Der Schwur der Schwestern - Christina Maus - E-Book

Der Schwur der Schwestern E-Book

Christina Maus

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Beschreibung

Deutschland im Jahre 972. Mordanschläge, rachsüchtige Adelsgeschlechter und eine vom Papst selbst verbotene Liebe. Es ist das 10. Jahrhundert: Die Ottonen beherrschen das Ostfränkische Reich, während dunkle Mächte ihre Hand nach dem Thron ausstrecken...und mittendrin ein kleiner Junge in großer Gefahr und vier Schwestern, die sich einen heiligen Schwur geschworen haben. Heinrich der Zänker, Herzog von Bayern und Schurke durch und durch, will an die Macht. Nachdem sie sein böses Spiel durchschaut haben, versuchen seine Frau Gisela von Burgund und ihre Schwestern ihn gemeinsam aufzuhalten. Doch nicht nur ihr Kampf für Gerechtigkeit bestimmt das Schicksal der ungleichen Frauen, sondern auch die verbotene Liebe zwischen Bertha und ihrem Cousin Robert von Frankreich. Werden die Schwestern ihren Schwur einhalten können? Eine bewegende Geschichte vor realer historischer Kulisse über den Mut, für seine eigenen Ideale einzustehen, und die Kraft der Familie. Für alle, die gerne mitfiebern und große Gefühle lieben.

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Seitenzahl: 732

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Für alle Mutigen. Es lohnt sich.

Personenregister

(Die mit einem * markierten Figuren sind historisch belegt)

Burgunder

König Konrad III. von Burgund*; Vater von:

Gisela*, spätere Herzogin von Bayern und Mutter von: Heinrich*, Brun* und Gisela*

Bertha*, spätere Königin von Frankreich und Mutter von: Rudolf*

Gerberga*, spätere Gräfin von Werl und Mutter von: Hermann*, Rudolf* und Bernhard*

Mathilde*

Rudolf III.*, späterer König von Burgund nach dem Tod seines Vaters Konrad III.

sowie deren Mutter:

Königin Mathilde von Burgund*

Königin Adelaria von Burgund* (†), Konrads erste Frau

Konrad von Burgund* (†), Konrads Sohn aus erster Ehe und Giselas Bruder

Robert von Frankreich*, Berthas Cousin und späterer König des Westfränkischen Reiches

Hartwig*, Äbtissin von Vreden

Gefolgsleute der Burgunder

Zofe Adelgundis

Emma, Giselas persönliche Magd und beste Freundin

Ottonen

König Otto I. „der Große“ *; Vater von:

Mathilde* Äbtissin von Quedlinburg Otto II.*, späterer König des ostfränkischen Reiches und Vater von:

Sophia*,

Adelheid*, Nachfolgerin als Äbtissin von Quedlinburg nach dem Tod ihrer Tante Mathilde

Mathilde*

Otto III.*

sowie deren Mutter:

Königin Theophanu von Byzanz*

Kaiserin Adelheid*, Mutter von Otto II. und Schwester von Konrad III. von Burgund

Gefolgsleute der Ottonen

Graf Hermann I. von Werl*, Gerbergas Ehemann

Graf Kuno von Franken*

Herzog Otto-Liudolf I. von Schwaben*, Neffe von Otto II.

Bayrische Linie der Ottonen (Geschlecht der Liudolfinger)

Heinrich I.* Herzog von Bayern, Bruder von Otto I. und Vater von:

Herzog Heinrich II.* „der Zänker“

Gerberga*

Hadwig*

Herzogin Judith von Bayern*, Mutter von Heinrich dem Zänker Burchard III.* , Herzog von Schwaben und Hadwigs Mann

Kirchenmänner- und Frauen

Papst Gregor V.*

Gerbert von Aurillac*, Erzbischof von Reims

Bischof Abraham von Freising*

Bischof Adalbert von Magdeburg*

Bischof Warin von Köln*

alle auf der Seite von Heinrich dem Zänker

Bischof Willigis von Mainz*

Bischof Hildebold von Worms*

beide auf der Seite von Otto II.

Pater Thelghet, Prior im Kloster Quedlinburg

Schwester Agnes

Schwester Hiltrud

Pater Timur

Schwester Alma

alle Bewohner des Klosters Quedlinburg

Weitere wichtige Personen

Elisabeth, beste Freundin von Mathilde von Burgund und Bran, ihr Ehemann

Herzog Boleslav II. von Böhmen*

Fürst Mieszko I. von Polen*

Graf Bernhard von Freising*

alle Mitverschwörer und Unterstützer von Heinrich dem Zänker

Eusebius, giftmischender Mönch aus einem Kloster in Kladrau

Inhaltsverzeichnis

Erster Teil

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Zweiter Teil

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Dritter Teil

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Erster Teil

Schwur und Verrat

A.D. 972-973

1

Arles, 29.April 972

„Nun sei kein Schaf, Gisela. Wir haben es doch schließlich auch hier hineingeschafft.“ Berthas Stimme klang seltsam dumpf aus dem Inneren der gewaltigen Eiche, die am Rande einer großen Lichtung am Ende des Schlossgartens stand. Hier in Arles im Königreich Burgund fing der Sommer zwar schon recht früh an, doch noch zeigte der Frühling seine volle Pracht und hatte den Schlossgarten in ein Meer aus duftenden rosa Blüten gehüllt.

„Ich bin langsam wirklich zu alt, um in irgendwelche Bäume zu kriechen. Ich werde mir mein neues Überkleid ruinieren!“ Gisela stand vor dem Loch, das ein gewaltiger Blitzeinschlag einst in die erhabene Eiche gerissen und sie dabei halb ausgehöhlt hatte, bis der Regen das Feuer wieder gelöscht und den Baum damit gerettet hatte. Verärgert versuchte die älteste Tochter von König Konrad III., die Stofflagen ihres nachtblauen Kleides aus kostbarem Brokat zusammenzuraffen, damit sie geduckt durch das Loch in den hohlen Baum kriechen konnte.

„Was ziehst du auch dein bestes Kleid an, wenn wir uns hier draußen verabredet haben?“, dröhnte nun die Stimme von Gerberga aus dem Inneren des Baumes und gleich danach hörte man Bertha leise kichern.

„Es ist ein Geschenk von Heinrich“, murmelte Gisela den Tränen nahe. „Ich soll es tragen, wenn ich im Sommer zu ihm nach Bayern gehe und wir heiraten werden.“ Gisela schluchzte und strich sich verzweifelt ihren Rock glatt. Da kam in der Baumöffnung ein blonder Haarschopf zum Vorschein und Mathilde, die jüngste der vier Schwestern krabbelte auf allen Vieren aus dem Versteck.

Mathilde stellte sich vor Gisela auf die Füße und griff nach der Hand ihrer Halbschwester. Obwohl sie noch sehr jung war, hatte sie ein gutes Gespür für die Gefühle anderer Menschen und half jedem gerne aus einer Notlage.

Ihre langen blonden Haare leuchteten in der beginnenden Dunkelheit und ihre großen blauen Augen lächelten Gisela aufmunternd an.

„Komm, zusammen schaffen wir es“, versprach Mathilde und half Gisela, ihren Rock hochzuhalten. Gisela wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel und seufzte kurz. „Ist gut“, kapitulierte sie und begann erneut, geduckt durch das Loch in das Innere der Eiche zu kriechen, während Mathilde sich bemühte, ihr Kleid vor den schlimmsten Flecken zu bewahren.

„Na endlich“, schnaubte Bertha, als Gisela und Mathilde es hineingeschafft hatten und sich im Kreis auf den Kissen niederließen, die die vier Schwestern vor einiger Zeit bei ihrem ersten Treffen in der Eiche mitgebracht hatten. In der Höhle war es eng und stickig. Durch das Eingangsloch drang nur wenig Licht ins Innere und es roch nach feuchter Rinde und Moos.

Gisela bemühte sich, aufrecht und damenhaft zu sitzen, doch ihr Kopf stieß immer wieder gegen die Decke. Schließlich gab sie es auf und machte einen runden Rücken.

„Wenn das Mutter sehen würde“, lachte Bertha und schüttelte mahnend mit dem Zeigefinder in die Richtung ihrer Stiefschwester. „Du wirst noch einen Buckel bekommen, bevor du deinen bayrischen Heinrich ehelichen kannst!“

Gisela schüttelte missbilligend mit dem Kopf und wandte sich an Gerberga. „So ein Unfug. Und nun möchte ich endlich wissen, warum wir uns hier treffen müssen? Ist irgendetwas geschehen?“ Fragend sah sie von Bertha zu Gerberga und Mathilde ergriff als erste das Wort.

„Also, es ist nichts Schlimmes“, erklärte sie und rutschte dabei nervös auf ihrem Kissen hin und her. „Aber auch nicht wirklich etwas Schönes, denn du wirst uns ja schon bald hier in Arles zurücklassen und zu deinem Gemahl Heinrich nach Bayern gehen. Und dann wirst du uns allen sehr fehlen.“ Plötzlich brach Mathilde die Stimme und sie senkte traurig ihren Blick. Gisela lächelte ergriffen und Gerberga übernahm für Mathilde das Wort.

„Wir haben uns überlegt, dass wir uns ein gegenseitiges Versprechen geben wollen, bevor du nach Bayern gehst. Damit wir in der Zeit, in der wir voneinander getrennt sein werden, immer aufeinander vertrauen und auf die Hilfe der anderen zählen können.

Einen Schwur.“

Gerberga faltete ihre Hände im Schoß und blickte alle ihre Schwestern reihum mit ernster Miene an.

„Wer weiß, wohin es uns anderen einmal verschlagen wird“, wandte Bertha ein und deutete mit ihren Händen in alle Himmelsrichtungen. „Werden wir glücklich, werden wir einsam sein, wer kann das heute schon wissen? Aber unseren Schwur, den werden wir immer bei uns tragen und damit auch immer die Gewissheit, dass wir eine Familie sind.“

Alle nickten und Mathilde griff erneut nach Giselas Hand. „Wir sind alle sehr stolz auf dich, dass du mit Herzog Heinrich in Bayern einen so guten Ehemann gefunden hast. Und wir lieben dich, auch wenn unsere Mutter eine andere ist als deine. Das sollst du nie vergessen, Gisela“, betonte Mathilde und blickte ihre große Schwester dabei eindringlich an. „Wir sind eine Familie, lass dir niemals etwas anderes einreden.“

Wieder nickten Bertha und Gerberga, doch Gisela starrte wortlos auf den Boden.

Eine Familie. Ja, das waren sie. Schließlich lebten sie alle hier zusammen mit ihrem Vater, König Konrad III. von Burgund und seiner Frau Mathilde, der Mutter von Bertha, Gerberga, Mathilde und dem kleinen Rudolf, am Hof in Arles. Ihre Stiefschwestern und ihre Stiefmutter hatten sie nie spüren lassen, dass sie nicht ihr eigenes Kind war.

Giselas leibliche Mutter und erste Frau von Konrad III. war nur drei Jahre nach der Geburt Giselas an einem Fieber gestorben. Gisela hatte kaum noch Erinnerungen an sie und das machte sie oft sehr traurig.

Nach dem Tod ihrer Mutter hatte sie ihren Vater gebeten, nie wieder zu heiraten, denn ihre Mutter fehlte ihr so sehr und sie wollte keinen Ersatz. Ihr Vater hatte es ihr unter Tränen versprochen, denn auch er hatte seine Frau sehr geliebt und vermisste sie schmerzvoll. Doch dann hatte ein grauenvolles Ereignis die Schicksalskarten für sie alle neu gemischt.

Giselas Bruder Konrad hatte nach dem Tod der Mutter den Halt verloren und verfiel in Schwermut. Er verweigerte zu essen und zu trinken und niemand kam noch an ihn heran. Geschwächt und ausgehungert bekam auch er ein Fieber und starb kurz nach seiner geliebten Mutter.

Gisela hatte ihn nicht retten können und fühlte sich schuldig dafür. Ihre Trauer trug sie tief in ihrem Herzen und umso wütender und verzweifelter war sie, als ihr Vater ihr nur einen Sommer später eröffnete, dass er eine neue Frau gefunden habe und erneut heiraten werde. Schließlich gab es nach dem Tode Konrads keinen Thronfolger mehr und er sei gezwungen, mit einer neuen Frau noch weiteren Kindern das Leben zu schenken.

Tief in ihrem Inneren hatte Gisela natürlich gewusst, dass ihr Vater Recht hatte und als Herrscher von Burgund nicht anders handeln konnte. Doch auf der anderen Seite fühlte sich die neue Frau, die schon bald nach der Hochzeit ihre Schwester Bertha zur Welt brachte, wie ein Verrat an ihrer toten Mutter und ihrem toten Bruder an. Seit dieser Zeit war Giselas Herz erfüllt von einer tiefen inneren Zerrissenheit zwischen dem Zorn über das gebrochene Versprechen ihres Vaters nie wieder zu heiraten und der Freude über die Liebe und Herzlichkeit, die ihre Stiefmutter und ihre inzwischen vier Stiefgeschwister ihr entgegenbrachten.

Langsam hob Gisela den Kopf und sah ihre Schwestern durch einen Schleier von Tränen hindurch an. Ihre Hände zitterten und ihr Körper bebte. „Danke“, flüsterte sie und wischte sich langsam die Tränen aus den Augen. „Danke, dass ich ein Teil von euch sein darf.“

Mathilde beugte sich vor und schloss ihre Stiefschwester in die Arme. Und auch Bertha und Gerberga legten ihre Hände tröstend auf Giselas Schultern.

Eine Weile verharrten sie wortlos, jede in ihre eigenen Gedanken vertieft, bis Gisela ihre Schultern nach hinten streckte und die Hände ihrer Schwestern sanft zur Seite schob.

„Einen Schwur also sagt ihr. So wie ihn die Ritter ihren Lehnsherren schwören?“, wollte Gisela wissen und blickte von einer zur anderen. Bertha schüttelte entschieden mit dem Kopf, so dass ihre kastanienbraunen Locken um ihr hübsches Gesicht herumsprangen.

„Wir dachten eher, wir schwören uns das, was für jede Einzelne von uns das Wichtigste ist. Was wir in unseren Herzen tragen.

Wir teilen es in unserem Schwur und indem wir uns immer daran halten, werden wir auch immer miteinander verbunden sein.“

Gerberga lächelte und legte den Arm um ihre Schwester. „Das hast du schön gesagt, Bertha. So werden wir es machen. Also, wer von uns soll anfangen?“ Gerberga hob fragend die Schultern und blickte in die Runde.

„Ich finde, dass Gisela als Älteste beginnen sollte“, meldete sich Mathilde zu Wort. Die anderen nickten stumm und blickten wartend auf Gisela, die mit ihrer rechten Hand nach der Kette unter ihrem Kleid tastete. Langsam griff sie in ihren Ausschnitt und zog eine feingliedrige Silberkette hervor, an der ein roter Rubin funkelte.

Die Kette hatte sie nach dem Tod ihrer Mutter von ihrem Vater als Andenken an sie überreicht bekommen. Immer wenn es galt, wichtige Entscheidungen zu treffen, gab sie Gisela den Halt, den sie als kleines Mädchen oft vermisst hatte.

Gisela dachte fieberhaft nach. Mit den Zähnen biss sie sich auf ihre Unterlippe und ihre Finger fuhren immer wieder über den glatten, funkelnden Rubin in ihrer Hand.

Dieser Schwur war eine tolle Idee ihrer Schwestern und sie sollte die Ehre haben, als erste etwas zu ihm beizusteuern. Nur was? Was war das Wichtigste für sie, was ein Mensch für andere tun konnte?

Das Gefühl des von ihrer Haut gewärmten Edelsteins in ihrer Hand ließ Gisela an ihre Mutter denken und plötzlich durchzuckte es sie wie ein Blitz und es war absolut klar: Ehrlichkeit.

Natürlich. Den Menschen, die du liebst, die Wahrheit sagen und ihnen vertrauen können. Die Lüge, die sie ihrem Vater vorwarf, hatte sie ihm verziehen, doch vergessen hatte sie sie nie ganz können. Nun wollte sie es selbst besser machen als er.

„Ich will euch schwören, dass ich immer ehrlich zu euch bin und euch nie anlügen werde. Und ich will darauf vertrauen können, dass auch ihr mir stets die reine Wahrheit entgegenbringt.“

Gisela küsste ihre Kette und steckte sie wieder unter ihr Überkleid zurück. Gerberga und Bertha strahlten und Mathilde klatschte begeistert in die Hände.

„Das ist ein wundervoller Gedanke, Gisela!“ Mathilde drückte ihre Hand und nickte nun Bertha aufmunternd zu. „Jetzt du, Bertha! Was ist dein Teil unseres Schwures?“

Bertha musste keine Sekunde überlegen. „Ich will mutig sein und mich nie beugen oder brechen lassen. Lasst uns ohne Angst für Gerechtigkeit und das Gute in der Welt einstehen!“, rief sie mit lauter Stimme und ballte dabei die rechte Faust in den Himmel. „Wir sind starke und weise Frauen und können unseren Teil dazu beitragen, dass das Gute nicht aus dieser Welt verschwindet.“

Berthas grüne Augen funkelten selbst in der Dunkelheit der Baumhöhle und sie schlug mit ihrer Faust so feste sie konnte auf den Waldboden. Gisela und Mathilde zuckten zusammen und starrten ihre Schwester entgeistert an, doch Gerberga musste lachen und wuschelte Bertha durch ihre langen Locken. „Nichts anderes hatte ich von dir erwartet, du Wildfang. An dir ist Vater wahrhaftig ein Sohn verloren gegangen“, kicherte sie und knuffte Bertha in die Seite.

Bertha deutete eine Verbeugung an und lächelte zurück. „Nun, wenn wir also nach dem Alter gehen, dann bin ich jetzt wohl an der Reihe“, bemerkte Gerberga und setzte sich aufrecht hin. „Auch für mich ist es nicht schwer, meinen Schwurteil zu finden. Wie ihr alle wisst, ist die Familie und ihr Schutz das Wichtigste für mich. Lasst uns unsere Familie schützen und auch den Schwachen in Not immer beistehen und helfen.“

Gerberga blickte in die Runde, ob es Einwände geben könnte, doch alle waren einverstanden mit ihrem Vorschlag. „Dann fehlst nur noch du, Mathildchen. Was willst du schwören?“

Mathilde schloss für einen Moment die Augen und faltete ihre Hände. Im Inneren des Baumes war es ganz still, niemand sprach ein Wort. Selbst die Vögel im Schlossgarten schienen mit ihrem Gesang für einen Moment Pause zu machen. Dann öffnete Mathilde die Augen wieder und legte ihre rechte Hand auf ihr Herz. „Ich will Gottes Geboten immer folgen und in seinem Sinne handeln. Sein Wort soll uns alle auf unseren Lebenswegen leiten und uns Trost und Hoffnung sein.“

Mathilde lächelte, doch als sie in das Gesicht von Bertha sah, wurde ihr Blick ernst und sie runzelte skeptisch die Stirn. Bertha hatte den Mund zu einer ablehnenden Grimasse verzogen und pustete hörbar die Luft aus. „Also, ich bin mir nicht sicher, ob ich das wirklich versprechen kann“, protestierte Bertha und Mathilde sah ihre Schwester ungläubig an.

„Wieso, was ist denn falsch an Gottes Geboten?“ Mathildes anfängliche Überraschung über Berthas Protest gegen ihren Schwurteil wich nun Enttäuschung und sie war den Tränen nahe.

Gisela nahm Mathilde tröstend in den Arm und sah ihre Stiefschwester scharf und eindringlich an. „Meine Güte Bertha, wie taktlos kann man eigentlich sein? Da offenbart uns die kleine Maus ihre innersten Gedanken und Wünsche und du weist sie so brüsk zurück.“ Gisela schüttelte immer noch ungläubig den Kopf und streichelte Mathilde über das hellblonde Haar, um sie wieder zu beruhigen.

Bertha rutschte unruhig auf ihrem Kissen hin und her und wirkte zerknirscht. „Ich habe sie nicht zurückgewiesen! Ich hege nur Bedenken, ob ich diesen Teil des Schwures auch mein ganzes Leben lang einhalten können werde.

Ich will euch doch kein Versprechen geben, von dem ich jetzt schon denke, dass ich es vielleicht brechen werde!“

Bertha war nun auch den Tränen nahe und bevor der Streit noch schlimmer werden konnte, griff Gerberga vermittelnd ein.

„Wir können den Schwur von Mathilde ja noch ein wenig abändern, damit er für uns alle passt.“ Gerberga sprach mit ruhiger und fester Stimme und allmählich beruhigten sich alle wieder. „Wie wäre es mit: Wir wollen Gottes Geboten folgen und falls das nicht geht, unseren Herzen? Dann wird am Ende auch dann etwas Gutes dabei herauskommen.“

Gerberga zog fragend die Augenbrauen hoch und wartete auf eine Bestätigung ihres Vorschlages. Bertha und Gisela nickten stumm und auch Mathilde schniefte geräuschvoll in ihr besticktes Taschentuch und stimmte dem Vorschlag zu. „Damit könnte ich leben.“

„Dann haben wir unseren Schwur gefunden!“ Gerberga lachte befreit auf und auch die anderen lächelten wieder. „Kommt, lasst ihn uns zusammen sprechen“, forderte Gerberga ihre Schwestern auf und rückte mehr in die Mitte ihres Sitzkreises.

Die vier Schwestern setzten sich so nah zusammen, wie sie nur konnten und legten ihre Arme hinter ihren Rücken übereinander.

„Wie wollen wir es machen?“, fragte Bertha und blickte die anderen nachdenklich an. „Wäre es nicht am besten, wenn wir unserem Schwur mit einem Brandzeichen oder ein wenig Blutvergießen noch etwas mehr Bedeutung verleihen würden?“

Entsetzt ließ Gisela die Arme ihrer Schwestern wieder los und rutschte zurück auf ihr Sitzkissen. „Das meinst du jetzt aber nicht ernst, oder?“, hauchte sie und verschränkte ihre Arme abwehrend vor ihrer Brust.

„Ich heirate bald, da kann ich doch nicht mit einem frischen Brandzeichen vor den Altar treten! Mal ganz abgesehen von den Schmerzen und der Infektionsgefahr bei Brandwunden!“

Auch Gerberga und Mathilde schüttelten missbilligend die Köpfe und Bertha hob abwehrend die Hände in die Luft. „Schon gut, war ja nur ein Vorschlag. Ich habe es verstanden. Also nur der Schwur.“

Die drei anderen atmeten erleichtert aus und Gisela rutschte wieder näher an ihre Stiefschwestern heran. Alle vier legten ihre Arme übereinander und ihre Köpfe so nah zusammen, dass sich ihre Gesichter berührten und sie die Wärme der anderen spüren konnten. Dann sprachen sie gemeinsam und mit geschlossenen Augen:

„Wir wollen uns immer die Wahrheit sagen und uns nie anlügen.

Wir wollen mutig für Gerechtigkeit und das Gute eintreten.

Wir wollen unsere Familien und die Schwachen in Not beschützen.

Wir wollen Gottes Geboten und dem Ruf unserer Herzen folgen.“

Dann war es still in der Baumhöhle. Die vier Schwestern verharrten in ihrer Einigkeit und spürten, wie ihre Herzen ihnen in diesem besonderen Moment bis zum Halse schlugen. Ein warmes Gefühl von Verbundenheit und Sicherheit umgab sie und sie wünschten sich, dass dieser Augenblick für immer sein könnte.

„Mathiiiildeee! Mathilde, wo bist du nur? Die Abendglocke hat bereits geschlagen! So antworte doch!“, hallte plötzlich eine vertraute Stimme quer durch den Schlossgarten bis hin zu ihnen in den Baum.

Die vier Schwestern erwachten aus ihrer Starre und lächelten sich verschwörerisch an. „Adelgundis“, grummelte Bertha und rollte belustigt mit den Augen. „Die alte Schachtel taucht aber auch immer im unpassendsten Moment auf.“

Mathilde ließ die Arme ihrer Schwestern los und beeilte sich, Richtung Ausgang der Baumhöhle zu krabbeln. „Sie wird mich beim Abendgebet vermisst haben“, keuchte sie, während sie sich an Bertha vorbeizwängen wollte, die belustigt in der Öffnung des hohlen Baumes sitzen blieb, um ihre kleine Schwester zu ärgern. „Mach schon Platz, Bertha, dann bekommen wir vielleicht keinen Ärger von ihr“, schimpfte Mathilde und schubste ihre Schwester so unsanft zur Seite, dass die mit einem erstaunten Ausruf auf den Rücken rollte.

„Heda, nicht so eilig, kleine Vorbeterin!“, lachte Bertha und machte endlich Platz. „Und wer hilft mir jetzt mit meinem Kleid?“, jammerte Gisela und deutete auf Mathilde, die schon halb aus der Höhle verschwunden war. „Komm, ich helfe dir“, bot sich Gerberga an und griff nach dem kostbaren Brokatstoff. „Wir wollen doch nicht, dass dein Gemahl vor Schreck in Ohnmacht fällt, wenn er dich bald wiedersieht!“

Nacheinander krabbelten sie nun aus ihrem Versteck und strichen sich die Röcke glatt. Mathilde war bereits über die Wiese geeilt und ging an der Seite ihrer Zofe Adelgundis zurück zum Schloss. Gerberga nahm ihre Schwestern bei der Hand und langsam schlenderten die drei zurück. Mittlerweile war es fast vollständig dunkel geworden und die Sterne begannen über ihren Köpfen zu leuchten.

„Was für ein herrlicher Abend“, bedeutete Bertha und alle drei blieben für einen Moment stehen und sogen die immer noch warme und duftende Frühlingsluft tief in sich ein.

„Einen besseren hätten wir für unseren Schwur nicht finden können.“

2

Arles, 12.Juni 972

„Dann setz du dich auch noch drauf, Emma, vielleicht geht sie ja dann endlich zu.“ Gisela saß schnaubend und mit hochrotem Kopf in der Hocke vor einer großen, dunklen Kiste aus massivem Eichenholz und bemühte sich vergeblich, das eiserne Schloss durch die goldenen Ösen hindurchzuschieben, die an der Vorderseite der Truhe und am Deckel befestigt waren. Aus den Ritzen der offenen Truhe hingen an mehreren Stellen Teile ihrer kostbaren Kleider und auf dem Deckel saß mit Giselas Dienstmädchen Emma jetzt schon die dritte Magd und wippte rhythmisch hoch und runter, um mit der Hilfe ihres Gewichtes den Deckel der Truhe noch etwas mehr zu schließen.

Gisela erblickte einen blauen Brokatstreifen, der seitlich aus der Truhe ragte, und rollte entnervt mit den Augen. „Ich fürchte, wir werden die Kleider noch einmal umpacken müssen und noch eine weitere Truhe hinzunehmen. So wird die niemals zugehen“, brummte sie resigniert und die Mägde auf der Truhe nickten zustimmend und hüpften mit einem Satz wieder vom Deckel herunter.

Ein Ritter, der an der Tür von Giselas Zimmer Wache stand und die Szene bislang schweigend beobachtet hatte, räusperte sich und trat einen kleinen Schritt vor. „Eure Hoheit mögen mir verzeihen, dass ich eine Anmerkung mache, aber ich fürchte, dass keine weitere Truhe mehr auf unseren kleinen Karren passen wird, den wir für den Ritt nach Bayern benutzen wollen.“ Der Ritter war leicht errötet und zuckte entschuldigend mit den Schultern.

Gisela stand aus ihrer gehockten Position auf und blickte nachdenklich auf die offene Truhe.

„Und warum nehmen wir nicht einfach den großen Karren mit? Den, der hinten im Stall unter den roten Tüchern verdeckt steht?“ fragte sie und deutete mit ihrer Hand aus dem geöffneten Fenster in Richtung Stall.

Der Ritter räusperte sich erneut. „Eine wirklich gute Idee, eure Hoheit, aber den großen Karren aus dem Stall haben leider eure Eltern mit nach Italien genommen.“ Damit trat der Ritter wieder einen Schritt zurück und Giselas stand ratlos da, während ihre Arme schlaff herunterhingen.

In diesem Moment klopfte es sacht an der Türe und herein kam Gerberga, die staunend auf die kichernden Mägde und die überquellende Truhe sah. „Ach, du packst schon, Gisela? Ich dachte es mir schon, als ich das Gerumpel aus deinem Zimmer gehört habe.“

Gisela ließ sich erschöpft auf den steinernen Sims vor ihrem Fenster sinken, der mit einem weichen Polster ausgelegt worden war. „Aber mit ziemlich mäßigem Erfolg, wie du siehst“, klagte sie und deutete auf die Truhe. Gerberga musste schmunzeln.

Sie kannte den Drang ihrer Stiefschwester, perfekt sein zu wollen. Dazu gehörten für sie natürlich nicht nur gutes Benehmen, Anmut und ein scharfer Verstand, sondern besonders auch ein tadelloses äußeres Erscheinungsbild.

„Ach Gisela, dann lässt du eben ein paar deiner Kleider hier in Arles. Du bist doch auch ohne diese ganze Zier wunderschön. Und dein Ehemann wird dir bestimmt ein paar neue Kleider kaufen, wenn du nichts mehr zum Anziehen hast!“, erwiderte sie unbekümmert und setzte sich neben Gisela auf den steinernen Sims.

Gisela hatte ihre Hände in den Schoß gelegt und sah nun sehr nachdenklich und betrübt aus. Gerberga legte ihre rechte Hand über die Hände ihrer Halbschwester und drückte sie sanft.

Wie sehr beneidete sie Gisela dafür, dass sie bereits einen Mann gefunden hatte und heiraten durfte. Schon seit sie denken konnte, hatte auch Gerberga sich eine eigene Familie und vor allem eigene Kinder gewünscht. Wie schön musste es sein, die Kinder aufwachsen zu sehen und ihnen dabei mit viel Liebe und Rat und Tat zur Seite stehen zu können. Sie hatte zwar Mathilde und Rudolf, um die sie sich auch immer gerne kümmerte, aber eigene Kinder zu haben, würde in Gerbergas Augen doch etwas völlig anderes bedeuten.

„Freust du dich denn gar nicht auf dein großes Abenteuer?“ Gerberga stupste Gisela leicht mit der Schulter an, doch Gisela presste die Lippen aufeinander und blickte stumm hinaus in den Innenhof des Schlosses.

Wie schön es hier in Arles doch war. Überall herrschte zu dieser Jahreszeit emsiger Betrieb und obwohl ihre Eltern mit einer Schar Rittern, dem Hofkaplan und einer ganzen Eskorte Beratern und Mägden nach Italien gereist waren, war der Hof doch voller Menschen. Die Küchenmägde hatten es sich im Schatten einer Linde bequem gemacht und waren dabei, mehrere Gänse für die abendliche Tafel zu rupfen. Die Mädchen arbeiteten schnell und geübt, während sie sich den neuesten Klatsch erzählten und die weißen Federn flogen wie ein Wirbelsturm um ihre Köpfe herum. Am Brunnen stand eine Schlange mit Frauen aus der Stadt, die ihre mitgebrachten Gefäße mit frischem Wasser befüllten und sich dabei gegenseitig nass machten, um ihre von der warmen Mittagssonne erhitzten Gesichter ein wenig abzukühlen und sich für ihren Heimweg zu stärken.

Aus den geöffneten Stalltüren ragten unzählige Pferdeköpfe, die sich streckten und wieherten und sich dabei bemühten, an das frische Heu in den Wannen vor ihnen zu gelangen, die die Stallburschen gerade aufgefüllt hatten.

Nichts hatte sich hier verändert, seit sie ein Kind gewesen war. Selbst nach dem Tod ihrer Mutter und ihres Bruders hatten das geschäftige Treiben, die Schönheit des Schlossgartens und die Herzlichkeit der Menschen hier in Arles ihr Trost gespendet. Gisela war traurig, dies alles nun zurücklassen zu müssen, auch wenn sie sich auf ihre neue Heimat in Bayern freute. Vorsichtig strich sie mit ihren schmalen Fingern über den Rubin an ihrer Kette und wandte sich Gerberga zu.

„Ich freue mich sehr auf Heinrich und sein Bayern. Aber ich liege auch nachts wach in meinem Bett und bin verzweifelt, weil ich mich schon bald nicht mehr um Mutters und Konrads Grabstelle in der Kapelle kümmern kann.“

Gisela umfasste den Rubin fest mit ihrer Hand und schloss die Augen. Nun verstand Gerberga, was ihre Halbschwester in den vergangenen Wochen so sehr beschäftigt hatte. Gisela ging jeden Tag nach der Morgenmesse zum Grab ihres Bruders Konrad und ihrer Mutter und betete für die beiden. Danach zündete sie stets eine neue Kerze an und stellte von Zeit zu Zeit auch frische Blumen in einem silbernen Gefäß neben der Kerze auf.

„Das werde ich gerne für dich übernehmen“, bot Gerberga großzügig an und Gisela öffnete die Augen wieder. „Das ist doch selbstverständlich. Ich werde jeden Morgen die Kerze anzünden und nach den Blumen sehen. Ich verspreche es dir. Und wenn ich eines Tages selbst heiraten und von hier fortgehen werde, werde ich vorher einen würdigen Nachfolger suchen, der diese Aufgabe für mich übernehmen wird.“ Um Gisela von der Ehrlichkeit ihres Angebotes zu überzeugen, hob Gerberga kurz ihre rechte Schwurhand und nickte bestätigend. „Dein Gebet kannst du ja genauso gut aus der Ferne sprechen.“

Gisela fiel eine riesige Last von den Schultern und sie fühlte sich seit langem wieder frei und unbeschwert. Herzlich schloss sie ihre Schwester in die Arme und Gerberga gab ihr einen Kuss auf die langen blonden Haare.

„Das würdest du wirklich für mich tun?“ Giselas eisblaue Augen strahlten. „Natürlich, sonst hätte ich es ja nicht gerade eben gesagt. Mein Lohn ist es, dich wieder so glücklich zu sehen. Und jetzt nehmen wir uns diese Truhe noch einmal vor und sortieren ein paar Kleider aus! Das wäre doch gelacht, wenn wir die nicht zubekommen!“ Lachend standen die beiden Schwestern auf und begannen mit Hilfe der Mägde, die Kleider wieder aus der Truhe zu holen und sie ordentlich nebeneinander auf das große Bett in der Mitte des Raumes zu legen.

Eine Stunde später hatte Gisela einige Kleider aussortiert und die Mägde alles ordentlich gefaltet in der Truhe verstaut. Gerberga krempelte ihre Ärmel wieder herunter und strich sich eine dunkelblonde Strähne aus der Stirn. „Neuer Versuch? Was meinst du, Gisela?“, fragte sie schmunzelnd und griff nach dem eisernen Schloss für die Truhe.

Gisela nickte fröhlich und wollte gerade beherzt auf den Deckel der Truhe springen, als Gerberga die Hand hob und unter Giselas Bett zeigte, als habe sie dort etwas Wichtiges entdeckt.

Verblüfft drehte Gisela sich um und schaute suchend in die Richtung, in die ihre Schwester wies. „Was ist, was hast du da gesehen?“

Gerberga zeigte mit großen Augen auf den Steinboden. „Ich glaube, da hat eben etwas gefunkelt, als ein Sonnenstrahl durch das Fenster fiel. Nicht das da noch ein Schmuckstück von dir liegt, das uns bei der ganzen Packerei heruntergefallen ist!“, erwiderte Gerberga mit ernster Miene und musste sich dabei ein Lachen verkneifen.

„Bist du sicher?“, wunderte sich Gisela und begann umständlich auf allen Vieren unter ihrem Bett nach einem Schmuckstück zu suchen.

Diesen Moment nutzte Gerberga und zog unter ihrem Kleid ein kleines Pergamentblatt hervor. Es war über und über beklebt mit Blumen, die Gerberga und ihre Schwestern für Gisela im Schlosspark gesammelt und zwischen den Seiten von dicken Büchern in der Bibliothek getrocknet hatten. Von jeder Blume, die hier in Arles blühte, hatten sie eine Blüte benutzt, um daraus das Gesicht von Gisela nachzubilden. Kornblumen für ihre Augen, Frauenmantel für ihr blondes Haar und die schönsten pfirsichfarbenen Rosenblätter für ihr anmutiges Gesicht.

So schnell sie konnte versteckte Gerberga das Bild unter den obersten Kleidern in der Truhe, als Gisela mit staubigen Händen wieder unter dem Bett hervorkroch. „Hier ist nichts, du musst dich getäuscht haben.“

„Na, umso besser. Dann ist die Truhe ja jetzt vollständig.“

Gerberga kniete sich hin und schob das eiserne Schloss durch die goldenen Ösen an der Truhe. Mit einem lauten `Klick` rastete es ein und Gerberga zog den Schlüssel ab.

„Dann kann es ja bald losgehen.“

3

Arles, 15. Juni 972

„Du salbst mein Haupt mit Öl, übervoll ist mein Becher. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen ein Leben lang und im Haus des Herrn darf ich wohnen für eine lange Zeit.“

Mit einem Seufzer klappte Mathilde die dicke Bibel aus handbeschriebenen Pergamentseiten zu und rieb sich die geröteten Augen.

„Das hast du sehr schön gelesen, mein Kind“, lobte Zofe Adelgundis das Mädchen und tätschelte ihr wohlwollend das blonde Haar. Mathilde streckte sich und gähnte herzhaft. Fast zwei Stunden lang hatte sie gemeinsam mit ihrer Zofe und ihren drei Schwestern in der großen Halle verbracht und aus der hauseigenen Bibel vorgelesen.

Gisela, Bertha und Gerberga hatten ihr zugehört und sich dabei die Zeit mit Stick- und Näharbeiten vertrieben. Nun waren die Kerzen in den silbernen Leuchtern an den Wänden schon fast heruntergebrannt und die letzten Sonnenstrahlen warfen lange Schatten durch die Fenster auf den sauber mit Stroh ausgelegten Holzboden.

Gisela und Gerberga hatten ihre Arbeiten fast beendet, während Bertha mit der Sticknadel in der Hand auf ihrem Sessel am Kamin eingeschlafen war. Ihr Kopf war zur Seite gerutscht und sie schnarchte leise.

„Ich denke, wir sollten nun das Abendgebet sprechen und uns für die Nachtruhe zurechtmachen. Morgen ist auch noch ein Tag“, schnaufte Adelgundis und mühte sich etwas umständlich aus ihrem Sessel, als plötzlich die großen Flügeltüren der Halle mit einem gewaltigen Ruck aufgestoßen wurden und ein fremder Bote mit einem langen Mantel bekleidet hineingestürmt kam.

Die schweren Eichentüren schlugen mit solch einer Wucht gegen die Leuchter an den Wänden, dass es laut schepperte und Bertha derart abrupt aus ihrem Schlaf hochfuhr, dass sie vor Schreck die Nadel mit dem Faden von ihrem Stickrahmen abriss. Verärgert sah sie auf ihre zerstörte Arbeit und funkelte mit ihren grünen Augen böse in Richtung des Boten.

„Grundgütiger, was zum Henker fällt euch…?“, begann Bertha nicht gerade damenhaft zu fluchen, doch Adelgundis schlug ihr auf die Hände und legte mahnend ihren Zeigefinger auf ihren Mund.

„Schhhh, Bertha, was ist in dich gefahren? Hatten wir beide nicht erst kürzlich eine längere Unterredung zum Thema `Fluchen` und `richtiges höfisches Benehmen`? Wie mir scheint, hast du dir nicht sonderlich viele meiner Worte gemerkt.“ Adelgundis stand mit den Händen in die Hüften gestemmt vor Bertha und blickte sie tadelnd an. Bertha senkte schuldbewusst den Blick und murmelte: „Entschuldigt bitte, Adelgundis. Wird nicht wieder vorkommen.“

„Das will ich auch schwer hoffen. Du solltest deinen Schwestern immer ein Vorbild sein.“ Adelgundis entspannte sich wieder und wandte sich dem fremden Boten zu, der immer noch in der Türöffnung stand und nicht recht wusste, was er tun sollte.

„Und nun zu euch, edler Bote, tretet näher und verkündet, was ihr uns zu sagen habt.“ Adelgundis lächelte freundlich und lud den Jungen mit einer einladenden Geste ein, näherzukommen.

Der Bote ging langsam durch die Halle, wobei er Berthas Blicken lieber auswich, und machte vor den Frauen eine galante Verbeugung. In der Hand hielt er eine Pergamentrolle, die in ein dickes Ledertuch eingeschlagen war. Als Giselas Blick auf das rote Siegel fiel, das an einer langen Kordel um die Rolle geknotet war, stockte ihr der Atem: Es war das königliche Wappen ihres Vaters.

Auch Adelgundis und die anderen hatten das Siegel sofort erkannt. Adelgundis nahm dem Jungen den Brief ab und bemühte sich dabei, zu lächeln. „Habt großen Dank, mein Junge. Ihr müsst einen langen Weg hinter euch gebracht haben, um uns diese Nachricht hierher nach Arles zu bringen.“

Der Bote nickte und verbeugte sich erneut. „Es ist mir eine Ehre, meinem Herrn König Konrad und seinen reizenden Töchtern eine Hilfe gewesen zu sein.“

Adelgundis griff unter ihr Überkleid und zog einen kleinen Lederbeutel hervor, der an ihrem Gürtel befestigt war. Sie nahm eine Silbermünze aus dem Beutel und gab sie dem Jungen.

„Hier, das soll nur ein kleiner Teil deines Lohnes sein. Geh in die Küche und lass dir reichlich zu Essen geben und dann werde ich Ritter Roland zu dir schicken, um dir deinen vollen Botenlohn auszuzahlen.“ Der Junge nahm die Münze strahlend entgegen, verbeugte sich noch einmal vor den Mädchen und wandte sich wieder zur Tür.

„Geht mit Gott!“, rief Mathilde ihm noch hinterher und blickte danach mit angstvoll aufgerissenen Augen zu ihrer Zofe. „Was hat das zu bedeuten, Adelgundis? Mutter und Vater wollten doch in den kommenden Tagen von ihrer Italienreise wieder hierher nach Hause zurückkehren! Wozu der Brief? Ist ihnen etwa in der Ferne etwas zugestoßen?“, flüsterte Mathilde und schlug sich ängstlich die kleinen Hände vor die Augen.

Adelgundis war sehr blass geworden, bemühte sich aber, die Fassung vor den Prinzessinnen nicht zu verlieren. Auch sie hatte düstere Gedanken. „Wir werden es gleich wissen“, brachte sie nur mühsam hervor und begann, mit zittrigen Händen und belegter Stimme zu lesen:

Rom, 20.Mai 972

An meine geliebte Tochter Gisela,

deine Ziehmutter und dein Vater senden dir geliebtes Kind die herzlichsten Grüße aus der Ferne. Die Hochzeit eures Cousins Otto war ein wahrhaft berauschendes Fest, das sich als eines Thronfolgers würdig erwiesen hat. Eure Tante Adelheid war als die Mutter des Bräutigams die treibende Kraft hinter den Festlichkeiten und hat mich manches Mal um meinen brüderlichen Rat gefragt. Auch mit Ottos Frau Theophanu konnten wir viele angeregte Gespräche führen. Sie stammt aus dem fernen Kaiserreich Byzanz und ist wahrlich eine orientalische Schönheit.

Während der Hochzeitsfeierlichkeiten mussten wir immer wieder an dich denken, liebste Gisela, dass auch du bald Weiß tragen und Herzog Heinrich von Bayern heiraten wirst. Wie gerne wären wir an diesem bedeutenden Tag an deiner Seite gewesen, doch die politische Lage hier in Italien ist sehr angespannt, und eure Tante Adelheid und ihr Mann König Otto I. haben mich gebeten, nach der Hochzeit ihres Sohnes Otto noch in Rom zu bleiben und sie bei Vermittlungsgesprächen zwischen dem Papst und den verfeindeten Parteien zu unterstützen.

Wir wissen nicht genau, wie lange wir noch hier in Rom verweilen werden. Eine Schar meiner fähigsten Ritter soll dich, liebe Gisela, auf deinem Weg nach Bayern begleiten und dich deinem zukünftigen Ehemann übergeben.

Deine Ziehmutter und ich wünschen dir für deinen weiteren Lebensweg Glück, Gesundheit und Gottes Schutz und wir können es nicht erwarten, dich und deine Schwestern und den kleinen Rudolf bald wieder gesund in unsere Arme zu schließen.

Konrad III., Rex Burgundis anno domini 972

Adelgundis ließ den Brief langsam sinken und stieß hörbar die Luft aus. „Und ich dachte schon, euren Eltern sei etwas zugestoßen.“ Mathilde sprang aus ihrem Sessel und fiel ihrer Zofe erleichtert in die Arme. Auch Bertha und Gerberga hatten angespannt den Worten ihrer Zofe gelauscht und umarmten sich nun.

Nur Gisela saß wie versteinert auf ihrem Sessel und hielt immer noch ihr Nähzeug in den Händen. Plötzlich sprang sie mit einem Ruck auf und schleuderte ihre Arbeit mit einem erstickten Schluchzen an die Wand. Dann sank sie wie ein Häufchen Elend auf dem Boden zusammen und schlug weinend ihre Hände vor ihr Gesicht. In ihrem Kopf rasten die Gedanken wie ein viel zu schnelles Karussell und sie hatte das Gefühl, als sei der Boden unter ihren Füßen nicht aus hartem Eichenholz, sondern weich und ohne Halt. Alle starrten sie entgeistert an; Mathilde war die erste, die zu ihrer Stiefschwester stürzte und sie umarmte.

„Sie werden nicht da sein“, schluchzte Gisela und Bertha und Gerberga blickten betreten zu Boden. „Ich werde heiraten und meine Eltern werden nicht dabei sein. Ich wusste es immer, und nun ist es gewiss: Sie lieben mich nicht! Ich bin ihnen völlig egal!“ Gisela schrie ihren ganzen Schmerz heraus und schleuderte den Arm von Mathilde grob beiseite.

„Und ihr sitzt hier und grinst, während ich so gedemütigt werde! Schämen solltet ihr euch! Eine Familie, pah, dass ich nicht lache!“ Gisela blickte ihre Schwestern hasserfüllt an. Sie war sehr blass und zitterte am ganzen Körper.

Bertha hatte es für einen Moment die Sprache verschlagen, doch Gerberga stand ruhig aus ihrem Sessel auf und ging einen Schritt auf Gisela zu. Mathilde hatte sich in die schützenden Arme ihrer Zofe geflüchtet, die immer noch den Brief ihres Vaters in der Hand hielt. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie zwischen ihren Schwestern hin und her.

„Gisela, wir sind eine Familie. Das haben wir uns doch vor wenigen Tagen noch geschworen. Lass deinen Zorn nicht die Oberhand über deine klaren Gedanken gewinnen.“ Gerberga ging noch einen Schritt auf Gisela zu und hob besänftigend die Hände. „Du weißt tief in deinem Herzen, dass es einen wichtigen Grund dafür gibt, dass unsere Eltern nicht zu deiner Hochzeit kommen können. Darauf hätten sie niemals freiwillig verzichtet.

Und hätten Onkel Otto und Tante Adelheid sie an einem anderen Tag um ihre Hilfe gebeten, dann würden sie auch zu jeder unserer Hochzeiten nicht kommen.“

„Gerberga hat Recht“, schaltete sich nun Bertha ein, die nach dem Ausbruch ihrer Schwester wieder klar denken konnte. „Das ist keine Entscheidung gegen dich, sondern eine Entscheidung für die Krone. Und wir haben dich nicht ausgelacht. Wir waren nur so erleichtert darüber, dass Mutter und Vater in der Ferne nichts zugestoßen ist“, fügte sie noch entschuldigend hinzu.

Bertha lächelte Gisela vorsichtig an, die nun wieder etwas ruhiger atmete. Doch noch immer rannen ihr die Tränen scheinbar endlos über die Wangen und tropften ein trauriges Muster auf ihr seidenes Kleid.

„Aber wer soll mich zum Altar führen, wenn nicht Vater? Und wer soll an meiner Seite an der hohen Tafel sitzen und Hochzeit feiern, wenn nicht meine Eltern? Das wird die schrecklichste Hochzeit aller Zeiten!“ Giselas Stimme bebte und sie hob ihre Hände anklagend zum Himmel.

Gerberga, Bertha, Mathilde und auch Adelgundis ließen sich neben ihr auf den Holzboden sinken und umarmten sie, so feste sie konnten. Alle schwiegen. Die Wachen an den Türen senkten verlegen ihre Blicke und starrten auf ihre Schuhspitzen. Gisela weinte nun lautlos, während ihre Schwestern fieberhaft nach einer Lösung suchten.

„Ich werde dich begleiten. Und ich werde neben dir an der hohen Tafel sitzen und mit dir und deinem Bräutigam deine Hochzeit feiern.“ Alle starrten ungläubig auf Mathilde, die über das ganze Gesicht strahlte. Gisela hörte auf zu weinen und rieb sich die gerötete Nase.

„Aber Mathildchen, du bist doch noch nie so weit gereist! Und ohne den Schutz deiner Eltern! Wer soll das denn erlauben? Wir haben keine Zeit mehr, euren Eltern zu schreiben, bevor Gisela nach Bayern abreisen muss!“ Adelgundis rang um Fassung, doch Mathilde wedelte ihre Bedenken mit einer Handbewegung beiseite.

„Unsere Ritter werden uns auf dem Weg beschützen. Vater vertraut ihnen blind und ich tue das auch. Und ich kann doch dich um Erlaubnis fragen, Adelgundis, du bist doch als Zofe schließlich für mich verantwortlich, solange Mutter und Vater nicht hier am Hof in Arles weilen. Also, was sagst du? Darf ich Gisela nach Bayern begleiten?“ Alle starrten Adelgundis an, die sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn tupfte und hektisch von einer Schwester zur anderen sah.

„Kinder, was sind das für Fragen! Und außerdem bin ich ja schließlich als Zofe nicht nur für dich verantwortlich, Mathilde, sondern auch für Bertha, Gerberga und Rudolf. Ich kann die drei doch unmöglich hier allein am Hof lassen, während ich mit dir wochenlang im fernen Bayern bin.“ Adelgundis atmete schwer und machte ein Kreuzzeichen vor ihrer Brust.

„Dann kommen wir eben alle mit!“

Bertha fasste Gisela an ihren Schultern und blickte ihr entschlossen in die Augen. „Dann bleibt auch niemand allein hier in Arles. Wir alle werden dich nach Bayern begleiten und mit dir deine Hochzeit feiern. Das wird das schönste Fest, das du jemals erlebt hast!“

Bertha strahlte und auch über Giselas Gesicht huschte wieder ein kleines Lächeln. „Das würdet ihr wirklich für mich tun?“ Ungläubig sah sie in die Gesichter ihrer Schwestern, die sie nickend anstrahlten. Gisela versuchte, sie alle gleichzeitig zu umarmen. „Oh, das wäre so wunderbar!“

„Ich habe noch nicht ja gesagt“, gab Adelgundis zögerlich zu bedenken, doch Bertha tat so, als ob sie den Einwand ihrer Zofe überhört hätte. „Also ist es abgemacht!“, rief sie lachend und ihre Schwestern strahlten mit ihr über das ganze Gesicht. „Auf nach Bayern!“

4

Regensburg, 1.August 972

Heinrich der Zänker saß auf einem kunstvoll geschnitzten Eichenthron, der am Ende der großen Halle seiner Pfalz in Regensburg auf einer kleinen Empore stand. Durch die geöffneten Fenster drang ein warmer Luftzug, der die mit Heinrichs Herzogwappen bestickten rot-blauen Seidentücher, die hinter ihm entlang der steinernen Wand aufgehängt waren, in einem sanften Rhythmus hin und her schwingen ließen.

Heinrich war allein. Seine Augen blickten starr nach draußen in die beginnende Dunkelheit und seine zusammengepressten Lippen bebten vor Zorn. Die Kerzenleuchter entlang der Wände der Halle waren schon fast heruntergebrannt, doch Heinrich bemerkte es kaum in seiner Wut. In der Hand hielt er immer noch den hastig aufgerissenen Brief, den er heute von seiner Tante Adelheid aus Italien erhalten hatte.

Mein geliebter Heinrich,

dein Onkel Otto I. und ich senden dir herzlichste Grüße aus Rom. Wir danken Gott dafür, dass wir diese Reise bis hierhin unbeschadet überstanden haben und eine wundervolle Hochzeit deines Cousins Otto und seiner anmutigen Frau Theophanu von Byzanz feiern durften. Die beiden erhalten bereits jetzt viel Zuspruch und wir sind sehr hoffnungsvoll gestimmt, dass Otto seinem Vater einst als würdiger Nachfolger auf den Ostfränkischen Thron folgen wird.

Unsere Abreise verzögert sich leider, da der Papst alle anwesenden ottonischen Gäste der Hochzeit nach den Feierlichkeiten noch zu beratenden Gesprächen in einer dringlichen Angelegenheit geladen hat. Wir konnten ihm diesen Wunsch nicht abschlagen, ohne unsere guten diplomatischen Beziehungen zum Heiligen Vater zu gefährden.

Deshalb wird es uns leider nicht möglich sein, zu deiner Hochzeit mit meiner geliebten Nichte Gisela von Burgund zu erscheinen. Es tut uns sehr leid und ich hoffe, dich und deine versprochene Ehefrau schon bald wieder gesund in meine Arme schließen zu können.

Adelheid von Burgund

Heinrich knirschte laut mit den Zähnen und erwachte aus seiner Starre. Wütend riss er den Brief in kleine Fetzen, sprang auf und warf die Reste der Botschaft so fest er konnte in die glimmende Asche eines großen offenen Kamins, der in die Wand neben seinem Thron eingebaut worden war.

Durch das trockene Pergament neu entfacht loderte inmitten der Asche eine kleine schon fast erstickte Flamme wieder auf und Heinrich beobachtete mit ausdruckslosem Blick, wie das immer höherschlagende Feuer und die sich ausbreitende Hitze den Brief seiner Tante Adelheid nach und nach auffraß.

Oh, wie sehr hasste er sie, diese eingebildeten Ottonen. Immer schon hatten sie sich für etwas Besseres gehalten. Dabei hielt Heinrich sie für körperlich schwach, leicht beeinflussbar und eines wahren Herrschers nicht würdig. Langsam griff Heinrich nach dem schweren Schürhaken, der neben dem Kamin an der Wand hing, und stocherte konzentriert damit in den Flammen herum, damit auch die letzten Reste des Briefes seiner Tante vernichtet werden würden. Ein kleines Stück glimmendes Pergament löste sich dabei von den beschriebenen Seiten und flog angetrieben durch die warmen Aufwinde im Kamin auf den Steinfußboden vor Heinrichs Füßen.

Der Herzog verengte seine dunklen Augen zu kleinen Schlitzen und schlug urplötzlich mit voller Wucht so lange auf den glühenden Pergamentfetzen ein, bis nur noch ein Häufchen Asche vor ihm liegen blieb.

Aufgeschreckt durch den Lärm, den der Schürhaken auf dem Steinfußboden machte, steckte ein Ritter, der vor der Flügeltür der großen Halle Wache gestanden hatte, den Kopf herein, um nach dem Rechten zu sehen.

Doch als er Heinrich in Rage auf den brennenden Brief einschlagen sah, zog er seinen Kopf hastig wieder zurück und schloss lautlos die Tür hinter sich.

Die Ottonen. Herrscher über das Ostfränkische Königreich. Seine Familie.

Mit einem erstickten Schrei schlug Heinrich der Zänker den Schürhaken ein letztes Mal mit voller Wucht gegen die Wand und schleuderte ihn dann in eine Ecke. Seine Familie, die ihn kleinhielt und auch seinem Vater schon kein angemessenes Mitspracherecht bei den Regierungsgeschäften eingestanden hatte.

Heinrichs Vater Heinrich I. war der Bruder von König Otto I. gewesen. Otto war zwar der Ältere der beiden, doch Heinrich hatte ihn schon als Kind für schwächlich und nicht entschlossen genug gehalten, um ein derart großes Reich allein zu regieren. Doch anstatt seine Brüder einzubinden und sie mit verantwortungsvollen Landgaben zu ehren, hatte Otto I. sowohl Heinrich als auch seinen Halbbruder Thankmar immer kleingehalten und unter der Hand über sie gespottet. Kein Wunder also, dass der Neid und Bruderhass irgendwann außer Kontrolle geraten war und Heinrich I. seinen Bruder Otto I. mit der Unterstützung mehrerer Verbündeter mehrmals versucht hatte anzugreifen und zu ermorden.

Heinrich I. wurde gefangen genommen und das Herzogtum Bayern wurde ihm zur Strafe entzogen. Später begnadigte Otto I. ihn zwar wieder, doch Heinrich I. von Bayern starb verbittert und viel zu früh, als sein Sohn Heinrich der Zänker gerade mal vier Jahre alt war.

Heinrich hatte sich wieder auf seinen Thron sinken lassen und vergrub sein Gesicht in seinen auf den Knien aufgestützten Händen. Wie schmerzlich hatte er als Kind seinen Vater vermisst und die Schuld an seinem frühen Tod trugen laut seiner Mutter Judith einzig und allein die Ottonen.

Und nun saßen sie alle vereint in Rom an einer langen Tafel und feierten mit Wein und dem besten Essen der Stadt die Hochzeit seines widerlichen Cousins Otto. In Heinrichs Augen genauso ein blondgelockter Versager wie Heinrichs Onkel Otto I. Aber sie hatten schließlich keine Wahl gehabt bei der Ernennung des Thronfolgers, denn außer seinem Sohn Otto hatten Otto I. und seine Tante Adelheid nur noch ein einziges Mädchen auf die Welt gebracht.

Heinrich der Zänker lächelte böse in sich hinein. „Als ob Gott nicht will, dass die Ottonen noch lange über uns herrschen sollen. Mal abwarten, ob meinem lieben Cousin Otto nach seiner glorreichen Hochzeit auch nur Mädchen geschenkt werden.“

Heinrich streckte sich und lehnte sich gegen das kalte Holz des Thrones. In diesem Moment öffnete sich eine kleine Tür neben dem Kamin, die zur Kapelle der Pfalz führte, und herein trat Bischof Abraham von Freising. „Seid gegrüßt, mein Sohn.“ Der Bischof nickte seinem Herzog kurz zu und sah sich in der Halle um. „Die Wachen rieten mir, nach euch zu sehen. Ihr seiet etwas aufgebracht, hieß es.“

Er sah Heinrich fragend in die Augen und der Herzog wischte sich verlegen durch das Gesicht. „Es ist nichts von Bedeutung, Vater. Nur so ein nichtssagender Brief von meiner Tante Adelheid aus Rom.“ „Der so nichtssagend war, dass ihr ihn verbrennen musstet?“, erkundigte sich der Bischof skeptisch und hob langsam den Schürhaken vom Boden auf.

„Es war eine Absage. Onkel Otto und Tante Adelheid werden nicht zu meiner Hochzeit erscheinen können, weil sie in Rom vom Papst aufgehalten werden. Dringliche diplomatische Gespräche oder irgendein Firlefanz. Natürlich mehr von Bedeutung als eine unwichtige Hochzeit irgendeines Neffen“, spöttelte Heinrich und reckte sein Kinn mit seinem gepflegten Schnauzbart in die Höhe. „Da werden wir wohl ein paar Stühle von der hohen Tafel wieder wegräumen müssen wie mir scheint.“

Der Bischof hängte den Schürhaken wieder ordentlich an seinen Platz an der Wand zurück und ließ sich auf den freien Eichenthron neben Heinrich sinken. „Das tut mir sehr leid für euch, mein Sohn. Sicher empfindet ihr diese Absage als große Brüskierung“, sagte er mitfühlend, doch Heinrich schüttelte entschieden mit dem Kopf.

„Das braucht es nicht, glaubt mir. Ich regiere hier als Herzog in Bayern ganz wunderbar auch ohne die Unterstützung meiner gleichgültigen Verwandten“, behauptete er und sein Auge zuckte kurz, als sein Blick dabei den Schürhaken an der Wand streifte. „Und wer weiß, was das Schicksal in der Zukunft noch alles für uns bereithält.“

„Ihr seid wahrlich für Großes geschaffen, Herzog“, schmeichelte ihm der Bischof, „genau wie auch schon euer Vater es war.“

Heinrich der Zänker war wieder von seinem Stuhl aufgestanden und betrachtete sein Wappen an den Wänden. „Und um Großes zu schaffen, muss erst einmal geheiratet werden. Wir brauchen einen Stammhalter, der unser Wappen trägt, wenn mein Wunsch in Erfüllung geht und das Schicksal meinem lieben Cousin Otto nur blonde Mädchen schenkt!“

Mit einem Ruck riss Heinrich das seidene Wappentuch aus seiner Verankerung an der Wand und faltete es zusammen. Bischof Abraham von Freising hatte erstaunt zugesehen und wollte gerade fragen, was der Herzog damit bezwecke, als er ihm zuvorkam. „Ein Geschenk an meine Braut Gisela“, lächelte Heinrich charmant und hielt das Wappentuch in die Höhe. „Als Begrüßung in ihrer neuen Heimat“, fügte er noch hinzu und lief eilig durch die noch offenstehende Seitentür neben dem Kamin in den dahinter liegenden dunklen Flur.

„Gisela, es hat geklopft!“ Bertha saß zusammen mit ihren Schwestern und ihrer Zofe Adelgundis, die den kleinen Rudolf im Arm hielt, auf dem Bett in Giselas Zimmer, in dem Gisela und ihre Schwestern die Tage bis zur Hochzeit gemeinsam verbringen würden, und zeigte in Richtung Tür.

Vier Wochen lang waren sie unterwegs gewesen von ihrer Heimat in Arles bis hierher in die Pfalz in Regensburg. Der Weg von Burgund nach Bayern über die Alpen war sehr beschwerlich für alle gewesen und bei der Überquerung einiger Gebirgspässe mussten sie ihre Pferde zeitweilig an den Zügeln fuhren, weil auf den steilen, schmalen Wegen die Gefahr bestand, dass die Tiere auf dem sandigen Untergrund abrutschen und mitsamt ihrem Reiter in die Tiefe stürzen könnten.

Endlich waren sie wohlbehalten in Regensburg angekommen und Herzog Heinrich hatte seine Verlobte und ihr Gefolge zusammen mit seiner Mutter Judith und Bischof Abraham von Freising gebührend in Empfang genommen.

Gisela strich abwesend über den seidenen Stoff des weißen Brautkleides, das zwischen den Schwestern auf ihrem Bett ausgebreitet war. Es war an der Brust über und über mit Goldfäden durchwirkt und an den Handgelenken wurde der fließende Stoff durch rote und blaue Samtbänder zusammengehalten. Als es erneut energisch an die schwere Eichentür klopfte, erhob sich Bertha unter Protest vom Bett.

„Na gut, wenn ihr alle eure Augen nicht von diesem Kleid wenden könnt, dann gehe ich eben und öffne unserem abendlichen Besuch.“ Im Halbdunkeln tastete Bertha nach dem eisernen Riegel, der von innen vor die Tür geschoben worden war und zog ihn mit einem Ruck zurück. Die Tür schwang auf und Berthas Lächeln erstarb.

„Herzog Heinrich. Was verschafft uns so spät noch die Ehre?“, fragte sie kühl. Heinrich verkniff sich einen schneidenden Kommentar und setzte ein strahlendes Lächeln auf. „Geschätzte Schwägerin! Wie schön, euch hier anzutreffen“, und ohne jede weitere Erklärung drängte er sich bestimmt an Bertha vorbei, die in der Tür stehen geblieben war.

Bei Heinrichs Anblick sprangen die Schwestern erschrocken vom Bett und deuteten einen Knicks an. Heinrich öffnete einladend die Arme und deutete ihnen an, sich wieder hinzusetzen. „Aber meine Damen, bitte nicht zu viele Förmlichkeiten. In wenigen Tagen sind wir doch alle eine große Familie. Bitte setzt euch wieder.“ Dann wandte er sich Gisela zu und ergriff ihre schmalen Hände. „Ich habe ein Geschenk für dich, meine Liebe. Um beim Thema `bald sind wir eine Familie` zu bleiben.“

Heinrich lächelte geheimnisvoll und zog das seidene Tuch mit dem Familienwappen aus seinem Hemdärmel. Dann streckte er die Arme nach oben und ließ das Tuch in ganzer Größe zum Boden fallen. Gisela klatschte erstaunt in die Hände und beugte sich über das Wappen. „Rot und Blau, genau wie die Bänder an meinem Hochzeitskleid“, erkannte sie und fiel Heinrich dankbar um den Hals. Doch als sie Heinrichs warme Haut an ihrem Gesicht spürte, zuckte sie erschrocken von ihrem eigenen Übermut zurück und machte einen tiefen Knicks vor ihrem Verlobten.

„Verzeiht mein schlechtes Benehmen, Herzog“, flüsterte sie leise mit geröteten Wangen.

„Aber nicht doch, es freut mich, wenn das bayrische Wappen dir so gut gefällt“, tröstete Heinrich sie und strich ihr sanft über die Wange. „Du kannst es in deinem Zimmer aufhängen lassen, wenn du magst. Und nun will ich eure abendliche Ruhe auch nicht weiter stören, meine Damen. Eine gute Nacht!“ wünschte der Herzog in die Runde und ging zur Tür, neben der Bertha noch immer mit verschränkten Armen an der Wand lehnte.

„Habt vielen Dank für euren unangemeldeten Besuch in unserem Schlafzimmer“, lächelte sie und öffnete die Tür für Heinrich. „Ich bin gespannt, womit ihr uns morgen überrascht.“

Und bevor Heinrich noch etwas erwidern konnte, hatte Bertha die schwere Eichentür schon wieder geschlossen und schob von innen den Riegel davor.

In den folgenden Tagen trafen nach und nach die übrigen Hochzeitsgäste am Hof ein.

Bischof Abraham von Freising hatte noch viele weitere hochrangige Vertreter der Bistümer eingeladen und besprach sich mit ihnen über den Ablauf der Messe und die anschließende Hochzeitszeremonie. Heinrichs Mutter Judith war besonders erfreut über die Ankunft ihrer beiden Töchter Gerberga und Hadwig, die zusammen mit ihrem Mann Burchard III., dem Herzog von Schwaben, und Gerbergas sechs Kindern anreisten.

„Wie schön, endlich kann ich meine geliebten Töchter einmal wieder in meine Arme schließen!“ Judith strahlte über das ganze Gesicht und umarmte herzlich zuerst Gerberga und dann Hadwig. „Ihr seid doch sicherlich hungrig nach der langen Reise“, vermutete Judith und die beiden Frauen nickten erschöpft. „Kommt, wir werden den Mädchen auftragen, für euch und die Kinder etwas zu essen zu besorgen und dann ruht ihr euch erst einmal ein wenig aus.“ Judith schob die Anwesenden sanft in Richtung Tür und warf fragend einen Blick zurück über ihre Schulter. „Was ist mit euch beiden, Burchard, Heinrich? Habt ihr keinen Appetit?“

„Später Mutter, wir wollen uns zuerst einmal begrüßen und ein wenig besprechen. Schließlich haben auch wir uns lange nicht gesehen“, antworte Heinrich mit sanfter Stimme und schloss leise die Tür hinter seiner Mutter. So schnell sein Lächeln erschienen war, so schnell verschwand es in diesem Moment wieder.

„Ein Affront, ja wirklich, es ist eine Unverschämtheit!“ Heinrichs Schwager Burchard von Schwaben hatte regungslos am Fenster verharrt, bis die Frauen und Kinder den großen Raum, in dem Heinrich der Zänker seine Besprechungen abhielt und sich mit seinen Beratern abstimmte, verlassen hatten.

Mit den Händen auf dem Rücken verschränkt lief Burchard nun vor einer großen Wandkarte auf und ab und schnaubte dabei leise Verwünschungen und Flüche vor sich hin.

„Aus irgendwelchen fadenscheinigen Gründen einfach nicht zu deiner lang geplanten Hochzeit erscheinen. Das kommt einer öffentlichen Degradierung gleich!“

„Was hattest du erwartet, Burchard?“ Heinrich hatte sich auf einem der Holzstühle am runden Tisch in der Mitte des Raumes niedergelassen und trank langsam einen Schluck Wein aus einem silbernen Becher. „Von diesen ehrlosen Ottonen ist keine Unterstützung zu erwarten. Ich, ich, ich, das ist bei Onkel Otto so und das wird auch bei Cousin Otto nicht anders sein, wenn der Alte irgendwann einmal das Zeitliche segnet.“

„Wie kannst du nur so ruhig bleiben?“, wunderte sich Burchard und setzte sich neben Heinrich an den Tisch. Der Zänker nahm einen zweiten Silberbecher von einem Tablett und goss seinem Schwager galant etwas Wein aus einem großen Krug ein.

„Gott sieht all unsere Sünden, mein Lieber, auch die meiner verhassten Sippschaft. Sie werden ihre gerechte Strafe noch bekommen. Heute oder morgen oder irgendwann, aber ich bin mir sicher: Das Schicksal wird sich in seiner Gunst schon bald auf meine Seite schlagen.“ Heinrich hob seinen Becher zum Wohl und Burchard stürzte seinen Wein in einem Zug herunter. Er wirkte niedergeschlagen und wütend zugleich.

„Und dabei dachte ich fast mein ganzes Leben lang, dass Otto der Große mein Freund und ein rechtschaffender Mann sei“, klagte Burchard und hielt Heinrich seinen leeren Becher hin, damit er ihn noch einmal auffüllen sollte.

„30 Jahre lang habe ich als Herzog von Schwaben an seiner Seite gekämpft! Auf dem Lechfeld haben wir 955 die verhassten Ungarn endlich besiegen können und wie oft bin ich nicht in Italien für ihn in die Schlacht gezogen, um ihm zu helfen, seine Machtansprüche dort durchzusetzen. Und wie hat er mir meine jahrelange Treue und Freundschaft gedankt?“, schimpfte Burchard und trank auch den zweiten Becher in einem Zug leer.

„Lass mich raten, gar nicht“, erwiderte Heinrich kühl und blickte seinen Schwager ruhig an.

Burchard war wieder aufgesprungen und lief erneut vor der Wandkarte hin und her. „Ganz genau, gar nicht. Nichts habe ich für den Einsatz meines Lebens bekommen. Kein zusätzliches Land, kein Geld, rein gar nichts. Und jetzt sitzt der feine Herr in Rom und ist sich zu schade dafür, uns hier Auge in Auge zu begegnen.“

„Wie schon gesagt“, unterbrach ihn Heinrich beschwichtigend, „unsere Zeit wird kommen. Vertraue mir, Burchard.“ Heinrich stand auf und legte freundschaftlich den Arm um die Schultern seines Schwagers. „Und jetzt lass uns etwas essen gehen, bevor die Frauen uns suchen kommen.“

5

Regensburg, 5.August 972

Am Morgen der Hochzeit waren Bertha, Gerberga und Mathilde schon vor dem ersten Läuten aufgestanden und in den Schlossgarten gegangen. Der Himmel war wolkenverhangen und ein schneidender Wind riss an den Kleidern der Frauen und ließ ihre langen, noch offenen Haare um ihre Gesichter peitschen.

Bertha starrte verärgert in den grauen Himmel und versuchte dabei, mit der Hand ihre Locken zu bändigen.

„Mein Gott, wieso ist denn heute so schlechtes Wetter?“ Bertha fluchte und stampfte hinter ihren Schwestern her über die Wiese. „Gestern war es doch noch so schön!“ Mathilde warf ihr einen strafenden Blick zu. „Ich glaube nicht, dass du die Schuld für den Wetterumschwung auf unseren Heiland schieben solltest.“

Adelgundis war mit dem kleinen Rudolf an der Hand unter dem Vordach am seitlichen Wehrgang der Burg stehen geblieben und sah den Mädchen hinterher. Sie musste sich bemühen, dass sie sie gegen das Getöse des Windes an verstehen konnten und rief laut: „Ich gehe mit Rudolf wieder hinein, ich glaube, es wird gleich ein Gewitter geben. Beeilt euch!“

Gerberga drehte sich um, hob kurz als Zeichen der Zustimmung den Weidenkorb, den sie mit sich trug, und nickte Adelgundis zu, die Rudolf eilig hinter sich her in die Burg zog. „Kommt, wir beeilen uns lieber“, mahnte Gerberga ihre Schwestern, „Wir brauchen noch eine ganze Menge Blumen für die lange Tafel und die Kirche.“

Die drei hatten sich angeboten, die Festhalle und die Kirche für die Hochzeit zu schmücken, um Gisela und Heinrich damit ihre Unterstützung und ihre Zugewandtheit zu bekunden. Jetzt pflückten sie so schnell sie konnten die schönsten Blumen, die die Wiese hergab, und legten sie in Gerbergas Weidenkorb.

„Gestern Abend nach der Messe habe ich mich noch sehr angeregt mit Pater Thelghet unterhalten“, berichtete Mathilde, während sie eifrig pflückte, ohne dabei aufzusehen. „Den kenne ich nicht“, entgegnete Gerberga, „woher stammt er denn?“