Der Seele tiefer Grund - Beate Berghoff - E-Book

Der Seele tiefer Grund E-Book

Beate Berghoff

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Beschreibung

Deutschland, 1291: In einer Zeit, in der es keine Psychologen, keine Sozialpädagogen, keine Coaches und keine Traumatherapeuten gibt, machen sich mehrere Menschen auf den Weg zur Heilung ihrer Gewalterfahrungen. Täter und Opfer stellen sich den großen Fragen: wer ist Gott, wie kann man mit Gewalt und Missbrauch und deren Folgen weiterleben, wie den Schatten der Vergangenheit entrinnen; wie kann man lieben, vertrauen, die eigene Sexualität annehmen, und vor allem: wie kann man das Unverzeihliche vergeben. Dieses Buch ist ein durchaus kontroverser psychologischer, spiritueller und philosophischer Denkanstoß in Form eines historischen Romans. Diese Geschichte möchte berühren, Impulse geben und Mut machen.

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Seitenzahl: 926

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Beate Berghoff, Jahrgang 1975

Mutter, Lehrerin, Heilpraktikerin, Autorin

Seit vielen Jahren schon beschäftige ich mich beruflich und persönlich mit der Suche nach Heilung und Vergebung. Dieser Roman aus alter Zeit hat schon lange in mir darauf gewartet, erzählt zu werden.

www.der-seele-tiefer-grund.de

Deutschland, 1291:

In einer Zeit, in der es keine Psychologen, keine Sozialpädagogen, keine Coaches und keine Traumatherapeuten gibt, machen sich mehrere Menschen auf den Weg zur Heilung ihrer Gewalterfahrungen.

Täter und Opfer stellen sich den großen Fragen: wer ist Gott, wie kann man mit Gewalt und Missbrauch und deren Folgen weiterleben, wie den Schatten der Vergangenheit entrinnen; wie kann man lieben, vertrauen, die eigene Sexualität annehmen, und vor allem: wie kann man das Unverzeihliche vergeben.

Dieses Buch ist ein durchaus kontroverser psychologischer, spiritueller und philosophischer Denkanstoß in Form eines historischen Romans.

Diese Geschichte möchte berühren, Impulse geben und Mut machen.

Für J. B.354 -12

Beate Berghoff

Der Seele tiefer Grund

Ein Roman aus alter Zeit über den langen Weg der Heilung von Missbrauch und Gewalt

© 2020 Beate Berghoff

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44,22359 Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-347-09442-0

Hardcover:

978-3-347-09443-7

e-Book:

978-3-347-09444-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Kapitel 1: Der „Täter“ – Heinrich

Kapitel 2: Die Wahrheit

Kapitel 3: Alleine mit der Schuld

Kapitel 4: Das „Opfer“: Martin

Kapitel 5: Lebensträume

Kapitel 6: Der Mann Gottes: Bruder Alban

Kapitel 7: Nähe

Kapitel 8: der Freund aus Kindertagen

Kapitel 9: Große Pläne

Kapitel 10: Macht, Ohnmacht und der Schatten der Ahnen

Kapitel 11: Hoffnung auf ein besseres Leben

Kapitel 12: Schatten über Rabenegg – der Narzisst

Kapitel 13: Das gebrochene Herz

Kapitel 14: die Weise Frau – Barbara

Kapitel 15: Die lange, dunkle Nacht der Seele

Kapitel 16: Wie geht Vergebung?

Kapitel 17: Bewährungsprobe für die Freundschaft

Kapitel 18: Die Ausbildung des edlen Ritters Leonhard

Kapitel 19: Der neue Freund

Kapitel 20: Das missbrauchte Kind – Gregor

Kapitel 21: Der neue Pferdetrainer

Kapitel 22: der drückende Schmerz

Kapitel 23: Das große Fieber

Kapitel 24: Zuhause

Kapitel 25: Der Anschein von Freiheit

Kapitel 26: Elisabeth

Kapitel 27: Eva, die Schlange

Kapitel 28: Erinnerungen

Kapitel 29: Das innere Kind – Peter

Kapitel 30: die Kratzbürste

Kapitel 31: ein seltsamer Antrag

Kapitel 32: Die Schuld, eine kluge Frau zu sein

Kapitel 33: Wiedersehen mit dem ungeliebten Gast

Kapitel 33: Das Gottesurteil

Kapitel 35: Der Dämon in mir

Kapitel 36: das dunkle Geheimnis

Kapitel 37: Der große Streit

Kapitel 39: Der Abstieg in das finstere Tal

Kapitel 40: Vergebung

Kapitel 41: Der Abschied

Kapitel 1: Der „Täter“ – Heinrich

„Gewalt ist die letzte Zuflucht des Unfähigen“ – Peter Asimov

Der Ritter Heinrich von Rabenegg öffnete seine Augen. Es war bereits hell, und es blendete. Also schloss er die Augen wieder und fluchte. Sein Kopf schien zu platzen, und sein Mund war trocken. Am liebsten wäre er liegengeblieben, aber seine Blase drückte unangenehm. Also hievte er sich hoch. Sein Kopf wummerte, und Heinrich hatte äußerst schlechte Laune. Er sah sich um. Seine drei Zechgefährten lagen auch im kleinen Rittersaal herum, einer auf einer Bank und die anderen beiden am Boden. Vermutlich waren sie auf den Bänken eingeschlafen und dann heruntergefallen.

Heinrich schleppte sich aus dem Raum heraus und durch den Gang hinaus ins Freie. Die Wintersonne schien prächtig und Heinrich musste blinzeln, weil sie so blendete. Er sog die frische Luft ein und stellte erst jetzt fest, welch ekliger Mief im Rittersaal gewesen war. Eine Mischung aus Bier, Wein, Braten, Erbrochenem und ungelüftetem Raum, in dem vier Besoffene schnarchten. Heinrich pinkelte einfach vor die Tür. Erleichtert stand er da und hielt sein Gesicht noch ein bisschen in die Sonne. Es war Anfang Dezember, und die Sonne war seit den nebligen Herbsttagen rar gewesen. Nun schien sie in aller Pracht, und der Schnee vor ihm funkelte. Leider war etliches davon zertreten. Vermutlich war es bereits gegen Mittag, und die Leute auf seinem Gut waren schon seit Stunden mit der täglichen Arbeit beschäftigt und waren über den Schnee getrampelt.

Heinrich ging ein paar Schritte nach hinten, wo der Schnee noch unberührt lag. Er sah ihn an spürte ein Ziehen in seiner Brust. Früher, als Kind, hatte er den frischen, funkelnden Schnee sehr geliebt. Sobald es geschneit hatte, war er hinausgerannt und hatte darin herumgegraben und war mit einem kleinen Schlitten, den sein Vater für ihn hatte bauen lassen, den Hügel hinter den Ställen hinuntergefahren.

Heinrich sah den Schnee an und dachte an all diese alten, schönen Erinnerungen. Ganz früher waren auch seine Geschwister dabei gewesen, Karl und Cateline. Sein älterer Bruder Karl war bei einem Reitunfall gestorben, als Heinrich 9 Jahre alt gewesen war. Cateline war nach dem Tod ihrer Mutter in ein Kloster zur Erziehung gegeben worden und war mittlerweile mit einem Großcousin in Frankreich verheiratet. Heinrich hatte sie schon lange nicht mehr gesehen und beschloss, sie im Sommer zu besuchen. Er hatte ja sonst nichts zu tun. Heinrich war 26 Jahre alt und seit sechs Jahren ein Ritter. Er hatte an kleineren Kriegen und Nachbarschaftsfehden teilgenommen und sich in der Zeit dazwischen auf Turnieren bewiesen. Vor zwei Jahren war – leider – sein Vater gestorben und er hatte zurück nach Rabenegg kommen müssen, um dort den Gutsherrn zu spielen.

Heinrich dachte nach. Er war ein miserabler Gutsherr. Die Landwirtschaft interessierte ihn einfach nicht. Das Beste am Gut war, dass es ihm Geld für seinen Lebenswandel einbrachte. Er war viel unterwegs, irgendwo war immer eine Hochzeit, ein Pferdemarkt, eine Jagdgesellschaft. Er lud auch gerne Leute zu sich ein und veranstaltete Feste und Jagden, sehr zum Missfallen seines Verwalters.

Der Verwalter, Ulrich, war ein alter Geizkragen. Ständig rechnete er Heinrich vor, was das alles kostete und mahnte ihn zur Sparsamkeit. Heinrich hätte diese alte Spaßbremse gerne vor die Tür gesetzt, aber er hatte keine Ahnung, wie so ein Gut mit Landwirtschaft und all den abgabepflichtigen Dörfern und Weilern funktionierte, und ohne Ulrich wäre er verloren gewesen. Ulrich war ein alter Freund seines Vaters gewesen, sie hatten zusammen im Krieg gekämpft, und als Ulrich nach einem Kampf als Krüppel mit einem lahmen Bein und einer fehlenden linken Hand zurück blieb, war es für Heinrichs Vater selbstverständlich gewesen, Ulrich das Amt des Verwalters anzutragen. Er füllte dieses Amt gut aus, und so ertrug Heinrich den alten Mann und hoffte, dass er noch lange leben und ihm die ganze Verantwortung abnehmen würde.

Heinrich ging zurück in seinen kleinen Rittersaal. Er hatte auch noch eine große Halle, aber dort aßen die Dienstboten. Er war dort nur, wenn es unvermeidlich war, mit dem Gesinde zu essen, wie an hohen Feiertagen. Wenn Heinrich viele Gäste hatten, dann aß das Gesinde anderswo, Heinrich wusste auch nicht, wo genau. Wenn Heinrich viele Gäste hatte, dann bewirtete er sie in seiner großen Halle. Aber jetzt war Winter, und es waren nur seine drei besten Freunde da und der kleine, gemütliche Rittersaal reichte allemal. Er sah die schnarchenden Männer an. Sie hatten noch die Reste vom Festmahl gestern am Gewand und teilweise im Gesicht kleben, genauso wie die Reste vom Wein und vom Bier. Sie würden heute vermutlich ein heißes Bad in Heinrichs großem Badezuber nehmen, das hatten sie dringend nötig. Heinrich liebte heiße Bäder, sie erfrischten ungemein.

Die Männer schliefen tief, und es würde noch eine Weile dauern, bis sie endlich wach und einigermaßen ansprechbar sein würden.

Heinrich spürte eine tiefe Unruhe in sich. Die letzten Tage hatte er nur mit seinen Freunden gesoffen und viel zu viel gegessen. Sein Magen rumorte, sein Rücken tat weh, und sein Kopf drohte ihm abzufallen vor Schmerzen. Er musste an die frische Luft und sich bewegen. Heinrich beschloss, dass er ausreiten würde. Er wusch sich oberflächlich mit kaltem Wasser, was ungemein guttat. Dann ging er in die Küche und holte sich heiße Gemüsebrühe, die er durstig trank. So fühlte er sich schon besser. Richtig essen wollte und konnte er nicht, also nahm er sich einen Kanten trockenes Brot und begann, darauf herum zu kauen. Dann ging er wieder und bemerkte gar nicht, wie die Mägde erleichtert aufatmeten, als er verschwand.

Er ging in seine Kammer und zog sich für den Ausritt warm an, schließlich war es kalt draußen. Dann ging er in den Stall. Es waren nur wenige Leute da, drei Knechte dösten im Stroh. Wo waren die Leute alle? Ach ja, heute war ja Sonntag, und die Leute mussten außer der Stallarbeit nichts tun. Es war Sonntag, Heinrich und seine Freunde hatten also die Messe verpasst, aber der Pfaffe, Bruder Alban, hielt am Abend meistens nochmal eine Messe ab, weil sich Heinrich und seine Gäste selten pünktlich aus dem Bett quälen konnten. Als die Knechte ihn sahen, sprangen sie auf, rissen ihre Mützen herunter und verbeugten sich. Dann schauten sie stumm auf den Boden.

Heinrich gab den Befehl, sein Pferd zu satteln, und einer der Knechte tat es sofort. Er sattelte Juno. Heinrich hatte noch zwei Reitpferde, Alba und Diana, aber mit Juno ritt er am liebsten aus. Leider zu selten. Heinrich überlegte, wann er das letzte Mal reiten gewesen war. Ob wohl jemand seine Pferde bewegte, wenn er es nicht tat? Er stellte fest, dass er keine Ahnung hatte, was in seinem Gut eigentlich den ganzen Tag passierte. Aber es war ja auch egal, er hatte Leute dafür.

Der Knecht war fertig und verschränkte die Hände, damit Heinrich aufsteigen konnte, was er auch tat. Ausreiten war eine gute Idee, das würde seinen schmerzenden Kopf freiblasen. Er ritt hinaus in den Hof, wo Ulrich ihm über den Weg lief. Er zog die Augenbrauen hoch und fragte: „Wollt Ihr allein ausreiten? Es wird schneien, nehmt doch einen von Euren Freunden oder einen Reitknecht mit.“

Heinrich war genervt, wie immer, wenn der Verwalter ihn so schulmeisterlich behandelte. Von oben herunter meinte er: „Ich war schon mal ausreiten, Ulrich, ich weiß wie das geht. Aber trotzdem vielen Dank“.

Dann ritt er los, durchs Tor hinaus Richtung Wald.

Es war wunderschön. Eigentlich liebte Heinrich die Stille, aber in den letzten Tagen hatte er keine Minute Ruhe gehabt. Da er die meistes Zeit betrunken gewesen war, hatte er es gar nicht so bemerkt, aber jetzt, wo er in der Stille war, merkte er, wie sehr er sie vermisst hatte.

Heinrich fühlte, wie sein Herz aufging, als er durch den verschneiten Wald ritt, erst im Schritt und dann im Trab. Galoppieren traute er sich noch nicht, weil er unter dem Neuschnee eine Eisschicht vermutete und er nicht wollte, dass Juno ausrutschte. Er ritt in Stille, bis er merkte, wie er zur Ruhe kam. Das sollte er öfter tun, und Heinrich nahm sich vor, nicht mehr ganz so viel zu trinken und lieber jeden Tag auszureiten. Er musste zwar nicht mehr auf Turnieren kämpfen, aber er wollte nicht so fett und unbeweglich enden wie sein Vater. Außerdem waren seine Freunde Albrecht, Leonhard und Gottfried immer noch Turnierkämpfer, und denen würde es sicher guttun, wenn sie auch im Winter Bewegung bekamen.

Heinrich ritt einen großen Bogen. Er würde nicht im Wald zurückreiten, sondern am Bach entlang, der bis zu seinem Gut führte.

Heinrich hatte keine große Burg wie Grafen oder Herzöge. Eigentlich war es ursprünglich nur ein Wohnhaus auf einem Hügel mit Stallungen und einer Mauer drumherum gewesen. Das Wohnhaus war vergrößert worden, die Ställe auch, es waren noch zwei Türme zur Beobachtung des Umlandes und der Aufbewahrung des Getreides gebaut worden. Sein Vater hatte Pferde gezüchtet und beritten, also gab es neben den Ställen für Kühe, Schweine, Schafe, Hühner und Gänse auch zwei große Pferdeställe, von denen einer halbverfallen war, und Koppeln und Reitplätze. An Pferden gab es nur noch eine Handvoll Reitpferde und ein paar kräftige Arbeits- und Zugpferde.

Um das Gut herum prangte mittlerweile eine mächtige Mauer mit Türmchen und Schießscharten für Pfeile. Heinrichs Vater hatte sich in seinen letzten Lebensjahren in den Wahn hineingesteigert, dass ihn jemand angreifen wollte, und er hatte viel Geld in den Ausbau der Mauer und der Wehrtürme gelegt und dafür auch seine besten Zuchtpferde verkauft.

Schade drum, fand Heinrich. Pferde züchten und bereiten war das Einzige gewesen, was ihm Zuhause Freude gemacht hatte. Aber die Pferde waren fort, und Heinrich hatte noch nie ernsthaft drüber nachgedacht, neu mit dem Pferdebetrieb zu beginnen. Dafür liebte er sein faules und ungebundenes Leben viel zu sehr. Er bezeichnete also sein Zuhause als Rittergut, obwohl die überdimensionierte Mauer eher zu einer Burg gepasst hätte.

Heinrich kam zum Wäldchen mit den uralten Bäumen, aber dort kam er nicht durch. Vor ein paar Tagen hatte es einen Schneesturm gegeben, und es lagen Äste auf dem Weg. Einige der alten Bäume waren sogar umgefallen und machten ein Durchkommen unmöglich. Er ritt einen kleinen Umweg und kam direkt hinter dem Wäldchen zum Bachlauf. Es lag eine leichte Eisdecke darauf, die vermutlich noch nicht halten würde. Heinrich blieb am Bachufer stehen und staunte, wie wunderschön es hier war. Er musste einfach öfter herkommen.

Plötzlich schoss ein aufgescheuchter Hase über die Schneedecke und an ihnen vorbei. Juno, der darauf nicht vorbereitet gewesen war, erschrak und machte einen Satz zur Seite. Er rutschte aus, fiel hin und schlidderte zusammen mit Heinrich auf den Abhang und den Bach darunter zu. Bis Heinrich verstand, was gerade passierte, fühlte er entsetzliche Kälte um seinen Körper herum. Er war ins Eis eingebrochen.

Juno ruderte hektisch herum und versuchte, aus dem Wasser herauszukommen. Er wieherte panisch und sehr laut, immer wieder. Heinrichs Mut sank. So wie sich das anhörte, hatte Juno sich verletzt beim Sturz. Hoffentlich war sein Bein nicht gebrochen. Das Wasser war nicht tief, es ging Heinrich nur bis zum Bauch, aber es war eiskalt. Er versuchte, sein Pferd aus dem Wasser zu bekommen, aber es ging nicht. Heinrichs kalte Finger verloren gerade das Gefühl, er musste sich selbst retten.

Heinrich versuchte, die verschneite Böschung hochzuklettern, aber sein Bein tat übel weh und seine klammen Finger fanden keinen Halt, er rutschte immer wieder ins kalte Wasser zurück. Er bemerkte, wie Entsetzen und Angst an ihm hochzüngelten. Er musste unbedingt aus dem eisigen Wasser herauskommen! Und dann musste er heimreiten, so schnell es ging. Seine Angst stieg, als Heinrich klar wurde, dass er mit Juno nicht mehr würde reiten können. Sein Hengst trieb gerade hilflos den Bach hinunter, er würde sterben.

Er war verloren. Heinrich hatte in Kriegen gekämpft und dem Tod oft ins Angesicht geschaut, aber er hatte immer Glück gehabt. Die Situation jetzt war viel gefährlicher. Er war allein im Eiswasser, und sogar, wenn er es herausschaffen würde, dann standen die Chancen hoch, dass er erfroren war, bevor er nach Rabenegg zurückkam. Heinrich merkte, wie er panisch wurde, obwohl das in Krisensituationen das Dümmste war, was man tun konnte.

Er würde hier sterben, und Heinrich merkte, wie ihm die Tränen herunterliefen. Er war noch so jung, und hatte nicht wirklich etwas geleistet oder geschafft in diesem Leben. Heinrich kam zu dem Schluss, dass er sein Leben vergeudet hatte. Er wollte nicht sterben, nicht so, aber es sah nicht gut aus. Er dachte daran, wie er seinen Verwalter abgekanzelt hatte. Ulrich hatte Recht gehabt, es war nicht gut, alleine in den Winterwald zu reiten. Heinrich wünschte sich sehr, es zurück zu schaffen und Ulrich nochmal zu sehen. Er würde Abbitte leisten, wenn der Himmel ihn nur ließ.

Der Himmel.

Heinrich schauderte. Er hatte im Krieg und auch Zuhause viele grausame Dinge getan. Heinrich war ein strenger Herr, und sein Gesinde hatte nichts zu lachen unter ihm. Er hatte viele von ihnen schikaniert, mit der Peitsche geschlagen, sie geohrfeigt, und manch einen sogar aufhängen lassen. Heinrich musste sich eingestehen, dass es meistens unnötig gewesen war. Seine leibeigenen Bauern in den Dörfern waren nicht besser dran. Heinrich führte ein ausschweifendes Leben, und die Bauern gaben ihm - unfreiwillig – die Mittel dazu. Freundlichkeit oder Barmherzigkeit den Bauern gegenüber hatte Heinrich nicht gekannt. Wozu auch?

Heinrich zitterte so sehr vor Kälte, dass es ihn regelrecht schüttelte. Nicht mehr lange, und er würde vor der Himmelstür stehen. Ob sie ihn dort wohl hineinließen? Heinrich überprüfte sein Gewissen, und immer mehr Tränen strömten über seine Wangen. Er würde sterben, und nur deswegen schaffte es Heinrich, ehrlich zu sich selbst zu sein: Er war ein fauler und grausamer Mensch, der nicht viel Gutes getan hatte. Vermutlich würde er in die Hölle kommen und konnte es jetzt nicht mehr ändern. Heinrich weinte noch mehr. Er begann zu beten, er bettelte Gott regelrecht an um eine zweite Chance. Er wollte nicht sterben, und er wollte nicht in die Hölle. In tiefer Verzweiflung betete Heinrich zu Gott, zu Jesus, zur Mutter Maria und zum Schluss bat er noch seine eigene Mutter um Fürsprache. Sie war so ein wunderbarer und guter Mensch gewesen, sicher war sie im Himmel bei Gott und konnte ihm helfen.

Heinrich fror ganz entsetzlich und klapperte mit den Zähnen. Seine Arme und Beine wurden taub, und er musste sich an den Rand der Böschung setzen. Er konnte nicht mehr, Heinrich gab auf. Er würde sterbe und konnte nichts dagegen tun.

Plötzlich hörte er ein Geräusch und drehte den Kopf. Am Ufer stand Martin. Ausgerechnet der! Martin hatte keinen Grund, ihn zu lieben, und Heinrich wusste das. Trotzdem flüsterte er: „Hilf mir!“ Martin nickte nur. Er nahm einen stabilen Stock und reichte ihn Heinrich, doch der konnte sich nicht festhalten, er spürte seine Arme nicht mehr. Vorsichtig kletterte Martin ein Stück die Böschung hinunter und hielt sich mit einer Hand an einem Ast fest. Den anderen Arm schob er unter Heinrichs Schulter und zog ihn mit einer Kraft nach oben, die Heinrich dem mageren jungen Mann gar nicht zugetraut hätte. Martin zog ihn also aus dem Wasser heraus, die Böschung hoch und fiel dann erst einmal keuchend in den Schnee. Auch Heinrich lag im Schnee und kämpfte gegen die Verzweiflung. Er spürte, wie seine nasse Kleidung langsam an ihm gefror, er war noch lange nicht gerettet.

Martin kam wieder hoch und räumte schnell etwas Holz, das er aus dem Wäldchen mit den umgestürzten Bäumen gesammelt hatte, von seinem grob gezimmerten Schlitten herunter. Der Verwalter hatte ihn in den Wald geschickt, um die Wege freizumachen. Es war eine Heidenarbeit, und er brachte Fuhre um Fuhre Holz ins Gut zurück. Er war bereits zwei Tage an dieser Arbeit und würde noch mindestens 10 weitere Tage brauchen. Kurzentschlossen zog er Heinrich auf die restliche Lage Holz, die noch auf dem Schlitten war, nahm, das Halfter des Zugpferdes und lief los. Heinrich hatte keine Hoffnung mehr, bis Rabenegg war es in diesem Tempo mindestens eine Stunde Marsch, er würde erfroren sein, bevor sie dort ankamen.

Aber Martin lief nicht nach Rabenegg. Nach ein paar Minuten hielt er an einer Höhle an, die er einmal entdeckt hatte. Eigentlich war es mehr ein Felsvorsprung, der von drei Seiten geschützt war. Martin arbeitete öfter im Wald, und im Winter machte er sich hier gerne ein Feuer und wärmte sich, während er sein Mittagsbrot aß. Er hatte immer kleine Zweige und Reißig dort deponiert, damit er trockenes Holz hatte. Er fror oft genug und vermied es, wo er nur konnte. Routiniert entzündete Martin ein Feuer und schlichtete Holz aus dem Schlitten davor. Er legte Heinrich den Arm um, schleppte ihn zum Feuer und setzte ihn davor auf die Lage Holz. Dann zog er Heinrich die nasse Kleidung aus und legte ihm seinen eigenen Mantel und noch eine Pferdecke um.

Martins Mantel war zerschlissen und dreckig, aber das war Heinrich im Moment egal. Es war immer noch furchtbar kalt, aber es war eine große Wohltat, die nassen Kleidungsstücke nicht mehr am Leib zu haben. Langsam gab das Feuer Wärme, und Heinrich hielt Hände und Füße daran. Seine Gliedmaßen tauten wieder auf, was furchtbar weh tat. Heinrich kannte das aus Kriegen im Winter und hielt es einfach klaglos aus. Zum ersten Mal seit dem Sturz ins Wasser schöpfte er wieder Hoffnung. Vielleicht konnte er das Ganze doch überleben, vielleicht bekam er tatsächlich eine zweite Chance.

Martin baute sprichwörtlich aus Nichts ein Gestell aus Ästen, stellte es ans Feuer und hängte Heinrichs Kleidung dran auf. Heinrich bemerkte, dass er bis jetzt noch kein Wort gesprochen hatte.

Sein linkes Bein wurde seltsam warm. Heinrich sah es an und erschrak: Blut lief aus einer großen Fleischwunde. Martin sah es auch. Die Kälte hatte die Wunde bis jetzt zusammengezogen, und mit der Wärme kam die Zirkulation zurück und damit auch die Blutung. Das Bein tat verdammt weh und die Hoffnung, die Heinrich gerade noch gespürt hatte, bekam einen merklichen Dämpfer. Heinrich fror, er war verletzt und weit weg von Zuhause, allein mit einem Mann, der für ihn nichts als Hass übrighaben konnte.

Heinrich erinnerte sich. Seine Mutter war aus Frankreich gewesen, sein Vater hatte sie aus Liebe geheiratet, was sehr selten war. Sein Vater, Karl, hatte sie verehrt und auf Händen getragen. Sie mussten wohl sehr glücklich gewesen sein. Jeden zweiten Sommer reisten sie für ein paar Wochen nach Frankreich, um ihre Familie zu besuchen. Heinrich konnte sich nur sehr dunkel daran erinnern, er war noch klein gewesen. Eines Tages, Heinrich war 5 Jahre alt, waren sie wieder unterwegs von Frankreich nach Hause gewesen. Der Vater war schon vorgeritten, um nach dem Rechten zu sehen und alles für ihre Ankunft vorzubereiten. Die Zeit in Frankreich war wunderschön gewesen, am meisten hatte Heinrich das Meer geliebt, er liebte es noch heute. Er war ab und zu in Frankreich gewesen seither, und sein Hauptziel war immer das Meer. Er konnte dort stundenlang sitzen und den Wellen zusehen und zuhören. Das Meer war beruhigend und verbunden mit wunderbaren Erinnerungen an seine Mutter.

Doch damals, auf dem Heimweg als er fünf Jahre alt war, wurde die Reisegruppe von Wegelagerern überfallen und verschleppt. Sie waren wohl Bauern, die durch einen Brand ihr Dorf und all ihr Hab und Gut verloren hatten, so war es Heinrich erzählt worden. Er und seine Familie hatten ein paar Wochen als Gefangene in irgendwelchen Hütten im Wald gehaust, die Räuber hatten von dem erbeuteten Geld und Schmuck gut gegessen und sich gekleidet. Es wäre nichts weiter passiert, wenn sie die Gefangenen einfach hätten gehen lassen, aber das taten sie nicht. Sie töteten die Begleitsoldaten und vergingen sich an den Frauen, auch an Heinrichs Mutter Melisende und ihrer Schwester Marie. Karl begab sich rasend vor Wut auf die Suche und stöberte die Leute auf. Es musste ein ziemliches Gemetzel gewesen sein, denn es blieb niemand übrig, den Karl der Gerichtsbarkeit hätte übergeben können.

Heinrich und seine Familie kamen wieder Zuhause an, aber dort ging das Leid erst richtig weiter, denn seine Mutter war von den Vergewaltigungen schwanger geworden. Sein Vater hatte Heinrich erzählt, dass sie durch die Schande schwermütig geworden war und sich hochschwanger aus einem der Wachtürme gestürzt hatte. Heinrich war sechs Jahre alt gewesen, als seine Mutter starb, und die Veränderungen, die folgten, waren gravierend gewesen. Seine ältere Schwester kam in ein Kloster zur Erziehung. Sein Bruder Karl war gar nicht da, der war bereits Page und wurde in einer anderen Burg zum Ritter ausgebildet. Plötzlich war Heinrich alleine gewesen, ohne Mutter und Schwester. An viel konnte er sich nicht mehr erinnern, nur dass es eine einsame und traurige Zeit gewesen war. Sein Vater war schier wahnsinnig vor Kummer geworden und hatte sich in die Arbeit mit den Pferden geflüchtet.

Heinrich hatte sich damals an Veit, den Sohn des Stallmeisters gehängt. Er war zwei Jahre älter und konnte unglaublich gut reiten. Damals scherzten die Leute, dass er reiten konnte, bevor er mit dem Laufen anfing. Veit hatte ihn damals aus der Einsamkeit gerettet und ihm das Reiten beigebracht.

Heinrich hing seinen Gedanken nach und überlegte, was wohl mit Veit passiert war? Er hatte ihn schon lange nicht mehr gesehen. Vielleicht hatte er sich freigekauft und war weggegangen, oder er war tot. Viele Leute starben jung, es wäre nichts Ungewöhnliches gewesen.

Heinrich war recht lange Zuhause geblieben, eigentlich hätte er gar nicht weggehen sollen. Er war geplant, dass er Zuhause blieb, dort lernte und später die Pferdezucht übernehmen würde. Doch sein Bruder starb, als Heinrich neun Jahre alt war, und er musste doch noch an einen anderen Hof gehen, um als Ritter ausgebildet zu werden. Sein Vater hatte sich in den Kopf gesetzt, dass einer seiner Söhne Ritter sein musste, und so geschah es auch. Heinrich war also deutlich länger Zuhause geblieben als die anderen Pagen, und Veit hatte die ganze Zeit mit ihm das Reiten und das Anreiten geübt. Heinrich hatte damals sogar ein Pony bekommen, das er selbst zureiten und trainieren durfte, was ihm mit Veits Hilfe auch gelungen war.

Dann war der Ernst des Lebens losgegangen, und Heinrich hatte, wie so viele andere Jungs auch, die Ausbildung zum Ritter durchlaufen; erst als Page und dann als Knappe. Normalerweise wurde man mit 21 zum Ritter geschlagen, aber Heinrich hatte den Ritterschlag schon mit 20 empfangen, weil mal wieder Krieg war und der Herzog Leute zum Kämpfen gebraucht hatte. Albrecht, Leonhard und Gottfried waren mit ihm zusammen Ritter geworden, sie hatten zusammen gekämpft und waren beste Freunde seitdem. Es waren noch zwei Freund mehr gewesen, doch die waren im Krieg geblieben. Während der Ausbildung war Heinrich nur immer mal wieder ein paar Wochen im Sommer und zu Weihnachten heimgekommen.

Eines Tages, Heinrich war 16 und über den Sommer ein paar Wochen Zuhause, hatte sein Vater ihm stolz einen verschüchterten, mageren Jungen von ungefähr 10 Jahren vor die Füße geworfen. Es war der Sohn des Mannes, der seine Mutter vergewaltigt hatte, so wurde ihm gesagt. Heinrich hatte zwar nicht ganz verstanden, wie sein Vater an dieses Kind gekommen war, aber letztendlich war es ihm auch egal gewesen. Sein Vater hatte endlich jemanden gefunden, an dem er sich für den Verlust seiner Ehefrau und seines Glücks rächen konnte, und das tat er auch ausgiebig.

Der Junge, Martin, musste als Stallknecht am Gut arbeiten und hatte nichts zu lachen. Heinrich, der seine Mutter immer tief vermisst und betrauert hatte, war auch froh gewesen, endlich ein Ventil für seine Wut und Trauer gefunden zu haben, und auch er hatte dem Jungen das Leben zur Hölle gemacht.

Seit zwei Jahren war er nun der Herr auf diesem Gut, und Martins Leben war anders geworden, aber nicht unbedingt besser. Meistens ließ Heinrich Martin in Ruhe, nur zweimal im Jahr, zum Geburtstag und Todestag seiner Mutter, gönnte er sich seine Rache und peitschte Martin vor allen Leuten des Gutes ausgiebig aus. Eigentlich war es ein Wunder, dass er noch lebte, denn Heinrich hatte sich noch eine andere, eine subtilere Rache überlegt: Martin bekam keine Erholung. Am Sonntag, wenn das andere Gesinde nur die notwendige Stallarbeit zu tun und dann frei hatte, musste Martin arbeiten. Weiterhin bekam er den ganzen Sonntag über nichts zu essen, er musste fasten als Buße. So sorgte Heinrich dafür, dass der Sohn des Dreckskerls, der seine Mutter vergewaltigt hatte, ganz langsam und elend zugrunde ging. Es war seine Rache, und er hatte sie nie in Frage gestellt, schließlich stand es ihm zu, sich für den Tod seiner Mutter zu rächen.

Aber genau dieser Martin hatte ihn jetzt aus dem Bach gezogen und ihn versorgt. Heinrich verstand nicht, warum er das getan hatte. An seiner Stelle hätte er wahrscheinlich den Herrn erfrieren lassen und wäre gerannt, so schnell ihn seine Beine trugen. Martin hatte seit Jahren einen dicken Ring aus Eisen um den Hals, überall hätte man gesehen, dass er weggelaufen war. Er wäre vermutlich nicht weit gekommen, wahrscheinlich was das der Grund für sein ungewöhnliches Verhalten.

Martin untersuchte gerade mit sorgenvollem Gesicht die Beinwunde. Dann sah er Heinrich ins Gesicht, zum allerersten Mal überhaupt. Heinrich sah, dass er blaue Augen hatte, die Augen faszinierten ihn, irgendwo hatte er diese Augen schon mal gesehen, aber er kam nicht drauf. Vermutlich erinnerte er sich an die Augen des Mannes, Martins Vater, der seine Mutter vergewaltigt hatte. Martin begann zu sprechen, auch das erste Mal heute und vielleicht überhaupt.

Er meinte: „Das Bein ist gebrochen, Herr, und die Knochen sind verschoben. Ich werde sie wieder einrenken. Wenn es später getan wird, ist alles angeschwollen und es tut doppelt so weh.“ Heinrichs Herz schlug schneller. Als Kind hatte er sich mal einen Arm gebrochen, und das Einrenken der Knochen war furchtbar schmerzhaft gewesen. Aber er nickte nur. Was nutzte ihm ein schiefes Bein?

Martin nahm Heinrichs langen Schal vom Gestell am Feuer und kniete sich neben das verletzte Bein. Wortlos schob er Heinrich ein Stück Holz in den Mund zum Draufbeißen und legte vorsichtig seine Hände auf das Bein. Er tastete herum und erfühlte mit den Händen die Bruchstellen. Es tat bereits jetzt schon so weh, dass Heinrich verzweifelt auf dem Holzstück herumbiss und keuchend atmete. Martin packte fester zu und tat einen Ruck.

Heinrich schrie und wartete auf die gnädige Ohnmacht, doch die kam nicht. Sein Schreien ging in ein resigniertes Stöhnen über, dann biss er wieder auf das Holz, denn die Qual ging weiter. Martin wickelte den wollenen Schal sehr fest um Heinrichs Bein. Die Schmerzen schienen unerträglich zu werden, aber, so fand Heinrich, es war schon erstaunlich, was Menschen alles aushalten konnten. Wenigstens hörte die Blutung auf.

Heinrich legte sich seitlich auf die Unterlage aus Holzstücken, er war erschöpft von den Schmerzen und der Kälte. Er rutschte so nah wie möglich mit seiner Vorderseite ans Feuer. Plötzlich spürte er, wie es hinter ihm auch warm wurde. Martin hatte sich hinter ihn gelegt und presste sich ganz eng an seinen Rücken. Was tat er da? Warum tat er das? Plötzlich wurde Heinrich klar: Martin wärmte ihn mit seinem Körper. Er verstand diesen Mann immer weniger.

Dann wurde er ruhiger, er spürte die Wärme, und der Schmerz ließ langsam nach, wenn er sich nicht bewegte. Es pochte stark im Bein, aber die grauenhaften Schmerzen von vorhin verschwanden. Die Erschöpfung forderte ihren Tribut, und Heinrich nickte langsam ein.

Als er wieder aufwachte, lag Martin immer noch hinter ihm und vor ihm brannte das Feuer. Heinrich konnte nicht behaupten, dass ihm wirklich warm war, aber kalt war es auch nicht mehr. Er setzte sich auf, und falls Martin auch geschlafen haben sollte, bemerkte Heinrich es nicht, denn er richtete sich auch sofort auf.

Heinrich spürte seinen Hunger. Er hatte ja nicht gefrühstückt, nur ein paar Bissen Brot hinuntergewürgt. Martin war aufgestanden und legte neues Holz ins Feuer. Heinrich war zu hungrig, um stolz zu sein, und so fragte er: „Hast Du was zu essen?“ Martin sah ihn nicht an, als er den Kopf schüttelte und meinte: „Nein. Es ist Sonntag. Am Sonntag habe ich nie was zu essen.“ Heinrich schluckte schwer. Seine eigene Rache wurde ihm jetzt zum Verhängnis. Und er hatte ein ungutes Gefühl. Hunger fühlte sich übel an, und Martin hatte das jede Woche. Falls er hier lebend rauskam, würde er Martin das Hungern erlassen, das schwor er sich.

Martin setzte sich und schaute ins Feuer. Dann meinte er: „Wir müssen von hier verschwinden, ein Schneesturm zieht auf.“ Heinrich blickte nach draußen. Er wusste nicht, woran Martin den drohenden Schneesturm erkennen konnte, aber er musste es wohl so hinnehmen. Martin fuhr fort. „Eure Kleidung ist noch nicht trocken, die könnt Ihr nicht anziehen. Ihr könnt meinen Mantel anlassen, und die Pferdedecke haben wir ja auch noch. Das muss reichen bis Rabenegg. Wir beeilen uns.“

Er stand auf, löschte das Feuer mit Schnee und hievte Heinrich auf den Schlitten. Schnell breitete er die kratzige Pferdedecke über ihn und nahm das Halfter des Pferdes, das brav loslief. Martin hatte nur seine Hose und sein Hemd an und Heinrich sah, wie er vor Kälte zitterte und seine Finger langsam blau wurden, aber er lief stoisch weiter. Es dauerte nicht lange, und ein sehr unangenehmer Wind kam auf. Heinrich zog sich die Decke zitternd über den Kopf. Hoffentlich, hoffentlich ging alles gut. 20 Gehminuten vor Rabenegg kam dann der Schneesturm. Martin und das Pferd kämpften sich vorwärts, während der Wind ihnen um die Ohren pfiff und der Schnee vor ihren Beinen immer höher wurde. Heinrich hätte den Weg nicht mehr gewusst, aber Martin und das Pferd waren ihn so oft gegangen, dass sie ihn blind gefunden hätten. Heinrich verkroch sich noch mehr unter der Decke, er war froh, dass er da nicht im bloßen Hemd durch den Schnee stapfen musste, und das alles noch mit leerem Magen.

Schließlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, kamen sie an. Die Wachen hatten die beiden schon von weiten gesehen, und Ulrich und noch ein paar Männer liefen ihnen entgegen. Einer der Leute nahm Martin das Pferd mit dem Schlitten ab, und Ulrich legte ihm seinen eigenen Mantel um und hakte ihn unter, anscheinend gaben Martins Beine nach.

Heinrich hatte noch nie in seinem Leben solch tiefe Dankbarkeit empfunden als in dem Moment, als der Schlitten durch das Tor fuhr. Er war gerettet. Vermutlich würde er eine Erkältung bekommen und das Bein musste heilen, aber er würde nicht alleine in der Wildnis erfrieren.

Ulrich erzählte ihm unterwegs, dass er einen Suchtrupp zusammengestellt hatte, als der Schneesturm aufgezogen war, deswegen waren die Männer gleich zur Hand gewesen. Zuhause trugen sie ihn gleich in seine warme Kammer ins Bett. Erschöpft sank er in seine Kissen. Er klopfte, und eine Magd brachte ihm warme Suppe, gute Würste und Brot. Dazu gab es keinen Wein, sondern warme Milch. Das war Heinrich nur recht, er war so durchgefroren.

Er machte sich über sein Essen her, als es wieder klopfte und der Verwalter hereinkam. Heinrich wappnete sich. Vermutlich würde er jetzt zu hören bekommen, dass Ulrich es ihm schließlich gleich gesagt hatte und noch irgendwelche anderen Vorwürfe.

Doch Ulrich sagte etwas ganz anderes: „Heute ist Sonntag. Gestattet Ihr, dass ich Martin trotzdem etwas zu Essen gebe? Er ist sehr erschöpft. Und vielleicht könntet Ihr euch sogar dazu durchringen, ihm die Arbeit heute zu erlassen? Dann kann er sich auch irgendwo hinlegen und sich wärmen.“

Heinrich starrte ihn verlegen an. Vor ein paar Stunden erst hatte er um eine zweite Chance gebettelt und sich vorgenommen, ein besserer Mensch zu werden, und schon jetzt hatte er seinen Retter wieder vergessen. Er nickte: „Ja. Ja, natürlich, gebt ihm was Gutes zu Essen. Und natürlich kann er sich hinlegen, heute, morgen, die ganze Woche, wie Ihr es für nötig haltet.“

Ulrich nickte nur und ging wieder. Heinrich war zu erschöpft zum Denken. Er aß fertig und überließ sich dann dem Schlaf in seiner warmen Kammer.

Als er am anderen Morgen wieder aufwachte, hatte Heinrich üble Kopfschmerzen, seine Nase lief und sein Hals kratzte unangenehm. Außerdem drückte seine Blase. Heinrich wollte aufstehen, um sich zu erleichtern, also schlug er die Decke zurück und wollte die Beine aus dem Bett heben. Ein furchtbarer Schmerz durchfuhr ihn. Der Schmerz war so schlimm, dass er aufschrie und keuchend ins Bett zurücksank. Langsam kam es Heinrich zurück ins Bewusstsein, dass er sich das Bein gebrochen und aufgeschnitten hatte. Ernüchterung machte sich breit, was sollte er nun tun? Er konnte nicht aufstehen und musste doch dringend pinkeln.

Wenigstens darüber musste er sich keine Gedanken machen, denn die Tür ging auf und eine Magd kam herein. Sie sah ihn kurz unsicher an, anscheinend wusste sie nicht, wie sie sich verhalten sollte. „Ihr habt gerufen, Herr?“ Heinrich war überrascht. Er hatte gerufen? Sie musste wohl seinen Schmerzensschrei gehört haben.

Kurzangebunden sagte er: „Ich muss pinkeln. Außerdem soll der Verwalter kommen.“

Sie nickte, brachte ihm einen Topf ans Bett und blieb stehen. Heinrich wartete, dass sie ging, aber das tat sie nicht. Anscheinend wollte sie hierbleiben und ihm helfen. Das kam gar nicht in Frage. Ziemlich unwirsch nahm er ihr den Topf aus der Hand und befahl: „Geh und bring mir den Verwalter. Und was zu Essen.“ Sie meinte nur leise: „Ja, Herr“ und ging.

Unter großen Schmerzen zog Heinrich sich hoch und setzte sich auf. Er versuchte, sich den Topf zwischen die Beine zu schieben, was eine mühsame Plackerei war. Er fluchte und erleichterte sich, die Hälfte ging daneben und landete im Bett. Heinrich war so frustriert, dass er den Topf zornig an die Wand warf.

Als sein Verwalter eintrat, sah er sich erst einmal stumm die ganze Bescherung an: Heinrich fluchend im nassen Bett, ein zerschlagener Topf an der Wand mit einer stinkenden Lache auf dem Boden.

Es dauerte eine ganze Weile, bis die Sauerei beseitigt war. Die Scherben wegräumen und die Lache aufwischen, das ging recht schnell, aber ein Bettlaken zu wechseln, auf dem jemand mit einem gebrochenen Bein lag, das war schon schwerer. Aber sie schafften es und Heinrich war am Ende. Die Schmerzen zermürbten ihn, sein Kopf tat weh, genauso wie seine Glieder. Vermutlich würde er krank werden.

Und so kam es auch. Im Laufe des Tages zog seine Nase immer mehr zu, er begann zu husten. Hinter seinen Augenbrauen begann es furchtbar zu stechen, v.a. bei jeder Bewegung des Kopfes. Heinrich lag einfach nur noch da und versuchte, den Tag zu überstehen. Gegen Mittag kamen seine Freunde, um ihm Gesellschaft zu leisten, aber Heinrich war nicht sehr gesprächig. Irgendwann zogen sie wieder ab, vermutlich machten sie mit den Saufgelagen weiter.

In den nächsten Tagen bekam Heinrich nur seinen Verwalter Ulrich zu sehen und die Magd, die ihn versorgte. Mittlerweile ließ er sich mit dem Topf helfen, was weder für ihn noch für seine Pflegerin ein Vergnügen war. Er konnte nur noch selbst essen und sich selbst in einer Schüssel die Hände waschen, für alles andere brauchte er Hilfe. Für Heinrich war das sehr demütigend. Er wurde immer kränker. Die Schmerzen hinter seinen Augenbrauen wurden schlimmer, und unter seinem Brustbein tat es auch furchtbar weh. Erst nur beim Husten, dann auch beim Atmen. Seine Nase war zu, er musste durch den Mund atmen, was ihn wiederum zum Husten brachte. Es war ein Elend.

Der Arzt aus dem Kloster kam und verabreichte Heinrich viele Tränke, von denen er nicht genau wusste, was drin war. Anscheinend jedoch enthielten sie viel Alkohol und vielleicht noch irgendwelche Kräuter, die müde machten. Auf jeden Fall sorgten die Tränke dafür, dass Heinrich viel schlief, trotz der verstopften Nase und der Schmerzen.

Seine Freunde kamen jeden Tag an sein Bett, gingen aber immer recht schnell wieder. Mit Heinrich war gerade nichts anzufangen. Entweder schlief er, oder er schlief eben nicht und hatte dann furchtbare Laune. Heinrich fühlte sich wie ein Rennpferd, dass eingesperrt war, und er fuhr aggressiv jeden an, der ihm in irgendeiner Form auf die Nerven ging, auch den Arzt, Bruder Humbert. Seine Freunde machten das eine Zeitlang mit, aber irgendwann reichte es ihnen auch. Nur gut, dass das Weihnachtsfest kam und sie einen guten Grund hatten, um Rabenegg zu verlassen. Nach und nach kamen sie, um sich zu verabschieden. Sie würden zum Weihnachtsfest zu ihren Familien nach Hause reisen und dann wiederkommen, so versprachen sie es zu mindestens.

Heinrich verbrachte die Feiertage im Bett. Wo hätte er auch sonst hingehen können? Normalerweise verteilte er zu Weihnachten kleine Geldgeschenke, Lebkuchen und wollene Socken an seine Dienstboten und hielt ein Festmahl mit ihnen, aber das übernahm dieses Jahr der Verwalter. Danach kam er und aß mit Heinrich, trotzdem war es unsäglich langweilig.

Heinrich hatte die Erkältung überstanden und war wieder gesund, aber das Bein würde noch länger brauchen. Die Fleischwunde war gerade dabei, zu verheilen. Nachdem es ein großer Riss gewesen war, würde es wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen, aber die Wunde heilte ohne große Schwierigkeiten.

Kapitel 2: Die Wahrheit

Der Arzt war während der Erkältung 10 Tage dageblieben, jetzt kam er nur noch alle paar Tage, um nach seinem Patienten zu sehen. Heinrich war nun viel alleine und hatte Zeit, nachzudenken. Am Anfang hatte sein Zorn über seine momentanen Einschränkungen und über die Langeweile überwogen und er hatte diesen Zorn an allen ausgelassen, die in seine Kammer gekommen waren.

Er hatte nun sehr viel Zeit, um über sich und sein Leben nachzudenken. Zuviel Zeit. Es war keine gute Bilanz, die Heinrich ziehen konnte. Immer wieder musste er an den Moment im eiskalten Bach denken, in dem er erkannt hatte, dass er sterben würde. Er war sich plötzlich so sicher gewesen, dass er in die Hölle kommen würde. Heinrich wollte nicht in die Hölle, aber das bedeutet, dass er Dinge anders tun musste.

Das war das Schwierigste an der ganzen Sache. Natürlich konnte er beichten, beten und sich vornehmen, ein besserer Mensch zu sein. Doch es dämmerte ihm langsam, dass es damit nicht genug sein würde. Er musste Dinge auch anders tun. Aber wie?

Heinrich wusste, dass er nicht viel Geduld hatte, und er verstand auch nichts vom Gutsbetrieb. Sollte er sich wirklich damit beschäftigen? Sollte er freundlicher zu seinen Untergebenen sein? Aber dann würden sie ihm auf der Nase rumtanzen. Sein Vater, der lange sein großes Vorbild gewesen war, hatte ihn immer davor gewarnt. Jeder wusste, dass es nicht gut war, zu freundlich zum Gesinde und den leibeigenen Bauern zu sein, denn die würden das sofort ausnutzen. Heinrichs Gedanken drehten sich im Kreis. Er wollte Dinge besser machen, wusste aber nicht, wie er das anstellen sollte.

Was sein Vater wohl getan hätte? Er wusste es nicht.

Vielleicht konnte er einfach ein klein wenig freundlicher sein, ein klein wenig gnädiger?

Eines Tages hatte Heinrich eine großartige Idee und wunderte sich, dass er nicht früher draufgekommen war. Er würde Geld und Wachs für Kerzen an die Kirche stiften. Es gab ja ein Kloster nicht weit weg, es war vor vielen Jahren von einem von Heinrichs Vorfahren gegründet worden. Er würde also diesem Kloster Wachs und Geld stiften und vielleicht noch Grundstücke. Dafür würden die Mönche für ihn beten und er wäre fein raus. Heinrichs Herz wurde etwas leichter. Das war doch schon mal ein Anfang. Der heilkundige Mönch kam ja nach wie vor regelmäßig, da konnte er ihm das gleich sagen, damit die Mönche umgehend mit den Gebeten anfangen konnten.

Als Bruder Humbert das nächste Mal kam, erzählte Heinrich ihm von den zu erwartenden Spenden. Humbert nahm die gute Nachricht wohlwollend zur Kenntnis und versprach, mit den Brüdern für ihn und sein Seelenheil zu beten. Dann untersuchte er Heinrichs Bein.

Zum ersten Mal seit Heinrichs Bettlägerigkeit schien der einigermaßen gut gelaunt und gesprächsbereit zu sein, also nutzte Humbert die Gunst der Stunde und unterhielt sich mit seinem Patienten über die Verletzung. Er wusste zwar in groben Zügen, was passiert war, aber er ließ es sich von Heinrich noch einmal erzählen. Heinrich war froh, dass er etwas Abwechslung hatte und berichtete so gut es ging. Humbert war erstaunt: „Der Knecht hat Euere Knochen wieder eingerenkt?“

„Ja. Er hat gesagt, es würde später noch schmerzhafter werden, wenn alles geschwollen ist.“

„Da hat er Recht, aber woher kann er das? Ist er ein Bader?“

Heinrich hatte keine Ahnung, ob Martin ein Bader war. Aber wohl eher nicht, er war ja schon als Kind nach Rabenegg gekommen. Also schüttelte er den Kopf. Humbert fuhr fort. „Er hat seine Sache gut gemacht. Wenn Knochen verschoben sind, dann wachsen sie oft schief wieder zusammen. Ihr habt viel Glück gehabt, dass er dagewesen ist. Er hat Euch aus dem Wasser gezogen, Euch vor dem Verbluten gerettet und das Bein wieder eingerenkt. Es ist gut, wenn man so jemanden im Hause hat.“

Heinrich wurde ganz still. Er war so mit seiner Erkältung und dann dem Selbstmitleid beschäftigt gewesen, dass er Martin darüber vergessen hatte. Er erinnerte sich, dass er sich vorgenommen hatte, ihm das Hungern am Sonntag erlassen. Das war nun auch schon wieder vier Wochen her. Vier Sonntage ohne etwas zu Essen und mit viel Arbeit. Das musste sich ändern.

Bruder Humbert meinte weiter, dass Heinrich wieder anfangen müsste, seine Beine zu bewegen und auch das gebrochene Bein zu belasten. Er zeigte ihm Übungen, wie er im Bett die Beine bewegen sollte und erklärte ihm auch, wie er mit Hilfe eines um den Knöchel gebundenen Strickes im Bett das verletzte Bein jeden Tag belasten sollte. Er versprach, dass Heinrich bald aufstehen konnte, wenn er brav seine Übungen machte.

Das war Heinrich nur recht. Im Bett Herumliegen war nicht seine Erfüllung.

Der heilkundige Mönch ging wieder und Heinrich war alleine, wie so oft die letzten Wochen, und dachte nach. Er hatte Martin viel zu verdanken, sein Bein, sogar sein Leben. Was würde so schlimm daran sein, ihn besser zu behandeln? Er war der Sohn des Mannes, der Heinrichs Mutter auf dem Gewissen hatte, aber immerhin hatte er Heinrich das Leben gerettet, warum auch immer. Vielleicht war es an der Zeit, den quälenden Hass zu begraben. Vielleicht war es an der Zeit, endlich mit der Vergangenheit abzuschließen. Heinrich hätte so gerne abgeschlossen, doch da war immer noch die Wut, immer noch die Enttäuschung über sein verlorenes Glück. Würde er seine Mutter verraten, wenn er freundlicher zu Martin war, zum Sohn ihres Vergewaltigers und letztendlich Mörders?

Als der Verwalter zu seinem täglichen Besuch kam, trug er ihm auf, Martin das Hungern und die Arbeit am Sonntag zu erlassen. Ulrich war sichtlich froh, er meinte: „Gut, ich werde es ihm sagen. Vielen Dank, Heinrich. Er braucht dringend mehr zu Essen und noch dringender Ruhepausen. Es wundert mich eh, dass er solange durchgehalten hat.“

Heinrich hörte die leise, feine Kritik heraus. Anscheinend verstand Ulrich nicht, warum er das alles getan hatte. Er fragte: „Kann es sein, dass Ihr Mitgefühl mit ihm habt? Wisst Ihr denn nicht, was seine Familie getan hat?“

Ulrich sah ihn ernst an und entgegnete: „Ganz egal, was sein Vater getan hat, er kann absolut nichts dafür. Er musste für etwas büßen, was nicht seine Schuld war. Der Junge hatte so ein hartes Leben hier und es ist an der Zeit, dass sich das ändert. Das habe ich Euch schon oft gesagt.“

Heinrich seufzte. Sein Verwalter war ihm tatsächlich schon öfter in den Ohren gelegen, Martin zu begnadigen und auch noch einige Andere, die Halseisen oder Fußfesseln trugen. Heinrich hatte das immer abgelehnt. Halseisen trugen die Knechte, die versucht hatten, wegzulaufen. Der mit den Fußfesseln hatte das vermutlich auch versucht, es kümmerte Heinrich nicht. Er hatte kein Mitleid mit Gesinde, das seinen von Gott angewiesenen Platz verließ.

Der letzte Pfaffe, Albans Vorgänger, hatte ihm erzählt, dass der Apostel Paulus geschrieben hatte: „Ihr Sklaven, seid gehorsam Euren irdischen Herren.“ Der Apostel hatte wohl auch geschrieben, dass die Herren das Drohen sein lassen sollten, aber Heinrich wägte sich auf der sicheren Seite. Er drohte schließlich nicht.

Es gab klare Regeln und jeder Leibeigene wusste genau, was passieren würde, wenn er weglief. Das hatte mit Drohen nichts zu tun. Es gab Regeln und Konsequenzen, jeder wusste das. Der neue Pfaffe, der seit 4 Jahren der Priester und Beichtvater auf Rabenegg war, hatte ihm noch etwas über einen noch recht unbekannten italienischen Mönch erzählt, Thomas von Aquin. Dieser Mönch, der noch gar nicht so lange tot war, hatte wohl in seinem Leben sehr viel über Theologie und gescheite Gedanken geschrieben, und Alban verehrte ihn sehr. Alban wäre wohl auch lieber ein Gelehrter und Philosoph gewesen als der Pfaffe in einem heruntergekommenen Rittergut. Dieser Thomas von Aquin hatte die Heilige Schrift studiert und war überzeugt, dass die Sklaverei ein Naturrecht war. Die natürliche Ordnung, also machte sich Heinrich keine weiteren Gedanken über die Leibeigenschaft seiner Leute. Es war die von Gott gewollte Hierarchie, und alle mussten sich fügen.

Alban hatte dem Herrn noch mehr von den Theorien dieses italienischen Mönches erklären wollen, aber Heinrich hatte es nicht verstanden. Schon den Unterschied zwischen „Sein“, „Wesen“ und „Existenz“ hatte er nicht begriffen und es auch gar nicht begreifen wollen. Damals waren gerade seine Freunde dagewesen, und Spaß und Wein waren deutlich wichtiger gewesen als irgendwelche seltsamen Ansichten von Mönchen, die er gar nicht kannte.

Früher wäre das nichts so gewesen. Früher hätte sich Heinrich sicherlich für solche Gedanken begeistern können. Heinrich hatte gerne nachgedacht, gerne gelernt. Er hatte auch unglaublich gerne gesungen und musiziert. Als Page durfte er im Haushalt seines Ritters das Streichpsalterspiel erlernen, was ihm große Freude gemacht hatte. Allerdings hatte sein Vater ihm das alles ganz schnell wieder madig gemacht und verboten. Sein Vater war der Meinung gewesen, dass Musizieren, philosophische Gespräche und überhaupt die feinen Künste nichts für einen Ritter wären, nichts für einen richtigen Mann. Heinrich hatte sich gefügt, wie immer. Er war halt dann der mutige Kämpfer, der Haudrauf, der Säufer und Weiberheld geworden, ein echter Mann eben, genau wie sein Vater vor ihm.

Und sein Onkel.

Heinrich schauderte leicht. Sein Onkel Markwart war ein übler Mensch gewesen. Über die Maßen grausam, über die Maßen zornig, über die Maßen voll Begierde. Markwart war der jüngere Bruder seines Vaters gewesen und war lange als Kämpfer in der Welt umhergezogen, bis er zu alt zum Kämpfen war. Dann, vor ungefähr 12 Jahren, war er am Gut seines Bruders aufgetaucht und geblieben, sehr zum Leidwesen der Leute dort. Heinrich war nicht blind, also hatte er sehr wohl bemerkt, wie Markwart wütete. Keine Frau und auch kein junger Mann waren vor ihm sicher gewesen. Er wollte sogar Hand an seinen Neffen legen, aber das hatte der Vater gottlob sehr schnell unterbunden. Man hatte sogar gemunkelt, dass Markwart sich durch Grausamkeit Lust verschaffte, dass er es liebte, andere Menschen zu quälen. Heinrich wusste es nicht, er war zu lange weggewesen. Als er als Hausherr zurückkehrte, was Markwart schon lange tot gewesen. Niemand hatte ihm eine Träne nachgeweint.

Der Verwalter riss Heinrich aus seinen Gedanken: „Ich werde es ihm also sagen. Sonntag ist künftig auch für ihn ein freier Tag, und er muss nicht mehr hungern. Können wir auch das Halseisen endlich abnehmen?“

Heinrich war gereizt. Er gab dem Verwalter den kleinen Finger, und der wollte gleich wieder die ganze Hand. Gefährlich ruhig fragte er: „Warum trägt er denn das Halseisen?“

Ulrich war ebenso ruhig. Er tat zwar immer genau das, was der jeweilige Herr von Rabenegg befahl, aber einschüchtern ließ er sich schon lange nicht mehr. „Es ist weggelaufen, als er 14 war. Seitdem hat er das Halseisen. Es scheuert die Haut auf und tut furchtbar weh. Außerdem ist bei den Leuten mit einem Halseisen der Hals ständig entzündet. Viermal schon hatte Martin den Wundbrand und hat nur knapp überlebt.“

Heinrich hatte diese Debatten um Halseisen und Fußfesseln so satt. Die Leute trugen sie ja nicht ohne Grund. Wenn Ulrich das Sagen hätten, würde ihn das Gesinde ausnutzen und tun, was es wollte. Also erinnerte er den Verwalter: „Weglaufen wird streng bestraft. Wenn wir die Halseisen abnehmen lassen, dann ist das doch eine Aufforderung an alle, wegzulaufen, weil sie genau wissen, dass ihnen nichts passiert. Es ist doch ganz gut, wenn das Eisen scheuert und wehtut, dann denken die Leute immer dran, dass Weglaufen nicht ratsam ist.“

Ulrich seufzte. „Er hat Euch das Leben gerettet und Euer Bein wieder eingerenkt. Er hat Euch mehr gegeben, als Ihr ihm je geben könnt. Warum könnt Ihr ihm nicht einfach auch was Gutes tun?“

Heinrich wurde wütend. Warum eigentlich bat sein Verwalter für einen Verbrecher? Sah denn niemand, was Martins Familie getan hatte? Er giftete: „Ich habe ihm das Hungern und das Arbeiten am Sonntag erlassen. Das reicht doch wohl, wenn man bedenkt, was seine Familie getan hat, was seine Sippschaft angerichtet hat! Ich will das Andenken meiner Mutter ehren und ihren bitteren Tod nicht vergessen lassen.“

Er sah, dass Ulrich versuchte, ruhig zu atmen. Anscheinend ärgerte er sich. Sollte er doch! Sie würden hier wohl nie einer Meinung sein. Ulrich hatte aber noch etwas dazu zu sagen: „Wenn Ihr wirklich das Andenken Eurer Mutter ehren wollt, dann macht ihm das Leben leichter, sie hätte das so gewollt!“

Heinrich wurde noch wütender. „Lasst meine Mutter aus dem Spiel. Was hat sie damit zu tun? Wegen seiner Familie ist sie gestorben. Ich darf mich doch wohl rächen? Oder soll ich ihn beglückwünschen für das, was seine Sippschaft getan hat?“ „Aber Heinrich, Eure Mutter hätte es bestimmt nicht gutgeheißen, dass Ihr einen Menschen quält, für dessen Schutz sie gestorben ist.“

Heinrich starrte ihn nur an. Was wollte der Verwalter von ihm? Wieso sollte seine Mutter für dieses Mann gestorben sein?

„Ich verstehe nicht. Von was sprecht Ihr? Meine Mutter hat sich das Leben genommen, weil ein aufständischer Bauer sie geschändet hat. Martins Vater.“

Ulrich hatte die Unterlippe in den Mund gesogen und biss drauf herum. Unbehaglich sag er Heinrich dabei an. Dann, irgendwann, atmete er tief ein und fragte. „Ihr wisst es also nicht?“

Heinrich war angespannt. Was sollte er nicht wissen? Worum ging es überhaupt? Also meinte er: „Nein, ich weiß nicht, was Ihr mir sagen wollt. Aber Ihr wollt mich sicher aufklären.“

Ulrich sah nicht so aus, als würde er Heinrich unbedingt aufklären wollen. Aber es half nichts.

Langsam fragte er: „Ihr wisst nicht, wer Martin ist?“

Heinrich verlor langsam die Geduld: „Doch, ich weiß, wer er ist. Der Sohn von rebellischen Bauern. Die Leute, die uns damals verschleppt und gefangen gehalten haben. Die Leute, die Unglück über uns gebracht haben und wegen derer meine Mutter, hochschwanger mit dem Kind ihres Vergewaltigers, sich das Leben genommen hat. Reicht das?“

Ulrich setzte sich. Er war blass. Er vergrub sein Gesicht in seine Hände und saß einfach nur stumm da. Heinrich stutzte. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht, also fragte er. „Was ist? Täusche ich mich? Wer soll Martin sonst sein?“

Ulrich hob das Gesicht aus seinen Händen und sah Heinrich ziemlich beunruhigt an. Dann meinte er:

„Martin ist Euer Halbbruder.“

Heinrich braucht ein paar Sekunden, um zu verstehen, was der Verwalter ihm da gesagt hatte. Er verstand, aber glauben konnte er es nicht. „Was? Was redet Ihr da? Mein Vater hätte doch niemals einen seiner Bastarde so übel misshandelt. Wozu auch?“ Ulrich wurde noch blasser. Dann stand er auf und ging zum Tisch, um sich ein Glas Wein einzuschenken. Unschlüssig drehte er das Glas in seiner Hand und meinte versonnen:

„Er ist auch nicht der Bastard Eures Vaters.“

Stumm starrte Heinrich ihn an. Seine Gedanken rasten und überschlugen sich. Das konnte einfach nicht sein.

Ulrich war froh, dass der Herr nichts nach ihm warf und auch nicht herumbrüllte. Er blieb am Tisch stehen, in sicherem Abstand. Heinrich musste es erfahren, besser gleich. „Eure Mutter war tatsächlich schwanger von der Vergewaltigung. Aber sie hat sich nicht das Leben genommen, sondern hat das Kind geboren und es zu Pflegeeltern gegeben. Gestorben ist sie erst später, als…“

Er brach ab, als er Heinrichs Gesicht sah. Da kam auch schon sein Trinkbecher angeflogen, er verfehlte Ulrich nur knapp und krachte hinter ihm gegen die Wand. Rot vor Wut schrie Heinrich: „Raus! Ich dulde keine Lügen über meine Mutter! Schert Euch zum Teufel!“

Ulrich stellte wortlos das Glas ab und ging. Heinrich blieb schwer atmend in seinem Bett liegen und schrie dem Verwalter noch eine Zeitlang üble Beleidigungen hinterher. Irgendwann konnte er nicht mehr schreien und lag vor Empörung zitternd in seinem Bett. Sein Vater hatte ihm erzählt, die Mutter hätte sich wegen der Schande das Leben genommen. Sein Vater hatte ganz sicher nicht gelogen, sein Vater war ein Ehrenmann gewesen.

Heinrich versuchte, sich zu beruhigen, aber es ging nicht. Warum erzählte sein Verwalter diese Geschichten? Wollte er Mitleid für Martin schinden? Das war gründlich danebengegangen. Er würde nicht zulassen, dass irgendwer seine Mutter verleumdete und ihr ein uneheliches Kind nachsagte. Er konnte sich nicht mehr gut an seine Mutter erinnern, alles war verblasst und so furchtbar weit weg.

Fluchend schon Heinrich sich aus dem Bett, griff nach seinem Stock und humpelte mühsam zur Truhe an der anderen Wand. Er öffnete sie und kramte darin herum, bis er das Portrait seiner Mutter in Händen hielt. Sein Vater hatte es vor langer Zeit von einem guten Maler anfertigen lassen. Mit dem Bild in der Hand humpelte er zurück ins Bett. Er legte sich einigermaßen bequem hin und studierte das Portrait liebevoll, wie schon so oft. Er sog alle Einzelheiten auf und genoss jede kleine Erinnerung, die er spürte. Schon oft hatte er das getan, aber immer nur heimlich. Weibische Gefühle und Trauer standen einem edlen Ritter nicht gut zu Gesicht.

Wie so oft schon schaute er das Bild an und blieb dann an den wunderschönen blauen Augen seiner Mutter hängen. Heinrich erstarrte. Es waren Martins Augen.

Erschrocken ließ er das Bild aufs Bett fallen. Sein Herz klopfte so schnell, dass er dachte, es würde zerspringen. Er hatte Martins Augen vor einigen Wochen in der kleinen Höhle am Bach gesehen und sich gewundert, warum sie ihm so bekannt vorgekommen waren. Damals hatte er gedacht, es wären die Augen des Vergewaltigers gewesen. Doch, so erkannte Heinrich jetzt, er hatte sich geirrt. Es waren die Augen seiner Mutter. Ulrich hatte also rechtgehabt.

Schwer atmend kämpfte Heinrich um seine Fassung. Seine Mutter hatte also das Kind der Schande geboren. War sie daran gestorben? Warum hatte sein Vater ihm das nicht gesagt? Er grübelte pausenlos und fand doch keine Antwort.

Als nach langer Zeit die Magd kam, um ihn zu versorgen, trug Heinrich ihr auf, den Verwalter zu schicken.

Kapitel 3: Alleine mit der Schuld

Bald darauf klopfte es, und Ulrich kam herein. Er sah angespannt aus. In sicherer Entfernung blieb er stehen und meinte: „Ihr habt mich rufen lassen? Braucht Ihr etwas?“ Heinrichs Gesicht war eine Maske aus Stein, als er befahl: „Setzt Euch.“

Ulrich setzte sich an den Tisch und wartete. Heinrich spürte, dass er gar nicht wirklich wissen wollte, was passiert war, aber es musste wohl sein. Zögernd fragte er: „Wie ist meine Mutter gestorben, und warum? War es im Kindbett?“

Ulrich schüttelte stumm den Kopf und sah so kummervoll dabei aus, dass es Heinrich das Herz zusammenzog. „Was war es dann? Mein Vater hat gesagt, sie hätte sich das Leben genommen.“ Der Verwalter schluckte schwer. Dann meinte er: „Ich hatte gedacht, Ihr wisst es. Jeder hier weiß es.“

Heinrich schloss die Augen. Alle außer ihm.

Die Männer schwiegen eine Weile, dann nahm Heinrich allen seinen Mut zusammen. „Nun?“

Ulrich räusperte sich. Am liebsten wäre er jetzt ganz weit weg gewesen. Er überlegte. Leider gab es niemand anderen, der Heinrich die Wahrheit ins Gesicht sagen konnte, also musste er wohl oder übel in den sauren Apfel beißen.

„Wie gesagt, Eure Mutter war schwanger von den Vergewaltigungen. Sie hat mir erzählt, dass es mehr als einer war, deswegen weiß niemand, wer von ihnen Martins Vater war. Bei der Befreiung war sie bereits hochschwanger, sonst hätte sie das vielleicht anders lösen können, hm, also, Ihr wisst schon.“

Heinrich wusste, was er meinte. Sicherlich wäre das das Beste gewesen für alle Beteiligten.

„Euer Vater ist vergangen vor Kummer und Sorge. Er hat Eure Mutter so sehr geliebt und als er sie in ihrem Zustand gesehen hat, da hat er…. er hat etwas überreagiert.“

Überreagiert? Was konnte das wohl gewesen sein? Heinrich wollte gar nicht fragen. Der Verwalter fuhr fort:

„Als das Kind dann geboren war, hat Eure Mutter es gleich nach der Geburt ihrer Schwester mitgegeben, damit sie es zu Pflegeeltern bringt. Das hat sie auch getan, sie ist bei Nacht und Nebel aufgebrochen. Als Euer Vater das herausgefunden hat, war er furchtbar wütend. Er hat gedacht, dass sie das Kind liebte, dass es ihr wichtig wäre, dass sie es schützen wollte. Er hat sich in einen Wahn hineingesteigert und gedacht, sie hätte den Vergewaltiger und auch sein Kind geliebt.“

Heinrich wusste, was er mit Wahn meinte. Sein Vater hatte auch am Ende seines Lebens panische Angst vor einem Überfall gehabt. Irgendwie war es sein Wahn, dass jemand ihn angreifen würde. Niemand hatte ihm das ausreden können. Er hatte öfter solche Wahnideen gehabt.

Trotzdem verstand Heinrich nicht. Er fragte nach: „Aber meine Mutter hat doch das Richtige getan? Was hätte mein Vater denn mit dem Säugling anfangen können?“

Ulrich sah sehr traurig aus. Heinrichs Vater war sein Freund gewesen, und er hatte ihm immer treu als Verwalter gedient, aber seine Unbeherrschtheit und Grausamkeit war legendär gewesen. Leise meinte er: „Er wollte das Kind töten, um seine Genugtuung zu haben.“

Heinrich schauderte. Er war im Krieg gewesen und hatte viel Übles getan, aber Kinder hatte er nie töten können. Ulrich sprach weiter: