Der Schwedenstein - Rudolf Gödde - E-Book

Der Schwedenstein E-Book

Rudolf Gödde

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Beschreibung

"Das gräuliche Schießen, das Geklapper der Harnische, das Geschrei der Verwundeten und Angreifenden machten neben den Trompeten, Trommeln und Pfeifen eine erschreckende Musik. Bald sah man im Festungsgürtel und vor den Mauern nichts anderes als einen dicken Rauch und Staub. ...immer neues Verderben spien die Kanonen in die Stadt, und Tod und Verderben wartete derer, die gegen sie anstürmten. Es waren immer neue Regimenter, die von den Schweden und Hessen ins Treffen geführt wurden. Schon war der Mut auch der tapfersten Verteidiger gesunken, da eine Aussicht, den Kampf zu gewinnen, wegen der großen Masse der andringenden Feinde und wegen des drohenden Zerfalls im Inneren der Stadt wohl nicht mehr bestand - da schickte der Himmel unerwartete Hilfe..." Rudolf Gödde lässt die historischen Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges rund um die alte Festung Marsberg in diesem detailreichen Roman aufleben.

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Seitenzahl: 501

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Geleitwort zur Originalausgabe:

Zum Geleit!

In diesem Heimatroman ist die an wechselvollen Schicksalen und Ereignissen reiche Vergangenheit der Diemelstadt Marsberg zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges in spannender und anschaulicher Form geschildert.

Reinhard Kloke, ein ehrbarer Bürger und Träger eines geachteten Geschlechtes, steht im heldenmütigen Kampfe um seine Heimat als überragende Gestalt im Mittelpunkt seiner Zeit. Die Größe seiner Gesinnung und die Aufopferung für seine Heimat bestimmten sein Leben und Wirken.

Noch heute ist sein Name und das Andenken seines heldenmütigen Todes durch den „Schwedenstein“ in der Nähe Obermarsbergs der Nachwelt erhalten.

In die sturmbewegte Zeit des Dreißigjährigen Krieges will das vorliegende Buch uns einführen, damit wir aus dem Studium und der Kenntnis jener unseligen Zeit neue Kraft und belebenden Ansporn für die Gegenwart schöpfen.

So soll denn dieses Werk hinauswandern und Euch allen künden von dem Freiheitskampfe unserer Vorfahren.

Als Nachkomme meines großen Ahnherrn Reinhard Kloke wünsche ich diesem Werk meines Mitschülers und Freundes überall recht freudige Aufnahme.

Köln am Rhein,

Joseph Hennecke

im August 1936

Hauptschriftleiter

Kapitel- Folge:

Zeitenwende - Schicksalswende?

Irrsinnswüten - Lenzesahnen

Drohende Blitze - rettende Burg

Das gefährliche Bergnest

Die Abtrünnigen

Dunkle Tage

Böse Händel - stilles Glück

Bange Tage

Des Helden Tod

Der Fall der Festung

Retter aus der Not

Ausklang

Nachbemerkungen zur Neuausgabe 2020

Übersicht der Zitate und Textübernahmen

Abbildungsverzeichnis

1. Zeitenwende - Schicksalswende

I.

„Wisset, ehrenfeste Freunde: ein altes Reiterlied, das ungezählte Male von unseren Lippen geklungen, da wir hoch zu Roß und fiebernden Herzens ins Feld gerückt - just in den kommenden Monaten solls im besten Sinne gelten:

Aufgesessen, die Zügel gerafft,

Wie ein Aar über Berge und Täler gefegt,

In dämmernde, lockende Weiten!

Zerwürfelt die Sorgenlast, Pfund um Pfund, -

Und reitest du auch das Roß in den Grund,

Und stürzest in gähnenden, felsigen Schlund,

So ist es doch selig zu reiten! . .“

Heiß und rot, wie siedende Flammenbrunst leuchtete es aus den Augen und Wangen des Sprechers, der jetzt das Glas hob mit dem purpur leuchtenden Wein hoch empor.

„Wir trinken auf das neue Jahr, meine Teuren! Komme, was kommen mag! Prost!“

Als habe er sinnlose Hast, so stürzte er das Rebenblut hinab, - schleuderte dann den Pokal mit Wucht gegen die Wand, daß er klirrend zerschmetterte.

„Mögen diese Scherben“ - ließ er sich wieder mit tiefer Stimme vernehmen – „uns ein gutes Zeichen sein, daß das Jahr des Heils 1629 Glück bringt, - 7 -wir´s uns wünschen.“

„Prost! Prost auf 1629!“ tönte es dem kaiserlichen Kommandanten Peter Janson im Rathaussaale zu Marsberg entgegen. Schnell ergriff er ein zweites bereitgestelltes Glas und leerte es mit hastigen Zügen.

Einer von den Kriegsleuten aus der frohen Runde stimmte rauh ein Kriegslied an, die anderen sangen es mit.

„In ritterlichen Kriegeszüg´n

Das Herz im Leib mir lacht.

Ha! Wenn die Fah´n im Feld herflieg´n

Und manch´ Kartaune kracht;

Dann streit ich stark mit meinem Gott

Für mein lieb Vaterland,

Der mich verläßt in keiner Not,

Frisch brauch ich meine Hand,

Frisch brauch ich meine Hand.

Dann schließ ich meinen Helmen zu,

Leg ein den scharfen Speer,

Mein´ Gegenpart erwarten tu´,

Wenn er rennt auf mich her.

Mein Schwert ist blank, mein Büchs´ gelöst,

Das Roß steigt frisch hinan;

Mein Speer den Feind zur Erde stößt,

Gut´ Sache stärkt den Mann.

Gut´ Sache stärkt den Mann.

Herr Christ, stärk´ alle Reitersleut´,

Die mit Gewissen gut

Dein Wort zu ehren sind bereit,

Zu sterb´n aus freiem Mut.

Unrechten Krieg gewaltig wehr´,

Der Eigennutz und Macht mehr sucht

Als deines Namens Ehr;

Drauf sei es frisch gewagt!

Drauf sei es frisch gewagt!“

Der kaiserliche Kommandant hatte es gern, wenn seine Leute sangen. Freilich - im Kampfe ihren Mann stellen, das konnten sie besser.

„Glückauf dann in dem neuen Jahr zum blutigen Festestanz!“ schmetterte der Kommandant wieder in den Saal hinein mit seiner ungebärdigen Stimme, und seine klobigen Fäuste, die besser einen Säbelknauf als ein zierliches Weinglas zu fassen vermochten, schwangen ein zweites Glas gegen die Wand. . .

Seine Leute kannten ihn so im Festesrausch, im lohenden Überschwang jugendlichen Feuers, obschon ein grauer Schimmer sein üppiges Haar durchwirkte. Aber die Gäste aus der Stadt und Nachbarschaft überfiel ein peinlich- schreckhaftes Schweigen, eisig und starr wie der kalte Ostwind, der gerade an den Fenstern rüttelte, einige Augenblicke sah man sich an: Schoß der Kaiserliche doch an Wildheit weit über seine sonstige Art hinaus. War´s Galgenhumor, war´s angehende Verzweiflung - zerstörende Wirrnis?

Jetzt erhob sich, einige Sitze entfernt vom Kommandanten, ein würdiger älterer Mann. Seine Worte: „Soldaten des Kaisers, Bürger und Freunde!“ gingen im Stimmengewirr unter. „Ruhe für den Bürgermeister!“ brüllten zwei- - vier - sechs Mann im bürgerlichen Kleid.

„Freunde! Ich erhebe mein Glas auf unser Wohlergehen. Der Kaiser soll leben! Auch stimmt ein ins Hoch auf unsere unüberwindliche Feste Marsberg, die wir gegen jeden anrückenden Feind halten werden, wir Bürger und Kriegsleute zusammen. Aber wenn es Gott will, so hält er uns die fremden Horden vom Leibe. Vielleicht auch schenkt uns der Himmel im Jahre des Heils 1629 das Morgenrot des Friedens - zum Wohle für Stadt und Volk! Ein Vivat dem Kaiser, ein Hoch auf Marsberg!“

Bürgermeister Kleinsorge von Marsberg trank dem Kommandanten zu. Der Schein der hundert Kerzen im Rathaussaal gleißte in seinem Glase.

„Frieden, daran glaub ich nicht,“ wetterte gereizt der Stadtkommandant. „Wir brauchen Kampf und Krieg, damit wir die ganze feindliche Brut vernichten. Nieder mit dem Mansfeld, weg mit dem Christian von Braunschweig. Nicht eher ist Frieden, als sie mit ihrem Söldnerheer aus aller Welt zugrunde gerichtet sind. - Auf, Spielleute einen Tanz! Noch immer ist unser Blut steif und schwer wie gefrorener Sirup; soll schäumen und mussieren wie funkelnder Wein. Auf, Spielleute, zum Tanz!“

Ehern schmetterten die Posaunen, süß mischte sich darein das Spiel der Geigen und Gymbeln – und mit der Musik quirlte und wirbelte jauchzendes Leben – wie rauschendes, tosendes Funkensprühen ins neue Jahr hinein.

Rauh ging´s bei den Kriegsknechten zu. Der Wein, auf einem Beutezuge von fremden Söldnern erobert und vom Kommandanten eigens für diese Feier reserviert, floß in Strömen und berauschte die Sinne der kaiserlichen Besatzung, die schon seit Jahren im festen Marsberg lag. Schon drei - viermal hatten die meisten Leute der Besatzung hier den Übergang zum neuen Jahre miterlebt. Viele waren des Nichtstuns überdrüssig geworden und hatten sich zu Wallensteins oder Tillys siegreich vordringenden Truppenteilen versetzen lassen. „Kampf wollen wir haben! Ran an den Feind!“ lallten betrunkene Kaiserliche in dieser Neujahrsnacht und verprügelten sich aus Übermut gegenseitig, daß es blutige Köpfe gab. Die Gäste im Bürgerrock hielten es für ratsam, einer nach dem anderen den Rathaussaal zu verlassen, um nicht die Zielscheibe derber Soldatenfäuste zu sein; denn wie leicht wird im Banne des Teufels Alkohol ein Streit vom Zaun gebrochen, der böse Folgen nach sich ziehen kann.

Zeitig verabschiedete sich auch Bürgermeister Kleinsorge vom Stadtkommandanten, der etwas pikiert war über den frühen Aufbruch und in seinen struppigen Bart knurrte, ob es den Bürgern und ihrem Oberhaupt nicht wohl bei dem Soldatenvolk gefiele.

In der Tat, der Bürgermeister war froh, aus diesem Kreise fort zu sein. Nur ungern ja hatte Marsberg fremdes Kriegsvolk aufgenommen. Vor einigen Jahren, zu Beginn des Krieges, war eine kaiserliche Besatzung in die Stadt gelegt worden, und das hatten die Bürger schmerzlich empfunden. Sie hätten sich lieber wie die Bürger der Nachbarstadt Brilon ganz neutral gehalten und gar keine Garnison aufgenommen. Wie oft schon hatten er, der zeitige Bürgermeister, und alle seine Vorgänger im Amte sich an die Regierung gewandt, die Stadt mit einer ständigen Einquartierung zu verschonen. Aber alle ihre Bitten und Vorstellungen wurden abschlägig beschieden. Wie gerne würden die Marsberger, statt die Einquartierung zu haben, hohe Kriegssteuern zahlen. Nun sie eine kaiserliche Besatzung hatten, wirkte die Feste Marsberg auf die benachbarten protestantischen Hessen und Waldecker wie ein rotes Tuch, und sie mußten jeden Tag des Angriffs der kriegerischen Nachbaren gewärtig sein.

Durch die kalte Neujahrsnacht schritt der Bürgermeister seinem Hause zu, das sich unweit der Mauer befand.

Am Mittag des Neujahrstages nahm er als Stadtoberhaupt alter Sitte gemäß die Glückwünsche der Bürgerschaft der festen Stadt auf dem Berge im Rathaussaal entgegen. In ihrer Amtstracht erschienen die Ratsherren und die Führer der Zünfte, an der Spitze die Dekane der Kaufleute mit den Senioren, den Markt- und Kornherren. In Bergmannsanzug traten mehrere Bergleute an, die zwar ohne feste Organisation und geschriebene Statuten, aber doch durch ungeschriebene Rechte den Gewohnheiten miteinander verbunden waren. Mit ihren Amtszeichen erschienen die städtischen Beamten, die „Diener“. Auch der katholische Stiftsprobst und der Pfarrer hatten sich eingefunden, aber es fehlten diesmal die Vertreter der Protestanten. Seit Jahresfrist waren die früheren Protestanten wieder zur katholischen Kirche zurückgekehrt oder meist aus Marsberg ausgewandert. Der Schützenhauptmann mit den Rottenmeistern standen in Wehr und Waffen. Die Dekane der „Altenstadt“ wünschten ebenfalls der „Hauptstadt“ Glück und Segen im neuen Jahr.

Wie es seine Amtsvorgänger schon seit Jahrhunderten machten, so dankte Bürgermeister Kleinsorge für die dargebrachten Glückwünsche und fügte hinzu: „Bürger der ehrenwerten Stadt Marsberg! Wir wollen auch im kommenden Jahre unsere Stadt gegen jeden andrängenden Feind verteidigen. Wie halten stand im Wetterbraus der Kriegsnöte wie ehedem unsere Urväter auf der Eresburg.“

Die wetterharten Gesichter der kampferprobten Bürger und Schützen nickten Zustimmung. 500 Mann standen in Marsberg als waffenfähige Mannschaft, aus der Bürgerschaft der Festung und Bürgern der Altenstadt und Erlinghausen gebildet. Daneben lag eine kleine kaiserliche Mannschaft in der Stadt. Beide unterstanden dem Befehl des kaiserlichen Stadtkommandanten Janson, der aus Norddeutschland stammte.

An den Empfang im Rathaussaale schloß sich die übliche Besichtigung der Festungswerke unter der Führung des Bürgermeisters an. Mit berechtigtem Stolz schritten die Zunftmeister und Ratsherren und Bürger und Schützen die Festungsmauern ab. In diesen kriegerischen Zeitläufen gaben sie ihrer Stadt den Ruf der Sicherheit; zudem war die Stadt Marsberg durch ihre natürliche Lage außerordentlich geschützt. Die starken Mauern, die den Ort umzogen, folgten dem Rande des Bergplateaus. An einigen Stellen erhob sich die Mauer bis zu einer Höhe von drei Metern.

Obermarsberg (Illustration: Marie-Luise Runte)

Als der Bürgermeister mit seinen Getreuen zum Buttenturm kam, der auf der nördlichen Kante des Berges liegt, trat der Posten heraus und meldete: „Hier sind ein Wachtmann und vier Gefangene!“ Ein Blick in das dunkle Verließ des Turmes überzeugte den Bürgermeister von dem Vorhandensein vier menschlicher Gestalten, die auf dem Boden kauerten.

An den Stellen, wo der Berg sich durch einen fast senkrechten Abhang selber schützte, wies die Mauer große Lücken auf. Der Bürgermeister gab Anweisung, hier den brüchigen Holzzaun durch einen starken Zaun und Palisaden zu ersetzen. Da der Abhang des Berges an der Südwestecke von oben nach unten eingedrückt ist, und wenn irgendwo an der Westseite, so hier in dieser Mulde ein Ersteigen des Berges vom Westen her möglich war, legte der Bürgermeister besondere Aufmerksamkeit auf die Besichtigung der hier gebauten drei Schanzen, deren mittlere eine Doppelanlage war. Er ordnete hier eine durchgreifende Reparatur an.

In Windungen innerhalb der Schanzanlagen ging der Weg nach Süden weiter. Hier ist der sonst frei aufragende Berg durch einen nur schmalen Riegel mit der Hochebene verbunden. Er fällt hier etwas weniger steil ab als auf den anderen Seiten. Von Süden her führte die bequemste Straße in die Stadt. Die Südseite war am meisten gefährdet. Besonders gut mußten deshalb hier die Befestigungswerke sein, hier wo das große und starke Stadttor, Steintor genannt, lag. Bis zu diesem Steintor reichten von der Südwestkante des Berges her die Vorwerke, Hornwerke genannt, die sehr stark waren und mit der den Vorwerken außerdem noch vorgelagerten gewaltigen doppelten Schanzanlage das nahe Steintor und die Straße vollständig sicherten. Im Vorwerk traten die Männer durch das kleine, enge und leicht zu verteidigende Tor aus dem Festungswerk hinaus, das die Wachtmannschaft gehorsamst öffnete.

Sie schauten gen Süd- Westen auf das Berg- und Hügelland. Die Bergkuppen hatten Schneehüte auf, die im Wintersonnenschein glänzten. Ein friedliches Land lag vor ihnen.

Über zehn Jahre schon toste die Kriegsfurie durch Deutschlands Gaue. Viele Gaue waren von Rosseshufen zertreten. Ein Kampf der Deutschen gegen Deutsche war es, in dem schon viele ihr Leben aushauchten, ein Kampf, den Eroberungslüste anderer Völker immer aufs Neue entfachten. - Aber in die heimischen Gaue war der Krieg noch nicht vorgedrungen. Verschiedentlich schien es, als ob die Ligisten oder Tilly oder Christian von Braunschweig ihren Marsch auf Marsberg nähmen. Aber wie durch Wunder blieb das Marsberger Land bisher verschont. Ein friedliches Land lag vor dem Bürgermeister der Stadt auf dem Berge und seinem Rate, die alle die Schrecken des großen Krieges bisher nur vom Hörensagen kannten.

„Ein neues Jahr ist heraufgestiegen. Wer weiß, was es uns an Freuden oder Leiden bringt!“ sprach nachdenklich Bürgermeister Kleinsorge zum Ratsherr Gerold. „Wie kann´s uns Gutes bringen?“ entgegnete dieser. „Wie, habt Ihr neue Kunde von den Kriegsläuften erfahren? Erzählet!“ Die Umstehenden bedrängten den Ratsherrn Gerold förmlich. „Wie kann´s uns Gutes bringen, wenn Warburg, nur einige Wegstunden von uns entfernt, in Schutt und Asche liegt? Wenn des tollen Christian Horden raubend und zerstörend im Paderborner Land einherziehen? Wenn die nachbarlichen Waldecker und Hessen uns ständige Drohbriefe schicken? Wer weiß, ob sie nicht doch ihre Drohungen bald wahr machen, vor unsere Tore rücken und solange hier bleiben, bis wir die kaiserliche Besatzung ihnen ausgeliefert und uns schriftlich verpflichtet haben, keine neuen Kaiserlichen wieder aufzunehmen?“ – „Die soll´n nur kommen, die Landgräflichen von Hessen oder die fürstlichen Vasallen von Waldeck! Die zwingen uns nicht!“ Ein Rottmeister der Schützen sprach´s und stellte sich in Positur und fuchtelte mit seiner Hellebarde herum, als ob er die Feinde schon vor sich hätte. – „Ich wäre dafür, die Kaiserlichen sowieso jetzt hinauszubefördern. Was brauchen wir diese fremden Söldner hier zu verpflegen mit Frauen und Kindern, he? Hinaus mit dem Volk, von dem wir nichts Gutes lernen! Wir sind selbst Männer genug, uns in unseren Mauern zu verteidigen. Hinaus, sage ich, so schnell es geht!“ Der sich so in Schweiß redete, war Ratsherr Vogt, der als früherer Bürgermeister mit den Kaiserlichen schon manchen Strauß ausgefochten hatte. „Raus mit den Kaiserlichen!“ stimmten einige aus der Begleitung des Bürgermeisters Kleinsorge zu. Der zog die Stirn kraus und blickte ernst in die fragenden Gesichter: „Das geht nicht, Bürger. Das gebietet uns die Klugheit. Wir dürfen uns mit den Kaiserlichen nicht verfeinden. Des Kaisers Herzog Wallenstein ist überall siegreich im Vormarsch. Tilly hat Christian von Braunschweig geschlagen. Die kaiserlichen Heere sind an uns vorbeigezogen und haben uns mit Abgaben und Plünderungen verschont. Wir wollen lieber - wenn auch ungern - das kleine Opfer der Besatzung tragen, als in erhöhter Gefahr schweben, von den Heerhaufen der Kaiserlichen gebrandschatzt und ausgeplündert zu werden.“

„Raus mit den Kaiserlichen sage ich trotzdem“, knurrte der Vogt, als der Bürgermeister unter der Zustimmung der meisten geendet hatte. Doch was hatte es für einen Zweck, sich hier zu streiten. So dachten beide, Bürgermeister Kleinsorge und Ratsherr Vogt, die schon in manchen Ratssitzungen und Zusammenkünften wie wilde Kampfhähne aneinandergeraten waren, wobei der jetzige Bürgermeister Kleinsorge durch seinen alle Umstände klug abwägenden Sinn immer die Oberhand behielt.

Mit der Unterhaltung über die schwebenden städtischen Angelegenheiten beschäftigt, schritten der Bürgermeister und sein Gefolge am Neujahrstage wieder durch das Stadttor in die feste Stadt mit ihren stolzen Bürgern, mit ihren wackeren Schützen, die wie Eichbäume standen, mit ihren Türmen und Zinnen, die so manchem Sturm der Jahrhunderte getrotzt.

Die einzelnen Männer, die an der Besichtigung teilgenommen hatten, zerstreuten sich und gingen ihre eigenen Wege, die meisten in ihre Häuser; einige wenige, unter ihnen war Ratsherr Vogt, zog es in die Stadtschenke im Rathaus. Hier hatten sich schon mehrere Bürger zusammengesetzt zu einem fröhlichen Umtrunk auf das neue Jahr. Die kaiserliche Besatzung war - Gott sei Dank - bis auf die Wachen nach Erlinghausen ausgeflogen.

Vogts Gesicht erhellte sich, als er das vernahm; er schlug mit der Faust auf den Tisch, daß es dröhnte - vor lauter Übermut, voll Freude, die bunten Uniformen der Söldlinge heute nicht unter den Augen zu haben, die Uniformen der Kaiserlichen heute nicht ansehen zu müssen, die er haßte, wie nur ein Mann hassen kann.

„Nun mal langsam, Freund!“ mahnte der Wirt, „du sollst heute noch genug haben. Laß einen Reichstaler hier, dann kannst du zechen, solange dir´s heute beliebt - meinethalben bis übermorgen.“ – „Ja, wenn die verdammten Kaiserlichen wegblieben für immer, dann gäb´ ich noch dazu einen Reichstaler für die Armen“, lachte Vogt auf. „Was haben dir die schon wieder getan, daß du sie auf den Blocksberg wünschest“, fragte der Stadtschänken- Wirt Martin neugierig. „Pst, schlagt hier nicht solche Töne an gegen die Kaiserlichen; jeden Augenblick können sie zurück sein, und dann setzt es was ab, wegen Eurer verächtlichen Reden“, mahnte Peter Kleinsorge, des zeitigen Bürgermeisters Bruder. Der Wirt kniff dem Ratsherrn Vogt ein Auge zu, und Vogt tat, als ob er diesen Zwischenruf des Sicherheitskandidaten nicht gehört hätte.

„Die Kaiserlichen müssen es in Erlinghausen heute gut vorhaben“, erzählte leise der Wirt Martin seinem Gast Vogt, der manchen Silbergroschen bei ihm ließ, und der ihm deshalb lieb und wert war, wenngleich der Wirt in manchen Punkten der Politik anderer Meinung war und blieb. „Der Teufel hole dieses Volk und seinen ganzen Troß!“ fluchte Vogt und machte einen kräftigen Zug aus dem Kruge, den ihm der Wirt von Gerstensaftes voll eingeschenkt hatte. „Eine nette Neujahrsbescherung für unsere lieben Nachbarn!“ – „Was die dort wieder verzehren und zerstören heute! Was die Männer nicht mehr mögen von den reich gedeckten Tischen, das tragen die Weiber und Kinder dieser Söldlinge in Bündeln fort. Und wer nicht freiwillig gibt, dem wird es mit Gewalt genommen. An den Bettelstab können diese Söldner den reichsten Mann bringen. Drum raus mit diesem Volk, sage ich, lieber heute als morgen, daß wir wieder frei aufatmen können und wissen, wofür wir leben und schaffen.“ Die bürgerlichen Gäste in der Stadtschänke spitzten die Ohren, was sich Wirt Martin und Ratsherr Vogt so Wichtiges leise zu erzählen hatten.

(Fotos: Landesmuseum Württemberg (CC BY-SA))

Wo er ging und stand, schimpfte Vogt über die Kaiserlichen. Er wußte, daß er durch seine Hetze gegen die der Stadt Marsberg aufgezwungene Besatzung bei den besonnenen Bürgern ausgespielt hatte, während ein großer Teil der Marsberger seinen Zorn gegen die allen verhaßten Kaiserlichen geschickt zu schüren verstand und darauf abzielte, unter Vogts Führung einen offenen Aufstand gegen die Besatzung zu entzetteln, um sie mit Kind und Kegel zum Tore hinaus zu jagen

Vogt selbst und seine Familie hatten darunter schwer zu leiden. Mit Argusaugen wachte der kaiserliche Kommandant über sein Tun und Treiben, seit ihm bekannt geworden, daß von Vogts Hause aus eine Welle der Verschwörung gegen ihn und seine Leute flutete, die, wenn sie immer neuen Zufluß erhielt, eines Tages in wilder Flut alles niederriß, was sich ihr in den Weg stellte.

Dem mußte nach der richtigen Erkenntnis des Kommandanten ein Damm entgegengesetzt werden. Schon seit Jahren hatte Vogt mit seiner gesamten Familie gehetzt, aber erst seit einigen Monaten hatte Stadtkommandant Janson den Herd der geheimen Verschwörung in Vogts Hause entdeckt. Gleich nach dieser Feststellung hatte Janson des Ratsherrn Bruder Karl Vogt als Geisel festnehmen und ihn in das Verließ des Buttenturmes sperren lassen. Vogt und seine Sorte, so hatte er dem Hause Vogt zu verstehen gegeben, solle ja keine Gewalttaten gegen die Besatzung unternehmen, sonst würden an Karl Vogt als Geisel grausamste Martern vollzogen

Diese Festsetzung seines Bruders hatte alles andere bewirkt, als den Ratsherren Vogt zur Besinnung zu stimmen, als klugerweise bei den Kaiserlichen um gutes Wetter anzuhalten, damit sein Bruder wieder frei gelassen würde. Im Gegenteil: Wo er ging und stand, hetzte Vogt noch mehr gegen die Kaiserlichen, während sein Bruder die harten Qualen der Gefangenschaft im unterirdischen Verließ des Buttenturmes erdulden mußte. Wenn ihm der Stadtkommandant begegnete, so spie Ratsherr Vogt offen vor ihm aus, ohne Rücksicht darauf, daß sein gefangener Bruder dafür jedesmal vom Kommandanten ein paar Fußtritte erhielt.

Vogt hatte sich in der Stadtschänke wiederum ob der Kaiserlichen Verweilen und Gebaren in Schweiß geredet. „Wir müssen sie hinaus haben, diese Lumpen, heute noch“, und damit wandte er sich an die Gäste, an die Bürgersleute, von denen er wußte, daß sie zum größten Teil auf seiner Seite standen. „Endlich einmal höret, endlich einmal besinnet euch zur Tat! Geht nur diesmal nicht von der Stelle, ohne den festen Entschluß gefaßt zu haben, die unbequemen Gäste hinauszusetzen. Jeder fasse diesen Entschluß bei sich selbst und für sich selbst, gleich als ob er allein da sei und alles allein tun müsse. Wenn recht viele einzelne so denken, so wird bald ein großes Ganzes dastehen, das in eine einzige engverbundene Kraft zusammenfließt. Wenn dagegen jedweder, sich selbst ausschließend, auf die anderen hofft und den anderen die Sache überläßt, so gibt es gar keine anderen, und alle zusammen bleiben so, wie sie vorher waren. Fasset ihn auf der Stelle, diesen Entschluß! Ich bitte, ich beschwöre euch, Freunde: Heute noch raus mit den Kaiserlichen! Die Gelegenheit ist günstig. Wir überrumpeln die Wachen, befreien die Gefangenen, schließen die Tore und lassen es gegen unsere feste Stadt anrennen, dieses erbärmliche Häuflein gegen unsere tapferen Schützen- Rotten.“

Tatsächlich, dem Ungestüm der Rede des Ratsherren Vogt waren alle gefolgt, sie waren alle angesteckt von dem Fieber, das ihn gepackt hatte.

„Los, los, zum Buttenturm zunächst! Die Wache überrannt, die Gefangenen befreit! Dann zum Altenstädter Tor! Dort die kaiserliche Wache weg! Dann zum Steintor und wo ihr sonst noch Kaiserliche in den Mauern trefft: Entwaffnet sie oder haut sie nieder, wenn sie nicht gleich parieren wollen, sperrt sie statt unserer Bürger in die Türme!“ Mit Kommandostimme befahl es der ehemalige Bürgermeister den zwanzig Männern, die in der Stadtschänke zum fröhlichen Umtrunk, nicht zum Kampf und Krieg weilten.

Und wirklich: Sie folgten, wie von einer giftigen Viper gestochen. „Piken her! Einige Hakenbüchsen dazu! An die Kaiserlichen!“ tönte es wirr durcheinander. Schnell waren die Waffen zur Hand. Mitten im friedlichen Land war ein Kriegsherd entstanden. Ohne viele Mühen wurden die paar Kaiserlichen entwaffnet und die Gefangenenrollen vertauscht. Ohne daß ein Schuß fiel, ohne daß Blut floß, war in einer Viertelstunde alles geschehen, am heiligen Neujahrstag.

Mit Windeseile hatte sich die Kunde von dem Handstreich und seinem Gelingen in der Stadt verbreitet. Das Volk rannte auf die Straße, raste vor Freude und beglückwünschte den Ratsherren Vogt zu der mutigen Tat. Aber einige besonnene Bürger, an ihrer Spitze Bürgermeister Kleinsorge, zogen die Stirne kraus voll Sorge über die Dinge, die nun kommen mußten.

Nicht lange mehr würde es dauern, bis die Kaiserlichen mit ihrem Troß von Erlinghausen her wieder in die Stadt Marsberg einzurücken versuchten. Gewiß, ohne Verstärkung, die erst in einigen Tagen zu beschaffen wäre, könnten sie mit Gewalt die feste Stadt mit ihrer 500 Mann starken Bürgerwehr nicht um Einlaß bitten.

Bürgermeister Kleinsorge berief sofort eine Ratssitzung, zu der auch, soweit im Rathaussaal Platz vorhanden war, Bürger und Schützen erschienen. Der Stadtbote machte die Einladung durch Gassenruf bekannt. „Bürger der ehrenwerten festen Stadt Marsberg bewahret Ruhe und Ordnung! Folgt den Anweisungen des regierenden Bürgermeisters!“

Die Sitzung der Ratsherren brachte erhitzte Köpfe. Auf ein Haar hätte es blutige Schädel abgesetzt.

Die besonnene, überzeugende Art des Bürgermeisters Kleinsorge rettete die Stadt vor schwerem Unheil, vor blutigem Bürgerkrieg im Innern und vor den Verderben speienden Kartaunen der Kaiserlichen, die trunken und gröhlend von Erlinghausen schon herangezogen. „Bürger, ich bitte und beschwöre euch; habt Vernunft! Es gibt nur einen Weg aus drohendem Unheil: Wir müssen die Kaiserlichen wieder in die Stadt lassen.“ Die Worte des Bürgermeisters wurden von den Anhängern Vogts, die sich zusehends mehrten, übertönt: „Fort mit den Kaiserlichen!“ „Nicht mehr hinein!“ „Wir brauchen diese Söldner nicht!“ „Sie vernichten uns!“ „Sie verderben unsere Frauen und Kinder!“ „Weg mit den Mordbrennern!“ „Wir nehmen´s mit ihnen auf.“

Durch das Stimmengewirr konnte sich selbst Vogt, der sich heute die Herzen der meisten Bürger durch seinen Schneid erobert hatte, nur schwer Gehör verschaffen. „Bürger! Wenn wir jetzt die Kaiserlichen wieder aufnehmen, dann wehe mir und den Zwanzig, die sich gegen die Kaiserlichen auflehnten! Ein grausamer Tod mit Höllenqualen ist uns sicher - oder wir müssen sofort aus unserer Heimatstadt fliehen, Haus und Hof verlassen und Frau und Kind, - fliehen vor diesen Söldlingen ohne angestammten Sitz.“ So sprach Vogt.

„Nein, wir bleiben hier - ohne die Kaiserlichen! Wir stehen wie eine Mauer gegen die Verhaßten! Hoch lebe die Festung Marsberg! Hoch im Kampf und Krieg!“ Diese ermunternden Zurufe aus der Versammlung klärten jeden über die wahre Stimmung im Volke auf.

„Bürger! Laßt mich ausreden: Wir müssen mit den Kaiserlichen vor dem Einlaß verhandeln. Wir wollen sie hineinlassen, wenn sie uns allen kein Haar jetzt und in Zukunft zu krümmen versprechen, die Gefangenen und Geiseln freilassen, unsere Frauen und Kinder nicht mehr belästigen. Der Kommandant und alle seine Leute sollen uns das feierlich versprechen und mit ihrem Eide bekräftigen.“ Des Bürgermeisters Vorschlag fand bei den meisten Zustimmung.

„Wer will verhandeln? Freiwillige vor!“ „Wer verhandelt, spielt mit seinem Leben!“ – „Die draußen sind, wissen ja noch nichts von dem, was hier drinnen passiert ist.“ „Es ist keine Zeit zu verlieren, es muß sofort verhandelt werden.“ So schwirrte es nun wieder durcheinander.

„Der Bürgermeister und der gesamte Rat begeben sich sofort zum Steintor. Wir tragen dem Kommandanten allein unseren Beschluß vor, der unabänderlich ist. Morgen sollen dann die Kaiserlichen allesamt den Eid leisten vor dem ganzen Volke auf dem Marktplatz.“ Der Bürgermeister sprachs und schritt mit dem Rate aus dem Saale, dem Steintor zu.

Der wilde Haufen der Kaiserlichen war bereits vor den Toren und begehrte Einlaß. Hoch zu Roß sprengte Kommandant Janson heran. „Heda, warum wird hier nicht aufgemacht? Seid ihr schon am Schlafen, ihr faules Volk? Ich werde euch gleich verprügeln lassen!“ So wetterte der Kommandant vor dem Tor, das im Vorwerk vor dem mächtigen Steintor lag. „Herr Kommandant! Es sind nicht unsere, die es bewachen, es sind bürgerliche Schützen. Sie wollen uns nicht hineinlassen.“ Also meldete ein Musketier. „Tretet das Tor ein! Macht die Wachen nieder! Holt mir den Bürgermeister, daß ich ihn strafe!“ befahl der Kommandant, der gleich die Verschwörung erkannte.

„Der Bürgermeister und der gesamte Rat begehrt Euch zu sprechen, Herr Kommandant!“ schrie ein Wachtmann durch das kleine Torfenster. Ein kaiserlicher Landsknecht legte seine Hakenbüchse auf die Öffnung an, um den Wachtmann zu erschießen. Zwei, drei Landsknechte spannten ihre Büchsen, um ebenfalls zu feuern. „Laßt Bürgermeister und Rat kommen, wir wollen sie schon empfangen!“ brüllte der wilde Haufen. „Laßt das Schießen sein, Maul halten!“ befahl der Kommandant. „Laßt mich ins Tor. Ich will sehen, was los ist!“ Der schwere Riegel des Tores wurde innen weggeschoben, knarrend öffnete sich das Tor. Der Kommandant hatte Mühe, sich durch das nur wenig geöffnete Tor hindurchzuzwängen und sich der nachdrängenden kaiserlichen Haufen am Eingang zu erwehren.

„Was ist hier los?“ brüllte er den Bürgermeister und Rat im Vorwerk an. Die trugen den Beschluß der Bürgerschaft vor. Zorndurchglühte Blicke schossen herüber und hinüber, besonders Ratsherr Vogt und der Kommandant wechselten Blicke, die Verderben drohten. Bürgerstolz und das Gefühl des guten Geborgenseins in sicheren Mauern sprachen aus Haltung und Gebärden des Rates und ihres Oberhauptes, als sie mit dem zürnenden Kommandanten verhandelten. Der wollte nicht nachgeben, der berief sich auf die Zügellosigkeit, die bei jeder Söldnertruppe im Reiche eingerissen sei. „Und wenn sie morgen einen heiligen Eid schwören, so brechen sie ihn übermorgen. So verderbt sind die Leute, so wenig Gewissen haben sie. Nur mit Mühe halte ich meine Kriegsknechte zusammen. Ich will tun was in meinen Kräften steht.“

„Herr Kommandant! Überlaßt uns das Strafgericht; wenn einer seinen Eid bricht, so soll er nach peinlicher Gerichtsverhandlung vor dem Rate zum Tode am Galgen verurteilt und das Urteil durch unsere Henker sogleich vollstreckt werden. Wir müssen Ordnung haben in unserer Stadt und Ruhe.“

„Gut! - Morgen lasse ich meine Leute und Euren Rat“ - und dabei schaute der Kommandant dem Ratsherrn Vogt besonders fest ins Auge – „den Eid vor allem Volke schwören: Niemand der Kaiserlichen soll sich fürderhin an den Frauen und Kindern der Bürger vergreifen, niemand der Bürger soll den Kaiserlichen nachstellen. Niemand der Kaiserlichen soll sich über Gebühr von den Bürgersleuten holen, jeder der Bürger Übertretungen sofort dem Rate anzeigen. - Und nun laßt uns hinein und in Frieden und Freundschaft zusammen leben.“

Bei diesen Worten des Kommandanten knirschte Vogt mit den Zähnen: „Frieden - solange es geht; Freundschaft - nie!“

Und dann strömten die Kaiserlichen und ihr Troß durch die geöffneten Tore in die Stadt, nachdem ihnen der Kommandant Ruhe und Disziplin strengstens anbefohlen hatte. - In den einzelnen Häusern aber wüteten die trunkenen Landsknechte wie schon Jahre hindurch. Nur aus Gewinnlust und Sinnlichkeit hatten sie sich dem Kriegsdienste gewidmet, waren zu einer reinen Räuber- und Diebesbande geworden, jedes Anstandsgefühles bar.

II.

Just zur Jahreswende stieg ein Traumbild auf. . . Im Turmzimmer der Eresburg saß die Alte Zeit schlafend am Spinnrocken. Um die Mitternachtsstunde trat die Neue Zeit zögernd ein.

Tief war sie in Gedanken versunken. Hier ist der Ort, den jedesmal mit Zagen nur und mit geheimer Scheu ich zu betreten wage. Sonst tanz und sing und lach ich gern durch alle Räume: mit Recht bin ich die Junge Zeit der alten Burg genannt. Doch hier an diesem Ort heißt´s stille sein, ehrfürchtig schweigen, weil vor dem Alter stets die Jugend ehrfürchtig schweigen soll. - Hier schläft geheimnisvollen Schlaf der Eresburg „Uralte Zeit“. Tief, traumlos ist ihr Schlaf; wie lang er währt, sie wüßt´ es selbst wohl nicht zu sagen.

Verwittert, grau wie das Gestein der Burg, gebückt von der Zeiten schwerwiegender Last, das Antlitz durchzogen von tiefen Furchen schwer zu enträtselnder Runenzeichen: So sah ich sie zum erstenmal an jenem Tag, als ich, die Junge Zeit, einzog in die Burg. - Abweisend erst, fürchtend streng, dünkt damals mir der seltsam klare Blick der grauen Augen, der forschend mir bis in den Grund der Seele drang. Doch, wie gebannt, senkt´ ich mein Auge nicht, begegnet´ frei dem kühlen, klaren Blick! Und siehe! Langsam wich aus Aug´ und Zügen die starre Strenge, ganz gut sahn mich zuletzt die alten Augen an. Und wie von selbst sich unsre Hände ineinander fügten: die meinen wohl, wie schutz- und führungheischend, nach den ihren griffen - die ihren sich mit festem Druck, gleich Ruhe gebend, um die meinen legten. Und tief, des Klangs und Wohllauts voll wie eine alte Glocke, drang ihre Stimme an mein Ohr: „Die Alte Zeit heißt herzlich auf der Eresburg die Junge Zeit willkommen und bietet Schutz und Heimatrecht ihr an.“

Es lebt sich gut für mich in diesen Mauern, seitdem der Burg Uralte Zeit so meinen Einzug fromm gesegnet hat. Sie selbst, die Alte Zeit, zog hierher sich in ihr ureigenes Reich zurück und überließ die Herrschaft mir, der Jungen. Doch weil sie mir nun holt gewogen war, getraute ich mir, einen Wunsch zu tun, eh´ schlummertrunken sich die müden Augen schlossen. „Gewähret einmal mir in jedem Jahr Einlaß in eurer Klause stillen Frieden! Nur einer Stunde Frist laßt schöpfen mich aus eurer Ruhe, eurer Weisheit goldner Fülle; denn unschätzbar gut ist der Reichtum des Alters für die Junge Zeit, und ihre rastlosen törichten Kinder.“ So bat ich, und gütig nickte die Alte meiner Bitte Gewährung: „Wenn in der Neujahrsnacht die alte Turmuhr der Stiftskirche der Mitternacht verkündet, ruf dreimal meinen Namen, dann wach ich auf!“ Was sie versprochen mir, sie hat es oftmals schon gehalten, sie wird auch heuer in der Zeitwendnacht mich nicht vergebens rufen lassen. Horch! - Holt nicht schon die alte Turmuhr zu dumpfen Schlage aus? In der Tat - die Uhr der Stiftskirche schlug zwölf und die Junge Zeit rief dreimal: Alte Zeit - Alte Zeit - Uralte Zeit!

Da erwachte die alte Zeit: „Wer ruft mich?“

Und die junge Zeit schüttelte die Alte sacht, die am Spinnrocken saß: „Wacht auf! Wacht auf! Ich bin´s, die Junge Zeit. Es ist Neujahrsnacht! Zeitenwende!“

Aus langem, tiefem Schlaf erwachend, wurde die alte Zeit langsam munter: „Junge Zeit?! - Neujahrsnacht?! - - - Langsam - - langsam - - steigt mir die Erinnerung auf. - Jetzt - halte ich sie! - Ja, Dir gehör ich ganz in dieser Stunde, Du liebe Junge Zeit!“

Und die junge Zeit geleitete die Alte Zeit: „Kommt laßt Euch dort zu jenem Ruheplatz geleiten. - Daß Ihr nur ja bequem sitzet. - Seht, nun hock ich mich zu Eueren Füßen nieder und schweige fein und lausche, lausche, derweil das Alter redet. . .

Die alte Zeit sprach ruhig und bedächtig: „Schwer ringt sich bei uns Alten der Gedanke von der Seele los, darin er unsagbar lang verschlossen lag hinter den Riegeln des Schweigens. Unkundig ist auch der Alten Mund und ungewöhnt der leichten, beschwingten Sprache der Jugend. Drum übe Nachsicht, wenn manchmal schwer und herb das Wort Dir klingt. Denk, daß auch meines Lebens Schicksal schwer und hart.“

Die Junge Zeit drängte nach Aufschluß der Wahrheit: „Nicht gelüstet es mich in dieser Stunde nach schmeichelhaften Tändelworten. Nur nach der Wahrheit steht mein Sinn. Mag süß sie klingen oder herb - mild oder streng: Die Junge Zeit weiß wohl der Wahrheit seltenes Gut zu schätzen.“

Aus tiefen Tiefen stieg in der alten Zeit die Erinnerung auf. . . Sie schlug das Buch der Vergangenheit auf, sie las aus vergilbten losen Blättern alte Kunde! - -

Karls der Große (Stiftskirche Obermarsberg)

Graue Vorzeit! Wild, trutzig ragte auf dem Felsen die Burg. Wild, trutzig baute einen Schutzwall um sie der germanische Urwald. Wovor wollte er schützen? Drohten wilde Tiere, niederzureißen die Hirten und Herden und die schützenden Hürden und Hütten? Drohten Räuber, frevelnd den Frieden der Burg zu zerstören? - Nein, schlimmeres Unheil zog um die Eresburg zu immer engeren Ring sich zusammen: Gefahr drohte den alten Göttern. - Frankenscharen zogen gen das Heiligtum der Sachsen, die Irminsul. Als göttliches Wesen verehrten die Sachsen im weiten Umkreis die Irminsul, stehend auf dem Felsen eines hohen, weitragenden Berggipfels, umgeben von einem heiligen Hain. Blumen opferten sie hier und Kräuter, Tiere bluteten hier, ja Menschen mußten als Opfer ihr Leben lassen. - Und dem Frankenkaiser Karl trotzte die Eresburg, und wenn er auch mit gewaltigem Heerhaufen die Burg einnahm und das Heiligtum, ihre Irminsul, zerstörte, so trotzten unbeugsame Sachsenköpfe gegen die Lehren der Kuttenträger. Die alte Burg lachte ingrimmig Hohn über das Christenkloster da drüben, über die Burg ohne Wehr und Waffen. Glaubten die Mönche, deren Vater sie Sturmius nannten, daß von ihres närrischen Glöckchens Gebimmel einstürzten die Felsengründe der Burg? . . Oder daß gar die ewigen Götter, zu Tode erschreckt, in wilder Flucht ihre uralte Opferstatt mieden? . . Kinder mag die Christenglocke locken, Weiber mögen die Christenmärchen betören! Hohn lacht dreißig Jahre lang die Sachsenfeste im blutigen Kampf über die Frankenscharen und Kuttenträger. . .

Irminsul als Weltenbaum (Zeichnung v. Marianne Klement-Speckner)

Hüte dich, Burg, spar deinen Spott! Der Wahrheit und Liebe Waffen sind stärker denn Fels und Eisen. Sie zwingen, allmächtig im Zeichen des Kreuzes, ohnmächtig nieder auch deine Götter. Die Stunde kam, da des Christen Gottes Wahrheit und Liebe unwiderruflich die Burg besiegte. . . Nun magst du lachen, Burg, ein jubelndes, frohlockendes Lachen! Denn vom Kreuze besiegt zu werden ist nicht Schmach und Knechtschaft - ist Ehre und Freiheit und Frieden. . .

„Glückselige Zeit“, jubelte die Junge Zeit auf, „glückselige Burg, wohl möchte ich mit dir lachen. Doch seltsam schwer und traurig wird mein Mut. Was du gewonnen damals: Wahrheit, Liebe, Frieden ist heuer in der Heimat stark bedroht. Ach, käme doch in diesem Glaubenskampf, in diesem Krieg im deutschen Land ein Retter aus der Not. Ach, käm er bald, eh´ es zu spät!“

Die Alte Zeit schaute der Jungen fest ins Auge: „Solange noch im Aug´ die Sehnsucht nach dem ewig Wahren - ein stiller Funken - glüht, kann jeden Augenblick der Herrgott, wenn er will, den kleinen Funken zu gewaltiger Glut entfachen und darin zu Staub und Asche brennen den Dämon des Hasses und der Verneinung und Zerstörung, den Feind der Wahrheit und der Liebe.

Ein neues Blatt liegt vor mir aufgeschlagen - stolz, prächtig, im Ritterglanz prunkte auf ihrer Warte die Eresburg, prunkte mit den neuerbauten Höfen und Hallen, prunkte mit dem gleißenden Gold des Gerätes und Geschmeides, das sich mit ungemessenem Reichtum in ihren Truhen häufte - prunkte mit kostbarer Rüstung und blitzenden Waffen, mit stolzen Festen und klingenden Spielen, mit üppigen Mahlen und wilden Gelagen. War dein Prunken, Eresburg, nicht so auffallend, daß dich die Nachbarsritter von Padberg oft bedrängten, daß sie dir raubten, was du in sicherem Besitze glaubtest?

Das ist ein düsteres Blatt, mit Blut geschrieben und düstere Gedanken beschwört´s in meiner Seele. - Wohl ist der Raubgraf längst gestorben und vermodert. Doch glaub mir, daß sein ruheloser Geist noch heute in den Heimatlanden umgeht. Und in mir dämmert schrecklich die Erkenntnis, daß all die grenzenlose Ichsucht unserer Tage, die kalte Ruhm- und Habgier, der Mord und Brand, womit der deutsche Mensch den Bruder will zur Zeit vernichten, ein schlimmes Erbteil sind vergangener Zeiten und Geschlechter!

Doch gibt´s noch Lieb und Treue, die als gute Geister durch die Heimat schreiten und mit ihres Segens frommen Zauber die unholden Geister bannen! Noch lebt im Volk der Fleiß, der Eresburg zu einem reichen Orte machte, zu einer Stadt, die einem Bischof Residenz könnt´ sein. Noch schaffen emsiglich in Erz - und Eisenhütten im Tal der Diemel viele Leute, noch schmieden Panzer sie und Eisenringe. Noch blüh´n in Eresburg die vielen Zünfte, noch hebt der Bürger stolz in dieser Stadt sein Haupt hoch über allem Fremden, noch gilt hier Manneswort und Bürgertugend, hoch klingt die Frauenehre und der Mägdlein Reinheit.“

Und die Junge Zeit sah in dem Schwarzen jetzt die hellen Punkte: „Ich sehe den Segen! - ich seh´ ihn um weiße Stirnen fluten - ich seh´ ihn aus lautern Herzen quillen - ich sehe ihn in goldenen Schalen, von reinen Kinderhänden getragen: den Segen der Alten Zeit, das Erbe der Liebe und Treue!“

Und die alte Zeit blätterte weiter, sie schlug auf ein Blatt, blutigrot, von Pulverdampf geschwärzt, von Kugeln durchlöchert, voll Mord und Brand und Krieg. Und prophetisch klangen ihre Worte:

„Notzeit! - Krieg stampft mit schwerem, vernichtenden Schritt über den Heimatboden - dreißig Jahre. Geduckt, stets neuen Überfalls gewärtig steht die Eresburg. Hinter den dicken Mauern, den siebenmal verriegelten Toren, ducken in scheuer Angst sich die Wehrlosen, Schwachen: angstverwirrte Frauen und Kinder und Greise, bergen sich die Altenstädter und Erlinghäuser, verkriechen sich alle, die im Umkreis wohnen. Sieh, wie sie heimlich im Schutze der schwarzen, schweigenden Nacht ihre gefährdete Habe bergen in den unterirdischen Gängen der Drakenhöhlen. - Horch, wie sie keuchen unter der Last ihrer armseligen Schätze - aber viel mehr noch unter dem Joche der Furcht, die ihnen atemraubend im Nacken sitzt, einem Wehrwolfe gleich, der sich nicht abschütteln läßt. Desto furchtloser stehet die Burg mit ihren Männern von Stahl und Eisen, ihrem Burgwall tapferer Kämpen, die einer hundertfachen Übermacht trotzen. Abscheu und Ekel steigen der Burg würgend bis an den Hals. Abscheu und Ekel gegen all das Raubgesindel, das, lüstern und gierig nach geilem Gold, sie umschleicht und betastet, feige und frech zugleich. Sie schüttelt es ab wie ein ekles Gewürm, sie scheucht und schreckt es von dannen mit drohender Mien´ und Gebärde und achtet für nichts die giftigen Geschosse blindwütiger Rachgier und hinterhältiger Tücke. Doch Gift bleibt Gift. Langsam, schleichend zehrt es am Leben, langsam, schleichend zehrt´s auch am Lebensmarke der Burg - bis kraftlos, zermürbt sie darnieder liegt. Frohlockend erspäht der Feind die Schwäche der lang Unüberwindlichen, Starken, um gleißendes Gold verrät die Feste ein Bube, auf ihr geboren, in ihr erzogen. Den Verräter straft Gott mit gerechtem Lohne. - Ha, wie der Feind in wahnwitzigem Kriegsrausch, wie die Schweden und Hessen in blinder Wut, in tollem Siegestaumel sich auf die Feste stürzen und die lange Verhaßte und Bestürmte zum wehrlosen Spielball machen ihrer grausamsten Laune und Willkür.

In blindwütigem Zorn bersten die dicken Mauern, aufspringen - knirschend und krachend - die siebenmal verriegelten Tore, sterben, verderben die Wehrlosen, Schwachen, Greise und Kinder und Frauen und Mädchen, plündern die wilden Horden die reiche Stadt, aufgehet in Rauch und Asche die stolze, die reiche Stadt. Ha, wie die roten Flammen sie gierig belecken! Ha, wie noch gieriger die Räuber und Mörder heischen nach ihrem roten Golde, wie nach herrenlosem Gut!“

Und die Junge Zeit rang verzweifelnd die Hände: „O, daß die Feuerflammen sie nicht verschlingen, die Räuber und Mörder der Burg! Daß die stürzenden Mauern sie nicht zermalmen, die Schänder des Heimatbodens, die Schänder der Kirchen und Friedhöfe, die Mordbrenner aus aller Welt!“

„So wird die stolze Burg zur Ruine. Auf ihren verkohlten Trümmern werde ich einsam hocken und singen der Gestorbenen die Totenklage - durch die Jahrhunderte.“

„Wird draus nicht zum Schluß ein fröhlich Auferstehungslied?“ wollte die Junge Zeit wissen.

„Gemach, gemach, du liebe Ungeduld, so schnell kann sich zerstampftes Leben nicht erheben. Kein neues Leben wächst aus den Ruinen, nicht gibt´s der düsteren Märe frohen Schluß! Ein Grablied singe ich der Eresburg durch die Jahrhunderte, nachdem verheerend Feuerbrand die Stadt und Burg zerstörte. Nicht mehr kann ich in starkem Lebenslied die Burg in alter Stärk´ und Pracht begrüßen.“

„Wenn du das sagst, dann muß ich´s Junge glauben. Wenn das dein Aug in ferner Zukunft schauet, dann will ich Junge Zeit die Hoffnung still begraben, dann will ich mutlos meine Hände sinken lassen: vorbei ist ja der Glanz und Schimmer der trutziglichen Feste Eresburg.“

„Doch ewig klingt ihr Name fort in den Jahrtausenden. Geschlechter kommen, Geschlechter gehen. Die Menschen ändern sich und ihre Zeiten: doch künden goldne Lettern vom Ruhm der Sachsenfeste, vom Kampf und Krieg um Eresberges Mauern, von trutziglicher Bürgerburg mit vielen Schützen- Rotten, von Not und Brand und Grauen und Zerstören sind blutigrote Lettern eingetragen ins Buch der Heimat. - Du Herr der Zeiten, segne dieses Land, daß es nicht ganz versinke in der Zerstörung wilden Fluten. Segne dieses Heimland auch, wenn du ihm Prüfung schicken mußt und züchtigst es mit harter Kriegesgeisel. - Hilf beten, Junge Zeit, zum Herrn und Schöpfer aller Welten. - Es kommen böse Zeiten über unsere Lande, wo Bruder sich zum Bruder nicht kann finden, wo Väter kämpfen gegen ihre Söhne. Da ist´s nur einer, der im Himmel wacht, nur er, der Hilfe schickt dem Schwachen. Herrgott, auf dich vertrauen wir, Herrgott, auf dich bauen wir. - Nun muß in diesem Geist, die Alte Zeit sich wieder schlafen legen, schlafen, schlafen. . .“

Und die Junge Zeit sprach: „Schlaf wohl! Schlaf wohl! Du gute Alte Zeit, schlaf wohl.“

Das Traumbild im Turmzimmer der Eresburg um die Jahreswende 1629 war aus, ehe die Stiftskirche die nächste Stunde schlug. Wie die schwarzen Raben in der Neujahrsnacht zum Turm hinflogen, ihn umkreisten und dann weiterflogen, so war das Traumbild aufgekommen und wieder entschwunden. Woher es kam? Der Spinnrocken hatte es heraufbeschworen und die Neujahrsnacht und der sausende Webstuhl der Zeit.

*

Tags zuvor hatte am Spinnrocken im Turmzimmer ein blondes Mägdlein gesponnen beim prasselnden Kaminfeuer. Sie hatte gesponnen und dabei gesungen und dabei gescherzt mit einem schmucken Reitersmann... bis daß der Abend kam. Wie fein sie gesungen hatten, die zwei, von dem Reiter und dem Mägdelein:

„Ei, du feiner reuter, edler herre mein,

sage mir, wo hast du doch die Wohnung dein?“ „

„Dort an jenem Wasser im breiten Feld,

da habe ich meine wohnunge aufgestellt.

Im grünen wald, sehr wohlgestalt,

da singen die vögel manigfalt.

Laub und Gras ist mein gespaß,

du wackere megdelein.“

Ei, du feiner reuter, edler herre mein,

sage mir, wie sollen wir doch kommen darein?“ -

„Ich habe noch ein braunes wunderschönes pferd,

das ist allzeit 200 Taler wert.

Darauf sitz ich, du hinter mich,

daß du nit fällst, so bind ich dich.

Gott mit uns! Das pferd trägt uns,

Du wackers megdelein.“

„Ei, du feiner reuter, edler herre mein,

sage mir, was wird doch unser essen sein?“

„Was Gott uns bescheret, und das ist seine gab,

ich teile mit dir alles, was immer ich hab.

Im grünen revier, da sind viel tier,

im keller finden wir wein und bier,

käs und brot für hungers not,

du wackers megdelein.“

„Ei, du feiner reuter, edler herre mein,

sage mir, wo wird doch unser nachtlager sein?“

„Auf der grünen heide, unter einem baum,

daran häng ich den sattel und den zaum.

Den mantel spreit ich wohl unter dich,

darauf, feins megdlein, leg ich dich,

deck dich zu mit rock und schu,

du wackers megdelein.“

Und dann hatten das Mägdlein und der Reitersmann Abschied genommen vom alten Jahr, das ihnen beiden das Glück gebracht, worin sie sich zueinander gefunden.

„Morgen muß ich fort von hier, muß wieder zu meinem Reitertrupp, muß mit den Kaiserlichen ins weite Feld, zu streiten mit dem Feind.“ Wie weh hatte dies Wort des Reitersmannes Walter geklungen, wie weh hatte es dem Herzen des Mägdleins getan, das Maria hieß und des Turmwächter Langen Tochter war.

III.

Über des Kurfürsten Residenzstadt Köln senkten sich die dämmernden Schatten des ersten Januartages. Trotz des Feiertages saß der Kurfürst, Herzog Ferdinand von Bayern, der Erzbischof der weiten Diözese Köln, im Arbeitsgemach des kurfürstlichen Schlosses. Er saß über seinem Schreibtisch gebeugt, studierte mit Sorgfalt die Papiere und Akten, die aufeinandergeschichtet den Tisch bedeckten. Die Akten waren teilweise recht schmutzig und zerknittert und nur schwer leserlich, zum Teil sogar in einer Geheimschrift geschrieben, deren Schlüssel nur ganz wenigen bekannt war.

Unruhig flackerten und knisterten über dem Schreibpult die zwei breiten, gewundenen Kerzen, ihr Flammenspiel warf Reflexe auf die sorgendurchfurchten Züge des einsamen schaffenden Mannes. Jetzt, bei Durchsicht eines besonderen Schreibens, kroch ein düsterer Schatten, fast ein Schatten des Ekels, über des Erzbischofs Gesicht. - Er erhob sich, durchmaß mit unruhevollem Schritt das Arbeitszimmer, trat dann an das romanisch gewölbte Bogenfenster, ließ schweigend und mißmutig den düster sinnenden Blick weit hinaussschweifen über die im Dämmerschein liegende Dächerflut der rheinischen Metropole.

Der Inhalt jener Papiere war Kurfürst Ferdinand bis auf wenige unwesentliche Momente völlig klar, deutlich lagen vor seinem tief durchdringenden Blicke die Ziele und Absichten jener Verräter, jener Abtrünnigen und ihrer Hintermänner und Auftraggeber, und wahre Abgründe von Verrat und nachtschwarzen Plänen hatten sich vor seinem Auge aufgetan. . .

Ein Geräusch im Nebenzimmer scheuchte ihn aus seinem Sinnen. Sporenklingen drang herüber. Der Kurfürst wandte sich um. Schon teilte sich der brokatene Vorhang über der Tür, und der Rittmeister von Hohenstein betrat das Gemach. Die Sturmhaube unter den linken Arm geklemmt, über dem weißen, blau bordürten Koller der funkelnde Panzer, worin sich jetzt der Kerzenflammen Licht tänzelnd spiegelte - so stand der hochgewachsene Dreißigjährige in stramm militärischer Haltung einige Sekunden vor dem Erzbischof und Kurfürst, verneigte sich dann tief, schritt auf seinen hohen Herrn zu und küßte in Ehrerbietung den Fischerring an des Erzbischofs rechter Hand.

„Gott zum Gruße, mein Herr und Fürst! Auf die sechste Abendstunde haben Euer Kurfürstliche Gnaden mich hierher befohlen.“

Als wolle sie es bestätigen, wie exakt und pünktlich der junge Rittmeister in der Tat war, hub im gleichen Augenblicke die Turmuhr des hohen Domes an sechs zu schlagen.

Ferdinand von Bayern, Kurfürst und Erzbischof von Köln“ (1577-1650)

Ernst, prüfend schaute der Kurfürst ins gebräunte, wetterharte Antlitz des Offiziers, aus dem kühne Entschlossenheit, ungebrochene Jugendkraft leuchtete. Freundlich lud er den Besucher zum Sitzen ein; er selber ließ sich wieder am Schreibtisch nieder und fuhr sich nach einigen Minuten Schweigens und ernstlichen Sinnens durchs volle graue Haar.

„Mein junger Freund Otto!“ Spannung und Tatendrang leuchteten aus den stahlblauen Augen des jungen Kämpen; der Fürst mußte schon etwas besonderes planen, wenn er also einleitete. „Ich habe mich entschlossen, dich auf einen sehr gefährlichen Posten zu entsenden, dir Aufträge zu geben, die ein Herz voll goldener Treue - und zugleich einen klugen Kopf erfordern. . . Denn siehe, nur weniges davon, was dir zu tun obliegt, kann ich dir selbst angeben, das weitaus Meiste mußt du mit eigenem Denken finden. Und dafür schienst du mir just der rechte Mann.

So ernst ist deine Aufgabe, so viel hängt von ihrem Gelingen ab, daß ich dich beschwöre, ja beschwören muß bei allem, was uns heilig ist: Erweise dich würdig des Vertrauens, was ich in dich setze!

Gib also acht: Ich habe Berichte hier vorliegen, daß in manchen Städten meines Erzbistums Bürgermeister und Ratsherren im Geheimen Verträge mit unseren protestantischen Feinden geschlossen haben - die Namen der Verräter findest du auf diesem Blatte hier verzeichnet. - Ich habe in Erfahrung gebracht, daß der nichtswürdigste Wüstling und Verbrecher, den die Erde jemals getragen, der „tolle Christian“, Herzog von Braunschweig und angemaßter „Bischof“ von Halberstadt, der mit seinen Mordbrennerscharen im Paderbornischen wütet, vom sog. Drakenschatz freilich nur durch unbestimmte Gerüchte weiß. Verrat scheint auch dabei im Spiele zu sein.“

Otto von Hohenstein fuhr empor, seine Augen flammten, mit dem ganzen Ungestüm der Jugend wetterte er los. . . „Wehe der Judasbrut!“ rief er mit Leidenschaft, bebend umkrampfte zugleich seine Rechte die Eisenraupe des silbrig schimmernden Helmes. „Da ist´s höchste Zeit, daß ein Ungewitter mit Blitz und Hagel dazwischen fährt! Wie dank ich Euch, mein Fürst, daß Ihr mich da zu Eurem rächenden Arm erwählt! Dies Natterngezücht werde ich mit Schwert und heißem Blei vertilgen.“ Doch im gleichen Augenblick stieß der heulende Südwest das Fenster auf, - aus dem nachtdunklen Getöse fegte ein klatschender Regenguß mit Schneegeflock vermischt mitten ins fürstliche Gemach - sprühte gegen des feurigen Rittmeisters Stirn und Schläfe und kühlte ihn jählings ab.

Betroffen, unsicher, verlegen, staute der Rittmeister seinen feurigen Redestrom, strich sich über das genäßte Antlitz, stand etliche Sekunden steif und ratlos. Was er in seiner augenblicklichen Verwirrung unterließ, tat der Erzbischof nun selber; er erhob sich, schloß in gelassener Ruhe das Fenster und deutete mit einer gütigen Handbewegung dem jäh errötenden, Entschuldigungen stammelnden Eiferer, sich wieder zu setzen. „Glücklich, mein Lieber,“ sprach der Fürst mit einem leichten Anflug von Ironie, „wem also dies harmlose Schneegewirbel die glühende Unrast kühlt, besser, als wenn erst peinliche Erlebnisse und bittere Enttäuschungen das nüchterne Erwachen bringen.

Nein, Freund Otto, so geht es nimmer. Siehe, wer mit des Schwertes Schneide allein die fein gewobenen Netze gegnerischer Arglist zerhauen will, dessen Waffe wird gar bald stumpf, - sein Arm wird ermatten, ihn selber aber wird, wenngleich er noch so tapfer, die schlau gestellte Schlinge erdrosseln.

Sei darum gewarnt, mein Sohn! Mit Gewalt kommst du gegen jene verräterischen Kreise im Kurkölnischen und Paderbornschen nicht an.

Und nun wieder zur Sache! Reite zunächst nach Paderborn, zu meinem wackeren Helfer, dem Weihbischof und Generalvikar Johannes Pelcking, der seit zehn Jahren die Paderborner Diözese als mein Vertrauter betreut. Ihm überbringe diese wichtigen Aktenbündel. Mit ihm besprich, was du unterwegs hörst und siehst. Sei in den kommenden Monaten und Jahren, die uns bevorstehen, sein starker Arm, sein verläßlicher Beistand, sein treuer Waffenhalter, wenn er dich braucht. Gehorche ihm, wie du mir gehorchst.“

Und Otto von Hohenstein beteuerte: „Ich werde tun, was immer mir Euer Weihbischof aufträgt, ich werde sein starker Schutz sein gegen die Feinde, die ihn bestürmen.“

„Recht so! - Deine weitere Aufgabe ist es, die wider uns gesponnenen Fäden des Verrats mit weiser Vorsicht zu entwirren, die Hauptschuldigen herauszufinden und sie dem rächenden Arm Unseres Gerichts zu überantworten. - Und die schwerste Aufgabe, - du magst sie versuchen, doch das Gelingen steht bei Gott, - Du sollst den Drakenschatz uns vor dem Feinde retten.

Siehe, jener Drakenschatz, davon das Volk erzählt, besteht wirklich. Es ist eine beträchtliche Summe kurkölnischer Staatsgelder, - wurde vor fast hundert Jahren von meinem Vorgänger für etwaige Nöte des kurkölnischen Landes zurückgelegt und seitdem mit Fleiß vermehrt. Die jedesmaligen Hüter des Schatzes mußten einen heiligen Eid schwören, ihn treu zu wahren und ihn nicht zu verraten. - Du schaust so ungläubig drein, mein Lieber! Ja, trotzdem Gebhard Truchseß von Waldburg auf diesem erzbischöflichen Stühle saß, ist der Schatz bestehen geblieben. Die Treue seines Wächters auf der alten Eresburg an der Diemel, die zur Weser fließt, das Festhalten des Hüters an der katholischen Lehre hat den Drakenschatz uns erhalten. Wer weiß, ob wir ihn nicht bald anbrechen müssen. . .

Doch schau, selbst das bestgewahrte Geheimnis findet zumeist in irgendeiner Form in die Massen, und so geht auch seit langem schon im Umkreis von Marsberg im Volke das dunkle Gerede um . . . von einem Goldschatze, der in den Drakenhöhlen am Eresberge verborgen. Rätselhaften Ursprungs ist dieses Geraune, doch es will nicht verstummen, es drang bis hierhin, zu Unserer Residenz, du wirst auch in Paderborn darüber munkeln hören. Auch betreffs der Gegend des Verstecks weiß das Gerücht nicht ganz Unrichtiges zu melden. . . Näheres aber weiß außer mir selber ein einziger, Goldtreuer. . . Und niemand wird das genaue Versteck ermitteln und gar unbefugterweise heben, - dafür ist vorgesorgt. . .

Siehe also mein übergroßes Vertrauen zu dir, mein Sohn, dieweil ich dies kostbare Gut dir zu treuen Händen gegebenenfalls anvertraue: Wenn du in Paderborn gewesen bist - meinem Weihbischof erzähle auch von diesem deinen Auftrag - dann reite über das Sintfeld nach Fürstenberg zu und weiter dann zur festen Stadt Marsberg, die auf hohem Felsen thront. Eine Besatzung Kaiserlicher nimmt sich hier deiner und deiner Begleitung an. Du erinnerst dich der Örtlichkeit von deiner Jugendzeit her. . .“

„Gewiß, gewiß, mein Fürst. Dort in Marsberg bin ich ja geboren und habe die ersten Lebensjahre verbracht. Und wenn ich auch schon zwanzig Jahre fort bin von meiner Heimat, ich kenne dort doch jeden Weg und Steg noch. . . Aber, mein Fürst, ist nicht der Drakenschatz in den Drakenhöhlen, unweit des Buttenturmes? - „

„Ja, mein Lieber, dort ruht er. - Und also wirst du ihn finden: Wenn Du vom Buttenturm zu den Drakenhöhlen herniedersteigst, findest du rechts am Wege eine alte Eiche. In deren Rinde sind drei handgroße Kreuze übereinander eingeschnitten. An dieser Stelle harre still und geduldig - es wird Stunden - es kann Tage dauern; doch laß es dir nicht einfallen, etwa in die Höhlen hineinzugehen und selber nach dem Schatze zu graben: Es wäre vergeblich, und schon der erste Spatenstich könnte dein Tod sein! . . Plötzlich wird ein Mann vor dir stehen, finster und verwildert, - ein Mann, an dessen rechter Hand nur drei Finger sind. . .“

Atemlos vor Staunen und Spannung lauschte der Rittmeister. . . Inzwischen entnahm der Kurfürst einem Geheimfach eines kunstvoll geschnitzten Schreibtisches ein versiegeltes Billet, fest verschlossen, ohne Anschrift. Er überreichte es dem jungen Offizier, der es zögernd, mit fragendem Blicke, in seiner Brusttasche unter dem Panzer barg.

„Genanntem rauhen, verwilderten Manne übergibst du schweigend dieses Brieflein. Er wird dich dann zu dem verborgenen Goldschatze führen. Es ist reichlich so viel, daß ein Heerführer vier Regimenter drei Monate lang damit besolden kann. Deiner Klugheit, Otto, überlasse ich es dann, wie du den Schatz unbemerkt, mit nur wenigen Getreuen, hier nach Köln schaffst. Vielleicht mag es auch den Umständen nach angebracht erscheinen, den Drakenschatz nach Paderborn zu bringen; denn der Weg nach Köln ist länger und beschwerlicher. Ich stelle es auch in dein Ermessen, ob du etwas von dem gleißenden Golde des Schatzes dazu benutzest, um Kaiserliche anzuwerben, die deine Heimat vor den feindlichen Truppen schützen, oder um die benachbarten Hessen gefügig zu machen, damit sie nicht mehr mein starkes Bollwerk am Südostzipfel berennen. Dem Schutz deiner Heimat dient der Schatz, aber handele klug mit des Landes letztem Notpfennig.

Ich brauche es dir nicht eigens zu sagen, Otto: Wahre das Geheimnis jenes Schatzes gegen jedermann! Eher stirb, als daß du dieses Brieflein in die Hände Unberufener gelangen läßt! Und ist erst das Geld in deiner Obhut, - sieh, dann ist damit ein Gutteil des Geschickes meines Volkes in deine Hand gegeben - bewahre und behüte es drum sorgfältiger als deinen Augapfel.

Und nun, junger Rittmeister, Hand aufs Herz: Willst du diese dreifache Aufgabe, die ich dir stellte, willst du diese hochwichtige Mission wirklich übernehmen? Gern und mit ganzem Herzen?“

Seine leuchtenden Augen verrieten es, freudig schlug der Gefragte in die Hand des hohen Gebieters ein. „Ja“, sagte er schlicht, doch entschieden, „ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht!“

„Hab Dank, - ich wußte es! - Und so beurlaube ich dich selber von deinem Arkebusierregiment, - auf Monate oder Jahre, solange es deine Pflichten von jetzt an erfordern. Im Laufe des morgigen Tages wird alles erledigt werden, was für deine Abreise noch zu besorgen ist; deinem vorgesetzten Obristen werde ich Bescheid geben; von meiner Kanzlei aus werden dir Ermächtigungs - und Ausweisschreiben mit einem fürstlichen Siegel und meiner Unterschrift zugestellt, desgleichen ausreichende Barmittel für längere Zeit.

Gewiß wird uns beiden die Trennung von einander recht schwer, aber einem Kriegsmanne, der wie du bereits seit zehn Jahren gegen den Feind steht, bedeutet Scheiden und Meiden nichts Neues.

Kehrst du aber eines Tages nach hier zurück - gleichgültig, ob dir alles gelungen ist, was ich dir auftrug, deines allerbesten Willens bin ich gewiß -, du weißt es, daß ich´s am Danke dann nicht fehlen lasse.

Eine Welt mutvollen Schaffens tut sich dir nun auf, Gefahren lauern dir in Unzahl auf allen Wegen, doch winket dir auch reicher Lohn. Und bedenke immer: Es ist das Westfalenland, das Sauerland, dein Heimland, das du dem Glauben der Väter retten sollst, es ist das Land, wo du das Licht der Welt erblickt und aufgewachsen bist, das Ländchen, das der Schöpfer mit so zauberhafter Schönheit ausgestattet hat, mit den rauschenden Wäldern und ragenden Felshöhen, mit den einsamen Schluchten und satten Wiesenteppichen.

Und nun, mein lieber Otto, lebe wohl! Richte Unseren Leuten, die draußen auf sturmerprobter Wacht stehen, unseren fürstlichen Gruß und Segen aus! Dir selber aber gebe ich den wohlgemeinten Rat aus liebendem Herzen: Allezeit habe Gott vor Augen, was immer auch geschehen mag! - Und nun knie nieder, mein Getreuer, zum Abschied meinen bischöflichen Segen zu empfangen!“

Schweigend, tief bewegt, sank der harte Kriegsmann auf die Knie, der Priesterfürst zeichnete still über Otto von Hohensteins Haupt das Kreuz, preßte dann den Kuß des Friedens auf die Stirn des Jungmannes. Einige Augenblicke später stieg der Offizier die Treppe hinab, - sinnend, in Gedanken verloren, von widersprechenden Empfindungen im Innern durchwogt.

Nun war die erzbischöfliche Stadt Köln ganz in Dunkel gehüllt. Regen - und Schneewolken waren gewichen, und nur vereinzelte Wolkenfetzen glitten am sternenklaren Himmel sturmgepeitscht, silbern umspielte der Mondschein die schweigende Residenz mit ihren vielen Türmen und Zinnen.

Tief in Gedanken trat Otto von Hohenstein aus dem gewaltigen Bau des erzbischöfliche Palastes ins Freie, wie geistesabwesend, mechanisch beantwortete er den militärischen Gruß der Schildwache vor dem Renaissanceportal, die unter Eisengerassel den Radschloßkarabiner präsentierte, er stieg versonnen die zwölf Stufen zur Straße hinab, warf einen kurzen, zerstreuten Blick über den Rhein und wandte sich dann nach rechts. Schwer klirrte der Schritt des späten Wanderers über dem arg zerklüfteten Straßenpflaster.

Überraschend waren dem jungen Offizier die vielgestaltigen Aufträge des Erzbischofs gekommen. Er konnte sich so schnell noch gar nicht abfinden mit dem Gedanken, daß er aus seinem langjährigen Dienst bei den Arkebusieren plötzlich ausscheiden und mit einer wichtigen Mission zum Heimatland im Osten reiten sollte. . .

Bisher war er an soldatisches Gehorchen gewöhnt, nur in untergeordneten Dingen hatte er als Führer einer Eskadron zu befehlen, - jetzt sollte er in die Welt hinaus, und ihm lag es künftig ob, frei und selbstständig wichtige Entscheidungen zu fassen. Wie lähmend lag für Momente das Bewußtsein einer Verantwortung von nie gekannter Schwere auf seiner Seele. . .

Aber dann schlug das Heimatsehnen, das Heimatweh in der Seele des stahlharten Kriegers tief verborgene Saiten an. Wie klangen auf einmal gar so lieblich die süßen Melodien von seiner Heimat, seinem Jugendland in rauschenden Akkorden! Seit fast einem Vierteljahrhundert hatte Otto von Hohenstein seine Heimat nicht mehr gesehen, er hatte oft im Stillen so sehnlich nach ihr verlangt, es hatte ihn oft im wilden Kriegestanz wie mit unwiderstehlicher Gewalt danach gezogen, die Stätten wiederzusehen, wo er geboren, wo er aufgewachsen.

Jetzt schlug bei dem Gedanken, vielleicht all das, was er früher verlassen, besser und schöner wiederzufinden, das junge Herz höher. Wie drängte es ihn jetzt nach Marsberg, der festen Stadt auf dem Berge, wo seine Wiege gestanden, wo er mit Altersgenossen die kindlich-tollen Spiele der Jugend gespielt; nach Paderborn, wo er die Urgründe der Wissenschaft im Kloster gelernt, wo er dann den Federkiel mit dem Schwert vertauscht!

Freilich, seine Aufgabe war nicht leicht: Feinde umdräuten ihn auf allen Wegen. Aber - je mehr Feinde, desto gewaltiger wuchsen ihm die Kräfte! Viel Feind - viel Ehr´! Das war´s, was er sich wünschte.

Wild und jauchzend, mit jugendlichem Ungestüm, wallte und wirbelte es in des jungen Rittmeisters Brust von Heimatweh und Tatendrang: „Ich ahne, ich weiß es: Einem neuen Abschnitt meines Lebens, großen, stürmenden Ereignissen gehe ich nun entgegen. Mutig voran! Stählerner Wille und gepanzerte Faust, - die werden gemeinsam die dunklen Gewalten des Schicksals meistern!“

Mit festem Griff erfaßte Otto von Hohenstein den Knauf des Schwertes, das an seiner Linken glitzerte; mit seiner Rechten aber preßte er das geheimnisvolle Brieflein in der Brusttasche seines Kollers. . . Und wichtiger noch und entschlossener klirrte der feste Schritt des Reitersmannes in den dunklen Abend hinein.

Und anderen Tages ritt der junge Reitersmann frohen Sinnes in den frisch aufgehenden Morgen. Drei Gewappnete, langjährig gediente Arkebusiere zu Pferde, folgten ihm in acht bis zehn Schritt Abstand, es waren treue Kerls, worauf unbedingt Verlaß war. Mit Umsicht hatte sie sich von Hohenstein für dieses gefahrvolle Unternehmen ausgesucht; denn das Reisen war in diesen unsicheren Kriegszeiten nicht leicht.

Zuerst ging es rheinaufwärts durch kölnisches Gebiet. Dann kam man in herzoglich- bergisches Land, weiter in die Grafschaft Mark und endlich hatte man wieder kölnisches Gebiet im Herzogtum Westfalen unter den Füßen.