Der schrumpfende Wald - George Henderson - E-Book

Der schrumpfende Wald E-Book

George Henderson

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Beschreibung

Das Varium, ein kostbares und mystisches Element aus einer fernen Welt, entfacht die Begierde mächtiger Nationen. Um die begehrte Belohnung zu erringen, entsenden sie ihre erlesensten Krieger in ein bevorstehendes Turnier. Das neuartige Konzept "Der schrumpfende Wald" vernebelt die Zukunft des Geschehens. Nur eine Nation kann gewinnen und den Respekt anderer erlangen. Doch ein blaublutiges Wesen, geschmiedet aus den Tiefen der Dunkelheit, droht alles zu überschatten. Ferner wurde einer der seltensten Machttränke gestohlen, der seinem Besitzer die Kunst der Schatten verleiht. Die Diebe entpuppen sich als wahre Kabale, die das Ende des Friedens herbeisehnen. Sind die Tage des Lichts bereits gezählt? Das könntet Ihr beantworten, Abenteurer. In einer Welt jenseits von Gut und Böse braucht Ihr Mut, um Euch dem schrumpfenden Wald und der Klinge eines unsichtbaren Feindes entgegenzustellen. Tretet ein, wenn Ihr den Mut habt! - George Henderson, Bibliothekar

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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George Henderson

Der schrumpfende Wald

Roman

Die Geisterklinge

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2025 George Henderson (bürgerlicher Name: Cüneyt Gündoğdu)

1. Auflage 2025

Lektorat: Books on Demand GmbHKorrektorat: Books on Demand GmbHUmschlaggestaltung: Nabin KarnaWeltkarte: BMR Williams

veröffentlicht über Tolino Media GmbH Verlag und verantwortlich für den Inhalt: Cüneyt GündoğduAnschrift: Cüneyt Gündoğdu, c/o F2BII E-Commerce#135, Hintergoldingerstrasse 30, 8638 GoldingenISBN: 978-3-8194-3124-1ISBN E-Book: 978-3-8194-5795-1

Weltkarte – Abendland

Weltkarte – Morgenland

Die souveränen Staaten

DIE KONFÖDERIERTEN STAATEN (gleichnamige Herrscher)

IM WESTEN

König Ertay Norwin – der gewählte König der Konföderation

Lord Raos Aarum – der gewählte Vizekönig, Besitzer des Variums & Gründungsmitglied

Lord Lewent Krennik – der Drachenreiter & Gründungsmitglied

Lord Nuvon Solasar – Anführer von Stämmen im Westen von Tharen

Lord Eronas Galoman – Anführer der jüngsten Nation in der Konföderation

Lord Neytek Norwin – Sohn des Königs & Gründungsmitglied

Lord Xambrial Xerxes – Anführer der Waldmenschen im Westen

Lady Nerea Sawasch – Erbin des gefallenen Imperiums & Gründungsmitglied

IM OSTEN

Lady Gwendara Kleyborn – Herrscherin des größten Handelshauses & Gründungsmitglied

Lord Nevil Parsaff – Oberkommandant der größten Flotte

Lord Yondall Kronus – Anführer der Festungsstadt & Gründungsmitglied

Lord Han Geonis – Clanführer von Novantis & Gründungsmitglied

Lord Orbin Baleron – Anführer der Insel Nachtlichter

DIE FREISTAATEN (gleichnamige Herrscher)

Lord Arayis Venin – Pionier des Wissens

Lord Alanso Granis – Anführer der aufgehenden Sonne

Lady Arsena Valariz – Anführerin der Berg- und Waldmenschen im Osten

Lord Koga Orsini – Erbe des Sklavenvolkes

Lord Avin Oswall – gewählter Herrscher für die Insel Baaros

Begriffe

VÖLKER & ARTEN

Blattfuchs: neue, unbekannte Fuchsart

Brieffalke: schnelle Vogelart für die Überbringung von Botschaften

Drache: fliegende Reptilienart mit Feueratem

Drachenrind: dunkle Weidetiere mit scharfem Fleisch

Eldoraptor: hundeartiger Jäger mit lähmenden Pfeilstacheln

Flammenblüte: leuchtende Blume in feuriger Farbe

Fluribus: kleine, friedliche, blumenartige Kreatur

Glimmerfuchs: domestizierte Fuchsart mit Augen in Gefühlsfarben

Kalwarus: zweibeiniger Pflanzenfresser mit robustem Schädelknochen

Königswolf: steinschuppiger Wolf mit betäubender Fähigkeit

Lilin: verfluchte Königin des Waldes (Sagengestalt)

Lumineskaris: große Pflanzen, die nachts leuchten

Nachtgänger: fleischfressendes Pferd

Nebulith: kugelförmiges Wesen, das Nebel aus seinen Poren erzeugt

Rebos: mystische Raubkatze mit unglaublicher Schnelligkeit und Kraft

Schattenlöwe: dunkle Löwenrasse aus den Regenwäldern

Selorianer: verstoßene Menschenart mit grau-bläulicher Haut

Totentänzer: kleine, scheue Kreaturen, die von Blut im Wasser angezogen werden

Yutonier: Hüter des Wissens und Seelenflüsterer

SONSTIGES

Dynastie-Nachfolge: in den meisten Staaten (Häusern) das älteste Kind

Adelstitel für Nachkömmlinge: Sir (alle Geschlechter)

Wolfgeist: Heißluftballon

Varium: leichtes, hartes Metall aus ferner Welt

Prolog

Unter dem schlafenden Mond warteten sie in einer dunklen Gasse, die von der Stadtwache bewusst gemieden wurde. Mit der Zeit machte sich Unmut unter den ungeduldigen Männern breit.

»Euer Herr scheint es nicht sonderlich eilig zu haben«, knurrte einer der Abenteurer auf dem Platin-Rang Sakreless an. Es war der zweithöchste Rang, den ein Abenteurer erlangen konnte.

Doch der hochgewachsene, schlanke Mann blieb gelassen. »Er ist nicht mein Herr. Aber ich versichere Euch, er wird auftauchen.«

Sakreless hatte zahlreiche wagemutige Abenteurer für einen äußerst verfänglichen Auftrag versammelt und sich damit sein bisher höchstes Honorar verdient – zwanzig Silbermünzen.

Einer von ihnen war Misofin, ein gewiefter Schurke, der sich gerne mit den Taten anderer brüstete. So setzte er seine Prahlerei auch in der Gasse fort. »Meine Herren, jeder, der Angst hat, darf gehen. Feiglinge halten uns sowieso nur auf. Und außerdem bleibt dann mehr für mich übrig.«

»Der schwarzglänzende Krieger, mal wieder. Hat Eure Klinge jemals geklirrt oder Blut gekostet?« Valensia hatte sein Gerede in der Taverne schon nicht ertragen können. Ohne Einhalt würde sie ihm vor aller Augen die Zunge herausreißen.

»Eine Wanderin ohne Manieren. Es ist mir ein Rätsel, wieso Ihr Euer Haupt noch tragt«, konterte Misofin grinsend.

Bevor sie ihn angriff, tauchte plötzlich im Schatten eine vermummte Gestalt auf.

»Lasst diesen Unsinn. Er ist hier. Wie ich versprochen habe«, ging Sakreless dazwischen.

Alle Augen richteten sich auf den mysteriösen Auftraggeber, der nun einen Schritt näher trat.

»Seid Ihr zufrieden?«, brummte Sakreless leise.

Als der Mann seinen Umhang ein wenig beiseiteschob, konnte man an einigen Stellen das Licht der Fackeln auf seiner Rüstung reflektieren sehen. Sein Gesicht war von einer dunklen Maske mit rätselhaften Verzierungen verdeckt, was für Misstrauen unter den Abenteuern sorgte.

Er nickte bloß und übergab Sakreless einen Beutel voller Münzen.

»Das«, Sakreless starrte auf den Beutel in seiner Hand, konnte seine Gefühle kaum im Zaum halten, »das sind viele Goldmünzen.«

»Was ist nun der Auftrag?«, fragte Misofin gelangweilt.

»Ein Überfall auf einen Geleitzug«, antwortete Sakreless. Seine Stimme klang, als würde er schmunzeln.

»Ein Überfall? Ist das Euer Ernst? So viele Männer für einen simplen Überfall?« Misofin war empört, mit ihm noch einige andere.

Valensia schüttelte den Kopf. »Lasst ihn doch zu Ende reden.«

Und der Vermittler fuhr fort, während der Auftraggeber nur stumm dastand: »Ihr, meine Lieben, überfallt den Geleitzug von Lord Aarum. Der arrogante Herr aus dem Norden hat beschlossen, Variumkristalle für das kommende Turnier mitzunehmen. Bestehlt den reichen Mann und werdet selbst zu einem!«

Schlagartig waren alle still und dachten über die Worte nach. Das Unterfangen klang wie ein Selbstmordkommando, doch für so viel Geld würden die meisten Anwesenden ihre eigene Familie töten.

Valensia jedoch verließ wortlos die Gruppe.

»Ein Feigling weniger«, dachte Misofin laut und wandte sich zu ihrem Auftraggeber um. »Es herrscht ein Ungleichgewicht zwischen dem, was wir für Euch riskieren, und dem, was Ihr uns anbietet. Wir sollen die Beute ja schließlich unter uns aufteilen. Fünfzig Goldmünzen. Und die Hälfte wollen wir im Voraus.« Mit fester Miene blickte er in die Augen des Namenlosen.

Nach einem Augenblick Zögern überreichte dieser Sakreless widerwillig einen weiteren Beutel voller Münzen.

»Ihr scheint wohl eine ganze Menge zu besitzen. Was Ihr wohl sonst noch so dabeihabt?«, brummte Misofin nun. Er und einige Männer griffen bereits nach ihren Waffen, als plötzlich hinter dem mysteriösen Auftraggeber zwei weitere Gestalten auftauchten – eine Frau und ein Mann, beide bis an die Zähne bewaffnet.

Die Frau war schlank und hochgewachsen, ihr kurzes, silbernes Haar fiel auf ihre Schultern wie ein schimmernder Wasserfall. Sie trug eine edle, dunkle Rüstung, die an einigen Stellen ihre schattenhaft-graue Haut betonte. In ihrer Hand hielt sie eine gezackte Klinge und ihre rosa leuchtenden Augen musterten die Abenteurer.

Der Mann war nicht minder beeindruckend. Seine goldenen Augen strahlten wie zwei Sterne und sein Körper schien von einem dunklen Schleier umgeben zu sein. Sein Schwert leuchtete genauso wie seine Augen und schien zu brennen.

Sie dienten als Leibgarde und würden dafür sorgen, dass niemand es wagte, ihren Auftraggeber zu überfallen. Die Abenteurer verstanden nun, dass sie es hier mit einer Macht zu tun hatten, der sie nicht gewachsen waren.

»Ist hier noch jemand unzufrieden?«, fragte Sakreless in die Runde.

Alle schwiegen.

»Nun gut. Kehren wir zur Taverne zurück. Die erste Runde geht auf mich«, entschied Sakreless und wandte sich um.

Misofin folgte ihm als Erster.

Im Gehen wandte sich Sakreless noch einmal an ihren Auftraggeber: »Ich werde Euch benachrichtigen, sobald …« Er verstummte abrupt, nachdem er sich zum Namenlosen umgedreht hatte. Die drei rätselhaften Gestalten waren im Schatten der Nacht verschwunden.

Die Lords von Tharen

1 – Tharen

Zwei Halbmonde und Tausende Sterne erhellten die Nacht. Ein warmer Wind wehte über den sagenumwobenen Drachenberghang. Auf der schier unendlichen Wiese wurde das Feuer mit Brennholz gefüttert. Es knisterte und verschlang alles, was ihm zu nahe kam. Aus der Ferne schallten die Stimmen und das Gelächter der Festgesellschaft in der Stadt. Durch die auflodernden Fackeln waren sie mit bloßem Auge gerade noch zu erkennen.

Raos starrte in die Nacht und schwieg. An seiner Seite war der Gastgeber, sein bester Freund Lewent Krennik, der Drachenlord höchstpersönlich.

»Raos, woran denkst du?«, erkundigte sich sein bester Freund und sah ihn fragend an.

Raos Aarum, Lord von Goldenstein, war ein gutaussehender Mann mittleren Alters. Seine rötlichbraunen Haare und sein mittellanger, gepflegter Bart waren typische Merkmale aus seiner Heimat. Der Schein des Feuers ließ seine noble Aura förmlich strahlen. Er war in Gedanken vertieft und schreckte nun hoch. »Nichts. Es ist so schön hier. Ich sollte mich öfter hier blicken lassen.« Er sah in die Flammen und schwieg für einen Augenblick. »Es tut mir leid. Ich habe deine Gesellschaft sehr vermisst, aber meine Gedanken kreisen ständig um das bevorstehende Turnier«, fügte er schließlich erklärend hinzu. Er hatte Bedenken wegen dem, was er getan hatte.

»Oh ja, geht mir auch so.« Mit einem Lächeln erhob Lewent seinen Kelch. »Auf den Wettkampf!«

»Auf den Wettkampf!«, erwiderte Raos und ihre vergoldeten Kelche klirrten. Er trank einen tiefen Schluck vom honigsüßen Met und blickte in die Ferne. Dann sah Raos wieder seinen Freund an. Lewent war etwa ein Jahrzehnt älter und hatte nach wie vor eine stämmige Statur. Sein Haar war kürzer als sein eigenes, sein Bart noch kürzer. Beides ergraute langsam, was von seiner Lebenserfahrung zeugte. »Verrate mir, welche deiner Ritter haben die Ehre, für dich zu kämpfen?«

»Sir Adnan Borum und Sir Beyn Eris. Welche sind deine?«, antwortete Lewent stolz.

»In diesem Turnier ziehe ich andere Karten. Die Ära der Ritter neigt sich dem Ende zu. Stattdessen werde ich meine Goldadler aus den Spezialkräften ins Feld führen. Ihre Stärke und Geschicklichkeit übertreffen bei Weitem die der Ritter. Zudem beherrschen sie eine neue Kampfkunst, die jene der alten Garde weit übertrifft«, antwortete Raos, trank den letzten Schluck aus seinem Kelch und stellte ihn zufrieden beiseite.

»Erfreulich zu vernehmen. Ich hätte gern das Gleiche getan. Nur sind meine Elitesoldaten bei Weitem nicht so talentiert wie deine«, entgegnete Lewent mit einem Hauch Frustration, während er sich an die letzte Übungsschlacht erinnerte.

»Sie brauchen einen besseren Lehrmeister.«

»Was?«, irritiert sah Lewent Raos an.

»Das ist die nackte Wahrheit. Meine Ausbildung ist weitaus anspruchsvoller und feiner.«

Lewent begann herzhaft zu lachen. »Oh nein, mein Freund. Dieses Mal obsiege ich. Du hast es wohl noch nicht bemerkt, aber Sir Adnan und Sir Beyn sind erstaunliche Schwertmeister. Geduldig und entschlossen werden sie einen nach dem anderen niederstrecken«, verkündete er voller Zuversicht.

Raos lächelte mild. »Ich möchte dir nicht widersprechen. Hauptsache, der Sieg verbleibt bei einem von uns. Dann …«

»Keine Sorge«, unterbrach ihn Lewent. »Unser Vorhaben ist einzigartig. Sie werden nicht den Hauch einer Chance gegen uns haben.«

»Ja, dieser Sieg ist unser Schicksal«, stimmte ihm Raos zu.

Beide wussten nur wenig über das bevorstehende Turnier. Alle Geheimnisse waren sorgfältig vor der Welt verborgen worden. Also tauschten sie ein letztes Mal all ihr Wissen aus, um sich bestmöglich darauf vorbereiten zu können. Dabei vergaßen sie die Zeit und kehrten erst spät nach Drachenstein zurück. Zu jener Festung in der gleichnamigen Hauptstadt des fabelhaften Landes, die teils Züge eines Schlosses aufwies, wie die meisten Anwesen des hohen Adels auf der ganzen Welt.

Raos kleidete sich für das kommende Festmahl in prächtige Gewänder, die ihm sein Gastgeber und bester Freund Lewent bei seiner Ankunft geschenkt hatte. Über seine Schultern legte er einen Umhang aus schwerem Samt in tiefroter Farbe, dessen Saum mit goldenen Ornamenten verziert war. Die Robe fiel elegant über seinen Rücken und verlieh ihm eine königliche Aura – genau das, was einem ernannten Vizekönig der Konföderation gebührte. Er fand es etwas übertrieben, wollte jedoch seinen Gastgeber nicht kränken.

Auch seine Gemahlin Selenay Aarum war nicht minder prächtig gekleidet in ein elegantes weinrotes Kleid. Trotz ihres höheren Alters hatte sie immer noch ein jugendlich wirkendes, hübsches Gesicht. Ein bescheidenes Diadem aus Silber zierte ihr blondes Haar.

Raos erstarrte vor ihren strahlend grünen Augen und ihrem bezaubernden Lächeln.

»Gehen wir?«, fragte Selenay.

Er bot ihr seinen Arm an und gemeinsam begaben sie sich zum Bankett. Sie nahmen gegenüber dem Gastgeber Platz und die Feier begann rasch.

In der großen Festmahlhalle der Burg Drachenstein tranken, schmausten und feierten Adlige und hochdekorierte Soldaten ein letztes Mal gemeinsam, bevor die lange Reise begann.

Raos schlug seinen leeren Kelch auf den Tisch. »Gewonnen. Du lässt nach, mein Freund.«

Lewent schenkte nochmals nach und schmunzelte glücklich. »Du willst mir keinen Sieg gönnen, was?«

Raos lachte und blickte dann zu den beiden Rittern Sir Adnan und Sir Beyn hinüber. Sie versuchten großspurig, die Hofdamen mit ihrer Teilnahme am königlichen Turnier zu verführen.

»Raos, was denkst du?« Lewent zeigte zu seiner Tochter Asya, die sich gerade mit Raos’ Sohn unterhielt.

Malik hing förmlich an ihren Lippen. Es war eine Freundschaft, die sich in den vergangenen Jahren zu etwas mehr entwickelt hatte.

Doch laute Stimmen lenkten ihre Aufmerksamkeit vom jungen Paar ab. Einige Offiziere des Gastgebers sangen stimmgewaltig das Lied von Haus Krennik: »Die Meister des Himmels«.

Über den Himmeln weit und breit,

Drachenmeister, voller Stolz und Heiterkeit.

Flechten stark das Band so klar,

Zwischen Himmel und Erde, wunderbar.

Raos war begeistert und küsste vor Glück die Wange seiner Frau, die sich mit Aleria Krennik, der Lady des Gastgeberhauses, unterhielt. Aleria war so groß wie ihr Gemahl. Ihr langes schwarzes Haar bildete einen auffallenden Kontrast zu ihrem weiß-roten Kleid, den Farben des Hauses Krennik. Wahrhaftig war sie mit dem Silberschmuck auf ihrer Stirn die prächtigste Dame im Raum.

An diesem Abend vergaßen alle ihre Sorgen und genossen das Leben. Erst als die Sonne am nächsten Morgen aufging, begaben sich auch die Letzten zu Bett. Die Nachwehen des übermäßigen Feierns würden sie sicher einen Tag lang spüren.

Beim Adelshof von Drachenstein versammelten sich die Turnierkämpfer und ihre Anführer Raos und Lewent. Der Hof war weitläufig und mit sorgfältig angelegten Blumenbeeten gesäumt, die in kräftigen Farben blühten und von niedrigen, perfekt gestutzten Hecken eingerahmt wurden. Die Sonne spiegelte sich auf den polierten Pflastersteinen der breiten, offenen Fläche, die eigens dafür geschaffen worden war, königliche Empfänge und Duelle gleichermaßen auszutragen. Die Gärtner und Leibwachen hatten sich diskret zurückgezogen und blieben außerhalb der Sichtweite. Sie wussten, dass es ihre Aufgabe war, die Ruhe und Konzentration der Kämpfer nicht zu stören.

»Herrlich, nicht wahr?«, fragte Raos begeistert seinen alten Freund.

»Wunderschön«, stimmte Lewent ihm bei und beobachtete die Wettkampfteilnehmer aus Goldenstein. »Du hattest recht. So eindrucksvoll, wie deine Kämpfer ihre Klingen führen, wird das Haus Aarum den Sieg nach Hause holen.« Bewundernd betrachtete er die Waffen der Goldadler. Ein langer, von Goldintarsien verzierter Griff war auf beiden Seiten mit handbreiten dunklen Klingen ausgestattet. Auf jeder Seite war eine unscharfe Kante, sodass der Führer dieser wunderbaren Waffe mit der Hand Druck ausüben konnte. Die Männer schwangen die Schwerter, als wären sie federleicht. Das lag am außergewöhnlichen Material aus den Weiten des Himmels: Varium, dessen alleiniger Besitzer das Haus Aarum war.

»Die Waffen sind in der Tat höchst beeindruckend«, machte Lewent seinem Freund ein Kompliment. Egal, wie oft er solche Schwerter in Aktion sah, er gewöhnte sich nicht an ihren Anblick, so unwirklich erschienen sie ihm.

»Leider hat das seinen Preis. Ich habe die gesamte Konföderation nach den besten Schmieden und den heißesten Schmelzöfen durchsucht und wurde freilich nicht fündig. Es ist mir ein Rätsel, wie es Lord Venin geschafft hat, eine Schmiedekunst zu entwickeln, um gleich in Massen die Variumkristalle zu verarbeiten. Wohlan, genau wegen dieser Kristalle hat er sich besonders akribisch auf das Turnier vorbereitet«, offenbarte Raos ein kleines Geheimnis. Mit stolzem Blick bewunderte er seine Kämpfer.

»Das hätte ich an seiner Stelle auch getan. Im Übrigen, das Erforschen ist nicht nur Lord Venin vergönnt. Unsere Kämpfer in den Bergen zu drillen, ist ein ausgeklügelter Schachzug von dir. Sie werden mühelos zu viert einen nach dem anderen neutralisieren. Während die Feinde von Atemzug zu Atemzug müder werden, finden unsere Kämpfer gerade erst zur Bestform. Wie hast du das entdeckt?«

Raos investierte viel in die Ausbildung seiner Männer, so ließ er auch gerne Einheiten rotieren. »Ein aufmerksamer Offizier hat bei den üblichen Übungen festgestellt, dass die frisch eingetroffenen Einheiten aus den Bergregionen wesentlich fitter waren. Die Landesuniversität Tahren ist dabei, die Gründe zu erforschen. Wohlan, ich frage mich, welch majestätische Ausstattung die Kampfarena dieses Mal haben wird. Es heißt, ihre Kampffläche wurde verdoppelt und mit vielen Hindernissen versehen. Es erwarten uns spannende Kämpfe von unvorstellbarem Ausmaß.«

Lewent stimmte ihm schweigend zu.

»Wollen wir unsere Krieger gegeneinander antreten lassen? Voller Einsatz mit Übungswaffen?«, fragte Raos nach einigen Momenten Stille.

Lewent willigte ein.

Sofort stellten sich seine Ritter Sir Adnan und Sir Beyn vor den zwei Goldadlern von Raos auf. Die silbernen Rüstungen glänzten im Sonnenlicht wie Mond am Nachthimmel. Die roten Linien funkelten, aber die Männer trugen keine Helme, wie Raos irritiert feststellte. Die Panzerung war auf Schnelligkeit abgestimmt worden, was auf Kosten von Schutz ging. Beide hielten ein langes Holzschwert in den Händen.

In ihrem Blick erkannte Lewent Nervosität. Kein Wunder. Ihre um einen Kopf größeren Gegner trugen eine rot-goldene, Angst einflößende Ganzkörperrüstung. Die Rüstungen der Goldadler waren offensichtlich erheblich stärker gepanzert, aber dank einer klugen Bauweise waren sie leichter, als es den Anschein machte. Allerdings vermochte nicht jeder Soldat, darin zu rennen. Dazu bedurfte es großer Disziplin und vielen Schweißes. Die Brustpanzerung bestand aus mehreren zusammengeschmiedeten Teilen und war mit Ornamenten und Symbolen geschmückt. Selbst der Nacken war mit einem Metallkragen geschützt. Ihre Waffen waren für die Übungszwecke durch ebenso höchst beeindruckende Holzschwerter in Doppelklingenform ersetzt worden.

Lewent gab mit einer knappen Geste das Zeichen zum Beginn des Kampfes. Zusammen mit seinem Freund trat er einige Schritte zurück und verfolgte das Geschehen mit scharfem Blick.

Der Kampf begann ohne weitere Umschweife. Sir Adnan, ein streitsüchtiger Krieger, ging sofort auf einen der Goldadler los, während Sir Beyn, ein geduldiger Vollstrecker, seinen Gegner abwartend studierte. Die Goldadler waren jedoch nicht leicht zu erfassen. Sie bewegten sich geschickt und schnell, sodass Sir Adnan ins Leere schlug. Im Gegenzug setzte einer der Goldadler einen präzisen Schlag gegen Sir Adnans Bein und zwang ihn, ein Knie zu beugen.

Sir Beyn hatte sich inzwischen auf seinen Gegner eingestellt und konnte einem Angriff ausweichen. Er konterte mit einem schnellen Schlag gegen den Goldadler, der jedoch ebenfalls auswich. Die beiden Kämpfer umkreisten einander und tauschten schnelle Schläge aus, ohne dass einer von ihnen einen entscheidenden Treffer landen konnte.

Währenddessen erhob sich Sir Adnan und griff erneut den Goldadler an, der ihn zuvor getroffen hatte. Seine Schläge waren wütend und ungestüm, doch der Goldadler wich geschickt aus und konterte mit präzisen Hieben. Die Treffer ließen Sir Adnan jedoch nicht aufgeben. Er kämpfte vehement weiter.

In der Zwischenzeit wurde Sir Beyn von seinem Gegner in die Enge getrieben und fiel nach einem harten Treffer zu Boden, wo er keuchend liegenblieb.

Schließlich kam es zum Entscheidungskampf zwischen Sir Adnan und dem ersten Goldadler. In einem letzten wütenden Angriff gelang es Sir Adnan, seinem Gegner die Übungswaffe aus der Hand zu schlagen. Der Goldadler gab sich jedoch nicht geschlagen und stürzte sich auf Sir Adnan, um ihn mit einem waghalsigen Griff zu Boden zu reißen. Beide Kämpfer rollten im Staub, während sie versuchten, den anderen zu überwältigen. Als der zweite Goldadler dem ersten zu Hilfe eilte, trat er mit dem Knie gegen den Kopf des Ritters, wodurch er vorerst orientierungslos am Boden liegen blieb.

Sir Adnan griff sich an den Kopf und hämmerte dann mehrmals hart mit den Händen auf den Boden. »Diese dreckigen Maden! Ich reiße Euch die Augen raus!«, brüllte er.

Hastig standen beide Ritter wieder auf und gingen unbewaffnet auf die Goldadler los. Ein hitziger Faustkampf entfachte.

Lord Krennik eilte dazwischen und trennte die Streithähne. »Haltet ein! Solch eine Widrigkeit demütigt das Ansehen unseres Hauses«, knurrte er laut.

»Sie haben die Regeln verletzt und gehören nun mit den gleichen Schmerzen bestraft«, brüllte Sir Adnan, erzürnt über die Goldadler.

»Es reicht. Ihr beide zieht nun von dannen.«

Sir Adnan strich sich die langen Haare aus dem Gesicht und unterdrückte seine Wut. »Ach, der Tod wird euch noch früh genug holen kommen.« Er spuckte auf den Boden, direkt vor die Füße der Goldadler, und entfernte sich. Sir Beyn folgte ihm.

»Helme ab, Krieger. Stellt Euch vor!«, forderte Lewent sie nun auf. Nur ihre Augen, Nase und Mund waren zu sehen. Zur besseren Orientierung waren die Helme zusätzlich mit vielen kleinen Löchern an den Ohren versehen.

Die Goldadler leisteten dem Befehl Folge und näherten sich dem Lord. Der Größere der beiden antwortete: »Mylord, meine Wenigkeit trägt den Namen Fendryl Verum und mein Gefährte hört auf den Namen Neyat Saurum.«

»Dann seid Ihr aus dem Nordwesten von Osirin, wie Sir Adnan, den Ihr gerade eben kennengelernt habt?«

»Das ist korrekt, Mylord. Wir stammen aus einer kleinen Stadt namens Esteran.«

»Interessant. Ihr habt gut gekämpft. Viel Glück in der Kampfarena.«

»Danke, Mylord.« Die beiden Krieger verneigten sich, setzten ihre Helme auf und kehrten zu ihren Truppen zurück.

»Raos, ich möchte dir etwas zeigen«, wandte sich Lewent nun seinem noblen Gast zu.

Sie gingen, stiegen in eine Kutsche ein und zogen beide einen dicken Fellmantel über, weil der Weg nach oben in die Kälte führte. Nach einer Weile, am Ende einer langen Straße, stiegen sie wieder aus. Schulter an Schulter marschierten die Lords zur Kaserne in der Nähe des inaktiven Vulkans. Die Sonne stand mittlerweile tief am Horizont. Der Himmel war leicht bewölkt und nahm allmählich die Farben der Dämmerung an. Der Weg zur Kaserne war steil und uneben. Nach unzähligen Schritten erreichten sie ihr Ziel.

»Das nächste Mal«, Raos rang nach Luft, »nehmen wir die Drachen.»

Kaum war das Wort »Drachen« gefallen, schwebten fünf Drachen in Keilformation über seinem Kopf dahin und hielten Kurs auf die tiefgezogene Öffnung des Vulkans.

Auf dieser Höhe wehte ein frischerer Wind, zu kühl für Raos’ Geschmack. Er zitterte, da er wärmere Gefilde gewohnt war. Trotz seiner langen Freundschaft mit Lewent hatte er nie die Gelegenheit dazu bekommen, diesen Ort zu besuchen. Er schwieg fasziniert und betrachtete die Landschaft kommentarlos.

Die Gegend war steinig und nur wenigen Pflanzen gelang es, unter diesen Bedingungen zu leben. Von hier aus war die Bergkette besser zu sehen – sie gab ihm das Gefühl, nur noch einen Schritt vom Himmel entfernt zu sein. Die fliegenden Drachen verliehen diesem Ort eine beinahe mystische Atmosphäre.

Der älteste der Drachen landete majestätisch direkt vor ihren Füßen. Seine mächtigen Flügel schlugen dumpf und schwer, ein tiefes Dröhnen erfüllte die Luft. Der Boden erzitterte leicht unter seinem Aufprall, und ein Hauch von Schwefel und Asche stieg mit dem Wind auf, drängend und unübersehbar. Er war dreimal so groß wie ein ausgewachsener Elefant und der größte aller Drachen. Sein rötlicher Körper und die gelben Augen waren die Farben von Haus Aarum. Sein Kopf war fast so groß wie ein Mensch. Die Flügel, im Vergleich zum Körper enorm groß, verliehen ihm eine beeindruckende Präsenz. Nur dem Lord des Hauses Krennik war es erlaubt, mit ihm über den Himmel zu reiten. Doch dies geschah nur auf seinen eigenen Wunsch hin. Als Alphatier der Drachen war er überaus eigensinnig.

»Ich habe seinen Namen vergessen. Kannst du ihn mir nochmals verraten?« Raos sah zum großen Drachen und bewunderte ihn ehrfürchtig.

»Wir nennen ihn Narloff. Komm, wir fliegen zu ihrem Nest. Vielleicht siehst du bekannte Gesichter.«

Raos konnte es kaum fassen, als er nur wenig später zum ersten Mal sattellos auf dem Rücken eines Drachen saß. Er zog dicke Handschuhe an und hielt sich am Dornfortsatz fest. Direkt vor ihm saß Lewent.

Narloff breitete seine gewaltigen Flügel aus und erhob sich in die Lüfte. Raos spürte ein Kribbeln im Bauch, als sie im nächsten Moment durch die Luft jagten, kurz tiefer, dann höher und höher. Schnell wurde die Erde unter ihnen kleiner. Die anfängliche Euphorie verblasste und die Höhenangst packte ihn. Seine Finger krampften sich um den Rückenkamm des Drachen, während er tapfer versuchte, seine Furcht zu unterdrücken und das unglaubliche Gefühl des Fliegens zu genießen.

Sie passierten die schmale Öffnung des Vulkans. Die schwüle, heiße Luft im Inneren lastete schwer auf Raos’ Lungen. Die vierbeinigen Drachen fühlten sich in warmer Umgebung wohl, daher erwärmten sie das sonst so kalte Innere des Kraters gelegentlich mit ihrem Feueratem. Unsanft landeten sie auf einem ebenen Boden. Raos konnte sich gerade noch so am Drachen festhalten und damit ein unangenehmes Aufsehen umgehen. Rasch drang ihm der Geruch von gebratenem Fleisch in die Nase. Die Drachen hatten kürzlich ein paar Schafe gefressen.

Sie stiegen vom Rücken des Drachen ab und gingen zu den Drachenjungtieren, die in der östlichen Ecke mit ihrer Mutter spielten. Im Gegensatz zu den anderen Drachen spien die Jungen blaue Flammen. Sie waren etwa vier Fuß lang, flink und ausgelassen und flogen kreuz und quer durch die Höhle. Als sie die Lords entdeckten, glitten sie im Sturzflug auf sie zu. Im letzten Moment spannten sie ihre Flügel an, bremsten ab und schwebten dann auf Augenhöhe.

»Ihre entzückende Erscheinung ist unübertroffen«, bemerkte Raos fasziniert und streckte vorsichtig seine Hand aus. Ohne dass er eines der Jungtiere berühren konnte, wichen sie zur Seite aus.

»Mit Vorsicht behandeln, Raos. Sie respektieren mich selten und Fremde schon gar nicht«, ermahnte Lewent ihn eindringlich. Er stand direkt neben seinem Drachen, einen Schritt hinter Raos. Narloff schmiegte sich an seine Hand, als er ihn sanft am Kinn berührte.

Raos erspähte einen ihm vertrauten Drachen. »Willst du mich etwa herausfordern? Ein Flugrennen. Du gegen mich. Ich möchte mit Garwess fliegen«, sagte er lachend zu seinem Freund. Garwess war seine allererste Bekanntschaft mit einem Drachen.

»Du hast wohl den Verstand verloren«, schmunzelte Lewent. »Aber wie du willst, mein törichter Freund. Ein Kunstflug wird dich auf den Boden der Realität zurückbringen.«

Nachdem Lewent die beiden erwachsenen Drachen gesattelt hatte, schwangen sie sich auf ihre Rücken und schossen wie Pfeile aus dem Vulkan hinaus.

Die unheimliche Beschleunigung ließ Raos’ Herz rasen, während die Drachen ihren vertikalen Flug weiter bis zur unteren Wolkendecke fortsetzten. Er verfluchte sich innerlich. Wieso musste ich so etwas Törichtes sagen?

Lewent hingegen sah mit einem breiten Grinsen zu ihm hinüber. »Ich hätte die Wette annehmen sollen.« Aber dein Blick ist Gold wert, ging es ihm belustigt durch den Kopf.

Raos ignorierte ihn.

Die Drachen schwebten inzwischen unter der Wolkendecke. Beim Allmächtigen, ist das kalt!, dachte Raos. Er riskierte einen Blick nach unten und der Ausblick faszinierte ihn. Alles war so winzig klein. Er konnte gerade noch die Umrisse der Gebäude erkennen. Der Vulkan hingegen machte einen finsteren Eindruck, als wäre er lebendig. Ein alles verschlingendes riesiges Maul.

»Ist bei dir alles in Ordnung, mein Freund?«, erkundigte sich Lewent, der Raos’ Unbehagen bemerkt hatte.

»Ja, Garwess ist fantastisch.« Raos streichelte sanft den Drachen.

»Willst du noch mehr sehen? Das war erst der Anfang«, rief Lewent, glücklich, endlich mit seinem besten Freund zu fliegen.

»Noch mehr?«, rief Raos zurück, die Hände fest um die Halterung am Sattel.

»Ja, Raos, viel mehr.« Lewent machte mit einem Arm eine ausladende Bewegung, während Narloff direkt neben Garwess dahinglitt.

Wolkenfetzen trieben zwischen ihnen. Die Männer sahen sich an. Raos nickte.

»Dann halte dich sehr gut fest. Nun erwartet uns ein Kunst- und Sturzflug«, rief Lewent.

»Kunstflug? Sturzflug?« Raos konnte es nicht fassen.

Lewent machte es bereits vor und Raos sah ihm entsetzt hinterher. Zuerst ließ sich der Drache rückwärts fallen und leitete dann einen kurzen Sturzflug ein.

Beim Himmel!, dachte Raos erschrocken.

Danach flogen sein Freund und Narloff vertikal im Kreis.

Das muss wohl der Kunstflug sein, stellte Raos fest.

Zuletzt legte der Drache die Flügel an und raste förmlich gen Boden.

Raos’ Herz pochte jetzt noch stärker. Schon spürte er, wie sich Garwess nach hinten fallen ließ. »Oh nein. Oh nein. Oh neeein!«, keuchte er auf. Zuerst kam der kurze Sturzflug. Durch die Beschleunigung schien er förmlich in der Luft zu schweben. Er umklammerte jetzt panisch den Dornfortsatz des Drachen und presste seine Füße fester in die Steigbügel und seine Beine gegen Garwess’ Körper. Danach folgte der Kunstflug. Durch die rasante Geschwindigkeit wurde er unsanft gegen den Rücken des Drachen gedrückt. Bloß nicht hinabstürzen, dachte er mit weit geöffneten Augen, als er kopfüber in den Abgrund blickte. Doch nun kam das große Finale. Garwess legte die Flügel an und sie stürzten rasant gen Boden. Raos konnte kaum nach vorne blicken, so heftig stürmt ihm der Wind in die Augen. Am Ende breitete der Drache wieder seine Flügel aus und bremste stark ab. Sanft landete er neben Lord Krennik und Narloff. Sie waren wieder in der Nähe von Drachenstein.

Raos brauchte einen Moment, holte Luft, dann sah er seinen Freund an, der ihm abwartend entgegenlächelte.

Sie stiegen ab. Als Raos wieder festen Boden unter den Füßen hatte, spürte er seine weichen Knie. Er atmete aus und trat zu Lewent. »Das war gefährlich«, klagte er und stützte sich noch für einen Moment am Drachen ab, der zufrieden schnaubte.

»Nach ein paar Wiederholungen wird es erträglicher.« Lewent zuckte mit den Achseln.

»Verrückter Lord, du! Nicht heute«, brummte Raos und winkte ab.

Lewent grinste jetzt noch breiter. So einen amüsanten Tag hatte er seit geraumer Zeit nicht mehr gehabt.

Selenay Aarum befand sich in Begleitung ihrer Leibwächter in der frühen Morgendämmerung des nächsten Tages im Hofe von Drachenstein, als der Briefmeister ihr eine kleine Schriftrolle übergab. Die Nachricht aus Goldenstein erreichte sie überraschend. Der Bote, ein schwefelgelber Brieffalke mit schwarzen Flecken, hatte die dringende Botschaft schneller als eine Brieftaube überbracht. Er saß jetzt auf dem dicken Lederhandschuh des Briefmeisters und verschlang ein totes Küken. Falken dieser Rasse waren schwer einzufangen und noch schwerer zu züchten. Dass dieses Tier der Bote war, bedeutete nichts Gutes, und die Botschaft war nur für die Augen des hohen Adels bestimmt.

Sie waren allein im Hof, also brach sie gleich das Siegel und las:

Meine liebe Tochter!

Ich habe leider eine traurige Nachricht für dich. Der Zustand deines Vaters hat sich drastisch verschlechtert. Die Krankheit raubt ihm seine Lebenskraft. Lange wird er das nicht mehr durchstehen können. Kehre eilends nach Goldenstein zurück, um dich von ihm verabschieden zu können.

Lady Tessera Sakar

»Wann ist das eingetroffen?«, fragte Selenay mit brüchiger Stimme und sah zum Briefmeister.

»Gerade eben, Mylady.«

Selenay blickte zu ihren Leibwächtern. »Bereitet unverzüglich meine Rückreise vor.«

»Zu Befehl.« Die Wächter leisteten der Anweisung sofort Folge.

Selenay setzte sich auf den Rand des Zierbrunnens im Hof und nickte dem Briefmeister zu, dass er sich entfernen dürfe. Der Mann nickte zurück und ging mit dem Falken fort.

Sie atmete tief ein, um danach wieder auszuatmen. Das wiederholte sie so lange, bis sie wieder die Kontrolle über ihre Gefühle hatte. Dann eilte sie ins Gästezimmer und fand im Bett ihren noch schlafenden Ehemann vor. Sie rüttelte ihn wach. »Liebster! Liebster! Wach auf!«

Raos öffnete langsam die Augen und sah seine völlig niedergeschlagene Frau vor sich. »Was ist passiert?« Er richtete sich sofort auf und griff besorgt nach Selenays Händen.

»Mein Vater, seine Zeit ist gekommen. Er hält nicht mehr lange durch. Ich muss zu ihm, Raos.« Sie sah ihn verzweifelt an. Vergeblich versuchte sie, ihre Tränen zu unterdrücken.

»Ich stehe dir bei und werde dich begleiten«, erklärte Raos sofort.

Selenay schüttelte energisch den Kopf. »Damit würdest du die Tapferkeit unserer Krieger entehren, die bereit sind, ihr Leben für das Ansehen unseres Landes zu opfern. Und unsere Kinder verbleiben ebenso hier. Sie sollen die Zeit hier länger genießen können. Auf diese Weise kann ich auch schneller zurück sein.«

Plötzlich erklang ein metallischer, tiefer Klang wie das Klirren von Rüstungen auf dem Flur. Dann noch einmal. Die Tür ging langsam auf. »Mylord, Mylady, verzeiht mir die Störung. Der Konvoi erwartet Mylady bereits«, informierte der Wächter und verneigte sich vor seinen Herrschaften, im Türrahmen stehend.

»Ich werde gleich da sein«, erwiderte sie und schickte den Wächter wieder hinaus. Dann wandte sie sich an Raos, küsste ihn auf die Lippen und umarmte ihn zärtlich.

»Bitte komm sicher nach Hause. Ich liebe dich«, sagte Raos, der sich bewusst war, durch welche schwierige Zeit sie ging. Schließlich hatte er als Kind beide Eltern verloren.

»Das werde ich. Ich liebe dich auch«, erwiderte Selenay und verließ eilig das Zimmer.

Ohne sich von den Gastgebern oder den Kindern zu verabschieden, trat sie mit einem Dutzend Mann ihre Rückreise an. Dem Geleitzug stand ein Sechstagesritt bevor, sofern das Wetter zu ihren Gunsten ausfiel.

Die Dunkelheit hatte sich wie ein samtener Mantel über die Stadt gelegt, als Asya Malik durch das Labyrinth aus Gassen und Wegen führte. Heute Nacht trugen sie Gewänder wie gewöhnliche Bürger, die Stoffe unauffällig, die Farben gedämpft – ein simpler, aber notwendiger Schutz, der sie inmitten der Stadt zu zweien von vielen machte. Asya hatte einen besonderen Ort für ihn im Sinn, doch sie sprach nicht davon. Stattdessen bewegten sie sich durch die Schatten der Stadt, während das entfernte Bellen eines Hundes und das dumpfe Echo von Hufschlägen auf Kopfsteinpflaster die Stille zerschnitten.

Die Straßen um sie herum waren schmal und verwinkelt, die Gebäude alt und von der Zeit gezeichnet. Moos kroch über brüchige Steine, Laternen warfen flackerndes Licht auf dunkle Mauern, und der feuchte Geruch von abgestandenem Wasser lag in der Luft. Sie passierten einen kleinen Markt, dessen Stände nun leer und verlassen dalagen, nur ein paar umherstreifende Katzen durchstöberten die Reste der Tagesware.

Ihre Schritte hallten dumpf in den Gassen wider, als plötzlich eine Patrouille auftauchte. Die Soldaten erkannten sie, zögerten einen Moment, doch dann verbeugten sie sich ehrerbietig. Asya erwiderte ihren Gruß mit einem knappen Nicken, ehe sie unbeirrt weiterging.

Vor einer düsteren Schänke traten drei Männer aus den Schatten und versperrten ihnen den Weg.

»Eine angenehme Überraschung, um schnell ein paar Münzen zu verdienen«, raunte einer von ihnen mit krächzender Stimme. Er war gedrungen, mit speckigem Wanst und kalten, berechnenden Augen, die sich neugierig auf Malik hefteten.

Asya trat selbstbewusst vor. »Auch schön, dich wiederzusehen, Taygun«, sagte sie mit einer Mischung aus Spott und Wachsamkeit. »Das hier ist Malik, Sohn von Lord Aarum.«

Taygun schnalzte mit der Zunge und lächelte schmal. »Schön, schön. Ein Freund also. Zu meiner Rechten seht ihr Börgou, unscheinbar, aber mit ... interessanten Fähigkeiten, und zur Linken Zerafimos, ein Abenteurer aus dem fernen Osten.«

Asyas Augen verengten sich. Zerafimos …, der Verstoßene aus dem Haus Venin? Sie hatte von ihm gehört – ein Mann, umgeben von Gerüchten und dunklen Geschichten. Sein Blick war ruhig, seine Haltung entspannt, aber die Aura um ihn herum war kalt und unberechenbar. Ein fauliger Geruch lag in der Luft, als wäre das Böse selbst sein Schatten.

»Ich hatte eine andere Art von Begleitung erwartet«, sagte sie mit einem Hauch von Misstrauen.

Malik vertraute Asya, doch er spürte das Unbehagen in seinen Knochen. Irgendetwas an diesen Männern ließ die Nacht noch kälter erscheinen.

Taygun lachte. »Wohlan! Kommen wir zum Wesentlichen. Wir haben noch einen langen Weg vor uns.«

Die Gruppe verließ die Stadt, stieg unauffällig in eine Kutsche und reiste ohne den Schutz von Soldaten durch die mondlose Nacht. Ihr Ziel: Tharheim, eine Stadt, die sich von Drachenstein unterschied wie der Tag von der Nacht. Keine schützenden Mauern, keine Türme oder massiven Tore. Aber ein Ort, der ebenso vor Leben pulsierte.

Als sie ankamen, führte Taygun sie in eine breite, von Laternen erhellte Gasse. Vor ihnen erhob sich ein großes Gebäude, schlicht und unscheinbar, doch über dem Eingang prangte in goldenen Lettern: Theater.

»Ein Theater?« Malik runzelte die Stirn.

Asya erwiderte seinen Blick mit einem geheimnisvollen Lächeln. »Nur oberirdisch.«

Sie betraten das Gebäude und stiegen eine enge, spiralförmige Treppe hinab. Unten angekommen, empfing sie eine düstere Halle, in der vier Männer und zwei Frauen Wache hielten – gefährlich aussehende Gestalten mit Dolchen an ihren Gürteln.

Eine Frau mit kurzgeschorenem Haar trat vor und musterte die Neuankömmlinge, bevor ihr Blick an Malik hängenblieb. Ein zufriedenes Lächeln umspielte ihre Lippen. »Willkommen, Taygun. Interessante Gesellschaft hast du da mitgebracht.«

Taygun grinste. »Wie laufen die Kämpfe?«

Die Frau seufzte gelangweilt. »Immer die Gleichen gewinnen.« Dann sah sie erneut zu Malik. »Aber vielleicht bringt dein Freund ein wenig frischen Wind.«

Malik hob eine Augenbraue. »Ich bin nur als Beobachter hier. Also lasst diesen Unsinn.«

Die Frau hob abwehrend die Hände. »Schon gut. Geht rein.«

Die Tür öffnete sich, und sie betraten die Arena. Ein pulsierender Ort voller Menschen. Musik erfüllte die Luft, Bedienstete eilten mit Krügen voller Wein und Bier durch die Menge. Der Raum war eng, überfüllt mit zwielichtigen Gestalten – Verbrecher, Söldner, verzweifelte Seelen, die auf den Ausgang der Kämpfe wetteten.

Am Rand der Arena angekommen, konnten sie auf die Kampffläche hinabblicken: ein runder, sandbedeckter Platz, von einer fünf Meter hohen Mauer umgeben. Blutgetränkter Sand. Auf der anderen Seite des Saals erhoben sich mehrere Etagen mit Logenplätzen. Dort saßen die wohlhabenden Herren der Unterwelt, abseits des Gedränges.

Malik war fasziniert. Er konnte seinen Blick nicht von dem Schauspiel lösen. »Unglaublich. Ich wusste nicht, dass es solche Orte gibt.« Das Haus Aarum war nahezu frei von Verbrechen. Daher war er nie an einem gefährlicheren Ort als diesem hier gewesen.

Asya nahm seine Hand und lächelte. »Es freut mich, dass es dir gefällt.« Für sie war dieser Ort faszinierend. Nicht wegen den Gräueltaten, nein, sondern weil sie so das Böse ungehindert beobachten konnte. Es war ihre eigene, unkonventionelle Art, das Böse zu durchschauen, ja, zu verstehen und zu bekämpfen, obwohl sie kaum Befugnisse hatte. Von diesem Unterfangen wusste sonst niemand in ihrer Familie.

Die Menge teilte sich wie eine Woge, als drei Krieger mit schweren Schritten nähertraten. Ihre Statur, ihre Präsenz allein reichte aus, um den Raum mit einem Hauch von Ehrfurcht zu erfüllen. In ihren kräftigen Händen schäumte ein gewaltiger Krug Bier, golden im flackernden Licht der Öllampen. Der Geruch von Schweiß, Blut und Alkohol hing in der Luft, eine Melange aus Triumph und roher Gewalt.

Taygun deutete seiner Gruppe an, Platz zu machen, doch Zerafimos beachtete ihn nicht. Sein Blick haftete an einer schlanken Gestalt in der Ferne – einer Frau, gekleidet in dunkles Leder, mit tödlicher Eleganz bewaffnet. Sie bewegte sich geschmeidig wie eine Klinge im Schatten, ihr Gürtel behangen mit Dolchen, das Schwert auf dem Rücken ein weiteres Versprechen für den Tod.

Die Krieger waren die unangefochtenen Sieger des Abends – die Drachenzahn-Gruppe, eine Legende in dieser Arena. Ihr Anführer, Zascha, war ein Koloss von einem Mann, Sohn eines berüchtigten Waffenhändlers, dessen Blick aus einer der Logen auf ihn herabfiel wie das Auge eines stolzen Raubtiers. An seiner Seite standen Starlin, sehnig und schnell wie eine Schlange, und Zefyros, der Schlimmste von ihnen. Zefyros war nicht nur ein Kämpfer, er war ein Stratege, ein Künstler des Chaos, dessen unberechenbare Taktiken ihm zahlreiche Siege eingebracht hatten.

Doch als Zerafimos sich umdrehte, geschah es.

Ein Moment der Unachtsamkeit – oder vielleicht absichtlich provoziert. Zerafimos stieß gegen Zascha, und der Krug entglitt dessen Händen, krachte auf den Boden, spritzte goldene Tropfen auf den staubigen Stein.

Ein Moment der Stille.

»Pass besser auf, Bastard!«, knurrte Zascha.

Zerafimos, mit der Gelassenheit eines Mannes, der den Sturm bereits kommen sieht, sah ihn an – und wandte sich dann ohne ein Wort ab, den Blick wieder auf die Frau gerichtet.

Taygun spürte, wie sich die Luft veränderte, eine Anspannung, die wie eine gespannte Bogensehne in der Halle vibrierte. Er kannte Zerafimos gut genug, um zu wissen, dass dies nur eine Richtung nehmen konnte.

»Zurück«, murmelte Taygun an Asya und Malik gewandt. Börgou, mit ruhigem Blick, ließ seine Finger über den Griff seines Dolches gleiten.

Doch Zascha war nicht der Mann, der eine Demütigung hinnahm. Mit einer einzigen Bewegung packte er Zerafimos an der Schulter und riss ihn herum.

Zerafimos drehte sich – und schlug zu.

Seine Faust krachte auf Zaschas Gesicht, brach dessen Nase mit einem dumpfen, ekelhaften Geräusch. Zascha taumelte zurück, Blut spritzte auf seinen Kragen, und bevor er sich fangen konnte, war Zerafimos über ihm.

Der Kampf war entfesselt.

Zerafimos schlug auf Zascha ein wie ein Berserker, mit brutaler, ungezügelter Gewalt. Starlin und Zefyros sprangen vor, um ihrem Anführer beizustehen, doch bevor sie eingreifen konnten, spuckte Zascha Blut auf den Boden und brüllte: »Das zahlst du mir! Komm in die Arena, wenn du Mut hast, du Wahnsinniger.«

Zerafimos richtete sich auf, atmete schwer, das Blut seiner Faust tropfte auf den Stein. Dann, mit einem Lächeln, das mehr Wahnsinn als Freude war, spuckte er zur Seite und erwiderte: »Ich warte unten.«

Die Ränge bebten, als die Wetten ausgerufen wurden. Die Namen hallten durch den Raum, während Goldstücke die Besitzer wechselten.

»Die Drachenzähne – vierundzwanzig Kämpfe, vierundzwanzig Siege! Unbesiegt!«, schrie der Kampfleiter.

Ein Tor öffnete sich, und die drei Kämpfer traten ein. Ihre Holzwaffen reflektierten das Licht, ihre Rüstungen aus Leder waren abgenutzt, aber funktional. Sie wussten, dass sie nicht verlieren würden. Sie hatten noch nie verloren.

»Und hier haben wir den Herausforderer. Ein Unbekannter, der gleich den Boden schmecken wird!«

Das zweite Tor öffnete sich.

Zerafimos trat allein heraus.

Keine Rüstung. Keine Waffen. Nur sein Leib, zerschrammt vom vorangegangenen Kampf, und ein Ausdruck reiner Entschlossenheit auf seinem Gesicht.

»Was soll das?«, brüllte Zascha.

Zerafimos sah zum Kampfleiter. »Verschwinde!«

Der Mann zögerte nicht. Kaum war er auf der Leiter, setzte Zerafimos sich in Bewegung.

Er rannte. Und mit einem einzigen Sprung war er auf Zascha.

Die Menge schrie auf, als seine Fäuste auf das bereits gebrochene Gesicht des Kolosses niederfuhren. Blut tropfte auf den Boden, eine Symphonie aus Schmerz und Aufprall. Starlin trat vor, doch Zerafimos warf ihm Sand ins Gesicht. Zefyros holte aus – und wurde mit einem Tritt in die Weichteile empfangen, der ihn auf die Knie zwang.

Dann folgte der finale Schlag.

Zerafimos’ Faust krachte unter Starlins Kinn, schleuderte ihn nach hinten, wo er reglos liegen blieb.

Doch es war nicht vorbei. Zerafimos wandte sich wieder Zascha zu, der keuchend am Boden lag – und schlug weiter. Immer weiter.

Bis sich das Tor erneut öffnete und Wachen hereinstürmten.

Einer packte Zerafimos von hinten, ein anderer schlug ihm die Faust in den Magen, dann ins Gesicht. Blut sickerte aus seiner Nase, rann in seinen Mund, doch statt zu schreien, zu protestieren, lachte er.

Ein kehliges, irrsinniges Lachen.

Die Zuschauer schwiegen. Dann begann jemand zu klatschen, und das Klatschen wurde zu einer tosenden Woge des Jubels.

Asya kannte die Kämpfe. Sie hatte selbst einmal dort unten gestanden, den kalten Sand unter ihren Füßen gespürt, das Gewicht einer Waffe in den Händen gehalten. Doch das hier … das war etwas anderes. Das war Wahnsinn.

»Wir gehen«, sagte sie mit eisiger Entschlossenheit zu Malik.

Taygun runzelte die Stirn, seine Miene ein Ausdruck reiner Enttäuschung. »Wieso? Das Schauspiel ist vorüber. Wir könnten die Nacht genießen.«

Asyas Blick war schneidend. »Du hättest diesen Wahnsinnigen nie hierherbringen dürfen.«

Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich ab, Malik folgte ihr hastig. Die beiden schritten durch dieselbe Tür, durch die sie gekommen waren, hinaus in die kühle Nacht. Doch die Dunkelheit war nicht leer.

Kaum hatten sie das Gebäude verlassen, spürte Asya die Präsenz von etwas – oder jemandem. Schatten bewegten sich lautlos in den engen Gassen, unsichtbare Augen verfolgten ihre Schritte. Ihr Instinkt schrie Warnungen, und als sie hinter sich sah, erkannte sie undeutliche Gestalten, die sich mit katzenhafter Präzision bewegten.

»Wir werden verfolgt«, flüsterte sie, ihre Hand glitt zum Dolch an ihrer Hüfte.

Noch bevor sie das Theater endgültig hinter sich lassen konnten, schälten sich die Schatten aus der Dunkelheit. Drei Gestalten, in lange Umhänge gehüllt, traten aus den finsteren Winkeln der Stadt hervor und schnitten ihnen den Weg ab.

Asya riss den Dolch hervor, ihr Blick funkelte kampfbereit. »Geht weg!«

Malik war unbewaffnet. Sein Atem ging schneller, seine Finger ballten sich unentschlossen.

Einer der Unbekannten hob gemächlich die Hände, als wolle er beschwichtigen, und griff nach seiner Kapuze. Langsam zog er sie zurück, enthüllte darunter ein markantes Gesicht mit scharfen Zügen und kühlen, wachsamen Augen.

»Sir Asya«, sprach er mit ruhiger Stimme, »ich bin Nova vom Geheimdienst. Wir haben Euch zufällig entdeckt und werden Euch sicher nach Drachenstein zurückbringen.«

Ein Moment des Schweigens.

Dann ließ Asya den Dolch sinken, Erleichterung mischte sich mit stiller Frustration. Dieses Abenteuer war bereits gefährlich genug gewesen – und sie hätte Malik niemals in eine solche Lage bringen dürfen.

»Gut«, sagte sie schließlich, »bringt uns zurück.«

Die Reise zurück verlief schweigend. Die Späher des Geheimdienstes führten sie unauffällig durch die Schatten, eskortierten sie bis zur Stadtgrenze, wo sich ihre Wege wieder trennten.

Gleich nachdem sie das Tor in die Stadt passierten, blieben sie kurz stehen. »Malik«, sagte sie leise, ihre dunklen Augen fesselten seine, »ich habe eine Überraschung für dich.«

Ohne eine weitere Erklärung nahm sie seine Hand und führte ihn durch die stillen Straßen der nächtlichen Stadt. Die Laternen warfen ein warmes, goldenes Licht auf die Kopfsteinpflaster, die Gebäude erhoben sich wie uralte Hüter der Nacht. Nur das entfernte Rufen einer Eule störte die Ruhe.

Ihr Ziel war der höchste Turm der Stadt, ein steinernes Monument über dem Marktplatz. Die Wachen am Eingang traten respektvoll beiseite, ihre bloße Anwesenheit verriet, dass dieser Ort an diesem Abend nur Adligen vorbehalten war.

Stufe um Stufe erklommen sie die schmale Wendeltreppe, bis sie schließlich das Dach erreichten. Und dort, unter der offenen Weite des Himmels, breitete sich ein Anblick aus, der Malik den Atem raubte.

Vor ihnen erstreckte sich die grenzenlose Natur – sanfte Hügel, tiefdunkle Wälder, majestätische Berge, deren Spitzen im blassen Licht des einen verbliebenen Mondes glänzten. Der zweite Mond, der sonst den Himmel zierte, war nicht zu sehen – eine gespenstische Leere, als wäre ein Auge geschlossen.

Doch es war nicht nur die Landschaft, die die Szenerie verzauberte.

Leuchtende, magische Schmetterlinge schwebten in der Luft, winzige Wesen aus Licht, die in sanften Wirbeln um sie herumtanzten. Ihr Glühen war wie ein schimmerndes Echo der Sterne, die über ihnen funkelten.

»Es ist … atemberaubend«, flüsterte Malik, unfähig, seinen Blick abzuwenden.

Asya betrachtete ihn mit einem sanften Lächeln. »Ich komme nur hierher, wenn ich allein sein möchte.«

Ihr Blick wanderte zwischen seinen Augen und seinen Lippen hin und her, doch Malik bemerkte es nicht. Er sah bereits wieder in die Ferne, gefesselt von der Schönheit der Welt.

Und dann, ohne Vorwarnung, beugte sich Asya vor und küsste ihn auf die Wange.

Überrascht blickte er sie an. Für einen Herzschlag lang begegneten sich ihre Blicke – tief, intensiv, unausweichlich. Ihre Herzen pochten, ein stummer Rhythmus im stillen Tanz der Nacht.

Dann, nach all den Jahren der Freundschaft, geschah es.

Ihr erster Kuss.

Sanft, doch voller unausgesprochener Worte.

Später lagen sie auf dem kühlen Steinboden des Turms, ineinander verschlungen, den Blick in die Weiten des Universums gerichtet. Die Sterne funkelten über ihnen, und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlten sie sich grenzenlos frei.

Und während die Nacht über Drachenstein wachte, schliefen sie schließlich ein – zwei Seelen, verloren in einem Moment, der ewig zu währen schien.

Raos lag im Bett, atmete schnell und flach. Es verging ein Moment, bis er den Albtraum verarbeitet hatte. Er trank einen Schluck Wasser aus dem Glas auf dem Nachttisch. Dann quälte er sich auf, ging zum Fenster und öffnete die Vorhänge. Die Sonne ging gerade erst auf. Er war froh, nicht weiterschlafen zu müssen. »Nie wieder will ich so etwas träumen«, flüsterte er zu sich selbst und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. Dann zog er sich um und machte sich bereit für das Morgenmahl.

»Mylord, guten Morgen«, grüßte die Wache vor seinem Zimmer.

»Guten Morgen, Soldat«, erwiderte er und ging den Flur entlang zur Festhalle. Nach dem Frühstück besprachen die Lords und ihre beiden Kommandanten noch in der großen Halle die weitere Reise zur Löwenstadt. Die Halle war beeindruckend, geschmückt mit prächtigen Wandteppichen, darunter eine Abbildung des jüngsthin verstorbenen Drachen Ägaran, der die Sonne verschlang. Sie einigten sich rasch auf eine Route und machten sich unverzüglich bereit für den Abmarsch.

Vor Raos’ Gemach standen bereits wie gerufen Seren und Haran. »Wo ist Malik?«, erkundigte sich der Vater bei seinen Kindern.

»Er ist letzte Nacht nicht in die Festung zurückgekehrt«, antwortete ihm seine Tochter.

Raos blickte misstrauisch. »Wo habt ihr ihn zuletzt gesehen?«

»Er war in Gesellschaft von Asya und ihrem Bruder Tibun«, erzählte der heranwachsende Haran.

Raos hob eine Augenbraue. »Ach, so ist das. Was haben sie denn zusammen gemacht?«

»Das … entzieht sich meiner Kenntnis, Vater«, log Seren.

Raos hob die zweite Augenbraue. »Nun denn, es ist Zeit für mich, mich von euch zu verabschieden. Passt gegenseitig auf euch auf.« Er umarmte beide.

»Wir lieben dich, Vater«, entgegneten sie.

»Ich liebe euch auch.« Nach einer zärtlichen Umarmung seiner Kinder betrat Raos sein Zimmer. Er legte seinen Schwertgürtel an und griff nach seinem Rucksack. Reisebereit begab er sich zum Konvoi.

Als er im Sattel saß, dachte er an seinen ältesten Sohn. Wo mag er nur sein?

»Vater, du hast mich gesucht?« Plötzlich tauchte Malik neben ihm auf, gekleidet in eine elegante, samtene Robe, die seinem Status als Sohn eines Lords entsprach.

Raos sah streng zu ihm herab. »Wo warst du letzte Nacht? Deine Wenigkeit sollte sich von meiner Lordschaft verabschieden.«

Malik senkte seinen Blick und erklärte sich schnell: »Ich war bei Asya. Sie offenbarte mir einige Geheimnisse der Burg. Vergib mir, Vater. Ich hätte mich früher bei dir melden sollen.«

Ein Lächeln stahl sich für einen Moment in Raos’ Gesicht. »So, so, du hast die ganze Nacht mit der hübschen Tochter von Lord Krennik verbracht.« Er zwinkerte seinem Sohn zu und wechselte dann das Thema. »Genießt euren Aufenthalt hier. Nach ein paar Tagen fliegt ihr alle nach Goldenstein zurück.«

»Fliegen?« Malik sah ihn verwirrt an.

»Mit den Drachen. Macht euch keine Sorgen. Ihr werdet Freude daran haben.«

»Das, das ist großartig«, rief Malik aufgeregt. Er hatte sich nie getraut, um einen Drachenritt zu bitten.

Raos nickte ihm zu. »Und, Malik, du bist verantwortlich für deine Geschwister. Auf Wiedersehen, mein Sohn.«

»Das weiß ich. Viel Glück, Vater.« Malik nickte ernst zurück, drehte sich um und ging.

Er ist wohl langsam zu alt für eine Umarmung, dachte Raos und trieb dann sein Pferd an, um an den Kopf des Trosses zu gelangen.

Lewent wartete dort bereits auf ihn und sah ihm entgegen Als er sein Pferd neben das des Freundes gelenkt hatte, fragte er lächelnd: »Lord Krennik, seid Ihr bereit?«

»Lord Aarum, selbstverständlich«, erwiderte Lewent und gab dann das Kommando: »Achtung! Vorwärts, Marsch!«

Auf Pferden, Kutschen und zu Fuß marschierten sie den Roten Fluss entlang bis zum See von Osirin. Erst dort wollten sie die Zelte für eine längere Erholungszeit aufschlagen. Die Adligen ritten aus Respekt und als Vorbild neben den anderen mit, anstatt es sich in einer der Kutschen gemütlich zu machen, obwohl das äußerst verlockend gewesen wäre. Denn diese neuartigen Kutschen mit ihren Schwingungsdämpfern aus Wolfsburg boten höchste Bequemlichkeit. Eine unebene Fläche bemerkte man kaum. Die meisten Kutschen wurden mit Proviant beladen und lediglich zwei waren für Adlige vorgesehen.

2 – Osirin

Als der Geleitzug die Quelle des Flusses erreichte, erblickten die Reisenden das Hoheitsgebiet des Hauses Norwin. Ein steingraues Banner der Norwins – unverkennbar der schneeweiße Wassermensch, der dem Teich entsteigt – kennzeichnete die Grenze. Daneben stand ein Steinhaus, das als Unterkunft für die Wache diente. Das Haus Krennik hatte hier keine Grenztruppen stationiert, weil die nächste Siedlung von ihrem Volk meilenweit entfernt lag.

»Dort voraus! Wachposten der Norwins.« Raos zeigte nach Osten.

»Na endlich«, freute sich Lewent.

Beim Näherkommen wurden sie von den Grenzsoldaten mit prüfenden Blicken begutachtet. »Mylords, im Namen des Hauses Norwin heiße ich Euch willkommen«, begrüßte sie der Korporal, ein junger Mann mit blondem Haar und strahlend blauen Augen. Er stand wie seine Kameraden stramm.

»Soldaten, danke für den freundlichen Empfang«, erwiderte Lewent.

Gleich nachdem sie die Grenze passiert hatten, änderten sie ihre Formation. Die adligen Herren ritten nicht mehr am Kopf des Trosses. In der Mitte war es für sie sicherer auf fremdem Gebiet.

»Ob wir die Halblinge treffen werden?«, dachte Lewent später laut.

»Hoffentlich. Das wird bestimmt amüsant«, erwiderte Raos.

»Dennoch könnte ich gut auf ihre Gesellschaft verzichten.«

Raos pflichtete ihm stillschweigend bei.

Als sie sich am siebenten Reisetag dem größten See von Osirin näherten, entdeckten sie nördlich tatsächlich die Halblinge. Diesen Namen hatten sie erhalten, weil ihr Volk kleinwüchsiger war als alle anderen. Wobei manche in ihren Reihen auch über sieben Fuß groß waren, doch selbst diese Größe änderte nichts an der Bezeichnung. Doch das Körpermaß war nicht die einzige Seltsamkeit, die sie von anderen Völkern unterschied. Sie waren auch besonders eigenartig und eigensinnig. Ihre Kleidung, Kultur, Werte, selbst die Kampfkünste waren gänzlich anders als in allen anderen Kulturen. Und das bewiesen sie immer wieder aufs Neue, so auch dieses Mal.

Ihr Geleitzug war weitaus größer als erlaubt. Tausende kleinere Soldaten marschierten zur Arena. Eine kleine Gruppe löste sich aus der Einheit und kam direkt auf die beiden Lords zu.

»Ein wenig überbordend, findest du nicht auch?«, fragte Raos seinen Freund, ohne den Blick von den Soldaten abzuwenden, die sie fast erreicht hatten.

»Völlig«, stimmte ihm Lewent zu, ebenfalls den Blick vorausgerichtet.

Die Halblinge hatten sie nun erreicht, ihr eigener Tross teilte sich, damit sie mit ihnen sprechen konnten.

»Mylords«, grüßte sie der kleinwüchsige Kommandant Luminar. »Wir verbringen die Nacht am See von Osirin. Wenn nichts dagegenspricht, schlage ich vor, Ihr sucht Euch einen anderen Ort, um Eure Zelte aufzuschlagen.«

»Da muss ich Euch leider enttäuschen, halber Mann. Wir werden als Nachbarn klarkommen müssen. Außerdem ist der See nicht klein, wie Ihr wohl bemerkt habt«, entgegnete Raos.

»Einmal Nachbarn, immer Nachbarn. Wir könnten ein gemeinsames Trinkspiel veranstalten, um, nun ja, die Beziehung zwischen unseren Häusern zu pflegen«, schlug Lewent vor.

»Eine wahrhaftig fantastische Idee. Dann spielen wir ›Wer sich zuerst ertränkt‹. Ihr fangt an«, entgegnete Luminar.

»Oh, wir haben den Halbling erzürnt«, konterte Lewent den Kommandanten.

»Sie wirken so reizend, wenn sie erbost sind. Sieh ihn dir an«, sagte Raos und deutete auf das Gesicht des Kommandanten.

»Ein fliegender und ein wohlhabender Lord, was vereint sie? Ja, genau richtig, beide sind schlechte Verlierer beim bevorstehenden Turnier. Eure Kämpfer müssten schon zehnmal so gut sein wie die billigen Provokationen, die Ihr von Euch gebt. Dann, nur dann habt Ihr vielleicht eine Chance auf den Sieg.« Luminar klang, als würde er sie am liebsten mit bloßen Händen erwürgen.

»Sorgt Euch nicht um uns. Wir werden auch die kleinsten Triumphe genießen«, sagte Raos.

»Es wäre peinlich, wenn Eure großgewachsenen Krieger gegen meine verlieren. Und das vor einem riesigen Publikum«, erwiderte der Kommandant.

»Ihr seid der größte Schwätzer, dem ich je begegnet bin«, schaltete sich Lewent nun wieder ein.

Der Kommandant wollte daraufhin das unerquickliche Gespräch beenden. »Ihr müsst Euch nur eines merken. Je ... «

»Größer sie sind, desto tiefer fallen sie«, beendete Raos für ihn den Satz.

»Interessant. Euer Schädel scheint nicht nur aus Gold zu bestehen. Mylords, auf Wiedersehen.« Kommandant Luminar entfernte sich mit seiner Eskorte von den unerbetenen Nachbarn.

Lewent und Raos sahen ihm hinterher.

»Eines muss man ihnen lassen, Humor haben sie«, gab Lewent zu.

»Außerordentlich unterhaltsam. Ich bin sehr auf ihre Reaktion nach dem Turnier gespannt.«

»Ich auch.«

Als die Abenddämmerung hereinbrach, erreichten die Herren von Drachenstein und Goldenstein den großen See von Osirin, dessen Wasser im Abendlicht golden glitzerte. Aus Trotz und Erschöpfung schlugen sie ihre Zelte direkt neben den kleinen Reisenden auf. In ihrer unmittelbaren Nähe lag außerdem ein beträchtliches Handelsdorf, das sich perfekt zum Auffüllen der Vorräte eignete.

Lewent setzte sich zu Raos vor dem Zelt hin und hielt seine Hände über das Lagerfeuer. Sie saßen zu zweit, während ihre Gefolgsleute eigene Gesprächsgruppen bildeten, zusammen aßen, mit Karten spielten oder sangen.

Der Drachenlord war stolz auf die Leistung seines Geleitzuges. »Wir sind weit gekommen. Das gehört belohnt«, verkündete er.

»Diese Entfernung in so kurzer Zeit ist wahrlich bemerkenswert«, stimmte ihm Raos bei.

»Kommandantin Leyla«, rief Lewent.

»Ja, Mylord?«, meldete sich die militärische Führerin des Hauses und trat sofort zu ihnen.

»Die Soldaten haben eine großartige Leistung vollbracht. Sag ihnen, sie können diesen Abend ausgiebig feiern. Wir werden morgen erst am späten Vormittag weiterziehen. Ein freiwilliger Trupp soll aber zuerst unsere Vorräte auffüllen.«

»Das ist bereits befohlen, Mylord.« Die Kommandantin verneigte sich kurz und verständigte umgehend die Offiziere.

»Du kannst stolz auf deine Kommandantin sein«, bemerkte Raos und blickte ihr nach.

Lewent nickte zustimmend. »Wirst du mich nach Löwenstadt begleiten?«

»Wenn es dir nichts ausmacht, Raos, würde ich gern mit meinen Männern direkt zur Arena schreiten.«

Raos nickte. »Das würde ich auch gerne. Doch König Norwin verlangt nach mir.«

»Töte ihn. Dann bist du der neue König und er kann dir nichts mehr vorschreiben.«

»Nichts da, freiwillig würde ich nie dort mein Leben verbringen.«

In der Zeit vor dem Ersten Großkrieg hätte Raos anders darüber gedacht. Seitdem wurde jedoch die Macht des Königs weitgehend eingeschränkt. Zudem wurden er und sein Stellvertreter, der Vizekönig, alle vier Jahre von den Führern der mächtigen Häuser der Konföderation erwählt.

»Wohlan, wollen wir eine Partie Schach beginnen?«, fragte Lewent mit Vorfreude im Blick.

»Bei der neueren Variante bin ich gern dabei.« Raos schmunzelte.

»Was hast du gegen das altbewährte System?«

Raos verabscheute die alte Variante. Sie schränkte ihn ein. »Die Dame, sie ist für nichts zu gebrauchen.«

»Aber ich schlage dich da immer. Es wäre Zeit, wenn das ein Ende finden könnte», versuchte Lewent Raos zu überzeugen.

Raos zögerte. »Wir spielen zweimal«, sagte er schließlich. »Einmal nach den alten Regeln und einmal nach den neuen. Bei Patt gewinnt der, der weniger Figuren verloren hat.«

»Wie du wünschst«, erwiderte Lewent lächelnd und wandte sich einem Soldaten zu. »Soldat, bringt mir bitte das Schachspiel.»

»Jawohl, Mylord.« Der Soldat lief sofort los. Bei der nächsten Kutsche wurde er fündig und brachte den Herren das Spiel sowie einen kleinen aufklappbaren Tisch.

»Nach dir.« Lewent überließ bei der alten Spielvariante Raos den ersten Zug.

Raos versuchte das Mittelfeld zu kontrollieren. Lewent blieb unbeeindruckt und ließ Raos großzügig Angriffsmöglichkeiten. Nach einer Weile gewann jedoch Lewent die Oberhand und drängte Raos in die Ecke. Mit Türmen und Reitern konnte Lewent das erste Spiel für sich entscheiden. »Vielleicht beim nächsten Mal«, munterte er Raos auf.

»Hochmut kommt vor dem Fall, mein Freund«, brummte der.

Nun folgte die neue Variante. Hier erhielt die Dame die Fähigkeit des Läufers und des Turms. Der Druck lag bei Raos. Er musste mit mindestens vier Figuren gewinnen. Lewent begann die neue Partie.

Dieses Spiel dauerte um einiges länger als das erste. Später gelang es Raos, die Führung zu übernehmen, indem er nach den Reitern auch die Läufer bezwang. Lewent änderte seine Strategie und verfolgte die Taktik seines Freundes, möglichst viele Figuren des Gegners auszuschalten. Dazu verwendete er übermäßig die Dame und tappte damit später in Raos’ Falle. Der Lord aus Goldenstein bezwang die Dame und gewann im nächsten Zug mit fünf Figuren das Spiel. Den Bauern sei Dank.

»Du magst vielleicht mehr Figuren haben, aber meine waren definitiv wertvoller«, erklärte Lewent und hoffte, damit das Spiel für sich entschieden zu haben.

»Da stimme ich dir zu. Nur haben wir um die Anzahl der Figuren gespielt und das gibt allen den gleichen Wert«, erwiderte Raos gut gelaunt.

»Mein Pech also?«, fragte Lewent enttäuscht.

»Nein. Dein Versagen, alter Freund«, lächelte Raos milde.

Sie bemerkten erst jetzt, dass die meisten schon schliefen und führten ihre Unterhaltung leiser fort.

Wolken zogen langsam über den Himmel und verdeckten die Sterne, sodass nur ab und zu ein funkelnder Lichtpunkt hervorblitzte. Es war mittlerweile kühl und man hörte das Rauschen des Sees. Wegen dem Schein des Lagerfeuers und der Nähe zum Seeufer, wo Pflanzen und Feuchtigkeit den idealen Lebensraum boten, schwirrten Hunderte kleiner Insekten in der Luft umher und tanzten im Licht der Flammen. Es war eine unangenehme Nacht für alle Reisenden. Die Stechmücken hinderten sie am Einschlafen und summten laut in den Ohren ihrer Opfer.

Der nächste Tag war angebrochen und ein Gerangel weckte die Adligen. Zur Überraschung der beiden Lords standen beide Heere unter dem Banner des Flügelritters und des Kometenadlers bereits marschbereit.

»So viel Disziplin hat keine andere Armee der Welt«, sagte Lewent beeindruckt und reckte sich.

Kommandantin Leyla wartete, bis die Herren auf ihre prächtigen Streitrosse gestiegen waren. »Alle Einheiten Marsch!«, rief sie dann laut.

Der Trupp setzte sich wieder in Bewegung.

Beim Marschieren eilte ein junger Soldat weiter nach vorn, um einem Ritter sein Begehr zu äußern. Schnell hatte er ihn erreicht und lief neben seinem Pferd her. »Sir Adnan, ich bin Soldat Jora aus der südlichen Region in Mandoria«, stellte er sich mit zittriger Stimme vor.

Ritter Adnan sah schlecht gelaunt zu ihm herab. »Wer will das wissen? Lass mich in Ruhe!«, entgegnete er brüsk.

»Sir, ich wollte nur ...«

»Bist du taub? Stör mich noch einmal, dann reiße ich dir deine Eingeweide heraus«, drohte ihm Sir Adnan.

»Verzeiht mein aufdringliches Verhalten.« Der Soldat verneigte sich und gliederte sich schnell wieder in seiner Reihe ein.

»Was hat er gesagt?«, fragte sein Kumpel.

»Er hat mich abgewiesen.«

Sir Beyn mischte sich in das Gespräch der jungen Soldaten ein. Er ritt gerade neben ihnen. »Er ist heute mürrisch. Genauer gesagt ist er das immer.«

»Sir Beyn.« Beide Soldaten grüßten ihn militärisch.