten Farben der tiefstehenden Nachmittagssonne angestrahlt wurde. Bis zum Café hatte Vivien gerade einmal vier Bilder gemacht. Wenn Maximilian ihr Sohn wäre, hätte sie jetzt vier richtig gute Fotos fürs Familienalbum.

„Auch ein Stück Kuchen?“, fragte sie Maximilian, nachdem der große Kakao mit der extragroßen Portion Schlagsahne bestellt war.

„Weiß nicht.“

„Du willst lieber zwei Stücke“, provozierte Vivien ihn genüsslich und machte blitzschnell ein Foto. Maximilian war zu langsam und kam nicht dazu, mehr als dasneines Neins herauszupressen, da hatte Vivien schon drei Stücke Apfelkuchen bestellt, ein weiteres Foto geschossen und sich an einen Tisch gesetzt, zu dem ihr der verdutzte Junge folgte. Er setzte sich neben sie – nicht ihr gegenüber, sondern neben sie – und blickte zurück zum Kuchenbuffet.

„Ich war noch nie in einem echten Café.“

„Gefällt es dir hier?“

„Ganz schön teuer, der Kuchen.“

„Das muss dich nicht kümmern, Maximilian“, sagte Vivien, aber sie merkte, dass das wenig half. „Wir lassen es uns jetzt gutgehen.“ Aber Maximilian ging es nicht gut, das war offensichtlich. Die Kuchenbestellung war ein Rückschritt, spürte Vivien.

„In welche Klasse gehst du eigentlich?“

„In die 6c.“

„C ist super.“

„Wieso?“

„Ich war auch früher in der c. In der a, da waren die Angeber, in der b die Blöden und in der d die Doofen. Und wir waren ...“ Vivien suchte vergeblich nach einer positiven Eigenschaft. „Wir waren halt die ... die c.“ Das pädagogische Lügen sollte sie besser sein lassen.

„Die Coolen!“, entfuhr es Maximilian.

„Wie bitte?“

„Ihr wart die Coolen!“

Erst jetzt begriff Vivien: „Ja, genau. Wir waren die Coolen!“

Die Situation schien gerettet, Vivien glaubte bereits wieder an den Erfolg ihrer vertrauensbildenden Maßnahmen. Sicher würde ihr Gespräch gleich in generationsübergreifende Solidaritätsbekundungen aller C-Klässler münden. Sie würde daraufhin weiteren Kuchen ordern, vielleicht Schwarzwälder Kirsch. In ihrer beider Übermut würden sie sich die obenliegenden Kirschen mit einem Teelöffel gegenseitig in die Augen katapultieren, alberne Fotos machen und viel lachen.

Aber Maximilian sagte nichts. Stattdessen drehte er sich nur leicht zu ihr und starrte sie an. Lag in dem Blick Bewunderung oder Gleichgültigkeit? Strömte aus seinen Augen Vertrauen oder durchschauten sie Viviens Unehrlichkeit? Vivien wusste es nicht.

Die heißen Schokoladen wurden serviert, ebenso die drei Stücke Kuchen.

„Na, dann lassen wir es uns mal schmecken“, unterbrach Vivien das Schweigen.

Maximilian nahm einen Schluck Kakao und stach seinen Kuchen an. Zumindest schien er kein schlechtes Gewissen mehr zu haben, teuren Kuchen zu essen, dachte sich Vivien.

„Wir sind auch die Coolen“, sagte Maximilian plötzlich zwischen zwei Bissen. Vivien war überrascht. Sie wartete auf mehr, aber mehr sagte der Junge nicht. Er aß seinen Kuchen und trank seine Schokolade.

„Darf ich ein paar Fotos machen?“

Maximilian nickte. Vivien zückte ihre Kamera und fokussierte den Jungen. Wir sind auch die Coolen, sagt ausgerechnet dieser Junge. Und wie er genüsslich seine heiße Schokolade trinkt!

Das zweite Stück Kuchen rührte Maximilian nicht an. Das musste die Kleinkrämerseele seiner Mutter angerichtet haben, die den Jungen von Cafés fernhielt, ihn aber an Gratisbuffets mästete, um den Kilopreis für Schlagsahne zu drücken, mutmaßte Vivien und beschloss, den übrig gebliebenen Kuchen kurzerhand zweckzuentfremden. Zerteilt in kleine Happen, stapelte sie die Stücke aufeinander zu sahneumschmierten Skulpturen, die von Maximilian, der jetzt die Kamera halten durfte, mit wachsender Begeisterung fotografiert wurden. Sein Verhalten blieb für objektive Betrachter dezent. Die übrigen Gäste sahen nicht mehr als einen blassen Jungen und eine kichernde Frau Ende dreißig, über deren Verhalten sie die Köpfe schüttelten. Auch die Bedienung teilte die am Tisch herrschende Begeisterung nicht und fragte irgendwann nach, ob es noch einen Wunsch gäbe.

„Zahlen, bitte.“

„Das macht dann dreizehn fünfzig.“

„Fünfzehn.“

„Danke sehr.“

Maximilian guckte Vivien entgeistert an. Vivien wusste, warum. Sie stand schnell auf. „Zieh deine Jacke an. Wir gehen.“

„Aber du bekommst noch Geld zurück!“

„Nein, das ist schon gut so. Der Rest ist Trinkgeld für die Dame.“

„Aber warum?“

„Für die nette Bedienung. Das macht man so.“

„Aber die Dame war nicht nett.“

Schon wieder so ein dahingeworfener Satz aus dem Munde dieses unscheinbaren Kerlchens, staunte Vivien. Pointiert, schnörkellos, klar. Seine Statements kamen so unversehens aus dem Nichts wie ein unbeabsichtigter Farbkleks auf die weiße Leinwand.

„Wie kommst du denn darauf?“

„So was spüre ich. Sie wollte uns nicht mehr hierhaben.“

„Dann lass uns mal schnell von hier verschwinden, wenn das so ist“, flüsterte sie Maximilian ins Ohr.

„Aber die ein Euro fünfzig?“, flüsterte er verzweifelt zurück.

„Ich zahle beim nächsten Mal mit Falschgeld.“

Maximilien schien das fair zu finden, jedenfalls hatte er keine Einwände. Sie verließen das Café und machten sich auf den Weg zurück zum Studio.

Die Sonne hatte sich mittlerweile hinter einer konturlosen Wolkenschicht zurückgezogen. Das Licht war gerade noch ausreichend für ein paar triste Herbstaufnahmen. Vivien überlegte, ob sie die Kamera noch einmal zücken sollte. Als sie jedoch einen Blick auf die Uhr warf, verflog dieser Gedanke sofort. So spät schon! Wenn sie pünktlich war, musste Frau Bauer schon zwanzig Minuten vor der Tür stehen. Und bestimmt war sie pünktlich.

„Wir müssen zurück. Deine Mutter wartet sicher schon.“

Der Junge ließ sich jedoch nicht von Viviens plötzlicher Eile anstecken. Nur gemächlich legte er an Tempo zu, während Vivien in der Jacke nach ihrem Handy tastete. Im Studio liegengelassen! Auch das noch!

„Maximilian, wir müssen einen Zahn zulegen!“ Sie wollte ihn schon bei der Hand nehmen und ziehen, zuckte dann aber doch davor zurück. Wie sähe das aus? Als wäre er ihr Kind oder als ginge er noch in die Grundschule.

„Wer schneller ist!“, rief sie. Das hatte ihr Vater früher immer gemacht. Aber Maximilian wurde nicht schneller. „Na gut“, gab Vivien auf und sagte leise: „Gehen wir halt ganz normal weiter.“

Normal Gehen blieb aber für Vivien schwierig. Bis zum Studio brauchten sie eine Viertelstunde. Frau Bauer war nicht da. Ob sie schon gegangen war? Ein Zettel hing nicht an der Tür. Im Atelier griff Vivien sofort zum Telefon. Die Nummer war gespeichert. Sie wählte, aber keiner ging dran.

„Sicher kommt sie gleich. Jetzt können wir ja doch noch ein paar Fotos machen.“

Maximilian nickte.

„Setz dich mal hier auf den Stuhl.“

Vivien porträtierte den Jungen von allen Seiten, zuerst im Sitzen, dann im Stehen, dann an die Wand gelehnt, dann auf dem Tisch liegend, auf dem Tisch sitzend und vom Tisch springend. Dann zu einer Kugel gerollt in einer Zimmerecke, dann mit geschlossenen Augen, dann nach oben schauend und nach unten.

Maximilian machte alles mit. Erstaunlich war, dass es ihm keinerlei Mühe zu bereiten schien, auf Kommando die Posen zu wechseln. Er wirkte bei jeder Aufnahme natürlich und entspannt. Begeisterung war ihm zwar nicht anzumerken, aber er strahlte bei allem, was er tat, eine stille Zufriedenheit und Anmut aus.

Es dauerte fast eine Stunde, bis Vivien schließlich die Kamera zur Seite legte. Erst jetzt fiel ihr Frau Bauer ein. Sie versuchte noch einmal, sie anzurufen, doch auch über das Festnetz war sie nicht zu erreichen.

„Kommt deine Mutter öfter zu spät?“

Maximilian schüttelte den Kopf.

„Soll ich dich nach Hause fahren?“

„Kann ich nicht noch bei dir bleiben?“

„Doch, doch. Klar.“

Jetzt schwiegen sie sich wieder an. Vivien machte die Stille verlegen. Sie wollte gerade schon wieder nach der Kamera greifen, hielt aber inne.

„Magst du noch was erzählen?“

Achselzucken.

„Sollen wir was spielen?“

„Was denn?“

„Ich weiß nicht.“

Was für ein blöder Vorschlag! Spiele gab es hier nicht, und ihr fiel auch keines ein, das man einfach so hätte spielen können. Außer vielleicht ...

„Vielleicht ...Ich sehe was, was du nicht siehst.“

„Na gut.“

„Fängst du an?“

„Nein, du.“

„Okay“, begann Vivien. „Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist weiß.“

Maximilian stutzte. „Aber hier ist doch alles weiß.“

Vivien brach in schallendes Gelächter aus. Das war die Pointe des Tages. „Natürlich“, sagte sie lachend, „wie bescheuert von mir! Was für ein blödes Spiel! Hier ist ja alles weiß!“ Sie juchzte auf, johlte und lachte, dass ihr die Tränen aus den Augen spritzten und sie nichts mehr sehen konnte. Sie sah auch nicht, wie über Maximilians Gesicht ein zartes Lächeln huschte.

Als Vivien sich wieder gesammelt hatte, war es schon verflogen. Es herrschte wieder Stille, denn es gab keine Notwendigkeit, etwas zu sagen. Minutenlang saßen beide nur da und genossen den Stillstand der Zeit. Dann klingelte es an der Tür.

Noch bevor Vivien richtig geöffnet hatte, ergoss sich ein Redeschwall über sie und Frau Bauer betrat den Raum. Zur Erleichterung Viviens war sie bestens gelaunt.

„Na, meine lieben Künstlerseelen, hattet ihr eine gute Zeit? Ich komme absichtlich ein bisschen später, Frau Mandelbaum. Wissen Sie, ich habe das doch gespürt, dass ich Sie nicht unter Druck setzen darf. Gut Ding will Weile haben. Oder noch besser ausgedrückt:Die Muse küsst nicht ohne Müßiggang!Mein neuestes Wortspiel. Ist es nicht treffend? Ach, ich liebe Wortspiele. Die Muse küsst nicht ohne Müßiggang! Na, mein Junge, hat sie dich auch geküsst?“ Ungeniert lachte Frau Bauer auf. „ Aber was sage ich denn da?“ Sie gurrte ein Echo hinterher. „Nun ja, Frau Mandelbaum, wie schon gesagt, mein Instinkt sagte mir: Gib der Frau Mandelbaum ein bisschen mehr Zeit, und dann schafft sie das schon, dann macht die was aus meinem Jungen, nicht wahr?“ Sie kniff ihrem Sohn in die Wange und schüttelte seinen Kopf. „Apropos Müßiggang: Auch ich habe mich heute mal so richtig treiben lassen, um etwas Abstand zu bekommen von diesem und jenem, nicht zuletzt auch von unserem Vorfall heute ... ach, ich will es gar nicht so hoch hängen. Wie das schon klingt:Vorfall …Jedenfalls ist mir klar geworden, dass es völlig richtig von Ihnen war, dass sie mich heute Nachmittag nicht fotografieren wollten. Ich meine, Sie haben das nicht so direkt gesagt, aber man hat ja ein Gespür für Zwischentöne. Doch sagen Sie jetzt nichts. Es ist alles in Ordnung. Sie müssen sich nicht entschuldigen. Vielmehr sage ich Ihnen Danke. Danke, dass Sie mir die Augen geöffnet haben. Sie hatten ja so recht mit meinem Rock.“

„Mit Ihrem Rock?“

„Ach, kommen Sie! Sie wissen doch genau, wovon ich rede. Sie sind mir eine. Ich meine, von der Größe her saß er ja noch wie angegossen, aber der Stil! Völlig unzeitgemäß. Ihnen ist das vorhin sicherlich sofort aufgefallen, Ihnen als Profi. Nun ja, und als Künstlerin. Was müssen Sie als Künstlerin gedacht haben! Ich schätze Sie ja eher modern ein. Wer so Ausstellungen mit Thema macht, der ist ja eher auf der modernen Schiene, wenn ich das mal so salopp sagen darf. Und da komme ich mit meinem alten Rock. Ein No-Go, sagt man sicher in Ihren Kreisen.“ Wieder ertönte ein greller Aufschrei. „Nun, ja, es kam, wie es kommen musste. Aber ich will jetzt nicht ausschweifend werden. Das Kleid wird Ihnen gefallen. Ich habe es gleich angezogen, falls noch ein bisschen Zeit sein sollte ...“

Ursula Bauer knöpfte ihren Mantel auf. Bei jedem Knopf kreiste sie die Hüften und räkelte sich mit ihrem Oberkörper. Maximilian guckte aus dem Fenster.

Vivien musste mit ansehen, wie Ursula Bauer zunächst das eine Bein aus dem Mantel schob, diesen dann mit Schwung öffnete, um ihn schließlich nach hinten über die Schultern fallen zu lassen. Mit dem anderen Bein machte sie einen Schritt auf den Stuhl vor ihr, stützte die Hände aufs Knie, warf Kopf und Haare zurück und drehte sich lasziv zu Vivien um. Das Kleid war furchtbar.

„Und? Was sagen Sie?“

„Ja. Umwerfend. Modern. Einfach Ihr Kleid.“

Vivien war stolz, dass ihr diese Antwort gelungen war.

„Ah, ich wusste es!“, frohlockte Frau Bauer. „ Also, ich hätte noch ein paar Minuten.“

„Frau Bauer, ich bin leider … sehr eilig. Ich meine, ich bin schon spät dran und habe noch einen Termin.“ Vivien wollte nur noch nach Hause.

„So wie Sie habe ich früher auch gelebt. Von Termin zu Termin. Sie sollten sich auch mal Zeit für sich nehmen. Kommen Sie, nur ein paar kleine Fotos!“

Frau Bauer warf erneut ihr Haar nach hinten, und Vivien begriff, dass sie heute ihre Berufsehre verletzen musste. Trotzdem suchte Sie nach dem schnellstmöglichen Ausweg.

„Ich habe einen Vorschlag. Wir machen ein paar Aufnahmen im Treppenhaus, auf dem Weg nach unten. Wie finden Sie das?“

„Ausgezeichnet. Oh, wie aufregend! Aber werden wir da nicht Probleme mit dem Licht haben?“

„Überhaupt nicht, Frau Bauer. Das Halbdunkel ist ein hervorragendes Stilmittel. Sie werden sehen. Das Treppenhaus bietet außerdem eine ganz charakteristische Perspektive. Stürzende Linien! Das wird wunderbar!“

Vivien zog bereits ihre Jacke über, griff sich die kleinste Kamera, half Maximilian in den Anorak, machte das Licht aus und schob Frau Bauer ins Treppenhaus. Vivien ging voran, drehte sich um und knipste los. Licht, Fluchten, stürzende Linien waren ihr völlig egal. Ursula Bauer hängte sich ans Geländer, streckte den Po raus, ging eine Stufe nach unten, strich sich durchs Haar und war außer sich vor Begeisterung. So ging es weiter treppab, bis sie sich beim letzten Absatz in ihrer Euphorie auf das Geländer setzte und mit hochgereckten Armen nach unten rutschte. Leider war das Ende des Handlaufs mit einer Skulptur geschmückt. Krachend prallte sie vor den kampfbereiten Löwen, der sein Opfer mühelos erlegte. Die rotierende Flugbahn des schreienden Beutetiers wurde Viviens letzte Aufnahme. Mit voller Wucht stürzte Frau Bauer auf den Boden.

„Mein Fuß! Mein Fuß!“

Vivien hatte Mühe, ein Lachen zu unterdrücken.

„Warten Sie. Ich helfe Ihnen“, sagte sie so ernsthaft, wie es ihr mit einem Grinsen möglich war. Eine so schwungvolle Pirouette hätte sie diesem voluminösen Körper nie zugetraut. „Ich helfe Ihnen“, sagte sie nochmal beim Niederknien. Dann legte sie Frau Bauers Arm um ihre Schulter und zog sie hoch. Noch glaubte Vivien nicht an eine ernsthafte Verletzung. Getöse war bei ihrem Treppenhausmodel den Erfahrungen der letzten Tage nach nichts Ungewöhnliches. Kaum standen sie, begann Vivien auch schon damit, sich aus Frau Bauers Umklammerung zu lösen. Unter jammerndem Aufheulen sackte diese jedoch wieder zu Boden. Vivien hockte sich mit einer bösen Vorahnung zu ihr. „Tut das weh?“, fragte sie und begann sacht den Knöchel zu bewegen. Frau Bauer schrie auf.

„Was tun Sie da?“

„Da ist wohl was gebrochen. Mhm, ich fahre Sie besser in die Klinik.“

Gemeinsam mit Maximilian gelang es ihr, Frau Bauer zu ihrem Auto zu wuchten und auf den Beifahrersitz fallen zu lassen. Wieder heulte sie auf. „Oh“, entfuhr es dem Jungen, der wie Vivien neben dem Schrei seiner Mutter den Riss gehört haben musste, der das brandneue Wurstpellenkleid beim Einsteigen aufgesprengt hatte. Mit einem Fingerzeig ermahnte Vivien den Jungen zum Schweigen.

Still fuhren sie los. Selbst Frau Bauer schwieg. Sie jammerte auch nicht mehr. Das fand Vivien dann doch sehr respektabel.

„Das wird im Krankenhaus sicher dauern. Soll ich Maximilian zu Ihrem Mann nach Hause fahren?“

„Mein Mann ist auf Reisen“, sagte sie kleinlaut, „auf einem Symposium.“

„Ist er irgendwie erreichbar?“

„Er will bei der Arbeit nicht gestört werden. Er ist auf Dienstreisen nie erreichbar.“

„Vielleicht ist ja alles nur halb so schlimm und Sie können nach der Untersuchung gleich nach Hause.“

„Nein, es ist gebrochen. Es ist alles gebrochen. Nicht nur der Fuß. Alles!“

„Wenn Mama im Krankenhaus bleiben muss, kann ich dann mit zu dir?“, hörte Vivien Maximilian auf dem Rücksitz fragen. Er sagte das, als würde er sie schon lange kennen.

„Ja sicher“, antwortete Vivien, „ja sicher.“

 

3 Haftung

Der Arzt in der Notaufnahme erkannte auch ohne Röntgenaufnahme sofort, dass Frau Bauer mit ihrer Selbsteinschätzung nicht ganz verkehrt lag. Die Untersuchung ergab einen komplizierten Trümmerbruch am Knöchel, einen Bänderriss, eine gebrochene Rippe und ein angebrochenes Steißbein. Sie würde bereits am nächsten Morgen operiert werden und müsste sicher die nächsten fünf bis sieben Tage im Krankenhaus bleiben. Ihr Mann galt als nicht erreichbar, und mit Verwandten oder Freunden war es schwierig, wie Frau Bauer sagte, bis sich herausstellte, dass es eigentlich keine gab.

„Vivien“, sagte Ursula Bauer, „Vivien, Sie sind die einzige, die ich habe.“

Damit war Vivien Frau Bauers oder Ursulas beste Freundin, ob sie wollte oder nicht. Sie waren jetzt unweigerlich Ursula und Vivien. DasDufolgte zwangsläufig.

„Kann ich mit zu dir?“, fragte Maximilian erneut, und da es nach einem „Ja sicher“ kein Zurück mehr gab, hatte Vivien den Jungen nun im Auto sitzen. Sie machten einen Schlenker am Haus der Bauers vorbei, um Schulsachen, Kleidung und eine Zahnbürste einzupacken.

Das Haus lag versteckt hinter einer Hecke aus Lebensbäumen. Gruselig, fand Vivien. Sie konnte Lebensbäume nicht ausstehen. Hinter ihnen versteckten sich entweder Friedhöfe oder Spießerdomizile – Friedhöfe der einen oder anderen Art eben, wie Vivien in Gedanken lakonisch zusammenfasste. Als sie das Gartentor öffnete, bekam sie Beklemmungen. Kurz blieb sie stehen und warf einen Blick auf das verklinkerte Haus mit dem gedrungenen Walmdach. Hatte sie etwas anderes erwartet? Als Maximilian die Tür aufschloss, wehte ihr der typische Walmdachklinkerhausgeruch entgegen, diese unverwechselbare Mischung aus Mottenkugeln, Hausschimmel und billigem Eau de Toilettes. Aber warum musste sie sich schon wieder beim Lästern erwischen? Hatte sie sich nicht fest vorgenommen, damit aufzuhören?

Ohne sich umzuschauen, war Vivien Maximilian in sein Zimmer gefolgt. Ja, schon um des Jungen Willen sollte sie aufhören, sein Zuhause schlecht zu machen. Zum Glück konnten sie zügig die wichtigsten Sachen zusammensuchen. Beim Rausgehen, schwor sich Vivien, würde sie sich nicht umsehen. Sie würde ihrer Neigung zum Spötteln keine neue Nahrung geben.

Wieder draußen, atmete Vivien, noch bevor sie die Lebensbaumhecke hinter sich gelassen hatte, tief durch. Erleichtert durch die frische Luft gefielen ihr die Bäume jetzt schon viel besser. Wie relativ doch alles war...

Die Fahrt durch die nächtliche Stadt kam ihr ewig vor. Vivien war froh, als sie endlich ihre Wohnung erreicht hatten. Schnell hatte sie ein Lager für Maximilian hergerichtet. Jetzt lag der Junge auf dem Sofa und schlief. Vivien war so erschöpft, dass ihr die Kraft fehlte, die Ereignisse der letzten Stunden noch einmal Revue passieren zu lassen. Ein verrückter Tag! Es war schon nach elf. Sie ging ins Bett.

Am nächsten Morgen fuhr sie Maximilian zur Schule.

„Hast du Freunde in deiner Klasse?“

„Nicht wirklich.“

Warum hatte sie diese Frage gestellt? Auf die Antwort hätte sie selber kommen können.

Bei der Schule stieg Maximilian aus. Vivien beobachtete, wie er quer über den Schulhof auf eine der großen Flügeltüren zuging. Die übrigen Schüler schienen für ihn Luft zu sein. Umgekehrt galt dasselbe. Da war keiner, der ihn grüßte oder der sich auch nur nach ihm umdrehte.

Als Vivien Maximilian am Mittag wieder abholte, stand er bereits mutterseelenallein auf dem Schulhof. Nur sein Schulranzen, den er neben sich auf den Asphalt gestellt hatte, leistete ihm Gesellschaft. Um ihn herum spielten die Kinder. Leider hatte Vivien ihre Kamera vergessen. Als Maximilian sie bemerkte, lächelte er. Er griff sich sofort seine Tasche, rannte auf Vivien zu und umarmte sie. Vivien war unfähig, sich aus seiner Umklammerung zu lösen. Zum ersten Mal hielt sie ein Kind in ihren Armen.

„Lass uns einsteigen“, sagte sie schließlich.

Zum Fotografieren kam sie in den nächsten Tagen nicht. Die Versorgung des neuen Mitbewohners nahm sie voll in Anspruch. Deutlich langsamer als sonst ging sie durch den Supermarkt. Musste sie jetzt ein anderes Müsli kaufen? Vielleicht eine Nougatcreme? Süßigkeiten? Pausensnacks und Fruchtsäfte? Ketchup oder Mayo? Etwa Pommes aus dem Tiefkühlfach? Oder aß Maximilian ohnehin alles? Natürlich tat er das. So hatte sie ihn kennengelernt. Fischstäbchen? Sie bekam plötzlich selbst Appetit auf Fischstäbchen. Und die Schoko-Knusperschnitten, wollte sie die nicht auch schon immer mal probieren? Also alles in den Wagen. Oder war das doch zu viel? Was sollte sie mit dem ganzen Zeug, wenn Maximilian vielleicht morgen schon wieder zu Hause sein würde? Sie musste dringend ausfindig machen, ob der Vater nicht doch zu erreichen war. Hatte Frau Bauer (Ursula!) eigentlich erwähnt, wann er zurückkam? Sie würde das am Nachmittag klären, wenn sie wieder im Krankenhaus war.

Der Einkaufswagen war randvoll.

Auch für das Kochen brauchte sie mehr Zeit als sonst, obwohl es am Ende nur Spaghetti mit Soße gab. Unendlich viele Gedanken hatte sie gewälzt, bis sie sich zu der Entscheidung durchgerungen hatte, einfach nur Spaghetti mit Soße zu machen. Immerhin hatte sie das viele Denken auf die Idee eines Nachtischs gebracht. Nachtisch machte sie sonst nie. Aber da es früher bei ihrer Mutter immer einen gegeben hatte, fühlte sie sich verpflichtet, es ihr nachzutun. Vivien machte Quarkspeise mit Himbeeren.

Nach dem Essen half sie Maximilian bei den Hausaufgaben. Eigentlich brauchte er, wie sie schnell begriff, gar keine Hilfe. Aber Vivien half ihm trotzdem.

Danach telefonierte sie mit seiner Schule. Nein, eine Handynummer des Vaters sei nicht registriert. Sie gäben außerdem an nicht autorisierte Personen keine Telefonnummern heraus. Wer sie überhaupt sei. Sie versorge den Sohn von Frau Bauer? Ach, das sei ja interessant. Wie mache sich denn der Junge so, ganz ohne seine Mutter?

Dass würde sie, Vivien, nur autorisierten Personen erzählen. Ob es nicht doch eine Nummer vom Vater gebe?

Man bedauere, nein. Keine Nummer.

Vivien fuhr mit Maximilian ins Krankenhaus. Langes Klagen. Die Schmerzen. Der Vater käme erst in drei Tagen zurück.

Wieder zu Hause, spielten sie Karten. Danach deckte Vivien den Abendbrottisch. Sie hatte keinen Hunger, aber sie hoffte, den Jungen anschließend schnell ins Bett bringen zu können. Bevor sie ihn soweit hatte, musste jedoch fünfmal Mau-Mau gespielt werden.

Später in der Nacht wurde Vivien von Maximilian geweckt. Er hatte ins Bett gemacht, vielmehr in ihr Sofa. Ob sie das je wieder rausbekam? Das Auswaschen der Polster verschob sie auf den nächsten Tag. Sie war einfach zu müde. Dem Jungen gab sie einen Schlafanzug von sich. Sie stellte noch eine Wäsche an und wollte sich wieder hinlegen, da war Maximilian in ihrem Bett eingeschlafen. Sollte sie sich dazulegen? Sie war schließlich nicht seine Mutter. Vivien beschloss, über diese Nebensächlichkeit hinwegzusehen, doch es gelang ihr nicht. Den Rest der Nacht verharrte sie wach in größtmöglicher Entfernung zu ihm am äußersten Rand des viel zu schmalen Bettes, unentwegt fürchtend, aus dem Bett zu fallen.

Am nächsten Morgen brachte sie Maximilian schnell zur Schule, um sich anschließend mit dem Säubern und Trockenlegen des Sofas zu beschäftigen. Warum hatte sie sich auch ein weißes Sofa zulegen müssen! Sie musste dringend ihr Wohnkonzept überdenken. Dieser Plan heiterte sie auf.

Nach dem Mittagessen – zum Nachtisch gab es diesmal zu Maximilians Begeisterung Wackelpeter mit Vanillesoße – fuhren sie wieder zusammen ins Krankenhaus. Ursula jammerte noch mehr als gestern. Da waren noch immer diese Schmerzen, aber es gab noch etwas weitaus Schlimmeres.

„Ausgerechnet zum Ende des Jahres so ein Unglück!“

„Für einen Unfall gibt es wohl nie einen richtigen Zeitpunkt.“

„Jetzt wird es nichts mit der Beitragsrückerstattung!“

„Wie bitte?“

„Die Krankenversicherung. Wäre es erst im Januar passiert, hätte ich doch ... Sie verstehen nicht?“

Nein, Vivien verstand nicht. Aber sie bemerkte sehr wohl, dass sie wieder mitSieangeredet wurde.

„Ich rede von der Beitragsrückerstattung. Das ganze Jahr bin ich nicht beim Arzt gewesen. Nur sechseinhalb Wochen später und ich hätte eine Beitragsrückerstattung bekommen!“

„Jetzt beruhigen Sie sich doch, Frau Bauer.“ Vivien fand es viel angenehmer, Frau Bauer wieder siezen zu können. „Hauptsache, Sie kommen schnell wieder auf die Beine.“

„Sagen Sie, haben Sie eigentlich eine Berufshaftpflicht?“

„Nein, wieso?“

„Ich meine, in gewisser Weise war mein Unfall ja ein Arbeitsunfall in Ihrem Atelier. Gegen so was sollten Sie eigentlich versichert sein. Was nicht alles so auf dem Laufsteg passieren kann ... oder in einem Treppenhaus ...! Also, wie Sie mich animiert haben, da runterzurutschen. Ohne Sie hätte ich mir so was doch nie zugetraut.“

„Was wollen Sie damit sagen?“

„Ach, gar nichts. Sie müssen sich keine unnötigen Sorgen machen, schließlich kümmern Sie sich ja so rührend um meinen Jungen. Das verursacht schließlich auch Kosten.“

Vivien war konsterniert. Wie konnte diese Frau nur so denken? Wer tat so etwas? Auf was hatte sie sich da eingelassen?

„Fahren wir jetzt wieder“, fragte Maximilian.

„Ja“, antwortete Vivien.

Sie verließ mit dem Jungen das Krankenzimmer. Auf dem Weg zum Auto ergriff Maximilian Viviens Hand. Eigentlich braucht das Kind frische Wäsche, dachte sie. Aber noch mal zu dem spießigen Klinkerbau hinter der Friedhofshecke? Undenkbar.

„Was hältst du davon, wenn wir noch kurz in die Stadt fahren und dir eine neue Hose und ein T-Shirt kaufen?“

Maximilien dachte angestrengt nach.

„Nein, das geht nicht. Das können wir nicht machen. So was macht doch nur meine Mutter.“

„Na gut“, sagte Vivien entmutigt. War sie jetzt gekränkt? Sie musste den nächsten Tag unbedingt für Aufnahmen nutzen.

 

4 Shooting

In der Nacht schlief Vivien schlecht. Am Morgen hatte sie vor Nervosität keinen Appetit. Während Maximilian in der Schule war, putzte sie die Wohnung und überlegte, wo sie mit dem Jungen hinfahren würde. Schon eine Viertelstunde vor Schulschluss stand sie vor der Schule. Es war kalt. Oder fror sie nur, weil sie so aufgeregt war? Als Maximilian endlich kam, fuhr sie mit ihm zum Bahnhof.

„Hast du Hunger?“

Der Junge deutete ein Nicken an, zuckte aber zugleich mit den Achseln.

„Ja? Gut. Wir holen dir jetzt erst mal einen Hamburger. Damit setzt du dich da hinten auf den Bahnsteig, und ich mache Fotos, okay? Danach gibt’s eine Bratwurst und dann ein Butterbrot. Das habe ich in meiner Tasche. Ich mache jedes Mal Fotos. Verstanden? Ich meine, du musst nicht alles aufessen, wenn du nicht hungrig bist. Hier habe ich noch eine Mütze für dich. Die setzt du mal auf und mal legst du sie neben dich. Alles klar?“

Maximilian nickte erneut, jetzt sogar ein wenig eifrig. Vivien zweifelte nicht eine Sekunde, dass er alle Anweisungen erfasst hatte. Mit unnachahmlicher Gelassenheit und Anmut aß er wenig später auf einer Bahnhofsbank einen Hamburger, dann eine Bratwurst und schließlich ein Butterbrot, mal mit, mal ohne Mütze. Die Passanten registrierten das Shooting kaum. Nur ab und zu drehte sich jemand nach Vivien um – Männer, die reflexartig attraktiven Frauen hinterherglotzten, oder selbstverliebte Intellektuelle, die Vivien für eine auf Bahnhofsarchitektur spezialisierte Künstlerin der Postmoderne hielten.