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Jan hat gerade seinen Job in einem Zürcher Stundenhotel gekündigt und reist zu einem Bewerbungsgespräch nach St. Moritz, wo er in einem Nobelhotel Karriere machen möchte. Kaum dort angekommen, wird er mit dem Multimilliardär Janusz Zak verwechselt. Er findet sich in der Badewanne einer Luxussuite wieder, wo ihn Natalia, die Freundin des echten Janusz Zak, erwischt. Sie macht Jan ein Angebot, das er nicht ausschlagen kann. Der frisch gebackene Hochstapler erweist sich inmitten abgebrühter Profis als Naturtalent. Doch die Situation läuft aus dem Ruder, und bald blufft Jan um sein Leben.
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Seitenzahl: 100
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Mit freundlicher Unterstützung von:
Gemeinde Beinwil am See
© 2018 Zytglogge Verlag AG, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Daniela Gassner
Covergestaltung: Malvina Lubec
E-Book: Schwabe AG, www.schwabe.ch
ISBN: 978-3-7296-0984-6
eISBN (ePUB): 978-3-7296-2224-1
eISBN (mobi): 978-3-7296-2225-8
www.zytglogge.ch
Für Lukas
You may think he’s a sleepy-type guy
Always takes his time
Soon I know you’ll be changing your mind
When you’ve seen him use a gun, boy
When you’ve seen him use a gun
Text von Franco Micalizzi
aus dem Song ‹Trinity›
«Liebling, ich sterbe … Jeden Augenblick … Er hat jemanden geschickt … Er ist fort … Es ist so schön, deine Stimme zu hören … Wie die eines Engels.»
«Ich hab’s satt!»
«Was?»
Jan richtete das iPhone auf sich. Klick. Seine grünen Augen leuchteten vor den tiefweißen Berggipfeln, die in den Himmel stachen, den weißen Hängen und Tannenwäldern, den verschneiten Häusern, dem zugefrorenen Fluss. Er drückte auf ‹Senden›.
Die Antwort erschien sofort auf dem Display: «Wo?»
«Vor St. Moritz.»
«Bank ausgeraubt?»
«Bewerbungsgespräch.»
«Geschmissen worden?»
«Schluss mit Langstraße, Love Hotel und Dreckwäsche.»
«Und was jetzt?»
«Grand Hotel Kulm .»
«Die nehmen keine Loser.»
«Ich hab’s satt, immer von einem anderen Leben zu träumen. Jetzt mache ich es.»
«Aber im Love Hotel hattest du einen Job.»
«Pariser von der Wand kratzen gegen miese Bezahlung. In der Hotelfachschule haben sie von Erfolg geredet, von Chancen.» Seine Finger flogen über den Touchscreen. «Aber die liegen nicht vor der Haustür und warten. Dafür muss man aufstehen und was tun.»
Ein Handy klingelte im Wagon. Eine Frauenstimme wie Satin antwortete in Jans Rücken: «Hallo.»
Sein iPhone leuchtete auf. «Verrückter polnischer Windhund. Du hattest schon immer Eier.»
«Janusz! Sag was!», flüsterte die Satinstimme.
Jan neigte den Kopf, um besser zu hören:
«Janusz! Sprich mit mir. Janusz! Verlass mich nicht.»
«Was für eine Stimme», dachte Jan. «Sie klingt so nach … Schiffbruch. Aber was geht mich das an? Nur weil sie auch Polin …»
«Janusz. Bitte.»
Wieder sah er auf sein Smartphone und las: «Du hattest schon immer Eier.»
Er stand auf. Die Frau war blass. Eine große Sonnenbrille verdeckte ihre Augen. Ihre schmalen Finger, mit üppigen Ringen geschmückt, waren zu Fäusten geballt.
«Alles in Ordnung?»
Sie griff nach ihrer Sonnenbrille, wobei ihre Hand so heftig zitterte, dass die Brille zu Boden fiel. Die rot geschminkten Lippen zuckten: «Wie ist das möglich?» Sie schüttelte die dunklen Locken: «Alles in … Kurwa.»
«O. k., o. k. Kein Grund zu fluchen.» Jan bückte sich und reichte ihr die Sonnenbrille. Für einen Moment musterte sie die Gläser wie eine falsche Requisite, dann griff sie danach. Nervös fuhr er sich durch die dunklen Haare: «Wenn doch etwas ist … Ich sitze gleich nebenan.»
Sie sah aus dem Fenster.
Jan ging zu seinem Platz und griff nach dem blinkenden iPhone.
«Wieso St. Moritz?»
«Hier gibt es Arbeit, Chancen und», er hielt inne und lauschte, doch er hörte nichts als das Rattern der Räder, dann tippte er: «Hübsche Frauen.»
«Tönt nur halb seriös.»
«Wenn es sein muss, küss ich dem Papst die Pantoffeln. Ich will was erleben.»
«Logo … Grand Hotel Kulm! Wohnen sollte man dort.»
«Reich sollte man sein.»
«Fette Partys.»
«Frauen.»
«Champagner.»
«Wir wüssten, was mit dem ganzen Geld anfangen.»
«Terrasse! Jacuzzi! Forever!»
«Yeah.»
«Muss los. Viel Glück.»
Vor dem Fenster standen die Häuser dichter. Der Zug wurde langsamer. Jan sah auf seine Uhr, zupfte sein Jackett zurecht. Suchend wandte er sich um. Sein Blick blieb am gegenüberliegenden Viererabteil hängen, wo ein faltiges Männlein eingehüllt in einen dunklen Wollmantel saß.
«Entschuldigen Sie.»
Der Ältere musterte ihn mit hellen Augen: «Ja bitte?»
«Wo sind wir?»
«Das ist Samedan.»
«Habe ich St. Moritz verpasst?»
«Sie können es nicht verpassen. St. Moritz ist die Endstation.»
«Endstation», sagte Jan, «seltsames Wort.»
Der Zug kam ruckend zum Stillstand. Rasch wechselte Jan den Sitz, um den Gang zu überblicken. Der Zug fuhr wieder an.
Der alte Mann schmunzelte: «Vieles im Leben ist seltsam. Aber vielleicht sehe ich es so, weil ich schon eine Weile gelebt habe. Wissen Sie, mein junger Freund, im Vergleich zu Ihnen empfinde ich mich als Fossil. So vieles, was Sie vollkommen normal finden, ist für mich absolut unnatürlich.»
«Ach ja?» Wieder sah Jan den Gang hinab.
«In Celerina steigen meist nur wenige Gäste aus», erklärte der Mann.
«Kennen Sie die Gegend gut?»
«Gut genug, um mich nicht zu verirren. Das allein kann schon von großem Vorteil sein.»
Wieder blieb der Zug stehen. Ein Skifahrer schob sich zwischen ihnen durch.
«Ich fahre zum ersten Mal nach St. Moritz.»
«Dann rate ich Ihnen zwei Dinge. Geniessen Sie die Landschaft. Ich bin zwar durchaus vertraut mit diesen kleinen Rechnern. Den Smartphones, wie Sie es nennen. Trotzdem würde ich diesen Geräten nie den Vorzug geben, wenn ich in einem luxuriösen Panoramawagen durch eine außergewöhnliche Landschaft fahre.» Er wies durch die großzügigen Fenster auf die schneebeladenen Äste über sich, die verschwanden, als der Zug über eine Brücke ratterte. Für einen Moment lag das verschneite Tal vor ihnen, dann fuhr der Zug in einen Tunnel.
«Sie hingegen, mein junger Freund», fuhr der Mann im Halbdunkel fort, «haben Ihren Blick, seit wir in Zürich eingestiegen sind, kaum von Ihrem Smartphone abgewendet.»
«Ich habe Zeitung gelesen.»
«Sehen Sie, noch so ein Unterschied. Wenn ich eine Zeitung nicht in meinen Händen halte, werde ich misstrauisch. Wer weiß bei diesen digitalen Texten, ob das Gelesene in fünf Minuten noch dasselbe ist.»
«Gedruckt, digital. Alles ändert sich.»
«Ja, das ist wahr. Vielleicht ist es reiner Aberglaube, dass physische Gegenstände mehr Ruhe bringen, während das Digitale die Zeit noch rascher vorantreibt. Nun, ich bin alt. Mich treibt nichts mehr an. Auf mich warten noch ein paar Vergnügen und dann eine letzte kleine Reise.»
Der Zug verließ den Tunnel und Jan betrachtete sein Gegenüber, dessen weinroter Schal aus dem Mantel lugte. «Sie sehen noch ziemlich abenteuerlustig aus.»
Der Alte hob die linke Augenbraue: «Wollen Sie auch meinen zweiten Rat hören?»
Jan beugte sich vor.
«Meiden Sie St. Moritz. Das ist nichts für Anfänger.»
Die Lautsprecheranlage verkündete: «Meine Damen und Herren, in Kürze treffen wir in St. Moritz ein. Endstation.»
Der Fremde knöpfte den Mantelkragen weiter zu und erhob sich. Jan tat es ihm nach, dabei warf er einen Blick in das Abteil hinter ihm. Die Frau war fort.
«Da kann man nichts machen», sagte der Mann. Wie zum Trost langte er in seine Manteltasche und zog zwei in Plastikfolie eingewickelte Bonbons hervor. «Bitte sehr.» Eines davon drückte er Jan in die Hand. Das zweite wanderte in seinen Mund.
«Frischer Atem, mein Freund, ebnet den Weg zum Erfolg. Da Sie entschlossen sind, meinen Ratschlag zu ignorieren …» Wieder zwinkerte er Jan zu: «Viel Glück.»
Jan folgte ihm auf den Bahnhofsplatz. Dampfwolken ausstoßend blieb er neben dem Alten stehen: «Kalt hier.»
«Höchstens minus 15 Grad. Ich hoffe, die sind winterfest.» Sein Blick wanderte zu Jans Halbschuhen. «Sie sollten ein Taxi nehmen. Es wäre schade um sie.»
«Welches ist das Grand Hotel Kulm?»
Der Mann hob die Hand und zeigte ins Sonnenlicht: «Schauen Sie hinauf.»
Jan blinzelte, als er weit über den Bündner Häusern und modernen Wohnungen einen Palast sah.
«Das ist die Primadonna.»
«Die was?»
«Die einzig wahre Künstlerin zwischen diesen strengen Herrschaften. Sie allein hat alle hier durch ihren Glanz in eine ungeahnte Höhe gehoben. In eine Höhe, in der die Welt als beständiges Spiel zwischen Sein und Schein in einen funkelnden Spiegel entgleitet.»
«Ich verstehe kein Wort.»
Das Aufheulen eines Motors unterbrach sie. Ein roter Porsche 911 Turbo schoss um eine Kurve auf sie zu.
«Mein junger Freund, da kommt meine Mitfahrgelegenheit.» Der Wagen hielt quietschend und eine helle Frauenstimme rief: «Felix, endlich!»
Das Männlein tippte sich an den Hut und das Auto fuhr davon. Zurück blieb ein kalter Wind, der durch Jans Mantel drang. Er musterte seine Lederschuhe. Auf dem linken hatte sich ein dunkler Fleck gebildet.
Suchend wanderte Jans Blick über die verschneite Straße. Kein Taxi in Sicht. Ein königsblauer Rolls-Royce Phantom rollte am Bahnhofsgebäude vorbei und hielt lautlos vor ihm. Jan sah sein verschwommenes Spiegelbild in dem makellosen Lack. Die Fahrertür ging auf und ein dunkelgrün gekleideter Fahrer stieg aus, ging um das Auto herum und blieb in Haltung vor Jan stehen.
«Herr Zak? Im Namen des Grand Hotels Kulm heiße ich Sie in St. Moritz herzlich willkommen!»
«Bitte entschuldigen Sie die Verspätung. Ich helfe Ihnen gleich mit dem …» Der Fahrer warf einen Blick neben Jan, dann öffnete er die Türe zum Rücksitz.
«Mein Name ist Jan Nowak», murmelte Jan, während er das Innere des Oldtimers musterte. Die mit hellem Wildleder ausgekleidete Kabine strahlte Behaglichkeit aus.
«Bitte sehr.» Der Fahrer hielt mit einer behandschuhten Hand die Tür auf, während er mit der anderen eine einladende Geste machte.
Jan ließ sich in den Sitz sinken, streckte die Füße aus und atmete den Duft des Leders ein. Vorsichtig fuhr er mit den Fingerspitzen über die Mittelkonsole.
«Möchten Sie noch etwas im Ort erledigen, oder darf ich Sie gleich ins Grand Hotel Kulm bringen?»
Der Fahrer hatte die Hände auf das Steuerrad gelegt und sah in den Rückspiegel zu Jan.
«Direkt, bitte.»
Der Motor sprang mit einem tiefen Brummen an.
«Hatten Sie eine gute Anreise?»
Jan sah aus dem Fenster zu den Fußgängern, die gegen den kalten Wind ankämpfend durch den knöchelhohen Schnee stapften. Auf seinem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus. «Sie wird von Minute zu Minute besser.»
«Das freut mich zu hören.»
Jan sah in den Rückspiegel, doch der Fahrer konzentrierte sich auf die eisige Straße. Über Querstraßen gewannen sie Stufe um Stufe an Höhe. Durch Einkaufsstraßen, auf denen Leute in Skianzügen oder Nerzmänteln flanierten, die einen beladen mit Skiern und Stöcken, die anderen mit großen Einkaufstaschen und kleinen Hunden. Der Phantom nahm die nächste Steigung, eine weitere Kurve und ließ die Hoteleingänge und Pensionen hinter sich. Stieg über eine Anhöhe, passierte ein schmiedeeisernes Tor, in dessen Flügel eine Krone eingelassen war, und glitt durch eine Winterlandschaft auf den Eingang des Grand Hotels Kulm zu.
Der Fahrer öffnete die Tür. «Ich hoffe, die Fahrt war angenehm. Falls Sie irgendwo hinmöchten, fragen Sie einfach nach Horst. Es wäre mir ein Vergnügen, Sie weiterhin chauffieren zu dürfen.»
Bevor Jan in seiner Geldbörse nach einer Anerkennung suchen konnte, war Horst um das Auto geeilt und fuhr davon. Jan seufzte.
«Ist alles zu Ihrer Zufriedenheit?»
Er drehte sich um. Ein hochgewachsener, in Würde ergrauter Portier verneigte sich vor ihm. Er straffte sich. «Ich war nur in Gedanken.»
Der Portier lächelte und öffnete die Tür: «Bitte treten Sie ein und seien Sie herzlich willkommen im Grand Hotel Kulm.»
Wärme und das gedämpfte Klirren von Porzellan schlugen Jan entgegen. Mit steifen Schritten und einem gewinnenden Lächeln wandte er sich an die Rezeption. Zwei junge Damen und ein Empfangschef sahen ihm entgegen. Der Empfangschef verkündete in wohlwollendem Bass: «Herr Zak! Herzlich willkommen. Wir freuen uns, Sie bei uns im Grand Hotel Kulm begrüßen zu dürfen. Hatten Sie eine angenehme Zugreise? Bitte, nur einen kleinen Moment.»
«Ich bin…», Jan legte seine Hand auf die Rezeption. Die Maserungen des über die Jahrzehnte polierten Mahagoniholzes schimmerten warm unter seinen Fingern. Sein Blick wanderte über die Rezeption, zu einer an der Wand in hellem Holz eingelegten Engadiner Berglandschaft, hinauf in deren Gipfel.
«Sie wollten etwas sagen?» Der Empfangschef sah ihn an.
«Ich bin …», Jan zögerte, «etwas durchgeschüttelt von der Zugfahrt.»
Der Empfangschef nickte: «Natürlich. Die Fahrt ist gerade auf dem letzten Streckenabschnitt etwas ruppig. Wir hätten Sie auch ohne Weiteres in Zürich abgeholt.»
«Danke… Trotzdem sollte man einem Auto nie den Vorzug geben, wenn man in einem luxuriösen Panoramawagen durch eine so außergewöhnliche Landschaft fahren kann.»
«Wie recht Sie haben», nickte der Empfangschef. «Wir haben für Sie dieselben Räumlichkeiten wie immer vorbereitet und uns die Freiheit genommen, für morgen zwei Tickets für den White Turf im VIP-Bereich zu reservieren. Ich hoffe, das ist nach Ihrem Geschmack. Können wir sonst etwas für Sie tun?»
Jan nickte.
«Sie reisen ohne Gepäck?»
«Das Gepäck …», Jan sah auf seine Hände. «Gestohlen.»
«Gestohlen?»
«Am Bahnhof in Zürich.»
«Wie bedauerlich. Soll ich die Polizei verständigen?»
«Ich habe mich schon darum gekümmert.»
«Sehr ärgerlich.»
«Ja. Sehr.»
