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Schweigen ist Gold? Das bezweifle ich. Es ist zwar bequem. Auf diesem Weg löst man aber keine Probleme. Das Reden fällt uns manchmal schwer, besonders wenn wir auf Widerstand stoßen. Haben wir aber eine andere Wahl, als einen Dialog zu führen und uns zu verstehen versuchen?
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Seitenzahl: 238
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Gabi Scheren
Der Schrei eines Untieres
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Das letzte Tabu
Schneewittchen auf Hawaii
Sonja, Kalb und die Nacht
Tiger mit Rasterzöpfen im Fenster
Bäume auf der imaginären Wiese
Unter der Lupe im Café
Zwischen Gefängnis und Kläranlage
„Das ist der Wahnsinn!“
Klinikpate und die Schöne
Wenn das Rentier beißt
Auge in Auge
Psyche gegen Pharmaka
Visite des Psycho-Gurus
Fuck-Problem mit der Harmonie
Komm, mein Tiger!
Ohne Seil
Eine irre Weihnachtsgeschichte
Eine verrückte Gretel und ein schwuler Hans
Kein davor und kein danach
Ich muss an dich denken, Ulrike!
Wenn wir nicht schlafen
Sagen oder nicht sagen?
Luises Abschied
Ein kurzer Prozess
Hyänen und Geier
Auch verrückt!
Karamell
Unser Tag
Durch die rote Tür
Ich bin bereit
Impressum neobooks
Ich fuhr hierher mit einem von den Schulkindern überfüllten Bus an einem warmen sonnigen Herbsttag, der hinter dem Fenster im Überfluss der Farben glänzte. An den Tagen wie der heutige müsste man Frieden mit sich selbst und der Welt schließen und an die Gnade des Himmels glauben. Die Sonnenstrahlen drangen hindurch und streiften mein Gesicht, angelehnt an die Scheibe. Ich glaubte die Berührung zu spüren. Auf meiner Haut, die sich danach sehnte. Nach Liebkosungen. An die Gnade des Himmels glaubte ich jedoch nicht. Der Himmel war unerreichbar und seine Gnade gab es für mich nicht, weder gestern, noch heute. Auch nicht in der Zukunft. Davon war ich überzeugt.
Mein ganzes Wesen von Kopf bis Fuß erfüllte eine schwere Hoffnungslosigkeit. Ihre feuchtdunkle Materie war mir inzwischen sehr vertraut. Ich war sie und sie war ich. Eine Einheit. Um sie von mir zu trennen, hätte man mich durchschneiden, tiefe Schnitte durch die Haut, Sehnen und Muskeln bis zu den Knochen führen müssen. Und noch weiter, auch die Knochen zertrümmern, um die Hoffnungslosigkeit zu entfernen.
Ich schloss meine Augen und grenzte mich von der Umwelt ab. Sie verschwand trotzdem nicht und raschelte, knirschte, hupte, lachte und rief unbekannte Namen, die ich nicht wissen wollte. Als ob der ganze Bus über mich hergefallen wäre und mich zu Boden drückte. Im Nu zerbarst ich wie ein Glas. Ich musste mich sammeln: die verstreuten Teile eines zerbrochenen Spiegels, der nur ein verzerrtes Bild abgeben kann. Wobei mich ermüdete, dem lebhaften Treiben zuhören zu müssen, und unter der Flut der Geräusche nicht unterzugehen. Diesen Schwall konnte ich nicht aushalten. Mich selbst konnte ich nicht aushalten. Ich litt, ohne wirklich zu leiden. Mein Schmerz existierte physisch im Grunde genommen nicht. In seiner Nicht-Existenz zeigte er sich dennoch allgewaltig und erfasste nicht nur mich, sondern auch mein Umfeld.
Die Strecke führte aus der Stadt hinaus über die flache Landschaft und die Dörfer, die auf den beiden Seiten der Straße kauerten. Für mich endete sie in einer überschaubaren Siedlung.
Ich stieg aus. Mein Herz schlug dumpf und laut. Eine schwere Glocke in meiner Brust. Ich blieb stehen und war im Begriff in den Bus zurückzukehren. Ein letzter Versuch. Als ich mich umdrehte, fuhr der Bus schon weiter und mit ihm entfernte sich die Möglichkeit davonzulaufen. Meine Hände zitterten, während ich aus meiner Tasche ein gefaltetes Blatt Papier herausholte: die Beschreibung, die ich mir vorbereitet habe. Sie nutzte mir allerdings wenig. Obwohl ich den Hinweisen auf dem Blatt getreu zu folgen glaubte.
Die wenigen Häuser vermehrten sich augenblicklich und erdrückten mich mit einer unübersichtlichen Masse. Ich beschleunigte, als ob ich dadurch die Gegend bezwingen könnte, bis ich merkte, dass ich die gleichen Gassen und Schilder zum zweiten Mal sah. Ein Gefühl der Unwirklichkeit breitete sich in mir und darüber hinaus. Ich verlor unausweichlich die Verbindung zur Realität und rutschte in die Panik, die mich hineinsog wie ein Sumpf. Aus der gleichen Materie bestehen Alpträume. Ich verlief mich in ihnen andauernd auf eine unterschiedliche Art und Weise, und suchte verzweifelt in den bekannten und unbekannten Städten, auf den Feldern und in den Wäldern nach einem Zeichen, das mich retten sollte. Wovor? Vor Vernichtung. Vor unbekannter Bedrohung, die sich nie konkret darstellte. Dadurch wurde sie noch schrecklicher, wie alles, was man nicht begreift. Meine Panik durchbrach soeben die Barriere zwischen der Gegenwart und der Mär. Ich wackelte auf den Beinen und kämpfte mit einer plötzlichen Übelkeit. Was sollte ich tun? Das verfluchte Landstück wollte sich mir nicht öffnen. Die Ohnmacht presste mich nieder und fesselte meinen Geist. Ich musste mich geschlagen geben und nach Hilfe umsehen.
Der Junge, den ich ansprechen wollte, zischte, ehe ich meinen Mund aufmachte, „Hast du zwei Euro?“. Ungläubig blickte ich zu ihm und verkniff mir eine Gegenfrage „Wieso nicht einen?“. Ich wechselte zügig die Seite und stieß auf einen älteren Mann mit wehendem Haar. Sein Gesicht weckte mein Vertrauen. Er schaute mir in die Augen: „Brauchst du Jesus?“ Ich blinzelte und schüttelte meinen Kopf: „Nein!“ Es war keine Antwort auf seine Frage. Eher Erkenntnis, dass ich von ihm keine Information bekomme. Egal, ob er sich für Jesus hielt oder nicht.
Die Empfindung für die Zeit war mir abhandengekommen. Genauso gut konnte eine Stunde wie auch eine Woche vergangen sein. Ich blickte nervös auf die Uhr und verstand überraschend die Anzeige nicht im Geringsten. Der große Zeiger eilte zur Mitte, der kleine markierte die zwei. Eine Weile glotzte ich das Zifferblatt an und rätselte, wie spät es war. Es funkte schließlich und ich entchiffrierte die Lage der zwei Pfeile. Oh Gott, wie spät! Wo versteckte sich das Haus? Fuck! Ich drehte mich um meine eigene Achse und sehnte mich nach irgendeinem orientierten menschlichen Wesen. Mein Blutdruck raste in die Höhe und riss mich mit auf die Höllenfahrt. Fuck und nochmals fuck!
Im Gebüsch vor mir raschelte es auf einmal. Zugleich tauchte zwischen dem Laub eine Frau im zerknitterten grauschwarzen Kleid auf; aus ihren zerzausten Haaren lugten einige gelbe Blätter und garnierten ihr blasses und leeres Antlitz. Sie erhob überrascht ihre müden Augen, als ich sie ansprach. Kein Ton verließ ihren offenen Mund. Ich vergeudete nur die Zeit. Auf dem Sprung bereits, hörte ich ihre verraucht heisere Stimme. Sie wusste es! Ich wiederholte ihre Anweisung, bedankte mich und eilte davon, während die Buschfrau hinter mir weiter rief, wie ich zu gehen habe:
„Zuerst geradeaus bis zur Laterne, dort links, dann in die nächste rechts. Hinter den Bäumen direkt vor dir hast du es.“
Wieder röchelte sie von vorne ihre Auskunft, mit der Hingabe, die weit über eine beiläufige Antwort hinausreichte. Je schneller ich mich entfernte, desto lauter sie schrie. Ich hätte mich umdrehen sollen und ihr zurufen „Is‘ doch gut, es reicht“ oder etwas in dieser Art. Stattdessen rannte ich einfach weiter. Man könnte meinen, ich hätte Angst, dass sie mich mit ihrem Geschrei festnageln würde und ich ihr nicht mehr entkomme. Ich hörte sie immer noch, als ich das Haus erblickte.
Es war kaum hinter dem Gestrüpp zu erkennen. Gewiss lief ich heute an ihm mehrmals vorbei. Das kleine weiße Haus mit dem roten Dach versteckte sich hinter einem Labyrinth von Wegen, Gassen, Gebäuden, Bäumen und Sträuchern, wenn man sich ihm, wie ich es getan habe, aus der nördlichen Richtung näherte. Vom Westen dagegen erschien alles kinderleicht: Das Haus entblößte sich am Rande des breiten Pfades, auf dem man in wenigen Schritten schnurstracks die Bushaltestelle erreicht.
Ich nahm nicht zum ersten Mal eine falsche Fährte. Man könnte denken, dass ich dies mit Absicht tue. Aus Angst, es gelinge mir, was ich vorhabe, und ich keinen zweiten, dritten, oder vierten Anlauf brauchen werde. Was für mich eine andere Wirklichkeit bedeutet hätte. Eine Wirklichkeit, in der ich mich nicht auskannte. Unerforscht. Gefährlich! Wie ein unerwarteter Schlag aus dem Nichts. Genauso wie die Zukunft. Die lag doch im Dunkeln. Und in der Dunkelheit lauern Gefahren wie die Monster im verwunschenen Wald. Die Dunkelheit, die ich so sehr fürchtete. Die sumpfige schwarze Masse, die nach dem Ausschalten des Lichts, meinen Mund verstopfte und meinen Atem erstickte.
Pech, sagen dazu nüchterne Optimisten und entschuldigen das Schicksal, das mit uns gar nicht gut meint, was sie jedoch nicht wahrhaben wollen. „Pech“ klingt wie ein Stolper. Belanglos. Ein Steinchen auf dem Weg? Macht nichts. Es werde wieder alles gut. Nicht für mich. Ich erwartete grundsätzlich eher Schwierigkeiten. Die sich selbsterfüllenden Prophezeiungen bestätigten meine Einstellung und bekräftigten mich in meiner Haltung. Die unruhige Schlangenlinie, die ich dabei zeichnete, erlebte ich als eine quälende Routine, deren Zwänge ich akzeptierte.
Hier und jetzt war ich jedoch überfordert, da ich mit keiner normalen Gegend zu tun hatte, auch wenn sich die schmalen Straßen und gewundenen Gassen diesem Wunsch anbiederten. Ich betrat ein verwuscheltes Gebiet mit verwuschelten Menschen.
Die übrige Welt ist freilich genauso von Verrückten bevölkert. Vielleich fällt diese Tatsache lediglich nicht auf den ersten Blick auf. Die Menschen verstecken sich hinter den Fassaden, wie das kleine weiße Haus mit dem roten Dach hinter dem Dickicht. In Wirklichkeit wuschelt es überall. Die überwiegende Mehrheit hat doch einen Knall oder wenigsten eine Schraube locker. Trotzdem bestreiten die Bekloppten nach Belieben ihren Alltag, ungeachtet der Tatsache, dass sie oft nicht ganz beim Verstand oder nicht Herr ihrer Sinne sind. Sie spinnen, drehen durch, flippen aus. Indessen laufen sie frei und gelten generell als normal.
Dann gibt es die anderen Verrückten, die nicht so viel Glück haben, und abgestempelt, angeprangert, gebrandmarkt und weggesperrt werden. Die freilaufenden Irren wollen meist nichts davon wissen. Als ob es sich um eine ansteckende Seuche gehandelt hätte, meiden sie jeglichen Kontakt. Die freilaufenden und die gebrandmarkten Irren entzweien sich wie Licht und Schatten. Dazwischen verläuft eine unsichtbare Grenze, die niemand beim sogenannten gesunden Verstand durchqueren will. Weil die, die es selbst wagen oder dazu genötigt werden, dadurch aus dem normalen Leben ausscheiden. „Normal“ heißt lediglich, dass sich die Mehrheit dafür entschieden hat, etwas so zu betrachten. In einer anderen Zeit könnte das Gegenteil als Norm gelten.
Die eingesperrten unglücklichen Verrückten verflüchtigen sich wie die Geister; lediglich in den Ausnahmefällen schaffen sie eine Rückkehr. Nach außen sickert wenig von den Abgesonderten, auf Vergessen verurteilten. Sie sind das letzte Tabu. Ein Tabu, das Jahrhunderte überdauerte und besteht auch heute. Wieso? Weil es uns Angst einjagt. Eine schreckliche Angst.
Ich betrachtete mich einst als eine rational denkende Person, die auf dem Boden der Tatsachen stand. Auch wenn jene Grundlage manchmal ordentlich wackelte. Ich fand meist eine objektive Erklärung für die unvermuteten Turbulenzen und hielt mich mehr oder weniger krampfhaft an den allgemein herrschenden Vorstellungen fest. Der Alltag schleppte mich dorthin, wo ich eigentlich nicht unbedingt geraten wollte. Meine Abwehr fiel dennoch dürftig aus. Ich spürte bei aller Rationalität die Macht des Unvermeidlichen über mich und mein Schicksal. Damit meinte ich nicht jene in den Sternen festgelegte Vorbestimmtheit. Vielmehr ging es mir um die engen Grenzen, in deren ich mich bewegte. Ich begriff mich als ein Teil des Ganzen - der Umgebung, der Gesellschaft - und richtete mich nach dem Lauf der Dinge und nach den Menschen um mich herum. Ich bemühte mich anzupassen und verstand dies als Ausdruck der Vernunft; ich wollte unbedingt vernünftig sein, und keineswegs impulsiv oder spontan. Derartige Typen wurden misstrauisch und von oben herab beäugt, was mich abschreckte und unausweichlich zum Mittelmaß zurückführte.
Das Mittelmaß mit seinem warmfeuchten Stallgeruch, der aus den Abfällen jeglicher Art entsteht und nur für die Außenstehenden fürchterlich stinkt. Unter sich merkt man gar nichts. Weil alle auf gleiche Art stinken. Nach Scheiße.
Meine Parole lautete: Die Zähne zusammenbeißen und durchhalten. Es klingt nach der Weisheit einer Kuh, die das Durchgekaute schätzt und hinterher läuft. Ich fragte schließlich auch nicht nach der Richtung, sie wurde von den anderen festgelegt. So kommt man ans Ziel, dachte ich. Diese Strategie dient dem Erhalt des Vorhandenen und hat unter dem Namen „Weiter so“ viele Anhänger. Veränderungen setzen sich wesentlich schwieriger durch. Die wenigsten wollen gegen den Strom schwimmen. Wie meine Umgebung bemühte ich mich also tüchtig um das Überleben und erlaubte mir lediglich kleine Träume, die nicht über den Durchschnitt herausragten. Die Enttäuschungen, die mich heimsuchten, taten zwar weh - ab und wann ganz schön heftig –, die Wunden, die sie verursachten, heilten dennoch relativ schnell.
Mein Leben lief wie ein Gebrauchtwagen, eher schlecht als recht, bis es richtig krachte und alles aus den Fugen geriet. Die Katastrophe erwischte mich kalt. Die Anhänger der Weiter-so-Taktik räumen Warnsignale rasch aus dem Blickfeld, auch wenn sie die Zukunft in schwarzen Farben sehen, und beschäftigen sich mit ihnen nicht mal ansatzweise. Daher wirkt ein Schicksalsschlag auf sie dermaßen verheerend.
Die Landschaft des Untergangs hat eigene Gesetze; das Gelernte und Gewöhnliche funktioniert dann logischerweise nicht mehr. Wie in meinem Fall. Zweck und Sinn entglitten mir aus den Händen wie glibberige Fische. Ich hockte verzweifelt rum und sah vor mir eine Wand, sonst nichts. Meine Verzweiflung wuchs rasant, während meine Seele im gleichen Tempo schrumpfte. Ich schöpfte den Verdacht, dass ich noch nie mich selbst, wie ich bin, zugelassen habe. Aus welchem Grund sonst hätte ich mich dermaßen in meinem Leben verirrt?
Tja, jetzt war ich hier. Vor mir erstreckte sich ein unbekanntes Land, das keineswegs lustige Abenteuer und Entdeckungen versprach; jene, die man im Freundeskreis ausführlich nachzeichnen möchte. Niemand aus meinem Umfeld trug jedenfalls derartige Geschichten vor. Ich wollte auch nicht darüber erzählen. Seit meiner vom Arzt nahegelegten und stets verschobenen Entscheidung schämte ich mich vor mir selbst. Über mein Vorhaben verlor ich daher keinen Ton und hoffte, dass ich nicht ertappt werde. In der Arbeit informierte ich lediglich, dass ich demnächst ins Krankenhaus muss und mir keine Fragen wünsche. Bei alledem fühlte ich mich wie eine Verbrecherin, die etwas Gefährliches anleitet. Und wie eine Verbrecherin vergewisserte ich mich zwanghaft, dass mich keine bekannte Visage begleitet auf der Fahrt zum Vorstellungsgespräch in der Klinik für Trauma und Psychotherapie in dem kleinen weißen Haus mit dem roten Dach.
In das Haus trudelte ich nach dem Irren im verwuschelten Labyrinth verschwitzt ein und hechelte die Treppen hoch hinter der gertenschlanken Psychologin, Frau Zunge. Sie zeigte auf einen Stuhl und setzte sich auf der anderen Seite des runden niedrigen Tisches mir gegenüber. Das sonnendurchflutete Licht weichte ihre Gesichtszüge auf. Der Herbst strömte durch das offene Fenster mit allen üblichen Gerüchen und Geräuschen hinein und erschuf eine verspielte und sanfte Kulisse. Drinnen versuchte ich zu erahnen, was mich erwartet.
Nach dem kurzen Herbstauftakt einer unnatürlichen in diesen Umständen Konversation, die auf mich sehr gekünstelt wirkte und die an jedem Ort geführt werden könnte, aber nicht unbedingt hier: der übliche Klatsch klangt wie eine unbeabsichtigte Parodie – „Was für ein schönes Wetter!“, „Immer noch so warm“, „Solch ein sonniger Tag!“, „Die vielen Farben! Entzückend!“, „Die Natur ist der beste Künstler“ -, erzählte ich über meinen wirren Weg zur Klinik. Vielleicht reichte ausschließlich diese Beschreibung, um mich aufzunehmen. Ihre Augen weiteten sich, ihre Mundwinkel verrutschten für eine Sekunde. Ich lachte theatralisch auf, was an eine Hustenattacke erinnerte. Sie ordnete flugs ihre Mimik und schaute mich gütig an, wie eine Psychologin eben es tun sollte, wenn sie einer verzweifelten Kreatur, wie mir, begegnet.
Ich hoffte, dass sie in der Lage wird, meinen Zustand zu erkennen. Meine Augen klebten an ihr und registrierten jeden ihren Wimperschlag. Zustimmung oder Ablehnung? Ich strengte mich an, in diesen zwei Kategorien zu orientieren. Zustimmung. Vielleicht. Ich räusperte mich und fuhr fort. In Erwartung einer Prüfung stolperte ich wiederholt über eigene Worte und sehnte mich nach einem roten Faden, den ich ergreifen und an dem ich mich festhalten könnte.
Was mir einfiel, war peinlich: Ich absolvierte soeben ein Examen für den Status einer Verrückten. Diese Situation eignete sich wunderbar für reißerische Witze. Von außen gesehen. Wer kann sich aber von außen betrachten? Ich war drinnen und spielte mit. Wenn jemand also in mir eine Witzfigur sehen wollte, dann nur eine tieftraurige. Ich verspürte in mir nicht einen Krümel der Heiterkeit. Auch wenn ich meine lächerliche Lage als solche wahrnahm. Und auch dann, wenn ich höfflich mitlachte. Das Lachen besagt doch gar nichts über das Gemüt. Die in der Tiefe verborgenen Quellen der Traurigkeit werden davon nicht betroffen.
Frau Zunge wirkte seriös genug, damit der Eindruck der Zuversicht entsteht. Daran klammerte ich mich fest. Ich wusste doch nichts über sie. Außer, dass sie eine Psychologin ist. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu wittern, ähnlich einem wilden Tier, und blitzschnell zu urteilen, ohne Fakten und Argumenten, ob es von ihr eine Gefahr ausgehe oder nicht. In den wenigen Sekunden, in deren ich in ihren Augen nach wahren Motiven suchte.
Sie tastete sich vorsichtig nach vorne in unserem Gespräch. Selbstverständlich wollte sie wissen, wieso ich mich um einen Platz in der Klinik bewerbe. Ich entfesselte ein Erzählungschaos der bedeutenden und unbedeutenden Ereignisse, ein Chaos, das ich selbst nicht durchblickte. Ich wollte nicht unhöflich wirken und bemühte mich redlich, ausführlich zu antworten.
Frau Zunge lenkte die Unterhaltung auf ruhige Gewässer und hielt sie auf der Oberfläche des Gemeinen. Mittlerweile bildete sie sich im Schnellverfahren ein Urteil über mich.
„Sie passen zu uns“, sagte sie zum Schluss.
Also Zustimmung.
Das ist gut. Dachte ich mir. Währenddessen knurrte es im Bauch.
„Entschuldigung“, flüsterte ich.
„Das war mein Magen“, erklärte sie, ohne mit dem Wimper zu zucken.
So kam ich auf die Warteliste – die Plätze für die Irren reichen bei Weitem nicht aus - und bangte bei jedem Anruf, der mich mit meinem Entschluss konfrontieren sollte. Meine Bewerbung war lediglich ein erster Schritt. Ich wusste gar nicht, was in solch einer Klinik abgeht, und wie ich mich darauf vorbereiten sollte.
Der Anruf erreichte mich völlig unvorbereitet. Das Klingeln vermischte sich mit dem Traum. Ich torkelte wie ein blinder Maulwurf zum Telefon und krächzte in den Hörer. Die Begrüßung verlor sich in den Traumfetzen, ich musste nachfragen. Die geduldige Stimme wiederholte langsam alle Informationen. Am Donnerstag um zehn Uhr sollte ich mich mit dem Gepäck in der Klinik melden.
Es war mein freier Tag, ich plante ihn im Bett zu verbringen und zu schlafen. Nichts mehr wollte ich tun, weil ich zu nichts mehr fähig war und mir nichts mehr vorstellen konnte, als im Schlaf zu versinken, mich dort zu verstecken, dorthin zu flüchten. Vor dem Leben, das mich wie ein ungenießbares Happen rausgespuckt hat, und vor mir selbst, die nicht mehr zu sich fand.
Nach dem Telefonat verflog der Schlaf endgültig und ließ sich nicht mehr zurückholen. Die Aufregung hielt mich wach. Ich ging ins Bad und sinnierte darüber, dass der neue Abschnitt meines Lebens am vierten Tag der Woche beginnt, als ob dieses absolut unwichtige Merkmal eine symbolische Bedeutung hätte.
Am Donnerstagmorgen verließ ich rechtzeitig meine Wohnung mit einem dumpfen Gefühl im Bauch und machte mich mit einem Koffer auf den gleichen Weg. Diesmal war es arschkalt. Das Warten auf den Bus zog sich in die Länge. Ich hüpfte rhythmisch auf der Stelle, ich schlug mit den Stiefeln einander. In der Menge war ich die einzige, die so unruhig wirkte. Froren die anderen denn nicht, oder wollten sie es nur nicht zeigen?
Die Tür fällt ins Schloss. Mein Herz rutscht zugleich in die Tiefe. Ich will flüchten und tue es doch nicht. Es gibt kein Zurück, sage ich mir, beiße meine Lippen und blicke hinaus auf die Gegend hinter dem Fenster. Kahl und trist. Menschenverlassen. Ich realisiere im Nu, dass ich mich fortan auf der anderen, der dunklen, der von der Mehrheit abgelehnten Seite der Welt bewege. Der Gedanke fühlt sich kalt an. Ich friere davon und würde am liebsten weinen. Die Tränen spüre ich in mir, meine Augen bleiben dennoch trocken.
Im noch unbewohnten Zimmer stehen zwei Betten. Ich wähle das linke, etwas versteckt, gepresst zwischen dem Fenster und der Wand, die das Zimmer vom seitlich eingerückten Bad trennt; erst danach schaue ich mich um und staune über die Einrichtung: schwarze Möbel, schwarze Schiebetür zum Bad und drinnen schwarze Wände in Marmoroptik. Gestaltete diese Klinik ein völlig ausgeflippter Patient? Ich protestiere in der ersten Reaktion gegen das unerwartete Ambiente, um mich kurz danach damit anzufreunden und es gleichzeitig originell und verrückt zu finden. Es passt zu meiner Stimmung.
Ich richte mich ein auf dem Platz meiner zukünftigen Bleibe für eine ungewisse Zeit, hole aus dem Gepäck eine Zahnbürste und Latschen heraus und nehme diesen Ort in Besitz. Danach muss ich mich ausruhen; das Neue um mich herum überfordert mich. Es ist fremd und gefährlich, wie eine Felswand, von der man leicht in den Abgrund stürzen kann.
Auf dem Bett liegend erfasse ich die weiße Decke in der Höhe und fühle mich von dem Raum dazwischen erdrückt. Ich drehe mich um und glotze auf die Mauer. Eine breite Lamperie im gedämpften Grün wie die Bettüberwürfe glänzt mit den kühlen Spiegelungen; ein untröstliche Anblick, den ich nicht ertragen kann.
Über dem anderen Bett hängt ein großes Gemälde, ein Portrait. Das idealisierte Gesicht – es könnte das Schneewittchen sein - mit geschlossenen Augen, umrahmt von rötlichen übergroßen Hawaiiblumen. Schneewittchen auf Hawaii, flüstere ich und stehe auf, weil meine innerliche Unruhe im Liegen wächst; es schwingt alles um mich, wie auf einem Schiff. Das Schaukeln hört auf, nachdem ich aufgestanden bin. Die Unruhe nicht.
Ich erforsche das Gemälde aus der Nähe und kann mich nicht entschließen, ob es mich anspricht. Wenigstens drängt es sich nicht auf, trotz seiner Größe. Unerträglich fände ich, wenn Schneewittchen mich angeglotzt hätte. Ihre Augen sind erfreulicherweise geschlossen. Sie schläft oder träumt. Auch wenn sie von keinem großen Künstler erschaffen wurde, nehme ich ihre Existenz wahr. Ich ahne ihren Blick, vor dem ich mich fürchte. Ihre Lider spannen sich, als ob sie ihre Augen öffnen wollte. Damit sie jede meine Bewegung verfolgen könnte. Von ihrem Platz an der Wand fiele ihr leicht mich intensiv zu observieren. Sie wird es aber nicht tun; diese Linie zwischen uns schafft sie nie zu passieren. Ihre Augen sind entkräftet; sie bleiben für immer geschlossen.
Woher kommt meine Furcht vor den auf mich gerichteten Augen? Sie steckt in mir wie angeboren. Womöglich wurzelt sie noch tiefer. Über meine Existenz weit hinaus. Überall auf der Welt schreiben doch Menschen den Augen eine magische Macht zu. Jene Kräfte jagten früher und jagen den Menschen noch heute einen Schreck ein. Wieso eigentlich? Weil Augen mehr verraten, als Masken und Worte? Spiegelt sich in ihnen unsere Seele wider? Sie ziehen uns an oder lehnen uns ab, sie lassen uns erfrieren oder wärmen uns auf. Ihr Feuer zündet unsere Herzen an. Sie versprühen Liebe oder Hass. Auch töten?
Der Glaube, dass sie uns wirklich physisch zerstören können, wie echte Waffen, geht mir zu weit. Die Märchen über die erschreckende vernichtende Energie des bösen Blicks bleiben für mich das, was sie sind, Märchen eben. Gleichzeitig meide ich dennoch Portraits an meinen Wänden und kann mir selbst jene irrationale Vorsichtsmaßnahme nicht erklären. Etwas in mir krallt sich an dem archaischen Aberglaube fest und fürchtet jene Magie, die ebenso die Bilder ausstrahlen, aufgefangen von den Künstlern, der Verrücktheit seit eh und je verdächtigt. Sie fließt mit den Farben in die Darstellung hinein und lässt die gemalten Augen aufleben.
Mein Koffer steht immer noch dort, wo ich ihn hingeworfen habe, vor dem Schrank, als ein Hindernis im Weg. Ich starre ihn an und denke widerwillig, dass ich meine Kleider aufräumen muss, jedes Stück in die Hände nehmen und damit die Ströme der Gedanken lostreten, dieser Gedanken, die doch an den Sachen hängen, wie eine Verwünschung, verwoben mit den Zeiten und Umständen unter deren sie in meinen Besitz gelangten. Jeder Fetzen erzählt alte Geschichten. Das sind mitnichten lustige Erzählungen. Allesamt triefen sie von der Verzweiflung und Traurigkeit. Was ich anfasse, verwandelt sich in Schwermut.
Ich stöhne schwer und gehe in die Hocke. Gleichzeitig öffnet sich die Tür. Eine Schwester befehlt mir die Neurologin Dr. Henze aufzusuchen.
Dr. Henze ist eine Frau um die vierzig. Sie wirkt forsch und zeichnet sich durch hastige, kantige Gesten. Ihre blonden Haare bindet sie zum Pferdeschwanz. Die glatte Frisur passt zu ihrer ganzen Erscheinung. Streng. Ablehnend?
Sie nickt mir zur Begrüßung und kommt gleich zur Sache. Ich solle meinen Oberkörper frei machen. Sie hört rasch mein Herz ab und beordert, den Platz auf dem schmalen Sofa zu nehmen, wo ich wie ein Pferd - diese Assoziation zwingt sich mir auf - mit einem winzigen Hämmerchen an meinen Knien und an den Ellenbogen abgeklopft werde. Genauso müsste die Begutachtung einer Stute ablaufen, die nicht mehr richtig spurt und die man untersuchen muss.
Vor den Pferden habe ich einen gehörigen Respekt. Es sind durchaus edle Tiere, dazu noch groß genug, um mich richtig zu erschrecken. In der Evolution bin ich dennoch weiter. Ich kann sprechen! Auch wenn diese Fähigkeit bei mir nicht selten aussetzt. Es verschlägt mir oft die Sprache aus nichtigen Gründen. Ich stehe dann stumm und gebe keinen Ton von mir. Mein Kopf fühlt sich wie leer gefegt an. Die Angst fließt durch meine Venen und bringt mein Herz zum Rasen. Es schlägt Alarm, dass ich nur schreien will. Ich ersticke an dem nicht geschrienen Schrei.
Dr. Henze weiß aber nichts davon. Wieso redet sie also nicht mit mir und schweigt beharrlich? Ich fühle mich tierisch unwohl und beschämt. Ich schäme mich, halbnackig vor ihr sitzen zu müssen, während sie mich abfertigt.
Mein Blick flüchtet aus dem Zimmer, das mir wie ein Käfig vorkommt, in den kalten Tag hinter dem Fenster. Ich zittere, vor Kälte erfasst, und versuche krampfhaft es zu verbergen. Flüchtig sehe ich sie an, ob sie bemerkt hat, was in mir vorgeht. Ihr Gesicht ist aber für mich verschlossen.
Ihr Spielzeug-Hämmerchen steigert in mir die Angst, in die Lage zu geraten, in der nicht ich selbst, sondern andere über mich entscheiden. Was mit dem Hämmerchen beginnt, endet womöglich in einem Zimmer ohne eine Türklinke. Zuerst Abklopfen, dann rein in die Zwangsjacke! Das Klischee verbildlicht sich in einem Blitz der vorgetäuschten Erkenntnis: So ist es und so kann auch in meinem Fall werden. Einen ersten Schritt zu diesem Szenario habe ich bereits getan, indem ich mich einweisen ließ. In dieser Sekunde begreife ich geschockt die möglichen Konsequenzen meiner Entscheidung. Ich habe mich selbst ausgeliefert!
Ihre Lippen krümmen sich zum Grinsen. Über mich? Mein Verstand sagt: Nein, das würde sie nie tun. Mein Gefühl aber spricht eine andere Sprache. Ihr Grinsen ist für mich ätzend wie eine Schmähung.
Ich will endlich wissen, wie es um mich wirklich steht. Die Frage kann ich nicht selbst beantworten. Zu sehr habe ich mich in mir verloren! Was meinen also Dr. Henze und ihr Hämmerchen über mich?
„Ah, hier bewegt es sich auch“, sagt sie auf einmal.
Was bedeutet das, verdammt? Ist das gut oder schlecht? Ich sei gelenkig, fügt sie noch hinzu. Aus ihrem Mund klingt es wie ein Vorwurf.
Sie verzieht ihre Lippen und notiert etwas hastig auf einem Blatt. War das alles, was sie mir zu sagen hat? Mit ihrem ganzen unnahbaren Wesen grenzt sie sich von mir ab und verschüchtert mich. Sie erschafft eine unüberwindbare Distanz. Von dem anderen Ufer, wo sie steht, führt keine Brücke zu mir.
Ich sitze still und lasse ohne einen Mucks die Untersuchung über mich ergehen. Unterdessen bemerke ich, wie ein Sturm in mir aufzieht. In diesen Tagen werfen mich sogar die kleinsten Kleinigkeiten aus der Bahn. Und das hier ist keine Bagatelle! Es geht um das Ganze! Die Kugel rollt bereits im Kessel der Roulette und rattert über die Schwellen. Was springt zum Schluss für mich heraus? Finde ich meinen Weg, oder gehe ich für immer unter? Vor allem aber befürchte ich, dass Dr. Henze durch das Abklopfen und Abhören etwas wirklich Abscheuliches entdeckte, was in mir auflauert und es nun raus will. Existiert eine schlimmere Angst als die vor sich selbst? Wohin flüchtet man in diesem Fall?
Sie sei mit mir fertig, teilt sie mir knapp mit. „Melden Sie sich bei ihrer Bezugspsychotherapeutin, Frau Schirrmann. Die nächste Tür“, sie lächelt mich schmallippig an und presst ihre Zähne zusammen, dass ihr Kiefer dabei knirscht.
Als ich in das Zimmer hineinplatze, befürchte ich einen weitern Dämpfer. Ein Hauch der Hoffnung, der mich in die Klinik führte, wird jetzt gänzlich verpuffen. Diese Vorahnung schmerzt mit einem tiefen Stich.
