Der Schwertmacher Wilhelm Gorkeit - Monica Beckmann - E-Book

Der Schwertmacher Wilhelm Gorkeit E-Book

Monica Beckmann

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Beschreibung

Helvetien um 1250: Eine kleine, scheinbar unbedeutende Brücke über die bisher unpassierbare Schöllenenschlucht in den Alpen zieht die Blicke Europas auf sich und stellt die Bewohner dieses Tals vor neue Herausforderungen. In dieser Zeit des Umbruchs wächst Wilhelm Gorkeit als Sohn eines Schwertmachers auf und lernt schon früh den Grafen Rudolf von Habsburg aus dem Aargau kennen. Schicksalhafte Ereignisse sowie die grösste Ritterschlacht Europas verflechten die Leben der beiden Männer miteinander. Als machthungriger Kleinadel danach giert, sich der Gebiete der neuen Nord-Süd-Verbindung zu bemächtigen, ist es ein Schwur, der die Kräfte der Talbewohner vereint, um die bedrohte Freiheit zu verteidigen. Auch Wilhelm wird durch Intrigen beinahe zu Fall gebracht. Selbst sein Leben und das seiner Liebsten ist in Gefahr…

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Seitenzahl: 420

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Monica Beckmann & Christian Kravogel

© 2017 Monica Beckmann

Covergestaltung: Christian Kravogel & Monica Beckmann

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 42, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7439-7072-4

Hardcover:

978-3-7439-7073-1

e-Book:

978-3-7439-8218-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich ge-schützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elekt-ronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbrei-tung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Wilhelm Tell Legende Band I

Der Schwertmacher Wilhelm Gorkeit

Dem meist stillen und zugleich kraftvollen Lande Helvetien gewidmet.

Der Mythos ist keine Lüge, er ist die Dramatisierung eines Ereig-nisses mit einem Kern geschichtlicher Wahrheit.

Jacob Burckhardt, 1818 – 1897

Schweizer Humanist / Philosoph

Inhalt

Intro

Prolog

Anno Domini 1258

15. Juli – Der junge Wilhelm

Anno Domini 1278

2. August – Freunde in der Fremde

10. August – Heereslager bei Wien

23. August – Die wilden Kumanen

25. August – Vorabend der Schlacht

26. August – Die Schlacht

12. Oktober – Nachricht von Wilhelm

7. November – Prinzessin Joan of Acre

21. November – Am Englischen Hofe

Anno Domini 1281

16. März – Königliche Trauer

13. Juni – Juliana in Uri

22. Juni - Berta Katharina Biberli

27. August – Hochzeit

20. Dezember – Schlechte Nachrichten

Anno Domini 1291

12. Mai - Das Angebot

27. Mai – Der König liegt im Sterben

3. Juli – Das Treffen der Drei

12. Juli – Fürst in Speyer

15. Juli – Der König ist tot

26. Juli – Der Plan

1. August – Der Schwur auf der Rütliwiese

8. August - Aufstand gegen Gessler

21. August – Gesslers Tobsucht

18. Oktober – Das Züricher Bündnis

16. November - Fürstenallianz gegen Albrecht

Anno Domini 1292

15. Juli - Albrechts Niederlage

27. Juli – Julianas Entscheidung

10. Oktober – Der Schotte

Anno Domini 1297

26. Februar – Giftattentat auf Albrecht

5. April - Gesslers Intrigen

10. Juni - Das Todeskommando

Karten

Epilog

Danke

Intro

1230 Schöllenenschlucht im Kanton Uri

„Geht, bringt euch in Sicherheit!“, schrie der Hirte den Kindern völlig ausser Atem zu. Neben ihm sein Hütehund, in der Flanke eine schlimme Bisswunde.

Das Mädchen stand am ganzen Körper zitternd auf der geländerlosen Brücke, über der furchteinflössenden Schöllenenschlucht. Ihr offenes blondes Haar wehte im aufkommenden Wind, der einzelne Regentropfen vor sich herjagte. Voller Angst umklammerte sie mit ihren zarten Fingern die Hand ihres gleichaltrigen Freundes Jakob. Jakob schob sich und das Mädchen schutzsuchend dicht an den stattlichen Auerochsen, den er am Seil führte.

Dieser prachtvolle Ur, ein Stier mit einer beeindruckenden Schulterhöhe, stand wie ein Fels auf der Brücke und versperrte den Weg, während grosse Bergschafe mit weitaufgerissenen Augen in wilder Panik überall umherrannten. Dabei stiessen sich die Tiere gegenseitig laut blökend von der schmalen Brücke in die Tiefe und einen qualvollen Tod.

Der Wind frischte auf, eine dunkle Regenwand schob sich von Süden heran.

Ohne einen Laut tauchte hinter dem nahen Felsen am Brückenende der Grund für dieses heillose Durcheinander auf. Ein Rudel Wildhunde, von quälendem Hunger getrieben, bleckte seine Zähne unter glühenden Augen.

Hinkend wandte sich der verletzte Hirtenhund mutig und kampfbereit dem gefrässigen Rudel entgegen, um treu seinen Herrn und die ihm schutzbefohlenen Schafe zu verteidigen.

Unbeeindruckt näherte sich das Rudel langsam aber zielstrebig.

Ohne Vorwarnung stürzen sich drei der Bestien auf den verletzten Hirtenhund, der ihnen auf dem Weg zu ihrer Beute im Weg stand. Das arme Tier hatte keine Chance und verschwand winselnd zwischen seinen Angreifern.

Der Schmerz über diesen Verlust war dem Hirten deutlich anzusehen. Ohne zu überlegen, kam er seinem bewegungslosen vierbeinigen Freund zu Hilfe. Mit einem kraftvollen Tritt beförderte er eine der Bestien in den tosenden Abgrund. Energisch umfasste er den Leib seines Freundes und versuchte ihn wegzuziehen. Scharfe Zähne aus einem stinkenden Maul gruben sich schmerzhaft in seinen Oberarm. Doch es wäre ihm nicht im Traum eingefallen loszulassen. Um einem weiteren zähnefletschenden Gebiss auszuweichen, hob er mit ungeahnten Kräften den schwerverletzten Hund hoch, befreite sich aus den Fängen, machte einen Schritt zurück und stolperte dabei über eines seiner Schafe, die noch immer verschreckt hin und herrannten.

Mit dem Gewicht des Hundes im Arm, fand der Hirte sein Gleichgewicht nicht mehr. Er versuchte sich mit einer Hand im grob wolligen Fell eines der robusten Schafes festzuklammern, bekam es nicht zu fassen, taumelte, versuchte sich zu fangen und kippte schliesslich in einer unnatürlichen Langsamkeit mit seinem Hund im Arm von der Brücke. Sein überraschter, gellender Schrei hallte von den senkrechten Felswänden der Schöllenenschlucht und verstummte jäh, als der Unglückliche vom tobenden und schäumenden Gletscherwasser der Reuss verschlungen wurde. Erbarmungslos wurden die beiden Körper über die Granitblöcke im Flussbett gemahlen und gebrochen.

Schutzlos und kreidebleich standen Jakob und das Mädchen wie angewurzelt auf der Brücke. Ihnen gegenüber vier ausgemergelte Wildhunde mit angelegten Ohren und nach hinten gezogenen Lefzen.

Dumpfes, unheilvolles Donnergrollen war zu hören, während einer der Wildhunde gierig in die Kehle des schwächsten Schafes biss und diesem damit einen schnellen Tod bescherte.

Mit blutverschmierter Schnauze schnappte ein anderer wie im Rausch nach den verstörten Schafen, während zwei der Angreifer die beiden Kinder nicht mehr aus den Augen liessen.

Plötzlich prasselte kalter Regen aus dem schwarzen Himmel auf sie nieder, innert kürzester Zeit waren sie nass bis auf die Knochen. Ein grauer Regenschleier trübte die Sicht. Auf den Eichenbohlen der Brücke stand bereits das Wasser.

Im wilden Blutrausch machte einer der Wildhunde dem anderen seine Beute streitig. Knurrend kämpften sie um ein totes Schaf, verbissen sich zu einem Knäuel und rutschten schliesslich gemeinsam über die Kante der Brücke ihrem Tod entgegen.

Die letzten zwei Wildhunde hatten sich davon nicht ablenken lassen. Geduckt und mit angelegten Ohren näherten sie sich unaufhaltsam der kleinen Gruppe.

Der Auerochse stellte sich breitbeinig hin und senkte seinen mächtigen Schädel mit den weitausladenden, imposanten Hörnern.

Die beiden Kinder schoben sich nach hinten, an der Seite des mächtigen Stiers entlang.

Als einer der Wildhunde einen Satz auf die kleine Gruppe zumachte, schwenkte der Stier im richtigen Moment seinen Kopf, erwischte den Hund im Sprung und schleuderte ihn gegen einen Felsen. Benommen rutschte der Angreifer hinunter in die Tiefe der Schlucht.

Einen Wimpernschlag später setze der zweite Wildhund zum Sprung an. Der Stier schwenkte seinen massigen Kopf in die andere Richtung, dabei krachte sein Horn an eine schroffe, überhängende Felsnase. Das lang gekrümmte Horn mit der dunkel gefärbten Spitzen brach knirschend ab. Ein nichtendenwollender Blutstrom ergoss sich aus dem wunden Hornzapfen.

Geistesgegenwärtig umfasste Jakob mit beiden Händen sein Messer, rannte los, lies sich auf die Knie fallen und rutschte mit vorgestreckter Klinge über die nassen Holzbohlen vor den verletzten Stier. Das Messer traf den überraschten Wildhund mit voller Wucht und bohrte sich tief in seine Brust. Tonlos sackte das Tier in sich zusammen.

Ohne sich eine Pause zu gönnen, wendete sich Jakob dem verletzen Stier zu. Mit zitternden Händen wickelte er geschickt seine Jacke um den blutenden Hornzapfen und strich dem gutmütigen Tier liebevoll über das makellose, schwarze Fell, bevor er sich dem Mädchen zuwandte.

Die nassen Haarsträhnen klebten ihr im bleichen Gesicht. Mit eiskalten Lippen küsste sie Jakob wortlos auf die Stirn und griff mit klammen Fingern trostsuchend nach seiner Hand. Ohne sie wieder los zu lassen setzten sie ihren Weg im strömenden Regen weiter bergauf Richtung Andermatt fort.

Prolog

Tausende von Jahren waren bereits vergangen, seit sich die Kelten in den Ebenen und Tälern Helvetiens niedergelassen hatten. Immer wieder zogen über die Jahrhunderte fremde Völker durch die helvetischen Siedlungsgebiete, unter ihnen Slawen, Römer, Hunnen, Räten und Alemannen. Einige liessen sich in den fruchtbaren Hügellandschaften oder im Schutz der Berge nieder und vereinten sich mit den hier bereits Ansässigen. Was sie verband, war die Liebe zu ihrem Land, der Stolz auf ihre Errungenschaften und die Stärke mit der sie ihre Rechte und Freiheiten zu verteidigen pflegten.

Inmitten dieser Wiesen, Moore, Wälder und Berge befand sich ein See. Durch Gletscher aus längst vergangenen Zeiten in den harten Fels der Alpen geschliffen, lag er eingebettet in malerischen Tallandschaften, umringt von hohen, schneebedeckten Bergen. An seinen Ufern die vier Waldstätten. Im Süden das von den Kelten nach dem Stier benannte Ure. Im Osten ein Tal, das im Glanz der schneebedeckten Berge im ersten Lichte der Morgendämmerung erstrahlte und deshalb von den Alemannen den Namen Svites, glänzend, erhalten hatte. Im Westen erstreckte sich das Land unter dem Wald, von den Römern Subsilvania genannt und im Norden schmiegte sich die Lichterstadt Luciaria an das Seeufer.

Ein arbeitsames Volk von Bauern und Hirten lebte in diesen Tälern, unbehelligt von den Kämpfen, die sich machthungrige Territorialfürsten von der iberischen Halbinsel bis hin zu den Steppen Ungarns und von den Ländern am Nordmeer bis nach Rom lieferten. Diese Fürsten versuchten, mit dem Segen der Kirche und dem Einsatz von Waffen ein neues Imperium aufzubauen. Genannt das Sacrum Imperium, nach dem Vorbild des antiken römischen Reiches. Doch ihr Heiliges Reich war durchtrennt. Die Alpen, ein massiver Gebirgszug erschwerte die Verbindung der Länder im Norden zur Macht stützenden Reichskirche im Süden, in der heiligen Stadt Rom.

Doch dies sollte sich alles ändern, als im Jahre des Herrn 1230, inmitten der Alpen, eine kleine Brücke gebaut wurde. Das Augenmerk von ganz Europa lenkte sich auf sie, auf die Brücke über die Schöllenenschlucht dort im Tal, genannt Uri. Durch diese Brücke wurde das bisher unpassierbare Tal auf einmal zugänglich, Städte, Pässe und Orte wie Luzern, Brunnen, Flüelen, Altdorf und ganz besonders der Pass Sankt Gotthard waren von nun an in aller Munde.

Friedrich II., Kaiser des Sacrum Imperiums, regierte weise und mit Bedacht. Seine Entscheide, ob das Abendland oder das Heilige Land betreffend, fielen in Einklang mit der jeweiligen Kultur. Der Herrscher blickte auf die Täler und Völker der Waldstätten, erkannte die Bedeutung dieses neuen und kürzeren Weges nach Süden, sah die Kraft und Unerschrockenheit in den Augen der Waldstätter und gab ihnen ein Geschenk. Das Geschenk der Freiheit, die Reichsunmittelbarkeit mit der sie unmittelbar und ausschliesslich dem Herrscher des Sacrum Imperiums unterstanden, kein Landesherr war befugt, sie zu unterwerfen.

So geschehen 1231 für Uri und 1240 für Schwyz.

Dies sollte sie auf ewig vor der Ausbeutung durch fremde Mächte bewahren. Mit diesem Geschenk sicherte sich Kaiser Friedrich II. die Loyalität der Helveten, welche den bedeutenden Durchgang durch die Alpen für alle Reisenden sicherten. Doch schon bald nach dem Tode des grossen Kaisers wurde ihre neu erworbene Freiheit zum ersten Mal bedroht. Das Zeitalter, genannt Interregnum, begann. Dreissig Jahre lang stritt man sich um die Nachfolge von Friedrich, das ganze Reich versank in Anarchie. Die Wirren der Zeit nutzte ein Mann aus dem Osten für sich. Zielstrebig eroberte er mehr und mehr Ländereien. Sein Name war Ottokar, König der böhmischen Dynastie der Přemysliden. Erst herrschte er über Böhmen und Mähren, dann über weite Gebiete in Ungarn und nahm Ostarrîchi, Kärnten und die Steiermark ein. Doch seine Gier nach Land und Macht schien keine Grenzen zu kennen. Er wollte mehr, er wollte die Nachfolge Friedrichs. Ottokar trachtete nach dem Thron, er sah sich als der einzig wahre Herrscher des Heiligen Reiches. Und wer es wagte, sich ihm zu widersetzen, war des Todes.

Die sieben Kurfürsten, ein Rat mächtiger Männer aus Adel und Klerus, denen es oblag, einen neuen König zu finden, fürchteten sich vor der Machtgier Ottokars. Sie suchten nach einem Mann, der friedfertig und weise wie Friedrich II. war, stark und selbstbewusst genug um Männern wie Ottokar die Stirn bieten zu können und der gleichzeitig nicht vergass, die Interessen der Kurfürsten angemessen zu vertreten. Und diesen Mann fanden sie im helvetischen Aargau, in einer Burg ob der Flussmündung von Reuss und Aare. Sein Name war Graf Rudolf von Habsburg.

Die Bürger der Waldstätten jubelten, denn sie hatten von ihm nichts zu befürchten. Er war ein Freund der Waldstätter und nach seiner Wahl zum König als Nachfolger Friedrichs II., anno Domini 1273, bekräftigte er das Recht auf Freiheit von Uri und Schwyz mit der Bestätigung ihrer Reichsunmittelbarkeit.

Doch die Freude währte nur kurz. Der Böhmenkönig Ottokar war ausser sich vor Wut; ein in seinen Augen unbedeutender helvetischer Graf erhielt das, wofür er seit Jahren gekämpft hatte. So zog Ottokar in den Krieg gegen den neuen König des Sacrum Imperiums. Sein Ziel: Rudolf zu vernichten und all seine Verbündeten zu unterwerfen.

Was keiner ahnte, die Gefahr, die sich im Osten aufbaute, war nur der Anstoss einer Reihe schicksalhafter Ereignisse. Ereignisse die schon bald Freunde zu Feinden werden liessen und die die Freiheit aller Waldstätter in Gefahr brachten. Eine Bedrohung der sie nur vereint begegnen konnten.

Und dies ist die Geschichte ihres Freiheitskampfes:

Anno Domini 1258

15. Juli – Der junge Wilhelm

Nahe Brugg am Fluss Aare im Aargau

Jakob, inzwischen ein leicht untersetzter Mann, dem jede Eile ein Graus war, schlenderte gemütlich den gewundenen Pfad entlang, der durch den lichten Wald von Brugg, am Fluss Aa re gelegen, hoch zur Habsburg führte. An seiner Hand sein in die Jahre gekommener Lastesel, der zwar langsam aber getreu den schwer beladenen Holzkarren hinter sich herzog. Auf dem Holzkarren lagen, sorgfältig in Tücher eingehüllt, Lanzen, Bögen, Pfeile, Schwerter und drei Armbrüste, die Graf Rudolf von Habsburg bei Jakob bestellt hatte. Gut gelaunt pfiff der Waffenbauer an diesem sonnigen Tag ein Lied vor sich hin und beobachtete amüsiert das Spiel seines zwölfjährigen Sohns Wilhelm, der unermüdlich zwischen den Buchen und Fichten umher rannte.

„Hier, nimm das“, der Junge schlug mit seinem Holzschwert einen Dämonen in die Flucht und rief der unsichtbaren Fantasiegestalt hinterher: „Ja, renn nur, das soll dir eine Lehre sein!“ Wilhelm schlug weiter nach links, nach rechts, sprang auf einen moosbewachsenen Felsen am Rande einer kleinen Lichtung und stach mit seiner Waffe kraftvoll nach vorn, um im nächsten Moment mit einem Satz wieder im satten Grün zu landen. Gerade als er weiter rennen wollte, entdeckte er zwischen dem hohen Gras zwei orangebraune Schmetterlinge auf den borstigen Blüten einer Diestel. Behutsam kniete sich der Junge hin und beobachtete gebannt die filigranen Wesen und das Glitzern ihrer Flügel im Sonnenlicht.

„Na mein Sohn, alle Bösewichte vertrieben?“, hörte er die tiefe, vertraute Stimme seines Vaters hinter sich.

„Schau, Vater!“ Interessiert sah der Junge dem Spiel der über die Lichtung davontanzenden Schmetterlinge zu. „Oh, schade, jetzt sind sie weg. Weisst du, wie sie heissen?“

„Rosi und Hans.“ Kam prompt die Antwort des Vaters.

Wilhelm drehte sich stirnrunzelnd zu seinem Vater und musterte ihn ungeduldig. Dieser schmunzelte seinem Sohn zu, wohl wissend, dass Wilhelm seinen Jux schon verstanden hatte und erklärte: „Das sind Distelfalter, mein Junge, die haben eine weite Reise hinter sich. Ich habe gehört, dass sie im Winter auch auf der anderen Seite der Alpen zu finden sind und sich mit dem Wind in ferne Länder tragen lassen.“

Fasziniert sah der Junge hinauf zum tiefblauen Sommerhimmel. „Wenn ich gross bin, möchte ich wie diese Schmetterlinge auch in ferne Länder reisen“. Und gleich darauf rannte er durch die Wiese den Schmetterlingen hinterher.

Jakob lächelte milde, „Ja, ja, schauen wir dann mal.“

Inzwischen hatten sie den Wald verlassen. Vor ihnen erhob sich der Hügel, auf dessen Kuppe stolz die Habsburg thronte. Das letzte Stück des Wegs führte sie um den halben Hügel herum, so dass Wilhelm genügend Zeit hatte, die hohe Ringmauer, die von mehreren imposanten Türmen überragt wurde, von allen Seiten zu bestaunen.

„Noch ein Stückchen“, sanft tätschelte Jakob den Hals seines Esels. „Gleich sind wir da.“

Kurz darauf verriet lautes, aufgeregtes Geschnatter von mindestens zwei Dutzend Gänsen ihre Ankunft den Burgwachen.

„Wer da?“ Eine tiefe Stimme war von der Mauer über dem Tor zu hören, als sie das letzte steile Stück des Weges endlich geschafft hatten. Neugierig spähte Wilhelm nach oben, konnte aber nur einen Helm ausmachen.

Jakob legte den Kopf in den Nacken. Etwas ausser Atem beantwortete er die Frage: „Mein Name ist Jakob Gorkeit, dies ist mein Sohn Wilhelm.“

„Welche Geschäfte führen Euch zu uns?“, wollte die Stimme wissen, während der Helm sich leicht hin und her bewegte.

„Wir bringen die Waffen, die Graf Rudolf bei uns bestellt hat“, antwortete Jakob geduldig.

Der Helm verschwand hinter den Zinnen.

Wilhelm schaute nach einer Weile fragend seinen Vater an. Dieser verzog keine Miene und wartete ergeben. Der Junge tat es seinem Vater gleich und schaute gespannt auf das verschlossene Holztor vor ihnen.

Aus dem Innenhof waren Schritte zu hören und das schleifende Geräusch von schweren Riegeln, die geschoben wurden. Dann ein dumpfes Knallen von Eisen auf Holz und ein unverständliches Gemurmel, das nur ein Fluchen sein konnte. Dann ein weiterer Knall von unter Spannung stehendem Holz und endlich öffnete sich die eine Hälfte des schweren Holztores, begleitet von einem grässlich quietschenden Geräusch der Metallscharniere. Der Torflügel schwang knarrend auf und kam gleich darauf wieder zum Stillstand. Ein dicklicher, behelmter Mann erschien schwer schnaufend in der Öffnung. Argwöhnisch beäugte er Jakob und Wilhelm, dann blickte er auf den Wagen, der unmöglich durch die halbe Toröffnung passte.

Umständlich klemmte der Wachmann seinen Speer unter die Achsel. Mit einem demonstrativen Stöhnen, als wäre es die schwerste Aufgabe seines Lebens, schob er noch den zweiten Torflügel auf. Dann stellte sich der Wachmann, ohne ein Wort zu sagen, neben das Tor. Sein leerer Blick war auf den Holzkarren hinter dem Esel gerichtet.

„Ich vermute mal, er will uns sagen, dass wir eintreten sollen“, mutmasste Jakob amüsiert an Wilhelm gewandt, laut genug, dass der Wachmann ihn sicher verstand. Ein Grummeln war das Einzige, was der Wachmann von sich vernehmen liess, während die beiden mit Tier und Wagen durch das Tor schritten.

Wilhelm war beeindruckt von dem geschäftigen Treiben innerhalb der Mauern. Bei dem schönen Wetter hatten alle ihre Arbeiten nach draussen verlegt. Körbe wurden von flinken Händen geflickt, stattliche Pferde gestriegelt, Leder für neue Stiefel zurechtgeschnitten, von irgendwo war das Hämmern eines Schmieds zu hören und ein Drechsler liess die Holzspäne nur so fliegen. Die hübsche kleine Burgkapelle und die vielen verwinkelten Ecken und Plätzen luden geradezu zum Spielen ein. Doch am meisten faszinierte ihn der Brunnen in der Mitte des grössten Platzes. Er musste unheimlich tief sein, um von hier oben an Wasser zu gelangen. Am liebsten wäre er hingerannt, um einen Kieselstein hinein zu werfen, er war neugierig wie lange es wohl dauerte bis ein platschendes Geräusch zu hören war. Er hob einen kleinen Stein vom Boden auf, wurde jedoch in seinem Vorhaben unterbrochen.

„Dort, das ist Graf Rudolf von Habsburg“, deutete Jakob seinem Sohn und brachte den Jungen auf andere Gedanken.

Wilhelm sah gespannt hinüber zum Grafen, der soeben das Haupthaus der Burg verliess und auf sie zuschritt. Der hochgewachsene Mann mit den welligen braunen Haaren und sanftmütigen Augen überquerte lächelnd den Platz.

„Jakob Gorkeit, was für eine Freude euch zu sehen.“ Rudolf umfasste mit beiden Händen die Rechte von Jakob. „Ich habe schon ungeduldig auf deine Lieferung gewartet.“

Jakob wollte gleich zum Karren, um Rudolf die Waren zu zeigen, da fiel der Blick des Grafen auf Wilhelm.

Rudolf neigte sich etwas hinunter. „Du bist bestimmt Wilhelm, Jakobs Sohn.“

Wilhelm nickte, während der Graf fortfuhr: „Willkommen auf meiner Burg, junger Mann. Ich habe schon viel von dir gehört. Dein Vater scheint sehr stolz auf dich zu sein.“ Der Graf zwinkerte Jakob mit einem freundlichen Lächeln zu.

Schüchtern sah Wilhelm zum Grafen auf, ohne seinen Kopf zu heben.

„Wilhelm“, rief Jakob streng hinter dem Karren hervor. „Verneige dich vor dem Grafen.“ An diesen gewandt entschuldigte er sich: „Verzeiht mein Herr, bei Fremden bringt er kein Wort über die Lippen.“

„Ist schon in Ordnung, Jakob“, entgegnete Rudolf verständnisvoll, fasste die Hand des Jungen und sah ihm in seine braunen Augen, als ob er etwas in ihnen lesen wollte. Rudolf legte eine Hand auf Wilhelms Schulter, lächelte ihn an und wandte sich ohne ein weiteres Wort wieder Jakob zu. „Na dann, zeig uns mal, was du mitgebracht hast.“

Jakob packte in seiner gewohnt ruhigen Art die Waffen langsam aus den Tüchern. Der Graf indessen überspielte seine aufkommende Ungeduld mit einigen Befehlen an seine Bediensteten. „Stallbursche, bring für das Lastentier einen Eimer Wasser und ein Bündel Stroh.“ Und in Richtung der Burgküche befahl er mit lauter Stimme. „Tildi, bereite für unsere beiden Gäste ein Mahl und Getränke vor.“

An Wilhelm gewandt ergänzte er: „Tildi ist die beste Köchin weit und breit; aus der einfachsten Grützenbrühe zaubert sie noch ein schmackhaftes Mahl.“

Unterdessen öffnete Jakob das Tuch, in welchem eine Armbrust eingehüllt war. Die Augen des Grafen leuchteten. Jakob übergab ihm mit sichtlichem Stolz die hervorragend gefertigte Armbrust. Graf Rudolf von Habsburg nahm die Waffe wie ein Kunstwerk entgegen und betrachtete sie von allen Seiten. Wog sie in seinen Händen, fuhr mit den Fingern sachte über die Horneinlagen, die an beiden Seiten des Kolbens eingebracht waren und ertastet nachdenklich die eingekerbten Symbole und Worte.

„Die hat mein Sohn eingearbeitet“, verkündete Jakob voller Stolz.

Rudolf zog die Augenbrauen hoch und mit leichtem Nicken antwortete er: „Eine sehr schöne Arbeit, weit besser, als ich es mir vorgestellt hatte.“ Voll Respekt betrachtete er den Jungen und las dann die Worte, die im Horn auf der linken Seite des Kolbens eingebracht waren: „Helvetia coniunctis viribus.“ Der Graf sah zu Wilhelm, als er wiederholte, „Helvetien mit vereinten Kräften. Welch schöne Worte mein junger Wilhelm, sind sie deinen eigenen Gedanken entsprungen oder hast du sie irgendwo gelesen?“

„Meinen eigenen“, antwortete der Junge leise.

„Und wen betrachtest du hier als Helvetier?“, fragte der Graf fordernd.

Jakob sah seinen Sohn aufmunternd an, woraufhin der Junge sein Kinn hob, dem Grafen von Habsburg in die Augen sah und antwortete: „Wir alle, die wir hier leben, unabhängig der Herkunft unserer Vorväter, wir alle sind Helvetier, entweder im Blute oder im Herzen.“

Ausgiebig musterte der Graf den Jungen vor sich. „Und dies bringst du mit diesen Worten zum Ausdruck, sehr schön.“ Neugierig betrachtete Rudolf nun auch die andere Seite des Kolbens und las die dort eingravierten Worte: „Consensus omnium - mit Zustimmung aller.“ Ohne ein weiteres Wort liess Rudolf seinen Blick über die verschlungenen Linien gleiten. Es hatte den Anschein, als ob sie die Worte zierend umspielten, doch Rudolf erkannte, dass es damit weit mehr auf sich hatte.

„Sag mir, Junge, deute ich diese Zeichen richtig? Ich erkenne sowohl Insignien des Christentums, als auch keltische Symbole. Und wenn ich die Zeichen aus alten Tage richtig deute, dann stehen sie für die Göttinnen Aventia und Artio, nicht wahr?“ Rudolf wartete nicht auf eine Antwort und fuhr nachdenklich fort, „doch die Linien enden nicht, du hast sie direkt verbunden mit den Insignien des Christentums. Wahrlich gewagt.“

Rudolfs Augen wanderten zu Wilhelm, wieder zurück zur Waffe und wieder hin zum Jungen, unschlüssig was ihn mehr faszinierte. „Ich erkenne in den Worten und den Zeichen den unbelasteten Verstand, den nur ein Kind haben kann. Kein Erwachsener würde es wagen diese Symbole so verspielt zu kombinieren.“

„Mein Herr“, unterbrach ihn Wilhelm aus einem inneren Drang heraus, und zur Überraschung seines Vaters „ist es nicht auch gewagt, eine Waffen, die zum Töten bestimmt ist, mit christlichen Symbolen zieren zu lassen, wie ihr es gewünscht hattet? Und war es nicht euer Wunsch Altes und Neues auf dieser Armbrust zu vereinen? Diese Worte und Symbole sollen Verbindendes zeigen auf einem Gerät, das gebaut wurde, um zu trennen.“ Selbst überrascht über den Mut seiner Worte, wanderte sein Blick hilfesuchend zu seinem Vater. Dieser legte ihm wohlwollend die Hand auf die Schulter und ergänzte: „So wie die alten heiligen Zeichen in christliche Symbole übergehen, so tut es auch unser Glaube. So wächst wahre Kraft aus der Verbindung von scheinbar Gegensätzlichem.“

Rudolf nickte nachdenklich und sah den Jungen vor sich lange an. „Du bist nicht nur geschickt in deinem Handwerk, mein Junge, du trägst in dir einen wachen und klaren Geist. Ich frage mich, wie viele Leben du schon gelebt haben musst, damit du in deinen jungen Jahren solche Gedanken äussern kannst.“ Der Graf klopfte Wilhelm anerkennend auf die Schulter und unterbrach damit die tiefschürfenden Gedanken.

„Junger Mann, ich danke dir von Herzen für dieses Prachtexemplar. Wundervoll, einfach wundervoll.“

Dann wandte er sich an Wilhelms Vater, der seinen Sohn immer noch verblüfft doch stolz anlächelte. „Jakob, ich bin überzeugt, dass du nicht nur einen würdigen Nachfolger heranziehst, sondern einen wahrhaft edlen Mann. Einen so wachen Geist sollte man fördern. Wenn du möchtest, nutze meine Kontakte zu verschiedenen Klöstern und Herren mit Büchern aus aller Welt, ein Wort genügt.“ Anerkennend sah der Graf wieder zu Wilhelm: „Gut gemacht.“

Stolz über die gerade gehörten Worte zog Wilhelm seinen Kopf zwischen die Schultern und lächelte verlegen.

„Doch lasst uns einmal sehen, ob diese Armbrust nur zur Zierde dient, oder ob sie einen Bolzen gerade und weit schiessen kann.“ Rudolf zog den Spannhebel, liess die Sehne einrasten, nahm ein metallenes Projektil, legte dieses in die dafür vorgesehene Rille ein und richtete die Armbrust steil in den Himmel. Ein leichter Wind kam auf, einzelne weisse Wolkenbänder zierten das Blau des Himmels. Ein dumpfer Knall durchbrach die Ruhe des Tages, gefolgt von einem Zischen und der Bolzen flog hoch über die Burgmauer und verschwand schnell aus dem Blickfeld der Beobachter. Das unerwartete Zischen liess eine Magd ängstlich zusammenfahren, während einer der Wachen anerkennend einen Pfiff von sich gab.

„Unglaublich! Hoffentlich hole ich keinen Engel von seiner Wolke herunter“, scherzte der erstaunte Graf und nickte dem Waffenbauer zufrieden zu. „Eine gute Waffe. Mit zwei Dutzend davon, Jakob, in genau dieser Art will ich meine Burgwachen ausrüsten lassen. Aber diese hier, werde nur ich verwenden und sie bekommt einen besonderen Platz in meiner Halle.“

Rudolf liess sich noch die Lanzen, Schwerter, Pfeile und Bögen zeigen, die er bei Jakob Gorkeit bestellt hatte.

„Jakob, ich bin wie immer sehr zufrieden mit deiner Lieferung.“ Rudolf von Habsburg schätzte die Zuverlässigkeit von Jakob. „Ich nehme alles und gebe dem Zahlmeister Anweisung, dir die vereinbarte Summe in Gold- und Silbertalern auszuhändigen. Kommt in meine Halle und lasst uns anstossen.“

Kurz bevor sie die Tür erreichten, drang aus der Burg das Schreien eines Säuglings. Eine Amme, ganz konzentriert auf das Kind in ihrem Arm, kam ihnen entgegen. Erst als sie knapp vor sich auf den Pflastersteinen die Schuhe des Grafen sah, blickte sie erschrocken auf. „Oh, verzeiht mein Herr, aber der Junge Schreit schon wieder andauernd, ich kann es ihm mit nichts recht machen“, entschuldigte sie sich mit einem Hauch von Ungeduld in der Stimme. Sie atmete tief durch bevor sie erklärte: „Ich wollte mit ihm ein wenig spazieren, in der Hoffnung, dass er sich an der frischen Luft beruhigen wird.“

„Ja, mach das“, antwortete Rudolf mit ruhiger Stimme und schob das dünne Leinentuch über dem Gesichtchen des Kindes zur Seite. „Schau, Jakob, das ist mein erstgeborener Sohn, Albrecht. Der kleine Schreihals hat seinen ersten Winter gut überstanden.“

Jakob war nicht wirklich an diesem schreienden Kind interessiert, doch Wilhelm stellte sich neben die Amme und sprach mit leisen beruhigenden Worten auf den Kleinen ein. Er berührte die Füsschen die unter den Windeln hervorstrampelten und begann eine der winzigen Fusssohlen sanft mit dem Daumen zu massieren. Zur Verwunderung aller beruhigte sich das Kindchen zusehends und hörte auf zu weinen. Erstaunt beobachtete Rudolf wie sich Wilhelm hingebungsvoll ganz auf den kleinen Jungen konzentrierte. „Jakob, mein Freund, versprecht mir eines, pass gut auf deinen Wilhelm auf.“

Anno Domini 1278

20 Jahre später

2. August – Freunde in der Fremde

Entlang der Donau zwischen Linz und St. Pölten

Die Glut brannte heiss in der Esse, ein lautes Fauchen und unzählige von Funken stoben in den Himmel. Die beiden Blasebälge hoben und senkten sich abwechselnd und stiessen noch mehr Luft mitten in die Feuerschüssel hinein. In kräftigem, gleichmässigem Trott bewegte der junge Bursche die Tretvorrichtung, um die Hitze des Feuers zu halten. Der Hufschmied schob mit festem Griff die Zange mit dem zu bearbeitenden Eisen tief in die glühende Kohle. Geduldig wartete er, bis die dunkle Oberfläche allmählich ein leuchtendes Kirschrot zeigte. Nur ein schwerer Lederschurz über der Leinenhose schütze ihn vor dem Funkenflug und der heissen Luft, die ihm entgegen brannte.

Schweigend arbeiteten Vater und Sohn Hand in Hand.

Der Bursche hob den Kopf und lauschte. Mehr ein Gefühl als ein Laut hatte seine Aufmerksamkeit geweckt. Er versuchte wahrzunehmen, was ausserhalb des einfachen Unterstandes, der ihn auf seiner Tretvorrichtung vor Wind und Wetter schützte, vor sich ging, doch alles schien so ruhig wie zuvor. Er blickte zum Himmel, ob sich vielleicht ein Gewitter zusammenbraute. Doch dort schoben sich nur friedliche, dicke weisse Wolken langsam über das weite Land mit den sanften Hügeln. Unsicher sah der Junge zu seinem Vater, der weiterhin auf die Glut und das Eisen vor sich starrte. Beruhigt widmete er sich wieder seiner monotonen Arbeit und trat kräftig den Blasebalg zusammen.

Ohne einmal von seiner Arbeit aufzusehen, packte der Hufschmied mit der Zange das Eisen, das zwischen den Kohlen glühte und legte es vor sich auf den Amboss. Von seinem muskelbepackten nackten Oberkörper tropfte der Schweiss zischend auf das rotglühende Metall. Er hob den schweren Schmiede hammer, holte aus und liess das Werkzeug auf das heisse Eisen donnern.

Der Jüngere nutzte die kurze Pause, um Wasser für den Löschtrog zu holen. Das regelmässige Klingen des Hammers war noch unten an der Wegkreuzung bei der alten Eiche zu hören. Im Vorbeigehen winkte der Junge seiner kleinen Schwester Juliana zu; sie spielte oft hier an der Gabelung des Pfades. Während sie Blumen pflückte und über die Wiesen hüpfte, sang sie das Lied der Elfen, welches ihr Bruder ihr beigebracht hatte. Es war das einzige Erbe ihrer Mutter die sie nie kennen gelernt hatte. Sie winkte ihrem Bruder hinterher, der zwischen einigen Birken hinunter zum Bach verschwand.

Der jähe, schrille Schrei eines Falken liess das Mädchen aus ihrer kindlichen Träumerei aufschrecken und suchend zum Himmel blicken. Dutzende Raben flogen gleichzeitig von der knorrigen Eiche neben der Wegkreuzung auf. Sie horchte. Geräusche drangen an ihr Ohr die sie noch nie zuvor vernommen hatte. Ein Grollen, das nicht aufhören wollte und immer lauter wurde. Das Rasseln von Metall, als ob in weiter Ferne tausend Schmiedehämmer gleichzeitig auf einen Amboss schlugen.

Schnell rannte sie den nahen Hügel hinauf, das Gras unter ihren kleinen, nackten Füssen war noch feucht vom Morgentau. Wie angewurzelt blieb sie stehen und starrte mit offenem Mund hinunter in das weite Tal. Nahe dem breiten Fluss, über die grüne Matten und Felder, schlängelte sich eine endlos scheinende schwarze Schlange. Und diese Schlange bewegte sich in ihre Richtung. Sie hatte Angst, ihr kleines Herz pochte wild in der Brust. Die eben erst gepflückten Blumen glitten ihr aus den kraftlos gewordenen Fingern. Die Angst drängte sie, sofort weg zu rennen, doch ihre Neugier war stärker. Sie kletterte auf ihren Lieblingsstein, um besser sehen zu können. Ihre nassen Fussabdrücke auf dem bereits sonnengetrockneten warmen Stein blieben von ihr für heute einmal unbeachtet.

Am Fusse des Hügels, in der breiten waldlosen Ebene entlang des Flusses, tauchte dunkel und mit lautem Dröhnen der Kopf der Schlange auf.

Doch das, was Juliana erspähte, war nicht der Kopf einer Riesenschlange, die aus dem Reich der Finsternis entflohen war. Das was sie sah, waren hunderte, nein tausende von Männern, Burschen, bewaffneten Rittern und Edelleuten, manche zu Pferd, manche auf Wagen und viele zu Fuss, die auf sie zu marschierten.

Wie aus dem Nichts preschte ein Reiter eilig an ihr vorbei. Noch bevor der gleichmässige Klang der Hufe verhalt war, kam ein weiterer Reiter. Dessen Pferd scheute vor ihr und stellte sich auf die Hinterbeine. Der Reiter aus dem Spähtrupp trug einen langen dunkelblauen Umhang und sah finster auf das Mädchen herab. Immer wieder rief er „Hoo, hoo...,“ und stiess dem Tier mit den Fersen in die Seite, bis es endlich weiter galoppierte.

In diesem Moment wurde Juliana von hinten gepackt. Ihr Bruder hob sie so eilig zu sich auf den Arm, dass das Wasser in seinem Eimer nur so spritzte. Schnell schlang sie ihre Arme fest um seinen Hals. Und während er mit ihr zurück zur Schmiede rannte, starrte sie gebannt über seine Schulter, hinunter in die Ebene auf das riesige Heer, dessen Spitze sie schon bald erreichen würde. Zitternd erkannte sie, wie ein Reiter sich aus dem unheimlich, tosenden Menschenstrom löste und geradewegs an den Platz ritt, an dem sie eben noch gespielt hatte. Ängstlich vergrub sie ihr Gesichtchen in der Schulter ihres Retters.

Wilhelm Gorkeit, der im Heere aus dem Elsass, Helvetien und Schwaben ritt, hatte den Trupp verlassen, um von einer Anhöhe auf die tausenden von Soldaten in der Talebene blicken zu können. Sie befanden sich mitten in Ostarrîchi, in einer weiten Ebene des sonst dicht bewaldeten Hügellandes, das der breite Strom der Donau durchzog. Wilhelm beobachtete die vielen Menschen die im gleichmässigen Trott den Weg unter ihre Füsse nahmen, als sein Blick auf einen kleinen Strauss bunter Blumen fiel, der vergessen im Gras lag. Während er überlegte, wer sie wohl hier liegen gelassen hatte, gesellte sich ein weiterer Reiter zu ihm.

„Ist schon ein eindrücklicher Anblick“, stellte dieser bewundernd fest ohne Wilhelm anzusehen.

„Ja, mächtig und furchteinflössend.“ Bestätigte Wilhelm ungefragt.

„Ja, hoffen wir, Ottokar sieht das auch so.“ Mit einem breiten, gewinnenden Lachen stellte sich der zweite vor: „Seid gegrüsst, mein Name ist Ulrich, Ulrich von Kapellen aus dem schönen Land ob der Enns.“

„Freut mich, dich kennen zu lernen“, Wilhelm sah in die kecken Augen seines Gegenübers, „ich bin Wilhelm Gorkeit, Sohn von Jakob aus Dällikon bei Zürich.“

„Aus Zürich?“ Ulrich von Kapellen musterte Wilhelm genau. „Ihr wirkt auf mich nicht wie ein Mann aus der Stadt.“

Wilhelm schmunzelte: „Du siehst in mir vermutlich meine Vorfahren. Ich stamm aus einem Volk aus den Bergen. Mein Grossvater kommt aus einem Tal der Alpen, einem Gebiet genannt Uri.“ Mit festem Blick sah Wilhelm zu seinem Gesprächspartner.

Ulrich lachte breit: „Ein Helvete! Welch Freude, euch mag ich, seid willkommen in unseren Ländereien.“

Noch nicht ganz darüber im Klaren was er von diesem gesprächigen Ritter halten sollte, bedankte sich Wilhelm mit einem angedeuteten Nicken.

Nach einer kurzen Pause fügte Ulrich hinzu: „Diesem Ottokar von Böhmen werden wir es schon zeigen!“, er hob lachend seine Faust zum Himmel und rief: „Für König Rudolf!“ Gut gelaunt sprach er weiter, „Komm Wilhelm, ich will dir meine Freunde vorstellen.“

Die beiden Männer ritten zurück zum Kopf des dahinkriechenden Tross um sich neben drei weiteren Rittern einzureihen.

„Seid gegrüsst, edler Ritter von Ramswag“, rief Ulrich in die Reitermenge und schien auf etwas zu warten. Als die gewünschte Reaktion ausblieb, fügte er mit blitzendem Schalk in den Augen hinzu: „Ein Ritter bist du, das ist wohl wahr, aber edel, ich weiss nicht?“ Da Walter von Ramswag noch immer nicht reagierte, scherzte er weiter, „das Edelste an dir mein Freund ist die Spange die deinen Umhang zusammenhält.“

Ohne eine Miene zu verziehen oder ihn anzusehen entgegnete Walter von Ramswag gutmütigen und langsam: „Hat da jemand was gesagt oder war das nur das Gesäusel des Windes?“ Er liess sich Zeit bis er schmunzelnd hinzufügte. „Ah, Ulrich du bist es, spar dir deinen Übermut besser für die Dirnen auf.“

Das Grinsen in Ulrichs Gesicht verriet seinen Spass an diesen Neckereien. Halb zu Wilhelm gewandt, fuhr er fort: „Darf ich vorstellen, das ist Wilhelm Gorkeit, wie du ein Helvete. Ihr zwei seid genauso, wie ich mir Helveten immer vorgestellt habe, in meinen Augen vereint ihr die Kraft der Kelten, das Feuer der Hunnen und den Charme der Römer.“ Ulrich konnte es nicht lassen, lachend zog er Walter von Ramswag weiter auf: „Beim Charme bist du allerdings etwas zu kurz gekommen, Walter.“

Walter Ramswag grinste gutmütig vor sich hin und musterte den Neuankömmling von oben bis unten und fragte überrascht: „Wilhelm Gorkeit, der Waffenschmied Wilhelm Gorkeit – du alter Haudegen! Wie lange ist es her?“

„Viel zu lange, alter Freund“, Wilhelm streckte ihm erfreut die Hand entgegen. Walter ergriff den Unterarm von Wilhelm und klopfte ihm anschliessend kraftvoll auf den Rücken: „Es freut mich, einen guten alten Bekannten wie dich hier wiederzusehen.“

„Sag, warum haben wir uns auf dem langen Weg hierher noch nicht getroffen?“ Wollte Wilhelm wissen.

Walter wies auf Ulrich von Kapellen „Ich habe mich schon vor einem Monat hier in der Nähe auf der Burg Mitterberg mit meinem Freund Ulrich getroffen. Wir sind erst gestern zum Trupp gestossen.“

Ulrich schüttelte belustigt den Kopf. „Das glaub ich ja nicht! Helvetien muss wahrlich klein sein“, stellte er erstaunt fest, “ihr zwei kennt euch?“

„Ulrich, das ist nicht irgendwer“, erklärte Walter stolz. „Das ist Wilhelm Gorkeit, der beste Waffenschmied zwischen dem Rhein und den Alpen. König Rudolf hält grosse Stücke auf ihn und seine Familie. Seine halbe Waffenkammer ist bestückt mit den legendären Armbrüsten, Lanzen und Schwertern der Gorkeits.“

Ein hochgewachsener Ritter, lenkte sein Pferd näher an die kleine Gruppe und ergriff das Wort. „Wie ich gehört habe, durchschlagen eure Armbrustbolzen den Brustpanzer eines böhmischen Soldaten noch aus hundert Schritt Entfernung.“ Der Ritter nickte Wilhelm freundlich zu. „Mein Name ist Konrad von Sumerau, es freut mich, euch kennen zu lernen.“

Auch Ritter Pop von Reichenstein mischte sich lachend ins Gespräch ein: „Auf einhundert Schritt Entfernung? Na, das wär„ doch was für dich Ulrich, dann hast du vielleicht endlich eine Chance aus zehn Schritt Entfernung etwas zu treffen.“

Ulrich lächelte, streckte kämpferisch sein Kinn nach vorne und wollte gerade antworten, da spottete Konrad: „Du meinst, Ulrich trifft aus zehn Schritten Entfernung? Ha! Aber auch nur, wenn wir den böhmischen Soldaten zuvor an einem Baum fest binden.“

Alle lachten, am lautesten Ulrich selbst.

Das Gespräch wurde unterbrochen, als König Rudolf mit hoch erhobener Hand den Strom seiner Männer zum Halt brachte und ein Ruf von Mund zu Mund durch die Reihen ging: „Rast! Wir schlagen unser Nachtlager auf.“

Wilhelm blickte nach vorn. An der Spitze des Heerestrosses erkannte er Rudolf von Habsburg zusammen mit seinem jüngsten Sohn Hartmann. Beide hatten eine unverkennbare, erhabene Art, im Sattel zu sitzen und mit seinen fünfzehn Jahren hatte der Junge bereits das markante Profil seines Vaters. Beide hatten sie in der Sommerhitze ihren königlichen Umhang abgelegt und waren, wie alle im Trupp, nur mit einem schmucklosen hellen Leinenhemd, Reithosen und verstaubten Stiefeln bekleidet.

Auch Wilhelm reckte seine vom Reiten ermüdeten Glieder. Während die Sonne sich langsam über den dicht bewaldeten Horizont senkte.

„Kommt, lasst uns unser Nachtlager errichten“, rief Ulrich seinen Gefährten munter zu, als er von seinem Ross stieg.

„Los“, befahl er seinen Knappen, „dort bei der Schmiede, da schlagen wir unsere Zelte auf. Und ausserdem braucht meine Stute dringend einen Satz neuer Hufeisen, die jetzigen passen nicht zu meinem Umhang.“ Lachend führte Ulrich sein Ross zur Schmiede.

Nachdem jeder seinen Platz zum Schlafen hergerichtet hatte, sassen die Männer vor ihren Zelten am Feuer, unterhielten sich und assen ihr spärliches Mahl. Ein kleines Mädchen spähte neugierig aus der offenen Türe der Schmiede und hörte staunend den Männern zu. Die Aufregung dieses Tages hatte Juliana müde gemacht, trotzdem wollte sie unbedingt hören, was sich diese fremden Krieger zu erzählen hatten und setzte sich auf die Türschwelle. Auch ihr Vater der Schmied genoss die unerwartete Gesellschaft und die willkommenen Geschichten der Fremden.

Er setzte sich neben Wilhelm ans Feuer während der Sohn des Schmiedes reihum kräftigen Met ausschenkte.

„Ihr habt eine unerschrockene kleine Tochter“, stellte Wilhelm mit einem Kopfnicken zur Tür fest. Der Schmied bestätigt Wilhelms Worte mit einem wortlosen Nicken und runzelte die Stirn.

„Was bereitet euch Sorgen?“, hackte Wilhelm nach.

Mit bedächtigen Worten teilte der Schmid seine Gedanken mit dem Fremden. „Meiner Tochter fehlt die Mutter und mir die Frau.“ Wilhelm suchte noch nach tröstenden Worten als der Schmid fortfuhr: „Margarete äusserte als letzten Wunsch, dass unser Töchterchen Juliana heissen soll, bevor sie nach der schweren Geburt verstarb und uns Männer mit dem kleinen Wesen alleine liess.“ Er verstummte kurz bevor er weiterfuhr und dabei ins flackernde Feuer starrte. „Nach Juliana von Lüttich sollten wir sie benennen, um ebenso fromm und diszipliniert wie jene das Leben zu meistern. Und, wie Margarete sagte, damit sie die Kraft hat als Frau in einer Männerwelt gehört und wahrgenommen zu werden.“ Der Schmid sah Wilhelm kurz an: „Juliana von Lüttich war eine Priorin oder so etwas und hat es wohl weit gebracht, ich kenn„ mich mit so etwas nicht aus.“ Nachdenklich sah er wieder ins Feuer. „Unsere Juliana ist ungewöhnlich wissbegierig, fragt mir Löcher in den Bauch und nach jeder Antwort kommt ein weiteres Warum. Als hätte ihre Mutter das geahnt, nicht wahr? Ich bin ein einfacher Mann, sie wird einen Mann meines Standes heiraten müssen. Frauen mit zu viel Verstand haben es nicht leicht in dieser Welt. Möge Gott ihr helfen, ihren Platz in der Welt zu finden.“

„Amen“, entgegnete Wilhelm, betroffen über die schlichte Wahrheit dieser Worte.

„Mmhh, herrlich“, Ulrich von Kapellen, der nichts von diesem Gespräch mitbekommen hatte, schob sich theatralisch einen Löffel voller in Gänsefett geköchelter Habergrütze in den Mund und tat so, als habe er nie etwas Besseres gegessen. Von Sumerau beteiligte sich an dem Spiel und lobte überschwänglich: „Es gibt eindeutig nichts Besseres als in Hühnerblut getränkte Brotwürfel, die in leckerem Schmalz gebacken wurden.“ Naserümpfend sah er in seinen dampfenden Teller. Auch an diesem Abend gab es keine Wahl und so blieb ihm nichts Anderes übrig, als sich einen der roten Brotwürfel in den Mund zu stecken.

Schläfrig lehnte Juliana ihr Köpfchen an die Türzarge und versuchte krampfhaft, die Augen offen zu halten.

„Ah, wie sehne ich mich nach einer richtig guten Käsesuppe mit frischem Brot, so etwas gibt es nur zu Hause.“ Walter Ramswag leckte sich bei diesem Gedanken über die Lippen, Wilhelm nickte ihm zustimmend zu.

„Ich weiss, ich weiss“, lachte Ulrich von Kapellen zwischen zwei Bissen, „euch Helveten braucht man nur Käse aufzutischen, am Besten in geschmolzener Form und ihr seid glücklich.“

„Aber ich weiss, wie ich eure Gedanken auf andere Wege lenken kann.“ Ulrich grinste verschmitzt, „Hört nun, was man sich erzählt über das Land, in das wir ziehen, in diese von Geheimnissen umwitterten weiten Felder östlich von Wien.“ Ulrich nahm einen grossen Schluck verdünnten Wein und begann zu erzählen: „Man munkelt das Folgende habe sich auf jenem Feld ereignet, auf dem vor einigen Jahren der ungarische König Béla gegen Ottokar gekämpft hatte. Dort soll eine uralte, stolze Föhre stehen, in deren Stamm eine Fee wohnt. So wunderschön wie ein Menschenmann sie sich nur vorstellen kann. Doch ihre Anmut und Schönheit zeigt sie nur in der Nacht. Am Tage, so erzählt man, verwandelt sie sich in ein altes Weiblein, das dort am Baumstamm sitzt und bettelt, um die Menschen zu prüfen. Denn das, was sie sucht, ist ein Mensch reinen Herzens. Diesen Menschen, einmal gefunden, würde sie reich belohnen. Niemand konnte ahnen, dass dieses Bettelweib in Wahrheit die wunderschöne Fee sei.

Nicht weit von dort lebte ein reicher Bauer. Er hatte ein Herz aus Stein und war ein Geizkragen, wie man es selten sah. Auf dem Weg zu seinen Feldern kam er mit seiner Magd, einer armen Waisen, jeden Tag an dem Baum mit dem Mütterlein vorbei. Da sass die alte Frau und flehte um ein Almosen. Der Bauer jedoch tat so, als sähe er sie nicht. Die Magd aber blieb stehen und teilte mit der Alten ihr karges Brot. Als der Bauer dies schliesslich bemerkte, gab er seiner Magd immer kleinere Stücke Brot. Und weil die Magd auch dieses noch täglich teilte, gab er ihr eines Tages gar nichts mehr.

Eines Nachts, zur späten Stunde, war der Bauer alleine auf dem Heimweg von einem Fest. Der Weg führte ihn an der mächtigen Föhre vorbei. Es schien ihm, als habe er sich verirrt, denn da war nicht wie sonst der Baum. Nein, er sah ein märchenhaft beleuchtetes Schloss in allen herrlichen Farben des Regenbogens schimmernd. Ausserdem hörte er eine wunderliche Musik. Neugierig, wie er war, trat er näher. Und weil ihn niemand aufhielt schritt er in das Schloss und betrat einen wunderschönen, glanzvollen Saal. Dort feierten festlich geschmückte Zwerge eine Hochzeit und tanzten zur eigentümlichen Musik. Der Bauer entdeckte eine reich gedeckte Tafel mit den köstlichsten Speisen.“ Mit Blick auf Walter von Ramswag ergänzte Ulrich, „bestimmt war auch eine Käsesuppe dabei, Walter.“

Während alle lachten, beobachtete Wilhelm, wie die kleine Juliana behutsam von ihrem Vater hochgehoben wurde um sie sanft wiegend ins Haus zu tragen. Dies geschah mit einer zärtlichen Achtsamkeit, die man diesem Berg von einem Mann gar nicht zugetraut hätte.

„Na, auf jeden Fall“, Wilhelm richtete seine Aufmerksamkeit wieder dem wild gestikulierenden Ulrich zu, der laut weiter erzählte, „stopfte sich unser gierige Bauer die Taschen und den Mund voll mit all den Köstlichkeiten. Als er keinen Happen mehr essen konnte und seinen Taschen fast die Nähte platzen, verliess er das Feenschloss und tappte hinaus in die Finsternis, um den Weg nach Hause wieder aufzunehmen. Zu Hause prahlte er dann am nächsten Morgen vor Frau und Kindern von dem Fest bei den Zwergen und zog aus den Taschen den leckeren Schmaus. Doch pfui Teufel, all die Leckereien hatten sich in Pferdemist verwandelt! Da lachten ihn seine Leute aus. Er war so wütend, dass er fast zersprungen wäre.“

Ulrich füllte seinen Becher bis zum Rand, doch bevor er trank, erzählte er weiter. „In seiner Wut warf er den ganzen Unrat in die Schürze der Magd, lachte sie aus und meinte, sie könne das ja nun mit der Alten am Baum teilen. Die Magd ging still hinaus, um alles in die Mistgrube zu werfen.

Aber siehe da, auf einmal war ihre Schürze voll von funkelnden Edelsteinen. Ausser sich vor Freude rannte sie zur Föhre, um den Schatz mit dem armen Mütterlein zu teilen. Doch dort sass kein altes Weiblein mehr, sondern die wunderschöne Fee. Sie war von der Güte dieses Mädchens so gerührt, dass sie ihr nicht nur die Edelsteine überliess, sondern noch dazu eine Kiste voller Gold und Silber schenkte.“ Durstig leerte Ulrich seinen Becher in einem Zug.

Konrad von Sumerau neckte: „Und Ulrich, weisst du wo das Mädchen wohnt? Sie wäre eine gute Partie für dich. So könntest du dir für dein Pferd einen Satz vergoldeter Hufeisen leisten.“ Die Männer am Feuer stimmten lachend ein.

Ungerührt erwiderte Ulrich: „Die Geschichte sagt nichts über das Aussehen der Magd, vielleicht ist sie ja, sagen wir…, nicht unbedingt die Schönste. Was nutzen Gold und Silber, wenn du jedes Mal Angst bekommst wenn du deine Frau anschaust. Nein, ich kümmere mich lieber um die Fee. Feen sollen sehr sinnlich sein“, schwärmte Ulrich mit einem breiten Grinsen.

Konrad stand auf: „Also Männer, hässliche Weiber und sinnliche Feen treiben vielleicht auch hier ihr Unwesen. Passt also auf, wenn ihr des Nachts durch die Gegend streift um euren Wein weg zu tragen.“ Damit verliess er die Runde und suchte sich einen genügend weit entfernten Busch während er bereits an seinem Hosenbund nestelte.

Er versäumte es jedoch nicht, im Vorbeigehen einen der Knappen anzuweisen, mehr Wein zu holen. Die anderen Burschen waren dabei, die Rüstungen ihrer Herren zu reinigen oder zumindest so zu tun, während sie selber auch vom Rebensaft kosteten.

Die Aufmerksamkeit aller wurde von einer kleinen Gruppe Reiter abgelenkt, die mit Getöse in ihrer Nähe vorbeipreschten. Trotz der fortgeschrittenen Dämmerung erkannte jeder den jungen Prinz Albrecht von Habsburg. Wie immer an seiner Seite Drakkelm, der stolz die Insignien eines Hauptmannes trug. Dahinter weitere acht begleitende Reiter. Der kleine Trupp hielt auf die Unterkunft des Königs zu.

Walter Ramswag blickte hoch und bestätigte das Offensichtliche: „Das ist Albrecht, der Sohn von Rudolf“, er hielt kurz inne. „Ich trau dem Kerl einfach nicht über den Weg. Aus seinen Augen strahlt etwas, ich kann nicht sagen was es ist, aber es läuft mir jedes Mal kalt den Rücken herunter.“

„Ja, ich denke, ich weiss, was du meinst, Walter.“ Wilhelm schaute dem Trupp nachdenklich hinterher. „Ich kenne ihn, ein Hitzkopf. Und dieser Drakkelm stachelt ihn auch noch an.“ Still starrte Wilhelm in das tanzende Feuer vor sich und versank in Gedanken die Jahre zurückreichten. Als junger Mann, es musste mehr als zehn Jahre her sein, war er bei Rudolf von Habsburg wieder einmal zu Gast gewesen. Der heutige König war noch ein Graf und Prinz Albrecht ein Halbwüchsiger. Als er an jenem Frühsommermorgen wieder aufbrechen wollte und mit dem Grafen den Innenhof betrat, um sich zu verabschieden, wurde er Zeuge eines Zwists.

Aufgeregtes Rufen hatte sie damals nach draussen vor die

Haupttore gezogen.

„Vater, Vater, schau!“, hatte der halbwüchsige Albrecht aufgeregt und ohne Unterlass gerufen. Er war mit Ritter Drakkelm zurück von der Jagd gekommen.

„Schau Vater, ich hab„ sie ganz alleine erlegt!“ Stolz hatte der Junge auf die Hirschkuh gezeigt, die von zwei Knechten herangeschleppt wurde.

Rudolf näherte sich dem toten Tier, musterte es und strich mit seiner Hand über das raue Fell am Bauch des Tieres.

„Bist du denn von Sinnen?“ Herrschte Graf Rudolf plötzlich seinen Sohn an. „Diese Hirschkuh ist trächtig. Wie konntest du ein Tier erlegen, das ein Junges in sich trägt. Du denkst immer nur bis vor deine Nase. Wenn du alle Muttertiere tötest, wird es bald keine Tiere mehr in unseren Wäldern geben, die uns ernähren könnten.“ Rudolf wandte sich kopfschüttelnd von seinem verdutzten Sohn ab und schritt energisch zurück durch das Burgtor.

Enttäuscht hatte Albrecht zu Drakkelm, seinem engsten Vertrauten, aufgeschaut. Der Ritter jedoch hatte dem Jungen anerkennend auf die Schulter geklopft und erklärt: „Deinem Vater scheinen andere Dinge wichtiger zu sein als deine Erfolge. Mach dir nichts draus. Es war ein hervorragender Schuss und es ist egal, ob das Vieh trächtig ist oder nicht. Wichtig ist, du hast es erledigt. Du ganz alleine.“

Lautes Lachen riss Wilhelm aus seinen Gedanken und brachte ihn wieder zurück in die Gegenwart. Ein Schaudern lief ihm über den Rücken, wenn er sich vorstellt, dass Albrecht mehr von Drakkelm beeinflusst und geformt worden war als von Rudolf.

10. August – Heereslager bei Wien

Vor den Toren von Wien

Die Stille des jungen Morgens wurde allmählich vertrieben. Von überall aus dem habsburgischen Lager, das unter König Rudolf I. vor Wien aufgeschlagen worden war, drangen Geräusche des aufwachenden Heeres. Schon viele Tage harrten sie hier aus und hatten bisher nichts Anderes zu tun, als ihre Waffen zu pflegen und die Pferde zu versorgen. Mit jedem Tag, der tatenlos verging, stieg die Ungeduld der Truppen genauso wie die Reizbarkeit der Bewohner Wiens. Denn das gigantische Heer, das König Rudolf von Habsburg versammelt hatte und das nun vor den Stadtmauern Wiens wartete, umfasste mehr Menschen als die Stadt an Einwohnern zählte.

Der Feind allerdings lag mit seinen Truppen weit im Norden, für die nächste Zeit war keine Änderung dieser Situation in Sicht. Um die allgemeine Moral der Truppen zu stärken, hatte der König am Abend zuvor reichlich Wein für alle bereitstellen lassen. So hatten es die meisten an diesem Morgen nicht eilig, auf die Beine zu kommen.

Einer aber schritt gut gelaunt zu den Pferdekoppeln, um nach seinem Fuchshengst zu sehen. Wilhelm Gorkeit erntete verständnislose Blicke von denen, die nur langsam begriffen, dass sie wohl gestern doch ein wenig zu viel von dem guten Wein getrunken hatten.