Der Schrei aus der Kälte - Jack Higgins - E-Book

Der Schrei aus der Kälte E-Book

Jack Higgins

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Beschreibung

Mit diesem Roman jagt Higgins den Leser in einen Strudel von Spannung und eine Kette von Ereignissen, deren Bühne das »Berlin der Kälte« ist, die Drehscheibe internationaler Geheimdienste. Es geht um einen geheimnisvollen Mann in Soutane, der die andere Seite jahrelang zur Weißglut gebracht hat, indem er ihre scheinbare Allmacht immer wieder zur Ohnmacht verurteilte – der die Geheimdienst-Drehscheibe Berlin tollkühn für seine Unternehmen benutzte. Doch eines Tages schlägt auch seine Stunde, denn gegen Verrat ist selbst er machtlos ... (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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Seitenzahl: 334

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Jack Higgins

Der Schrei aus der Kälte

Roman

Aus dem Englischen von Jürgen Abel

FISCHER Digital

Inhalt

Die Freiheit ist oft [...]12345678910111213141516

Die Freiheit ist oft problematisch,

und die Demokratie ist nicht vollkommen,

aber wir brauchten nie eine Mauer zu errichten,

um unser Volk einzusperren.

 

Präsident John F. Kennedy am 26. Juni 1963

1

Berlin 1963

Als Meyer mit dem alten Leichenwagen um die Ecke bog, drosselte er die Geschwindigkeit, und seine schweißnassen Hände glitten fast vom Lenkrad, sein Magen zog sich zusammen, während er sich dem nächtlichen Sektorenübergang näherte, der vom grellweißen Licht der Bogenlampen beleuchtet wurde.

«Ich muß verrückt geworden sein», sagte er leise. «Total bekloppt. Aber das ist das letztemal, ich schwöre es.»

An der rotweißen Schranke standen zwei Volkspolizisten mit altmodischen Mänteln im Wehrmachtstil und Gewehren über der Schulter. In der Tür der Wachhütte erschien ein Offizier, der eine Zigarette rauchte.

Meyer bremste und stieg aus. Die Straße führte durch ein Viertel, wo alle Häuser abgerissen worden waren, zur Mauer. Weiter hinten lag der westliche Checkpoint in einem hellen Lichtkreis.

Er suchte nach seinen Papieren, und der Offizier trat heran. «Schon wieder Sie, Herr Meyer? Was haben wir denn diesmal? Noch mehr Leichen?»

Meyer reichte ihm seine Dokumente. «Nur eine, Herr Leutnant.» Wegen seiner Stahlbrille konnte man nicht gleich erkennen, daß er den Offizier ängstlich beobachtete. Mit seiner ungepflegten grauen Mähne, dem abgescheuerten Kragen und dem schäbigen Regenmantel machte er fast den Eindruck eines arbeitslosen Musikers.

«Anna Schultz», sagte der Leutnant. «Neunzehn Jahre. Ein bißchen jung, selbst für diese schweren Zeiten.»

«Selbstmord», erklärte Meyer. «Ihre einzigen Verwandten sind ein Onkel und eine Tante im Westsektor. Sie wollten sie unbedingt überführen lassen.»

Einer der Volkspolizisten beugte sich hinten in den Leichenwagen und begann, an den Messingschrauben des polierten Sargdeckels zu drehen. Meyer griff hastig nach seinem Arm.

Der Leutnant sagte: «Sie möchten also nicht, daß wir einen Blick in den Sarg werfen? Sollte das einen bestimmten Grund haben?»

Meyer wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß vom Gesicht und schien um eine Antwort verlegen. In diesem Augenblick hielt hinter ihnen ein kleiner Laster. Der Fahrer lehnte sich mit seinen Papieren aus dem Seitenfenster. Der Leutnant warf ihm einen ungeduldigen Blick zu und sagte: «Schafft ihn mir vom Hals.»

Einer der Volkspolizisten lief zu dem Laster und prüfte schnell die Papiere des Fahrers. «Was haben Sie geladen?»

«Einen Dieselmotor, der in Greifswald zur Reparatur war.»

Der auf der Ladefläche des kleinen Lkws festgezurrte Motor war deutlich zu erkennen. Der Volkspolizist gab die Dokumente zurück. «In Ordnung. Sie können weiterfahren.»

Er drückte die rotweiße Stange hoch, und der Fahrer des Lasters fuhr am Leichenwagen vorbei und zum Durchlaß in der Mauer.

Der Leutnant nickte seinen Männern zu: «Aufmachen.»

«Sie verstehen nicht», flehte Meyer. «Sie hat vierzehn Tage in der Spree gelegen.»

«Das werden wir ja sehen.»

Die Volkspolizisten hoben den Deckel ab. Der Gestank, der ihnen entgegenschlug, war so durchdringend, daß sich einer übergeben mußte. Der andere knipste seine Taschenlampe an, damit der Leutnant in den Sarg sehen konnte. Dieser trat schnell zurück.

«Machen Sie das Ding um Gottes willen wieder zu.» Er wandte sich an Meyer. «Und Sie beeilen sich, daß Sie hier fortkommen.»

 

Der Laster passierte die Schranke auf der anderen Seite und hielt neben dem Wachhäuschen. Der Fahrer, ein großgewachsener Mann mit Lederjacke und Schirmmütze, stieg aus. Er holte eine zerknitterte Zigarettenschachtel aus der Tasche, schob sich eine Zigarette zwischen die Lippen und trat vor, um sich von dem Westberliner Wachtmeister, der inzwischen näher gekommen war, Feuer geben zu lassen. Das Zündholz, das in den Händen des Polizisten aufglühte, beleuchtete ein ausgeprägtes Gesicht mit hohen Wangenknochen, blonden Haaren, grauen Augen.

«Bei uns gibt es ein Sprichwort, das man in England vielleicht auch kennt, Major Vaughan», sagte der Wachtmeister. «Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht.»

«Wie sieht es dort hinten aus?» fragte Vaughan.

Der Wachtmeister drehte sich kurz um. «Es scheint Schwierigkeiten zu geben. Aber jetzt fährt der Leichenwagen los.»

Vaughan lächelte. «Sagen Sie Julius, daß ich im Geschäft auf ihn warte.»

Er kletterte ins Fahrerhaus zurück und fuhr weg. Nach einer Weile trat er mit dem Absatz gegen die Verkleidung des Fahrersitzes. «Wie geht’s da drinnen?» Ein dumpfes Klopfen antwortete ihm, und er lächelte breit. «Na, dann hätten wir’s ja wieder mal geschafft.»

 

Er fuhr durch einen Teil der Stadt, der aus öden, grauen Straßen mit altmodischen Lagerhäusern und schäbigen Bürogebäuden bestand, die immer wieder durch Trümmerfelder getrennt waren – die letzten Überbleibsel der Bombenangriffe des Weltkriegs. Etwa eine Viertelstunde nach Verlassen des Checkpoints bog er in die Rehdenstraße ein, die an der Spree entlang läuft.

Hundert Meter weiter hielt er vor einem Haus mit einem Schild, das von einer Glühbirne beleuchtet wurde: Julius Meyer & Co., Bestattungen. Vaughan stieg aus, schloß das große Tor auf und öffnete es. Dann kletterte er wieder in den Laster und fuhr hinein.

Das Anwesen hatte früher einmal einem Teehändler gehört. Die Ziegelmauern waren weiß getüncht, und im Hintergrund führte eine altersschwache Holztreppe zu einem Büroraum mit Glaswänden. In einer Ecke waren leere Särge aufgestapelt.

Er blieb stehen, um sich eine Zigarette anzuzünden. In diesem Augenblick rumpelte der Leichenwagen herein. Vaughan schritt schnell zu dem Tor und schloß es. Meyer stellte den Motor ab und stieg aus. Er wirkte hochgradig erregt und wischte sich mit dem inzwischen feuchten Taschentuch unablässig den Schweiß vom Gesicht.

«Nie wieder, Simon, das schwöre ich dir. Nicht einmal dann, wenn Schmidt das Doppelte zahlt. Heute glaubte ich wirklich, die Kerle hätten mich erwischt.»

Vaughan sagte fröhlich: «Du machst dir zuviel Gedanken.» Er beugte sich in das Fahrerhaus des Lasters, tastete nach einem versteckten Hebel und zog daran, so daß die Vorderseite des Sitzes ausklinkte und vorklappte. «Sie können jetzt herauskommen», sagte er.

«Was ist das für ein Leben, das wir hier führen?» meinte Meyer. «Haben wir das nötig? Wofür tun wir das eigentlich?»

«Für zweitausend Mark pro Kopf», sagte Vaughan. «Und Heini Schmidt zahlt im voraus. Bei ihm stehen die armen Kerls förmlich Schlange, so daß wir jede Nacht einen rüberschaffen könnten, wenn wir wollten.»

«Es muß eine bessere Methode geben», erklärte Meyer ihm. «Aber ich weiß nicht, welche. Im Augenblick weiß ich nur, daß ich dringend etwas zu trinken brauche.» Er ging die Treppe hinauf.

Der erste «blinde Passagier», ein junger Mann in einem Ledermantel, kroch aus dem Versteck und stand, ein Bündel umklammernd, blinzelnd im Licht. Ihm folgte ein Herr in den Vierzigern mit einem abgetragenen braunen Anzug und einem Koffer, der mit einem Seil zugebunden war. Zuletzt kam ein Mädchen, das etwa fünfundzwanzig Jahre alt sein mochte, mit blassem Gesicht und tiefen Rändern unter den Augen aus dem Wagen. Sie hatte einen Männertrenchcoat an und trug ein Kopftuch. Vaughan hatte die drei noch nie gesehen. Der Laster war, wie gewöhnlich, beladen worden, ehe er ihn übernahm.

Er sagte: «Sie sind jetzt in West-Berlin und können gehen, wohin Sie möchten. Am Ende der Straße finden Sie eine Brücke über die Spree. Gehen Sie von dort immer geradeaus, dann kommen Sie zu einer U-Bahn-Station. Gute Nacht und viel Glück.»

Er ging nach oben ins Büro. Meyer saß am Schreibtisch, in einer Hand eine Flasche Whisky, in der anderen ein gefülltes Glas, das er mit einem Zug leerte.

Er schenkte nach, und Vaughan nahm das Glas. «Warum sehen Sie immer so aus, als rechneten Sie jeden Moment damit, daß die Gestapo erscheint?»

«Weil das passieren konnte, als ich noch jung war.»

Es klopfte an der Tür. Als sie sich umdrehten, trat das junge Mädchen zögernd ins Büro. «Major Vaughan, könnte ich kurz mit Ihnen reden?»

Ihr Englisch war beinahe zu perfekt, ohne den geringsten Akzent. Vaughan antwortete: «Woher wissen Sie, wie ich heiße?»

«Herr Schmidt sagte es mir, als wir das erstemal über die Flucht sprachen.»

«Wo war das?»

«Im Restaurant vom alten Hotel Adlon. Herr Schmidt wurde mir von Freunden empfohlen. Sie sagten, er sei in diesen Dingen sehr zuverlässig.»

«Siehst du», sagte Meyer. «Es wird jeden Tag schlimmer. Jetzt bindet dieser Idiot schon jedem Fremden unter die Nase, wie du heißt.»

«Ich brauche Hilfe», sagte das Mädchen. «Ganz spezielle Hilfe. Er dachte, Sie könnten mir vielleicht einen Rat geben.»

«Ihr Englisch ist wirklich ausgezeichnet», sagte Vaughan.

«Das ist kein Wunder. Ich bin in Cheltenham geboren. Ich heiße Margaret Campbell. Mein Vater ist Gregory Campbell, der Physiker. Haben Sie schon einmal von ihm gehört?»

Vaughan nickte. «Er und Klaus Fuchs haben den Russen Ende der fünfziger Jahre so ungefähr alle Atomgeheimnisse verraten, die wir hatten. Fuchs landete auf der Anklagebank im Old Bailey.»

«Während mein Vater mit seiner zwölfjährigen Tochter in Ostdeutschland Asyl fand.»

«Ich dachte, Sie hätten von da an herrlich und in Freuden leben können», sagte Vaughan. «Im Arbeiter- und Bauernparadies, so sagt man doch? Als ich das letzte Mal von Ihrem Vater hörte, hieß es, er arbeite als Professor für Kernphysik an der Universität Dresden.»

«Er hat Lungenkrebs», sagte sie nur. «Unheilbar. Höchstens noch ein Jahr, Major Vaughan. Er möchte unbedingt in den Westen.»

«Ich verstehe. Und wo ist er jetzt?»

«Man hat uns ein Haus auf dem Lande zugewiesen. Ein ehemaliges Bauernhaus in einem Dorf, das Neustadt heißt. Es liegt bei Stendal. Ungefähr achtzig Kilometer von der Grenze entfernt.»

«Warum versuchen Sie es nicht beim britischen Geheimdienst? Vielleicht glaubt man dort, es könne sich lohnen, ihn zurückzuholen.»

«Das habe ich schon getan», sagte sie. «Über einen anderen Kontaktmann an der Universität. Sie sind nicht interessiert – nicht mehr. Auf dem Gebiet meines Vaters gehört man schnell zum alten Eisen, und er ist schon sehr lange krank.»

«Und Schmidt? Könnte er nicht helfen?»

«Er sagte, das Risiko sei zu groß.»

«Er hat recht. Ein bißchen Fluchthilfe hier an der Sektorengrenze ist eine Sache. Aber Ihr Vater – dort draußen ist unbekanntes Land.»

Was immer es gewesen sein mochte, das sie aufrecht hielt, in diesem Augenblick schien es sie jäh zu verlassen. Ihre Schultern sanken nach vorn, in ihren dunklen Augen war nur noch Verzweiflung. Sie wirkte sehr jung und auf eine merkwürdig rührende Art verletzlich. «Vielen Dank, meine Herren.» Sie wandte sich müde zur Tür, hielt dann inne. «Vielleicht könnten Sie mir noch sagen, wo ich Pater Sean Conlin finden kann.»

«Conlin?» sagte Vaughan.

«Von der Auferstehungsliga. Der christlichen Untergrundbewegung. Soweit ich verstanden habe, hilft man dort Leuten, die sich selbst nicht mehr helfen können.»

Er saß da und starrte sie an. Eine lange Pause trat ein. Dann brach Meyer das Schweigen: «Warum sollen wir es ihr eigentlich nicht sagen?» Vaughan sagte immer noch nichts, und es war Meyer, der ihr antwortete.

«Gehen Sie über die Brücke und dann weiter geradeaus, wie Simon vorhin gesagt hat. Knapp einen halben Kilometer weiter ist der U-Bahnhof. Kurz davor sehen Sie eine katholische Kirche – zum Unbefleckten Herzen. Er nimmt sicher gerade Beichten ab.»

«Um vier Uhr morgens?»

«Leute, die von der Nachtschicht kommen, Huren und so weiter. Sie können dann besser schlafen», sagte Vaughan. «Solch ein Mann ist er, Miss Campbell, wenn Sie verstehen, was ich meine. Er ist das, was manche Leute als einen heiligen Narren bezeichnen würden.»

Sie stand mit den Händen in den Taschen da und runzelte leicht die Stirn. Dann drehte sie sich um und ging wortlos hinaus.

Meyer sagte: «Wirklich ein nettes Mädchen. Was sie alles durchgemacht haben muß! Ein Wunder, daß sie es bis hierher geschafft hat.»

«Genau», sagte Vaughan. «Und an Wunder glaube ich schon lange nicht mehr.»

«Mein Gott», sagte Meyer. «Mußt du denn an jeder Straßenecke einen Agenten sehen? Traust du niemandem mehr?»

«Ich traue kaum noch mir selbst», sagte Vaughan sarkastisch.

Das Einfahrtstor schlug zu. Meyer sagte: «Du bleibst also einfach sitzen und läßt ein junges Mädchen allein losgehen, und noch dazu in dieser Gegend?»

Vaughan seufzte, nahm seine Mütze und ging hinaus. Meyer horchte auf das Echo seiner Schritte unten. Die Tür schlug wieder zu.

«Heiliger Narr.» Er gluckste vor sich hin und schenkte sich noch einen Scotch ein.

 

Vaughan sah Margaret Campbell dreißig oder vierzig Meter vor sich durch den Lichtkegel einer Straßenlampe gehen. Als sie die Straße überquerte und die Brücke betrat, kam ein Mann mit einem Schlapphut und dunklem Mantel aus den Schatten der entgegengesetzten Seite und versperrte ihr den Weg.

Das Mädchen blieb ängstlich stehen, und er redete sie an und legte ihr eine Hand auf den Arm. Vaughan zog eine Smith & Wesson, Kaliber .38, aus der Innentasche, entsicherte sie und hielt sie an seinen rechten Schenkel.

«Hören Sie auf, die Dame zu belästigen», rief er, als er die sechs Stufen hochsprang, die zur Brücke führten.

Der Mann drehte sich blitzschnell um und riß eine Walther hoch. Vaughan schoß ihn in den rechten Unterarm. Der Mann prallte gegen das Brückengeländer und ließ die Walther in das dunkle Wasser plumpsen. Er gab keinen Ton von sich, hielt nur seinen Arm umklammert und preßte die Lippen zusammen – ein ziemlich junger Mann mit einem harten, knochigen Gesicht und hohen, slawisch wirkenden Wangenknochen. Zwischen seinen Fingern drang Blut hervor. Vaughan drehte ihn um, stieß ihn an das Geländer und durchsuchte ihn mit geübten Griffen.

«Was hat er zu Ihnen gesagt?» fragte er Margaret Campbell.

Ihre Stimme zitterte ein bißchen, als sie antwortete. «Er wollte meine Papiere sehen. Er sagte, er sei Polizist.»

Vaughan hatte mittlerweile die Brieftasche des Mannes aufgeklappt und zog einen grünen Ausweis heraus. «Was in gewisser Beziehung stimmt. SSD – Staatssicherheitsdienst. Er heißt Roder, wenn es Sie interessiert.»

Sie wirkte völlig verwirrt. «Aber er kann mir nicht gefolgt sein. Niemand kann mir gefolgt sein. Ich verstehe das nicht.»

«Ich auch nicht. Aber unser kleiner Freund wird vielleicht die Güte haben, eine Erklärung abzugeben.»

«Gehen Sie zum Teufel», sagte Roder.

Vaughan schlug ihm den Lauf der Smith & Wesson ins Gesicht. Aus einer großen Platzwunde schoß Blut, und Margaret Campbell schrie auf und ergriff seinen Arm.

«Hören Sie auf!»

Sie war überraschend kräftig, und während der kurzen Auseinandersetzung lief Roder zum anderen Ende der Brücke und stolperte die Treppe hinunter in die Dunkelheit. Vaughan schüttelte sie schließlich ab, drehte sich um und sah gerade noch, wie Roder verschwand.

«Ich gratuliere», sagte er. «Ich meine, Sie waren eine große Hilfe, verstehen Sie?»

Ihre Stimme war nur noch ein schwaches Flüstern. «Aber Sie hätten ihn umgebracht, nicht wahr?»

«Wahrscheinlich.»

«Ich konnte nicht daneben stehen und nichts tun.»

«Ich weiß. Sehr menschlich von Ihnen. Sie haben Ihrem Vater sicher einen unschätzbaren Dienst erwiesen.» Sie riß die Augen auf und zuckte zusammen, und er steckte seine Smith & Wesson in die Innentasche zurück. «Ich bringe Sie jetzt zu Pater Conlin. Er liebt ebenfalls edle Gesten. Sie werden sich gut mit ihm verstehen.»

Er nahm ihren Arm, und sie gingen zusammen über die Brücke.

 

Pater Sean Conlin hatte zusammen mit Pastor Niemöller die Hölle von Sachsenhausen und Dachau überlebt. Dann hatte er fünf Jahre in Polen gelebt und begriffen, daß sich im Grunde nichts geändert hatte. Daß er immer noch gegen den Feind kämpfte, der lediglich einen anderen Namen trug.

Aber sein Hang, die Dinge so zu tun, wie er es für richtig hielt, und sein totaler Mangel an Respekt für jede Art von Autorität hatten ihn schon vor Jahren zum Stein des Anstoßes für den Vatikan werden lassen, und einmal hatte der Papst höchstpersönlich ihn zur Ordnung gerufen, was ihn in ganz Europa berühmt machte. So war vielleicht zu erklären, warum er, schon zu Lebzeiten eine Legende, mit dreiundsechzig Jahren immer noch ein einfacher Priester war.

Er saß im Beichtstuhl, ein beinahe schmächtiger, weißhaariger Herr mit Stahlbrille, Chorhemd und einer violetten Stola, müde und frierend, denn er hatte diese Nacht noch mehr zu tun gehabt als sonst.

Er hoffte nur, daß sein letztes Schäflein, eine Prostituierte aus der Gegend, bald gehen würde. Sie tat es, und er wartete noch eine Weile, ehe er sich erhob. Da wurde plötzlich an das Holz geklopft, und eine vertraute Stimme sagte: «Wissen Sie, ich habe lange darüber nachgedacht. Vielleicht beschließen die Menschen nur dann, sich Gott anzuvertrauen, wenn der Teufel nichts mehr von ihnen wissen will.»

«Simon, sind Sie es?» antwortete der alte Mann.

«Zusammen mit einer wahren Bußfertigen. Einer jungen Frau, die ungefähr folgendes beichten möchte: Vater, vergeben Sie mir, denn ich habe gesündigt. Ich bin die Tochter von Gregory Campbell.»

Conlin rührte sich nicht. «Ich denke, es wäre am besten, wenn Sie sie in die Sakristei brächten. Dort können wir eine Tasse Tee trinken, und sie kann mir selbst sagen, was sie zu sagen hat.»

 

In der Sakristei war es fast so kalt wie in der eigentlichen Kirche. Conlin saß mit einer Tasse Tee an dem kleinen, rohgezimmerten Tisch und rauchte eine Zigarette, während das junge Mädchen von sich erzählte. Sie war Ärztin und hatte im letzten Jahr ihr Abschlußexamen gemacht, in Dresden.

«Und Ihr Vater? Wo ist er jetzt?»

«Auf dem Land, in der Nähe von Stendal. In einem kleinen Dorf, das Neustadt heißt.»

«Ich kenne es», antwortete er. «Es gibt dort ein Franziskanerkloster.»

«Das wußte ich nicht, aber ich kenne die Gegend auch kaum. Am Fluß ist eine alte Burg.»

«Das muß Schloß Neustadt sein. Irgendeine Adelige hat es den Franziskanern um die Jahrhundertwende geschenkt. Es sind übrigens keine Katholiken, sondern Lutheraner.»

Er wandte sich an Vaughan: «Und was haben Sie mir zu sagen?»

«Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache.»

«Warum?»

«Der SSD-Mann auf der Brücke. Was machte er dort?»

«Vielleicht war er auf Sie und Julius angesetzt. Früher oder später mußte es ja so kommen.»

«Entschuldigen Sie, aber spielt es noch eine Rolle, was Major Vaughan dazu meint?» fragte Margaret Campbell.

Der alte Herr lächelte. «Es könnte Ihnen etwas nützen.»

Vaughan stand auf. «Ich denke, ich werde jetzt einen kleinen Spaziergang machen. Nur um nachzusehen, was draußen los ist.»

«Glauben Sie, da sind noch andere?» fragte sie.

«Wäre nicht das erstemal.»

Er ging hinaus. Sie sagte zu Conlin: «Dieser Mann macht mir Angst.»

Conlin nickte. «Unser Simon ist eine sehr gefährliche und tödliche Waffe. Sehen Sie, Miss Campbell, bei dem Spiel, das er spielt, hat er gegenüber seinem Gegner eine sehr reale Vorgabe.»

«Und welche wäre das?»

«Sie besteht darin, daß es ihn völlig kaltläßt, ob er weiterlebt oder stirbt.»

«Aber warum?» fragte sie. «Ich verstehe das nicht.»

Also erzählte er es ihr.

 

Als Vaughan in die Sakristei zurückkam, hatten sie die Köpfe zusammengesteckt und unterhielten sich leise. Der alte Priester blickte auf und lächelte. «Ich möchte Sie um einen Gefallen bitten. Würden Sie Miss Campbell nachher wieder nach Ost-Berlin bringen? Sie werden das doch für mich tun, nicht wahr, mein Junge?»

Vaughan zögerte. «Na gut», sagte er. «Aber das ist alles, was ich in dieser Angelegenheit für Sie machen kann.»

«Mehr brauchen Sie auch nicht zu tun.» Conlin wandte sich an Margaret Campbell. «Wenn Sie wieder drüben sind, fahren Sie bitte sofort nach Neustadt zurück und warten dort auf mich. Ich werde übermorgen kommen.»

«Sie selber?»

«Aber selbstverständlich.» Er lächelte ein bißchen schelmisch. «Warum sollten andere den ganzen Spaß haben?» Er stand auf und legte ihr die Hand auf die Schulter. «Fürchten Sie nichts, liebes Kind. Die Auferstehungsliga genießt in dieser Hinsicht einen gewissen Ruf. Wir werden Sie nicht im Stich lassen.»

Sie drehte sich um und ging hinaus. Der alte Mann seufzte und schüttelte den Kopf. Vaughan sagte: «Woran denken Sie?»

«Ein Mädchen von zwölf Jahren, das nur noch den Vater hatte, wurde bei Nacht und Nebel von allem, was warm und sicher und vertraut war, in ein fremdes und unheimliches Land gebracht, dessen Sprache es noch nicht einmal verstand. Ich denke, es ist in mancher Weise immer noch jenes verlorene und ängstliche Kind.»

«Wie rührend», sagte Vaughan. «Aber ich bin weiterhin der Meinung, daß Sie sich irren.»

«Oh, Sie Kleingläubiger.»

«Genau.»

 

Margaret Campbell stand schon an der Kirchentür, als Vaughan sie einholte. Die Straße war menschenleer und wirkte in dem grauen Morgenlicht geisterhaft und wenig einladend. Als sie über das Pflaster gingen, sagte sie: «Warum führen Sie dieses Leben? Ein Mann wie Sie hätte das doch nicht nötig. Ist es wegen der Dinge, die auf Borneo geschahen?»

«Conlin und Sie haben anscheinend über alles gesprochen», sagte er stoisch.

«Stört es Sie?»

«Mich stört selten etwas.»

«Ja, den Eindruck hatte ich auch gleich.»

Er blieb in einer Türöffnung stehen, um sich eine Zigarette anzuzünden, und sie lehnte sich an die Mauer und beobachtete ihn.

Vaughan sagte: «Der alte Mann war ganz ergriffen.»

Er schob behutsam eine feuchte Haarsträhne unter ihr Kopftuch zurück. Sie schloß die Augen und trat zögernd einen Schritt nach vorn. Sein Arm glitt um ihre Taille, und sie ließ den Kopf an seine Schulter sinken.

«Ich bin so müde. Ich wünschte, alles wäre plötzlich nicht mehr da und ich könnte allein sein, um ein Jahr und einen Tag lang zu schlafen.»

«Ich kenne dieses Gefühl», sagte er. «Aber wenn Sie wieder die Augen öffnen, werden Sie feststellen, daß sich nichts geändert hat. Es bleibt immer alles beim alten.»

Sie sah ihm in die Augen. «Sogar für Sie, Vaughan? Nach allem, was Pater Conlin gesagt hat, hätte ich eher vermutet, Sie gehörten zu den Männern, bei denen das Unmögliche nur ein bißchen länger dauert.»

«Selbst der Teufel hat ab und zu seinen freien Tag, hat er Ihnen das nicht erzählt?»

Er küßte sie sanft auf den Mund. Sie hatte plötzlich ein panikartiges Gefühl und machte sich von ihm los, wandte sich ab und ging weiter. Er folgte ihr fröhlich pfeifend.

An der Brücke war ein Café, das auch nachts geöffnet hatte. Als sie sich näherten, begann es zu regnen. Er griff nach ihrer Hand, und sie fingen an zu laufen. Als sie das Café erreichten, waren sie außer Atem und durchnäßt.

Das Café war ein kleiner, trauriger Raum, mit einem halben Dutzend Holztischen und den dazugehörigen Stühlen. In einer Ecke schlief ein Mann mit einem dunkelblauen Mantel. Er war der einzige Gast. Der Barkeeper saß an der Theke, die eine Zinkplatte hatte, und las Zeitung.

Sie warteten an einem Tisch am Fenster, das auf den Fluß ging. Margaret Campbell konnte hören, wie Vaughan hinter ihr Kaffee und Kognak bestellte. Als er neben ihr Platz nahm, sagte sie: «Sie sprechen sehr gut deutsch.»

«Meine Großmutter war aus Hamburg. Sie ist an der Elbe aufgewachsen, ich an der Themse. Sie kam zu uns, als ich noch klein war. Hat sich nach dem Tod meiner Mutter um mich gekümmert. Weil sie sich dann wie zu Haus fühlte, sagte sie.»

«Und wo war das?»

«Isle of Dogs, bei den Westindiendocks. Mein alter Herr war jahrelang Kapitän auf einem Themsekahn. Als kleiner Junge fuhr ich immer mit ihm. Bis nach Gravesend und zurück. Einmal fuhren wir sogar bis Yarmouth.»

Er zündete sich eine Zigarette an, und seine Augen wirkten einen Moment, als blickten sie zurück über einen unüberbrückbaren Golf. Sie sagte: «Wo ist er jetzt?»

«Tot», antwortete er. «Schon seit vielen Jahren.»

«Und Ihre Großmutter?»

«Eine V1 hat sie getötet, im November vierundvierzig. Eine Ironie des Schicksals, können Sie jetzt sagen.»

Der Barkeeper erschien mit einem Tablett, stellte vor jedem von ihnen eine Tasse Kaffee und ein Glas Kognak ab und entfernte sich wieder. Vaughan trank seinen Kognak mit einem Zug.

«Ein bißchen zu früh am Tag, oder?» bemerkte sie.

«Oder zu spät, je nach dem Standpunkt des Beschauers.»

Er langte nach ihrem Glas, sie legte die Hand auf seine. «Bitte?»

In seinen Augen war etwas, das an Überraschung grenzte, und dann lachte er leise. «Entschieden zu spät, Maggie. Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich Sie so nenne? Entschieden zu spät und zu weit gegangen. Sie kennen sicher das Gedicht von Eliot, in dem es heißt, daß wir am Ende unseres Suchens unweigerlich dort ankommen, wo wir angefangen haben, und das Gefühl haben, wir erkennten den Platz erst jetzt richtig?»

«Ja.»

«Er irrte sich. Am Ende unseres Suchens erkennen wir die Sache als das, was sie von Anfang an gewesen ist. Eine verdammte Zeitverschwendung.»

Er griff wieder nach dem Glas, doch sie stieß es schnell um und starrte ihn an. Ihr Gesicht war schneeweiß.

«Was soll das beweisen?»

«Nichts», sagte sie. «Nehmen Sie es einfach als einen medizinischen Ratschlag.»

Er seufzte. «Na gut. Wenn Sie so weit sind, gehen wir am besten. Ich bin sicher, Sie können es ohnehin nicht abwarten, wieder auf Ihre Seite des Zauns zu kommen.»

Als sie auf die Brücke zugingen, sagte sie: «Sie trauen mir immer noch nicht, stimmt’s?»

«Nicht richtig.»

«Warum?»

«Ich habe keinen bestimmten Grund. Instinktiv, wenn Sie so wollen. Jahrelange schlechte Erfahrungen.»

«Und doch bringen Sie mich wieder über die Mauer, weil Pater Conlin Sie darum gebeten hat. Das verstehe ich nicht.»

«Ich weiß. Es ist mysteriös, nicht wahr?»

Er nahm ihren Arm, und sie schritten über die Brücke, deren Bohlen unter ihren Füßen dumpf widerhallten.

2

Es war Dienstag abend um zehn, als der alte, mit Steckrüben beladene Militärlaster den Hügel vor Neustadt hinaufschnaufte. Nach einem knappen Kilometer stoppte er am Straßenrand unter einigen Kiefern. Pater Conlin trug eine Cordjacke und eine Pudelmütze und hatte sich einen schmuddeligen blauen Schal um den Hals gebunden. Sein Begleiter, der Fahrer des Lastwagens, der einen alten Feldrock trug, hatte dringend eine Rasur nötig.

«Sind Sie sicher, daß es hier ist, Karl?» fragte Conlin.

«Das Haus ist am Ende des Feldwegs durch den Wald, ein paar hundert Meter weiter. Sie können es nicht verfehlen, es ist das einzige Haus weit und breit», erklärte ihm Karl.

Conlin sagte: «Ich schaue mich kurz um. Sie warten bitte hier. Wenn alles in Ordnung ist, bin ich in ein paar Minuten wieder da.»

Er entfernte sich. Karl zog einen Zigarettenstummel hinter dem Ohr hervor und zündete ihn an. Er blieb eine Weile sitzen und rauchte, ehe er die Tür öffnete, ausstieg und neben den Lastwagen pinkelte. Draußen war alles still, so daß ihn der Schlag auf den Kopf völlig überraschend traf. Mit einem leisen Stöhnen fiel er zu Boden und blieb regungslos liegen.

 

Hinter einem Fenster des Bauernhauses war Licht zu sehen, denn man hatte die Vorhänge nicht ganz zugezogen. Als Pater Conlin sich vorsichtig näherte und hineinspähte, erblickte er Margaret Campbell in Pullover und Hose vor einem prasselnden Feuer. Sie las ein Buch.

Er klopfte an die Scheibe. Sie sah auf, trat ans Fenster und schaute hinaus. Er lächelte, aber sie erwiderte das Lächeln nicht. Sie ging einfach zur Tür und öffnete sie. Conlin trat in das warme Zimmer und schüttelte die Regentropfen von seiner Mütze: «Wir hätten uns keine bessere Nacht aussuchen können.»

«Sie sind gekommen», sagte sie mit erstickter Stimme.

«Haben Sie geglaubt, ich käme nicht?» Er wärmte sich am Feuer und lächelte ihr zu. «Ihr Vater – wie geht es ihm?»

«Ich weiß es nicht», sagte sie tonlos. «Ich habe ihn schon seit Wochen nicht mehr gesehen. Sie erlaubten es nicht.»

Da begriff er es natürlich, begriff alles, jetzt, wo es zu spät war. «Oh, mein armes Kind», sagte er, und in seiner Stimme war nichts als Sorge um sie, in den hellblauen Augen nichts als Mitleid. «Wozu hat man Sie getrieben?»

Hinter ihm ging die Küchentür knarrend auf, ein kalter Luftzug strich über seinen Nacken, und er drehte sich um. In der Türöffnung stand ein großgewachsener, gepflegter Mann mit dunklem Haar, das sich an den Schläfen silbern färbte. Er hatte ein männliches, hartes Gesicht – ein Soldatengesicht. Er trug einen dicken Wintermantel mit Pelzkragen und rauchte einen langen Stumpen.

«Guten Abend, Pater Conlin», sagte er. «Sie wissen, wer ich bin?»

«Ja», sagte Conlin. «Helmut Klein. Ich glaube, Sie konnten sich früher der zweifelhaften Auszeichnung erfreuen, der jüngste Standartenführer der Waffen-SS zu sein.»

«Sehr richtig», sagte Klein.

Zwei Männer in Regenmänteln traten aus der Küche und bauten sich neben ihm auf. Im selben Augenblick wurde die Haustür geöffnet, und einige Volkspolizisten mit Maschinenpistolen kamen, gefolgt von einem Feldwebel, in den Raum.

«Wir haben den Fahrer, Herr Oberst.»

«Wie bitte, nicht Genosse?» sagte Pater Conlin. «Nicht sehr sozialistisch von Ihnen, Oberst.» Er wandte sich an Margaret Campbell. «Oberst Klein und ich sind alte Feinde, jedenfalls aus der Ferne. Er ist der Leiter von Abteilung fünf des Staatssicherheitsdienstes. Er und seine Männer haben die Aufgabe, die Flüchtlingsorganisationen in Westeuropa mit allen Mitteln zu bekämpfen. Aber das wissen Sie sicher mittlerweile.»

Ihre Augen brannten, ihr Gesicht war totenbleich. Sie wandte sich an Klein. «Ich habe getan, was Sie von mir verlangten. Darf ich jetzt meinen Vater sehen?»

«Das ist leider nicht möglich», sagte Klein gelassen. «Er ist vergangenen Monat gestorben.»

Im Raum war kaum noch ein Atemzug zu hören, und als sie sprach, brachte sie nur ein rauhes Flüstern hervor: «Aber das kann nicht sein. Es ist erst drei Wochen her, als Sie mich zum erstenmal kommen ließen. Als Sie mir vorschlugen, ich solle …» Sie sah ihn mit nacktem Entsetzen im Gesicht an. «O mein Gott. Er war bereits tot, als Sie mich zu diesem Spiel überredeten.»

Pater Conlin streckte die Hand nach ihr aus, aber sie wich zurück und warf sich auf Klein. Er schlug sie so heftig, daß sie in die Ecke neben der Tür flog und dort betäubt liegen blieb. Als Conlin versuchte, zu ihr zu gehen, packten ihn die beiden Männer in Regenmänteln, und die Volkspolizisten traten näher.

«Und jetzt?» fragte der alte Priester.

«Was erwarten Sie, Peitschen und Folterinstrumente, Pater?» fragte Klein. «Nichts dergleichen. Wir haben Ihnen ein Zimmer in Schloß Neustadt reserviert. Sie können es sehr gemütlich haben – oder auch nicht, die Entscheidung liegt bei Ihnen. Mir geht es nur um eine kleine Gesinnungsänderung. Natürlich in aller Öffentlichkeit.»

«Dann verschwenden Sie Ihre Zeit», sagte der alte Mann.

Hinter ihnen schlug die Tür zu, als Margaret Campbell in die Nacht hinauslief.

 

Sie hatte keine Ahnung, wohin sie rannte, denn nach dem entsetzlichen Schock, der sie getroffen hatte, war ihr Gehirn nicht mehr imstande, sich zu konzentrieren. Klein hatte gelogen und ihre Liebe zu ihrem Vater benutzt, um einen außergewöhnlichen Mann in eine Falle zu locken. Ihr Verstand wollte es noch nicht wahrhaben, und sie lief, als habe sie die Absicht, vor den Folgen ihrer Tat zu fliehen, stolperte in der Dunkelheit zwischen den Bäumen hindurch und hörte hinter sich die Rufe der Verfolger. Vor ihr lag nur noch der Fluß, dessen Wasser von den starken Regenfällen angeschwollen war und sich brausend über das Wehr ergoß.

Einer der Volkspolizisten feuerte eine Salve aus seiner Maschinenpistole ab, und sie schrie angstvoll auf, lief noch schneller, schützte sich mit einem erhobenen Arm vor den Zweigen, die ihr ins Gesicht peitschten, strauchelte über einen Stamm und stürzte die steile Böschung hinab in die Flut.

Die Volkspolizisten erreichten den Fluß kurz darauf, und der Feldwebel richtete seine Taschenlampe auf die Stelle, wo sie verzweifelt einen Arm aus dem Wasser streckte. Dann ging sie unter.

 

Am nächsten Abend um kurz nach acht Uhr hielt ein schwarzer Wagen vor dem Eingang des Ostberliner Ministeriums für Staatssicherheit, Normannenstraße 22. Helmut Klein stieg hinten aus und hastete die Eingangsstufen hoch, denn er hatte einen wichtigen Termin – wahrscheinlich den wichtigsten Termin seiner gesamten Laufbahn –, und er war bereits zu spät.

Abteilung fünf lag im dritten Stock. Als er den Vorraum betrat, sprang seine Sekretärin, Frau Apel, aufgeregt hinter ihrem Schreibtisch auf. «Er ist vor zehn Minuten gekommen», flüsterte sie und warf einen besorgten Blick auf die drei Männer in dunklen Mänteln, die an der Tür zum Büro standen. Harte, abgebrühte Typen, zu allem bereit und – nach ihren Blicken zu urteilen – zu den grausamsten Dingen fähig. Am Fenster saß ein vierter Mann, der eine Illustrierte las. Er war klein und breitschultrig, hatte dunkles Haar und graue Augen, die irgendwie transparent wirkten. Sein linker Mundwinkel war zu einem ironischen Lächeln verzogen, das aber keinen Humor ausstrahlte, nur eine gewisse Verachtung für die Welt im allgemeinen. Er hatte einen marineblauen Trenchcoat an. Klein reichte Frau Apel seinen Mantel und ging mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. Er sprach englisch. «Nun, wir haben ihn, Harry. Ihr Plan hat geklappt. Das Mädchen hat alles getan, was wir ihr gesagt haben.»

«Das hoffe ich.» Die Stimme war leise und kultiviert. Amerikanisch mit Bostoner Akzent. «Wo ist sie jetzt?»

«Tot.» Klein schilderte kurz, was geschehen war.

«Wie schade», sagte der kleine Herr. «Sie war sehr hübsch. Er ist übrigens dort drin. Er hat mich fast mit seiner Jacke gestreift, als er an mir vorbeirauschte.»

Klein blickte schnell zu den Sicherheitsbeamten an der Tür und senkte die Stimme. «Auf solche Bemerkungen können wir hier verzichten. Versuchen Sie bitte, sich zu benehmen, wenn ich Sie hereinrufe.»

Er öffnete die Tür zu seinem Büro und ging hinein. Der Mann im Trenchcoat steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen, dachte aber nicht daran, sie anzuzünden. Er lächelte Frau Apel zu, und sie merkte, daß sie aus irgendeinem Grund nervös wurde.

«Wichtiger Tag heute, nicht wahr?» sagte er auf deutsch.

«Eine große Ehre.» Sie zögerte. «Es kann eine Weile dauern. Möchten Sie einen Kaffee, Herr Professor?»

Er lächelte. «Nein, vielen Dank. Ich gehe wieder ans Fenster und warte. Von dort habe ich eine sehr gute Sicht auf Ihre Beine unter dem Schreibtisch. Bei Ihnen kann ein Mann unruhig werden – hat Ihnen das schon mal jemand gesagt?»

Er kehrte zum Fenster zurück. Sie saß mit trockener Kehle da und wußte nicht, was sie antworten sollte, während er sie mit seinen grauen, leeren Augen, die nichts preisgaben, musterte und wieder das ironische Lächeln aufsetzte, als wolle er sich über sie lustig machen. Sie griff hastig nach einem Blatt Papier. Als sie es in die Schreibmaschine einspannte, zitterten ihre Hände.

 

Als Klein sein Büro betrat, blickte der Mann hinter dem Schreibtisch aufmerksam hoch. Sein Anzug war solide, konservativ, sein Bart sorgfältig gestutzt, die Augen hinter den dicken Brillengläsern wirkten wohlwollend, beinahe väterlich – und doch war dies der mächtigste Mann der DDR: Walter Ulbricht, Vorsitzender des Staatsrats.

«Sie haben sich verspätet», sagte er.

«Eine Tatsache, die ich außerordentlich bedaure, Genosse Vorsitzender», erwiderte Klein. «Die Straßen von Magdeburg waren überschwemmt. Wir mußten einen Umweg machen.»

«Lassen wir die Entschuldigungen», sagte Ulbricht ungeduldig. «Haben Sie ihn?»

«Ja, Genosse Vorsitzender.»

Ulbricht zeigte keine sichtbare Regung. «Ich fliege morgen früh nach Moskau, und da ich mindestens eine Woche fort sein werde, möchte ich mich vorher vergewissern, daß diese Angelegenheit nach Plan läuft. Dieser Mann, den Sie für die Aufgabe ausgesucht haben, dieser Amerikaner, Van Buren – ist er da?»

«Er wartet im Vorzimmer.»

«Und Sie glauben, er könnte es schaffen?»

Klein öffnete seine Aktentasche, holte einen Schnellhefter heraus und legte ihn vor Ulbricht auf den Schreibtisch. «Seine Personalakte. Wenn Sie die Freundlichkeit hätten, einen Blick hineinzuwerfen, bevor Sie mit ihm reden, Genosse? Ich denke, sie spricht für sich.»

«Sehr schön.» Ulbricht rückte seine Brille zurecht, schlug die Akte auf und begann zu lesen.

 

In den ersten Monaten des Jahres 1950 behauptete der amerikanische Senator Joseph McCarthy, er habe Beweise dafür, daß das State Department von kommunistischen Beamten unterwandert sei. Arthur Van Buren, Professor für Ethik an der Columbia-Universität, hatte die Unbesonnenheit, der New York Times mehrere Leserbriefe zu schreiben, in denen er die Theorie vortrug, diese neue Entwicklung bedeute nicht mehr und nicht weniger als die Anfänge eines faschistischen Staats in Amerika.

Es erging ihm wie vielen anderen Persönlichkeiten, und man zitierte ihn im Lauf der größten Hexenjagd der amerikanischen Geschichte vor einen Unterausschuß des Senats. Als die Hearings vorbei waren, war auch sein guter Ruf dahin. Er war in den Augen der Welt als Kommunist abgestempelt und mußte jeden Gedanken an eine weitere Karriere aufgeben. Er erschoß sich im März 1950.

Harry Van Buren, sein einziger Sohn, war damals vierundzwanzig Jahre alt. Er hatte an der Columbia-Universität ein Diplom in Psychologie gemacht, am Guys’ Hospital in London im Labor für experimentelle Psychiatrie gearbeitet und im Februar 1950 an der Universität London in Medizin promoviert. Er kam gerade noch rechtzeitig heim, um an der Beerdigung seines Vaters teilzunehmen. Er wußte nicht recht, was er von der ganzen Affäre halten sollte. Seine Mutter war gestorben, als er fünf war. Der Bruder seines Vaters handelte mit Werkzeugmaschinen und war beinahe Millionär. Seine einzige Tante, Mary, war mit einem Mann verheiratet, der siebenundvierzig Hotels besaß. Sie schienen sich in erster Linie Sorgen darüber zu machen, daß der Senator aus Wisconsin recht haben könnte: daß sein Vater tatsächlich ein Roter gewesen war. Harry hatte die Pflicht, die Ehre der Familie wiederherzustellen, was er tat, indem er sich bei Ausbruch des Koreakriegs freiwillig zu den Marineinfanteristen meldete.

Es war natürlich eine absurde Reaktion, was er als studierter Psychologe auch einsah. Obgleich er seine wahren Motive bald erkannte, machte er keinen Rückzieher und log in seinen Militärpapieren über seine Erziehung, aus dem Bedürfnis heraus, sein Schuldgefühl loszuwerden, wie er sich einredete.

Er tat Messedienst, schrubbte Decks, ertrug die unmittelbare Nähe von Kameraden, die er brutal und vulgär fand, und blieb für sich. Er steckte alle Schikanen ein und entwickelte für die anderen Mariner eine Verachtung, die er nie für möglich gehalten hätte.

Und dann kam Korea. Ein Alptraum an Stupidität. Der Winter war so kalt, daß das halbautomatische M1 einfror, wenn es zu sehr geölt wurde. Viele Handgranaten explodierten nicht, und die Mäntel der wassergekühlten schweren Maschinengewehre mußten mit Frostschutzmittel gefüllt werden.

Im November 1950 nahm er mit der Ersten Marinedivision Kurs auf Koto-Ri, um den Krieg mit einem großen Schlag zu beenden, wie es General Douglas MacArthur vorschwebte. Aber die Chinesen hatten andere Vorstellungen, und die Mariner liefen am Choisin-Becken in eine Falle, die prompt zuschnappte und zu einem der größten Rückzugsgefechte in der Kriegsgeschichte führte.

Eine Zeitlang spielte er gehorsam seine Rolle, zusammen mit den anderen, die ringsum kämpften und starben. Er tötete Chinesen mit Kugeln und Bajonett, urinierte auf den Bolzenmechanismus seines Karabiners, wenn er eingefroren war, und schleppte sich mit Frostbeulen am linken Fuß und einem Steckschuß in der rechten Schulter weiter. Und als ihn an einem nebligen Morgen ein Stiefeltritt in die Seite weckte, war er beinahe erleichtert, ein chinesisches Gesicht zu erblicken.

In einem Kriegsgefangenenlager in der Mandschurei hatte er nach einem Monat Arbeit in der Kohlengrube genug. Seine Chance verdankte er den Umerziehungskursen. Der Chefinstrukteur war ein unglaublicher Primitivling. Van Buren indessen widersprach ihm nicht etwa, sondern stimmte seinen Lehren unüberhörbar zu. Als er das einige Tage getan hatte, wurde er zu einer Vernehmung abgeholt, in deren Verlauf er alles über seine Vergangenheit erzählte.

Zuerst setzte man ihn als Unterwanderer bei seinen Mitgefangenen ein, bis er die Aufmerksamkeit von Ping-Tschau, dem berühmten Psychologen von der Universität Peking, erregte, der damals die Verhaltensmuster amerikanischer Kriegsgefangener untersuchte. Tschau gehörte zur Pawlow-Schule, und seine Arbeit über die Konditionierung des menschlichen Verhaltens genoß in wissenschaftlichen Kreisen bereits große Anerkennung.

Er entdeckte in Van Buren einen Geist, der auf der gleichen Antenne lag wie seiner. Der Amerikaner ging nach Peking, um an der psychologischen Fakultät der dortigen Universität zu arbeiten. Eine Rückkehr nach Amerika kam für ihn nicht mehr in Frage. Dem Pentagon und dem State Department fiel seine Existenz bald unangenehm auf, aber man redete aus offensichtlichen Gründen nicht darüber und führte ihn weiter auf der Liste der im Koreakrieg vermißten Soldaten.

1959 war er ein Spezialist für «Denkreform» und ging auf Veranlassung höchster Stellen nach Moskau, um dort an der Universität zu lesen. 1960 hatte er auf dem Fachgebiet, das in der Presse mit dem populären Ausdruck «Gehirnwäsche» bezeichnet wird, einen legendären Ruf. In den Ländern des Ostblocks gab es keinen einzigen Geheimdienst, der seine Dienste nicht irgendwann einmal in Anspruch genommen hatte.

Und dann, im April 1963, als er in der Deutschen Demokratischen Republik an der Universität Dresden eine Gastprofessur ausübte, bekam er Besuch von Hans Klein, Leiter von Abteilung fünf des Ministeriums für Staatssicherheit.

 

Walter Ulbricht klappte die Akte zu und sah auf. «Die Sache hat nur einen Haken.»

«Und das wäre, Genosse Vorsitzender?»

«Professor Van Buren ist kein Kommunist – und ist es auch nie gewesen.»

«Ich bin ganz Ihrer Meinung», sagte Klein. «Aber er ist etwas, das für unsere Zwecke viel wichtiger ist, wenn ich so sagen darf: ein leidenschaftlicher Wissenschaftler. Er ist in erstaunlicher Weise von seiner Arbeit besessen. Ich bin überzeugt, daß er die Fähigkeit hat, die Aufgabe, die wir ihm gestellt haben, zu unserer Zufriedenheit zu lösen.»

«Na schön», sagte Ulbricht. «Holen Sie ihn herein.»