Der schwarze Duft - Rüdiger Aboreas - E-Book

Der schwarze Duft E-Book

Rüdiger Aboreas

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Beschreibung

Geschichten aus der Hamburger Zeit des Autors. Oftmals verliebt; grotesk, hintersinnig, kriminell. So etwa, kurz und bündig, könnte beschrieben werden, welche menschlichen Wesenszüge nach dem Aufschlagen des Covers auf die Leser warten. Mehr noch: knorrige, leichtfertige oder naive Figuren, hinter denen in ihrem bisweilen überzeichneten Tun ein jedermann lauern könnte. Nicht zu vergessen die abgründigen oder bösen Seiten von Besessenen. Es sind Geschichten, die dramatisch daherkommen: hier und da satirisch; literarisch anspruchsvoll, aber dennoch irgendwie neben der Spur. "Der schwarze Duft" ist der Titel einer in diesem Buch enthaltenen Geschichte. Entstanden ist sie für eine Lesung einer Hamburger Kulturinitiative, die einst im Hamburger Stadtteil Dulsberg aktiv gewesen ist. So wie überhaupt die Texte zumeist verfasst worden sind für thematisch angelegte Veranstaltungen und Anthologien. Einige der Erzählungen sind aufgefrischt und in die Zeit gebracht worden. Eine Auswahl in einer eigenen Anthologie zu versammeln, ist ein lange gehegter Wunsch des Autors.

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Seitenzahl: 261

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

Der Apfelbaum

Vorspiel

Die Vorsehung

Zurück zu den Wurzeln

Der schwarze Duft

Wiedersehen

Keuschheitszipfel

Schweinerei

Solidarität

Die Seherin

Das Kleid

Cuba Libre

Der zweite Frühling

Rauchen verboten

Nachspiel

Kriminelles

Das Ende

Der nette Herr Merten

Zahn der Zeit

Tante Marie

Vor unserer Zeit

Frostige Hingabe

Eine wahrhaftige Geschichte. So ereignet im Jahr 2000/2001.

Der Apfelbaum

Das üppige Grün des Gartens im alten Farmsen in Hamburg hatte schon immer so manchen Spaziergänger vor dem Zaun verweilen lassen. Dabei zog ein majestätischer Boskop-Baum die Blicke wie magisch auf sich. Mit seinen Blüten und dem dichten Blätterdach beschirmte er Sträucher und Hecken ebenso wie wilde Erdbeeren, die wie ein zartes, rötlich betupftes Tuch den Boden überkräuselten. Im Sommer suchten die Kinder im Schatten des Baums Schutz vor der Sonne. Später turnten sie in luftiger Höhe auf den kräftigsten Ästen für das Ansinnen, ein Baumhaus zu bauen.

Irgendwann geschah es, dass beim Klettern ein eher kleiner Ast abbrach. Damit sich niemand daran verletzen könnte, nahm die Mutter das krumme, eigentlich unansehnliche „Stück Baum“ fort. Weil sich auf die Schnelle keine Ablage fand, steckte sie den Ast wenige Meter entfernt vom Hauseingang achtlos in den weichen Boden.

Ein Monat mochte vergangen sein, als Mutter und Kinder eines Morgens vor dem leblos aus dem Boden ragenden Ast verweilten. Verwunderlich fanden sie, dass seine Blätter nicht welkten. Die Mutter wollte ihn entsorgen, am besten durch den Häcksler drücken. Ganz anders die Kinder. Die jauchzten: »Ein Märchenbaum!«, und umtanzten das kümmerliche, nur mühsam aufrecht stehende Geäst. Wenn es ein Märchenbaum wäre, so forderten sie, dürfe man dem Ast keinesfalls ein Leid antun. Demonstrativ zogen sie den Häcksler auf die gegenüberliegende Seite des Hauses. Fortan wachten die Kinder über das Wohl ihres kleinen Schützlings wie die Engel über eine fromme Seele.

Der Winter kam. Die Kälte kroch in die Stadt, umschlich den inzwischen kahlen, mageren Ast, schien ihn totfrieren zu wollen. Die Kinder betrachteten ihren Schützling mit Bangen. Hatte das Bäumchen überhaupt eine Chance zu überleben?

Als im Frühjahr die Sträucher überall im Garten Knospen austrieben und Blattwerk entfalteten, war die Enttäuschung groß. Denn ihr Schützling ragte noch immer leblos aus der Erde. Von jetzt an galt der erste Blick eines jeden Morgens dem kahlen Zweig. Die zweifelnde Mutter war dennoch bemüht, den Kindern Mut zu machen. Immer wieder zeigte sie in den Garten hinein, wo im Hintergrund auch der mächtige Apfelbaum nur wenige Frühlingszeichen aufwies.

Eines Abends, es war einer der ersten warmen Tage des Jahres, da tollten die Kinder über den Rasen. Ein Ball wurde geworfen. Mehrmals flog er fast in die Baumkronen. Vier wache Augen folgten seinem Flug. Plötzlich brach das ausgelassene Spiel ab. Eine Stille, die sogar dem Wind den Atem verschlug. Ein eben noch munterer Tag schien zum Stillstand zu kommen. Beendet wurde dieser Zustand durch laut gellende Freudenrufe der Kinder. Denn da oben, genau über ihnen am Boskop-Apfelbaum, zeigten sich Anzeichen von Blättern. Ohne dass es eines Wortes der Verständigung bedurfte, rannten die Kinder zum Hauseingang, wo der Ast in der Erde steckte. Fragend, hoffend, flehend, so suchten sie aus allernächster Nähe das bescheidene Zweiggewirr nach Knospen ab. Ja, da schienen sich tatsächlich winzige Ausbeulungen von der Rinde abzuheben. Die rasch herbeigeholte Mutter staunte nicht schlecht, bestätigte, dass Anlass zu Hoffnung bestehe. Es sollte eine unruhige Nacht werden. Am folgenden Tag, mit den Strahlen der frühen Morgensonne, wurde es Gewissheit. Der Ast hatte die Winterkälte überstanden. Von nun an sprachen die Kinder nur noch von einem Wunderbäumchen.

Wie es bei Kindern nun einmal so ist, verlor das Ereignis allmählich an Bedeutung. Die Schule und das familiäre Einmaleins kehrten zurück in den Lebensmittelpunkt. Das sollte vorläufig so bleiben, denn niemand erwartete Früchte an dem Ableger, war er doch noch viel zu klein. Überdies hatten „Fachleute“ versichert, dass er niemals Äpfel und schon gar keine Boskop-Äpfel tragen würde.

Das Jahr ging dahin. Ein neuer Herbst kündigte sich an. Zwischen den Blättern und Zweigen des mächtigen, freundlichen Mutterbaums schaukelten große, von der kühleren Herbstsonne gerötete Äpfel im Wind. In dieser Zeit, so unspektakulär wie ein welkendes Blatt im Oktober, flatterte ein schmuckloser Brief ins Haus. Er sollte sich als das genaue Gegenteil von bedeutungslos erweisen. Lapidar teilte darin das Hamburger Liegenschaftsamt mit, dass mit der Bebauung vieler kleiner, schon vor Jahren separierter Grundstücksteile alsbald begonnen werden sollte. Schade, dachten die Bewohner der Siedlung. Denn das Land, das ehemals zu ihren Gärten gehört hatte, war bislang noch frei zugänglich, konnte anstandslos mit genutzt werden. Man zuckte mit den Schultern und richtete sich auf die angekündigte Einschränkung ein. Das, was die Stadt auf bürokratische Weise „Verdichtung“ nannte, war schließlich nicht abzuwenden.

Dass der alte, stolze Apfelbaum auf einem der neu geschaffenen Grundstücke stand, störte fast niemanden. Nur die Familie, zu deren Garten er zuvor gehört hatte, klagte still. Da half es auch nichts, dass fast die Hälfte der mächtigen Baumkrone die Grundstücksgrenze überragte und immerhin Fallobst zu erwarten war. Wirklichen Trost spendete allein die Besinnung auf den kleinen, einst mit so viel Liebe bedachten „Ableger“. Wenn er auch krumm und unansehnlich gewachsen war, hatte er inzwischen die stolze Höhe von fast zwei Metern erreicht.

Im Frühjahr, noch vor der Blüte, erschienen die ersten Baufahrzeuge. Schon eine Stunde später wurde begonnen, das Gelände hinter einer noch rasch gepflanzten Weißdornhecke zu roden. Dann geschah das Unfassbare. Eine Motorsäge wurde angeworfen. Keine drei Stunden später stand von dem über 70-jährigen Apfelbaum nur mehr ein Stumpf. Der neue Eigner des abgetrennten Grundstückes hatte befürchtet, die Wurzeln des Baums könnten sein zukünftiges Haus beschädigen. Daraufhin herrschte entsetztes Schweigen in der Siedlung.

An diesem Abend standen die Kinder hinter dem Haus und blickten starr auf die tote Leere, die noch in der Tagesfrühe von dem wuchtig aufragenden, gleichsam freundlichen Boskop-Apfelbaum belebt worden war. Es dunkelte bereits, als die trauernden Kinder ins Haus gerufen wurden. Während die Mutter auf der unteren Treppenstufe stand, war eine ungewöhnliche Spannung zu spüren, als stünde ein Gewitter bevor. Doch hatte es seinen Ursprung nicht in der Elektrizität aneinander reibender Luftschichten, sondern ganz offensichtlich hier irgendwo im Garten. Verwirrt von den ungewöhnlichen Empfindungen schloss die Mutter die Tür und achtete sorgsam darauf, dass die Fenster geschlossen blieben.

Am folgenden Morgen, auf dem Weg zur Schule, durchquerten die Kinder den Garten mit demselben Elan wie an anderen Tagen auch. Da machte eine rüstige Nachbarin, die zur Rechten wohnte, auf sich aufmerksam. Auf sich? Nein! Unzweideutig zeigte sie herüber auf das schmächtige Bäumchen vis-à-vis dem Hauseingang. Flüchtig, mit den Gedanken schon in der Schule, folgten die Kinder dem Hinweis. Dann blieben sie wie angewurzelt stehen, wollten zunächst gar nicht glauben, was sie sahen. Hell glänzte im Morgentau eine kleine, zarte Blüte zwischen frühlingshaften Blättern an dem dürren, lichten Geäst.

Ein Augenblick verging, dann verstanden die Kinder die Botschaft. Kurz darauf erschien die Mutter. Gemeinsam bestaunten sie das, was auch von vielen Anwohnern und Spaziergängern schon bald als Farmsener Wunder bezeichnet werden sollte. Und in Gedanken an die brutale und entwürdigende Abholzung des stolzen Boskop-Apfelbaums träumten die Kinder schon jetzt vom Herbst. Dann, so hofften sie, gäbe es vielleicht einen Apfel zu ernten. Wie immer er auch schmecken würde. Dem Himmel sei Dank.

Wenn Kopf und Hormone verschiedene „Sprachen“ sprechen.

Vorspiel

Nach der Abendtoilette trat Amigo Engelhard noch rasch ans Fenster, einen Blick hinaus zur Straße auf sein neues VW-Cabriolet zu werfen. »Volles Rohr!«, schnalzte er und ballte die Fäuste. Dann griff er zum Eau de Toilette für die besonderen Stunden. Sich selbstgewiss vor dem Spiegel drehend, setzte er zwei Duftmarken links und rechts hinter die Ohrmuscheln. Dann lockerte er mit dem Daumen das Gummiband seiner Shorts und sprühte ins quellende Gekräusel. Schließlich tätschelte er seine Wangen, nickte seinem Spiegelbild zu und verließ das Badezimmer.

Leichtfüßig überquerte Amigo den Flur, schwungvoll durchschritt er die Tür zum Schlafzimmer, wo Beate wartete. Wartete? Die Chance, sie zu verführen, so glaubte er, stand gut, denn der Abend war harmonisch verlaufen. Er hatte sogar geduldig zugehört, als sie von ihrer erkrankten Mutter gesprochen und von ihrem gerade erst verstorbenen Vater. Währenddessen hatte Beate Wein getrunken, zwei bis zum Rand gefüllte Gläser sogar. Für die Wenigtrinkerin ein Gläschen zu viel, wie Amigo wusste. Wie aufgelöst hatte sie am Polsterleder des Sofas geklebt, mit ausgestreckten Beinen und wirrem Haar. Heute würde er leichtes Spiel haben, freute sich der Verführer. Könnte Liebe schöner sein?

Der Optimist spürte ein hormongesteuertes Kribbeln im Unterbauch und schnalzte beim Betreten des Schlafzimmers: »Ich bin geil wie ein Zimmermann.«

Beate mochte diesen Vergleich nicht. Nicht, weil sie prüde wäre, sondern wegen der Nähe zum unvermeidbaren Handwerker-Begriff „Dachlatte“. Nicht nur einmal hatte sie über Amigos Prollsprache geklagt. Doch den scherten solche Empfindsamkeiten nicht. Schon allein, weil er seinen Mund nicht für belangloses Schweigen mit ins Leben bekommen hatte, wie er immer mal wieder gern betonte.

Beate vergrub sich in ihrem Bettzeug. Der Versuch, seiner Geilheit zu entgehen, schlug fehl. Amigo kam über sie wie ein Sprinter auf der 100-Meter-Strecke. Fehlte nur noch eine Siegerehrung mit Pauken und Trompeten. Ruck, zuck begann er, an ihrer Brust zu kneten. Dann, mit dem Geschick eines Mechatronikers, entriss er der Liebsten den Pyjama. Schon bestand Hautkontakt. Stoßweise entfuhr seinen Lippen ein durchaus melodisches Knurren, dazwischen das über alles erhabene »Ich liebe dich«.

Beate blieb hellwach. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich auf die geröteten Wangen des Lebensgefährten, auf verkrampfte Gesichtszüge und trübe, glotzende Augen. Ein Anblick aus wenigen Zentimetern Entfernung, was ihren Widerstand wachsen ließ, so wie auch der bittere Geschmack seiner Haut, sein säuerlicher Schweiß. Kurzum: Er schmeckte einfach nicht, irgendwie nach abgestandener Fleischbrühe. Eindrücke und Empfindungen, die Amigo komplett fremd waren.

Was er spürte, war ein Widerstand, den er als erotische Aufladung erlebte. Und weil er glaubte zu wissen, was sich gehörte, nahm er die vermeintliche Einladung an. Ja, wenn es sein müsste, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Schließlich wollte er seine Freundin beglücken und dazu gehörte der Sex wie der Weihnachtsmann zum Weihnachtsfest.

Längst war das Bett zerwühlt, hingen die mit Daunen befüllten Oberdecken über den Bettrand auf den Teppich hinunter. Und zum wiederholten Mal drängte Amigo Engelhard auf dem roten Laken mit stoischer Geduld gegen den zierlichen Leib seiner Angetrauten. Dabei den geschwollenen Stolz seiner Männlichkeit wie ein Brecheisen in jede Delle und Falte ihres Unterleibs pressend. Doch die grazilen, von keinerlei Pölsterchen geschützten Beine seiner Frau wollten sich einfach nicht spreizen.

Irgendwann ließ der Stürmische ab, setzte sich aufrecht, beschaute hilflos fragend das Objekt seiner Begierde. Dieses lag steif wie ein Brett auf dem Rücken, die Beine zu einem geraden Strich geformt, die Arme über den sanften Hügeln der Brust verschränkt. In den Augen ein Flackern von Qual und Erleichterung gleichermaßen.

»Hast du Migräne?«, fragte Amigo. Als eine Antwort ausblieb, setzte er nach: »Die Regel? Oder willst du mir einfach mal wieder den Abend verderben?«

»Nein«, entgegnete Beate, »ich bin müde und möchte schlafen.«

»Dann lass uns die Liebe zu Ende bringen«, verlangte Amigo und versprach: »Du weiß, ich brauche nicht lange.«

Beate, die ihre Körperhaltung gelockert hatte, wurde schlagartig steif und dünn wie ein Holzpfosten.

»Lass uns morgen darüber reden«, bat sie.

»Morgen, morgen, übermorgen«, entfuhr es Amigo beleidigt. Beate wandte sich ab, zog die Bettdecke über den Kopf. Amigo rieb mehrmals noch mit spitzem Finger über ihren Rücken. Doch als sie weiterhin abweisend blieb, zog er seine Hand zurück. Grummelnd nahm er übel.

Wenn er nur wüsste, was los war mit ihr? So ging das nun schon seit zwei Wochen. Von woher bezog sie diese Kälte? Eine Frage folgte auf die nächste. Und auf keine einzige besaß Amigo eine zufriedenstellende Antwort. Verdammt, was hatte er nur falsch gemacht? Hatte er überhaupt etwas falsch gemacht? Noch einmal strich er mit dem ausgestreckten Zeigefinger über ihren Rücken, zweimal, dreimal und so fort. Doch Beate machte keinen Mucks. Das ärgerte ihn. In der Vergangenheit hatte sie ein fehlendes Vorspiel beklagt, jetzt, da er sich darauf einließ, blieb sie kalt wie ein Fisch. Trotzig drückte er der Liebesverweigerin die Hand gegen den Rücken, erst behutsam, dann reibend. Verdammt, sie machte noch immer keine Anstalten, geil zu werden. Die Schlampe schummelt, klagte er und belauerte misstrauisch jede ihrer Regungen.

Der Zurückgewiesene, von Unrast getrieben, suchte die Küche auf, öffnete eine Bierflasche, trank rasch in kleinen Zügen. Der frisch gescheuerte Fußboden, der erledigte Abwasch, die akkurat an der Wand hängenden Schöpf- und Rührlöffel entspannten seine beleidigte Männerseele. Fleißig war sie ja, die Ungeile. Trotz der erfreulichen Ordnung benötigte Amigo drei Bier für die Bettschwere.

Am Morgen darauf zeigte er sich gehemmt, trug auf dem Gesicht ein unverkennbares Beleidigtsein durch die Wohnung. Beate wirkte fahrig. Ungeschickt befleckte sie die Tischdecke mit einem dünnen Faden Kaffeebräune.

»Sei vorsichtig!«, platzte es aus Amigo heraus. Das Unglück abzuwenden, fuhr seine Hand in Beates Bewegungsablauf. Prompt plumpste die Kanne zu Boden. »So ein Mist!«, schimpfte er.

Beate presste die Lippen aufeinander, holte Wischlappen, Handfeger und Kehrblech heran, ging auf die Knie.

Die letzten Porzellansplitter wechselten gerade vom Fußboden auf das Kehrblech, als auch Amigos Finger die Kehrschaufel umschlossen. Langsam suchten sie Beates Handrücken. Seine Wange presste er gegen ihre. Ein feuchter Kuss auf ihre Ohrmuschel kündete von einem neuen Begehren. Doch Beate entwand sich auch dieser Umarmung.

Dann stand das Paar einander gegenüber, er mit bis unter die Knie gerutschter Schlafhose und frei abragender Männlichkeit, sie mit verstörten Augen unter der demolierten Frisur. Was das Paar freilich noch immer verband, war das anhaltende, vertraute Schweigen. Amigo hob die Schultern und die Augenbrauen, sie hob das Kehrblech an, um die Scherben scheppernd in den Mülleimer zu schütten.

Einem sprichwörtlich begossenen Pudel gleich, flüchtete der Beleidigte ins Bad, dessen Tür er von innen verschloss. Erst als die Wohnungstür klappte, verließ er das selbst gewählte Exil. Vom Fenster aus verfolgte er den Weg seiner Lebensgefährtin zur nahen Kreuzung, wo sie bei Grün den Zebrastreifen überquerte. Hinter der Häuserzeile führte eine Treppe in den Untergrund zur U-Bahn-Station.

Auch Amigo machte sich früher als sonst auf den Weg zur Arbeit, einer großen deutschen Versicherungsgesellschaft. Er benutzte seinen neuen Wagen, ein VW-Cabriolet. Die ganze Fahrt über rätselte er über Beate. Und immer wieder mündeten alle Fragen in die eine Frage: Was für ein Teufel war nur in seine Liebste gefahren? Waren sie nicht immer glücklich gewesen in den gemeinsamen Jahren? Nie hatte sie genug bekommen können vom Sex mit ihm. Auch versauter hätte es manchmal nicht sein können. Wie passte das alles zu ihrer plötzlichen Frigidität? Ein fehlendes Vorspiel? Blödsinn! Immerhin hatte er ihr den Bauch gekitzelt. Tags zuvor sogar die Füße massiert. Amigo fürchtete das Schlimmste. Was wäre, wenn sie einen Geliebten hätte? Oh Gott, war es das?

Auch im Büro sollte Amigo keine Ablenkung finden. Lustlos nur verrichtete er seine Arbeit. Und dabei häuften sich gerade am Wochenanfang die Schadensmeldungen. Ununterbrochen klingelte das Telefon. Was, wenn einer der Anrufer Beates Geliebter wäre? Wenn der alleinige Zweck des Kontaktes der Vergewisserung seiner, Amigos, häuslicher Abwesenheit galt? Ein Gedanke, der die Nerven an ihre Grenzen trieb. Nur mühsam gelang es ihm, sich zu sammeln. Das Telefon ließ er von jetzt an öfter klingeln, bevor er zum Hörer griff.

Endlich, 12 Uhr, Mittagspause. Von Unrast getrieben verließ der Zweifelnde das Bürogebäude. Sollte er die 30 Minuten nutzen, um nach Hause zu fahren, nach dem Rechten zu sehen? Bevor er die selbst gestellte Frage beantworten konnte, kam ihm das Schicksal in die Quere. Und zwar in Form von Stimmbändern, die zu einer ehemaligen Freundin gehörten: Edith. Ach herrje, die hatte ihm gerade noch gefehlt. Ausgerechnet die, die ihn mit einer ganzen Armee von Stechern betrogen hatte. Amigo trat der Ehemaligen entgegen. Oh, gut sah sie aus, verdammt gut sogar.

Sie zeigte auf den Eingangsbereich von Amigos Arbeitgeber.

»Du machst immer noch in Schadensmeldungen?«

»Wie du siehst«, entgegnete er.

»Stell dir vor«, sagte Edith, ich arbeite seit Neuestem gegenüber auf der anderen Straßenseite. Beim Popper-Versand. Du weißt schon …«

Amigo grinste breitgesichtig.

»Aha«, antwortete er, ich nehme an, dass du dich inmitten der Erotik-Artikel heimisch fühlst.«

Edith verdüsterte ihre Augen. »Bitte keine Anspielungen.«

»Schon gut, aber …«

»Aber?«, fragte sie in gereizter Stimmung.

»… aber Erotik«, ergänzte Amigo trotzig, »Erotik ist doch schon immer genau das gewesen, was dich angetrieben hat.«

Edith hob abfällig eine Augenbraue.

»Wenn du mit Erotik so etwas wie Sinnlichkeit meinst, könntest du recht haben«, zischte sie, und: »Zu dir passt Sinnlichkeit wie das Wattenmeer zu einem Bergsteiger.«

Das waren Äußerungen, die unter normalen Umständen an einem Bereichsleiter einer Versicherung abperlen müssten wie Regentropfen am gewachsten Lack eines Autos. Heute aber ätzten solche Worte Löcher in die Hülle von Amigos Selbstbewusstsein. Und mit einem Mal pulsten sämtliche Probleme mit Beate aus ihm heraus wie Eiter aus einem entzündeten Gesichtspickel, der ausgedrückt wurde.

Amigo stoppte den Atem. Er fürchtete mit seiner Dampfplauderei als Gedemütigter oder Verlierer dazustehen. Schon war er auf dem Sprung, sich zu verabschieden, als ihm eine Chance bewusst wurde. Diese Tussi hat mir der Herrgott geschickt, schoss es ihm durch den Kopf. Wer sonst als eine erfahrene Frau wäre imstande, eine Frau zu verstehen? Und welchem anderen Menschen als einer ehemaligen Partnerin könnte man eine kompromittierende Angelegenheit dieser Art anvertrauen?

Prompt wandte er sich der Verflossenen zu und sagte mit einem Augenzwinkern: »Haben wir uns nicht eben gerade verabredet zum Mittagstisch?«

Edith, mit einem kessen Kopfwackeln, antwortete: »Wenn du mich so fragst, zum Chinesen geht ’s um die Ecke.«

Nach dem Genuss von »Ente süßsauer« und einer extra scharf gewürzten Portion »Huhn mit Bambus« war auch das Bedürfnis nach einem Austausch von Reminiszenzen gesättigt. Gemeinsame Freunde, Missgeschicke, Höhepunkte, in dieser Reihenfolge fand die einstige Beziehung zu neuem, wenn auch temporärem Leben. In der Geborgenheit eines Kokons aus Vertraulichkeit steuerte Amigo sein eigentliches Ziel an. Und das war die Reparatur seiner Beziehung zur aktuellen Lebensgefährtin Beate.

Amigo strich mit der flachen Hand die Tischdecke glatt, ordnete den Gewürzständer und die Löffel für die Nachspeise. Die in Honig gebratenen Bananen lagen noch auf dem Teller, da wusste Edith bereits, wie es um die Beziehung ihres Exfreundes stand.

»Da liegt etwas im Argen«, kommentierte sie. »Hat deine, äh, wie heißt sie doch noch?«

»Beate.«

»Hat deine Beate schon einmal über euer nächtliches Liebesleben geklagt?«

Erstmals spürte Amigo Nervosität.

»Was heißt beklagt? Sie stöhnt, quiekt, jauchzt und ist außer sich, wenn der Meister sie berührt.« Es hatte witzig klingen sollen, doch klang es eher nach Pubertät und Hinterhof.

Edith kniff schmunzelnd die Augen zusammen.

Dann flüsterte sie spöttisch: »Du brauchst gar nicht anzugeben, ich kenne dich genau.«

Die Anspielung zerstörte Amigos Wohlbefinden abrupt. Er hatte keine Beichte ablegen wollen, auch keine Selbstkritik üben, er wollte einfach nur einen brauchbaren Ratschlag, aber nicht um den Preis einer Erniedrigung.

»Bitte!«, ermunterte Edith ihren Exfreund sanft, dabei den Eindruck vermittelnd, die Herrin der Situation zu sein.

Prompt überquerte Amigos Blutdruck spielerisch die 200. Unter seinem T-Shirt spürte er nassen Schweiß, als er begriff: Es war an der Zeit, sich zu entscheiden, die Exfreundin gänzlich einzuweihen oder sich umzudrehen und zu gehen.

Amigo zögerte, lauschte in sich hinein. Für meine Beate, nur für sie, hörte er eine innere Stimme. Nun denn, schloss er, wenn ’s meiner Liebsten und mir von Nutzen ist. Und prompt sank der Blutdruck zurück auf Kreisliga-Werte.

»Um es kurz zu machen«, begann er, »du liegst richtig. Beate hat sich tatsächlich des Öfteren über ein fehlendes Vorspiel beschwert. Allerdings«, schränkte er ein, »kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie mich aus diesem Grund auf Abstand hält, ich meine, ich bin doch ein Guter in diesen Dingen.« Als Edith keine Anstalten machte, ihm beizupflichten, stattdessen mit spitzen Fingern die letzte Honig-Banane von seinem Teller fischte, wiederholte er nachdrücklich: »Du müßtest doch wissen, was ich leisten kann im Bett.« Es war keine Frage, klang aber ein bisschen wie eine Frage.

Sie zu beantworten, beeilte Edith sich nicht.

Nach einer quälenden Pause reagierte sie endlich: »Wenn du mit dem, was für dich „diese Dinge“ sind, ein sexuelles Vorspiel meinst, dann bin ich weit davon entfernt, dir beizupflichten.«

»Das meinst du doch nicht ernst?«

»Und wie ich das ernst meine«, beharrte Edith.

In Amigos Kopf zersplitterte ein Spiegel, einer, den er selbst aufgestellt hatte und in dem sein Ego wohnte. Edith ließ ihm Zeit für notdürftige Reparaturen. Derweil offenbarte sein Gesicht so etwas wie Verzweiflung.

»Nun gut«, sagte er schließlich, »ich schlage vor, dass du mir jetzt zeigst, wie ein gutes Vorspiel, wie sich dein Vorspiel anfühlt.«

So kurz und bündig, wie er sein Anliegen vorbrachte, so kurz und bündig willigte sie ein.

Edith, an Hüften und Schenkeln gut gepolstert, führte Amigo wortlos durch den Stadtteil, dann durch eine Haustür, die zu einem modernen Mietshaus gehörte. Mit dem Blick auf ihren Hintern, der kaum 40 Zentimeter voraus die Treppen hinauf schaukelte, fiel ihm das Atmen zusehends schwerer. Bleib ruhig, entspanne dich!, versuchte er eine aufkommende Erregung zu dämpfen. Es half nichts, ihm war, als verstopfte ein dickes, fusselndes Fell seinen Hals.

In ihrem IKEA-mäßig eingerichteten Wohnzimmer zeigte Edith auf ein zweisitziges gelbes Sofa.

»Mach es dir bequem«, sagte sie und verschwand in der Küche. Alsbald mischte sich Kaffeeduft zwischen die Staubteilchen, die im Strahl der einfallenden Sonne tanzten. Beate stellte zwei dunkelrote, schmucklose Becher auf den Tisch und nahm neben Amigo auf dem Sofa Platz, wo sie die Beine übereinander schlug. Amigo bemerkte, dass die Gürtelschnalle ihrer Jeans geöffnet war. Kaum mehr wagte er zu reden, weil er fürchtete, sich im Tonfall zu vergreifen.

Auch er legte die Beine übereinander, allerdings weniger aus Bequemlichkeit, sondern eher, um seine anschwellende Männlichkeit zu verbergen. Während Amigo schwieg, begann die ehemalige Freundin über längst vergorene Gemeinsamkeiten zu plaudern, über ehemalige Freunde, vor allem über solche, die vom Leben scheinbar verschluckt worden waren.

Endlich brachte Edith die Sprache auf das Vorspiel. »Lass uns beginnen«, schlug sie vor. Dabei warf sie einen flüchtigen Blick auf eine hölzerne, verzierte und hell gelackte Standuhr, eine imposante Seltenheit, die wie ein Wächter neben der Tür zum Balkon stand.

»Ich habe bis 16 Uhr Zeit«, sagte sie, »dann bin ich zum Sport verabredet.«

Also gerade mal eine Stunde. Aber immerhin, dachte Amigo, die reicht für zwei klassische Nummern und 25 Vorspiele. Sein Atem wurde heftiger, sein Puls bog auf den Nürburgring ein. Was würde ihn erwarten? Er kannte Edith schon viele Jahre und während der gemeinsamen Monate hautnah, auswendig wie inwendig. Dennoch besaß er keine Vorstellung von dem, was sie vorhatte. Vorerst schenkte sie Kaffee ein. Verdammt, wo blieb der perlende Wachmacher? Früher, an langen Abenden, hatte sie Sekt serviert, manchmal auch Wein.

Kräftig holte Amigo Luft, als wollte er einen Ballon aufblasen.

»Ich beginne jetzt schon einmal mit dem Vorspiel«, presste er hastig hervor und schob eine Hand zwischen ihre Bluse und ihren Bauch, die andere zwischen die Polsterung das Sofas. Überrascht von seinem Tun krümmte Edith den Rücken, ihm Platz zu lassen. Seiner Zärtlichkeit den Weg zu bereiten, wie Amigo glaubte. Dann drückte er zwei Finger auf ihre Wirbelsäule und begann mit den Fingerspitzen kreuz und quer über ihren Rücken zu reiben.

»Na?«, fragte er erwartungsvoll.

»Warum so hektisch?«, antwortete Edith und bat: »Jetzt benutze bitte deine Fingernägel und dann hoch zum Schulterblatt – ja, so, kräftiger bitte! Oh, oh, wunderbar, das kann ich gebrauchen; und jetzt wieder runter und nun kreisend, links herum, rechts herum, genau an dieser Stelle juckt es mir feste.«

Amigo strahlte. Na bitte, dachte er, und öffnete die Beine, sein Geschlecht anzubieten.

»Na, gib es zu«, hauchte er, »wenn das kein Vorspiel ist?«

Plötzlich rückte Edith von ihm ab, antwortete: »Wieso? Was denn? Vorspiel? Du meint doch wohl nicht das Geschrubbe und Gefege auf meinem Rücken?«

Amigo war sichtlich verwirrt. Was soll das, dachte er, erst jault sie auf und stöhnt wie eine Wachtel in Chilisoße, um anschließend so einen Scheiß zu behaupten? Na warte! Unvermittelt fasste er seiner Gastgeberin an den Schenkel. Da sprang Edith auf, trat einen Schritt zur Seite, glättete demonstrativ ihre Hosenbeine.

»Ich lebe in einer intakten Beziehung«, sagte sie empört.

»Na und, ich auch. Es hat dich doch früher nicht gestört fremdzugehen. Hast du das vergessen?«

Edith grinste spöttisch. »Pech für dich, dass meine Liebhaber im Gegensatz zu dir die feine Kunst des Vorspiels beherrscht haben.«

Jetzt sprang Amigo auf. So eine Gemeinheit. Mit großen Schritten suchte er den Weg an der Standuhr vorbei auf den Balkon. Da hinten, hinter der Einbiegung, stand sein wunderbares Auto am Bordstein. Eine Gewissheit mit beruhigender Wirkung. Sollte er aufbrechen, einfach davonfahren? Andererseits: Was hatte er zu verlieren? Vielleicht ergab sich ja doch noch etwas. Sie war eben unberechenbar, die Ex. Amigo sortierte seine Nerven, setzte ein einstudiertes Verführerlächeln auf und kehrte zurück ins Wohnzimmer, wo er vom Gong der Standuhr abgelenkt wurde.

»Schöner Klang, sehr geschmackvoll, die Uhr«, lobte er.

Edith legte den Kopf auf die Seite. »Womit wir beim Vorspiel wären.« Sie wies mit dem Arm auf das Zifferblatt. »Denn zwischen Mann und Frau geht es zuallererst um eines, nämlich um Zeit, und zwar um gaaanz viel Zeit.«

Amigo setzte sich wieder aufs Sofa, lenkte seinen Verführerblick auf Edith. Die freilich blieb unbeeindruckt, sprach von sanften, liebevollen Worten, von Gedichten und Liebesschwüren. Amigo verzog das Gesicht, der Verlauf des Nachmittags missfiel ihm zusehends. Andererseits: Bewusst oder unbewusst: Die Ex besaß nun einmal eine erotisierende Ausstrahlung, da war es einerlei, wovon sie gerade sprach. Und weil er ihr zuhörte, so sein Verständnis, besaß er einen Anspruch auf sie, zumindest für die nächste halbe Stunde. Aber was, beim Teufel, hatten Gedichte mit Geilheit zu tun? Unterdessen sprach Edith von erregenden Düften, von Vanille, Rosenholz, von Chanel und Max Faktor. Endlich, mit Düften konnte Amigo etwas anfangen. Von denen ging tatsächlich etwas Erregendes aus. Und prompt legte seine ohnehin vorhandene Lüsternheit einen Gang zu. Ihre Vulva kam ihm in den Sinn, vertraute, lockende Gerüche, aber auch peinigende Nächte, in denen ihr Geschlecht als fleischfressende Pflanze durch seine Träume gewachsen war. Andererseits – zweifelnd wiegte der Erregte den Kopf – stand außer Zweifel, dass profane Gerüche der zwischenmenschlichen Art niemals heranreichen könnten an diesen sinnlichen Rausch, der von einem röhrenden und qualmenden Auspuff eines PS-starken Autos ausging.

Beate dozierte weiter und sprach von zärtlichen Berührungen, von Küssen, Knüffen, Liebkosungen. Amigo gab zu Bedenken, dass die Nacht keine 36 Stunden habe. Er finde Ediths Version eines Vorspiels ermüdend und abtörnend. Aber, so lenkte er ein, intime Hautkontakte würden ihn ganz gewiss nicht schrecken. Nur sollten sie nicht in Arbeit ausarten.

Nicht lange und Amigo erklärte seine Ansprüche an diesen Nachmittag für passé. Resignierend zuckte er mit den Achseln. Und als Edith zum wiederholten Mal ganz unerotisch zur Standuhr schielte, beschloss er, sich versöhnlich zu zeigen. Er bedankte sich für die vielen guten Ratschläge und versicherte, zukünftig mehr Kreativität walten zu lassen beim zärtlichen Miteinander. Ganz so, als hätte Edith nur darauf gewartet, reichte sie ihm einen Katalog vom Popper-Versand. Amigo drückte seiner Ehemaligen einen Kuss auf die schmalen Lippen und verließ die Wohnung mit ein paar dahingeworfenen Floskeln.

Eine knappe Stunde verbrachte der Ratsuchende noch an seinem Arbeitsplatz. Dann trieb es ihn hinaus, den Motor seines Cabriolets auf Touren zu bringen. Nicht lange und er suchte eine Tankstelle auf. Nahe der Kasse stand eine Vitrine mit Autofahrer-Handschuhen: edelstes Nappa. Handmade. Sie passten hervorragend zur roten Lackierung und der grauen Innenausstattung seines Autos. Normalerweise sündhaft teuer, heute aber unschlagbar im Preis reduziert. Amigo zögerte nicht.

Beate aber schien wenig begeistert zu sein von dem raffinierten „Sexspielzeug“. Woraus sie keinen Hehl machte. Und so sollte der Mob schon seine erste Anwendung nicht überstehen. Nachbarn beobachteten am folgenden Morgen, wie Amigo am Straßenrand hockte und mehrere Teile eines zerbrochenen Irgendetwas einsammelte. Zuletzt hielt er ein wuscheliges Knäuel in der Hand. Einen bekümmerten oder enttäuschten Eindruck hinterließ der Eifrige aber nicht. Im Gegenteil: Gut gelaunt begann er mit dem Knäuel die Felgen seines Cabriolets zu reinigen.

Wo die Fiktion sich potenziert.

Die Vorsehung

Mit ausgestrecktem Finger zeigte Huberts jüngere Schwester zur flachen Bühne, auf der gerade ein Mikrophon in Betrieb genommen wurde: »Eins, zwei – eins, drei.«

»Dort ist er«, flüsterte die 44-Jährige.

Hubert schaute genauer hin und entdeckte am dunklen Bühnenrand hinter dem ausgeleuchteten Lesetisch einen älteren Herrn. In der einen Hand hielt er ein Buch, in der anderen eine Zigarette, die er mit dem Habitus eines selbstbewussten Rauchers aufglimmen ließ. Bekleidet war er mit einem grün karierten Jackett und einer beigefarbenen Hose. Sein Haar wirkte struppig, geschmückt von einer schweifenden Locke über der linken Stirnhälfte.

»Das ist Florian Lohmann!«, erklärte Ramona mit vor Aufregung verschluckter Stimme.

Ach, du dickes Ei, dachte Hubert. Genau solche Figuren hier anzutreffen, hatte er befürchtet. Ungläubig starrte er auf die kunstvoll frisierte Angebertolle über dem herablassend zuckenden Auge des vermeintlichen Literaturstars. Wie im Film. Und plötzlich wusste er, dass es eine fragwürdige Idee gewesen war, die Schwester in die Lesung dieses Kerls zu begleiten.

Bis zum Beginn blieb noch Zeit für ein fruchtiges König Pilsener. Ramona bevorzugte einen trockenen Rotwein. Sie bugsierte Hubert in eine tote Ecke zwischen dem Büchertisch und der Garderobe.

»Sieh dich um«, sagte sie in einer recht merkwürdig anmutenden Tonlage und zeigte mit dem Finger in den Saal hinein: »Was hältst du von der Frau mit dem Zopf oder von dieser da oder von der dort?«

Ramona hatte für ihren Bruder die Karten legen lassen. Mit dem unmissverständlichen Ergebnis, dass seine, Huberts, Sehnsucht nach einer neuen, glücklichen Beziehung zu einer passenden Frau kurz bevorstünde.

Endlich wieder eine erfüllte Liebe? Hubert, dem jede Form von Kaffeesatzleserei fremd war, gab eigentlich nichts auf Spiritualität. Der Verlockung aber, dass auf Autorenlesungen interessante, neugierige, unvoreingenommene Frauen anzutreffen waren, hatte er nichts entgegenzusetzen.

Wieder drang die Stimme der Schwester in seine Wahrnehmung: »Da, die blond Melierte, der bin ich schon öfter begegnet, ich schätze sie auf um die vierzig. Sie besucht Lesungen stets in Begleitung von zwei jünger aussehenden Frauen.« Ramona schaute sich um, streckte die Zehenspitzen und begann ungeniert die Stuhlreihen abzusuchen. »Wo mögen die beiden Frauen sein?«

Weiber angucken, dagegen hatte Hubert nichts einzuwenden. Das tat er täglich: im Büro, im Trimmclub, beim sonntäglichen