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"Alles, was zu sagen bleibt, ist, dass wir in Wirklichkeit schon tot sind; tote Lebende. Alles, was zu sagen bleibt, ist, dass wir in Wirklichkeit uns selbst nicht mehr trauen können." Eine verzweifelnde Stimme klagt eindringlich die normierte Vernunft und das ökonomisierte Denken an, das in unserer Gesellschaft längst zur zweiten Natur geworden ist. Doch bleibt die Anklage nicht abstrakt: Mit Nachdruck macht sie auf die zerstörerischen Folgen unseres Handelns aufmerksam – den Raubbau an natürlichen Ressourcen, das Artensterben, die Vergiftung von Böden und Gewässern, aber auch die zunehmende Entfremdung des Menschen. Wie ein Aufschrei durchbricht die unbeugsame Stimme das Schweigen, reißt uns aus der Lethargie und fordert auf, die Augen nicht länger vor den Konsequenzen zu verschließen.
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Seitenzahl: 202
Veröffentlichungsjahr: 2025
Impressum
1 Der Schrei der Natur
2 Der Preis
3 Alles, was zu sagen bleibt
4 Der Klang des Sterbens
5 Tränen der Hoffnung
6 Zerbrechlich
7 Krieg
8 Das Versagen
9 Das Schweigen
10 Verloren
11 Kinder der Erde
12 Der Frost der Einsamkeit
13 Was bleibt?
14 Abenddämmerung
15 Das Herz der Natur
16 Trotzdem
17 Das Buch des Wissens
18 Wer wir sind
19 Blind im Sturm
20 Der Weg
21 Zuversicht
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Cover
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
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© 2025 novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-903579-62-0
ISBN e-book: 978-3-903579-63-7
Lektorat: Alexandra Ehrmann
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Siehst du in der Morgendämmerung den Sonnenaufgang? Hörst du noch den Vogelsang am Morgen? Fühlst du noch den Wind, der durch die Baumwipfel weht? Nimmst du überhaupt noch all die Dinge wahr, von denen wir dachten, dass sie für immer sind?
Was ist mit dem Sterben der Natur, dem Sterben auf den Kriegsschauplätzen und Schlachtfeldern der Mächtigen? Nehmen wir uns noch die Zeit des Innehaltens und der Umkehr? Haben wir noch die Kraft, die Naturzerstörung und den Mut, das Blutvergießen zu beenden, die Armut, den millionenfachen Hungertod und die Verseuchung der Meere zu bekämpfen?
Nimmst du noch den Schrei der Erde wahr?
Was haben wir der Erde angetan, siehst du nicht, was wir ihr angetan haben? Was ist mit der Zukunft, die du deinen Kindern versprochen hast, mit dem Frieden, dem Glück und der Liebe, die wir ihnen geben wollten? Was ist mit der Hoffnung und den Träumen auf eine bessere Welt? Nehmen wir uns wirklich noch die Zeit der Besinnung, des Erwachens? Was ist mit dem Wissen, dass Zigtausende Kinder jeden Tag des Hungers sterben, in sinnlosen Kriegen ihr Leben verlieren, Millionen auf der Flucht sind?
Nimmst du noch den Schrei der Welt wahr?
Wo sind wir gelandet, wo wollen wir hin? Wenn wir nicht wissen, wo wir sind, verlieren wir uns selbst, werden weit abgetrieben von den bunten Blumenfeldern unserer Zukunftsträume. Wir müssen jenseits der Wirklichkeit denken, um sie zu verändern.
Was ist mit unserer Geschichte, unserer Vergangenheit, was ist mit dem Gestern, was mit dem Morgen? Was ist mit der Natur, den Tieren, Pflanzen, der Luft und den Meeren?
Wir bekommen kaum noch Luft zum Atmen. Was ist mit uns los, mit unserem Körper, mit unserer Seele? Das Mikroplastik zerfrisst bereits unser Gehirn.
Wie können wir es zulassen, dass wir uns selbst vergiften, uns zum unersättlichen Vielfraß entwickelt haben? Woher kommen die Ignoranz, die fehlende Anteilnahme gegenüber der Naturzerstörung und dem Artensterben, die Lethargie unserer Gesellschaft angesichts des strukturellen Ökozids?
Was ist mit uns geschehen, dass wir den Wert der Natur nicht mehr (er)kennen?
Das Selbstzerstörerische unseres rationalen Denkens entspringt aus dem zerrissenen und geschundenen Körper, aus dem fatalen Missverständnis unserer leibhaftigen Natur, die dem Zivilisationsprozess der Postmoderne bereits zum Opfer gefallen ist.
Was ist mit unserer Natur, mit unserem lebendigen Körper geschehen? Wir haben unseren Körper zur Maschine erklärt, haben ihn zum funktionalen Objekt des Marktes gemacht, haben unsere Seele bereits der Macht des Kapitals verkauft.
Nimmst du noch den Schrei des Körpers wahr?
Was ist mit der Politik, wo ist ihre Glaubwürdigkeit geblieben? Was ist mit der Wissenschaft, haben wir zu Recht das Vertrauen in sie verloren? Was ist mit der Wahrheit, den Gewissheiten, sind sie schon dem generellen Zweifel gewichen?
Was ist mit dem Scherbenhaufen der Aufklärung, den kollateralen Irrtümern der Wahrheitssuche? Was machen wir mit dem unermesslichen Reichtum geglaubten Wissens, mit den zur Verfügung stehenden Teilerkenntnissen und der rationalen Fragmentierung des Ganzen?
Was bringt uns da die Digitalisierung des Wissens, was der technologische Fortschritt? Vernetzen und verewigen wir damit nicht auch den Abfall und Restmüll alles vermeintlich sicher Gewussten, des bereits wieder verfallenen, ehemals Gesicherten? Verstetigen wir nicht auch so den viralen Schund und Schwachsinn virtueller Lebensblasen in den (a)sozialen Medien für immer?
Gerät das World Wide Web zum ultimativen Machtinstrument des Siegeszugs der Wachstumsökonomie, zur Plattform des unersättlichen Konsumwahns unserer ökonomisierten Gesellschaft? Verfestigt es die Herrschaft und das Diktat der politischen Ökonomie über eine sozialökologische Zukunft und Gesellschaftsform?
Bedeutet die Digitalisierung wirklich den ultimativen Fortschritt für das demokratische Modell einer liberalen Gesellschaft oder ist das Internet nicht nur eine Beschleunigungs- und Verfestigungsmaschine des täglichen Irrsinns, die zum Verschwinden der Mitmenschlichkeit und dem Verlust von Empathie beiträgt?
Halten wir so die Klimakatastrophe und die Naturzerstörung auf? Überwinden wir damit den Hass, die Hetze und Erniedrigungen in den Köpfen, die im digitalen Netz nun eine anonyme Plattform gefunden haben? Treten wir so dem allmählichen Verschwinden des Mitmenschlichen in den wohlstandsverwesten Gehirnen wirksam entgegen?
Was ist mit dem Menschen, mit unserer Natur geschehen? Was ist mit unseren Körpern, die zunehmend erkranken, weil sie das alles leibhaftig ertragen und aushalten müssen? Begreifen wir nicht die Notwendigkeit eines leibhaftigen, ganzheitlichen Bewusstseinswandels?
Nimmst du noch den Schrei des Menschen wahr?
Das Abholzen und Verbrennen der Regenwälder, die Verschmutzung der Meere, das Vergiften des Wassers: Was ist mit der Achtung und Wertschätzung der Natur, was ist mit dem untrennbaren Ganzen von Natur und Mensch, von Körper und Geist?
Verwurzelt und verhakt in der Ideologie der objektiven Vernunft, zerrissen durch das erfolgreiche und folgenreiche Prinzip des Zerteilens und Trennens, leben wir in den zwei Welten von Natur und Mensch, von Körper und Geist. Sind Sklaven des dualistischen Paradigmas, dem mächtigen Beherrscher und Zerstörer des Ganzen: Divide et impera! Ahnen wir nicht das Verhängnis des sogenannten „vernünftigen“ Denkens, der rationalen Vernunft, der wir uns kollektiv unterworfen haben?
Wer kann uns das erklären; werden wir es jemals versteh’n? Wann haben wir uns selbst aus dem Paradies einer ganzheitlichen Naturerkenntnis vertrieben? Wo und wie haben wir die Kunst des leibhaftigen Erlebens unserer Natur verloren?
Das Vernichten, das Morden, das Artensterben, der alltägliche Ökozid gehen ungebrochen weiter. Sehen wir nicht mehr die Tränen? Hören wir nicht mehr das Weinen? Wie können wir bloß das unerträgliche Schweigen ertragen!
Nimmst du noch den Schrei der Natur wahr?
Was ist mit den unbeschwerten Tagen? Was ist mit dem Erlebnis und der Zeit von Frieden; was mit dem Gefühl der Freiheit; was mit dem Glück der Liebe? Was ist mit dem leibhaftigen Erleben des Glücks? Was ist mit dem unsäglichen Schmerz des Verlustes von alledem?
Was bedeutet da schon der Tod!
Ist uns das wirklich schon alles scheißegal?
Glauben wir wirklich, dass wir so davonkommen?
Es ist spät – viel zu spät für eine Umkehr, für ein neues Denken, für die Rettung der Natur und Bewahrung der Menschheit. Die Gesellschaft und die politisch Handelnden reagieren zögerlich, bewegen sich orientierungslos im trüben Gewässer der Scheinerfolge des Fortschritts, verhalten sich wie Blinde auf der Flucht.
Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft: Alle wussten von der Bedrohung, hatten unzählige Chancen, etwas zu tun, gegen den Klimawandel, die Naturzerstörung und das Artensterben; waren seit Jahrzehnten aufgefordert, endlich zu handeln.
Doch nichts ist wirklich getan, nichts wirklich geschehen.
Wir nähern uns dem „Point of no Return“, dem Tipping Point, dem ultimativen Zeitpunkt der Unumkehrbarkeit der Zerstörung der Natur. So viele Naturkatastrophen, immer neue Kriege, immer gleiche Probleme; so viel Armut, ewige Hungersnot für zu viele und sinnloses Sterben.
Selbst die Maßnahmen der Politik scheitern an der Trägheit der Masse(n), am Starrsinn und Beharrungsvermögen der Mehrheit. Die Umsetzungen der halbherzigen Rettungsversuche prallen insbesondere am Widerstand der Profiteure ab, misslingen aber auch aufgrund der kollektiven Angst vor Veränderung, vor dem Verlust des erreichten Wohlstands.
Es fehlt vielen am notwendigen Wagemut. In der Generation der Älteren und Alten gibt es teilweise eine tief verwurzelte Abneigung gegenüber Neuem und Veränderung. Bei Teilen der wohlstandsverwöhnten Generation Z scheitern die Visionen einer sozialökologischen Transformation der Industriegesellschaft an der Furcht vor dem Verlust von Zukunftssicherheit und Wohlstand.
Die wohl gemeinten Scheinlösungen bleiben allesamt Relikte des alten Denkens. Sie bewegen sich in den rationalen Kategorien der klassischen Aufklärung; sind gefangen in den eingeübten Denkmustern des tradierten dualistischen Systems, in den ebenso erfolgreichen wie folgenreichen Gewaltstrategien der Naturbeherrschung.
Alles bleibt – nur anders: die Normativität des Faktischen, die Vorherrschaft der Sachlichkeit; die Natur als Objekt, als kollaterales Opfer des Fortschritts; die ‚bewährten‘ Methoden der Naturerkenntnis; die Glück versprechenden Illusionen der Innovationskraft technologischer Fantasie und Kreativität; die gleichgeschaltete Rhetorik der Politik und der Medien; der einflussreiche Lobbyismus der Industriekonzerne und des marktradikalen Wirtschaftsliberalismus; die wirkmächtigen Marktmechanismen der ökonomisierten Moral des Kapitals.
Die reaktionären Konservatoren der Macht und politischen und neoliberalen Akteure des Untergangs sehen und begreifen nicht nur nicht den rasanten Wandel der Lebenswirklichkeit der Menschen. Sie leugnen sogar den beschleunigten Zerfall der Halbwertszeiten von politischen Realitäten; unterschätzen die verändernde Bedeutung der vermeintlichen „Nebensächlichkeiten“ in der Realpolitik, sodass sie die Radikalisierung der politischen Ränder in der Gesellschaft auch nur als momentane „Verirrungen“ oder „Verwirrungen“ von „Unvernünftigen“ und „Unzufriedenen“ verkennen; viel schlimmer: Sie nehmen sie nicht ernst oder nehmen nicht die tiefsitzende leibhaftige Verrohung und das Gewaltpotenzial ihrer körperlich-geistigen Radikalisierung wahr.
Sie begreifen nicht nur nicht die exponentielle Dynamik der fortschreitenden Naturzerstörung, sondern ahnen noch nicht einmal die fatalen Auswirkungen für die demokratischen Gesellschaftssysteme, für die drohenden Verteilungskämpfe um die letzten Naturressourcen, die tödlichen Schlachten um den Kampf ums Trinkwasser, um saubere Luft und Ackerflächen, um die fossilen Bodenschätze auf unserem Planeten.
So ist nichts wirklich getan, nichts wirklich geschehen.
Wir sehen die krebskranke und leidende Natur. Atmen bereits den Staub der Vernichtung, verdursten am Mangel trinkbaren Wassers, ertrinken in den Sturzfluten infolge des Klimawandels, wissen um die Qual und das Leid der Tiere, um das Grauen der industriellen Massentierhaltung.
Wir sind erschlagen von der architektonischen Monotonie der Städte; leiden unter der Versiegelung der Flächen und Böden; unternehmen nichts gegen die Monokultur der Ackerflächen, gegen die Vergiftung der Äcker mit Pestiziden. Doch wir registrieren akribisch das Artensterben, verwalten buchhalterisch ihren Tod in den Datenbanken, sehen das tagtägliche Verschwinden der Biodiversität. Wir dokumentieren fast alles; sind rationale Chronisten der Selbstzerstörung und des Untergangs. Aber wir tun im Grunde nichts – oder nicht das Notwendige.
Doch es gab Hoffnung: Begehbare Wege zur Umkehr, Initiativen zur sozialökologischen Umgestaltung der Industriegesellschaft und der Wirtschaft, berechtigte Hoffnung auf einen Paradigmenwechsel in der Wissenschaft, Theorieansätze einer Postwachstumsökonomie.
Aber auch verzweifelte Aufrufe und Aktionen radikaler Organisationen: Die Rebellion der Jugend, Massenproteste der Fridays-for-Future-Bewegung, die Initiative von Scientists for Future; Aktionen von Greenpeace, von der radikalen Umweltschutzorganisation Extinction Rebellion oder der Letzten Generation; diverse Rettungsversuche von nichtstaatlichen Organisationen, von Freiwilligen im Umweltschutz, von Ärzten, Tierschützern und diversen anderen Menschenrechtsorganisationen.
Es gab Warnungen genug: Ungehörte Appelle und Alternativen aus der Wissenschaft; Weckrufe zur Abkehr vom politökonomischen Diktat des „Weiter-so“ in der industriekapitalistischen Naturausbeutung, Theorieansätze zur Beendigung des erfolg- wie gleichsam folgenreichen Machtspiels des ökonomischen Wachstumswahns; wissenschaftskritische Beiträge zu einem ganzheitlichen Natur- und Selbstbewusstsein des Menschen, zu einem notwendigen Paradigmenwechsel des Naturverständnisses in Forschung, Wissenschaft, Politik und Ökonomie.
Doch nichts ist wirklich getan, nichts wirklich geschehen.
Erst als die Klimakatastrophen, die Extremwetter, der Klimanotstand und die Folgen der industriellen Naturausbeutung, des Massenkonsums und der Verschwendung, die Dekadenz des postmodernen Lifestyles unserer übersättigten Industriegesellschaften nicht mehr zu leugnen, nicht mehr zu übersehen waren, bemerkten wir die Folgen der Naturzerstörung. Wir spüren sie nun am eigenen Leibe, werden adipöse Opfer des Übermaßes und des Raubbaues an und mit uns selbst.
Nun hören wir endlich das Brüllen und Heulen der geschundenen Kreaturen; sehen die kranken Körper der gemarterten Tiere, die gebrochenen Blicke ihrer Gefangenschaft in den Zuchtkäfigen; nehmen nun die Monokultur der Felder in der Agrarindustrie endlich wahr; bemerken das Fehlen der Blumen und Verschwinden der Insekten infolge der Lichtverschmutzung; spüren den Mangel an Vielfalt und Biodiversität in den Gärten; verfolgen erschrocken das Sterben der Regenwälder, sehen die verheerenden Feuersbrünste, atmen bereits den unsichtbaren Aschestaub der Vernichtung.
Doch nichts ist wirklich getan, nichts wirklich geschehen.
Wir sehen das tägliche Elend der Masse der Armutsopfer, der Wohnungs- und Obdachlosen, die Opfer der Abhängigkeit von legalen Drogen oder von Fentanyl, Crystal Meth und Crack in den westlichen Metropolen, die Not der geflüchteten Verfolgten und Unterdrückten. Wir wissen um die unmenschlichen Notlagen der vielfach Ausgebeuteten und Versklavten in der Agrarindustrie Südeuropas, die bereits meist selbst Vertriebene oder Opfer von Verfolgung, Geflohene vor Krieg und politischer Gewalt waren.
Uns klingen nun endlich die hilfeflehenden Schreie der Fliehenden, der Geschundenen und Hoffnungslosen in unseren ansonsten wohlstandstauben Ohren! Ihr wortloser Schrei ist erfüllt von todesmutiger Hoffnung auf der Suche nach einem besseren Leben, für das sie bereit sind zu sterben.
Wir können nur die Qual des Sterbens der Verhungernden, der Verdurstenden erahnen; empfinden aber nicht das Leid der heimatentwurzelten Flüchtlinge. Wir sehen schon jetzt die vielen Opfer des Klimawandels, begreifen aber nicht die Tragödien der Vertreibung und ihrer Flucht vor den Folgen der globalen Naturzerstörung oder auch der Kriege, der ethnischen „Säuberungen“ und militärischen Machtkämpfe der Herrschenden.
Zigtausende werden sich täglich auf den Weg machen; werden fliehen vor Armut, fliehen vor dem Sterben; harren aus an den Grenzen und fremden Stränden, den hoffnungsvollen Blick zu den nahen Ufern des erhofften Glücks; riskieren den Tod – um zu leben.
Nichts ist wirklich getan, nichts wirklich geschehen.
Doch auch sie sind schon lange gewarnt, wissen um die Gefahren. Sie hören schon lange die enttäuschten Stimmen der Gescheiterten und Zurückgeschickten: Wagt es nicht! Ihr werdet auch wieder nur Opfer sein! Es sind schon so viele von uns gestorben; so viele ertrunken oder verfolgt, verjagt, versklavt, gehasst – oder verbrannt in den Auffanglagern der Gestrandeten.
Denkt immer daran: Ihr seid unerwünscht von verängstigten Bürgern, von Egoisten, Nationalisten, feindseligen Faschisten und Rassisten; ignoriert von der wohlstandsverwöhnten Masse der Hartherzigen, bedroht von der überforderten Schar angstverstörter Spießbürger, alleingelassen von den Verantwortlichen der Politik in den Demokratien.
Nichts ist wirklich getan, nichts wirklich geschehen.
Was ist der Preis? Was ist zu tun, was muss noch gescheh’n? Wir sterben am Leben, sehen die Liebe vergeh’n. Haben die Zukunft verspielt, die Hoffnung verlor’n.
Der Preis sind wir alle – so oder so, früher oder später!
Wir sind die verlorene Generation. Klimakatastrophen, Naturzerstörung, Kriege, Hass, Hetze und Gewalt nehmen zu. Die Gesellschaft zerfällt.
Überall Anklagen und Beschuldigungen. In den Medien und auf den Straßen: Der andere ist nichts mehr wert. Nur der Tod bringt noch Gerechtigkeit. Die Mitmenschlichkeit ist verschwunden.
Alles, was zu sagen bleibt, ist, dass wir in Wirklichkeit alles verspielt haben. Alles, was noch zu sagen bleibt, ist, dass wir in Wirklichkeit alles zerstört haben.
Hört, ihr Wächter der Verbrechen, ihr Lügner der Versprechen: Zerstört die Natur, beutet sie weiter aus, doch unseren Widerstand werdet ihr nicht brechen. Zwingt uns eure Sichtweise auf, erdrückt uns mit eurer ökonomisierten Vernunft und Moral. Erklärt uns zu Träumern und Verlierern. Bekämpft uns, diffamiert uns, macht uns zum Paria eures überbordenden Luxuslebens. Doch hört auf, unsere Warnungen und Ängste vor der Zukunft nicht ernst zu nehmen.
Alles, was zu sagen bleibt, ist, dass wir in Wirklichkeit bereits verloren sind! Alles, was zu sagen bleibt, ist, dass wir in Wirklichkeit den Herrschenden gleichgültig sind!
Sagt uns, wie es weitergehen soll, was wir aus unserem Leben machen sollen. Wir sind es leid, auch Täter der Naturzerstörung zu sein, Opfer der grassierenden Gewalt! Was ist aus euch geworden, dass ihr blind seid und taub, dass ihr hört, aber verlernt habt zuzuhören? Doch unser Schrei über das getane Unrecht ist nicht zu überhören, unser Protest nicht zu übersehen.
Rassist, Faschist, Nationalist und Kapitalist! Alle tragen die Gewalt des narzisstischen Egoismus in sich: Die Menschheit übt sich in Selbstzerstörung. Jeder hat sich verrannt; wir durchschauen nicht mehr das Lügengestrüpp an Informationen; spüren nicht die schleichende Vergiftung unseres Denkens. Wir erkranken am erkalteten Herzen der bereinigten Vernunft des Kapitals und der Macht.
Alles, was zu sagen bleibt, ist, dass wir in Wirklichkeit schon tot sind; tote Lebende. Alles, was zu sagen bleibt, ist,dass wir in Wirklichkeit uns selbstnicht mehr trauen können.
Sagt uns, was mit den Menschenrechten geschehen ist, mit den Rechten der Natur! Hört ihr denn nicht den stummen Schrei der täglich Ertrinkenden, der Flüchtenden; seht nicht das unendliche Leid der Opfer der Kriege, die sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Frauen, die weltweite Unterdrückung der Mädchen und die täglichen Gewaltopfer der Femizide?
Habt ihr denn geglaubt, dass unser überbordender Wohlstand ohne Folgen bleibt? Begreift ihr nicht die Zeichen der Extremwetter, des Klimawandels und der Naturzerstörung? Glaubt ihr, dass die kollabierenden Unwetter und Katastrophen uns nicht treffen werden?
Wollt ihr das wirklich nicht wissen, weil ihr das alles allzu gern verdrängt? Dass ihr das alles nicht wahrhaben wollt, weil ihr euch in eurem spießigen Luxus und erbärmlichen Wohlstand schon lange eingenistet und mit ihm arrangiert habt, den es nun mit eurer legalisierten Gewalt der politischen und ökonomischen Herrschaft zu verteidigen gilt?
Ihr habt uns Frieden, Freiheit, Demokratie versprochen, habt uns Hoffnung auf eine menschliche Zukunft im Einklang mit der Natur gemacht. Doch nun werft ihr uns das alles zum Fraß vor! Aber wir sind es leid, weiter Opfer einer Politik der Schande zu sein.
Alles, was zu sagen bleibt, ist, dass wir in Wirklichkeit uns selbst verändern müssen. Alles, was zu sagen bleibt, ist, dass wir in Wirklichkeit nur gemeinsam überleben können.
Kriege, Pandemien, Hunger, Armut und Lügen diktieren die Reaktionen der Reaktionäre. Die Krisen verschlechtern die Situation und die Optionen politischen Handelns. Alle suchen nach Schuldigen, anstatt etwas zu ändern. Politiker verirren sich ständig in neuen Prognosen der Experten über die Zukunft, vertrauen den faktenbasierten Spekulationen der Berater, erliegen den Einflüssen der Lobbyisten aus Wirtschaft, Industrie, dem Kapital der multinationalen Konzerne sowie den milliardenschweren Tech-Giganten, deren KI-Algorithmen das Konsumverhalten, unsere Sichtweisen und unser Denken zunehmend manipulieren.
Alle setzen auf den Sieg der „reinen Vernunft“, die rationale Hybris des Denkens. Wir sind fasziniert vom technologischen Fortschritt, setzen alle wohlstandsfixierten Hoffnungen auf die vom Klimawandel und von Wirtschafts- und Handelskrisen unbeeindruckten Dogmen der Wachstumsökonomie.
Dabei bleiben wir verfangen in den Wahrheiten der Vergangenheit, in den Kategorien, in der Begrifflichkeit und der Sprache der rationalen Naturbeherrschung und industriekapitalistischen Wertschöpfungsideologie; deklarieren den selbstzerstörerischen Wertewandel des Menschen als das neue Normal, begreifen aber nicht mehr den Wert der Natur.
Die politischen Verbrecher der Macht werden verklagt, die Beklagten verklagen die Kläger. Das ist das Spiel der demokratischen Autokraten. Verurteilt wird keiner – und niemand siegt. So werden sie zu siegreichen Verlierern; erklären sich trotzig und uneinsichtig zu Siegern, opfern schamlos das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit der Politik auf dem Altar der Eitelkeiten und der Macht. Verlierer sind allein die Mitmenschlichkeit – und die Natur. Das ist der Preis.
Doch werden wir uns weder der Tyrannei des Realen unterwerfen noch dem Moloch des Kapitals zum Fraß vorwerfen lassen. Unser Überlebenskampf hat längst begonnen.
Alles, was zu sagen bleibt, ist, dass wir in Wirklichkeit nichts zu verlieren haben. Alles, was noch zu sagen bleibt, ist, dass wir in Wirklichkeit auch nichts zu gewinnen haben.
Manche können und viele wollen uns nicht verstehen. Maßregelt uns, schlagt uns, tretet uns, sperrt uns ein; unseren Widerstand gegen die Naturzerstörung werdet ihr nicht brechen! Unser Kampf ist ein leibhaftiger Kampf mit uns selbst, ist ein alltägliches Ringen um einen ganzheitlichen Bewusstseinswandel von Körper und Geist, von Natur und Mensch.
Alle in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft spüren bereits die Folgen der Naturzerstörung am eigenen Leibe. Die schöne kranke Seele des Wohlstands zerfrisst das Band der Mitmenschlichkeit und zersetzt das zarte Geflecht aus Mitgefühl und Empathie. Das Verschwinden des Menschlichen schreitet fort. Wir selbst sind der Preis.
Wie könnt ihr es dann wagen, unseren Widerstand als unangemessen oder als Unrecht zu beurteilen.
Alles, was zu tun ist, ist, dass wir in Wirklichkeit die alltägliche Gewalt und die Gier, die Arroganz des Menschen gegenüber der Natur, den selbstzerstörerischen Anthropozentrismus der weißen Rasse, die Ignoranz und Gleichgültigkeit der vielen gegenüber der selbstmörderischen Naturzerstörung überwinden müssen.
Alles, was zu erkennen ist, ist, dass wir in Wirklichkeit untrennbar Täter und Opfer sind, Gestalter und Vernichter der Natur und Wirklichkeit des Menschen, dass uns selbst bewusst werden muss, dass nur wir dafür verantwortlich sind!
Alles, was es zu begreifen gilt, ist, dass es an der Zeit ist, einen radikalen Wandel des Denkens, unseres leibhaftigen Selbstbewusstseins und Umgangs mit der Natur zuzulassen; dass wir unsere Bequemlichkeiten, die lieb gewonnenen Gewohnheiten, unser Alltagsleben, das Konsumverhalten und die Klimapolitik endlich ändern müssen.
Alles, was zu sagen bleibt, ist, dass wir sonst wirklich alle scheiternwerden!
Die von Rauchschwaden verhangenen Felder und Städte des Krieges sind jetzt das Zuhause unserer Söhne und Männer. Kämpfer der Kriege, Krieger des Todes. Tod und Zerstörung, Dunkelheit und Finsternis überall.
Verdorben von Hass, Angst und irregeleiteter Vaterlandsliebe: Der nationalistische Patriotismus macht uns blind vor dem Leben. Der Krieg ist wieder Schlachtfeld einer verlorenen Generation.
Wer hätte je gedacht, dass sich Geschichte wiederholt.
Wer hätte je geglaubt, dass wir den Klang des Sterbens wieder hören.
Eure Heimat waren die endlosen Weiten fruchtbarer Äcker, blühende Städte am Meer. Die Heimat wird nicht mehr die gleiche sein: die Städte zerbombt, die Felder vergiftet, die Böden vermint. Nur Schlachtfelder der Zerstörung, übersät von den Opfern ausgelöschten Lebens, getötet von Freund und Feind.
Eines Tages kehrt ihr zurück zu den blutdurchtränkten Gärten und Wäldern. Eure Seelen verbrannt. Auch wenn ihr euch Sieger nennt. Täter und Opfer sind wir alle, verstümmelt an Leib und Leben, verkrüppelt die Glieder, entwurzelt die Herzen.
Wer hätte je gedacht, dass wir uns so wiedersehen.
Wer hätte je geglaubt, dass wir den Klang des Sterbens wieder hören.
Wir haben nur dieses eine Leben, nur diese eine Welt; in der sind wir verschieden, im Tod wie auch im Leben. Es gibt so viele Wirklichkeiten, so viele Gründe, um zu sterben. Doch keiner rechtfertigt die Angst vor dem Töten, keiner die Angst davor, die herzzerreißende Stille des Todes im letzten Kampf zu hören.
Keine Ziele, nicht die Ehre, nicht die Pflicht erlauben uns zu töten, erlauben uns, zu sterben. Dem Wahnsinn nicht nachzugeben, ist das Einzige, was zählt.
